Stell dir vor … Die Kraft der Imagination

Jede Form der Kreativität beginnt mit der Imagination, der menschlichen Fähigkeit, sich etwas vorzustellen. Sally Kempton erklärt dieses Prinzip aus Sicht der Yogaphilosophie und stellt das „Yoga der Imagination“ vor. Ein Wundermittel für Transformation.

„Bringt das wirklich was?“, fragt Julia. Sie ist auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Neben den üblichen Methoden, wie Kleinanzeigen lesen, Internet durchforsten und Freunde fragen, hat sie eine Visualisierungstechnik probiert. Sie stellt sich bildlich vor, wie sie glücklich und zufrieden in ihrem neuen, lichtdurchfluteten Wohnzimmer sitzt. Natürlich ist Julias Frage berechtigt. Kann es sein, dass die eigene Vorstellungskraft die Geschehnisse in der „rea­len“ Welt beeinflusst? Ist das, was sie da betreibt, eine sinnvolle Methode oder nur das Bauen von Luftschlössern. Wirkungsvoll oder reine Phantasie?

Visualisierung ist Magie

Ich meine: Es kann beides sein. Trotz Picassos berühmtem Zitat: „Alles, was du dir vorstellen kannst, ist real“ unterscheiden die meisten Erwachsenen ganz konsequent zwischen „real“ und „imaginär“. „Real“ ist der Konsens von Realität, in der die meisten Menschen leben. Wir sind uns zum Beispiel einig, dass ein in die Luft geworfener Ball wieder herunterkommt. Und dass auf jeden Abend ein neuer Morgen folgt. Aber anders als Fantasy-Filmhelden oder der hinduistischen Götter schaffen es die wenigsten von uns, ihre Ziele und Träume allein dadurch wahr werden zu lassen, dass man sie sozusagen in die Existenz „hinein imaginiert“.

Kein noch so starker Wunsch, kein noch so eindrucksvolles inneres Bild verschafft dir einen neuen Job. Nicht, ohne dass du dazu auch praktische Schritte unternimmst. Aber selbst eingeschworene Skeptiker müssen zugeben, dass das Gegenteil ­genauso wahr ist. Jede wichtige Veränderung – innerlich oder äußerlich – beginnt mit einer Vorstellung davon, wie es auch sein könnte.

Die Zukunft neu denken

Imagination, das ist die menschliche Fähigkeit, Bilder (lateinisch: imago) zu erzeugen, die man nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann. Sie existieren nur in der Vorstellung. Vieles spricht dafür, dass diese Fähigkeit essentiell zur Entwicklung von menschlichem Bewusstsein ist. Um uns selbst und die Welt zu verändern, müssen wir in der Lage sein, gedanklich aus dem Bekannten auszubrechen. Sich eine Zukunft vorzustellen, die anders ist als die Vergangenheit.

Natürlich sind wir geprägt von unseren Erinnerungen, unserem Karma, der Kultur und den physischen Umständen. Aber auch wenn an einigen dieser Faktoren nur schwer zu rütteln ist. Die Imagination kann dabei helfen, innere Muster aufzubrechen und zu ersetzen. Im Yoga dreht sich alles darum, was passiert, wenn man diese Wahrheit erkennt. Wenn dir zum Beispiel vorstellst, frei von Leid zu sein, dann ist der erste Schritt zu dieser Freiheit schon getan.

Altes Wissen

Die feineren Schichten der Imagination liegen ziemlich nahe bei der ursprünglichen Quelle der Kreativität. Diese Quelle wird zum Beispiel umschrieben als der große Geist, das kollektive Unbewusste, das Feld aller Möglichkeiten, die göttliche Intelligenz oder das Tao. Sich dem Spiel der Vorstellungskraft hinzugeben, kann Menschen an einen Ort bringen, wo Inspiration ganz ungefragt auftaucht. Etwa in Form von „aus dem Blauen“ heraus entstehenden Ideen. Wie etwa die erste Zeile eines Gedichts oder der Erkenntnis dessen, was ich jenseits meiner gewöhnlichen Selbstwahrnehmung wirklich bin.

Große Dichter und geniale Wissenschaftler haben diese geheimnisvollen kreativen Prozesse vielfach beschrieben. Etwa John Keats, der sagte, seine besten Gedichte seien ihm von einer „magischen Kraft gegeben worden“. Die Imagination ist die Pforte zu diesem Reich jenseits des gewöhnlichen Bewusstseins. Viele der alten indischen Weisheitsschriften beschäftigen sich damit. Laut tantrischer Lehre ist die menschliche Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, nichts anderes als die individuelle Form des unbegrenzten Weltbewusstseins. Das ist die Schöpferkraft schlechthin, die Welten innerhalb seiner selbst imaginiert und sie dadurch in die Existenz bringt.

Auch Yoga Vasishtha, ein Schlüsseltext des Vedanta, beschreibt unsere reale Welt als eine Schöpfung der Imagination, erschaffen aus verfestigtem Bewusstsein. Das Shiva Sutra behauptet, dass ein Yogi, der dieses Prinzip kultiviert, in der Lage sei, Teile dieses Bewusstseins neu zu ordnen und dadurch so ziemlich alles zu manifestieren. Mit anderen Worten: Er kann zaubern. Natürlich operieren die meisten von uns nicht annähernd auf diesem Niveau. Viel eher wirkt unsere Imagination unbewusst. Etwa in Form von beliebigen Phantasien und eher zufälligen Gedankenkonstrukten. Aber man kann das praktizieren, was ich „Yoga der Imagination“ nenne. So kannst du die göttliche Gabe der Phantasie als ein kreatives Werkzeug der Wandlung nutzen.

Entscheidende Begriffe aus dem Sanskrit

Im Sanskrit sucht man seit jeher nach möglichst präzisen Begriffen für die subtilen Nuancen des Bewusstseins. Um die verschiedenen Arten der Imagination zu unterscheiden, sind vier Begriffe von Bedeutung.

  • Vikalpa bezeichnet ein zufällig entstandenes Bild oder eine Phantasie.
  • Kalpana ist eine gewollte geistige Schöpfung.
  • Pratibha meint eine spontane visionäre Erkenntnis.
  • Bhavana beschreibt die Kontemplation und die Erzeugung von Visionen.

Der Großteil deiner Erfahrungen mit Imagination gehen vermutlich auf Vikalpa zurück. Zum Beispiel die Angst, im Schrank könne sich ein Monster versteckt halten. Oder die Vorstellung davon, was deine Freunde hinter deinem Rücken sagen. Die yogischen Schriften warnen davor, sich auf diese Geschichten einzulassen. Statt dessen lautet der Rat: lasse die Vikalpas vorüberziehen. Die klassische Yogapraxis zielt darauf ab, sie sogar ganz aufzulösen. Mit Hilfe von Meditation oder indem man sie als essenziell leer wahrnimmt.

Der Unterschied zwischen bewusster und unbewusster Imagination

Mit den Kalpanas betreten wir das Reich gezielt hervorgerufener Imagination. Sie sind die Basis menschlicher Kunst und Wissenschaft. Auf ihr beruhen Mythologie, Religion, Politik und all die Fiktionen, die unsere Kultur und das Weltgeschehen anzutreiben scheinen. Besonders in der tantrischen Tradition übt man innere Bildern willentlich zu erzeugen. „Visualisiere, wie die Wut deinen Körper in Form einer schwarzen Rauchwolke verlässt.“ Diese Art von Visualisierungen sind heute Teil des Mainstreams. Wir unternehmen geführte Traumreisen. Oder wir stärken unser Immunsystem mit dem Bild von Licht, das den Körper durchströmt. Mittlerweile belegen eine Reihe wissenschaftlicher Studien die Wirksamkeit solcher Techniken. Sportler zum Beispiel verbessern ihre Leistung, indem sie sich komplexe Bewegungsabläufe bildlich vorstellen.

Auf der dritten Ebene, Pratibha, löst sich die Imagination vom individuellen Geist. Die Inspirationen und Einsichten, um die es hier geht, kommen von jenseits des Bewussten. Hierhin gehört Kreativität, von der Keats sprach. Auch Einstein oder Poincaré haben wichtige Erkenntnisse auf diese Weise erlangt. Von Mozart weiß man, dass er beim Komponieren die Musik in seinem Inneren hörte und nur notierte. Was allerdings nicht heißt, dass Pratibha Genies vorbehalten wäre. Auch du hast es sicher schon erlebt, dass ein Aufsatz auf einmal wie von selbst aus deiner Feder floss. Oder dass du plötzlich etwas voll und ganz verstanden hast, das zuvor wirr und kompliziert zu sein schien. In solchen Momenten sind wir, mit William Blake gesprochen, mit einem Mal fähig „die Welt in einem Sandkorn zu sehen“.

Der Schlüssel: Kreative Kontemplation

Diese Art von visionärer Imagination geschieht spontan. Yogis fördern sie durch Meditation, Visualisierung (also Kalpana-Praxis). Vor allem jedoch durch Bhavana, die kreative Kontemplation. Das machtvollste Instrument der inneren Selbsterschaffung, das es gibt. Es ermöglicht es, uns das eigene Selbst neu vorzustellen. Und zwar viel umfassender und tiefgreifender als das modische und äußerliche Konzept, sich selbst immer wieder „neu zu erfinden“.

Der Begriff leitet sich ab von Bhava, was so viel heißt wie „Gefühl“ oder „emotionaler Duft“. Ein echtes Bhavana trägt Idee, Bild und Gefühl in sich. Es arbeitet also mit der Kraft der Emotionen. Und genau diese Qualität erzeugt die außergewöhnliche Kraft bei der Umstellung der inneren Erfahrung von sich selbst. Die emotionale Visualisierung hat die Kraft, innere Erfahrungen während des Übens zu verändern. Deshalb sind beliebte Praktiken wie das bewusste Erinnern glücklicher Momente oder die Kultivierung von Dankbarkeit.

Im klassischen Yoga erfährt Bhavana aber noch eine tiefere Bedeutung. Mein Lehrer sagte immer: „Wenn du das Bhavana festhältst, eine begrenzte Person mit begrenzten Möglichkeiten zu sein, wirst du dich auch weiterhin so wahrnehmen, als seist du durch deinen Körper und deine persönliche Geschichte eingeschränkt. Wenn du dein gewöhnliches Selbstbild aber ersetzt durch das erhabenste, das du dir vorstellen kannst. Dann beginnst du, diese göttlichen Qualitäten auch an dir wahrzunehmen.“ Mantras wie „Ich bin dies“, „Ich bin das Absolute“ und „Ich bin göttliche Liebe“ sind zwar nur Konstrukte der Imagination. Aber sie bewirken etwas, weil sie den Menschen dazu ermutigen, sich mit einer höheren Wahrheit zu identifizieren. Und diese Bewegung verändert innere Erfahrung, Körper- und Selbstgefühl.

Entscheide dich für deine Größe

Eine meiner Schülerinnen begann, sich selbst als Hanuman, den Sohn des Windes vorzustellen, dessen Kraft Berge versetzt. So gelang es ihr nicht nur besser, den belastenden Alltag als alleinerziehende, berufstätige Mutter zu meistern. Sie hatte dank dieses Bhavanas das Gefühl, mit einer Kraftquelle in Verbindung zu stehen, die weit über sie selbst hinausreicht. So hatte sie sogar noch Energie, um alte Freundschaften wieder zu beleben und sich sozial zu engagieren. „Ich bin so viel größer, als ich dachte“, erzählte sie mir. „Ich habe das Gefühl, mein Geist hat sich ausgedehnt und mein Herz wird manchmal so groß, als könnte es die ganze Welt in sich aufnehmen.“

Yoga ist in seinem Kern eine Praxis für spirituelles Wachstum. Ein Wachstum in unsere höchsten Möglichkeiten hinein. Die Kraft der Imagination ist es, die uns den Weg zu diesen Möglichkeiten eröffnet. Indem wir unsere Imagination entwickeln und nutzen, können wir Wahrheit und Schönheit schaffen und echten Wandel bewirken. Nicht nur in unseren Leben, sondern in der Welt, in der wir alle gemeinsam leben.

Das Vision Board: ein kraftvolles Werkzeug, um dein Leben selbst in die Hand zu nehmen.


Foto von Jonathan Andrew von Pexels

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