Wie Meditation dein Gehirn beeinflusst

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Meditation Gehirn
Tägliche Meditation hat mehr Einfluss auf unser Gehirn, als wir glauben - Illustration: Carla Schostek

Auch wenn sie häufig etwas zu kurz kommt: Meditation ist ein wesentlicher Teil von Yoga. Arzt und Yogatherapeut Richard Miller erklärt, welchen Einfluss regelmäßige Meditation auf dein Gehirn hat und wie eine tägliche Praxis dir hilft, die alles verbindende Lebenskraft zu erfahren: Shakti. Plus: Anleitung für eine Shakti-Meditation. 

Jeder Mensch trägt das Potenzial von Kraft, Gelassenheit, Frieden, Freude und Stille in sich – ganz unabhängig davon, was gerade um ihn herum geschieht. Doch manchmal scheint es unmöglich, diese Quelle anzuzapfen. Hier kann Meditation helfen. Eine regelmäßige Praxis erleichtert es dir, etwa zu spüren, das wir im Yoga als universelle Lebenskraft oder Shakti kennen. Eine Art Urenergie, die nicht nur jedes Atom deines Körpers, sondern den gesamten Kosmos mit Leben erfüllt.

 Wie Meditation das Gehirn beeinflusst

Das klingt jetzt abgehobener, als es tatsächlich ist. Man kann es auch mit neurowissenschaftlichen Forschungen erklären: Sie zeigen, dass Meditation bestimmte Verknüpfungen im Gehirn aktiviert, beziehungsweise deaktiviert. Diese Vielzahl untereinander verbundener Neuronennetze, schicken komplexe elektrische Signale durch die grauen Zellen. Mit anderen Worten: Mithilfe der Meditation können wir Neuronen anders verknüpfen und die Gehirntätigkeit neu ausrichten. So erlangen wir Zugang zu jenen Gefühlen, die Yogis traditionell mit dem Begriff Shakti beschreiben.

Das Gehirn im Leerlaufmodus

In den vergangenen Jahren sind unter anderem in der Fachzeitschrift “Frontiers in Human Neuroscience” eine Reihe von Erkenntnisse zu diesem Thema veröffentlicht worden. Sie zeigen, dass während der Meditation (bei ausreichender Übung) das sogenannte Default-Mode-Netzwerk des Gehirns gehemmt werden kann. Darunter versteht man eine Art Leerlauf-Modus, in dem wir tagträumen oder unseren Gedanken nachhängen. Dieses Netzwerk erlaubt es dem Menschen, sich als Individuum mit einer eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahrzunehmen. Aber auch über sich selbst nachzudenken und sich in Zeit und Raum einzuordnen. Gleichzeitig lässt es uns im Gedanken-Hamsterrad rennen und endlos um uns selbst kreisen.

Apropos Meditation: Dr. Richard Miller erklärt, wie du deine eigene Intention findest

Du bist Teil des Ganzen

Während das eigentliche Default-Mode-Netzwerk herunterfährt, bleiben drei andere Bereiche während der Meditation aktiv: Das Aufmerksamkeits- und das Kontrollnetzwerk sorgen für Konzentration und eine äußerst wache Wahrnehmung. Das dritte, auf die Gegenwart zentrierte Netzwerk, erzeugt oder verstärkt das Gefühl, dass alles um uns herum miteinander verbunden ist.  Jeder Mensch ist ein harmonischer Teil dieses großen Ganzen – wir verbinden uns mit der universellen Lebenskraft. Anders ausgedrückt: Wenn das Default-Mode-Netzwerk gehemmt wird, während bestimmte andere Netzwerke aktiv bleiben, fokussierst du dich. Du verlierst aber gleichzeitig das Gefühl, ein abgetrenntes Individuum zu sein. Stattdessen entstehen Weite und Raum, ein Gefühl von Verbundenheit mit dem gesamten Universum und tiefer Frieden.

Eine Welt unendlicher Möglichkeiten

Den Erfahrungsraum, der sich dabei eröffnet, beschreibt Daniel Siegel, Mitbegründer des Mindful Awareness Research Center der Universität Kalifornien, als eine Welt “unendlicher Möglichkeiten und Erkenntnisse”. Denn dieser Raum birgt auch ungeahnte kreative Problemlösungen. Willst du die allem innewohnende Lebenskraft erfahren, bedarf es deiner Aufmerksamkeits-, Kontroll- und gegenwartszentrierten Netzwerke. Diese Erfahrung stärkt nicht nur deine Verbindung zur Außenwelt sondern auch die beteiligten neuronalen Netzwerke. So wird es dir immer leichter fallen, in ein Gefühl von Kraft, Frieden, Freude und Stille einzutauchen.  Nach und nach entstehen neue Verknüpfungen im Gehirn und du wirst die allem zugrundeliegende Energie spüren. Sie gibt deinem Leben eine Richtung und erfüllt es mit Sinn. Die Erfahrung von Shakti und wie Meditation dein Gehirn positiv beeinflusst, wird dich wie ein Magnet immer wieder zu deinem Meditationskissen ziehen.

Anleitung für eine Shakti-Meditation

Doch genug Theorie, kommen wir jetzt zur Meditations-Praxis: Formuliere zu Anfang der Meditation die Intention, dich mit der Urkraft Shakti zu verbinden. Dann beginnst du, deinen Körper von Kopf bis Fuß mithilfe der folgenden Übung zu scannen, mögliche Anspannungen zu erkennen und loszulassen.

1. Spüre nacheinander Kiefer, Mund, Innen- und Außenohr, den Bereich um die Augen, Stirn und Kopfhaut. Als nächstes sind Nacken, Hals, Schultern und Schulterblätter, Arme, Handflächen und Finger an der Reihe. Dann spürst du den oberen, mittleren und unteren Rumpf, Rücken, Becken und Kreuzbein, Hüfte, Beine und Füße.

2. Im zweiten Schritt versuchst du, alle Körperteile gleichzeitig wahrzunehmen: Körpervorder- und -rückseite, rechts und links, Körperinneres und Körperoberfläche. Stelle dir deinen gesamten Körper als schimmernde, vibrierende Energie vor, als ein leuchtendes pulsierendes Empfindungsfeld, das gleichzeitig nach innen und außen strahlt. Kehre immer wieder zur Wahrnehmung deines Körpers als leuchtendes Feld zurück, auch wenn die Gedanken abschweifen oder du anderweitig abgelenkt wirst.

3. Dann konzentrierst du dich auf deine Körperempfindungen. Nimm zum Beispiel wahr, wo du Anspannung erfährst und wie dein Atem mit der Ein- und Ausatmung durch dich hindurchströmt. Auf diese Weise hemmst du bewusst dein Default-Mode-Netzwerk und somit dein Zeit- und Raum-Empfinden und stärken das Aufmerksamkeits- und Kontrollnetzwerk. So kann letztendlich das auf die Gegenwart zentrierte Netzwerk anspringen, das dir einen Zugang zur universellen Lebenskraft eröffnet.

4. Lade jede einzelne Zelle deines Körpers ein, das Pulsieren der universellen Lebenskraft zu erfahren, die jedem Atom, Molekül und Partikel unseres Daseins Leben einhaucht – genau wie allen anderen Wesen und Erscheinungen des Universums.

5. Rufe noch einmal deine Intention in dir wach, bevor du nun 10 bis 20 Minuten in stiller Meditation sitzt. Wenn störende Gedanken aufsteigen, nimm diese wahr und lenken dann deine Aufmerksamkeit erneut auf die Wahrnehmung deines Körpers als vibrierende, strahlende, auch dir innewohnende universelle Lebenskraft. Bevor du die Meditation beendest, formulierst du die Intention, den ganzen Tag über eine Verbindung zu dieser Lebenskraft aufrechtzuerhalten.

Dranbleiben: Tägliche Meditation schafft Veränderung

Versuche eine Zeit lang täglich so zu meditieren, und beobachte, was sich dadurch in deinem Alltag verändert: Was geschieht zum Beispiel inmitten eines Gespräches, am Schreibtisch, beim Spazierengehen oder beim Zu-Bett-Gehen? Vielleicht spürst du für Momente plötzlich die universelle Lebenskraft, die jede Zelle deines Körpers durchflutet. Mach einfach weiter und spüre gleichzeitig diese leuchtende Energie und wie sie dich tief mit deinem Inneren und der Welt verbindet. Beobachte, wie diese Energie es dir ermöglicht, bewusst und gelöst zu (inter-)agieren, statt unbewusst zu reagieren und dich zu verspannen.


Meditation Gehirn Dr. Richard MillerUnser Autor Dr. Richard Miller ist Gründungsvorsitzender des Integra­tive Restoration Institute, Mitbegründer des internationalen Verbands für Yogatherapeuten und Autor von “iRest Meditation and Yoga Nidra”. 

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