Meditationspraxis: Negative Gedanken willkommen heißen

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Meditationspraxis
Foto: Med Ahabchane auf Pixabay

Sogar negative Gedanken haben in der Meditationspraxis ihren Sinn: Sie sind Botschaften, die dir helfen können, zu mehr innerem Frieden zu finden.

Gedanken sind unsichtbar, ungreifbar und flüchtig und doch haben sie die Macht, den Lauf unseres Lebens zu beeinflussen. Tag für Tag ziehen bis zu 70.000 Gedanken durch den menschlichen Geist. Diese beeindruckende Zahl hat ein Labor für neurologische Bildgebung an der University of Southern California ermittelt.

Gedanken spiegeln unsere Gefühle

Was uns oft nicht bewusst ist: Gedanken gehen fast immer auch mit Gefühlen einher. Das kann Hoffnung und Verbundenheit sein, aber ebenso Angst oder der Eindruck von Isolation. Manche Gedanken lassen uns glauben, wir seien zu großen Dingen fähig, andere überzeugen uns davon, so überfordert und hilflos zu sein, dass uns nie etwas gelingen wird. Und genau das bestätigen wir uns dann auch häufig. Der Erfinder und Automobilpionier Henry Ford hat dieses Phänomen auf eine griffige Formel gebracht: “Egal
ob Sie denken, ‘ich kann’ oder ‘ich kann nicht’ – es stimmt.”

Gedanken beeinflussen unseren Körper

Diese fast unheimliche Kraft der Gedanken beruht zum Großteil auf den körperlichen Reaktionen, die sie verursachen: Sie bewirken nämlich die Ausschüttung von bestimmten Hormonen, die das Nervensystem beeinflussen. Wenn du zum Beispiel denkst, du würdest bedroht (etwa weil du glaubst, ein Einbrecher dringt gerade in deine Wohnung ein), dann setzt dein Körper Cortisol frei. Ein Stresshormon, dass dich in die Lage versetzen soll, die Flucht zu ergreifen oder dich dem Kampf zu stellen. Umgekehrt würden die Gedanken, die dir durch den Kopf gehen, während du ganz entspannt mit deiner Katze schmusst, deinen Körper veranlassen, Oxytocin und Serotonin zu produzieren. Das sind Wohlfühlhormone, die es dir ermöglichen, dich in Sicherheit zu wiegen, dich zu entspannen und zu regenerieren.

Negative Gedanken zulassen erfordert Mut

Daraus folgt: Wenn man in der Lage ist, sein Denken zum Positiven hin zu verändern, dann bewirkt das körperliche Reaktionen, die einem insgesamt zu mehr Optimismus und Verbundenheit verhelfen können. Das klingt simpel, aber es ist leider gar nicht so einfach, seine Gedanken willentlich zu verändern: Es erfordert sogar unglaublich viel Konzentration, Entschlossenheit – und Mut. Sich seinen negativen Gedanken zu stellen, ist in etwa so, als ob dir mitten im Wald ein Wolf begegnet: Im ersten Moment willst du instinktiv die Flucht ergreifen. Aber stattdessen darfst du nicht zurückweichen, du musst der vierbeinigen Bedrohung ruhig ins Auge sehen und möglichst viel Selbstbewusstsein ausstrahlen.

Sieh deiner Angst ins Auge

In dem Moment, wo du nämlich die Beine in die Hand nimmst, wird ein Raubtier – und genauso ein beängstigender Gedanke – mit ziemlicher Sicherheit die Verfolgung aufnehmen. Besonders Gedanken wie “Ich bin unfähig” oder “Ich habe Angst” verfolgen uns in der Regel so lange, bis wir kehrtmachen und ihnen ins Auge sehen. Und genauso, wie es sinnlos ist, vor einem Rudel Wölfe davonzulaufen, kann man es sich auch sparen, vor seinen Gedanken zu flüchten – sie holen einen sowieso ein. Die beste Verteidigung besteht also darin, bereit zu sein.

Meditationspraxis hilft dir deine Gedanken anzunehmen

Dabei helfen bestimmte Techniken: Auf dieselbe Weise, wie ein Outdoor-Überlebenstraining dich für die Begegnung mit wilden Tieren wappnet, lehrt dich die Meditation, dich deinen Gedanken zu stellen und auch dann ruhig zu bleiben, wenn deinen Geist heftige und überwiegend negative Vorstellungen umtreiben. Wenn du jetzt nicht gleich davonläufst, lernst du, deine Gedanken zu beobachten, anstatt sofort auf sie zu reagieren. Das gibt dir Zeit, mit deinem Atem zu arbeiten und den Sturm in Geist und Herz im wahrsten Sinne des Wortes “auszusitzen”. Auf diese Weise erlaubt es dir die Meditation mit etwas Übung, jeden Gedanken als einen Botschafter wahrzunehmen, der dir wertvolle Informationen darüber liefert, wie du jeweils am besten reagierst – also so, dass du zu mehr Harmonie mit dir selbst und deiner Umgebung findest.

Schenke dir Mitgefühl und Herzenswärme

Wenn dich während der Meditationspraxis zum Beispiel negative Gedanken quälen wie “Ich bin nicht genug” oder “Ich kann mir nicht helfen”, dann kannst du lernen, diese Gedanken als ein Signal wahrzunehmen, das dir sagt: Stopp! Was kann ich tun, damit ich mich künftig als wertvoll oder tatkräftig empfinde? Diese Umkehr beginnt damit, dass du dir selbst mit mehr Mitgefühl und Herzenswärme begegnest: Wenn du zum Beispiel mal wieder denkst, du seist nicht liebenswert, dann halte inne und schenke dir selbst die liebevolle Gewissheit, dass du alles so gut machst, wie es dir in diesem Moment möglich ist. Gelingt es dir, diese Botschaften wirklich zu hören und dir zu Herzen zu nehmen, dann werden negative Gedanken allmählich verblassen.

Sie haben ihre Aufgabe als Botschafter erfüllt und müssen dich nicht länger verfolgen und ermüden. Ich nenne diese Praxis “Gegenteilige Gedanken willkommen heißen”. Diese Methode bewahrt dich zuverlässig davor, dich immer tiefer in den Morast negativer Gedanken hinein zu wühlen. Gleichzeitig hilft sie dir, sowohl negative als auch positive Gedanken, Bilder und Erinnerungen immer deutlicher als Botschafter wahrzunehmen, die nur einen einzigen Zweck verfolgen: Dich zu unerschütterlichem inneren Frieden zu führen.

Auch interessant für deine Meditationspraxis: Bevor du deine Gedankenwelt mit Hilfe von Meditation ordnest, solltest du erst versuchen, deine eigene Intention zu finden.


Meditation Dr. Richard MillerDr. Richard Miller ist Gründungsvorsitzender des Integrative Restoration Institute (irest.org), Mitbegründer des internationalen Verbands für Yogatherapeuten, Arzt und Autor und beschäftigt sich für uns mit dem Thema Meditationspraxis.

2 KOMMENTARE

  1. Ich kann mir vorstellen, daß es von Mensch zu Mensch während des Meditierens äußerst unterschiedliche Wahrnehmungs,- bzw. Gefühlserlebnisse gibt. Meiner Meinung nach, sollte man sich seiner bedeutenden Themen im Leben, längst vor der Meditation gestellt haben. Ich sage das aus tiefer Überzeugung . Ich meditiere seit ca. 8 Jahren. Nach einem Total- Burnout ( Rüdiger Dahlke sagt dazu ” Seeleninfarkt”) begann ich meine ” jahrelange Seelenarbeit!” Sie wird wohl nie enden – aber mittlerweile erlebe ich Frieden.

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