Intuition: Lerne, deine innere Stimme zu hören – und ihr zu folgen

Ganz egal ob du eine wichtige Entscheidung treffen musst oder darum ringst, etwas zu verstehen: Frag dein Inneres und experimentiere mit dem Rat, den es dir erteilt. Die folgende Meditation kann dir helfen, die tieferen Schichten deines Selbst zu hören und ihre Botschaften zu verstehen.

Text: Sally Kempton / Foto: David Martinez

Sakshtkara – intuitives Erkennen

Eine wirkliche Entsprechung zum Wort “Intuition” scheint es in den Quellenschriften des Yoga nicht zu geben. Häufig wird der Sanskrit-Begriff Sakshatkara genannt. Eigentlich bedeutet er “Wahrnehmung” oder “für die Augen sichtbar gemacht”, “offensichtlich”. Er wird sowohl für die mit den Sinnen gewonnene Erkenntnis verwendet als auch für die übersinnliche oder intuitive Art des Erkennens.

Übung: So verbindest du dich mit deiner Intuition

1. Nimm dir genügend Zeit, um dir über deine Frage klar zu werden und sie in einem Satz zu formulieren. Schreib diesen Satz auf. Das ist ein wichtiger Schritt, er hilft dir möglichst klar und konkret zu sein. Für deine ersten Versuche kannst du zum Beispiel um Hilfe bei einem kreativen Problem bitten, um die Klärung einer problematischen Beziehung oder einer konkreten Lebenssituation. Vielleicht fragst du aber auch nach mehr Bewusstsein in deiner Yogapraxis oder nach der Bedeutung einer inneren Tendenz, die dich irritiert.

2. Nimm eine bequeme Sitzhaltung ein. Achte darauf, dass die Wirbelsäule aufgerichtet, der Rücken aber nicht verkrampft oder verhärtet ist. Schließe deine Augen. Hol die Frage in dein Bewusstsein und formuliere sie einige Male im Stillen. Welche Gefühle steigen dabei in dir auf? Welche Gedanken hast du spontan dazu? Gibt es Widerstand gegen den Prozess? Wenn dir etwas davon wichtig erscheint, kannst du es rasch notieren.

3. Nutze den Rhythmus deiner Atmung als Anker. Hefte deine Aufmerksamkeit so lange auf den Atem, bis dein Geist sich entspannt und ruhiger wird.

4. Dann lass dich etwas tiefer sinken. Das erreichst du zum Beispiel, indem du dich auf dein Herzzentrum in der Mitte der Brust konzentrierst. Oder auf dein Nabelchakra (etwa drei Fingerbreit unterhalb des Nabels, tief im Bauch gelegen). Vielleicht hilft dir auch eine Visualisierung: Stell dir dich selbst vor, wie du eine Treppe in einen warmen, stillen Keller hinabsteigst. Geh Stufe um Stufe hinab, bis du völlig von Stille umgeben bist.

5. In dieser Stille bittest du die Weise, den Weisen, jene wissende Instanz in deinem innersten Wesenskern, jetzt präsent zu sein. Vielleicht gibt es auch eine bestimmte Gottheit oder einen Lehrer, an die du dich wenden möchtest. Oder du hast das Gefühl, deine Frage am liebsten an das Universum, das Tao, die Quelle allen Seins richten zu wollen. Es kommt nur darauf an, dass du weißt: Es ist genug, jetzt um die Anwesenheit dieser inneren Weisheit zu bitten.

Die Antwort liegt im Zentrum deines Seins: Du weißt, wer du bist, und du weißt, was du willst.

Laotse

6. Stell deine Frage noch einmal. Dann sitz einfach still – ohne Erwartung, ohne Entmutigung, schau nur, was auftaucht. Erinnere dich daran, dass Einsicht nicht immer in Gestalt von Worten erscheint. Es kann auch ein Gefühl sein, ein Bild, die Erinnerung an etwas, das eine andere Person gesagt hat. Außerdem kann es sein, dass es nicht in dem Moment geschieht, wo du danach fragst. Die Intuition folgt ihrer eigenen Zeit. Bleib wachsam, ganz besonders in den nächsten 24 bis 48 Stunden, nachdem du den Samen deiner Frage gesät hast. Die Antworten werden kommen.

7. Sobald du eine oder mehrere Antworten erhalten hast, schreibst du sie auf. Halte sie eine Weile in deinem Bewusstsein und lass es sprudeln: Was steigt dazu in dir auf? Welche Gefühle sind damit verbunden? Vielleicht bist du versuchst, die Einsichten zu interpretieren, es kann aber genügen, sie ganz einfach in deinem Bewusstsein zu halten – allein das wird schon Veränderungen herbeiführen. Allerdings: Wenn die Botschaft einen wertenden Charakter hat, wenn sie sich wie eine Strafe oder eine Schuldzuweisung anfühlt, dann stammt sie sehr wahrscheinlich nicht aus deiner tiefsten Quelle.

8. Denk zum Schluss darüber nach, wie du deine Einsicht in eine Handlung übersetzen könntest. Hier beginnt das eigentliche Experiment. Doch der einzige Weg, wie du lernst, dich wirklich deiner inneren Führung anzuvertrauen, besteht darin, es auszuprobieren – und dann aufmerksam auf die Resultate zu achten.


SALLY KEMPTON zählt international zu den wichtigsten Lehrer*innen für Meditation und Yogaphilosophie. Sie schreibt seit vielen Jahren für das YOGA JOURNAL – viele weitere ihrer Artikel findest du hier auf unserer Website.


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