Yoga und Liebeskummer – Dichtung und Wahrheit

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Liebeskummer ist eines der selbstzerstörerischsten Gefühle überhaupt. Als Weg kann er uns allerdings Zugang zu unserer eigenen Wahrheit verschaffen – und uns von selbst geschaffenen Phantasien befreien.

Als ich sechs Jahre alt war, wollte sich Hughey Wise, der hübscheste Junge in meiner Klasse, nach der Schule mit mir treffen. Natürlich war ich zur Stelle – er allerdings nicht. Vielleicht hatte er spontan entschieden, dass es doch nicht cool sei, den Nachmittag mit einem Mädchen zu verbringen. ­Vielleicht hatte er auch einen Termin beim Zahnarzt. Ich habe es nie herausgefunden, denn keiner von uns hat es je wieder ­erwähnt. Das geplatzte Rendezvous war in meinem Leben der erste Anlass, die unsichere Natur romantischer ­Verabredungen zu erkennen – und die komplette Unberechenbarkeit ­menschlicher Beziehungen.
Diese unvermittelten Brüche in der Liebe haben jeden von uns schon einmal mit voller Wucht getroffen. Sie sind auch Inhalt vieler Zuschriften, die ich von YOGA JOURNAL-Lesern bekomme. Deshalb habe ich mich entschlossen, dieses Thema durch drei typische Leserbriefe zu illustrieren. Da ich weder Therapeutin bin noch als Life Coach arbeite, soll dieser Artikel keine Ratschläge liefern, wie Sie Ihr Liebesleben „optimieren“ können. Das Frage-Antwort-Prinzip scheint mir einfach der beste Weg, ein paar schwierige Aspekte unseres Liebeslebens aufzugreifen und zu überlegen, wie wir Sie als Übung in unsere spirituelle Praxis einbringen können.

Normalerweise fragen Menschen nicht nach Rat, wenn es ihnen gut geht. Sie tun es eher, wenn sie in ihrem Leben Stillstand, Umstürze, Enttäuschungen oder Verluste erfahren haben. Bei diesen tief greifenden Einschnitten kann unsere Yoga-Praxis immense Unterstützung bieten: Durch sie lernen wir, starre Konzepte und Fantasien aufzulösen und sich einer Form der Liebe anzunähern, die nicht an Erwartungen und Bedingungen geknüpft ist.

Freiheit schaffen
Ich kann das Ende meiner letzten Beziehung einfach nicht verstehen und erst recht nicht akzeptieren. Wir waren absolute Seelenverwandte, aber die Beziehung entwickelte sich sehr wechselhaft und unbefriedigend. Trotzdem hoffe ich inständig, dass es nicht vorbei ist. Ich bin immer noch verliebt und mein Instinkt sagt mir, dass ich an diesem Gefühl festhalten sollte. Wie schaffe ich es dennoch, loszulassen?

Unserer Kultur vertritt die generelle Auffassung, dass Verliebtheit direkt zum gemeinsamen Ritt in den Sonnenuntergang führen sollte. In Wahrheit können sich zwei Menschen nahe stehen und sich aufrichtig lieben, aber dennoch nicht für eine längere Beziehung geeignet sein. Tatsächlich ist eine Seelenverwandtschaft nicht unbedingt die ideale Basis für eine nachhaltige Partnerschaft. Hier kommt die Idee des Karma ins Spiel: Eine starke emotionale Verbindung kann ein Zeichen für ein gemeinsames intensives Karma aus der Vergangenheit sein. Das Gefühl der Seelenverwandtschaft kann in der Anziehung der individuellen Karmas begründet liegen: Dadurch kreuzen sich die Wege zweier Menschen, die gemeinsam unerledigte Aufgaben ­bewältigen oder sich auf eine bestimmte, aber limitierte Weise helfen ­können.

So paradox es klingt: Die bereitwillige Akzeptanz der Trennung ist der erste Schritt dahin, die Liebe zu erhalten und den Schmerz loszulassen. Die Trauer wird zunächst bleiben, Verluste sind nun einmal schmerzhaft. Wenn man diesen Schlusspunkt jedoch annimmt, öffnet man die Tür für eine andere Art von Entfaltung – entweder zwischen Ihnen beiden oder Ihnen und einer anderen Person. Mein Vorschlag lautet also: Jedes Mal, wenn Sie die Liebe und den Schmerz dieser Beziehung spüren, geben Sie diesen Empfindungen eine universelle Dimension und widmen Sie sie etwas Größerem. Wenn Sie das wiederholt tun, werden Sie merken, dass Ihre Liebe an Obsession und Besitzdenken verlieren wird. Sie wird sich eher zu einem zärtlichen Gefühl entwickeln. Sobald dies passiert, kommt eine weitere Qualität hinzu: Die Seelenverwandtschaft der Beziehung kann in echte Freundschaft übergehen. So können Sie sich von romantischen Erwartungen und dem damit verbundenen Frust der Enttäuschung befreien und der Person einfach alles Gute wünschen. Dieser Prozess braucht Zeit und achtsame Fürsorge für sich selbst.
Zur Unterstützung schlage ich folgende Herz-Meditation vor:

// Reservieren sie 30 Minuten, die Sie zuhause oder in der Natur allein sein können. Richten Sie die Aufmerksamkeit auf das Innere Ihres Herzens. Stellen Sie sich vor, dass dieser Mensch bei Ihnen ist und sagen Sie ihm: „Ich lasse dich gehen. Ich widme unsere Beziehung und meine Liebe zu dir dem Universum.“ Bleiben Sie bei diesem Gedanken, bis sich die Perspektive ändert oder Sie einfach Erleichterung spüren. Wenn Sie weinen müssen oder Schmerz empfinden, lassen Sie es zu. Im Laufe der Meditation kann sich eine Empfindung des Loslassens einstellen. Es muss kein überwältigendes Gefühl sein – eine kleine Entspannung genügt. Wenn Sie dann an die andere Person denken, senden Sie ihr liebevolles Mitgefühl. Sagen oder denken Sie: „Ich wünsche dir Glück, Gesundheit und Freiheit“ – und wünschen Sie sich dasselbe. Beobachten Sie die Empfindungen und Gedanken rund um diese Person sehr genau. Üben Sie, diese Gedanken vorüberziehen zu lassen, anstatt sich mit ihnen zu identifizieren. Wenn Sie einen Gedanken nur als Gedanken sehen – und nicht als Wahrheit – können Sie ihn als nächstes einfach loslassen.

In Sanskrit werden bestimmte Gedanken als Vikalpahs bezeichnet, was mit „Träume“ oder „Fantasien“ übersetzt werden kann. Ein Vikalpah, an dem wir entschlossen festhalten, ist der Traum von der perfekten Beziehung. Je mehr wir uns mit dieser Fantasie identifizieren, desto mehr wird sie zu einem Fluchtpunkt: eine Art Alternativ-Universum, das wir aufsuchen, um den Realitäten und Herausforderungen des Alltags auszuweichen. Wenn wir das Mantra „Ich wäre so glücklich, wenn ich mit ihm/ihr zusammen wäre!“ praktizieren, wird Glück für unsere Gegenwart völlig unerreichbar. Das Erkennen und Loslassen dieser Gedanken in der Meditation bricht dieses Muster auf und führt uns in Gestalt und Erfordernisse des Moments zurück.

Fatale Liebe
Während eines Meditations-Retreats fühlte ich mich sehr zu einem anderen Teilnehmer hingezogen. Am letzten Tag sahen wir uns bei einer Partner-Übung tief in die Augen und verliebten uns. Dieser unerwartete Ausbruch von Romantik hat uns überwältigt. Gleichzeitig stellt er nun alles in Frage – unter anderem unsere langjährigen Beziehungen. Wie soll ich mich verhalten?

In der Yoga-Welt ist eine Retreat-Romanze nicht ungewöhnlich. Das liegt an der besonderen Situation: Die Vertrautheit, die entsteht, wenn man diesen besonderen Raum gemeinsam teilt, öffnet das Herz. Das Bewusstsein, das sich nach innen gerichtet hat, verlangt nach Abwechslung. Ich kenne Menschen, die im Zuge einer solchen „spirituellen Affäre“ geheiratet haben. Manche Verbindungen funktionieren, andere explodierten geradezu, wenn die Paare ihre Verschiedenheit erkennen mussten. Die wichtigste Aktivität ist jetzt, gar nichts zu tun. Nutzen Sie die momentane Erfahrung als Weg, um im Laufe des nächsten Monats viel über sich zu erfahren und alle aufkommenden Gefühle bewusst wahrzunehmen. Oft vermeiden wir allzu starke Gefühle wie Liebe, Angst, Verlangen und Traurigkeit. Stattdessen fixieren Sie sich derzeit vielleicht auf Geschichten, die Sie mit diesen Gefühlen kombinieren, etwa: „Ich bin ein schlechter Mensch, weil ich so empfinde“ oder “Wenn ich mich derartig verlieben konnte, stimmt etwas mit meiner Langzeit-Beziehung nicht”. Solche Auslegungen sind allerdings Interpretationen und nicht notwendigerweise wahr. Wie man eine Erfahrung deutet, basiert oft auf unbewussten Grundeinstellungen oder Weltanschauungen, die kulturell, in der Familie und aus Erfahrungen übernommen sind. Je mehr wir uns mit Yoga beschäftigen, desto mehr schiebt sich diese Philosophie über unsere bisherigen Werte. Wenn man emotional aufgewühlt ist, können unterschiedliche Erfahrungs-Interpretationen in Wettbewerb geraten. Die Yoga-Prinzipien der Eigenständigkeit und des Loslassens stehen im Kontrast zum romantischen Ideal unserer Gesellschaft. Ihr Verlangen nach einem neuen Abenteuer kämpft mit dem Wunsch nach Stabilität und tiefer Hingabe. Der Konflikt zwischen diesen Vorstellungen kann dazu führen, dass Sie sich in endlosen Denkschleifen und dem Abwägen von Alternativen verstricken. Das Resultat sind Verwirrung, Unsicherheit und Angst. Um das alles noch zu komplizieren, haben diese Szenarien direkte Auswirkungen auf Ihr Verhalten. Wenn Sie sich über die unbedachten Worte eines anderen ärgern, entscheidet Ihre Interpretation dieser Situation, ob es zum Konflikt kommt oder nicht. Und wenn Ihnen in der Anwesenheit eines anderen das Herz aufgeht, deuten Sie dieses Gefühl in Richtung Romanze. Die Weise, in der Sie dieses Phänomen interpretieren, hat unmittelbaren Einfluss auf die Zukunft dieser Begegnung.

Wenn man die ganze „Rahmenhandlung“ beiseite lässt, sind Gefühle einfach nur Gefühle. Was sie hauptsächlich ausmacht, ist reine Energie. Liebe, Traurigkeit und Ärger geben ihr jeweils eine spezifische Form. Jede von ihnen äußert sich unterschiedlich: Ärger durch Härte in der Herz- und Bauchgegend, Liebe durch ein warmes Gefühl im Herzen und Traurigkeit durch Schwere, die den Brustkorb sinken lässt. In Krisenzeiten ist es eine kraftvolle Übung, jede Gefühlswelle als Bewegung im Körper zu registrieren, ohne auf sie einzuwirken. In dieser Meditations-Praxis bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Gefühlsempfindungen in Ihrem Körper – ähnlich wie Sie Ihr Bewusstsein immer wieder auf den Atem richten. Sitzen Sie mit dieser Empfindung, so lange Sie können, und be­obachten Sie die Geschichten, die in Ihnen aufsteigen. Kehren Sie immer zu wieder zu Ihrem momentanen Körpergefühl zurück. Im Laufe dieser Übung kann sich dieses Gefühl ­verändern. Es kann sich auflösen oder einfach nur zur einer anderen Gefühlskette führen. Wenn Sie auf diese Weise üben, Emotionen als Sinneseindrücke und Energie wahrzunehmen und ihre Transformation zuzulassen, wird sich ein Weg zur positiven Veränderung abzeichnen. Mit der Gefühlsempfindung in der Gegenwart zu bleiben, ohne sich von selbst erfundenen Szenarien davontragen zu lassen, wird Ihnen helfen, authentisch zu handeln – und nicht aus einem Gefühl der aufgeregten Verwirrung, das die Geschichten von Liebe und Betrug in allen von uns auslösen können.

Der Traumprinz
Obwohl ich in einer funktionierenden Beziehung bin, fühle ich mich von einem Mann angezogen, der offensichtlich nicht zu mir passt. Eine Weile lang habe ich sehr von dieser Fantasie profitiert: Ich fühlte mich voller Leben und unglaublich kreativ. Jetzt frisst sie meine ganze Energie. Wie kann ich diese Obsession loswerden?

Intuitiv erkennen Sie die zwiespältige Qualität romantischer Fantasien. Jede Art von Wunschvorstellung lenkt Sie von der Gegenwart und ihren unmittelbaren Herausforderungen ab. Gleichzeitig öffnen Fantasien Zugang zu neuen (Bewusstseins)räumen, die auch im Yoga schon immer dazu benutzt wurden, das Innere neu zu beleuchten. In anderen Worten: In leidenschaftlichem Verlangen steckt auch eine Chance, wenn man es abseits der persönlichen Färbung zu seiner Essenz verfolgt. Romantische Gefühle empfinden wir deshalb als so erstrebenswert, weil sie uns sehr kraftvoll mit der Erfahrung unbedingter Liebe verbinden. In seinem Buch „Traumvorstellung Liebe“ deutet der Psychologe Robert Johnson romantisch verklärte Liebe als verdrängte Liebe zu etwas Größerem. Tatsächlich haben die großen romantischen Leidenschaften des Lebens eine „göttliche“ Qualität, wie sie zum Beispiel auch in der Literatur umgesetzt wird: So berühren uns die Liebesgedichte des Sufi-Poeten Rumi aufs Tiefste, und auch die indischen Bhakti-Sutren lehren, dass jede menschliche Empfindung als Weg zur göttlichen Liebe dienen kann. Diese kann einem Freund gelten, den Eltern oder einem Kind. Die Sutren führen weiter aus, dass der stärkste Ausdruck hingebungsvoller Liebe die vollkommene Bindung an das Göttliche, das Madhura Bhakti (wörtlich: „süße Hingabe“) ist. Das intensive Verlangen romantischer Liebe erzeugt ein kraftvolles Feuer im Herzen. Wenn wir dieses Feuer nach innen richten oder dem Göttlichen widmen, kann es den Charakter transformieren, das Herz öffnen und uns zu tieferen Dimensionen der Hingabe und Wertschätzung führen.

Ich erwähne dies alles, damit Sie effektiver mit solchen Fantasien arbeiten können. Um mit einer unerfüllbaren und tendenziell zerstörerischen Leidenschaft umgehen zu können, gibt es im Wesentlichen zwei Wege. Im ersten Ansatz spielen Disziplin, Selbsterforschung und Verzicht eine Rolle: Sobald die Fantasien auftauchen, lässt man sie sofort fallen. Eine andere, umfassendere Methode ist in der traditionellen Yoga-Philosophie begründet, die als Tantra bekannt ist. Im Tantra fokussiert man sich auf die Gefühle, die hinter der Fantasie liegen – das pure Verlangen nach Liebe, das wir alle besitzen. Diese Sehnsucht wird von einer Verbindung mit einer anderen Person aktiviert, aber sie ist viel größer als dieses Individuum. Wenn wir ihr folgen, kann sie uns direkt zur Quelle unseres Seins führen. Beide Herangehensweisen können funktionieren: Eine führt über positive Kontrolle, die andere bewegt sich direkt in und durch die Fantasie, um den Ursprung der Sehnsucht zu erfahren.

Wenn wir uns um unsere tiefsten Wünsche kümmern, können wir unsere Fantasien als Wegweiser und nicht als Selbstzweck nutzen. Meditation hilft dabei, jede Art von Wahrnehmungsmustern aufzubrechen. Um die tantrische Herangehensweise zu probieren, lassen Sie den Fantasien einige Zeit freien Lauf. Erforschen Sie die Empfindungen, die Ihre fiktive Romanze in Ihnen aufsteigen lässt: Das intensive Verlangen oder die sexuelle Intensität – was auch immer sich manifestiert. Lenken Sie die Empfindungen dann zur Herzgegend und konzentrieren Sie sich auf die Erweiterung des Gefühls. Visualisieren Sie es als Licht. An diesem Punkt ist es wichtig, das Bild der Person in der Fantasie komplett loszulassen. Fokussieren Sie sich stattdessen auf Ihren Gefühlszustand. Nehmen Sie genau wahr, wie Sie sich fühlen – lebendig, traurig, sehnsüchtig oder liebevoll – und kosten Sie diese Empfindung aus. Bemerken Sie, dass dies Ihre Gefühle und Wünsche sind. Mit dieser Aufmerksamkeit kann sich der Gefühlszustand weiter erweitern und verändern. Das Ergebnis dieser Praxis kann die zunehmende Erkenntnis sein, dass das, wonach Sie wirklich suchen, der Gefühlszustand ist, den Ihre romantischen Fantasien auslösen. Je mehr Sie in Kontakt mit den Empfindungen in Ihrem Körper kommen und sich gleichzeitig von deren Auslöser verabschieden, desto mehr werden Sie sehen, dass es sich um Ihre eigene Liebe und Ihre eigene Lebendigkeit handelt.

Ein zweiter Schritt in der tantrischen Variante kann es sein, andere Menschen als die Person Ihrer Träume einzubeziehen. Stellen Sie sich die unterschiedlichsten Menschen in Ihrem Leben vor. Öffnen Sie diesen Menschen Ihr Herz und nutzen Sie Ihr durch Meditation erweitertes Liebesgefühl, um so viel Andere wie möglich daran teilhaben zu lassen – bis hin zur Natur und anderen Lebewesen. Erkennen Sie, dass Ihre Liebe universell sein kann. Wenn Sie zulassen, dass Ihre persönliche Zuneigung auf diese Weise expandiert, eröffnen sich unendliche Gelegenheiten zu lieben. Und wenn Sie in dieser Übung noch einen Schritt weiter gehen wollen, gehen Sie ihr bis ganz auf den Grund: Im Innersten Ihrer Gefühle befindet sich die Präsenz, die wir „Gott“ nennen können. Jedes Gefühl von Liebe hat ­göttliche Dimension. Beide Übungswege – die Gedankendisziplin und die Tantra-Variante – helfen, romantische Fixierungen zu lösen. Letztere geht einen Schritt weiter und öffnet das Herz für das heilende Potenzial der Liebe.

(Illustration: Anika Gehlert)