Weibliche Spiritualität im Yoga

626

– bloß das Gegenstück zur männlichen Praxis?

Seit jeher prägten spirituelle und religiöse Traditionen die gesellschaftlichen Strukturen. Aber welche Rolle spielt dabei eigentlich die weibliche Spiritualität? YOGA JOURNAL-Autorin Diana Krebs fragt sich: Wohin steuert die weibliche Übermacht im Yoga? Und welche Chancen stecken für Yoginis in der Idee des Weiblichen?

Die Gesellschaft wurde ausgehend von einer monotheistischen Vorstellung oder einer einseitigen spirituellen Erfahrung geformt – wobei diese Vorstellungen und Erfahrungen meist ausschließlich die von Männern waren. Das führte dazu, dass nur ein Teil der Bevölkerung einen exklusiven Zugang zum Spirituellen erhielt. Die Erfahrungen von Frauen, Kindern und Bedürftigen wurden systematisch ausgeklammert, wenn es um Methoden der Erleuchtung und zum Erreichen der Wiedergeburt ging. Aber es gab doch durchaus Frauen, die religiöse und spirituelle Traditionen mitgestalteten, werden ­einige einwenden. Das stimmt, doch sollte man sich dazu folgende Fragen stellen: Durften sie dabei ihre eigene Sicht der Dinge – denn Religion und spirituelle Einsichten beruhen auf nichts anderem als Erfahrungswerten – einbringen? Oder wurden ihre ­Erfahrungen als minderwertig angesehen? Erfuhren sie dadurch eine ­Wertschätzung, ähnlich den männlichen „Errungenschaften“ auf diesem Gebiet?
Frauen spielten stets eine Rolle, wenn es um Religion und Spiritualität ging. Die katholische Kirche etwa hat mit der Erhöhung Marias einen geschickten Schachzug vollzogen. Schließlich ist Maria eine gute Identifikationsfigur für die weiblichen Kirchgänger: Frau, Mutter und Leidende. So clever und großartig dieses Konzept auch sein mag, täuscht es doch darüber hinweg, dass die Mutter Gottes selbst keine Göttin ist. Sie ist heilig, aber nicht göttlich. In der christlichen Lehre ist die Erlöserrolle klar verteilt – Maria ist die Trostspenderin, auch wenn sie bei ihren Verehrerinnen mehr als das ist. Am Ende entscheidet eben doch der Lion’s Club im Vatikan darüber, wer göttlich ist und wer nicht.

Yoginis auf dem Vormarsch
Damit die Frau in der katholischen Kirche nicht den Höhenkoller bezüglich ­ihrer Wichtigkeit bekommt, wurde noch ein Haken eingebaut: die unbefleckte ­Empfängnis. Eine Erfahrung, die die wenigsten Mütter unter uns teilen ­können. Maria wird damit die Körperlichkeit abgesprochen – ein frauenfeindlicher Zug und gleichzeitig eines der wichtigsten Merkmale der monotheistischen ­Religionen. Weder hat man als Frau im Christentum die Chance, volle Menschlichkeit zu erlangen, noch mit den geschlechtlichen Aspekten wie Empfängnis und Geburt zu punkten.
Was Frauen in den meisten Religionen und spirituellen Traditionen untersagt blieb – nämlich die gleichberechtigte Partizipation auf allen Ebenen – ist im Yoga scheinbar aufgehoben. Die Praktizierenden sind überwiegend weiblich. In den letzten Jahren hat ein Heer weiblicher Yogalehrer die Yogaszene im Westen geprägt wie nie zuvor. Die Yoginis geben dem Yoga, wie wir es bisher kannten, ein neues Gesicht. Doch können wir auch von einem Vormarsch einer „weiblichen“ Spiritualität sprechen? Und was ist genau gemeint mit dem „Weiblichen“ im Yoga?

Extreme Erfahrungen
Wie sieht eigentlich das Leben einer durchschnittlichen Yogini aus? Darüber kann man keine genauen Aussagen treffen. Die eine lebt in der Stadt, die andere auf dem Land, die eine hat Kinder, die andere keine – so lässt sich das unendlich weiterführen. Für Frauen existieren keine vorgefertigen Lebensentwürfe mehr. Zum Glück! Sie sind auf den gleichen Bühnen wie ihre männlichen Kollegen, Partner oder Freunde unterwegs.

Das Einzige, was sie eint, ist vermutlich folgende Tatsache: Sie haben sich bislang nicht für Retreats zurückgezogen, die sie mehrere Jahre von der Außenwelt trennen. Sie alle sind tagtäglich mit den Nettigkeiten und Stürmen des Alltags konfrontiert. Diese Erfahrungen werden aber im spirituellen Kontext nicht thematisiert. Nach wie vor wenden wir uns den extremen Erfahrungen zu. Wie beispielsweise derer von Lama Christie McNally. Sie ist eine der wenigen weiblichen Lamas im Westen, die diesen Titel tragen darf. Gerade erst hat sie ein dreijähriges Schweige-Retreat in der Wüste Arizonas beendet und sprach in Berlin und München über ihre Erfahrungen. Vorab kaufte ich mir „Das tibetische Buch der Meditation“, in dem sie eine Einführung in die Methoden der Meditation gibt. Beim Lesen ihres Buches stelle ich fest: Im Grunde ist sie eine ganz normale Suchende, die diese Suche irgendwann einmal etwas ernster genommen hat als andere. Ihr Vortrag ist interessant (sie reist mit einer großartigen Dolmetscherin, die ebenso viel Ruhe und Klarheit ausstrahlt wie sie selbst), Lama Christie ist sehr nett und humorvoll. Auch wenn sie mich in ihrer Erscheinung ein wenig an Galadriel, die Elbin aus „Herr der Ringe“, erinnert. Schwer greifbar und ätherisch.

Doch am Ende stoße ich mich: Was haben die spirituellen Erkenntnisse einer Frau, die sich drei Jahre lang in die ­Wüste zurückzog, mit meinen Erfahrungen zu tun? Oder anders gefragt: Werden meine Erfahrungen als Frau, Mutter, als Teil der Gesellschaft, politisch Aktive, Tochter, weibliche Arbeitskraft und beste Freundin als spirituell gewertet? Führen diese Erfahrungen zu anderen spirituellen Praktiken, als sie Männer lehren? Warum ist der engste Gefährte von Lama Christie ein Mann – übrigens der Einzige im Team, der ebenfalls eine weiße Robe trägt? Und wieso sind all die Frauen in ihrer Begleitung jene, die die Videokamera führen, die den Bücherverkauf betreuen und sonst alles Organisatorische in die Hand nehmen? Ich finde es tief beeindruckend, dass sie sich drei Jahre lang in eine Hütte in die Wüste zurückzieht, um mich ­später mit ihren Einsichten und Erkenntnissen – ja, mit ihrer ­bloßen ­Präsenz – zu faszinieren. Allerdings hilft mir das nicht weiter, denn ich sehe meine Erfahrungen als Teil der Gesellschaft nirgends widergespiegelt. Sollten am Ende die Belehrungen von Lama Christie und all jenen Spirituellen, die sich immer wieder über längere ­Perioden hinweg in Höhlen und Wüsten zurückziehen, genau diejenigen sein, die ich für die Bewältigung meines Alltags benötige?

Der Alltag zählt
Ich suche also weiter nach Identifikationsfiguren. Mir fallen meine Großmutter, meine Mutter und überhaupt sämtliche Frauen meiner Familie ein. Ich kenne Lama Christie nicht, aber ich kenne wohl meine Familie. Meine Großmutter war eine unglaubliche Frau, die während des Zweiten Weltkriegs einen Bauernhof verwaltet und drei kleine Kinder aufzog. Später pflegte sie ihren an den Rollstuhl gebundenen Ehemann. Sie war eine kleine Person von nicht mal 1,60 Metern. Ihr Ehemann war doppelt so groß und schwer. Doch sie wuchtete diesen Riesen jeden Tag aus dem Bett in den Rollstuhl, von dort auf die Toilette und abends wieder ins Ehebett. Und jeden Tag dankte sie ihrem Schöpfer für ihr Leben. Sie war bis ins hohe Alter geistig fit. Nur ihren Hausschlüssel verlegte sie ab und zu. Wenn sie ihn wieder einmal suchte, dann legte sie einfach eine kleine Pause ein und sagte: „Herr Jesus, du weißt, wo sich mein Schlüssel befindet. Bitte zeige mir, wo er liegt.“ Selbstredend, dass jeder Schlüssel wieder auftauchte. Sie ist die spirituellste Frau, die mir je begegnet ist.

Damit möchte ich die Erkenntnisse von Lama Christie nicht abwerten. Nur sind die Erfahrungen meiner Großmutter nie aufgewertet oder gar als spirituell verwertbar betrachtet worden. Doch es sind diese Erfahrungen, die die andere Hälfte der Menschheit gemacht hat, während die Männer damit beschäftigt waren, das Leben – allein oder in einer spirituellen Gemeinschaft – zu bestreiten und daraus Lehren abzuleiten. Es sind letztendlich die Praktiken der Männer, die eine breite Zustimmung erhalten haben. Sei es im Christentum oder im Yoga. Früher beruhten Spiritualität und Religion auf den Erfahrungen der „Ausgezogenen“, also der Männer. Wenn wir von einer weiblichen Spiritualität sprechen können, dann vielleicht von einer der „Daheimgebliebenen“. Was kennzeichnet eine weibliche Spiritualität im Yoga? In ihrem sehr spannenden Buch „Yogini – The Power of Women in Yoga“ gibt Janice Gates eine Übersicht, wie Frauen schon immer Einfluss auf die Yogaphilosophie genommen haben – und es noch immer tun.

Die Verbannung der Frau aus dem Yoga
Die ersten Zeugnisse yogischer Kultur belegen deutlich, dass Frauen eine aktive Rolle im spirituellen Kontext einnahmen. Sie waren nicht ausgeschlossen, sondern wurden gleichgesetzt mit Fruchtbarkeit, Wachstum, Überfluss und Wohlstand. In der frühen Periode des Yoga, etwa 2600 bis 1600 v. Chr., gab es noch keine Trennung zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen. Auch die heiligen Schriften weisen darauf hin, dass die weiblichen Gottheiten ebenso wichtig waren wie die männlichen. In der Rigveda beispielsweise, dem ältesten Teil der vier Veden, stößt man auf weibliche Gottheiten – wie die Göttin der Schöpfung Achti oder Vac, die Göttin des gesprochenen Wortes. Frauen waren wichtiger Bestandteil der yogischen Philosophie und traten als Lehrerinnen, Gelehrte, Mystikerinnen, Priesterinnen, Philosophinnen und Heilige auf. Sie waren im Prozess der Erhaltung und Weiterentwicklung des Yogischen aktiv involviert und den Männern gegenüber gleichberechtigt. Aber wie in den meisten Traditionen wurden sie auch in der Yogatradition ab einem bestimmten Zeitpunkt aus diesem Bereich verbannt. Der so genannte Brahmanismus (etwa 900 bis 600 v. Chr.), der die Weichen für den Hinduismus und damit für das Kastenwesen stellen sollte, leistete der patriarchalen Spiritualität Vorschub. Frauen wurden in der vedischen Gesellschaft zunehmend als unrein betrachtet. Weibliche Aspekte wie Menstruation, Schwangerschaft und Geburt – all diese Eigenschaften, die zuvor mit Reichtum, Wachstum und Entstehung in Verbindung gebracht worden waren – empfanden die brahmanischen Priester als Bedrohung.

Die Upanishaden verschoben zwar den Fokus von den strengen und exklusiven vedischen Ritualen der Brahmanen hin zur Praxis einer inneren Spiritualität. Doch erst mit der Bhagavad Gita, dem Gesang Gottes, wurde den Frauen der Wiedereintritt in die spirituellen Sphären gewährt. Darin war und ist tatsächlich zu lesen, jeder könne am spirituellen Leben teilhaben und es mitgestalten – auch Frauen. Zwar betonte die Bhagavad Gita nach wie vor Jnana Yoga, das Yoga des Wissens, das Besondere aber war die dargestellte Verbindung zwischen spiritueller Praxis und Alltagsleben durch Karma und Bhakti Yoga. Um spirituelle Erleuchtung zu erreichen, war demzufolge nicht etwa der Rückzug in eine einsame Höhle nötig, sondern genau das Gegenteil. Was spirituell war und was nicht, entschied nun nicht länger eine Handvoll Priester, die sich von ihren einseitig männlichen ­Erfahrungen leiten ließen und diese als universell verkaufen wollten. Auch Patanjalis Yoga-Sutren stärken insbesondere das Bhakti Yoga und damit das Weibliche. Mit dem Aufkommen der tantrischen Lehre war schließlich auch die spirituelle Wiedergeburt der Frau möglich. Tantra stand im krassen Gegensatz zu den Lehren der Brahmanen. Der Körper war nicht mehr Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung, sondern vielmehr eine Manifestation von Shakti, der göttlich-femininen Kraft in ihren mannigfaltigen Erscheinungen. Der Körper wurde als Vehikel auf dem Weg zur Erleuchtung betrachtet. „Diese revolutionäre Spiritualität lehrte, dass Erleuchtung nirgendwo anders erlangt werden konnte als im Hier und Jetzt“, so Gates in ihrem Buch. Tantra wurde letztendlich zum Vorläufer des Hatha Yoga.

Frauen prägen das Bild des zeitgenössischen Yoga
Die Porträts in Gates’ Buch, über das Wirken dieser außergewöhnlichen Frauen, zeigt deutlich: Weiblichkeit ist nicht an dem einen oder anderen festzumachen, sondern an einer Vielfalt von Erfahrungen, die in die Yogalehre eingebunden werden. Die Alltagserlebnisse dieser Lehrerinnen bilden die Basis ihres Yogaunterrichts, wie etwa die Erfahrung von Schwangerschaft und Geburt bei Gurmukh. Oder die wunderbare Angela Farmer, die – beeinflusst durch die Frauenbewegung der 1960er – ihren Körper nicht in starren Yogahaltungen gefangen sehen wollte. Oder Sharon Gannon, die in ihrer Yogapraxis den Unterschied zwischen Demut und Erniedrigung aufzeigen möchte.

Da im Yoga ein Oberhaupt fehlt, können Frauen sich hier niederlassen und mit spirituellen Ansätzen experimentieren. Denn ihre (Alltags-)Erfahrungen unterscheiden sich schlichtweg von denen, die Männer zu verarbeiten haben. Im Yoga kann eine Geschlechterdemokratie zelebriert und gelebt werden, wie sonst wohl kaum in spirituell-philosophischen Kreisen.

Diese im Buch vorgestellten Lehrerinnen wie Indra Devi oder Sharon Gannon waren und sind die Wegbereiterinnen für ein neues Yoga. Sie füllen die Stellen, an denen Aspekte ihrer Erfahrungen gefehlt haben. Viele weibliche Stimmen in den Religionen und spirituellen Traditionen sind schlichtweg verloren gegangen, weil sie als unwürdig oder profan angesehen wurden. Die Frauen agierten am Rand, sie hielten die Gemeinschaft zusammen, zogen die Kinder auf, kümmerten sich um die Alten, kochten und richteten Feste aus. Diese Erfahrungen werden in den heiligen Schriften nicht verarbeitet. Sie wurden als die andere Seite des Sakral-Männlichen gesehen. Wir sollten nicht den gleichen Fehler machen. Wir sollten unsere Erfahrungen als Frau – egal, in welcher gesellschaftlichen Konstellation – ebenfalls als selbstverständlich hinnehmen. Wenn jeder Augenblick heilig ist und die Erleuchtung nur im Hier und Jetzt möglich ist – wie uns das Tantra lehrt – was bedeutet das für unseren Alltag? Wo fängt weibliche Spiritualität an, wo endet sie? Weibliche Spiritualität ist Alltagsspiritualität.

Wir müssen beginnen, diese Erfahrungen aufzuschreiben und auszulegen – und die bestehenden Schriften im Licht unserer Erfahrungen interpretieren. Doch wie soll das funktionieren? Was ist an schlaflosen Nächten, in denen das Kind mit seinem Husten die Nachbarschaft zusammenbellt, so yogisch-spirituell? Oder am morgendlichen Gedrängel in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit? Ich finde, daraus lässt sich eine Menge herausholen! Wir können darüber schreiben, wir können uns diese Erfahrungen im Licht von Patanjali ansehen. Denn die wenigsten von uns werden es je schaffen oder überhaupt wollen, sich über einen längeren Zeitraum hinweg meditativ zurückzuziehen. Die yogische Spiritualität bietet uns menschliche Ganzheit. Was viele Feministinnen in der christlichen Tradition vermissen – dass auch sie in ihrem Dasein ganz sind – ist das A und O im Yoga.

Warum Yoga eine echte Alternative ist, Weiblichkeit zu leben
Wenn ich auf meiner Suche nach der Weiblichkeit in der Spiritualität etwas herausgefunden habe, dann das: Sie birgt tiefe Veränderung in sich, sie ist weder dies noch das, sie trägt einen revolutionären Geist, scheut sich nicht vor Umwälzungen, spricht aus, was bislang nicht ausgesprochen wurde, ist wütend und liebevoll – und passt in kein Schema. Davon profitieren alle, auch die Männer. Weiblichkeit ist so vielfältig und wandelbar wie die Frauen selber. Davon profitiert nicht nur Yoga, sondern auch jede andere spirituelle Praxis oder Religion – wenn sie den Mut haben, sich einer Vielfalt zu stellen, die in kein Dogma passen. Hört sich ­irgendwie nach Yoga an, oder?

Bildquelle: godandguru.com