Biblische Shakti

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Yoga ist keine Religion. Und doch gehört zum Yoga die Hinwendung zu Figuren und Vorbildern, die uns inspirieren. In der Yogaphilosophie heisst es, dass wir durch Selbststudium, genannt Svadhyaya, unsere persönliche Gottheit finden.

Die Gottheit wird persönlich, wenn wir eine empfindung für sie haben und uns ein Bild von ihr machen können. dieser individuelle Umgang mit den Gottheiten steht in starkem Kontrast zum chrisllichen Dogma, das die Geschichten all ihrer biblischen Figuren für unantastbar hält. Warum eigentlich? Ein Gespräch zwischen dem deutsch-indischen Yogalehrerpaar Anjali und R. Sriram.

Anjali: Sriram, brauchen Yogaübende die Inspiration einer Religion?
Sriram: Yoga selbst ist frei von religiösen Bindungen und Zwängen, dennoch sollte man anerkennen, dass es einen größeren Zusammenhang, eine höhere Ordnung, gibt. Das ist ein religiöser Gedanke. In Patanjalis Yogasutra steht: „Durch Hingabe an Ishvara wird das Yogaziel erreicht“. (Yogasutra 1.45)

A: An welchen Gott soll sich der Yogi hingeben? An einen Unbenennbaren? An einen weiblichen oder männlichen? Im asiatischen, hinduistisch geprägten Raum erscheint Gott einmal als Ardhanarishvara (halb Mann, halb Frau), dann als liebendes Paar, das beständig nach seiner anderen Hälfte sucht – wie Brahma, der Schöpfer, der vier Köpfe hat, weil er in allen Himmelsrichtungen nach seiner Geliebten sucht. Dann wieder dominiert Shakti als heftige Zerstörerin oder liebliche Muttergöttin. Was soll ein Europäer mit solchen Bildern anfangen, für den das alles eher märchenhaft klingt?

S: Das Ishvara des Yoga ist neutral und allumfassend – eine Kraft jenseits aller weiblichen oder männlichen Manifestationen. Sie ist jedoch mitten unter uns, in uns. Und doch ist sie das Unendliche. Sie wird häufig angerufen als Parashakti, weiblich, oder shiva, männlich. Und das passt zum Yogagedanken von der Vereinigung der Polarität, von Geist und Materie, von Purusha und Prakrti.

A: Muss sich ein westlicher Mensch, der Yoga praktizieren möchte, von seinen christlichen Wurzeln abwenden?

S: Nein, er muss sich nicht von ihnen abwenden, aber er könnte seine zuneigung oder ablehnung gegenüber gott überprüfen. Im Gegensatz zum Christentum wird im Hinduismus Gott als ebenbürtig betrachtet. In unseren Tempeln will man Gott spüren, nach ihm greifen: Dort greift man ihn sogar an, man droht ihm mit Mahnungen – um ihn dadurch zu begreifen. Emotionen werden entladen, um ihm nahezukommen. Man sieht gläubige lauthals Gott ausschimpfen, nicht aus Hass, sondern weil man sich diese Freiheit in der Beziehung zu seiner persönlichen Gottheit nimmt.

A: Mir war als junge Frau spontan klar, dass das Dies- und Jenseitige eins sind. Meiner eigenen Entwicklung kam es entgegen, dass ich schon früh nach Indien aufgebrochen bin. Aber die Frage ist: Wie kann ein Yogaübender ohne langen Aufenthalt unter Hindus zu einer versöhnlichen Haltung zwischen Profanem und Sakralem und damit einfacher zu Ishvarapranidhana (Hingabe an Gott) kommen?
S: In der Literatur, den Puranas, gibt es Geschichten, die die Charakteristika von Göttern und Göttinnen beschreiben. Es geht nicht um ein genaues, fertiges Bild von ihnen, sondern um die Anregung, weitere phantasievolle Bilder erzeugen zu können, die Nähe zum Göttlichen entwickeln. Durch Gegensätzliche Auslegung der Geschichten kann sich jeder aussuchen, was ihm gefällt. Dadurch entsteht eine ganz persönlich geprägte Definition von Gott jenseits aller Dogmen. Wir nehmen uns ungeheuer viel Freiheit, das Göttliche selbst zu ersinnen, um es mehr zu lieben.

A: Als indische Tänzerin kenne ich das: Gott ist in den Liedern auch eifersüchtig und zornig. Er hat all die menschlichen – die negativen wie positiven – Eigenschaften. Was unterscheidet Gott letztlich noch vom Menschen? Nichts! Hier kommen das Dies- und Jenseitige wieder zusammen. Im westlichen Kontext sieht das anders aus: Während meiner Ausbildung zur Schauspielerin sollte ich einmal die Madonna tanzen, sie spontan improvisieren, da wurde Traurigkeit zum Hauptausdruck – ich konnte Maria nur mit einem Hauch Trauer finden. Ich konnte sie nicht wirklich erfassen, denn wir dürfen uns kein menschliches Bild von Maria machen, sie bleibt verhüllt. Diese Vorstellung steht im Gegensatz zur indischen Tradition. Hier funkelt die göttliche Substanz in vielen Gestalten. Den rationalen Menschen aus dem Westen stürzt das in ein Chaos. Kann er die Vielfalt Indiens überhaupt ernst nehmen?
S: Ich glaube schon, dass er sie ernst nimmt. Wenn er versteht, dass eine sehr freundliche, selbstverständliche und ebenbürtige Ebene zwischen Gott und den Menschen möglich ist, hat er für sein Religionsverständnis viel gewonnen.

A: Bedeutet das, dass man über die fremde Religion den christlichen Gott entdecken und über die Bilder und Skulpturen der Ganeshas, Lakshmis und Buddhas, einen neuen und freien Zugang zum eigenen Gott finden kann?

S: Eine Starre Religion mit Tabus, die einem verbieten, dieses oder jenes zu denken, kann für den Yogaweg nicht sinnvoll sein. Ein neues Verständnis für das Göttliche inspiriert dazu, auch die christlichen Bilder anders zu interpretieren. Was yoga ausmacht, ist ja, sich Gott ganz persönlich zu gestalten. Wenn es nicht um das Definieren oder erfassen einer kosmischen Kraft geht, sondern nur um die Doktrin einer Institution, die bestimmt, was, wie und wer Gott zu sein hat, ist das für den Yogaweg uninteressant.

A: Tatsächlich habe ich in Indien den Glauben nicht als Institution kennengelernt. Dort wird nicht vorgegeben, wie Shakti aussieht und wie man an sie glauben muss. Glauben ist eine vielfältige, lebendige Energie, die aus tausenden von Kulten besteht. Es reicht sogar, auf den Boden zu schauen, um zu wissen: Das ist gott! Das können wir im Westen nicht. Deshalb nehmen wir entweder die Doktrin an oder lehnen sie vollkommen ab und glauben an gar nichts.

S: Ein solches Schwarz-Weiß-Muster ist nichts für einen Yogaübenden.

A: Also sriram, wie fängt Ishvarapranidhana im Yoga an?

S: Patanjali sagt, dass man durch Selbststudium, Svadhyaya, die Gottheit erkennt, die für einen bestimmt und passend ist (Yogasutra 2.44).

A: Durch yogisches Selbststudium bin ich darauf gekommen, dass Maria in meinem Leben doch eine wichtige Rolle spielt. Ich fragte mich: Wie ist sie wirklich? In diesem Zusammenhang klage ich laut: Wo sind die weiblichen Interpreten der Religionen? Wann haben nach der Urzeit die Frauen jemals wieder gesprochen? Wo haben sie ihren Platz? Wenn sie heute in der modernen Kirche Priesterinnen werden, müssen sie in die männliche Rolle schlüpfen. Das bringt gar nichts! Indien hatte seine Devadasis, die Dienerinnen der Götter. Das waren ganz hochgestellte weibliche Priesterinnen, die nie durch Männer ersetzt werden konnten. Sie hatten bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch sehr viel zu sagen im indisch-religiösen Leben. Sicher fühlen sich im Westen so viele Frauen auch deshalb zum Yoga hingezogen, weil sie ein Forum suchen, um dem persönlichen Wunsch nach ihrer weiblichen Seite zu folgen. Allerdings fehlt es noch an Mut in der Yogaszene, dass die Frauen für die weibliche Spiritualität eine Lanze brechen und endlich eine Tür aufstoßen, um Religiösität neu zu definieren.

S: Das fände ich sehr spannend. Yoga bei Patanjali oder Arjuna in der Bhagavadgita wird durch Männer vermittelt. Sämtliche Interpretationen, die ich kenne, sind männlich geprägt. Auch wenn die Götterwelt weiblich und männlich erscheint, ist sie immer durch männliche Stimmen interpretiert. Da reicht es nicht, Shaktis hinzustellen anstelle von Shivas … Nur der erleuchtete weilt jenseits von Mann- oder Frausein in der Einheit. Ein „Unisex-Verhalten“ ist Illusion. Anjali, wie sieht der weibliche Blickwinkel auf die Spiritualität aus?

A: Sinnlich, praktisch und bildlich. Das Göttliche muss nah an der Handlung sein. Die weibliche Perspektive ehrt das Runde, bleibt bei sich und gibt sich der Schöpfung hin – sie ist eins mit ihr. Eine Frau ist der Materie, der Erde, nah. Frauen handeln, während Männer die Schriften interpretieren. Das Weibliche lässt sich am besten über die sexualität definieren. Die Frau ist schneller bereit, sich hinzugeben, und das muss sie im Bewusstsein behalten. Wenn die Frau nämlich nicht weiß, dass sie Gott durch ihre Hingabefähigkeit schon sehr nahe ist, gibt sie sich einem Lehrer hin, irgendwelchen Führern (Verführern). Sie wird wieder zu einem Schäfchen, das in der Herde mittrottet. Männer führen gerne an und denken in Strukturen, die Frauen überrumpeln. Doch eigentlich hat die Frau das Wesen der Hingabe so stark in der Hand, dass sie gerade mit Yoga viel mehr aus sich herausgehen könnte. Sie hat es nicht nötig, sich der gesellschaftlichen Norm hinzugeben. Sie muss nicht jung, adrett oder sexy aussehen, sondern könnte sich vielmehr dem Hingeben, was sie als das Göttliche empfindet – dadurch, dass sie es neu für sich definiert.

S: Im Grundlagenbuch der Yogaphilosophie, Samkhyakarika, heißt es: „Es gibt nichts, was mitfühlender ist als Prakriti“, die Shakti, das Weibliche. Jeder Bhakta (Gläubige) in der Bhakti-Yogabewegung sieht sich als weiblich. Jeder Meister spricht hier als Frau, auch wenn er ein Mann ist. Anjali, wie könnte man aus weiblicher Sicht Eva anders wahrnehmen?

A: Eva ist keine Verliererin. Sie bleibt in ihrem Paradies, in ihrer Erkenntnis. Sie hat den Apfel und damit die Sache in der Hand: sie weiß, dass sie lenken kann. Sie hat den Mut, ein neues Bewusstsein zu erlangen durch das verbotene Essen des Apfels. Adam ist viel konformer und ängstlich. Er verurteilt Eva für ihre Offenheit der Schlange gegenüber. So wird gesagt, die Frau hat die Sünde gebracht. Das ist eine ganz schreckliche Interpretation, die in unserer Kultur fest verankert ist.

S: In deinem Buch „Geliebte Gottes“ hast du dir die Freiheit genommen, Gott selbst zu gestalten. Eva ist das Runde, die 0, und Adam die 1, also aus Gottes gerader Denkrichtung geboren. Er schaut in die Ferne und immer woanders hin, während die Frau in ihrem ganzheitlichen, geschlossenen System bleibt. Adam sucht das Entkommen, während Eva nicht entkommen muss, da sie dem Mann bereits aus der Rippe entkommen ist.

A: Ich habe Eva und Adam mit einem Augenzwinkern yogisch interpretiert. Der Mann sucht das Asketentum und beschäftigt sich mit der Weite. Eva dagegen verbündet sich mit der Schlange – dass man das als Böse ansieht, kommt wahrscheinlich vom Patriarchat und dem müssen wir Yoginis entgegentreten.

S: Im Yoga ist gerade die Schlange ein sehr wichtiges Symbol. Sie ist die Weisheit und die Kundalini-Kraft. Patanjali wird teilweise als Schlange dargestellt. Die Schlange ist ein Bild für Bewegung, sie hat die ruhigste und eine sehr positive Kraft, während der Mensch die Statik verkörpert. Beide zusammen, Mensch und Schlange, bilden eine Polarität. Die Schlange kann wundervoll still daliegen und die meditative Kraft in uns sein, die unsere Statik aufrecht hält. Für die Yogaszene klingt diese Interpretation von Adam und Eva erfrischend. Wie sieht es mit Maria aus?

A: Maria ist die Erleuchtete, ständig in Kommunikation mit höheren Kräften. Sie ist eins mit Purusha in Form des Heiligen Geistes (Hebräer EV 2). Sie ist versinnbildlicht als Mutter. Das ewig Jungfräuliche ist eine Qualität im Yoga, die man als Vairagya bezeichnet: Es ist das, was unberührt, unangetastet und immer im Abstand zur Welt bleibt. Maria ist die perfekte Yogini, die alles mitgemacht hat. Sie hat empfangen, geboren, ihren toten Sohn in den Armen gehalten und gesehen, wie er wiederbelebt wurde. Sie ist die Künderin, doch ihre Schriftrollen wurden verbrannt – dennoch bleibt sie unangetastet. Das Jungfrauenprinzip ist, was Yoga mit Vairagya anstrebt. Maria ist für mich keine historische Figur, sondern das vollkommene Bild des yogischen Geistes.

S: In Yogasutra 1.16 heißt es, Vairagya ist jener Geist, der frei von Anhaftungen bleibt. Es ist die höchste stufe.

Anjali und R. Sriram sind seit 36 Jahren ein Paar. Sie leben im Sommer im Odenwald und im Winter in Indien. Die Experten für indische Kultur, Mythologie und Philosophie (besonders für Yoga und Bharatanatyam-Tanz) haben bereits mehrere Bücher veröffentlicht und Schüler ausgebildet. R. Sriram ist außerdem mit seiner Interpretation des Yogasutra bekannt geworden.