Die westlichen Wissenschaften versuchen, das Selbst immer besser zu verstehen. In Yoga und Buddhismus geht es eher darum, die Vorstellung eines beständigen Ichs loszulassen. Wie passt das zusammen? Was macht uns im Innersten zu dem, was wir meinen zu sein? Eine Bestandsaufnahme.
Text: Ulrich Hoffmann / Bilder: Nick Fancher via Unsplash
Als der Buddha gefragt wurde: „Gibt es ein Selbst?“, soll er geschwiegen haben. Allerdings schwieg er auch bei der Gegenfrage: „Also gibt es kein Selbst?“ Für ihn waren das Fragen, deren Beantwortung niemandem weiterhilft. Egal, ob es ein Selbst gibt oder nicht – jede dieser Ansichten führt aus Sicht des Buddhismus zu mehr Stress und Leid. Deshalb sei es besser, die Frage zu ignorieren.
Das heißt keineswegs, dass wir nicht existieren. Das tun wir. Wir können fühlen, atmen, denken, uns bewegen. Wir sind hier. Aber was davon ist wie beständig? Ein Freund von mir hat in der Therapie erkannt, welche seiner Angewohnheiten dysfunktional sind und ihm schaden – doch sie zu ändern, gelingt ihm nicht. Eine ehemalige Kollegin arbeitete lange in der Pressestelle einer Umweltschutzorganisation – und wechselte dann zu einem Autohersteller. Was passiert da? Ist das „Ich“ in unserem Inneren jemals dasselbe wie letzte Woche oder nächste Woche?
Diese Frage beschäftigt auch Philosophen. Kurz nach Christi Geburt schon fragte Plutarch: Wenn vom Schiff des Theseus nach und nach alle Planken ersetzt werden – ist es dann am Schluss immer noch dasselbe Schiff? Hat sich meine frühere Kollegin vielleicht substanziell so sehr verändert, dass sie in ihrem neuen Job gar nicht mehr dieselbe ist wie in dem davor? Oder gehen diese Veränderungen, umgekehrt, so kleinschrittig vor sich und sind letztlich so äußerlich, dass unser Selbst zwar nicht unverändert bleibt, aber dennoch es selbst?
Ich bin viele
Dass wir uns all diese Fragen überhaupt stellen können, hängt mit einer menschlichen Fähigkeit zusammen, auf die schon im 17. Jahrhundert der Philosoph René Descartes hingewiesen hat, nämlich unser Selbstkonzept: Wir existieren nicht nur, wie der Mond oder ein Regentropfen, sondern haben zugleich ein Bewusstsein davon, wir können die eigene Existenz wahrnehmen und reflektieren. Die moderne Neurologie kann unsere Vorstellung vom eigenen Ich mittlerweile sogar recht präzise im Gehirn verorten: Sie sitzt im medialen präfrontalen Kortex (dem mittig gelegenen Teil der Stirnhirnrinde) und im medialen posterioren parietalen Kortex (dem mittig-hinteren Teil des Scheitellappens).
Das große Problem der Wissenschaft ist allerdings der freie Wille: Im Hirn laufen biochemische Reaktionen ab, die müssten sich theoretisch voraussagen lassen: auf Reiz A folgt Reaktion B, ganz grob gesagt. So gesehen wäre es möglich, dass zwar unsere Vorstellung vom Selbst korrekt ist, die Annahme wirklich freier Entscheidungen aber eine Illusion. Was zum Beispiel erklären würde, warum es meinem Freund wider besseres Wissen so schwer fällt, seine unguten Gewohnheiten abzulegen.
Die Psychologie des Selbst
In der Psychologie gibt es unterschiedliche Modelle, die unser Selbst beschreiben. Freud vermutete ein Es (unbewusste Wünsche und Instinkte), ein Ich (eine Art Vermittler zwischen Es und Wirklichkeit) und ein Über-Ich (verinnerlichte moralische Standards). Auch systemische Methoden beschreiben eine Vielheit innere Anteile, zum Beispiel das berühmte „innere Kind“, aber ebenso innere Kritiker*innen, Antreiber*innen, Feuerwehrleute und so weiter. Mit anderen Worten: Das Ich hat viele Facetten. Auch bezogen auf die Zeit: Die Theorie der „narrativen Identität“ besagt, dass wir unsere Sicht auf die Vergangenheit stets der Gegenwart und unserer Vorstellung der Zukunft anpassen. Auf diese Weise erzählen wir uns quasi selbst eine stimmige Lebensgeschichte.
Letztlich, darin sind sich die Psycholog*innen einig, möchten Menschen ein konsistentes Selbstgefühl aufrechterhalten. Das heißt: Wir wollen das Gefühl haben, dass unsere Gedanken, Handlungen und Erinnerungen gut zusammenpassen. So können wir wissen, dass wir gestern anders waren, als wir es heute sind, und dass wir morgen wieder anders sein werden. Dennoch übernehmen wir Verantwortung für die Folgen unseres vergangenen Handelns. Man nennt das „Persistenz“: Wir verändern uns und wahren dennoch eine Kontinuität, eine Identität.

Werde, wer du bist
Aber wodurch wird die bestimmt? Viele Philosoph*innen und auch manche Religionen vertreten die Ansicht, unser Selbst sei von Geburt an festgelegt und unsere Aufgabe bestünde darin, es freizulegen und zum Blühen zu bringen. Scito te ipsum – erkenne dich selbst – stand in der Antike nicht nur über dem Orakel zu Delphi, es war auch die Grundhaltung der Philosophie von Sokrates und Platon bis hin zu Thomas von Aquin. Mit anderen Worten: Jedem Ding (und jedem Menschen) wohnt demnach von Anfang an seine spezielle Besonderheit inne. Auch Friedrich Nietzsche forderte noch: „Werde, der du bist.“
Sei, wer du wirst
Erst Sartre und die Existenzialist*innen kamen vor rund achtzig Jahren darauf, dass es auch umgekehrt sein könnte, dass nämlich die Existenz der Essenz vorausginge: Wir werden erst geboren, dann gestalten wir unser Leben und definieren dabei unsere Persönlichkeit. Der massive Individualismus der Neuzeit (und erst recht dessen mediale Aufbereitung in den sozialen Medien) machen eine entspannte Auseinandersetzung mit dieser Aufgabe jedoch schwer. Wenn wir ständig aufgefordert sind, „besonders“ zu sein, „individuell“ und „authentisch“, dann muss da doch was zu finden sein! Wer hier ins Leere greift, gerät in Not.
Die buddhistische Lehre vom Anatta (Pali) beziehungsweise Anatman (Sanskrit) hingegen besagt, dass es kein festes, unveränderliches und unabhängiges Selbst gibt. Mit dieser Haltung stellte sich der Buddha gezielt gegen die zu seiner Zeit vorherrschende hinduistische Atman-Lehre, die von einer festgelegten Persönlichkeit ausging. Manche finden das tröstlich, viele andere aber eher erschreckend. Zumal der Buddha in den „Fünf täglichen Betrachtungen“ auch mahnte: „Alles, was mir lieb und teuer ist, werde ich eines Tages verlassen müssen.“ Woran unser Leben dann überhaupt festmachen und ausrichten?
Getrennt und doch verbunden
So bleibt das Selbst eins der größten Rätsel des Menschseins. Und doch scheint es so, als würden sich all die Beobachtungen und Folgerungen nicht zwingend ausschließen. Es könnte ja auch sein, dass sie sich von verschiedenen Seiten und mit unterschiedlichen Schwerpunkten der Sache nähern. Dann wäre das Selbst möglicherweise einerseits viel formbarer, als wir oft glauben. Andererseits – und gleichzeitig – wären unsere Einflussmöglichkeiten viel begrenzter, als wir annehmen. Vielleicht ist unser Selbst so ungeheuer komplex, dass wir es uns derzeit nur mithilfe unterschiedlicher Anteile und Modelle vorstellen können. Nur ein Konstrukt, das uns hilft, im Leben klarzukommen.
Was wäre, wenn wir lernten, diese Mehrdeutigkeit auszuhalten: Ein Ich, das wir eindeutig zu spüren glauben, dessen Begrenztheit wir jedoch nicht klar umreißen können. Das auf irgendeine Weise von allen und allem getrennt und zugleich auch mit allen und allem verbunden ist. In meinem Kopf entsteht da eine Art Vexierbild, die Vorstellungen wechseln und gehen ineinander über. Aber wäre es wirklich so schlimm, wenn das Selbst gleichzeitig spürbar und rätselhaft ist, begrenzt und unendlich, substanziell und schwadenhaft? Oder wäre das nicht ganz großartig?
Meditation: Annäherung ans (Nicht-)Selbst
Dieser Artikel von stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/25.

Ulrich Hoffmann ist zertifizierter Meditations- und Yogalehrer sowie Philosoph (M.A.). Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Er kann Unklarheiten nicht leiden, aber arbeitet daran.
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