Die Pflanzen unserer heimischen Umgebung nähren uns am besten – und je wilder und naturbelassener, desto besser. Mit dieser Weisheit des Ayurveda machen wir uns auf in Wald und Wiesen, um Zutaten für heilsame Rezepte zu finden.
Text & Rezepte: Andrea Küthe Albrecht, Daniela Dörflinger Bruggeman /
Fotos: ayurfood.ch, Urs Albrecht
Es gibt Momente, in denen zwei Welten aufeinandertreffen und eine wunderbare Harmonie entsteht. So ging es uns, als wir begannen, die Weisheit der indischen Gesundheitslehre Ayurveda mit der wilden, kraftvollen Natur unserer heimischen Pflanzen zu verbinden. Erst mal klingt das natürlich verrückt: Ayurvedische Gerichte mit Tannenspitzen und Brunnenkresse statt mit Ingwer und Koriandergrün? Aber eigentlich entspricht das genau der Lehre von Ayurveda: Das, was direkt um uns wächst, nährt uns am besten.
Wildpflanzen tun das noch mehr als heimisches Gemüse und Gartenkräuter, denn anders als Zuchtpflanzen sind sie völlig naturbelassen, tief verwurzelt mit ihrem Standort und daher besonders reich an Vitalstoffen und Lebenskraft. Viele der Wildpflanzen, die wir verwenden, sind regelrechte Kraftpakete. Brennnessel zum Beispiel enthält Eisen und unterstützt den Stoffwechsel, während Löwenzahn mit seinen Bitterstoffen die Verdauung fördert. Beides macht sie zu idealen Zutaten für die ayurvedische Küche, denn Ayurveda betrachtet die Verdauung – Agni – als Schlüssel zur Gesundheit. Wildpflanzen können helfen, dieses innere Feuer sanft zu stärken, ohne es zu überfordern. Sie wirken reinigend, ausgleichend und schenken uns eine tiefe Verbindung zur Natur.
Kochen als Achtsamkeitspraxis
Kochen mit Wildpflanzen ist auch ein Akt der Achtsamkeit. Das beginnt schon damit, dass wir die im Ayurveda ansonsten beliebten Gewürze bewusst sparsam einsetzen. Ingwer, Curry, Kardamom und Co. würden die zarten, oft bittersüßen Noten der Wildkräuter überdecken, ihre feinen Aromen brauchen Raum. Achtsamkeit ist aber auch gefragt, wenn wir uns für Wildkräuter interessieren, sie draußen in der Natur finden, zuverlässig bestimmen und sammeln.
Wer sich auf den Rhythmus der Jahreszeiten einlässt, entdeckt eine neue Fülle, die direkt vor unserer Tür wächst: zarte Blätter im Frühling, kraftvolle Blüten im Sommer, nährende Wurzeln im Herbst – alles hat seinen Moment. Man tritt mit der Natur in Verbindung, nimmt ihre Zyklen bewusster wahr und „erntet“ mit Bedacht nur so viel, wie man wirklich benötigt. In unserer eigenen Küche und bei den Seminaren und Kursen, die wir veranstalten, erleben wir immer wieder, wie sehr diese Art des Kochens auch die Sinne öffnet: Die Farben, Düfte und Texturen der Wildpflanzen laden dazu ein, den gesamten Prozess – vom Sammeln über die Zubereitung bis zum Essen – ganz bewusst zu erleben.
Ayurvedischer Ausgleich
Viele heimische Wildkräuter haben ausgleichende Effekte auf die Doshas. Diese drei Grundprinzipien steuern nach ayurvedischer Auffassung sämtliche Körperfunktionen und machen in ihrem Zusammenspiel die individuelle Konstitution aus. Ist eines der Doshas übermächtig, zeigt sich das in gesundheitlichen Symptomen und Befindlichkeitsstörungen – und genau da setzt die ayurvedische Gesundheitslehre an: Bestimmte Gewürze, Kräuter und Lebensmittel sollen helfen, die Elemente in Ausgleich zu bringen. Das funktioniert nicht nur mit indischen Zutaten, sondern auch mit vielen Pflanzen unserer heimischen Natur.
So wirken zum Beispiel die Bitterstoffe von Löwenzahn oder Beifuß reinigend und helfen, Kapha (Schwere, Trägheit) zu reduzieren. Gänseblümchen oder Frauenmantel dagegen haben eine sanft kühlende Wirkung und tun einem dominanten Pitta (Feuer, Hitze) gut. Und für Vata (Trockenheit, Kühle) sind wärmende und kräftigende Wildkräuter wie Tannenspitzen oder Dost eine wunderbare Ergänzung. Das Wissen um diese Eigenschaften kann helfen, die Ernährung noch gezielter an individuelle Bedürfnisse anzupassen. Die folgenden Rezepte laden dich ein, Ayurveda mal ganz anders zu erleben und dabei nicht nur deine Umgebung, sondern auch dich selbst ein bisschen besser kennenzulernen. Vielleicht magst du es einfach mal ausprobieren: sammeln, kochen – und vor allem genießen!
Ayurvedische Rezepte mit Wildpflanzen
Blütenrollen mit Mandeldip

Zutaten für 4 Personen:
100 g Basmatireis, mit 1⁄2 TL Kurkuma gegart
2 EL Sesamsamen
10–15 Asia-Reisblätter
1 Handvoll Blattsalat, gewaschen
2 Karotten, geraspelt
1⁄2 Salatgurke, in Stifte geschnitten
1 kleine Handvoll Wiesenlabkraut, Minze oder Zitronenmelisse, gewaschen und zerpflückt
1 kleine Handvoll essbare Blüten (Gänseblümchen, Löwenzahn, Rotklee, Taubnessel, Ehrenpreis, Wiesensalbei, Kapuzinerkresse, Holunderblüte …)
Für den Mandeldip:
Saft von 1 Zitrone
4 EL Mandelmus
2 EL Ahornsirup
1 1⁄2 TL Ingwer, fein gerieben
1 Prise Chilipulver
2–3 EL Wasser
1 EL Sojasauce
ZUBEREITUNG:
Alle Zutaten für den Mandeldip verrühren, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Den Sesam in einer Pfanne rösten, bis er duftet. Locker unter den Reis heben. Alle weiteren Zutaten für die Sommerrollen bereitlegen. Eine flache Schale mit lauwarmem Wasser füllen. Ein Reisblatt vorsichtig durch die Wasserschale ziehen und auf eine saubere Unterlage legen. Das mittlere Drittel nacheinander mit Blüten, einem Salatblatt und den weiteren Zutaten belegen. Um die Rollen zu schließen, zuerst die äußeren beiden Seiten nach innen klappen und dann den unteren Teil über die Füllung rollen. Dabei die Zutaten fest zusammendrücken, sodass eine kompakte Rolle entsteht. Die Blüten sollen mittig auf der Oberfläche sichtbar sein. Die gefüllten Sommerrollen mit der Naht nach unten auf einer Platte anrichten und bis zum Servieren mit einem feuchten Küchentuch bedecken. Mit dem Mandeldip genießen.
Tannenspitzen-Fenchel-Suppe

Zutaten für 4 Personen:
3 mittelgroße Fenchelknollen
1 Zwiebel
1 1⁄2 EL Ghee
1 TL Koriander, gemahlen
1 TL Fenchelsamen, gemahlen
850 ml Gemüsebrühe
1–2 Handvoll frische, hellgrüne Tannenspitzen (Alternative: Fichten- oder Lärchenspitzen)
1⁄2 Bio-Zitrone, Schalenabrieb
Salz
Pfeffer aus der Mühle
ZUBEREITUNG:
Den Fenchel in kleine Stückchen schneiden, dabei das feine Fenchelgrün zur Seite legen. Die fein gehackte Zwiebel im Ghee anschwitzen, mit Koriander und Fenchelsamen würzen. Das Gemüse dazugeben und 2–3 Minuten dünsten. Die Gemüsebrühe angießen und die Suppe im geschlossenen Topf köcheln lassen. Inzwischen die Tannenspitzen säubern, wenn nötig holzige Teile entfernen und die Nadeln fein hacken. Die Tannenspitzen in die Suppe einrühren. Wenn der Fenchel weich ist, die Suppe pürieren und den Zitronenabrieb dazugeben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und kurz vor dem Servieren mit dem Fenchelgrün bestreuen.
Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 03/2025.

Diese und viele weitere tolle Rezepte findest du im Buch „Ayurveda mit Wildkräutern – Das Kochbuch“ von Andrea Küthe Albrecht und Daniela Dörflinger Bruggeman.
Daniela Dörflinger Bruggeman (rechts) ist die kreative Kraft hinter dem Food-Blog ayurfood.ch. Gemeinsam mit Andrea Küthe Albrecht (links), der Gründerin der Freya-Heilpflanzenschule, veranstaltet sie regelmäßig Kurse und Workshops.
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