Yoga und Konsum: Passen Substanzen und spirituelle Praxis zusammen?

Vielleicht kennst du das Gefühl: Du praktizierst regelmäßig Yoga, achtest auf deine Ernährung, arbeitest an deiner inneren Ruhe – und trotzdem gehört ein Glas Wein am Abend, eine Zigarette in der Pause oder gelegentlich Cannabis einfach dazu. Ist das ein Widerspruch? Oder darf das Yogi-Leben auch Grautöne haben?

Titelbild: Mor Shani via Unsplash

Yoga und die Frage nach “Reinheit”

Aus den Yogasutras des Patanjali kennen wir klare Leitlinien für einen bewussten Lebensstil, die Yamas und Niyamas. Diese ethischen Grundsätze des Achtgliedrigen Pfades beinhalten das Konzept von Saucha, eines der Niyamas, was so viel bedeutet wie Reinheit oder Klarheit. Gemeint ist damit nicht nur äußerliche Sauberkeit, sondern auch eine innere: ein klarer Geist, ein achtsamer Umgang mit dem Körper und dem, was wir ihm zuführen.

Viele Yogis und Yoginis, zum Beispiel in der Sivananda-Tradition, interpretieren diesen Grundsatz so, dass Substanzen wie Alkohol, Nikotin oder andere Drogen mit dem Yogaweg nicht vereinbar sind. Sie stören, so die Überzeugung, die Feinstofflichkeit des Körpers und trüben das Bewusstsein.

Und dennoch: Yoga ist keine dogmatische Religion mit starren Verboten. Die Praxis entwickelt sich, sie wird von Menschen gelebt – und Menschen sind unterschiedlich.

Was sagt die Yogaphilosophie wirklich?

Die Frage, ob Konsum und Yoga sich ausschließen, lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt unzählige Schriften und Traditionen, die ganz unterschiedlich ausgelegt werden können. Während manche Texte und Strömungen absolute Enthaltsamkeit forderten, nutzten andere Pflanzenstoffe bewusst als Teil ritueller Praktiken, um tiefere Bewusstseinszustände zu erkunden. So ist zum Beispiel in der Bhagavad Gita (Vers 9.20) sowie im Rig Veda (Mandala 9) die Rede von „Soma“, einem rituellen Trank, der ermöglichen soll, dem Göttlichen näher zu kommen. In manchen tantrischen Traditionen wird es noch konkreter: Im Kularnava Tantra oder Hevajra Tantra ist beispielsweise die Rede von Ritualen mit Alkohol – zur gezielten Tabu-Überschreitung und bewussten Auflösung der Dualität von rein und unrein.

Das alles bedeutet nicht, dass jeder Konsum spirituell gerechtfertigt ist. Es bedeutet aber, dass die Frage differenzierter betrachtet werden darf, als es auf den ersten Blick scheint. Geht es um Alltagskonsum oder eine rituelle Praxis? Entscheidend ist dabei auch die Intention: Geht es um Flucht, Betäubung oder Ablenkung? Oder um eine bewusste, verantwortungsvolle Begegnung mit dem eigenen Geist?

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Alkohol und Tabak: Die gesellschaftlich akzeptierten Substanzen

Alkohol ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet – und trotzdem ist er aus yogischer Sicht eine der Substanzen, über die am meisten nachgedacht wird. Er beeinflusst das Nervensystem, verändert die Wahrnehmung und wirkt sich langfristig auf die körperliche und geistige Gesundheit aus. Dabei geht es im Yoga nicht um Verbote oder moralische Urteile. Vielmehr schärft eine regelmäßige Praxis das Gespür dafür, wie sich bestimmte Substanzen im Körper anfühlen – und was sie mit der eigenen Energie, dem Schlaf oder der Konzentration machen. Viele Yogapraktizierende berichten, dass sie ganz natürlich weniger Lust auf Alkohol entwickeln – nicht weil eine Regel es vorschreibt, sondern weil sich das Gefühl der Verbundenheit mit sich selbst verändert.

Tabak wirkt ähnlich: Kurzfristig kann er entspannend wirken und den Moment des Innehaltens simulieren, den viele von uns suchen. Langfristig jedoch belastet er den Atem – und Pranayama, die yogische Atemarbeit, ist eine der zentralen Säulen jeder ernsthaften Praxis. Wie Lungenärzte erklären, besteht selbst bei moderatem Tabakkonsum bereits ein deutliches Risiko für Lungenfunktionsstörungen, die mit steigendem Konsum an Häufigkeit und Schwere zunehmen. Wer tief und frei atmen möchte, wird früher oder später feststellen, dass Tabak und Pranayama sich gegenseitig im Weg stehen.

Cannabis: Ein viel diskutiertes Thema

Foto: David Gabric via Unsplash

Kaum eine Substanz wird in der Yoga Community so kontrovers diskutiert wie Cannabis. Ein Teil der Praktizierenden lehnt es strikt ab und sieht es als unvereinbar mit einem klaren, achtsamen Geist. Ein anderer Teil berichtet, dass Cannabis ihnen hilft, leichter in meditative Zustände einzutauchen, Gedankenspiralen zu unterbrechen und körperliche Anspannung loszulassen, die sie sonst an einer tiefen Praxis hindert.

Diese Erfahrungen sind real und sollten nicht abgetan werden. Gleichzeitig sind die Auswirkungen von Cannabis auf den Geist individuell sehr verschieden. Was dem einen zu Entspannung verhilft, erzeugt beim anderen Angst oder Desorientiertheit. Eine pauschale Empfehlung kann und sollte hier niemand aussprechen.

Was dabei oft vergessen wird: Es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen einem Freizeitkonsum und einem medizinisch begleiteten Einsatz. Gerade für Menschen, die unter chronischen Schmerzen, Schlafstörungen oder Angstzuständen leiden, kann medizinisches Cannabis auf Rezept eine seriöse und ärztlich überwachte Option darstellen, die nichts mit unkontrolliertem Konsum gemein hat.

Fazit: Bewusstsein statt Verbote

Am Ende läuft die Frage nach Yoga und Konsum auf eine grundlegende Haltung hinaus: Wie gehst du mit dir selbst um? Yoga lehrt vor allem eines – Achtsamkeit. Achtsamer Konsum bedeutet, sich selbst ehrlich zu beobachten, die Wirkungen einer Substanz auf den eigenen Körper und Geist wahrzunehmen, und die Konsequenzen für die eigene Praxis nüchtern zu bewerten. Es geht nicht darum, perfekt zu sein oder äußeren Erwartungen zu entsprechen. Es geht darum, ehrlich mit dir selbst zu bleiben.

Yoga bietet einen Rahmen, in dem du dich selbst immer besser kennenlernen kannst – mit allem, was dazu gehört. Wie eine im Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlichte Studie der Universität Ulm zeigt, fördert regelmäßige Yogapraxis nachweislich die Körperwahrnehmung und den Zugang zum emotionalen Selbst – und damit genau jene Selbstwahrnehmung, die einen bewussten Umgang mit dem eigenen Körper erst möglich macht. In diesem Sinne ist die wichtigste Frage nicht „Darf ich?“ – sondern „Tut es mir gut?“

Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.


Zum Weiterlesen: Auch Ayahuasca-Zeremonien sind in der Yoga-Bubble immer wieder im Gespräch. Wir haben uns mit Yogalehrerin Nora Kersten über ihre persönliche Erfahrung mit dem Pflanzensud gesprochen. Hier geht’s zum Interview:

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