Dass es gar nicht so leicht ist, Gemeinschaft fair und sinnvoll zu gestalten, weiß die Soziologin und Professorin für Soziale Arbeit Maria Burschel sowohl aus ihrer Forschung als auch aus persönlicher Erfahrung – sie lebt in einer Wohnungsbau-Genossenschaft. Uns erklärte sie, worauf man für gute Gemeinschaft achten sollte.
Protokoll: Carmen Schnitzer / Titelbild: rancho_runner von Getty Images via Canva
1. Pragmatismus
„Wenn wir in einer funktionierenden Gemeinschaft leben wollen, brauchen wir meiner Ansicht nach einen ganz pragmatischen Blick auf das Ganze. Ein allzu großer Fokus auf die persönliche Erleuchtung, ein Überladen der ganzen spirituellen Entwicklung, kann da eher hinderlich wirken. Eher geht es darum, ein resilienter Mensch zu werden, der sich selbst gut kennt und in sich gestärkt ist. Dazu muss man natürlich an sich arbeiten. Aber nicht, um irgendwie eine ,höhere Version’ seiner selbst, sondern um gemeinschaftsfähig zu werden.“
2. Grenzen setzen
„In alternativen, intentionalen* und insbesondere auch spirituellen Gemeinschaften gibt es manchmal den Irrtum, es gäbe keine Grenzen mehr, alle müssten sich dem Kollektiv, einer höheren Idee unterordnen oder ,das Ego überwinden’. Auch die aus der Achtsamkeitspraxis bekannte Forderung, nichts zu bewerten oder sich nicht an Dinge, Gefühle oder Beziehungen ,anzuhaften’, wird gern mal so fehlinterpretiert, dass alles okay sei, und wenn man sich dran stört, müsse man eben mehr an sich arbeiten.
Es ist aber kein Manko, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu spüren und zu benennen, im Gegenteil! Nicht das Ego gilt es zu überwinden, sondern den Narzissmus, das ständige Um-sich-selbst-Drehen. Das Ego dagegen muss stark sein, damit wir empathisch sein können. Nur wenn ich geerdet bin, meine Bedürfnisse kenne, mit ihnen verbunden und im Jetzt bin, dann kann ich mich meinem Gegenüber zuwenden, Verbindung herstellen, unterstützen – aber auch klar sagen, was ich brauche, und anerkennen, was andere brauchen. Dann haben wir eine Verhandlungsbasis, auf der wir einen Konsens finden können.“
*Intentionale Gemeinschaften nennt man Gruppen von Menschen, die sich mit einem erklärten Ziel zusammentun – zum Beispiel gerechter, nachhaltiger und/oder spiritueller zu leben, indem sie etwa gemeinsam ein Dorf kaufen oder eine Hofgemeinschaft gründen.

3. Klare und einfache Regeln
„Hier habe ich insbesondere die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Blick, die in Gemeinschaften oft einem idealisierten, ,natürlichen’ Mutterbild geopfert wird. Eine klare Regel könnte hier zum Beispiel sein: Wir teilen die Kinderbetreuung 50:50 auf. Dies ist besonders für die unbezahlte, sogenannte Care-Arbeit wichtig, denn hier entstehen typische, meist geschlechtsspezifische Benachteiligungen. Auch eine gewisse Verbindlichkeit ist wichtig: In vielen intentionalen Gemeinschaften herrscht eine große Fluktuation, man bleibt zwei, drei Jahre in der tollen, familienähnlichen WG und zieht dann weiter. Wer übrig bleibt, sind nicht selten Mütter und Kinder. Es ist entscheidend zu verstehen, dass Gemeinschaft nicht nur kuschelige Geborgenheit bedeutet, sondern auch mit Aufgaben und Pflichten einhergeht, die gerecht aufgeteilt werden sollten. Da wären wir gleich beim nächsten Punkt …“
4. Gerechte Aufgabenteilung
„Die, die am lautesten brüllen, sind nicht unbedingt die mit den besten Ideen. Und der, der die Hand hebt und ‚Ich‘ ruft, wenn es um die Verteilung bestimmter Aufgaben geht, ist nicht zwangsläufig der Beste für den Job – auch wenn oft alle dankbar sind, dass sich ein Freiwilliger gefunden hat. Darum gibt es zum Beispiel die Methode der sogenannten soziokratischen Zirkel. Das sind – stark verkürzt erklärt – Arbeitskreise, in denen die Machtkonzentration auf eine Person vermieden wird. Durch Rotation der Kreise wird es außerdem möglich, dass wirklich alle an möglichst vielen Entscheidungsprozessen beteiligt sind und die weniger befriedigende Arbeit nicht an einigen wenigen hängen bleibt. Durch das Abwechseln bleibt es nicht aus, dass man auch mal die Komfortzone verlässt. Dass ein schüchterner Mensch vielleicht mal aus sich rauskommen muss und ein extrovertierter sich zurücknehmen. Aber das offenbart manchmal erstaunliche Talente!“
5. Verschiedenheit anerkennen
„In jeder Gemeinschaft gibt es Menschen, die etwas mehr Unterstützung brauchen als andere – Eltern mit Kleinkindern zum Beispiel oder Menschen mit Behinderungen. Diese sollten den Rhythmus vorgeben und nicht von den anderen, oft unabsichtlich, überrannt oder an den Rand gedrängt werden unter dem Deckmantel eines ,Wir sind alle gleich’-Gedankens.“

6. Machtstrukturen erkennen
„Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg, die in alternativen Gemeinschaften oft gepredigt wird, hat schon einen Sinn, kann aber dazu führen, dass Machtverhältnisse verschleiert werden. In Rosenbergs Behauptung, jeder sei für seine Gefühle allein verantwortlich, sehe ich eine Gefahr, weil sie zum Beispiel strukturelle Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten ausklammert. Gewaltfreie Kommunikation funktioniert nur, wenn beide Seiten empathiefähig sind, ein starkes Ego haben (siehe Punkt 2) und – ganz wichtig! – auch strukturell auf Augenhöhe sind. Das wird oft übersehen.“
7. Gemeinsame Ziele für gute Gemeinschaft
„Der Fokus auf Spiritualität und die berühmte ,Arbeit an sich selbst’ verstärkt oft Individualisierungsprozesse und schwächt das gesellschaftliche Engagement. Auch Yoga wird gern mal als Kraftquelle, als Mittel der Entschleunigung benutzt – aber oft nur, damit man dann wieder in dieser kapitalistischen Turbo-Gesellschaft ,funktioniert’. Das macht einen aber nicht unbedingt gemeinschaftsfähig, eher im Gegenteil. Ich halte zum Beispiel politisches Engagement für wichtig, weil es beim Ausprobieren und Finden neuer Gemeinschaftsformen eben auch darum geht, alte gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen und neue zu etablieren.“
Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 04/25 mit dem Titelthema „Gemeinschaft“.

Zu weiteren Schwerpunkten in Maria Burschels Arbeit gehören Familienforschung, Trennung und Scheidung sowie Narzissmus und Gaslighting.


