Yoga kann eine sinnvolle Unterstützung bei Rheuma sein. Worauf genau sollten Rheumapatient*innen und ihre Yogalehrenden in der Praxis achten? Das fragten wir den Berliner Arzt und Iyengar-Yogalehrer Dr. med. Hermann Traitteur.
Text: Nici Tannert / Titelbild: Humberto Guzman von Pexels via Canva
Hier geht es zum ersten Teil des Artikels:
Wie gehst du als Yogalehrer damit um, wenn dir ein*e Schüler*in sagt, dass er oder sie an Rheuma leidet?
Die erste Frage ist: Bist du gerade in einem Schub? Beziehungsweise: Wie lange ist der letzte Schub her? Wer gerade entzündungsfrei ist und sich vom letzten Schub bereits erholt hat, kann in unseren allgemeinen Yogaklassen mitüben. Die möglicherweise steiferen Gelenke lassen sich in der normalen Yogapraxis gut mobilisieren.
Und wenn es noch nicht so lange her ist?
Dann beginne ich mit Einzelstunden von 45 bis maximal 60 Minuten oder mit der Aufnahme in die Therapieklasse. In einer allgemeinen Klasse würde es Betroffenen sonst hinterher wahrscheinlich eher schlechter gehen, sowohl körperlich als auch mental. Körperlich, weil die Gelenke noch entzündet und dadurch schnell überreizt sind, und dann alles weh tut. Und mental, weil es natürlich frustrierend ist, wenn du nicht alles mitmachen kannst, was die anderen üben. Die Yogaklasse sollte keinen zusätzlichen Stress erzeugen.
Was ist im Therapie- oder Einzelunterricht anders?
Hier kann ich mich voll auf meine Patient*innen konzentrieren und auf ihre Probleme eingehen. In Therapieklassen beginnen wir in aller Regel mit einer individuellen Haltung, in der wir die betroffene Region erst mal entspannen. Die Gelenke und angrenzenden Muskeln sind ja alle in Panik. Selbst Gewichte, die man bei anderen Krankheitsbildern gerne auflegt, um die Entspannung zu unterstützen, können bei Entzündungen schnell zu viel sein, weil die Gelenke so irritiert sind. Da reicht manchmal schon das Gewicht einer Decke.

Wie gehst du bei aktiveren Asanas mit den betroffenen Gelenken um?
Wir beginnen mit Haltungen, bei denen die Belastung möglichst weit weg ist von dieser Region. Wenn also die Finger- und Handgelenke schmerzen, lasse ich Stehhaltungen üben. Wenn die Füße betroffen sind, empfehlen sich sitzende Asanas wie Bharadvajasana auf dem Stuhl oder liegende wie Supta Padangushthasana. Umkehrhaltungen können im Seil oder mit dem Stuhl geübt werden, um das Körpergewicht herauszunehmen. Im Laufe der Genesung und mit zunehmender Praxis tasten wir uns dann Stück für Stück weiter vor.
Das heißt: Kommunikation zwischen Übenden und Lehrenden ist wichtig.
Ja, wir lassen unsere Teilnehmer*innen in jeder Therapieklasse evaluieren: Wie geht’s mir vor der Klasse? Wie geht’s mir nach der Klasse? Und – die wichtigste Frage: Wie ging es mir am Tag nach der letzten Klasse? Denn kurz nach der Stunde ist der Körper vielleicht noch in Aufruhr. Entscheidend ist also das Empfinden mit ein bisschen Abstand.
Und wenn es dann aufwärts geht, …
… bringen wir ihn oder sie wieder in die Bewegung durch dynamischeres Üben, touch & go, ohne langes Halten, mehrmals rein und raus, bevor es dann erst später wieder in die genauere Ausrichtung geht. Der Körper braucht Zeit, sich wieder zu entwickeln.
Können Rheumapatient*innen irgendwann in eine allgemeine Klasse wechseln?
Ja. Ich habe zum Beispiel einen Patienten, der in unseren normalen Klassen übt. Er nutzt verstärkt die Hilfsmittel, weil sich beispielsweise die Handgelenke nicht so beugen lassen wie bei anderen. Parallel besucht er die Therapieklasse, um gezielt gegen die Steifheit in den deformierten Gelenken vorzugehen. Allerdings vorsichtig, um keine neuen Schübe auszulösen. Aber oft gibt es viel längere entzündungsfreie als akute Phasen. Die können die Patient*innen zur Prävention nutzen und um die Beweglichkeit wiederherzustellen.
Inwiefern wirkt denn Yoga bei rheumatoider Arthritis präventiv?
Eine klassische Iyengar-Yogastunde zum Beispiel beginnt mit einem aktiverem Teil, der die Leute auf ihrem Stresslevel abholt, sie mobilisiert und Kraft aufbaut. Bei uns spielen außerdem die Umkehrhaltungen eine zentrale Rolle. Sie haben eine ausgleichende Wirkung auf das Immun- und Nervensystem. Am Ende gibt es die Entspannung, um zur Ruhe zu kommen. Dieser Rhythmus reduziert chronischen Stress, der zu den häufigsten Auslösern von Autoimmunerkrankungen wie Rheuma gehört.
Aber die Yogastunden ersetzen nicht die Schulmedizin?
Nein. Ich würde nie jemandem versprechen, eine Akutphase nur durch Yoga zu therapieren.
Dieses Interview stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 01/26.

Dr. med. Hermann Traitteur beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Yogatherapie. Physisches und anatomisches Grundlagenwissen vermittelt er in Aus- und Fortbildungen und in seinen Büchern „Yoga Asana Anatomie“ und „Yoga Asana Physiologie“. iyengar-yoga-berlin.de

Unsere Autorin Nici Tannert ist Iyengar-Yogalehrerin und unterrichtet online und in Leipziger Studios. yogakraftwerk.de


