Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an „das Weibliche“ denkst? Begriffe wie mütterlich, mitfühlend, anmutig, sanft? In vielen spirituellen Traditionen begegnet uns das weibliche Prinzip auf diese Weise. Nicht so im Tantra. Hier tritt uns die Göttin auch in wilder, herausfordernder und zuweilen verstörender Gestalt entgegen. Diana Sans gibt dir hier einen Einblick in die Welt der tantrischen Weisheitsgöttinnen (Mahavidyas).
Text: Diana Sans / Titelbild/Illustration: Hanna Tembrink (KI-generiert/Midjourney)
Stell dir eine Welt vor, in der sich das Heilige in jedem Aspekt der Schöpfung offenbart. Eine Spiritualität, die das ganze Universum samt diesem Planeten, seiner Natur und jedem einzelnen Wesen darin als Körper der Göttin verehrt. Einen spirituellen Weg, auf dem dein Körper, deine Gefühle und Sehnsüchte kein Hindernis sind, sondern ein Portal. Eine spirituelle Praxis, die sich in jedem Moment deines Lebens entfaltet, in der U-Bahn genauso wie auf dem Meditationskissen … willkommen in der Welt des Tantra!
Wie kaum eine andere spirituelle Tradition gibt Tantra dem weiblichen Prinzip Raum und Bedeutung. Das ist vor allem deshalb für uns so bedeutsam, weil wir seit langen Jahrhunderten in einer Welt leben, in der das männliche Prinzip dominiert: Die großen Weltreligionen sind allesamt geprägt von männlichen Religionsstiftern, patriarchalischen Strukturen und maskulinen Gottheiten. Dazu gehört auch ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber unserer Sinnlichkeit und unserem Körper, das sich oft in religiöser Strenge, Praktiken der Läuterung und dem Streben nach Perfektion ausdrückt.
Das Weltbild des Tantra
Im Weltbild des Tantra ist das anders, aber nicht, weil hier etwa das Weibliche dominieren würde. Hier gibt es nur ein Wesen, ein absolutes Bewusstsein, das sich als dieses Universum verkörpert. Es manifestiert und erfährt sich in einer unendlichen Vielzahl von individuellen Formen – als Galaxie … als Wolke am Himmel … als Fisch … als Baum … als du und ich. Es blickt durch Milliarden von Augenpaaren auf das Universum und damit auf sich selbst. Du brauchst es nirgendwo außerhalb deines Selbst zu suchen und kannst es gleichzeitig in allem und jedem, das dir begegnet, erkennen.
Dieses eine absolute Bewusstsein hat zwei Aspekte, die untrennbar miteinander verbunden sind – einen männlichen und einen weiblichen. Shiva steht für den männlichen Aspekt des Göttlichen, er ist der formlose, transzendente Urgrund des Seins, stilles Gewahrsein jenseits von Zeit und Raum, für uns Menschen un(be)greifbar. Shakti, die Göttin, ist der weibliche Aspekt des einen. Sie verkörpert die dynamische Energie und die manifestierende Kraft des Universums, jene also, die sich ausdrückt in Form und Gestalt. Wir begegnen ihr in unermesslicher Vielfalt als „diese Welt“, also in allem, was wir im Inneren oder Äußeren wahrnehmen können. Sie entfaltet sich als pulsierendes Universum und als Tanz des Lebens.
Du möchtest mehr erfahren? Hier findest du eine Einführung in Tantra.
Kraftvoll & ungezähmt: Die 10 Mahavidyas
Dementsprechend hat Shakti viele Gesichter. Zu ihren kraft- und eindrucksvollsten gehören die zehn tantrischen Weisheitsgöttinnen, die Mahavidyas. Jede dieser kosmischen Urkräfte verkörpert einen universellen Aspekt der Schöpfung – und unseres Lebens. Mal verstörend und wild, mal anmutig und sanft, führen sie uns weit über die kulturell eingeprägten Vorstellungen des Weiblichen hinaus. Sie fordern uns gleichzeitig heraus und halten uns in Liebe. Ihre Mission ist unsere innere Freiheit: Die Mahavidyas weisen uns den Weg in ein radikal freies, erwachtes Leben.

„Die Göttin muss man spüren, nicht denken.“ Dieser Satz begleitet mich, seit ich vor einigen Jahren ein heftiges Sommergewitter erlebte. In diesem tosenden, furchteinflößenden Unwetter, das mich bis ins Innerste erschauern ließ, begegnete ich ganz unmittelbar der rohen, heftigen und bereinigenden Energie von Kali. Kali ist die bekannteste der Mahavidyas, die dunkle Ur-Mutter. Alle anderen neun Göttinnen gehen aus ihr hervor. Manche von ihnen – wie etwa Lalita und Kamala – sind verführerisch schön, reich geschmückt, mit Lotusblüten in den Händen. Andere – wie Bhairavi und Chinnamasta – wirken furchteinflößend, nackt und blutbeschmiert halten sie erhobene Schwerter. Dahinter steckt eine tiefe Bedeutung: Die zehn tantrischen Weisheitsgöttinnen sind nicht einfach Archetypen oder mythologische Figuren, sie verkörpern universelle kosmische Kräfte, die überall in der Welt am Wirken sind, auch in dir selbst.
Du kannst sie dir als Energie-Signaturen vorstellen: Die heftige, erneuernde Energie der Göttin Kali steckt also nicht nur in einem Gewittersturm oder einem politischen Umsturz, sondern auch in deinem nächsten Wutausbruch, wenn du aufgestautem Unmut endlich so richtig Luft machst. Das ist auch der Hintergrund des Satzes „Du musst sie spüren, nicht denken“: Die tantrische Göttin ist Schwingung, Frequenz und Energie. Sie entzieht sich jedem Versuch, sie zu begreifen. Du begegnest ihr nicht als intellektuelles Konzept, sondern in direkter, unmittelbarer Erfahrung. Dafür haben die Tantriker feinstoffliche Praktiken entwickelt, die mit Klang, Atemlenkung und Visualisierung arbeiten.
Die paradoxe Natur des Weiblichen im Tantra
Dabei sind die weiblichen Gottheiten des Tantra Verkörperungen des Paradoxen: Jede von ihnen ist zugleich spürbar und unbegreiflich, sie kann dich gleichermaßen binden und befreien, also deine wahre Natur verhüllen oder offenbaren. Kali und all die anderen Göttinnen sind Kräfte, die dich in der leidvollen Begrenzung deiner flüchtigen Person gefangen halten. Zugleich sind sie aber die Sprengerinnen deiner Ketten, weil sie dich über jede „Ego-Identität“ hinausführen in die Grenzenlosigkeit deines wahren Ich.
Wer den tantrischen Weg geht, muss bereit sein, sich auf solche Paradoxien einzulassen und Gegensätze zu umarmen. Der rationale Verstand wird so lange mit Widersprüchlichkeit gefordert, bis er aufgibt, denn da, wo Logik nicht mehr weiterführt, beginnt eine tiefere Wahrheit.
Diese paradoxe Natur des Weiblichen spiegelt sich in den bildgewaltigen Darstellungen der zehn Mahavidyas, in denen sich Totenschädel und bluttriefende Schwerter Seite an Seite mit Lotusblüten und segnenden Mudras finden. Warum begegnet uns das Heilige Weibliche im Tantra auf so widersprüchliche und oft verstörende Weise? Ganz einfach: Weil es nicht um Idealbilder geht, sondern um Wahrhaftigkeit. Wenn wir zu einer Frau sagen „Du bist eine Göttin“, meinen wir gemeinhin: „Du bist strahlend, schön und selbstbewusst.“ Die tantrische Göttin ist all das – und noch viel mehr. Sie ist anmutig und furchteinflößend. Sanftmütig und blutdürstig. Königlich und wild. Verspielt und düster. Sie vereint in sich alle Gegensätze. Sie sprengt alle Konventionen, jedes spirituelle Klischee und jede unserer Vorstellungen.
Sich dem Leben in all seinen Facetten hingeben
Ihr zu begegnen erfordert Mut, denn sie verkörpert nicht nur unser Licht, sondern auch die Schatten, die wir in uns tragen. Wir müssen also bereit sein, uns den dunklen Aspekten in uns zuzuwenden. Es ist nicht leicht, uns unserer Wut und Traurigkeit, unseren Ängsten und sonstigen inneren Dämonen zu stellen. Den Schmerz ebenso tief zu fühlen wie die Freude. Und uns wahrhaftig und ohne Vorbehalte aufs Leben einzulassen – mit all seinen Höhenflügen und all seinen Abgründen.
Der tantrische Weg des Weiblichen ist ein Weg liebevoller Akzeptanz für uns selbst und das Leben in all seinen Facetten. Wir lernen, das Heilige in allem zu sehen und finden so in die Ganzheit zurück, die unsere Quelle ist. Es ist kein Schönwetter-Weg, sondern ein unbequemer und radikal ehrlicher, auf dem es kein Ausweichen gibt, sondern nur ein Mittendurch. Nichts wird geleugnet, nichts wird verdrängt, denn alles ist gleichermaßen heilig und ein Aspekt der Göttin. Am Ende dieses Wegs steht das staunende Erkennen unserer wahren, göttlichen Natur.
Ich bin überzeugt: Es ist Zeit für die Rückkehr der Göttin. Sie bringt Heilung und Balance in unsere Zeit voller Spaltung und innerer Zerrissenheit. Wir alle, Frauen wie Männer, sind aufgerufen, dem weiblichen Prinzip Raum zu geben – in unserem Bewusstsein, unserem Miteinander und im Umgang mit unserem Planeten. „Weiblicher“ leben bedeutet in diesem Sinn: allen Erfahrungen präsent und offen gegenüberzutreten, das angestrengte Streben nach Kontrolle loszulassen, unserer Intuition ebenso zu vertrauen wie der Stimme der Vernunft und uns verbunden zu fühlen im großen Gewebe des Lebens. Auf dem Weg der tantrischen Göttinnen lernen wir, nicht nur aus dem Kopf, sondern auch und vor allem aus dem Herzen zu leben. Mögen wir Freiheit finden und Freude in diesem Tanz durch Licht und Dunkelheit.
Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 06/2025 mit dem Titelthema „Weibliche Kraft“.

Diana Sans unterrichtet seit 2007 Yoga in München und bildet Yogalehrende aus und weiter. Sie gilt als eine der führenden deutschen Stimmen des klassischen Tantra und hat zu diesem Thema zwei Bücher und ein Kartenset veröffentlicht. Ihr Buch „Mit dem Leben tanzen“ (O.W. Barth, 2024) widmet sich den tantrischen Weisheitsgöttinnen.
Mehr Info auf dianasans.com und spanda.education
Zum Weiterlesen: Hier geht’s zu einem Interview mit Sally Kempton über Tantra und Shakti …


