Wie empfinden wir Zeit in der Asana-Praxis und beim Üben, wie gehen wir mit ihr um und wie wirkt sich das dann aus? Unsere Autorin macht sich Gedanken über die Praxis mit Timer und ohne – und wie wir die Zeit irgendwann völlig vergessen.
Text: Nici Tannert / Titelbild: hsyncoban von Getty Images Signature und paologallophoto via Canva
Eine der schönsten Yogastunden, die ich erleben durfte, verlief so: Raya Uma Datta, Iyengar-Seniorteacher im indischen Pune, leitete keine Sequenz an, sondern ermunterte uns, Yogahaltungen wie Speisen von einem opulenten Büfett zu wählen: Als Vorspeisen gab es eine Auswahl an stehenden Vorwärtsbeugen. Wir konnten daraus verschiedene kleine Asana-Portionen verkosten oder etwas länger an einer einzelnen Übung herumkauen – je nachdem, was wir in dem Moment wollten oder brauchten. Für den Hauptgang standen diverse Umkehrhaltungen und sitzende Vorwärtsbeugen auf der Speisekarte. Wir richteten unsere Sinne nach innen und beobachteten unsere Empfindungen, um zu spüren, welche Asana die nächste sein sollte und wann der richtige Zeitpunkt wäre, sie wieder zu verlassen. Es wurde eine zugleich sehr stille und intensive Praxis, bei der sich alle in ihrem ganz eigenen Rhythmus durch eine ganz persönliche Abfolge bewegten. Und doch fanden wir uns fast zeitgleich beim „Dessert“ in Shavasana wieder. Ganz beseelt.
Zeitempfinden und Yoga
Zeitempfinden ist relativ: Auch in der Yogapraxis. Zehn Minuten in einer Entspannungshaltung können vergehen wie ein Wimpernschlag. Aber wie würdest du reagieren, wenn du dich für den Bogen auf den Bauch legst, nach den Fußgelenken greifst, die Knie vom Boden löst und dann hörst: „Bleibe zehn Minuten“? Zeitempfinden ist subjektiv: Eine Minute in Chaturanga Dandasana ist für einen muskulösen Mann wahrscheinlich ein Klacks, während die meisten Frauen schon beim Gedanken daran das Weite suchen möchten.
Es gibt zwei Möglichkeiten, die Dauer für das Verweilen in einer Asana zu bestimmen: chronologisch – also mit einem Timer – oder nach dem eigenen Empfinden. Während Timer in der Meditation gang und gäbe sind, kommen sie in der Asana-Praxis nur in wenigen Stilen zum Einsatz. Aber es ergibt durchaus Sinn, ab und zu so zu üben: Die vom Timer vorgegebene Zeit stellt zum Beispiel in länger gehaltenen asymmetrischen Haltungen sicher, dass man beide Seiten gleich lange übt.
Sie unterstützt uns dabei, uns aus der Komfortzone herauszubewegen, auch wenn da keine Gruppe, keine Anleitung ist, die eine gewisse Zeit vorgibt. So können wir herausfinden, was passiert, wenn wir eine Haltung eben nicht beim kleinsten Widerstand wieder auflösen. Wie geht es mir, wenn ich Trikonasana mal eine halbe Minute pro Seite halte. Oder eine ganze. Oder gar 2 Minuten? So kann uns der Timer dabei unterstützen, sowohl körperlich als auch mental Kraft und Ausdauer aufzubauen.

Die Uhr im Kopf
In Vorbereitung auf meine erste Yogalehrer-Prüfung habe ich ein Jahr lang mit diversen Timern experimentiert. Die Prüfungssequenz umfasste damals 60 Asanas, die wir nicht nur unterrichten, sondern auch jeweils eine Minute halten können sollten. Die Umkehrhaltungen noch länger. Ich fand einen Timer, bei dem ich zwei alternierende Countdowns eingeben konnte: Einen stellte ich auf 1 Minute für die Asana an sich, den anderen auf 30 Sekunden für den Haltungs- oder Seitenwechsel. Asana, Wechsel, Asana, Wechsel, Asana … Heraus kam ein über zweistündiges Workout, das ich mehrmals die Woche trainierte. Workout. Training. Anders kann ich es gar nicht nennen. Yoga war es jedenfalls nicht, denn ich war im Kopf meist bei der Uhr. Und trotzdem war diese Phase des mechanischen Übens ein Quantensprung auf meinem Yogaweg, denn sie schenkte mir die Stärke, Beweglichkeit und Energie, um tiefer gehen zu können.
Allerdings verleiten Timer auch dazu, vor allem das Ego zu befriedigen. Abhijata Iyengar erzählt dazu gern eine Geschichte: Sie hatte sich vorgenommen, den Kopfstand 20 Minuten lang zu halten. Also stellte sie sich einen Timer vor die Nase und ging in die Haltung. Die ersten 10 Minuten waren noch okay, dann ließ die Kraft nach, die Arme begannen zu zittern, die Schultern brannten, sie bekam Schweißausbrüche und schielte immer wieder zur Uhr. Noch 7 Minuten, noch 5, noch 3 …
Eine gefühlte Ewigkeit. Aber sie hielt durch. Danach strahlte sie ihren Großvater B.K.S. Iyengar an, der in einer anderen Ecke des Raumes geübt hatte. „Was hast du gemacht?“, fragte er. Sie antwortete stolz: „20 Minuten Kopfstand!“ „Und weiter?“, wollte er wissen. Abhijata war total perplex. So lange auf dem Kopf zu stehen war doch der Hammer – was wollte er denn noch? Daraufhin ließ er sie stehen und sie hörte ihn im Weggehen vor sich hinmurmeln: „Was für eine Zeitverschwendung.“
Freundschaft schließen und Timing
B.K.S. Iyengar hat selbst oft mit Uhr geübt. Auf Fotos sieht man ihn in Umkehrhaltungen oder spektakulären Rückbeugen mit einem Timer vor sich. Doch für ihn ging es nicht darum, möglichst lange auszuhalten, es war genau umgekehrt: Er wollte sich nicht endlos in der Haltung verlieren. Davon sind die meisten von uns weit entfernt. Es braucht Zeit, mit einer Asana so vertraut zu werden, dass man sie gar nicht mehr verlassen möchte. Wer mit einer Yogahaltung Freundschaft schließen möchte, muss sie erst besser kennenlernen. Das ist nicht anders als in zwischenmenschlichen Beziehungen.
In dieser Kennenlernphase sollte man behutsam mit Zeitvorgaben umgehen: eine allzu ehrgeizige Timer-Einstellung ist da eher kontraproduktiv. Wir dürfen uns herantasten, Stück für Stück. Wenn wir nur noch hoffen, dass es gleich vorbei ist, und uns nur noch pure Willenskraft in der Asana hält, dann üben wir nicht Yoga, wir sitzen auf eine anstrengende Weise Zeit ab. Die Kehle wird hart, die Muskeln verspannen sich, der Atem fließt nicht mehr ruhig und gleichmäßig, hält vielleicht sogar an.
Es ist ein aggressives Üben auf rein körperlicher Ebene, ein Kämpfen und Krampfen. Also das genaue Gegenteil von dem, was Patanjali als Ideal beschrieben hat: Prayatna saithilya anantya samapattibhyam (Yoga-Sutra II,47): „Die Vollendung ist erreicht, wenn die Haltung mühelos ausgeführt wird und man in der universalen grenzenlosen Einheit versunken ist.“ Dabei bedeutet „mühelos“ nicht, dass keinerlei Anstrengung nötig wäre. Aber wenn wir die Anstrengung, in einer Haltung zu bleiben, mit einer Art freundlichen Mühelosigkeit aufrechterhalten können, kommen wir darin an wie in einem Zuhause. Dann können wir uns in die Asana regelrecht hineinsetzen (asana = Sitz), auch wenn wir auf dem Kopf stehen.

Zeit zum Üben
Das setzt einiges voraus: Wir brauchen Stabilität durch eine gute Erdung. Wir brauchen Leichtigkeit durch Mobilität und Weite im Körper. Wir brauchen Ausgeglichenheit, zum Beispiel durch entspannte Gesichtsmuskulatur und bewusste Atmung. Wir brauchen Gegenwärtigkeit durch die Konzentration nach innen. Und all das erreichen wir nur durch eine regelmäßige und eben manchmal auch mühevolle Praxis. Wir brauchen also Zeit zum Üben. Auf einer energetischen Ebene passiert dabei etwas Faszinierendes: Rastlosigkeit (rajas) und Trägheit (tamas) im Halten der Asana nehmen ab und weichen einem sattvischen Zustand.
Zeit und Energie
Das bedeutet: Wir können Harmonie und Ausgeglichenheit in der Asana erfahren. So kann sich ihre energetische Wirkung voll entfalten: die tiefe Ruhe, die Vorwärtsbeugen mit sich bringen. Die belebende Energie der Rückbeugen. Die Frische, die wir aus Umkehrungen ziehen. Im sattvischen Zustand der Asana brauchen wir keinen Timer mehr: Wir spüren ganz deutlich, was die „richtige“ Dauer ist. Dieses angenehme, ausgeglichene Stadium dauert ein paar Atemzüge oder auch mehrere Minuten. „Nach und nach beginnt eine Art Unruhe zu entstehen. Dann wird es Zeit, sich zu ergeben“, erläuterte Iyengars Tochter Geeta 2009 in einem Interview. „Du sagst dir: Okay. Bis hierhin bin ich gekommen, jetzt verliere ich die Kontrolle, da mein Rücken, meine Wirbelsäule, meine Beinrückseite sich bemerkbar machen. Nun ist es Zeit, die Asana anmutig zu verlassen.“ Anmutig. Das geht nur, wenn noch nicht alle Kräfte aufgebraucht sind.
Wenn man derart in Verbindung mit der Asana, dem eigenen Körper und dem Empfinden ist, spielt die äußerlich messbare Zeit eigentlich keine Rolle mehr. Wir üben sozusagen losgelöst von ihr, in unserer eigenen Zeit. Es kann aber trotzdem interessant sein, diese Zeit in einer Asana zu stoppen. Also nicht vorher festzulegen, wie lange sie gehalten werden soll, sondern hinterher auf die Uhr zu sehen, um sich ein Bild davon zu machen, wie lange der ausgeglichene Zustand in der Position angehalten hat: Daran können wir Entwicklungen oder Befindlichkeiten ablesen.
Zeitgefühl beim Yoga
Mit dem Zeitgefühl ist es ja sowieso so eine Sache: In früheren Zeiten wurde mehr nach den natürlichen Zyklen gelebt. Mit der Dunkelheit gingen die Menschen ins Bett und bei Sonnenaufgang standen sie wieder auf. Heute können wir die Nacht zum Tag machen, Zeitzonen überfliegen und mit Muntermachern oder Schlafmitteln unseren Biorhythmus täuschen.
Zur richtigen Zeit
Weil wir es inzwischen gewohnt sind, dass alles zu jeder Zeit schnell zu bekommen ist, werden wir ungeduldig, wenn es mal nicht so ist: Wenn die Freundin nicht sofort auf eine WhatsApp-Nachricht antwortet, wenn der coole Filmtipp nicht gestreamt werden kann, wenn die Asana nicht gleich klappt, die bei anderen so leicht aussieht. Auch da ist Yoga aber ein guter Lehrer: Die regelmäßige Übungspraxis auf der Matte hilft uns nicht nur, Geduld zu üben. Wir können auch wieder mehr Gespür für das richtige Timing und die uns innewohnende körperliche Intelligenz entwickeln. Asanas sollen stabil und leicht sein. Aber sie bringen eben auch Stabilität und Leichtigkeit in unser Leben.
Atha yoga-anushasanam (Yoga-Sutra I,1): „Jetzt beginnt das Studium des Yoga.“ Mit diesem Vers beginnt Patanjali das Yogasutra. Man könnte auch sagen: Heute ist ein guter Tag für Yoga. Wie lange die Praxis dauert, wie lange die jeweilige Asana, das wird sich zeigen. Das Schönste ist ja, wenn sich die Zeit völlig auflöst in einen Zustand der Zeitlosigkeit. Wenn die Zeit still zu stehen scheint: Du weißt, dass du eine gute Yogapraxis hattest, wenn du anschließend überrascht bist, wie viel Zeit vergangen ist. Du hast zeitweilig jedes Zeitgefühl verloren – und wertvolle Zeit gewonnen.

Nici Tannert ging nach der Arbeit an dem Artikel auf die Matte und hat die alte Prüfungssequenz nochmal geübt. Ohne Timer. Ohne Druck. Ohne eine Ahnung, wie lange es gedauert hat. Sie ist Iyengar Yogalehrerin und unterrichtet online und in Leipziger Studios. yogakraftwerk.de
Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 05/2025 mit dem Titelthema „Zeit“.
Mehr über die Bedeutung von Zeit in der Yogaphilosophie erfährst du im Interview mit Anna Trökes:
Hilfreiche Impulse zum Thema Zeitmanagement und Yoga findest du hier:


