Zwischen Reiz und Reaktion: Wie wir durch Meditation weniger zum Handy greifen

Es wird derzeit viel über Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche diskutiert, wie sie etwa in Australien beschlossen wurden. Aus Sicht unseres Gastautoren kommt diese Debatte auch hierzulande zu spät – und greift gleichzeitig zu kurz. Denn sie lenkt von einem unbequemen Punkt ab: Wir Erwachsenen sind längst Teil desselben Problems. Warum wir unser Handy nicht aus der Hand legen – und was Meditation damit zu tun hat, liest du hier …

Kommentar von Bernhard Lermann / Titelbild: Becca Tapert via Unsplash

Die Gefahren digitaler Medien sind real. Cybermobbing, Hetze, soziale Isolation, Depressionen – all das betrifft junge Menschen in besonderem Maße. Doch wer glaubt, dass sich diese Entwicklungen allein durch Verbote für Jugendliche eindämmen lassen, macht es sich zu einfach. Während wir über die Disziplin der Jüngeren sprechen, stellen wir unsere eigene kaum infrage.

Die Geschichte, die wir uns erzählen

Wir greifen genauso selbstverständlich zum Smartphone – vielleicht sogar häufiger. Nur haben wir gelernt, unser Verhalten besser zu rechtfertigen. Wir informieren uns über die Weltlage, organisieren unseren Alltag, kommunizieren effizient. Das ist zumindest die Geschichte, die wir uns erzählen. Tatsächlich aber reicht oft ein kleiner Impuls: eine kurze Pause, eine aufkommende Frage, ein Moment der Leere. Und schon liegt das Smartphone wieder in der Hand. Im Restaurant, wenn das Gegenüber kurz aufsteht. Beim Filmeabend, wenn ein Name fällt, den man „nur schnell nachschauen“ will. In Diskussionen, wenn man sich rückversichern möchte, wer recht hat. Der Übergang vom Impuls zur Handlung ist kaum noch spürbar – genau darin liegt das eigentliche Problem.

Gewohnheit statt Entscheidung

Wir verlangen von Jugendlichen Selbstkontrolle in einer Umgebung, die wir selbst kaum kontrollieren können. Und gleichzeitig fehlt uns oft die Bereitschaft, das eigene Verhalten ernsthaft zu hinterfragen. Dabei ist seit Langem bekannt, dass Verhalten weniger von bewussten Entscheidungen als von Gewohnheiten gesteuert wird. Autoren wie James Clear („Die 1%-Methode“) haben diesen Zusammenhang populär gemacht: Wer etwas ändern möchte, muss nicht nur Einsicht gewinnen, sondern seine Reaktionsmuster erkennen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir unsere Bildschirmzeit reduzieren sollten. Sondern ob wir überhaupt noch wahrnehmen, wann und warum wir handeln.

Foto: Jae Park via Unsplash

Der Moment dazwischen

Was wäre, wenn wir nicht sofort auf jeden Impuls reagieren würden? Wenn zwischen Reiz und Handlung ein kurzer Moment entsteht – ein Innehalten, bevor wir zum Handy greifen oder auf einen Kommentar antworten? Genau dieser Moment lässt sich trainieren. In der Vipassana-Meditation geht es nicht darum, abzuschalten oder einen besonderen Zustand zu erreichen. Es geht darum, die eigenen Gedanken, Impulse und Reaktionen bewusst wahrzunehmen. Man beobachtet, wie Gedanken auftauchen und wieder verschwinden, wie ein Impuls entsteht und sich auflöst, ohne dass man ihm folgen muss. Diese Erfahrung ist zunächst unspektakulär, aber sie hat Konsequenzen: Wer erkennt, dass ein Impuls nicht automatisch zur Handlung führen muss, gewinnt einen kleinen, aber entscheidenden Spielraum zurück.

Weniger Reflex, mehr Entscheidung

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Smartphones aus dem Alltag verbannen oder plötzlich vollkommen kontrolliert handeln. Aber vielleicht greifen wir ein paar Mal weniger reflexhaft zum Gerät. Vielleicht reagieren wir gelassener. Vielleicht wird aus einem Automatismus wieder eine Entscheidung. Und vielleicht wäre genau das der sinnvollere Ausgangspunkt für die aktuelle Debatte: nicht die Frage, wie wir Jugendliche regulieren, sondern wie wir selbst anfangen, unser Verhalten zu verstehen. Denn Vorbilder entstehen nicht durch Regeln, sondern durch gelebte Praxis.


Bernhard Lermann arbeitet seit über 30 Jahren als Journalist, unter anderem für GQ.com und Vanity Fair. Heute ist er als strategischer Kommunikationsberater für Unternehmen aus der B2B-Technologie tätig. Als Meditationslehrer im Binger Yoga-Studio „The Soft Spot“ beschäftigt er sich mit dem achtsamen Umgang mit digitalen Gewohnheiten.

Zum Weiterlesen: In diesem Artikel erklärt Rina Deshpande anhand der Yogaphilosophie, warum wir uns modernen Technologien so schwer entziehen können:

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