Nachgefragt bei Sonja Söder

Yoga und Workout – Wie passt das zusammen?

 

Wer die heutige Yogawelt betrachtet, stellt fest, dass Yoga innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte eine unglaublich hohe Zahl an Stilblüten hervorgebracht hat. Selbst Yogarichtungen aus einer Entwicklungszeit von mehreren Tausend Jahren werden dabei um ein Vielfaches überstiegen. Die meisten „neuen“ und immer populärer werdenden Stile finden ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten. Ähnlich wie die Fitnesswelle in den 80er Jahren von Amerika nach Europa schwappte, so erreicht uns auch das westliche Yoga aus den USA.

Die Parallelen sind unverkennbar: Massenmobilisation, Kommerzialisierung, inhaltliche Systematisierung sowie die Dominanz amerikanischer Konzepte. Wer sich Yogakongresse anschaut, fühlt sich in die Anfänge der Fitness- und Aerobic-Conventions zurückversetzt. „Presenter“ (heute: „Yoga-Presenter“) üben mit Massen von Menschen alle möglichen Yogastile – je intensiver und schweißtreibender, desto gefragter.

Auspowern als Hauptmotivation

Von diesem Standpunkt aus betrachtet hat ein gewisser Teil der westlichen Yogakultur sehr viel mit „Workout“ zu tun. Es ist offensichtlich, dass Yoga in vielen Fällen Menschen begeistert, die nicht in erster Linie die „höheren Ziele“ des Yoga vor Augen haben, sondern ganz profan Bewegung, Schwitzen oder Auspowern als Hauptmotivation für ihre Praxis sehen. Genau diese Beweggründe wurden von verschiedenen Yogakonzepten früh erkannt; ein typisches Beispiel ist Power Yoga. Hier lässt der Name unterschiedliche Interpretationen zu. Einerseits könnte „Power“ ganz neutral für Energie oder Kraft stehen (Energie Yoga, Energetisches Yoga, Lebensenergie), andererseits ist die Assoziation mit der Fitnessbranche unübersehbar. Besonders in diesem Zusammenhang steht „Power“ für körperlich besonders anstrengende Trainingsformen und lässt auf einen Anspruch auf mehr Jugendlichkeit, Leistungsfähigkeit und dem Streben nach gängigen Schönheitsidealen schließen.

Natürlich hat jeder Yogastil seine Berechtigung, und besonders wir Yogaübenden sollten Toleranz und Akzeptanz als eine der bedeutendsten Prinzipien unserer Lebenseinstellung ansehen. Egal, ob Yogapraktizierende eher den Wunsch nach einem energetischen Workout oder einer spirituellen Körpererfahrung haben: Yoga kann nicht missbraucht werden, solange die Übungspraxis aus eigener und freier Entscheidung geschieht.

Der Weg zum Ich führt über den Körper

In Zukunft könnte die Verbindung Workout und Yoga jedoch um einen weiteren, bedeutenden Aspekt ergänzt werden: Einerseits lassen die Prognosen über demographische Entwicklungen einen deutlichen Anstieg der höheren Altersgruppen erkennen, andererseits werden allgemeine Bewegungsarmut und einseitige Haltungsmuster weiterhin auch Probleme der jüngeren Altersschichten bleiben. Die Bedürfnisse der Menschen könnten sich in eine Richtung entwickeln, der am besten durch differenzierte Yogaformen begegnet werden sollte. Eine der wichtigsten Bestimmungen der Yogalehrer besteht also darin, Teilnehmern in den Einsteiger- und Mittelstufestunden primär den Status ihrer eigenen Körperlichkeit zu vermitteln. Ziel sollte dabei sein, dass sie ihren eigenen Körper kennen und verstehen lernen. Dieses Prinzip steht in keinem Widerspruch zu dem spirituellen Anspruch der Yogapraxis. Der Weg zum Ich führt über den Körper, wobei der Körper kein unüberwindbares Hindernis sein darf, sondern vielmehr der Schlüssel zur spirituellen Praxis. Dieser Weg steht jedem Menschen offen, unabhängig von seinen individuellen Voraussetzungen und dem Level seiner Praxis. Das macht das System Yoga wunderbar offen und zum Tor der Selbsterfahrung im eigenen Körper. Jeder sollte sich sein Yoga erarbeiten können – oder wie man im englischsprachigen Raum sagen würde: „Workout Your Yoga.“

Sonja Söder (BDY/EYU) praktiziert verschiedene Yogastile und begründete 1999 das Yogakonzept Woyo („Workout-Yoga“). Als Leiterin der Woyo Akademie entwickelt sie die angebotene Yogalehrerausbildung (200 h) vor allem im Bereich Yoga-Physiologie/ Anatomie und Hilfestellung bei Gelenkproblemen ständig weiter. www.woyo.de

Nachgefragt bei Yogeswari

Welche Rolle spielt der Lehrer auf dem Yogaweg? Braucht man für die Entwicklung einen persönlichen Mentor?

 

OM SAHA NAVAVATU
SAHA NAU BHUNAKTU
SAHA VIRYAM KARAVAVAHAI
TEJASVI NAVADHITAM ASTU
MA VIDVISHAVAHAI
OM SHANTIH, SHANTIH, SHANTIH

 

Akzeptiere uns beide, beschütze uns beide, möge unser Wissen und unsere Kraft wachsen. Mögen wir uns nicht streiten.

Dieses Mantra aus der Kena Upanishad ist bekannt als das Lehrer-Schüler Mantra. Die Aufgabe des Lehrers ist es, den Schüler an seine Grenzen zu bringen, um aus alten Verhaltens- und Denkmustern ausbrechen zu können. Der Schüler wird dadurch oftmals mit Themen konfrontiert, die er normalerweise meidet. Er wird in diesen schwierigen Situationen darin getestet, den Lehrer nicht mit einem verletzten Ego zu verlassen. Damit ist die Verbindung zum Lehrer symbolisch für alle zwischenmenschlichen Beziehungen.

Der Lehrer erscheint, wenn der Schüler bereit ist. Jeder Mensch ist anders: Einige können sich selbst motivieren und verfügen über eine große Selbstdisziplin, andere müssen von einer inspirierenden Kraft und einer starken Hand geführt werden. Traditionell werden die Lehren des Yoga vom Lehrer an den Schüler weitergegeben, der dann selbst irgendwann zum Lehrer wird und einer neuen Generation von Schülern das Wissen vermittelt.

Es ist sicher möglich, im Yoga bis zu einem gewissen Grade autodidaktisch zu wachsen, jedoch kommt man irgendwann ohne professionelle Anleitung und mit Hilfe von Büchern nicht mehr weiter. Wir brauchen einen Lehrer oder Mentor, der uns in die Tiefenkenntnisse der Anatomie und die oft kodifizierte Sprache der Philosophie einweiht. Nehmen wir beispielsweise das Mysterium des Shakti Pad, eine heilenden Berührung. Diese sollte mit einem Lehrer erlebt und aufgedeckt werden. Wir erfahren so, wie sich die Asanas energetisch anfühlen sollten. Die motivierende Kraft des Lehrers spielt bei diesen harten Disziplinen eine sehr große Rolle.

Die Hauptaufgabe des Lehrers ist es, die Tücken des Ego im Schüler zu beseitigen. Der Dialog ist hier nicht als Meinungsaustausch gedacht, bei dem der Schüler seine Argumente und Ansichten verteidigt. Vielmehr befreit sich der Schüler von seiner Arroganz und entwickelt Vertrauen, Gehorsam und Bescheidenheit. Es geht in erster Linie darum, dem Lehrer zu dienen, und dadurch eine tiefe Liebe für den Lehrer und die spirituelle Praxis zu entdecken. In der heutigen Yoga-Welt ist dieser Prozess viel unpersönlicher geworden. Die Klassen sind oftmals sehr groß und es gibt nur selten die Möglichkeit mit einem Lehrer one-to-one zu arbeiten. Dadurch besteht die Gefahr, wahllos von einem Workshop zum anderen zu gehen, aus oberflächlicher Kenntnis Methoden zu mischen und sich schnell von einem Lehrer zu trennen, sobald ein Hauch von Unzufriedenheit aufkommt.

Daher ist es empfehlenswert, zuerst einmal verschiedene Methoden und Lehrer auszuprobieren, bis man denjenigen findet, von dem man sich am meisten angesprochen fühlt, dann aber bei diesem zu bleiben, bis man die Methode verstanden hat.

Es ist durchaus möglich, mehrere Lehrer zu haben. Aber es wird kompliziert, wenn die Methoden vom Schüler miteinander in Konflikt gebracht, verwechselt werden oder wenn zeitliche Prioritäten gesetzt werden müssen. Manche Yogis bleiben ihr ganzes Leben in der gleichen Tradition, bei einem Lehrer oder Mentor. Einige verbringen einen begrenzten Zeitraum mit ihm und wenden sich in einem anderen Lebensabschnitt einem neuem Lehrer zu – weil sie auf diese Art und Weise das größte Entwicklungspotenzial für sich sehen. Womit wir wieder am Anfang meiner Ausführungen wären: Der Lehrer erscheint, wenn der Schüler bereit ist.

Die gebürtige Schweizerin Estelle Eichenberger alias Yogeswari begleitet die Jivamukti-Lehrerausbildungen mit Sharon Gannon und David Life in den USA und in Deutschland. Die studierte Tänzerin, Choreografin und Direktorin der Wohltätigkeitsorganisation Azahar Foundation (www.azaharfoundation.org) unterrichtet im August wieder in Deutschland: Vishnu’s Vibes Düsseldorf (6. – 8.8.), Yogalounge Freiburg (12. – 15.8.), Coolyoga, Dortmund (28./ 29.8.). Mit Patrick Broome leitet sie vom 7. November bis 3. Dezember 2010 die Jivamukti Yoga 300-Stunden-Lehrerausbildung auf der Fraueninsel/Chiemsee.

Herausforderung und Überforderung – nachgefragt bei Young-Ho Kim

Young Ho Kim Yogaworld

Besonders in Zeiten von Social Media hat sich Yoga extrem verändert. Wolltest du auch schon mal eine halsbrecherische Position von Instagram nachmachen? „Spüre in deinen Körper“ heißt es in regülären Yogastunden. Manchmal ist es auch in Begleitung eines Yogalehrers ganz schön schwer, zu erkennen, ob der Körper bereit ist oder ob das Ego dich in eine Pose zwingen will. Wie erkenne ich in meiner Yogapraxis den schmalen Grat zwischen Herausforderung und Überforderung? Das Yoga Journal hat bei dem Gründer der Yogarichtung „Inside Flow“, Young-Ho Kim nachgefragt.

Oft packt uns der Ehrgeiz, und wir möchten bestimmte Asanas unbedingt sofort können. Zwischen Herausforderung und Überforderung: wie kann man den Ehrgeiz mit Gelassenheit kombinieren? Schließlich wollen wir Fortschritte erreichen, ohne sich dabei Frust oder Verletzungsgefahr auszusetzen.

Die Antwort der traditionellen Yogaphilosophie

Von Patanjali stammt der Hinweis „Sthira Sukham Asanam“. Die Yoga-Haltung soll fest und leicht zugelich sein. So weise und plausibel dies klingen mag, erwischen wir uns immer wieder, wie wir übermütig über die Grenze hinausgehen, uns Schmerzen zufügen oder die Praxis einfach frustriert und resigniert aufgeben.

Um herauszufinden, ob uns eine Herausforderung weiter bringt oder überfordert, nimm die richtige Einstellung zur Anstrengung ein. Wenn man beispielsweise mit der Krähe (Bakasana) beginnt, hat man Angst, vornüber zu fallen. Genau so ist es beim Handstand. Für die Überwindung dieser Angst braucht es die Bereitschaft, sich überhaupt mit Emotionen auseinandersetzen zu wollen. Ohne diese Bereitschaft werden wir uns nie der Herausforderung stellen. So nähmen uns die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Sei also offen und nimm die Herausforderung an.

Nachdem die Herangehensweise stimmt, brauchst du das nötige Know-How, um die Position korrekt ausführen zu können. Halbwissen kann dabei sehr gefährlich sein – die fatalste Kombination ist allerdings Halbwissen und Übermut. Um Stabilität und Leichtigkeit zu erzeugen, benötigen wir also Information über Asanas und die richtige Einstellung.

Die Schlüsselrolle der Atmung

Bei dieser Achtsamkeitsübung ist die Atmung der rote Faden, an dem man sich entlang hangelt. Verlierst du ihn, verlierst du auch die Kontrolle über deinen Körper und den Fokus des Geistes. So läufst du Gefahr, deine Grenzen zu überschreiten. Bleib also ganz bei dir, indem du deine Achtsamkeit auf deine Atmung lenkst und sich von ihr leiten lässt.

Die Ujjayi-Atmung (Kehlkopf-Atmung) erzeugt die nötige Spannung im Körper. Gleichzeitig beruhigt sie den Geist. Zudem hört man ihren Klang deutlich, wodurch es uns leichter fällt, auf uns selbst zu hören. Achte also als Schüler und ebenfalls als Lehrer auf die Ausrichtung des Asana und gleichzeitig auf eine ruhige Ujjayi-Atmung. So lange dich das ruhige Rauschen deiner Ujjayi-Atmung begleitet, kannst du dich weiter langsam an deine Grenze vortasten. Sobald du dich überforderst oder dich die Angst packt, wirst du bemerken, dass du in eine Pressatmung verfällst oder sogar das Gefühl hast, gar nicht mehr atmen zu können.

Wenn das Rauschen deines Atems angestrengt, laut und unregelmäßig ist, stehst du davor, dich zu überfordern. Erkenne und akzeptiere die Grenze von Herausforderung und Überforderung, lass dich davon jedoch nicht demotivieren. Nimm hier von neuem eine positive Einstellung gegenüber deiner Praxis ein. Du solltest die Situation als Herausforderung wahrnehmen, die deine Praxis spannend macht und bereichert. Wäre das Leben nicht langweilig, wenn wir alles schon wüssten und sofort könnten?


Young-Ho Kim ist in Südkorea geboren und mit der asiatischen Kampfkunst Taekwondo aufgewachsen. Zusätzlich übt er seit Jahren Yoga, betreibt in Frankfurt das Studio Inside Yoga und reist als Lehrer und Ausbilder durch ganz Europa.

Nachgefragt bei Patricia Thielemann

Ich bin Yogalehrer/In und unterrichte oftmals Klassen, die aus Anfängern und Fortgeschrittenen bestehen. Wie kann ich meinen Unterricht trotz unterschiedlicher Übungsniveaus erfolgreich gestalten?

Für einen Yogalehrer ist es auf jeden Fall eine Herausforderung, den unterschiedlichen Bedürfnissen von Anfängern und fortgeschrittenen Schülern in einer Klasse gerecht zu werden. Es ist Aufgabe des Lehrers, all denen, die über wenig Yogaerfahrung verfügen, ein solides Fundament zu vermitteln und Übende, die schon länger praktizieren, parallel ausreichend zu fordern.

Neueinsteiger leiden häufig unter Müdigkeit, Erschöpfung oder Rückenbeschwerden. Manche von ihnen glauben, dass im Yoga die gleichen Gesetze gelten wie im Sport. Dies führt dazu, dass sie sich bemühen, möglichst alles mitzumachen und „durchzuziehen“. Diese ehrgeizige, primär auf die äußere Form ausgerichtete Herangehensweise erhöht nicht nur die Verletzungsgefahr, auch der tiefere Sinn des Yoga geht dabei verloren.

Für den Anfänger ist es zuerst einmal wichtig, dass er sich eine solide Basis erarbeitet. Das erfordert Mühe und Konzentration. Der Lehrer darf den Unterricht deshalb nicht überladen. Er muss konkrete Anweisungen geben und die Schüler klar zu führen wissen. Darüber hinaus muss er selbstverständlich noch auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers eingehen. Es ist hilfreich, Schüler mit wenig Yogaerfahrung zusammen und möglichst in der Nähe des Lehrers zu platzieren. Für einen Anfänger steht das Erlernen der korrekten Atmung und die Genauigkeit bei der Ausführung der Asanas im Vordergrund. Ein erfahrenerer Schüler, der die Grundlagen beherrscht, will weiter. Er möchte die komplexeren Inhalte des Yoga verstehen, durch verschiedene Pranayama-Techniken und schwierigere Asanas mehr gefordert werden. Wie ein guter, erfahrener Bergführer sollte der Lehrer den fortgeschrittenen Schüler sicher zum Gipfel führen. Der Weg durchs Hochgebirge kann sich allerdings vertrackt gestalten.

Es ist entscheidend, dass der Lehrer genau weiß, in welchen Abschnitten der Stunde ein Schüler gefordert werden will, wo und wie die philosophischen Aspekte geschickt in den Unterricht eingeflochten werden können und an welchem Punkt eine getragene Stille das einzig Richtige ist. Die Klasse sollte deshalb gut strukturiert sein. Beschränkt sich ein Lehrer auf das Wesentliche, so ist er auch in der Lage, eine heterogene Klasse zu führen. Präzise und einfache Anweisungen in Bezug auf die Ausführung der Haltungen helfen dem Schüler mit wenig Vorerfahrung, werden den fortgeschrittenen Schüler aber trotzdem nicht behindern. Was den Schwierigkeitsgrad der Asanas anbelangt, so ist es sinnvoll, die einfachere Haltung immer zuerst zu nennen. Die für den Anfänger erreichbare Form wird so zum Vorbild. Anweisungen für fortgeschrittene Schüler folgen am besten danach. Die Anfänger sind dann bereits mit der für sie bestimmten Haltung beschäftigt und laufen nicht unnötig Gefahr, sich zu übernehmen. In den Phasen der Stunde, in denen der Anfänger mehr Aufmerksamkeit braucht, ist es gut dem fortgeschrittenen Schüler eine Haltung, die ihn fordert und Raum zum Experimentieren lässt, zu geben.

Betrifft eine Lektion eher den fortgeschrittenen Schüler, so ist es genauso wichtig, den richtigen Zeitpunkt dafür zu wählen. Im Idealfall, wenn eine etwas länger zu haltende Stellung für die Anfänger vorab etabliert wurde und sie damit beschäftigt sind.

Nicht allein der Unterrichtsinhalt ist wichtig, sondern eben auch wie und wann er vermittelt wird. Ist der Lehrer in seinem Ausdruck klar und bestimmt, so werden Schüler jeden Levels vom Unterricht profitieren und sich immer persönlich angesprochen fühlen.

Patricia Thielemann ist Yogalehrerin und Gründerin der renommierten Spirit Yoga Studios in Berlin. Die kommende Spirit Yoga-Lehrerausbildung mit internationalen Gastlehreren wie Max Strom, Rod Stryker und Mark Whitwell beginnt am 4. September 2009.

www.spirityoga.de

„Ich bin Yogalehrer/In und unterrichte oftmals Klassen, die aus Anfängern und Fortgeschrittenen bestehen. Wie kann ich meinen Unterricht trotz unterschiedlicher Übungsniveaus erfolgreich gestalten?“

Für einen Yogalehrer ist es auf jeden Fall eine Herausforderung, den unterschiedlichen Bedürfnissen von Anfängern und fortgeschrittenen Schülern in einer Klasse gerecht zu werden. Es ist Aufgabe des Lehrers, all denen, die über wenig Yogaerfahrung verfügen, ein solides Fundament zu vermitteln und Übende, die schon länger praktizieren, parallel ausreichend zu fordern.

Neueinsteiger leiden häufig unter Müdigkeit, Erschöpfung oder Rückenbeschwerden.

Manche von ihnen glauben, dass im Yoga die gleichen Gesetze gelten wie im Sport.

Dies führt dazu, dass sie sich bemühen, möglichst alles mitzumachen und „durchzuziehen“.

Diese ehrgeizige, primär auf die äußere Form ausgerichtete Herangehensweise erhöht nicht nur die Verletzungsgefahr, auch der tiefere Sinn des Yoga geht dabei verloren.

Für den Anfänger ist es zuerst einmal wichtig, dass er sich eine solide Basis erarbeitet. Das erfordert Mühe und Konzentration. Der Lehrer darf den Unterricht deshalb nicht überladen. Er muss konkrete Anweisungen geben und die Schüler klar zu führen wissen. Darüber hinaus muss er selbstverständlich noch auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers eingehen. Es ist hilfreich, Schüler mit wenig Yogaerfahrung zusammen und möglichst in der Nähe des Lehrers zu platzieren. Für einen Anfänger steht das Erlernen der korrekten Atmung und die Genauigkeit bei der Ausführung der Asanas im Vordergrund. Ein erfahrenerer Schüler, der die Grundlagen beherrscht, will weiter. Er möchte die komplexeren Inhalte des Yoga verstehen, durch verschiedene Pranayama-Techniken und schwierigere Asanas mehr gefordert werden. Wie ein guter, erfahrener Bergführer sollte der Lehrer den fortgeschrittenen Schüler sicher zum Gipfel führen. Der Weg durchs Hochgebirge kann sich allerdings vertrackt gestalten.

Es ist entscheidend, dass der Lehrer genau weiß, in welchen Abschnitten der Stunde ein Schüler gefordert werden will, wo und wie die philosophischen Aspekte geschickt in den Unterricht eingeflochten werden können und an welchem Punkt eine getragene Stille das einzig Richtige ist. Die Klasse sollte deshalb gut strukturiert sein. Beschränkt sich ein Lehrer auf das Wesentliche, so ist er auch in der Lage, eine heterogene Klasse zu führen. Präzise und einfache Anweisungen in Bezug auf die Ausführung der Haltungen helfen dem Schüler mit wenig Vorerfahrung, werden den fortgeschrittenen Schüler aber trotzdem nicht behindern. Was den Schwierigkeitsgrad der Asanas anbelangt, so ist es sinnvoll, die einfachere Haltung immer zuerst zu nennen. Die für den Anfänger erreichbare Form wird so zum Vorbild. Anweisungen für fortgeschrittene Schüler folgen am besten danach. Die Anfänger sind dann bereits mit der für sie bestimmten Haltung beschäftigt und laufen nicht unnötig Gefahr, sich zu übernehmen. In den Phasen der Stunde, in denen der Anfänger mehr Aufmerksamkeit braucht, ist es gut dem fortgeschrittenen Schüler eine Haltung, die ihn fordert und Raum zum Experimentieren lässt, zu geben.

Betrifft eine Lektion eher den fortgeschrittenen Schüler, so ist es genauso wichtig, den richtigen Zeitpunkt dafür zu wählen. Im Idealfall, wenn eine etwas länger zu haltende Stellung für die Anfänger vorab etabliert wurde und sie damit beschäftigt sind.

Nicht allein der Unterrichtsinhalt ist wichtig, sondern eben auch wie und wann er vermittelt wird. Ist der Lehrer in seinem Ausdruck klar und bestimmt, so werden Schüler jeden Levels vom Unterricht profitieren und sich immer persönlich angesprochen fühlen.

Patricia Thielemann ist Yogalehrerin und Gründerin der renommierten Spirit Yoga Studios in Berlin. Die kommende Spirit Yoga-Lehrerausbildung mit internationalen Gastlehreren wie Max Strom, Rod Stryker und Mark Whitwell beginnt am 4. September 2009.

www.spirityoga.de

„In der Rolle der Jägerin fühle ich mich zuhause“

Ihre Jugend war gezeichnet von Drogen und und sexuellem Missbrauch. Die Rettung für Ana Forrest waren Yoga und das Heilwissen der Indianer.

Ana Forrest hatte keinen einfachen Start ins Leben. Sexueller Mißbrauch, Prostitution und Drogensucht durchzogen ihre Kindheit und Jugend. Infolge dieser Traumata litt sie jahrelang an Bulimie, Alkoholsucht und Epilepsie. Heute, über 30 Jahre später, sind die Wunden von damals verheilt – auch dank einer inzwischen jahrzehntelangen Yogapraxis. Mit der düsteren Vergangenheit hat ihr jetziges Leben nichts mehr gemein: Wenn sie nicht in ihrem Studio, dem Forrest Yoga Institute in Santa Monica unterrichtet, bereist Ana die Welt oder genießt die Zeit auf ihrem Anwesen auf den Orcas Islands – „umgeben von Adlern, Enten und Schlangen“, wie sie schwärmt.

Du hast mit Yoga angefangen, als du 14 Jahre alt warst. Wie hat Yoga seither dein Leben verändert?

Früher war ich alles andere als gut zu mir: Ich habe geraucht und Alkohol getrunken, Drogen genommen. Als ich mit den Drogen aufhörte, verlagerte ich mein Suchtverhalten auf das Essen. Yoga und das Heilwissen der Indianer haben mir geholfen, meinem Leben Sinn und Richtung zu verleihen, anstatt mich weiter zu zerstören.

Welchen Einfluss hat der Schamanismus auf deine Praxis?
Ich habe fünfeinhalb Jahre lang in einem Indianerreservat in Inchelium, Washington, gelebt. Während einer Zeremonie hatte ich eine wunderschöne Vision: Meine Füße waren fest mit der Erde verwurzelt, meine Arme zum Himmel gestreckt – und aus meinen Händen und Füßen kamen Regenbogen, die einen Kreis um die Erde zogen. Da wurde mir klar, dass ich reisen muss, anstatt nur an einem Ort zu bleiben. Ich spürte das starke Verlangen, einen Beitrag für den Heilungsprozess aller Menschen zu leisten.

Wie hast du diese Vision in deine Yogapraxis integriert?

Wichtig ist, die Energie zum Fließen zu bringen und in die richtigen Bahnen zu lenken. Chronische Schmerzen sind oft ein Anhaltspunkt für eine Energieblockade. Mit gezielter Atmung lässt sich Energie mobilisieren und damit auch der Schmerz beeinflussen.

Auf Yogakonferenzen sorgen deine Asana-Vorführungen immer wieder für Begeisterung. Was war die Motivation dafür, Yoga in dieser Form zu präsentieren?

Ich möchte die Menschen inspirieren. In normalen Yogastunden übt man viele grundlegende Asanas, wie Dreieck oder Krieger. Meine Präsentationen öffnen die Augen für einen ganz anderen Bereich voller Schönheit und Magie, der nicht unerreichbar ist. Yoga hat mein Leben auf wunderbare Weise verändert. Durch die Demonstrationen bei den Konferenzen möchte ich das, was Yoga mir gegeben hat, weitergeben – fast so, als würde ich magischen Staub verstreuen . . .

Sie haben viel Gewalt erlebt, aber Ihren Sinn für Humor bewahrt…
In meinem Leben gibt es jetzt sehr viel Liebe. Das ist umso bemerkenswerter, weil sie früher praktisch nicht existierte. Ich weiß inzwischen einfach, dass es einen Grund gibt, warum ich hier bin. Der seelische Reichtum, den ich über die Jahre erworben habe, macht mich glücklich und dankbar. Ob ich herausgefunden hätte, was im Leben wirklich zählt, wenn ich es von Anfang an leicht gehabt hätte, weiß ich nicht. Alles, was ich weiß ist, dass mein Weg mich dorthin geführt hat, wo ich jetzt bin. An diesem Ort fühle ich mich sehr wohl.

Kommen wir zu einem anderen Thema: Was findet sich aktuell in Ihrem Kühlschrank?

Elch und Büffel. Ich esse seit einiger Zeit nicht mehr vegetarisch, weil ich für mich erkannt habe, dass es mir mit Fleisch besser geht. Vor dem Essen zu beten und mich dafür zu bedanken, hat mir bei der Heilung meiner Bulimie geholfen und ist eine Angewohnheit, die ich bis heute beibehalten habe. Egal, ob es nun Brokkoli oder Wild ist: Ich bedanke mich dafür, dass es sein Leben gelassen hat, damit ich leben kann.

Haben Sie den Elch selber erlegt?
Im Reservat haben wir Hasen, Elche und Wild gejagt. Die Rolle der Jägerin fühlt sich für mich stimmig an. Auch wenn ich unterrichte, ist diese Energie präsent: Ich ermuntere meine Schüler, sich auf die Jagd nach dem zu begeben, was in ihnen ist.

Interview: Janelle Brown

 

Du fühlst dich gut – aber was dann?

Auf der Tabla und mit der Bansuri-Flöte zelebriert Kirtan-Künstler Jason Kalidas die heilende Kraft der Musik. Und zwar jeder Musik. „Mantren nutzen niemandem, der gerade Punk braucht“, so der Musiker aus Brighton, dessen Spiel man leicht als „virtuos“ beschreiben könnte – fände er selbst solche Kategorien nicht absolut unbedeutend.

Jason Kalidas könnte gerade sehr erschöpft sein. Ausgelaugt von einem intensiven Retreat im Seminarhaus Höllbachhof bei Regensburg, wo er in Zusammenarbeit mit der Münchner Yogalehrerin Regina Gambarte 20 Teilnehmer durch einen dreitägigen Detox-Workshop führte. Aber Erfahrungen wie diese sieht Jason als Energiequelle. Mehrere Monate im Jahr ist der Musiker aus Brighton weltweit auf Tour, um Solo-Konzerte zu geben, mit befreundeten Musikern auf Kirtans zu spielen oder mit therapeutischer Musik und „sacred sound“ die Arbeit von Yogalehrern zu unterstützen.
„Jasons Sound ist gleichzeitig fließend und feurig, geerdet und ätherisch“, sagt Dave Stringer über den Percussionisten und Bansuri-Spieler, der mit 20 Jahren nach Indien ging, in klassischer indischer Musik ausgebildet wurde, später mit Bhagavan Das tourte und den Kirtan für sich entdeckte.

YOGA JOURNAL: Diverse Lebensgeschichten gehört, ein paar Krisen miterlebt und  schließlich die positive Wirkung gesehen, die die Gruppe aus deiner Arbeit gezogen hat – all das in drei Tagen. Wie geht es dir am Ende eines Retreats, wenn diese intensive Gemeinschaftserfahrung vorbei ist?
Jason Kalidas: Hervorragend. Ich empfinde diese Situationen als ungemein bereichernd, ihr Effekt geht über die eines Konzerts oder Kirtans hinaus. Bei den Teilnehmern entwickelt sich ein tief gehender Prozess – von außen betrachtet lässt sich das gesamte Ausmaß dieser intensiven Innenschau nur in Ansätzen wahrnehmen.

YJ: Wie stark bringst du dich selbst in diese Entwicklung ein? Gibt es dabei eventuell etwas, wovor du dich schützen musst?
JK: Absolut nicht. Ich bringe immer 100 Prozent von mir ein und wüsste nicht, wovor ich mich schützen müsste. Im Gegenteil – ich hoffe immer, noch mehr geben zu können. Denn umso tiefer ich in die Musik eintauche, desto mehr merke ich, dass es dabei nicht um mich oder den Einzelnen geht. Die Musik passiert einfach, und es ist völlig unerheblich, woher sie kommt.

YJ: Aber du produzierst den Sound, und zwar auf eine ganz besondere Weise mit besonderer Wirkung.
JK: Trotzdem ist das nichts Besonderes. Ich sage nicht, dass da nichts Magisches im Spiel ist, aber ich mag generell diese Gegenüberstellung nicht: Ich, das Genie, spiele, und du sitzt da und staunst ergriffen. Es passiert etwas ganz Spezielles, aber der Ursprung liegt nicht bei mir, höchstens seine Form. Je großartiger meine oder irgendeine Musik ankommt, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sie nicht mir gehört, sondern ganz andere Räume einnimmt. Das nimmt ihr nichts von ihrer Besonderheit, aber der Trick ist, sich nicht damit zu identifizieren. Um das zu üben, habe ich habe mir angewöhnt, jedes Mitglied des Publikums als Lehrer zu sehen.

YJ: Der Begriff ist strapaziert, aber trotzdem die Frage: Würdest du deine Musik als „spirituell“ bezeichnen?
JK: In den Ritualen fast aller Kulturen hat Musik schon immer eine wichtige Rolle gespielt, also kann man jede Musik als „spirituell“ bezeichnen. Die Sehnsucht nach Einheit ist ein natürlicher Impuls, der manche auch zu Drogen greifen lässt. In der Sufi-Tradition und anderen Kulturen nutzen die Menschen den Klang, um sich durch Tanzen in Trance zu versetzen und die Grenzen der Persönlichkeit zu überwinden. Das Gleiche passiert allerdings auch beim Punk-Konzert, im Elektro-Club oder wo immer sich Menschen komplett einer Musik überlassen. Du vergisst dein Selbst und gehst mit gleich gesinnten Leuten in dieser Gruppenenergie auf. Das beschließen wir nicht im Sinne von „so, jetzt vergessen wir uns mal alle“, sondern es passiert einfach.

YJ: Welche Rolle spielt dabei der individuelle Musiker?
JK: Ich kann nur für mich sprechen. Je regelmäßiger ich meine Musik übe, je mehr Regelmäßigkeit und Wiederholung es gibt, desto größer wird die Eigendynamik, ähnlich wie das Japa beim Mantrensingen. Die Illusion, dass ich dabei etwas tue, wird durch das Staunen über die unfassbare Schönheit der Musik ersetzt. So seltsam es klingt: Es entsteht etwas Höheres, und der Gedanke, dass du das „machst“, wird langweilig. Der Gedanke an die eigene Großartigkeit ist begrenzt. Klar, er gibt dir eine Zeit lang ein gutes Gefühl, aber was dann? Die Freude an etwas Größerem, das dieses Erlebnis verursacht, ist nachhaltiger.

YJ: Sollte das Ego in der Musik also zurücktreten?
JK: Das macht sie auf jeden Fall offener. Dabei hilft, dass wir das Konzept überwinden, dass uns etwas „gehört“. Musik ist dafür ein gutes Beispiel: Sie gehört niemandem sondern allen. Gleichzeitig ist sie das perfekte Mittel, das Ego aufzubauen – extremerweise in der Identifikation als „Star“. Ein Rock- oder Popstar ist eine öffentliche Figur die bewirkt, dass sich Massen von Leuten gut fühlen. Aus dem Gefühl heraus, dass du persönlich dafür verantwortlich bist, schicken sie dir massenweise Energie und sagen dir, wie großartig du bist. Das kann süchtig machen. Es nährt das Ego, das sich damit immer realer fühlen kann. Denn das ist es, was es braucht: Es möchte fühlen, dass es da ist. Es braucht Input von außen, um sich zu formen. Guten oder schlechten, das ist dem Ego egal, solange es sich manifestieren kann. Deshalb gibt es Yogis, die sich für lange Zeit in Höhlen zurück ziehen – dort gibt es keine Einflüsse, die das Ego strukturieren. Es kann sich an nichts festhalten und demnach immer mehr auflösen.

YJ: Ist Kirtan mit seinem Community-Gedanken für dich die ideale Form der Performance?
JK: Derzeit spiele ich tatsächlich mehr Kirtan als Solokonzerte. Mir gefällt dabei, dass das Publikum unkompliziert teilhaben kann. Singen öffnet sowieso immer das Herz. Dazu das traditionelle Verständnis von Sanskrit: Es gibt die Auffassung, dass man in anderen Sprachen über etwas spricht – im Sanskrit wird man aber zu der Sache, die man ausspricht. Om Namah Shivaya: Hier sprechen wir nicht über Shiva, sondern lassen seine Energie in uns klingen. Diese Verschmelzung von Subjekt und Objekt geht zu uralten Ideen zurück, nach denen alles Klang ist.

YJ: Zusätzlich interessierst du dich sehr für die therapeutische Qualität von Musik.
JK: Ja, und zwar jeder Musik. Seit Jahrtausenden wissen wir, dass Musik heilende Wirkung hat. Auch Heavy Metal und andere vordergründig „dunkle“ Sounds: Musik hilft uns dabei, emotional aufzuräumen. Es macht keinen Sinn, einen Metal-Fan zum Kirtan zu schleppen. Er braucht anderen Input, um damit umzugehen, was in ihm und in seinem Umfeld passiert.

YJ: Auch deine Klangmassagen mit dem Didgeridoo, die du in Workshops und Retreats anbietest, dürften ihn nicht unmittelbar ansprechen…
JK: Vermutlich (lacht). Das ist eine gute Ergänzung zu meiner Arbeit mit Yogalehrern. Elemente einer typischen Stunde wären: Sonnengruß mit Live-Tabla, erholsame Haltungen mit indischen Ragas auf der Flöte, Stimmarbeit mit dem Harmonium und während Savasana individuelle Klangmassagen mit dem Didge. Der durchdringende Sound mit dem Didgeridoo kann tief sitzende Blockaden lösen – und das ist sicher nicht nur für Yogis interessant.

Interview: Christina Raftery

Hörproben und Jasons aktuelle Solo-CD gibt es unter www.jasonkalidas.com

Seane Corn über spirituellen Aktivismus

Im Yoga Journal-Interview spricht Yogalehrerin Seane Corn aus Los Angeles, die ihren Weg 1987 als Kellnerin in David Lifes New Yorker „Life Cafe“ begann, über Balance, Verbundenheit, Netzwerke und Selbsterforschung als Basis für sinnvollen Aktivismus.

Ihre charakteristische Verbindung aus physisch herausforderndem Vinyasa Flow Yoga und sozialem Engagement empfindet Seane Corn nur als logisch. In dem von ihr mitgegründeten Training „Off The Mat Into The World“ zeigt sie Yogis Möglichkeiten, ihrer körperlichen Praxis eine gesellschaftliche Dimension zu geben. Konkrete Unterstützung für Projekte, die Wandel bewirken wollen. Wir haben sie zum Interview getroffen.

YJ: Jeder Yogi weiß um den immensen persönlichen Gewinn, den diese Praxis bewirkt. Dabei kann der Impuls entstehen, diese Inspiration konkret einzusetzen und auf andere zu übertragen.

Seane Corn: „Für mich persönlich gab es nie eine Trennung zwischen dem physisch heilenden Yoga und der Bedeutung für den Geist und Seva, Dienst am Göttlichen. Gerade in der modernen Welt liegt die Herausforderung nicht darin, die Realität zu transzendieren, sondern sie zu erkennen und sich mit ihr zu verbinden. Die Yogapraxis sensibilisiert uns für alle Arten von Ungerechtigkeit in der Welt. Dabei kann es passieren, dass man für eine bestimmte Sache zu brennen beginnt. Mit „Off The Mat Into The World“ (OTM) wollen wir Yogis ein paar Strategien an die Hand geben, diese Energie gezielt zu kanalisieren – sie ist zu wertvoll, um zu verpuffen.“

YJ: „Von der Matte in die Welt“ – wie sah dieser Schritt bei dir aus?

Seane Corn: „Wie alles war das ein Prozess, der sich allmählich entwickelt hat. Vor etwa zehn Jahren begann ich verstärkt darüber nachzudenken, wie man die Struktur der Yoga Community gezielt für soziale Projekte nutzen könnte. Unter den Yogis gibt es viele gebildete, gutverdienende und großzügige Menschen – ein ideales Umfeld für Spendenaktionen. Laut einer Umfrage des amerikanischen Yoga Journal ist beträgt das jährliche Durchschnittgehalt der US-Yogis 72.000 Dollar. Genau da wollte ich ansetzen.

Mein Fundraising verlief überraschend erfolgreich. So war ich bald in der Lage, unter anderem Obdachlosenheime und die Organisation YouthAids unterstützen zu können. Im Laufe der Arbeit merkte ich aber bald, dass mir ein Burn-Out drohte und viel Enthusiasmus für Dinge verloren ging, die mich überforderten. Die Sache brauchte mehr Struktur. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits gemerkt, dass es mir Spaß machte, spirituellen Aktivismus zu vermitteln. Mit der unschätzbar großen Hilfe des „Engage Network“ der Umweltaktivistin Julia Butterfly Hill entwickelten wir OTM zu einer Trainingsorganisation for Yogis, die in ihrem direkten Umfeld eine karitative Führungsrolle übernehmen wollen – sei es beim Tier- und Umweltschutz, im sozialen Bereich oder in der Entwicklungshilfe.

YJ: Welche Aspekte des Yoga klingen hier speziell an?

Seane Corn: Über die Yogapraxis können wir die Verbindung zu allen anderen Lebewesen herstellen. Bereits diese Einsicht der Einheit ist radikal und macht uns zu Aktivisten, zu Vermittlern des Umbruchs. Hierdurch können wir vermeiden, dass wir die, denen wir helfen wollen, als Opfer zu sehen. Vielmehr können auf einer gemeinsamen Ebene Kontakt herstellen. Dabei ist persönliche Authentizität sehr wichtig, auch die Fähigkeit, mit den eigenen Schatten umgehen zu können – besonders in der Arbeit mit Jugendlichen, die einen unfehlbaren Radar für fehlende Authentizität haben. Um Klarheit vermitteln zu können gilt es, die eigene Stimme zu finden. Aktivismus ist ein Spiegel des Ego und kann durchaus heilende Wirkung haben. Es geht nicht um uns – es geht aber auch nicht NICHT um uns.

YJ: Kann man Aktivismus wirklich „lernen“?

Seane CornSC: In unserer Arbeit wollen wir das Rad nicht neu erfinden. Mit OTM wollen wir Resourcen bieten, die das unterstützen, was viele Yogis ohnehin schon auf den Weg gebracht haben. Mit Meditationsübungen begleiten wir die Selbsterforschung im Sinne von „Was bedeutet Engagment für mich?“ und geben Anregungen hinsichtlich Netzwerkbildung, Zusammenarbeit, Organisation und Strategie. Es geht darum, das Engagement nachhaltig zu gestalten und inneres Ausbrennen zu vermeiden. Mir selbst hat das Delegieren vieler Bereiche neuen Auftrieb gegeben und auch die Vision vergrößert. Eigentlich war es meine Rettung – sonst hätte ich mich irgendwann als Märtyrerin verstanden.

YJ: Worin bestehen die wichtigsten Stufen bei der Netzwerkbildung?

Seane Corn: Finde Menschen, die du magst, für die du einen Instinkt hast und mit denen du gut zusammen arbeitest. Finde Führungspersönlichkeiten für jeden Bereich, baue Selbstvertrauen auf, werde kreativ. Erweitere den Raum für Aktivitäten und Gruppen, die dich unterstützen. Entwerfe ein konkretes Projekt, wie wir es für unsere „Seva Challenges“ tun. 2008 gaben wir folgende Parole aus: Jedes Mitglied der Yoga Community, das 20.000 Dollar Spendengelder sammelt, kann mit uns nach Kambodscha reisen, um in Phnom Penh in Zusammenarbeit mit dem Cambodian Children’s Fund humanitäre Arbeit zu leisten.

YJ: Welche Qualitäten zeichnen in diesem Zusammenhang eine „Führungspersönlichkeit“ aus?

Seane Corn: Auf jeden Fall Organisationstalent und die Fähigkeit, Verantwortung abzugeben. Ich bin immer auf der Suche Menschen, die manche Bereiche besser umsetzen als ich es je könnte. Führungspersönlichkeit stellen für mich die richtigen Fragen an sich und andere, schöpfen kreativ aus vorhandenen Resourcen und sind emotional involviert – obwohl die Situationen, denen sie begegnen, roh, brutal und überwältigend sein können. Konfrontationen wie mit den Greueltaten der Roten Khmer in Kambodscha können das individuelle Yoga auf eine harte Probe stellen. Da ist es wichtig, sich in einem sicheren inneren und äußeren Rahmen zu bewegen.

YJ: Welche Rolle spielt im sozialen wie spirituellen Aktivismus das Ego? In manchen Formen des Aktivismus scheint es, als würden ihre Vertreter ihr Engagement vor allem zur Selbstheilung nutzen.

Seane Corn: Hier geht es um innere und äußere Balance. Als ich sehr jung war, war ich eine schlechte, vielleicht sogar nervende Aktivistin. Weil ich keine Methode hatte, um meinen Ärger zu verarbeiten, war ich ständig auf der Suche nach den „Bösen“, denen, die „unrecht“ hatten. Jugendlicher Aktivismus ist oft so strukturiert, trotzdem aber auch nicht wirklich „schlecht“, weil er sehr leidenschaftlich ist. Vorsicht aber vor Fanatismus. Im spirituellen Aktivismus gibt es kein „richtig“ oder „falsch“ und vor allem keine Abgrenzung. Die Auffassung „Ich gegen den Rest der Welt“ ist die Wurzel vielen Übels. Man kann also direkt bei sich ansetzen: Inwiefern und von wem lebe ich abgekoppelt und wo kann ich mehr Mitgefühl einsetzen?

YJ: Aktivismus beginnt also bei der Selbsterforschung?

Seane Corn: Selbst-Bewusstsein, Selbstrespekt und Selbstkontrolle sind die Schlüssel zu äußerer Aktivität. Es ist um so vieles einfacher, andere in Ordnung zu bringen als sich selbst. Viele sind geradezu süchtig danach, gebraucht zu werden und für ihre „Selbstlosigkeit“ anerkannt zu werden. In der Konfrontation mit den Schwierigkeiten des Lebens gibt es viele Krisen und dadurch eine Palette dunkler Gefühle. Die Yogapraxis hilft, sich ihrer nicht zu schämen, sie nicht zu verurteilen und sie nicht zu verdrängen, sondern als Teil der menschlichen Erfahrung zu betrachten.

YJ: Wie könnte ein „effektiver“ Aktivist im Sinne des Yoga aussehen?

Seane Corn: Sinnvoller Aktivismus ist weder besonders dramatisch noch glamourös. Ein „guter“ Aktivist hört eher zu als dass er sich äußert. Er nimmt etwas so an, wie es ihm begegnet. Die komplexen Gefühle, die in Krisensituationen in ihm aufsteigen, kann er weiterziehen lassen. Die Motivation für das Engagement ist uneingeschränkte Liebe. Sein Verhalten trägt dazu bei, den Fluss für andere zu verändern. Und er ist offen für die Veränderung, die dieser Einsatz bei ihm selbst bewirken kann. Das bedeutet zwangsläufig Verletzlichkeit, durch die man viel lernen kann. Verabschieden sollte man sich von Perfektionismus und die Tatsache annehmen, dass man allein nicht alles leisten kann.

YJ: Welche Formen kann dieser authentische Aktivismus annehmen?

Seane Corn: Die Möglichkeiten sind unendlich. Sie beginnen bei der Yogapraxis und der Meditation. Auf keinen Fall müssen spektakulären Ausruck finden und radikale Lebensbrüche bedeuten. Eine der komplexesten und wirkungsvollsten aktivistischen Herausforderungen des Lebens besteht meiner Meinung nach in der Kindererziehung. Diese erstreckt sich eben nicht nur auf einen Monat humanitäre Arbeit in einem Entwickungsland. Als Familie zu leben ist Aktivismus pur. Eine bewusste Ernährung ist Aktivismus pur. Bedachter, informierter Konsum – alles radikale Aktionen.

YJ: Diese Haltung kann sich auch in der Asanapraxis wiederspiegeln. Früher warst du für besonders forderndes Vinyasa Flow Yoga bekannt. Teilnehmer deiner frühen Klassen berichten von 16 Dhanurasanas (Bögen) hintereinander – 16!!!

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Seane Corn: Es kommt noch besser. Manchmal fragte ich einen Schüler nach seinem Geburtstag und richtete die Zahl der Asana-Wiederholungen nach dem Datum. Zu dumm, wenn es der 31. März war… Ich habe damals einfach das Spektakel über die Substanz gestellt. Vielleicht, weil ich zu unsicher war, einen Bogen in 16 Minuten interessant zu erklären – da waren mir 16 Bögen wichtiger. Heute unterrichte ich drei Dhanurasanas hintereinander…

YJ: Ein beliebter Workshop, den du unterrichtest, heißt „Detox Flow“. In welchem Zusammenhang stehen für dich die Entgiftung des Körpers und der spirituelle Aktivismus?

Seane Corn: Yoga ist physisch und mystisch. Über diesen Weg können wir das ganze Leben körperlich, mental und spirituell erfahren. Mit meiner Detox-Yoga Klasse kann ich ein Mainstream-Publikum erreichen, das sich vor allem für die körperlichen Vorteile des Yoga interessiert. Natürlich spielt das eine wichtige Rolle, aber die „Entgiftung“ der Gedanken ist ebenso effektiv. Wut, Trauer, Selbstzweifel und ungelöste Probleme setzen sich als Vibrationen in jede Zelle ab, und das ungeeignetste Mittel, sie ruhig zu stellen, sind Abhängigkeiten – sei es von Drogen, Genussmitteln oder sogar Sex. Aber es gibt nie genug Ersatz für die Leere. Abhängigkeit bedeutet Entfremdung, auch das ist Thema im „Detox Flow“. Diese Stunden sollen ein balanciertes Umfeld schaffen, um über die ultimative Verbindung von Körper und Geist sprechen zu können.

YJ: Seane, bist du ein richtig guter Mensch?

Seane Corn: Selbstverständlich! Aber ernsthaft: Für meine Arbeit werde ich oft mit Lob überschüttet. Sich davon nicht beeindrucken und manipulieren zu lassen, ist eine echte Herausforderung. Insgesamt bin ich einfach in der glücklichen Lage, mit der Unterstützung eines grandiosen Netzwerks meine Vision umsetzen zu können. Aber ich habe das niemals komplett selbstlos getan – denn ich bekomme mehr zurück, als ich jemals geben kann.


In ihrer über 25-jährigen „Yogakarriere“ lernte Seane Corn unter anderem bei Sharon Gannon und David Life, Pattabhi Jois, Erich Schiffman, Bryan Kest und Patricia Walden. 2005 erhielt sie für ihr Engagement den „Conscious Humanitarian Award“. Mit Hala Khouri und Suzanne Sterling gründete sie 2007 die Organization „Off The Mat, Into The World„, eine Trainingsinitiative für nachhaltigen Aktivismus. Im Herbst 2019 erscheint ihr erstes Buch „Revolution of the Soul“.