Herausforderung und Überforderung – nachgefragt bei Young-Ho Kim

Besonders in Zeiten von Social Media hat sich Yoga extrem verändert. Wolltest du auch schon mal eine halsbrecherische Position von Instagram nachmachen? „Spüre in deinen Körper“ heißt es in regülären Yogastunden. Manchmal ist es auch in Begleitung eines Yogalehrers ganz schön schwer, zu erkennen, ob der Körper bereit ist oder ob das Ego dich in eine Pose zwingen will. Wie erkenne ich in meiner Yogapraxis den schmalen Grat zwischen Herausforderung und Überforderung? Das Yoga Journal hat bei dem Gründer der Yogarichtung „Inside Flow“, Young-Ho Kim nachgefragt.

Oft packt uns der Ehrgeiz, und wir möchten bestimmte Asanas unbedingt sofort können. Zwischen Herausforderung und Überforderung: wie kann man den Ehrgeiz mit Gelassenheit kombinieren? Schließlich wollen wir Fortschritte erreichen, ohne sich dabei Frust oder Verletzungsgefahr auszusetzen.

Die Antwort der traditionellen Yogaphilosophie

Von Patanjali stammt der Hinweis „Sthira Sukham Asanam“. Die Yoga-Haltung soll fest und leicht zugelich sein. So weise und plausibel dies klingen mag, erwischen wir uns immer wieder, wie wir übermütig über die Grenze hinausgehen, uns Schmerzen zufügen oder die Praxis einfach frustriert und resigniert aufgeben.

Um herauszufinden, ob uns eine Herausforderung weiter bringt oder überfordert, nimm die richtige Einstellung zur Anstrengung ein. Wenn man beispielsweise mit der Krähe (Bakasana) beginnt, hat man Angst, vornüber zu fallen. Genau so ist es beim Handstand. Für die Überwindung dieser Angst braucht es die Bereitschaft, sich überhaupt mit Emotionen auseinandersetzen zu wollen. Ohne diese Bereitschaft werden wir uns nie der Herausforderung stellen. So nähmen uns die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Sei also offen und nimm die Herausforderung an.

Nachdem die Herangehensweise stimmt, brauchst du das nötige Know-How, um die Position korrekt ausführen zu können. Halbwissen kann dabei sehr gefährlich sein – die fatalste Kombination ist allerdings Halbwissen und Übermut. Um Stabilität und Leichtigkeit zu erzeugen, benötigen wir also Information über Asanas und die richtige Einstellung.

Die Schlüsselrolle der Atmung

Bei dieser Achtsamkeitsübung ist die Atmung der rote Faden, an dem man sich entlang hangelt. Verlierst du ihn, verlierst du auch die Kontrolle über deinen Körper und den Fokus des Geistes. So läufst du Gefahr, deine Grenzen zu überschreiten. Bleib also ganz bei dir, indem du deine Achtsamkeit auf deine Atmung lenkst und sich von ihr leiten lässt.

Die Ujjayi-Atmung (Kehlkopf-Atmung) erzeugt die nötige Spannung im Körper. Gleichzeitig beruhigt sie den Geist. Zudem hört man ihren Klang deutlich, wodurch es uns leichter fällt, auf uns selbst zu hören. Achte also als Schüler und ebenfalls als Lehrer auf die Ausrichtung des Asana und gleichzeitig auf eine ruhige Ujjayi-Atmung. So lange dich das ruhige Rauschen deiner Ujjayi-Atmung begleitet, kannst du dich weiter langsam an deine Grenze vortasten. Sobald du dich überforderst oder dich die Angst packt, wirst du bemerken, dass du in eine Pressatmung verfällst oder sogar das Gefühl hast, gar nicht mehr atmen zu können.

Wenn das Rauschen deines Atems angestrengt, laut und unregelmäßig ist, stehst du davor, dich zu überfordern. Erkenne und akzeptiere die Grenze von Herausforderung und Überforderung, lass dich davon jedoch nicht demotivieren. Nimm hier von neuem eine positive Einstellung gegenüber deiner Praxis ein. Du solltest die Situation als Herausforderung wahrnehmen, die deine Praxis spannend macht und bereichert. Wäre das Leben nicht langweilig, wenn wir alles schon wüssten und sofort könnten?


Young-Ho Kim ist in Südkorea geboren und mit der asiatischen Kampfkunst Taekwondo aufgewachsen. Zusätzlich übt er seit Jahren Yoga, betreibt in Frankfurt das Studio Inside Yoga und reist als Lehrer und Ausbilder durch ganz Europa.

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