Sonnenaufgang am Maimorgen

Prolog, Dialog, Epilog – das neue Werk des Hamburger Duos ist klar strukturiert. Schließlich haben Stephanie Hundertmark und Ansgar Üffink, die beidem kreativen Köpfe hinter VARGO, auch klar umrissene Vorstellungen von Lebensqualität: Ihnen geht es um „bewusstes Leben und Erleben, Kontemplation, Yoga und Meditation, ein Leben mit Nachhaltigkeit, Sinn und Tiefe.“ Da ihr Debüt „Beauty“ ganz ohne inszenierte Medienkampagnen Kultstatus erlangte, muss es wohl an Konzept, Kreativität und Qualität ihres spielerischen Mixes aus Ambient und TripHop, Downbeat und Chill-Out liegen. Auch diesmal liegt die Schönheit ganz im Ohr des Zuhörers: Multiinstrumentalist Üffink bedient sich einer farbenfrohen Palette an Klängen – schwebende Keyboard-Flächen, warme Tiefenbässe, entspannt groovende Downbeats, anrührende Streicher-Sounds und fröhliche Flamenco-Gitarren stehen im Dialog mit Hundertmarks unaufgeregtem Timbre. Und schaffen den seltenen Spagat dem Hörer einerseits Entspannung anzubieten, andererseits mit vielen Details auch zum Zuzuhören einzuladen, und sich sogar wohlig in den sanften Klangwelten zu wiegen. So klingt ein vertonter Sonnenaufgang an einem Maimorgen. Das hat Methode: Immerhin haben die beiden ihre Klasse bereits auf der legendären „Café del Mar“-Reihe oder den „Bar Lounge Classic“-Samplern unter Beweis gestellt. Zudem konnte das Duo für „Precious“ prominente Verstärkung gewinnen: Buchautor Dan Millman („Der Pfad des friedvollen Kriegers“) schrieb eigens Texte für dieses Album. Zum Glück ist das etwas kitschig gestaltete Booklet kein Gradmesser: der Inhalt schlägt die Verpackung um Längen. Und so soll es ja auch sein. Die inneren Werte sind es, die zählen.

 

Stefan Woldach

„Precious“ von Vargo (Ambient Domain, ca. 18 Euro)

Plastic Not Fantastic

260 Millionen Tonnen Kunststoffe werden jährlich produziert – Tendenz steigend. Sie tragen Namen wie Polycarbonat, Polyethylen oder Polyester. Die daraus gefertigten Produkte haben längst unseren Alltag erobert: Wir tragen Plastik, essen und trinken aus Plastik, verpacken in Plastik … Was praktisch klingt, hat eine tiefschwarze Kehrseite. „Plastic Planet“, das Begleitbuch zum gleichnamigen Film des Österreichers Werner Boote, zeigt die gewissenlosen Machenschaften der Kunststoffindustrie auf, enthüllt, wie wir uns mit dem reinen Gebrauch diverser Kunststoffprodukte selbst vergiften. Und lenkt den Blick dorthin, wo diese Produkte nach ihrem kurzen Leben „enden“. Ihre Überreste lagern sich tonnenweise in den Meeren ab, werden vergraben und verbrannt, und sind so längst zur tickenden Zeitbombe geworden, die die für uns lebensnotwendigen Ressourcen ganz real bedroht. Anders als im Film entlässt das Buch den Leser mit einem Hauch Optimismus: Ein Kapitel ist einer Familie gewidmet, die inspiriert durch Bootes Film, beschloss, möglichst plastikfrei zu leben. Ihr Fazit: „80 Prozent der Dinge sind leicht zu ersetzen, 15 Prozent schwer, und die restlichen 5 Prozent unmöglich“. Leichtfüßig, aber niemals oberflächlich, eindringlich, aber nie belehrend. Kurz: Lesenswert!

 

Melanie Vogel

„Plastic Planet – Die dunkle Seite der Kunststoffe“ von Gerhard Pretting und Werner Boote (Orange Press, 20 Euro)

Schätze des Yoga

Sind Gurus eigentlich noch zeitgemäß? In ihrem neuen Buch „Die sieben Perlen des Yoga“ stellt Anna Trökes sieben Meister und Meisterinnen vor, die bestimmte Yogarichtungen und – aspekte besonders geprägt haben. Eine spannende Auswahl, die die Grande Dame der deutschen Yogaszene da getroffen hat: Gurmukh Kaur Khalsa für Kundalini Yoga, Dr. Shrikrishna für den zentralen Yogaaspekt des Pranayama, Ursula Lyon für den Buddhistischen Yoga, Reinhard Gammenthaler für Tantra Yoga, Mark Whitwell für Yoga of Heart, R. Sriram für Vinyasa Krama und Kali Ray für Tri Yoga Flows. Jeder berufliche Ausbildungsweg stellt uns Lehrmeister (Ausbilder) zur Seite. Meister, die über einen Meisterbrief verfügen, der sie zum Ausbilden berechtigt. Warum reagieren wir auf spiritueller Ebene aber oft mit großem Misstrauen auf Menschen, die sich als Meister oder Meisterin auf dem Yogaweg anbieten? Eine Frage, der Trökes in ihrem Buch nachgeht, mit dem sie die Beziehung zwischen Guru und Schüler näher beleuchtet. Sie selbst blickt dankbar auf viele Jahre der Gefolgschaft zurück, wie man es in ihrer Einführung lesen kann: „Sie (die Meister, Anm. d. Red.) machten mir Mut, meinen dunklen Seiten zu begegnen und beraubten mich meiner falschen Hoffnungen. Schon alleine für die Aussicht dafür – für die Begleitung durch garstige Landschaften unserer Seele – sollten wir uns dankbar einem Guru zuwenden können.“

Fazit: Jedes Kapitel gibt eine Einführung zum jeweiligen Yogastil, dessen Entstehungsgeschichte und Schwerpunkt. Dann folgt ein Interview mit dem Meister oder der Meisterin, die diese Stilrichtung entscheidend geprägt, wenn nicht so gar „entwickelt“ hat. Ansprechend fotografierte Übungsstrecken mit Atemübungen oder charakteristischen Asanas runden jedes Kapitel ab. Liest man die Berichte der Yoga-Gurus, klärt sich auf wunderbare Weise eine mystischer Nebel, der den Yoga sooft umgibt. Es wird klar: Yoga ist ein erlernbarer Weg, der uns mit dem großen Ganzen in Verbindung bringen und Spiritualität erfahrbar machen kann. Doch nur diszipliniertes Praktizieren bringt den Einzelnen auf den seinem Yogaweg weiter. Die Devise heißt ganz pragmatisch: dranbleiben. Das Buch macht neugierig, sich mit den vielen verschiedenen Stilrichtungen des Yoga auseinander zu setzen und sich eingehender mit der Guru-Idee zu befassen. Vor allen Dingen vermittelt Anna Trökes, dass man beides sein kann – Lehrer und Schüler. Und dass der Sitz des Schülers nicht die Aufgabe des eigenen kritischen Geists bedeutet.

 

Diana Krebs

„Die sieben Schätze des Yoga“ von Anna Trökes (Gräfe und Unzer Verlag, 14,99 Euro)

Call and Response

Ein „Joyride“ ist eine Spritztour, eine meist ziellose (Auto)fahrt, deren Spaß im Zufall liegt und die an jeder Kurve neue Entdeckungen bereithält. An Bord einer solchen Vergnügungsfahrt sind vermutlich gute Freunde, die Richtung bestimmt man meist spontan. Am Schluss kommt man dort an, wo der Trip los ging – aber mit neuer Perspektive und überrascht vom Verlauf der Dinge. „I’m a rider in a love game, following the stars“, singt die Band Roxette in ihrem ansonsten nicht weiter erwähnenswerten Hit „Joyride“ von 1991.

Auch Dave Stringers neues Album mit dem gleichen Titel wirkt am besten, wenn man sich einfach darauf einstellt. Ohne Erwartungen loszuhören gestaltet sich bei einem Kirtan-Künstlers seines Kalibers natürlich schwierig: Zu oft hat der gelernte Jazz-Musiker in Deutschland und der ganzen Welt schon grandiose Konzerte gespielt, in seinen „Kirtan Flight Schools“ schüchterne Yogis aus der Sing-Reserve geholt und viele skeptische Ausschließlich-Mattenturner von der Kraft des gemeinsamen Singens überzeugt. Und so wirken einige Beginne der sechs Mantren-“Klassiker“ auf seiner neuen Doppel-Live-CD etwas schwerfällig und fast zu „live“, denn auf den durchschnittlich 17 Minuten langen Tracks steht das Publikum ebenfalls sehr im Vordergrund. Eigentlich will man doch keine beliebige Kirtan-Crowd, sondern den Meister selbst… Aber schließt man die Augen, verlässt den Geschirrberg oder den Computer und überlässt sich ganz der Magie der Musik, stellt sich unweigerlich die charakteristische Dynamik eines Stringer’schen Kirtans ein: Man wiegt sich in scheinbarer Ruhe, bis plötzlich der Funke überspringt. Auch auf CD überträgt sich Stringers verlässliches Charisma, eine Kreuzung zwischen Rockstar, Meditationslehrer und Trucker, unterstützt von einer Band, deren musikalische Erfahrungen von traditioneller indischer Musik über Jazz und Gospel bis zu Stadionrock reicht. Jay Hanuman! Come on, join the joyride…. (cr)

„Joyride“ von Dave Stringer (Magnetic Melodies/Spirit Voyage, www.davestringer.com)

Tatort Gemüsebeet

Sich ein Jahr lang ausschließlich regional zu ernähren: Dieser Herausforderung hat sich Andreas Hoppe aka „Tatort“-Kommissar Mario Kopper gestellt und zusammen mit Co-Autorin Jacqueline Roussety in einer Art Tagebuch dokumentiert. Auslöser für das Experiment waren der langjährige Konsum des Catering-Essens bei seinen Drehs und der folgende Impuls sich gesünder zu ernähren. Im Verlauf der Öko-Odyssee bemerkt der in Berlin lebende Schauspieler schnell, dass regionale Ernährung weit mehr bedeutet als im trendigen Bio-Supermarkt in Kreuzberg einkaufen zu gehen. Er beginnt auf seinem kleinem Hof in Mecklenburg Obst und Gemüse anzupflanzen und lässt den Leser an sämtlichen Höhen und Tiefen teilhaben, die die Selbstversorung mit sich bringt. Amüsant: Hoppe vergleicht ein Gemüsebeet mit einer Yogagruppe inklusive Dill und Majoran als Gurus – „weil sie schädliche Einflüsse fernhalten und mit allen gut können“. Fazit: Unterhaltsamer Selbstversuch, der an manchen Stellen ein wenig naiv geraten ist, für Jetzt-schon-Ökos vermutlich zu banal. Für alle Anderen ein kurzweiliger Einstieg in die Welt der Bio-Läden und regionalen Ernährung.

 

 

„Allein unter Gurken – mein abenteuerlicher Versuch mich regional zu ernähren“ von Andreas Hoppe (Pendo Verlag, 16,95 Euro)

DVD-Tipp: David wants to fly

Nach der Filmhochschule hat der junge Regisseur David Sieveking ein großes Ziel: Wie sein großes Idol David Lynch möchte er „abgründige“ Filme drehen. Doch genau das fehlt ihm in seinem Leben: die Abgründe…

Im Bestreben, seinem Idol und Namensvetter näher zu kommen, stößt der Berliner Filmemacher auf die Transzendentale Meditation (TM) und die Geschichte ihres Gründers, des Beatles- und Hollywood-Gurus Maharishi Mahesh Yogi. Sieveking beginnt, selbst TM zu praktizieren, erlebt wahre Höhenflüge und fühlt sich bald „wie in einem Fahrstuhl, dessen Seile abgeschnitten wurden“. Überwältigender Nebeneffekt ist die persönliche Begegnung mit Meisterregisseur  Lynch, der ihm rät, beim Filmemachen und im Leben seine „eigene Wahrheit“ zu finden.

Als Sieveking diesen Rat beherzigt und tiefer in die TM-Materie einsteigt, tun sich allerdings Ungereimtheiten auf, die jedes David Lynch-Films würdig wären: Die Organisation behindert die Recherchen, in Indien, den USA und Deutschland berichten Zeitzeugen und TM-Aussteiger von bizarren Umtrieben des Gurus und seines Umfelds. Schließlich droht sogar David Lynch mit einer Klage.

Faszinierend obskur: Seine persönliche und filmische Odysee durch die Transzendentale Meditation hat David Sieveking zum sehr persönlichen, kritischen und spannenden Dokumentarfilm „David Wants To Fly“ verarbeitet. Sein Fazit: „Menschen, die wissen, wo’s lang geht, können einen ganz schön in die Irre führen.“

 

„Yoga schafft Realität“

Im alternativen New York der 80er Jahre kombinierten Sharon Gannon und David Life die Energie von Musik, Tanz und traditionellem Yoga zu einer Methode, die bis heute vor allem in urbanen Szene-Vierteln begeistert praktiziert wird. Ihr Jivamukti Yoga ist kraftvoll, kreativ, politisch – und absichtlich hip. “Yoga kann nicht angesagt genug sein”, sagen die ehemaligen Performance Künstler im YOGA JOURNAL -Interview anlässlich des Jivamukti Tribe Gatherings in München.

Interview: Christina Raftery  Foto: Gion

 

YOGA JOURNAL: Sharon und David, anlässlich eures Besuchs in Berlin, Hamburg und München haben euch viele Menschen erlebt, die nicht viel mit Yoga zu tun haben, aber definitiv schon von Jivamukti Yoga und seinen prominenten Schülern gehört haben. Wie nutzt ihr diese Popularität?

Sharon Gannon: Popularität treibt seltsame Blüten. Als wir im November in Kolumbien waren, wurden wir von der Presse als “Los Gurúes de Yoga y Sexo Tántrico de Sting” angekündigt. Da waren wir durchaus etwas verlegen….

David Life: Nicht nur die Menschen, die Yoga üben, sollten von Yoga wissen. Unsere Gesellschaft befindet sich an einem sozialen und ökologischen Wendepunkt, der uns vor bestimmte Aufgaben stellt. Yoga gibt unseren Vorschlägen für ein Leben in Harmonie mit dem Planeten Integrität. Seine Popularität nutzen wir, um sie zu verbreiten und ein Netzwerk von Interessierten aufzubauen.

 

YJ: Der Beginn einer Yoga-Praxis bedeutet oft einen Wendepunkt im Leben. Über körperliche Übungen finden wir Verbindung zu allem Lebenden, denken und handeln aus neuen Perspektiven. Wir denken wieder über “Spiritualität” nach, die wir im Westen vielleicht auch in einer christlichen Erziehung erlebt haben. Ist Yoga ein Ersatz für Religion?

David Life: Das Sehnsucht nach etwas Größerem ist in uns, ebenso das Bedürfnis, uns unter spirituellen, sozialen oder politischen Vorzeichen zu versammeln. Warum gehen die Menschen in die Kirche? Es ist mehr als das offensichtliche Ritual des Gebets. Wir suchen Gemeinschaft. Yoga bietet dies ebenfalls an, mit einem wichtigen Unterschied: Hier wird jede Form des Glaubens akzeptiert.

 

YJ: Vom Christentum zum Yoga: Welche Art von Übergang kann hier stattfinden?

Sharon Gannon: Yoga bedeutet Verbindung. Ich bin mit dem Katholizismus aufgewachsen. Eine große Rolle spielt hier die Furcht vor Gott, die im Leben auf Autoritätsfiguren projiziert wird. Als Kind lernt man die zehn Gebote auswendig, entwickelt ein Schuldgefühl und geht zur Beichte. Ich erinnere mich, wie ich mir vor der Beichte den Kopf zerbrochen habe, welche Sünden ich wohl begangen haben könnte und fragte meine Geschwister, ob ihnen etwas einfiele…

Als ich Patanjalis Yoga Sutren entdeckte, las ich erneut “Du sollst nicht töten, lügen, stehlen”. Die Yoga Philosophie macht die gleichen Vorschläge wie das Alte Testament. Patanjali formuliert jedoch optimistischer: Die Yoga Sutren beschreiben die positiven Wirkungen des Nicht-Verletzens. Das fand ich aufregend!

David Life: Dieser Ansatz gibt uns etwas, womit wir arbeiten können, anstatt in Schuldgefühlen zu verharren, die aus vergangenen Taten resultieren. Yoga betont die Gegenwart, die Realität: Was können wir JETZT tun? Wir können unsere Realität selbst schaffen. Dieses Versprechen gibt uns Yoga – aber nicht als Konzept, das wir glauben können oder nicht, sondern durch direkte Erfahrung. Du fühlst dein Leben JETZT, hier, direkt auf der Matte, in der Meditation.

Sharon Gannon: Ich habe das Gefühl, dass auch Religionen wie das Christentum einmal umfassender funktioniert haben. In der katholischen Messe knien wir, stehen wieder auf, beugen uns zur Erde, richten uns zum Himmel: Ein Sonnengebet!

 

YJ: Im Neuen Testament steht: “Liebe deinen Nächsten wie dich Selbst”. Gesprochen von jemandem, der mitten im Leben stand.

Sharon Gannon: Natürlich. Jesus war ein Yogi. Er sah sich als Eins mit Allem und hat es beispielshaft gelebt.

 

YJ: Über die Brücke des Yoga verändern wir den Blick auf unsere Erziehung, unsere Wurzeln, unsere Familien. Wir können mit vielem Frieden schließen.

Sharon Gannon: Wir werten nicht mehr so stark und kommen von der “Ich und die Anderen”-Trennung ab. Yoga reicht unermesslich weit und ermöglicht uns, mehr von der Welt in unsere eigene Realität zu integrieren, ohne auf die Erlösung im Jenseits zu warten. Ein unglaublich praktisches Konzept!

David Life: Yoga ist keine Religion, sondern anarchistisch. Es gibt keine Hierarchie, keinen “Yoga-Papst”. Viele offizielle Religionen sind nicht pro-Yoga. Warum? Weil die Kraft des Individuums gefördert wird. Yoga braucht kein abhängiges Gefolge. In unserem Unterricht versuchen wir, eine intelligente, reflektierte Atmosphäre zu schaffen. Informieren statt einlullen.

Sharon Gannon: Wenn sich Organisationen bedroht fühlen, ergreifen sie eine bestimmte Maßnahme: Sie drehen die Dinge um. Jesus sagte “Mein Vater und ich sind Eins.” Das ist Yoga, Samadhi. In seiner Sprache, dem Aramäischen, nutzte er den Namen “Alaha”. Das heißt “Alles, was ist, alles Manifestierte. Er sagte: “Ich bin eins, mit allem, was ist.” Allerdings steht in der Bibel an keiner Stelle, dass er als Einziger Anspruch auf diese Einheit hat. Weil seine Worte die Verhältnisse bedrohten, wurden seine Worte jedoch so interpretiert. Damit hat man ihn ins System zurückintegriert, aber unerreichbar entrückt.

 

YJ: Körperliche Übung und Bewusstsein – wie stehen sie im Yoga im Zusammenhang?

S: Das sind keine getrennten Einheiten. Der Körper ist ein Produkt unseres Karmas. “Karma” umfasst unsere Beziehungen zu anderen, die sich im Körper manifestieren. Durch die Yoga-Praxis heilen wir unsere Beziehungen. Wenn wir uns nicht um sie kümmern, verfolgen sie uns und wir sind völlig von ihnen und unserer vermeintlichen “Persönlichkeit” besessen. Aber wir sind viel mehr als das: Eine “Jiva Mukta” (befreite Seele) befindet sich in Einheit mit allem, was ist.

 

YJ: Muss man hierzu unbedingt Asanas üben?

David Life: Es gibt andere effektive Methoden, die einfacher sind als Yoga-Übungen und die Menschen im umfassendsten Sinn gesünder machen. Eine der wichtigsten ist eine vegetarische, besser vegane Ernährung. Dabei ist wichtig zu sehen, dass Yoga nicht von “Sünden” spricht, sondern von hilfreichem und weniger hilfreichem Verhalten. Damit ist weniger Verurteilung und Selbstgerechtigkeit möglich.

Sharon: Wir leben in einer skeptischen, zynischen, von Zweifeln geschüttelten Welt. Wenn wir diesen Haltungen verfallen, entfernen wir uns von unserer inneren Kraft, unsere eigene Realität zu gestalten. Es ist so normal, sich als Opfer zu fühlen und andere verantwortlich zu machen. Je mehr wir uns jedoch mit Yoga beschäftigen, desto unmöglicher wird uns diese Haltung. Dann wird es richtig spannend.

 

YJ: In München fand anlässlich eures Besuchs das erste “Jivamukti Tribe Gathering” statt, ein “Stammestreffen” mit Lehrern und Schülern. Welche Rolle spielt die Gemeinschaft im (Jivamukti) Yoga?

S: Wenn wir uns um uns selbst kümmern, schaffen wir Methoden, die Welt zu verändern. Eine Gemeinschaft, in der jeder auf seine individuelle Weise zum Wohle des Anderen arbeitet, ist das wichtigste Mittel, um die Krisen auf unserem Planeten zu lösen.

D: Dabei sollten wir nicht in die Falle der etablierten Religionen geraten und uns nicht “besser” als Andere fühlen: “Wir haben es kapiert, ihr nicht…” Yoga kann nicht missioniert werden, sondern findet uns, wenn wir motiviert sind.

 

YJ: Was ist dabei wichtiger – der Intellekt oder Gefühle? Müssen wir insgesamt liebevoller werden?

S: Liebe ist die Basis, aber nicht so, wie wir sie meistens verstehen. Wir lieben unsere Familie, Freunde und Haustiere. Was aber ist mit dem Unbekannten, dem Fremden? Anderen Wesen?

David: Liebe ist mehr als das Gegenteil von Hass, umfassender. Jivamukti Yoga erforscht Yoga auch als tantrische Übung. “Tan” bedeutet im Sanskrit “ausdehnen”, “tra”, es wirklich zu tun. Durch unsere Methode wollen wir allen Dingen ein Gesicht geben und eine Beziehung zu ihnen finden. Dann besteht die Welt aus lebenden, nicht ausbeutbaren Wesen. Wenn das Fleisch auf dem Teller ein Gesicht hat, wird es schwieriger, es zu essen.

Kinder (sind) Yoga

Foto:  Holger ZapfLöwengebrüll, brummende Hubschrauber, strampelnde Käfer auf dem Rücken, Helden mit Superkräften und Surfer in der Pipeline – im Kinderyoga ist Fantasie gefragt. Während Erwachsenen die Anweisung „Virabhadrasana II“ reichen mag, um in einen perfekten Krieger II zu kommen, stellen sich Kinder hierzu viel lieber vor, wie ein Surfer auf dem Brett zu balancieren. Beim Yoga lernen sie die Asanas je nach Alter auf mehr oder weniger spielerische Weise.

Von Verena Hertlein

„Kinder sind sehr fantasiereich und lernen schnell, wenn sie in Bilder lernen dürfen. Sagt man die Kobra an, liegen sofort alle auf dem Bauch, räkeln die Hälse und geben Zischlaute von sich. Kinder machen nicht die Übung, sie sind die Übung.“ Holger Zapf, Kinderyogalehrer und -ausbilder am Institut Unit Wiesbaden, betont, wie wichtig es ist, Yoga an die Bedürfnisse von Kindern anzupassen. „Ist die Yogastunde neben dem positiven Effekt auch noch lustig, spannend und jedes Mal ein Erlebnis, werden die Kinder immer wieder gerne hingehen.“ Als Kinderyogalehrer braucht man viel Fantasie und die Fähigkeit, sich in die Kinder hinein zu versetzen. Sonst hat man schnell einen Raum voller lustloser oder nörgelnder Kinder vor sich. Wenn sie mit Langeweile oder Monotonie konfrontiert werden, verlieren sie nämlich schnell die Lust

Das wichtigste Prinzip: Satya – Wahrhaftigkeit

Auch Jenny Burgstett, Kinderyogalehrerin bei Jaya Yoga in München, weiß, was ihre kleinen Schüler wünschen. Sie müssen die Möglichkeit haben, zwanglos und mit Spaß zu lernen. Seit acht Jahren unterrichtet sie Kinderyoga und hat von ihren Schülern vor allem gelernt, selbst flexibel zu bleiben und im Moment zu leben. „Mit Kindern weiß man vorher eigentlich nie so genau, wie sich die Yogastunde entwickeln wird. Für mich ist das allerwichtigste Prinzip „Satya“ – Wahrhaftigkeit. Wenn ich am Anfang der Stunde beispielsweise merke, dass es einem Kind nicht gut geht, integriere ich das in die Stunde. Vielleicht mache ich dann Gefühle oder Veränderung zum Unterrichtsthema. Es hat keinen Sinn, als Lehrer stur an einem Konzept festzuhalten. Mit Kindern funktioniert das einfach nicht.“ Ihrer Erfahrung nach sind Kinder sehr authentisch und verstellen sich nicht wie Erwachsenen. „Wenn ich mit Kindern zusammen bin, versuche ich, genauso authentisch zu sein. Ich erzähle ihnen auch, wenn es mir einmal nicht gut geht. Mich hat schon immer die Leichtigkeit und Offenheit, mit der Kinder die Welt erleben, fasziniert. Mit Yoga möchte ich Kinder dabei unterstützen, sich mit Neugierde und Spaß selbst zu erfahren, ihre Stärken zu entdecken und in Harmonie mit sich und anderen zu leben.“

Freiraum zurück erobern

Wenn man einen Blick auf die Kurspläne von Yogastudios wirft, kann man erkennen, dass Yoga für Kinder immer mehr an Beliebtheit gewinnt. Holger Zapf sieht die Ursache in der wachsenden Reizüberflutung, die heute schon im Kindesalter den Alltag prägt – durch Fernsehen, Videospiele und nicht zuletzt überladene Lehrpläne in den Schulen. Die wenige Freizeit wird oft zusätzlich mit Englisch und Klavierunterricht verplant und den Kindern bleibt immer weniger Auszeit zur Entspannung. Rechnet man alle organisierten Aktivitäten zusammen, kommen Kinder nicht selten auf einen 10-Stunden-Tag. Wen wundert es da, dass viele Kinder darauf mit innerer Unruhe reagieren, zappelig, unkonzentriert oder sogar aggressiv werden? Zapf empfiehlt Kinderyoga, um den Kindern genau diesen verlorenen Freiraum zurückzugeben. „Die Yogastunde dient als Refugium jenseits von Termin- und Leistungsdruck, in dem sie ihre Kreativität ausleben und sich so selber entdecken können.“

Mutter-Vater-Kind-Yoga

Isabel Schilpp, die im Frankfurter Studio „Inside Yoga“ (www.insideyoga.de) Kinderyoga unterrichtet, hat sich ebenfalls Gedanken darüber gemacht, wie sehr Kinder und Eltern von der allgemeinen Hektik und dem schnellen Tempo unserer Zeit betroffen sind. „Im ständigen Balanceakt zwischen Schule, Arbeitswelt und Familienleben ist der Tag eines jeden Familienmitglieds angehäuft mit Terminen und Verpflichtungen. Das Freizeitprogramm wird oft unabhängig voneinander gestaltet. Daher bleiben gemeinsame Stunden und die Ruhe, sich wirklich aufeinander einzulassen, meist auf der Strecke.“ Aus diesem Grund veranstaltete sie 2009 zum Weltkindertag bei Inside Yoga erstmalig einen Workshop für Mutter-Vater-Kind-Yoga. Das Konzept: Die ganze Familie soll aus dem Alltag heraus und gemeinsam auf die Matte. „Der ganze Tag stand unter dem Motto sich für das zu öffnen, was einen verbindet, und es im gemeinsamen Yoga umzusetzen. Es war schön zu sehen, wie die Kinder die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern genossen und mit Enthusiasmus und Konzentration bei den Übungen waren. Die Eltern staunten oft nicht schlecht darüber, was ihr Kind kann. Der Workshop bot den Eltern-Kind-Paaren das passende Umfeld, sich auszuprobieren und sich miteinander auseinander zu setzen. Dabei wurde das Bewusstsein, dass eine gut funktionierende Beziehung mit ständiger Arbeit verbunden ist, wachgerufen. Isabel Schilpps Fazit: Beim gemeinsamen Yoga konnten Eltern und Kinder neue Seiten am anderen entdecken und das Vertrauen in ihre Fähigkeiten als Team stärken.

Natürlich bietet es sich für Eltern an, auch zu Hause mit ihrem Kind Yoga zu machen. Um selbst eine Yogastunde zu kreieren, gibt Holger Zapf folgende Tipps:

* Werden Sie erfinderisch! Überlegen Sie sich Geschichten zu Themen, die Ihr Kind interessiert, beispielsweise Piraten, Skaten oder den Zoobesuch, und bauen sie die Asanas in die Geschichte ein.

* Wählen Sie Übungen, die zu den Bedürfnissen ihres Kindes passen. Ist ihr Kind eher unruhig, vermeiden Sie Übungen, die stark aktivierend sind.

* Versuchen Sie, sich in Ihr Kind hinein zu versetzen und sich daran zu erinnern, wie sie sich in dem Alter gefühlt haben.

* Üben Sie interaktiv, beziehen sie das Kind in das Geschehen ein.

* Zwingen Sie ihr Kind auf keinen Fall zu Yoga. Ihr Kind sollte freiwillig und mit Neugierde dabei sein.

Das Institut UNIT (www.unit-wiesbaden.de) veranstaltet für interessierte Yogalehrer und Pädagogen in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz Mainz Kinderyoga-Ausbildungen in Wiesbaden und München. Die nächsten Termine sind:  23.-25. April 2010 in München (berufsbegleitend) und 10.-15. August 2010 in Wiesbaden (Intensivkurs).