Alanis Morissette: “Entspannung am Rande meiner Fähigkeiten”

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Eine Praxis für Seele und Körper suchte Alanis Morissette, um sich auch auf anstrengenden Tourneen zu regenieren. Die Musikerin fand Yoga – und hat dadurch sehr viel über sich und für sich gelernt.

Alanis Morissette, 37, wurde 1995 ins Rampenlicht katapultiert, als ihr Album „Jagged Little Pill“ Rockgeschichte schrieb – mit 33 Millionen weltweit verkauften Einheiten wurde es zum erfolgreichsten Debütalbum einer Künstlerin aller Zeiten. Die Pop-Rock-Hymne „You Oughta Know“ verkörperte perfekt die rohen Emotionen und widersprüchlichen Gefühle einer verschmähten Geliebten. Auch wenn DJs oft die explizitesten Stellen ausblendeten, verhalfen sie dem Lied zu weitreichendem Airplay, während Zuhörer auf der ganzen Welt sich mit der Herzschmerz-Geschichte der jungen Kanadierin identifizierten. Morissette war damals gerade 21.

Ihr Aufstieg in die Starriege war gnadenlos und ließ wenig Zeit zum Ausruhen oder Nachdenken. Rückblickend sagt sie, sie sei froh, dass sie so viele Menschen kennenlernen und die Welt sehen konnte, aber gibt zu, dass das Touren sie körperlich und seelisch auslaugte. Die Intensität war ermüdend. Wenn sie allein sein wollte, versteckte sie sich im Backstage-Bereich, in Hotelzimmern oder sogar auf Toiletten – wo auch immer sie etwas Abstand von dem Wahnsinn gewinnen und wieder zu sich finden konnte. Zwischen Auftritten, Interviews und all den kräftezehrenden Anforderungen an sie musste sie Energie tanken, und irgendwann begriff sie, dass sie anstatt sich zu verstecken sich gründlich regenerieren musste. „Ich wollte eine Praxis finden, die sowohl Körper als auch Seele einbezog. Yoga war dafür perfekt“, sagt sie. „Ich fühlte mich, als sei ich dazu geboren, Yoga zu machen.“

Ihr erster Kontakt damit war die DVD „Yoga Mind & Body“, eine DVD der Schauspielerin Ali McGraw mit dem renommierten Yogalehrer Erich Schiffmann, die Morissette gegen Ende ihrer „Jagged Little Pill“-Tour entdeckte. Seitdem hat sie alles ausprobiert von Ashtanga zu Bikram zu Kundalini, Iyengar, Shadow und Yin, und sie hat mit einer Reihe bekannter Lehrer studiert, inkl. Kathryn Budig, Sara Ivanhoe, Matt Pesendian, Nicki Doane und Eddie Modestini. Sie liebt Vinyasa Flow.

Glücklicherweise ist Morissettes Zwillingsbruder Wade Imre Yogalehrer und Kirtan-Künstler. Sie sagt, er sei einer ihrer Lieblingslehrer, nicht nur wegen ihrer engen Verbindung, sondern auch, weil er Respekt vor Traditionen mit „einem Bewusstsein für die Realitäten des modernen Lebens“ verbinde. Die Realitäten von Morissettes geschäftigem Leben beinhalten mittlerweile die Ehe mit Rapper Mario „MC Souleye“ Treadway und ihrem Kind Ever Imre, geboren Weihnachten 2010 zu Hause in Los Angeles.

YOGA JOURNAL: Was liebst du am meisten an deiner Praxis?
ALANIS MORISSETTE: Sie gibt mir einen großartigen mikrokosmischen Schnappschuss, ein klares Bild von dem, was in meinem Leben passiert. Wenn ich mich auf der Matte fordere, fordere ich mich wahrscheinlich auch anderswo – ein Hinweis darauf, sanfter zu sein. Wenn ich nicht übe, fehlt mir dieser Kontakt zu mir selbst. Wie ich an meine Zeit auf der Matte herangehe, zeigt mir meine Bedürfnisse. Es ist eine tolle Einladung, mich auf das zu konzentrieren, was wirklich los ist.

Hat sich das auf deinen Kreativprozess ausgewirkt?
Der Antrieb, Yoga zu machen, kommt von demselben Ort, an dem meine Lieder geboren werden. Wenn ich Lieder schreibe oder Yoga mache, bin ich neugierig, was wirklich so passiert: Was geschieht in meinem Körper? Was geschieht in meinem Herzen? Was geschieht in meinem Leben? Was geschieht im größeren Kontext des Planeten? Was geschieht in der Evolution des Bewusstseins? Was geschieht in meinem Knie? Das ist alles derselbe Neugier-Muskel. Das ist die stärkste Eigenschaft, die ich in meinen eigenen Schaffensprozess einbringe. Es ist einfach diese Neugier, die auftkommt, und das liebe ich. Und es fehlt das Urteilen. Als ich 21 war und Yoga machte, trat ich mir selber in den Arsch, wenn ich nicht dehnbar genug ausgelaugt war. Jetzt stelle ich es einfach fest.

Hat Yoga dir auch in Beziehungen geholfen?
Ich denke, die reiferen Eigenschaften wie Neugier, Urteilsfreiheit und Aufmerksamkeit helfen. In den Momenten des Konflikts mit den Menschen, die ich liebe, ist es mein Ziel, diese Qualitäten an den Tag zu legen. Meine konsequente Praxis zahlt sich definitiv in meinen Beziehungen aus, weil sie von mir fordert, mutig zu sein und mich an meine Grenzen zu treiben, aber auch Nachsicht mit mir selbst zu haben und sanft zu sein. Also bringe ich mich an den Rand meiner Fähigkeiten und entspanne dann dort – so in etwa lebe ich heutzutage mein Leben.

Wie bist du an den Ort gekommen, an dem du bereit für eine Beziehung warst?
Oh, indem ich jahrelang immer wieder an allen Fronten Mist gebaut habe. Indem ich liebessüchtig war. Indem ich co-abhängig war. Indem ich nicht genug über mich selbst wusste. Je mehr ich über mich selbst lernte, desto mehr erkannte ich, dass ich ein Alpha-Weibchen bin. Da führt kein Weg daran vorbei. Ich begann, herauszufinden, wer ein guter Begleiter auf dieser Reise sein würde. Und ich wartete, um die Art von Person zu finden, die ein unglaublicher Mann sein würde, um der Vater meiner zukünftigen Kinder zu sein. Bevor ich wusste, wer ich war, hatte ich keine Ahnung, wer mich perfekt ergänzen würde. Ich musste herausfinden, wie ich für meine Sensibilität, meine Karrierebedürfnisse und meine Selbstpflege verantwortlich sein konnte. Je mehr ich wusste, was ich brauchte, desto mehr verinnerlichte ich es. Davor, wenn ich mit jemand ausging und die Chemie stimmte, habe ich mich einfach darauf gestürzt. Die Chemie ist enorm wichtig, aber ich entwickelte mich irgendwann über das „Wow, seine Augen sind so tiefgründig und ich will einfach knutschen“ hinaus, verstehst du? Später dann war die erste Frage, die ich immer stellte, „Was ist deine Aufgabe?“ Ich wollte niemand, der übermäßig besessen von Arbeit oder Reisen war. Als mein zukünftiger Ehemann sagte, seine Aufgabe sei es, ein unglaublicher Ehemann und Vater zu sein und durch seine Kunst einen Dienst zu leisten, dachte ich, „wow, das verlangt nach mehr Zeit und Energie.“

Hat Yoga dir in deiner Schwangerschaft geholfen?
Bewusstsein ist das Wichtigste. Ich bin von Natur aus dehnbar, und Relaxin, das Hormon, das während der Schwangerschaft ausgeschüttet wird, verstärkte das. Ich musste lernen, mich nicht zu überdehnen oder verletzen. Ich habe immer versucht, mich auf den Prozess des spirituellen Aufstiegs, auf Philosophie und Intellektualismus zu konzentrieren – alles ziemlich hohe Ziele, verstehst du? Aber manchmal hatte ich diese Momente der Erleuchtung beim Spazierengehen, als mir mit voller Wucht bewusst wurde: Ich bin ein Tier. Ich habe meine eigene Physiologie, DNS, genetische Veranlagung, Muskeln, Knochen, Bänder, und Hormone. Ich wurde zu einem wissenschaftlichen Experiment!

Wie hat sich deine Praxis über die Jahre verändert?
Da ist eine stille Kraft, die ich vor zehn oder 15 Jahren noch nicht wirklich kultiviert hatte. Damals war immer alles volle Kanne, wie ein Soldat. Heute kann ich den Soldaten rausholen, wenn ich ihn brauche, aber das ist nicht meine Ausgangsposition. Die Matte ist einfach da und ich kehre immer wieder zu ihr zurück.

Übersetzung: Matthias Jost