In Gedenken an B.K.S. Iyengar

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20.8.2014: Shri B.K.S. Iyengar hat sich gestern Nacht im Alter von 95 Jahren auf die “Reise vom Bekannten ins Unbekannte” gemacht. Wir denken heute an einen der größten Yogameister unserer Zeit und sind sehr dankbar für all die wunderbaren und fortschrittlichen Lehren, die er uns hinterlässt. Zum Tod des großen Meisters, hier nochmals unser großes Portrait zu seinem 95. Geburtstag aus dem Jahr 2013:

 

Made by Yoga

Mehr als 75 Berufsjahre hat er dem Yoga gewidmet: unermüdlich in seiner Praxis, unerbittlich in seinem Anspruch, unübertroffen in seiner Mission. B. K. S . Iyengar, der am 14. Dezember 2013 95 Jahre alt wurde, als bedeutendsten lebenden Yogi zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Mit seiner außerordentlichen Persönlichkeit, seiner Präsenz und seinem Feuer hat er Yoga zu den Menschen gebracht.

Wer nach Pune fährt, sucht weder Romantik, noch Exotik und erst recht kein typisches Indien-Flair. Pune bedeutet: Smog, Lärm ohne Ende, acht Millionen Menschen in ständiger Bewegung auf gefühlt mindestens vier Millionen Scootern, gesteuert von vermummten Gestalten, die aussehen wie Sprengstoffkommandos. Nicht eine einzige heilige Kuh weit und breit. Als B. K . S . Iyengar 1973 den Grundstein für das RMYI (Ramamani Memorial Yoga Institute) legte, galt die Gegend als extreme Randlage, so dass Iyengar sogar Sorge hatte, ob die Bürger Punes sich abends überhaupt auf den Weg an den Stadtrand machen würden. Diese Sorge konnte er rasch vergessen, denn die Stadt wuchs rasant, die Randlage mutierte zu einer zentralen und inzwischen strömen seine Anhänger aus der ganzen Welt an diesen Ort, wo es eng ist, laut und die Luft schlecht. Doch wer es endlich geschafft hat, einen der begehrten Plätze am Institut zu bekommen und für vier oder acht Wochen zum Üben dorthin zu fahren, der ist nicht auf Wellness programmiert. Der will keinen Soft-Yoga-Urlaub mit Sonnenuntergang am Strand, sondern in Gegenwart des Meisters jene Form des Hatha-Yoga praktizieren, die B. K . S . Iyengar berühmt gemacht hat: präzise in Körperarbeit und Ausrichtung, diszipliniert in der Durchführung, durchdacht in der Übungsabfolge und mit jenem Gespür für Timing, das eine Transformation erst ermöglicht und damit eine psychomentale Veränderung. Seit fast 80 Jahren übt, forscht und verfeinert Iyengar seinen Stil unermüdlich – besessen und beseelt vom Yoga.

Werdegang
Nichts in Iyengars jungen Jahren ließ auf ein langes oder gar erfolgreiches Leben hoffen. Als elftes von dreizehn Kindern am 14. Dezember 1918 in eine Brahmanenfamilie hineingeboren, ist er von Kindesbeinen an krank und schwächlich. Zur Zeit seiner Geburt wütet im südindischen Karnataka die „spanische Grippe“, von der auch seine Mutter befallen wird. Malaria, Typhus und Tuberkulose gehören zu seinen „Kinderkrankheiten“. Als er neun ist, stirbt sein Vater und die Familie verarmt. Doch dann gibt es diese Momente im Leben, die man im Nachhinein als Wendepunkte erkennt. Ein solcher ereignet sich im März 1934, als sein Schwager, der hochgelehrte Sri T. Krishnamacharya, ihn bittet, nach Mysore zu kommen, wo er auf Einladung des Maharadscha im Jogmohan Palace eine Yogashala (Yogaschule) gegründet hat. Was zunächst als mehrwöchiger Aufenthalt gedacht war, ist der Beginn einer lebenslangen Yogareise. Am Anfang stehen Demütigungen. Das Verhältnis zu seinem Guru und Gönner ist ambivalent – Verehrung und Dankbarkeit einerseits, Angst andererseits. Iyengar spricht von einem „Angstkomplex“, den er angesichts der Strenge seines Lehrers entwickelte. Er tut, was von ihm gefordert wird, häufig unter Schmerzen. Als 1937 in Pune ein Yogalehrer gesucht wird, nimmt er die Gelegenheit wahr, dem Einflussbereich seines Schwagers zu entkommen.

Iyengar ist zu dieser Zeit dürr wie ein Spargel, er wiegt nach eigenen Angaben nur 32 Kilo. Die Schüler, die er unterrichten soll, sind kräftiger, gebildeter – sie verhöhnen ihn. Iyengar beißt sich durch. Er übt bis zu zehn Stunden am Tag, ein Autodidakt, der das Wenige, das sein Guru ihm beigebracht hat, durch Selbstbeobachtung analysiert und korrigiert. „Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich gelitten habe“, fasst Iyengar diese Phase seines Lebens zusammen. Dennoch wird er körperlich und mental zunehmend stabiler. In diesen Jahren entwickelt Iyengar die Grundlagen seiner Methode: den Anfängergeist zu kultivieren und jeden Tag mit dem Üben neu zu beginnen, mit dem Körper zu arbeiten, wie er ist, und nicht, wie man ihn gerne hätte. Schau auf den roten Pfeil auf deiner inneren Landkarte! Das ist der Ausgangspunkt für deine Praxis. Bewerte dich nicht, vergleiche dich nicht mit anderen, sondern mit dir selbst. Nimm deinen Körper wahr, indem du beide Körperhälften miteinander vergleichst, die rechte mit der linken Flanke, das rechte mit dem linken Bein, die Körpervorderseite mit der Körperrückseite. Sind sie gleichermaßen gestreckt, gedehnt und lang? Über diese Körperwahrnehmung lerne den Geist kennen, das Muster, die Dellen in deinem Denken. So übe, von außen nach innen zu gehen, vom Groben zum Feinen, vom Bewussten zum Unbewussten. Das sind die Wegweiser auf deiner yogischen Reise, die Mittel dazu sind Disziplin und Beharrlichkeit. „Schiele nicht nach den Früchten deiner Arbeit“, heißt es in der Bhagavad Gita. „Sie werden dir in den Schoß fallen, wenn du reif dafür bist.“

Yoga: Von der Passion zur Mission
Die Heirat mit der 16-jährigen Ramamani führt ihn 1943 in eine persönlich beglückende Zeit, die ihn die Nöte des Alltags mit mehr Gleichmut und Abstand betrachten lässt. Seine Frau hält ihm den Rücken frei, unterstützt ihn in seiner Yogapraxis. Iyengar übt ebenso ausdauernd wie hingebungsvoll. Yoga wird nun zu einer Passion – und zu seiner Mission. Er will weitergeben, weiterwirken. Noch in den 1940er-Jahren lässt er ein Fotoalbum mit 150 Asana-Abbildungen erstellen. Durch berühmte Schüler wie den Philosophen Krishnamurti und vor allem den Geiger Yehudi Menuhin öffnen sich ihm die Türen in die westliche Welt. Als Iyengar auf Einladung Menuhins 1954 erstmals London besucht, erwarten ihn jedoch die alten Muster der Rassendiskriminierung. Die Briten haben die Unabhängigkeit Indiens noch nicht verdaut. Eine weitere „Iyengarsche Erkenntnis“ findet in dieser Zeit ihren Ausdruck: Energie ist wie ein Muskel. Wenn sie gebraucht wird, wird sie stärker. Inzwischen lodert in Iyengar ein Feuer, das alle Hindernisse „wegbrennt“. Jeder Fehlschlag ist ein „Licht, das auf einen weiteren Versuch leuchtet“, so dass er am Ende erreicht, was er erreichen wollte: Yoga populär zu machen. Geschenkt wurde ihm dabei nichts: Ende der 1950er-Jahre ausgebrannt, 1973 der frühe Tod seiner geliebten Frau, zwei Motorradunfälle 1979, die ihn wieder bei Null anfangen lassen. Er entwickelt Hilfsmittel, die sogenannten Props, um Haltungen an einen eingeschränkten Körper anzupassen und wird zu einem Wegbereiter der Yogatherapie, deren Nutzen inzwischen wissenschaftlich untersucht und medizinisch anerkannt ist.

Meister und Mäzen
Dass er berühmt wurde, verdankt Iyengar einer besonderen Mischung aus Willenskraft und Geradlinigkeit, Kontinuität und Durchhaltevermögen, Glück und Cleverness, Glauben an sich selbst und unerschütterlichem Gottvertrauen. Er ist ein begnadeter Performer, ein Selbstdarsteller und „Showman“ – man denke nur an eine seiner über 10 000 öffentlichen Yogademonstrationen. Seine Prinzipien opferte er dabei nie, in seiner Lehre wollte er sich nicht um einen Millimeter verbiegen. Mit „Licht auf Yoga“, das bereits 1965 erschien, wurde er Bestsellerautor, „Licht auf Leben“ gilt als Leitfaden aller Iyengar-Praktizierenden. Iyengar wird verehrt und ist mit zahlreichen Titeln ausgezeichnet worden. Dabei ist er ein Gebender geblieben. In seinem Geburtsort Bellur hat er Schulen bauen lassen, wo inzwischen mehrere Tausend Kinder unterrichtet und mittags bespeist werden. Der Ort verdankt ihm ein Krankenhaus mit Pflegepersonal, ein College, einen Patanjali-Tempel und jüngst hat er den alten, verfallenen Shiva-Tempel wieder aufbauen lassen.

In Pune
Kehren wir zurück nach Pune, wo er seit nunmehr 76 Jahren lebt. Von seinen sechs Kindern sind ihm zwei auf dem Yogaweg gefolgt: Geeta, die älteste Tochter, hat das immense Wissen systematisiert und ist eine brillante Lehrerin; Prashant, der Sohn, besitzt ein großes philosophisches Wissen. Von ihm behaupten langjährige Schüler, sein gesamtes Wesen, Sprechen und Handeln korrespondiere zu jeder Zeit mit den Lehren der Bhagavad Gita und der Upanischaden. Die „Iyengar-Yogis“ aus aller Welt, die zum Üben kommen, sind größtenteils ausgebildete Lehrer, zertifiziert auf unterschiedlichen Levels. Sie üben seit 20, 30 und mehr Jahren mit Guruji, wie sie ihn verehrungsvoll nennen. Die einen bewundern, wie er das Yoga- Sutra von Patanjali durch seine Praxis transzendiert: die Übung als Werkzeug, um nach innen zu gehen und in der Haltung den Körper in allen Schichten zu durchdringen. Andere begeistert, dass Iyengar sie wie kein anderer dazu bringt, über sich selbst hinauszuwachsen, die physischen, mentalen und emotionalen Begrenzungen zu erweitern.

Die Yogahalle im ersten Stock ist rappelvoll, nicht einen Millimeter Platz gibt es zwischen den Matten. Ganz hinten, am anderen Ende, entdecke ich den Meister. Er sitzt in Virasana, vor ihm seine Enkelin Abhijata in Upavishtha Konasana. Er korrigiert sie aus seiner Position heraus vom Rücken her, schiebt dazu eine Decke unter ihre linke Gesäßhälfte, damit der rechte Sitzknochen bessert geerdet ist. Wie die beiden so hintereinander sitzen, leise sprechend, muss ich an einen Zweierbob denken: sie steuert, er korrigiert. Vielleicht ist dies ein Symbol für einen Stabwechsel: Der Meister hat Platz gemacht in der ersten Reihe. Wie breit diese Reihe sein wird, wird sich zeigen, denn Iyengar hat sein Wissen großzügig weitergegeben. Am Abend kehrt Ruhe am Institut ein. Der fast lebensgroße Hanuman auf dem Dach, Iyengars Lieblingsgott, leuchtet feuerrot in der untergehenden Sonne. Guruji sitzt in seinem Wohnzimmer, schräg gegenüber der Yogahalle und trägt eine Atemmaske. Die schlechte Luft macht ihm zu schaffen. Er schaut sich ein Kricketspiel an. Der Krach auf der Straße verhallt ungehört.

 

 

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