So zähmst du den Yoga-Schweinehund

Kaum, dass man die Yogamatte anschielt, sitzt er schwanzwedelnd da: der Schweinehund. Feind aller guten Vorsätze. Yoga sollte regelmäßig, fleißig, über einen langen Zeitraum geübt werden, sagt mein innerer Patanjali mit hochgezogener Augenbraue – und ich will ja auch. Hab es mir fest vorgenommen. Jeden Tag. Wenigstens ein bisschen. Ist ja nicht so, als wäre es unangenehm: im Gegenteil! Ich liebe und genieße es, im Fluss meines Atems meinen Körper zu bewegen. Kein Stress. Kein Denken. Nur Fühlen und Lieben. Das Leben und einfach alles. Ein Stündchen Asana, Pranayama und Meditation. In der Praxis heißt das: Neben Job, Familie und Haushalt einen temporären Freiraum schaffen und auf die Matte. Wenn da nicht der Hund wäre. Ausgerechnet jetzt …

Der will doch nur spielen
Es gibt ihn in verschiedenen Rassen: „Zu müde“, „Keine Zeit“, „Morgen“ und „Muss eben nur noch“. Alle fallen durch ausgeprägtes Domi­nanzverhalten auf. Wer dieses unerwünschte Haustier in seinen Korb verweisen möchte, braucht wie jeder Yogi die Qualitäten eines Kriegers: Mut, Motivation, Vertrauen und Durchhaltevermögen. Ist der Freiraum neben den oben genannten Faktoren erkämpft, wird er gegen jeden Ablenkungsversuch verteidigt. Handy aus. Tür zu. Matte ausrollen. Raus mit dem Schweine- und rein mit dem herabschauenden Hund! Damit der Rausgeworfene sich langsam an die neue Rudelsituation gewöhnen kann, sollte die Übungszeit zu Anfang nicht zu lang gewählt sein – so, dass man seinen Avancen auf jeden Fall standhalten kann. Auch wenn er noch so schön wedelt.

Wie das Herrchen so der Hund
Machen wir uns nichts vor: Wenn die Yogapraxis zuhause noch nicht zur festen Routine gehört, wird sich das auch nicht in drei Tagen ändern. Es braucht einen längeren Zeitraum. Und in diesem viel Aufmerksamkeit, denn es geht darum, eine neue Gewohnheit zu etablieren. Eine Gewohnheit wird gesteuert vom inneren Auto­piloten und ist uns daher nicht immer bewusst. Oder vielmehr die Gründe dafür. Patanjali nennt das Samskara: innere Muster, die unser Verhalten steuern. Ob man will oder nicht. Das „will“ wiederum gehört dem bewussten Denken an, das weiß, wie gut die tägliche Yogapraxis tut. Konzentra­tion auf das Wesentliche ist also nötig. Bewusstes Inszenieren, ein schönes Ambiente, Räucherstäbchen. Eine feste Übungszeit. Yoga zeigt sich im Yoga, sagt Vyasa. Und während der herabschauende Hund mit jedem Mal mehr seine Alphatier-Qualitäten beweist, trollt sich der andere beim Anblick der Matte bald freiwillig.


Sybille Schlegel ist ein fast ebenso vielseitiges Wesen wir ihr Yogaschweinehund: Historikerin, Autorin, frisch gebackene Studiobesitzerin in Mainz – und nicht zuletzt Lehrerin für Hatha Vinyasa Yoga. Gemeinsam mit Andreas Ruhula bietet sie in mehreren Städten Teacher Trainings an.

YogaWorld Journal 5/26
YogaWorld Journal 5/26

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