Geschmeidige Nerven – das ist sicher nicht das Erste, woran wir beim Üben normalerweise denken. Sollten wir aber, meint unsere Asana-Kolumnistin, die nicht nur Yogalehrerin, sondern auch Osteopathin ist. Hier zeigt sie eine Übung für den längsten Nerv unseres Körpers, den Ischias.
Text und Foto: Jelena Lieberberg
Verrückte Asanas und spielerische neue Varianten kennt ihr aus dieser Kolumne sicher schon eine Menge. Daher an dieser Stelle mal etwas ganz anderes: Nerve Flossing. „Flossing“ bedeutet sinngemäß „Durchbewegen“ oder „Gleitenlassen“ – und unsere Nerven lieben das. Während wir im Yoga ja unsere Muskeln und Faszien gezielt dehnen und kräftigen, kommt dieser Aspekt oft etwas zu kurz. Dabei brauchen auch unsere Nerven gelegentlich Bewegung, um geschmeidig zu bleiben. Sie liegen in einem feinen Gewebemantel und können durch Spannung, Fehlhaltung oder Überlastung an Beweglichkeit verlieren. Das führt manchmal zu Kribbeln, Taubheitsgefühlen oder eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Beim Nerve Flossing werden Gelenke und angrenzende Strukturen auf eine Weise bewegt, die den betreffenden Nerv wie durch ein Seidenband gleiten lässt. Statt statischer Dehnung geht es also um dynamische Mobilisation – sanft, dosiert und in achtsamer Verbindung mit dem Atem.
Bei der hier beschriebenen Übung wird hauptsächlich der Ischiasnerv mobilisiert – der längste Nerv unseres Körpers. Er verläuft vom unteren Rücken über die Gesäßmuskulatur und die Rückseite der Oberschenkel bis hinunter in die Füße. Durch langes Sitzen, verspannte Muskulatur oder einseitige Belastung kann er in seiner Gleitfähigkeit eingeschränkt sein. Nerve Flossing kann die Beweglichkeit verbessern – allerdings indirekt, denn oft fühlen sich die Beine „verkürzt“ an, obwohl die Spannung nicht nur aus den Muskeln (Hamstrings), sondern auch von der Nervenbahn her kommt. Durch sanftes Flossen kann der Nerv wieder frei gleiten, wodurch Dehnungen der Beinrückseite leichter und angenehmer werden – ein Effekt, den du auch direkt in deiner Yogapraxis spüren wirst, etwa bei Vorwärtsbeugen oder Spagat-Übungen.
Macht das Spaß?
Auf jeden Fall! Während der Fuß geflext und der Kopf nach vorn gebeugt wird, entsteht eine sanfte Spannung. Geht er wieder nach hinten, entlastet sich der Nerv und gleitet zurück. Dieses rhythmische Wechselspiel aus Spannung und Entspannung fördert nicht nur die Nervenbeweglichkeit, es verbessert auch die Koordination zwischen Rücken, Beinen und Kopf und kann Beschwerden wie einziehenden Rückenschmerzen oder einem „Ziehen“ in der Beinrückseite vorbeugen.
Muss ich das können?
Können wird es jeder. Die Frage ist: Hast du die Zeit und Lust, nicht nur für das Flossing mit Zahnseide, sondern auch für deinen Ischias?
Was muss ich dafür tun?
Hier ist keine Vorbereitung nötig, da die Übung selbst aufwärmend wirkt. Bedenke aber: Beim Nerve Flossing geht es nicht um „viel hilft viel“, sondern um sanfte, dosierte Bewegungen. Nerven reagieren empfindlicher als Muskeln. Bei Überlastung können sie mit Reizung, Kribbeln oder sogar Schmerz reagieren. Deshalb gilt: Weniger ist mehr.
Step by step zum Nerve Flossing

1 Setze dich aufrecht auf einen Stuhl oder deine Matte. Strecke das rechte Bein nach vorn aus und flexe den rechten Fuß, ziehe also die Zehen heran.
2 Richte noch mal bewusst die Wirbelsäule auf und beuge dann mit der Ausatmung den Kopf sanft nach vorn (Kinn zur Brust). Mit der Einatmung hebst du den Kopf wieder langsam und richtest den Blick nach oben.
3 Wiederhole diese beiden Bewegungen noch einige Male. Achte dabei darauf, dass sie ruhig, fließend und schmerzfrei bleiben. 8–12 Wiederholungen pro Seite, 1–2 Mal täglich sind völlig ausreichend.
Variante 2: Halte den Kopf geneigt und bewege den Fuß.
Variante 3: Bewege Kopf und Fuß gleichzeitig.
JELENA LIEBERBERG ist Osteopathin und Yogacoach in Berlin. Mehr zu Jelena und ihre neue App mit Self-Help-Übungen, Handstandprogrammen, Workouts und Flows findest du unter: kickassyoga.com oder besuche Jelena auf Insta @kickassyoga.
Hast du schon die letzte Übung aus Jelenas Kolumne probiert?


