Sex und Yoga. Na, das klingt erst einmal nach einem Artikel, der ordentlich Klicks einsammeln möchte, oder? Was soll das eigentlich miteinander zu tun haben? Geht es um bestimmte Übungen, die das Liebesleben aufpeppen sollen? Um mehr Lust durch Yoga?
Über Sex sprechen wir erstaunlich oft, aber nicht unbedingt ehrlich über das, was sich im Laufe eines Lebens verändert. Wir reden über Leidenschaft, Anziehung und dieses verdammte Feuer, das nie erlöschen soll. Auf der Leinwand scheint die Lust ohnehin erstaunlich belastbar zu sein. Selbst nach dem größten Beziehungsdrama finden die Liebenden zuverlässig wieder zueinander. Und dann ist da noch unser Bild davon, wie Sex zu sein hat. Wie begehrenswert wir sein sollen, wie viel Lust wir haben sollten und wie selbstverständlich das alles bitte in einer Beziehung funktionieren möge. Vor allem wir Frauen sollen attraktiv bleiben, uns um die Beziehung kümmern und am besten auch dafür sorgen, dass die Leidenschaft nicht einschläft. Wenn es im Bett ruhiger wird, fällt der Blick erstaunlich schnell auf sie: Was ist los mit ihr? Hat sie keine Lust mehr? Gibt sie sich nicht genug Mühe?
Ich finde, darüber dürfen und müssen wir sprechen: Denn ich bin Mitte 40 und somit in einem Alter, in dem das ein Thema ist. Lust ist keine vertraglich zugesicherte Leistung, auch nicht in einer glücklichen Beziehung. Und ich frage mich, wie unbeschwert ich meinen Körper überhaupt lustvoll erleben kann, wenn ich gleichzeitig ständig prüfe, ob er noch den Erwartungen entspricht. Ich bin mit ziemlich klaren Vorstellungen davon aufgewachsen, wie ein weiblicher Körper auszusehen hat. Schlank, jung, straff und irgendetwas lässt sich immer verbessern. Fast täglich erwische ich mich dabei, dass ich meinen Körper mit diesem kritischen Blick betrachte. Mein innerer Gutachter, geöffnet 24/7.
Aber es gibt inzwischen auch andere Momente. Die, in denen ich meinen Bauch mag. Die, in denen ich meinen Hintern eigentlich ganz geil finde. Ich bin es einfach auch Leid meinen Körper ständig danach zu beurteilen, wie er auf einem Foto aussieht oder wie nah er einem Ideal kommt, das ohnehin ständig ein neues Gesicht bekommt.
Diese Veränderung kam nicht plötzlich. Sie hat auch damit zu tun, dass ich mich seit einigen Jahren intensiver mit Yoga beschäftige. Auf der Matte passieren lauter kleine Begegnungen mit mir selbst. Ich merke, wie ich mich heute fühle, wo es zieht, wo ich beweglicher bin als gedacht und wo ich mir gerade etwas vormache. Eine Haltung sieht von außen vielleicht ganz einfach aus, aber mein Körper hat dazu gelegentlich eine sehr eigene Meinung. Und die ist nicht immer verhandelbar. Mit der Zeit lerne ich, genauer hinzuspüren. Brauche ich diese Haltung heute wirklich? Kann ich sie verändern? Ist es gerade sinnvoll, weiterzugehen, oder wäre es klüger, einen Schritt zurück zu machen? Das klingt unspektakulär. Aber für mich steckt darin eine ganze Menge. Ich lerne meinen Körper nicht kennen, indem ich ihn dazu bringe, etwas Bestimmtes zu leisten. Ich lerne ihn kennen, indem ich ihm begegne.
Nach meiner Praxis fühle ich mich oft angenehm erschöpft und gleichzeitig voller Energie. Ich habe etwas getan, aber ich habe auch etwas über mich erfahren. Und je älter ich werde, desto mehr bedeutet mir das. Früher habe ich meinen Körper ziemlich selbstverständlich benutzt. Er hat funktioniert, also habe ich mir wenig Gedanken um ihn gemacht. Heute spüre ich deutlicher, was ich am Vortag getan habe. Und manchmal dauert es eine Weile, bis die Gelenke morgens ebenfalls beschlossen haben, am Tag teilzunehmen. Das ist nicht immer lustig. Aber es verändert meinen Blick auf diesen Körper. Ich sehe mehr, was er kann, und nehme ernster, was er braucht. Ich entdecke Seiten an ihm, die ich früher kaum beachtet habe, weil ich viel zu beschäftigt damit war, die zu finden, die mir nicht gefielen.
Und was hat Yoga nun mit Sex zu tun?
Für mich liegt die Verbindung näher, als es zunächst klingt. Wie soll ich meinen Körper lustvoll erleben, wenn ich ihn im Alltag vor allem daraufhin prüfe, was an ihm nicht ideal ist? Wie soll ich mich auf ihn einlassen, wenn ich ihn durchgehend kritisch betrachte? Ich glaube nicht, dass ich erst vollkommen zufrieden mit meinem Aussehen sein muss, um Lust zu empfinden. Das wäre eine ziemlich ungünstige Voraussetzung. Aber meine Lust hat sich verändert, seit ich mich in meinem Körper wieder zu Hause fühle. Und Yoga hilft mir, bei mir und in meinem Körper anzukommen.
Yoga allein macht daraus keine Erfolgsgeschichte. Ich rolle meine Matte nicht aus und stehe eine Stunde später als neuer Mensch wieder auf, der sämtliche Körperkomplexe hinter sich gelassen hat. Schön wär’s. Manche Glaubenssätze sitzen zu tief. Ich möchte meinen Körper auch nicht lieben müssen, nur um einem neuen Ideal der Selbstliebe zu entsprechen. Ich will aber sanft und zärtlich zu ihm sein. Ihn nicht bei jeder Gelegenheit auf seine vermeintlichen Mängel festnageln, sondern ihn auch einfach mal dafür bewundern, dass er meiner ist.
Hat Yoga also mein Sexleben verändert? Ja, aus meiner Sicht schon. Nicht, weil Yoga ein Rezept für mehr Lust wäre, sondern weil es mir hilft, mich mit meinem Körper vertrauter zu fühlen. Und wenn ich mich in ihm wohlfühle, statt mich ständig korrigieren zu wollen, wenn ich ihn zunehmend als den Körper wahrnehme, in dem ich lebe und liebe, dann macht das etwas mit meiner Lust. Auf der Yogamatte begegne ich meinem Körper immer wieder neu. Und ich finde den Gedanken ziemlich schön, dass sich genau daraus auch etwas Neues entwickeln kann: mehr Zuneigung zu meinem Körper, mehr Neugier auf ihn und dabei auch eine ganz neue Lust.
Titelbild: George Shervashidze von Pexels via Canva


