Indiens große Meister: Vivekananda

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Vivekananda brachte Yoga in den Westen. Am 12. Januar 2013 feiern wir den 150. Geburtstag dieses Swamis, der wie kein anderer vor ihm kämpferisch, charismatisch und klug für die spirituelle Kultur und Tradition Indiens warb. Als bedeutendster Schüler und Nachfolger von Ramakrishna (1835–1886) trug er nicht nur dessen geistiges Erbe in die Welt hinaus, er verband es auch mit einer klaren Mission: Einheit und Gleichwertigkeit aller Religionen.

Vivekananda war seiner Zeit weit voraus, als er am 11. September 1893 in Chicago mit seinem Auftritt vor dem ersten „Parlament der Weltreligionen“ sein Publikum überwältigte. Entgegen der bisherigen Konflikte und Konfrontationen forderte er eine Harmonie der Religionen von Ost und West und verkündete, dass alle Religionen zu Gott führen. Als Vertreter des Hinduismus trat er mit mächtigem Turban, prachtvoller roter Mönchsrobe und majestätischem Gesichtsausdruck in der „Hall of Columbus“ vor 4000 Anwesende. Nichts an seiner beeindruckenden Erscheinung verriet, dass er die Nacht zuvor wie ein Obdachloser in einem leeren Zugwaggon auf dem Bahnhof verbracht hatte, weil man ihm als Farbigem einen Schlafplatz verweigert hatte. „Schwestern und Brüder von Amerika“, hob er in seiner Eröffnungsrede an, „ich danke Ihnen im Namen des ältesten Mönchsordens der Welt; ich danke Ihnen im Namen der Mutter aller Religionen; und ich danke Ihnen im Namen von Abermillionen Hindus aller Klassen und Glaubensgemeinschaften. (…) Ich bin stolz, einer Religion anzugehören, die die Welt sowohl Toleranz als auch universale Wertschätzung gelehrt hat. Wir glauben nicht nur an universale Toleranz, wir erkennen alle Religionen als wahr an.“ Diese Botschaft saß. Damit beanspruchte er für den Hinduismus nicht nur, die älteste aller Religionen zu sein, sondern auch die toleranteste. Die Delegierten waren begeistert. Innerhalb weniger Tage wurde Vivekananda von einem herablassend behandelten Inder zum Shooting Star auf der Bühne geistiger Führer. Mit mehreren Reden während der Kongresstage vom 11. bis 27. September erzeugte der charismatische Swami, dem seine Zeitgenossen berserkerhafte Energie nachsagten, einen Donnerhall, der nicht nur bis in den letzten Winkel der westlichen Welt gehört wurde, sondern auch in seiner fernen Heimat Indien.

Wer war dieser Mann und woher kam er?
Narendranath Datta, so der bürgerliche Name des späteren großen Meisters, wird am 12. Januar 1863 in eine wohlhabende Familie Kalkuttas hineingeboren. Die Hauptstadt der britischen Kolonialmacht in Indien ist zu jener Zeit von einer kosmopolitischen Atmosphäre geprägt und offen für kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen. Sein Vater ist ein erfolgreicher Rechtsanwalt, seine Mutter eine fromme Hindu-Frau. Diese beiden Pole beeinflussen Narendranaths Wesen. Durch sein Jura- und Philosophie-Studium bewegt sich
sein Geist zwischen rationaler Schärfe und religiösmystischem Denken, basierend auf den Veden als den heiligsten Schriften der Hindus. Es ist dieser Geist des Vedanta, auf den sich Narendranath Datta später als Svami Vivekananda berufen wird. Neben den Veden beeinflusste auch der indische Gelehrte Shankara, der um 800 nach Christus lebte, Vivekanandas Denken: Shankaras Erkenntnis, dass es in Wirklichkeit keine Spaltung, keinen Dualismus zwischen individueller (Atman) und kosmischer Seele (Brahman) gibt, findet ihre Entsprechung in der Philosophie der Nicht-Dualität, des Advaita-Vedanta. Alles ist eins und was wir als Trennung wahrnehmen, ist nichts anderes als Maya: Illusion, Täuschung. Brahman ist die universelle Kraft, das, was die Welt im Innersten zusammenhält – die Urenergie nicht nur in jedem einzelnen Atom, sondern der innere Kern im Selbst eines jeden Menschen. Wir sind eins mit Gott, wir sind eins mit jedem Menschen und wir verwirklichen dieses göttliche Prinzip, indem wir uns selbst verwirklichen. Um diese Botschaft in die Welt hinauszutragen, brauchte es nur noch einen Funken. Dieser springt über in der alles entscheidenden Begegnung mit dem Mystiker Ramakrishna, der von einer tiefen Sehnsucht, Gott zu schauen, erfüllt war. „Ach! Du kommst so spät!“, klagte Ramakrishna, als er 1881 den 18-jährigen Narendranath Datta trifft. In einer Vision hatte er ihn vorausgesehen. „Wie konntest du nur so grausam sein und mich so lange warten lassen! Meine Ohren sind fast verbrannt vom Gerede der weltlichen Besucher. Oh, ich sehne mich so sehr danach, mich zu erleichtern bei einem, der meine tiefsten Erfahrungen würdigen kann… Mein Herr, ich weiß, ihr seid jener alte Weise Nara, die Inkarnation von Narayana, und seid zur Erde gekommen, um die Not der Menschen zu überwinden.“

Mönch, Mystiker, Philosoph und geistiges Vorbild
Die meisten jungen Männer, die Ramakrishna um sich gesammelt hatte, kamen aus dem städtischen Mittelstand, sie sollten heiraten, ihnen stand eine Karriere im kolonialen Kalkutta bevor. Man muss sich vorstellen, wie radikal der Bruch zu ihrem früheren Leben war, als sie sich diesem Weisheitslehrer anschlossen, der heute als indischer Heiliger verehrt wird. Narendranath wurde zum natürlichen Anführer unter Ramakrishnas Schülern, die zum mönchischen Leben auserwählt waren und er blieb es bis zu seinem Tod. Die Botschaft, die Ramakrishna an seine Schüler weitergab, lautete: Es gibt viele Wege zu dem einen Göttlichen. „Wer aus tiefster Seele sucht, kann innerhalb aller Religionen Gott erreichen.“ Diesen Gedanken zu verkünden, sollte die Mission Vivekanandas werden. Sein Sendungsbewusstsein entwickelt er in seiner Zeit als Bettelmönch. Von seinem 27. bis zu seinem 30. Lebensjahr durchmisst er Indien zu Fuß und lernt, das Los der armen Menschen mitzuempfinden. Er erlebt das Massenelend in den Dörfern, er erlebt, wie tief Aberglaube und Vorurteile verwurzelt sind, er sieht die rücksichtslose Ausbeutung und den Feudalismus der Großgrundbesitzer und erlebt die Machtgier der Priester. Anstatt nur seine eigene Seligkeit zu suchen, will er fortan etwas für sein Volk tun. Es sind diese Jahre, in denen aus Narendranath Datta der Mönch Vivekananda wird. Wörtlich übersetzt bedeutet das Sanskritwort Vivekananda „Die Freude an der Unterscheidung“. Im Kali-Tempel in Dakshineshwar hatte er zu Lebzeiten seines Meisters gefleht: „Mutter, gib mir Unterscheidungsvermögen! Gib mir Entsagung! Gib mir Wissen und Hingabe! Gewähre mir, dass ich dich ununterbrochen schauen darf.“ Was lernt er zu unterscheiden? Es genügt nicht, ein Aussteiger zu sein, ein Mönch auf der Suche nach Selbsterkenntnis. Er begreift, dass er über das Individuelle hinaus etwas tun muss – sich nicht nur selbst spirituell vervollkommnen, sondern etwas für andere tun. Indem er seiner Lehre die sozial aktive Komponente hinzufügt, geht er über den Ansatz seines Meisters Ramakrishna hinaus. Um für sein Land und seine Religion zu werben, um Geld für die Armen und Kranken zu sammeln, beschließt er, in den Westen zu reisen.

Vom Osten in den Westen
Wir schreiben das Jahr 1893. Zufällig erfährt Vivekananda, dass in Chicago erstmals ein „Parlament der Weltreligionen“ zusammentreffen soll, auf dem Vertreter der großen Religionen gleichberechtigt miteinander sprechen werden. Dieses Ereignis scheint ihm als Forum ideal, um seine Mission zu verkünden. Ende Mai schifft er sich, von einigen wohlhabenden Anhängern unterstützt, in Bombay ein. Viel zu früh kommt er in Chicago an, der Kongress soll erst im September beginnen. Er hat kein Geld, um die lange Zeit zu überbrücken, und – schlimmer noch – es fehlt ihm die für den Kongress notwendige Einladung.

Er begibt sich mit dem Zug nach Boston und lernt auf der Fahrt eine vermögende Frau kennen, die von dem jungen Inder begeistert ist. Ihrer Vermittlung ist es zu verdanken, dass Vivekananda eingeladen wird. Und nun steht dieser vor Kraft und Selbstbewusstsein strotzende Mann vor wichtigen Vertretern der großen Religionen, breitet den Kern des Vedanta aus und markiert damit den Beginn eines echten interreligiösen Dialogs in der westlichen Welt, bei dem die nichtchristlichen Religionen und das Christentum gleichberechtigt miteinander gesprochen haben. Nach dem überwältigenden Echo reist er monatelang durch die Vereinigten Staaten, bleibt vier Jahre im Westen, hält Vorträge, in denen er das Religionsverständnis des Vedanta erklärt: Dass die unzähligen religiösen Ausdrucksformen alle nur das eine widerspiegeln – Brahman, das göttliche Prinzip, das alles umgreift und durchdringt. Es ist derselbe Gott, der alle Menschen inspiriert. Um diesen Gott zu erkennen, gibt es vier Wege: Karma Yoga, Jnana Yoga, Raja Yoga (der achtgliedrige Weg nach Patanjali) und Bhakti Yoga. Während sein Meister Ramakrishna den Weg der Hingabe, der Gottesliebe und -verehrung (Bhakti Yoga), wählte, beschreitet Vivekananda den Weg der Erkenntnis (Jnana Yoga) zur Überwindung von Unwissenheit und den Weg der Tat (Karma Yoga). Religiöses und mehr noch soziales Handeln ist sein Motor.

Um das Sozialethische zu verstehen, müssen wir nochmals auf den Vedanta und den Gedanken des absoluten Einssein zurückkommen. Die Formel „Tat-tvamasi“ heißt übersetzt „Das bist du.“ Was auf den ersten Blick nach dem christlichen Gebot der Nächstenliebe klingt, geht jedoch – und das ist das Atemberaubende – einen Schritt darüber hinaus: Wenn alles eins ist, so sollst du deinen Nächsten deshalb wie dich selbst lieben, weil du zugleich auch dein Nächster bist.

Im Sinne des Vedanta leben
Die Jahre des Reisens und Redens fordern ihren Tribut. Nach Indien zurückgekehrt, gründet Vivekananda 1897 die Ramakrishna Mission in Kalkutta. Doch körperliche Erschöpfung und innere Zerrissenheit ergreifen ihn zunehmend. Seine letzten Jahre verbringt er zurückgezogen und meditierend. Am 4. Juli 1902, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, stirbt er in Belur Math. Er wurde 39 Jahre alt. Dass er an zwei Enden für seine Aufgabe gebrannt hat, rückt ihn weniger in die Nähe eines Workaholics, sondern in die jener großer Heilsbringer, die erkannt haben, wie sehr die Welt einer Durchgangsstufe gleicht. Sein Lehrer Ramakrishna hat dies früh gespürt, als er von Vivekananda als keinem gewöhnlichen Menschen sprach, sondern von einem Nitya Siddha, einem, der von Geburt an vollkommen ist, ein Bote Gottes, der geboren wurde, um auf Erden eine göttliche Mission zu erfüllen. „Ich werde überall Menschen inspirieren, bis die Welt weiß, dass sie eins mit Gott ist.“ Diese Botschaft Vivekanandas fordert dazu auf, sich in Zeiten von grenzenlosem Materialismus mit einer der größten spirituellen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts ernsthaft auseinanderzusetzen, dessen revolutionäre philosophische Tat es war, die abstrakte Vision der Einheit von Gott, Mensch und Welt praktisch erfahrbar zu machen.

Die Autorin lebt und arbeitet als Journalistin und Yogalehrerin in Frankfurt am Main.