Zurück zu den Wurzeln: Ausbildung zur Ashtanga-Lehrerin

Julia Schmelter reiste vor einiger Zeit nach Indien. Doch nicht, um dort entspannt Urlaub zu machen. Sondern um sich zur Asthanga-Lehrerin ausbilden zu lassen. Dabei lernte sie das „wahre“ Asthanga-Yoga kennen – und das hatte nichts mit dem zu tun, was sie in Deutschland darüber gelernt hatte…

Es gibt kein zurück mehr. Ich habe gebucht. Indien. Vier Wochen Ashtanga Yoga Teacher Training. Was mich dort erwartet? Keine Ahnung. Nach langer Recherche habe ich mich für eine kleine Schule außerhalb Mysores, dem Herzen des Ashtanga Yogas, entschieden. Jetzt bin ich um 1500 Euro ärmer und ziemlich nervös, was mich dort erwarten wird.

2. Januar
Nach einem langen Flug und einer schrecklichen Busfahrt sitze ich in einer typisch indischen Riksha auf dem Weg zu meiner Yoga-Schule. Langsam werde ich richtig aufgeregt. Wir halten vor einem großen Haus, sofort kommt ein Inder raus und begrüßt mich herzlich. Es ist Jaykumar, mein Lehrer. Er sieht nicht unbedingt wie ein typischer Yogalehrer aus. Klein, mit rundlichem Bauch, erinnert mich eher an einen Universitäts-Professor. Tatsächlich hat er auch an der Uni von Mysore gelehrt, außerdem für die Indische Botschaft in Moskau gearbeitet. Sein Haus ist groß, unten die Yogahalle, darüber wohnt er und im zweiten Stock die Schüler. Ich beziehe also den zweiten Stock – und wundere mich, wo wohl die anderen Schüler sind. Wie es aussieht, bin ich die Einzige. Einzeltraining? Das kann ja was werden!

3. Januar
Mein erster Morgen, der Wecker klingelt um fünf Uhr. Es ist dunkel und kalt. Ich bereue zutiefst, dass ich den Kurs gebucht habe. Hilft ja nichts. Ich ziehe mich an und gehe in die Yogahalle. Dort wird mir schnell klar: Ich bin doch nicht allein. Zwei indische Jungs aus dem Dorf machen mit mir die Ausbildung. Wir sind also zu dritt, ich die Einzige aus dem Westen, noch dazu eine Frau. Meine enge Leggings hatte ich an diesem Tag zum ersten und zum letzten Mal an!
Seit ungefähr einem Jahr bin ich Fan des westlichen Ashtanga-Stils. Diese Art von Power Yoga hat mir sofort gefallen, ich begann, immer regelmäßiger Kurse zu besuchen. Etwas Ähnliches erwartete ich in Indien. Mir war klar, dass wir auch viel atmen, singen und meditieren werden – doch wie viel es tatsächlich sein würde, konnte ich ja nicht ahnen!
Zuerst werde ich die Atemwelt (Pranayama) eingeführt, dann in die Meditation. Ziemlich schwer, nicht einzuschlafen um diese Uhrzeit, ohne Kaffee… Als wir mit Atmen und Meditieren fertig sind, geht es weiter mit Sonnengrüßen. Irgendwie funktioniert das hier etwas anders. Langsamer und nicht so strikt. Um acht ist die erste Klasse vorbei und das Einzige, was ich will ist: einen starken Kaffee.

4. Januar
Heute auf dem Programm: Ein Einzelgespräch mit meinem Lehrer. Er möchte mich kennen lernen. Sein erster Kommentar ist: „Wir müssen zunächst das westliche Ashtanga aus dir raus kriegen. Wir lehren hier das ursprüngliche Ashtanga, traditionell nach Patanjali.“ Soso. Ich habe keine Ahnung, wer das ist.

7. Januar
Yogaphilosophie. Jetzt erfahre ich also ein wenig mehr über Patanjali. Er war der Erfinder des Ashtanga Yogas. Ashtanga Yoga bedeutet, nach dem achtgliedrigen Pfad zu leben. In Sanskrit heißt „ashta“ acht und „tanga“ Teile, erklärt mir Jaykumar und zählt alle acht Stufen von der Moral bis hin zum Superbewusstsein auf. Ich bin verwirrt. Was für ein Ashtanga habe ich denn die ganze Zeit gemacht? Jaykumar lächelt. Die Frage scheint er schon häufiger gehört zu haben. Bei seinem Ashtanga wird bei den Asanas größten Wert auf eine langsame, bewusste Atmung gelegt. „Der Atem entscheidet darüber, wie lange du lebst. Sieh dir die Schildkröte an“, sagt mein Lehrer. „Die lebt über 200 Jahre, weil sie so langsam atmet.“ Aha. Das westliche Ashtanga orientiert sich dagegen stark an Pattabhi Jois, der gesagt hat: Die Leute wollen keine Theorie, sondern Power. Also entwickelte er dynamisch-anspruchsvollen Ashtanga Vinyasa Flow-Stil, der mir eigentlich bisher ganz gut gefallen hat. Jaykumar meint jedoch, dass diese Art leider nichts mehr mit dem ursprünglichen Ashtanga zu tun hat. Im westlichen Ashtanga hetzt man von Asana zu Asana, springt in den Sonnengrüßen und kommt komplett außer Atem – das sei vollkommen kontraproduktiv.

8. Januar
Mir tut alles weh. Mein rechtes Bein lässt sich kaum noch bewegen. Der permanente Schneidersitz während der Vorträge ist nichts für mich. Herrje, wie machen die Inder das bloß? Die können Stunden auf dem Boden rumsitzen, ohne Probleme. Nichtsdestotrotz quäle ich mich aus dem Bett und gehe in die Yogahalle…

9. Januar
Sonntag, endlich ein Tag frei!

15. Januar
Das Chanten der Mantren ist immer noch komisch für mich, ich habe so etwas noch nie vorher gemacht. Ich muss mich richtig konzentrieren, die Sanskrit-Worte mitzusingen (das ist schon kompliziert genug) und gleichzeitig zu verstehen (echt schwierig). Das Meditieren fällt mir auch nicht gerade leicht. Schließlich komme ich direkt aus dem Chaos der westlichen Welt, mein Kopf ist voller Gedanken, Zweifel, Hoffnungen etc. Das Bein tut übrigens immer noch weh.

23. Januar
Cleaning day. Heißt: Wir bekommen eine kleine Gießkanne in die Hand gedrückt, in der warmes Salzwasser ist. Das soll durch das eine Nasenloch rein und durch das andere wieder raus. Soll den Nasengang reinigen. Seltsame Angelegenheit. Danach gibt mir Jaykumar einen Mini-Schlauch, den ich durch die Nase einfädeln und durch den Mund wieder rausziehen soll. Wie bitte?! Er macht es mir vor, röchelt und hustet wie wild. Ich weigere mich. Doch Jaykumar drängt mich, es zu versuchen. Es geht nicht, ich huste wie verrückt und habe ein hochrotes Gesicht. Ich gebe auf. Es geht weiter: Magenreinigung! Ich trinke fünf Gläser warmes Salzwasser und kotze es wieder raus. Ich bin vollkommen erschöpft. Keine Ahnung, ob sich das nun gut anfühlt oder nicht. Zumindest ist mein Bauch von innen gereinigt. Na prima.

25. Januar
Es wird einfacher. Mein Körper und mein Geist gewöhnen sich langsam an das straffe Programm.

29. Januar
Au weia… Mein erster Unterricht! Ich soll die normale Yogaklasse meines Lehrers übernehmen. 90 Minuten, 15 Leute, alles Inder, die seit Jahren Yoga machen. Ich bin fürchterlich aufgeregt. Jaykumat beobachtet mich mit strengem Blick. Die letzten zwei Tage habe ich ein Programm zusammengestellt mit Meditation, Pranayama, Mantras und Asanas. Zuerst muss ich vor der gesamten Klasse ein Mantra chanten und – alle 15 chanten mir nach. Cooles Gefühl! Meine Aufregung legt sich mit jeder Minute mehr. Die Asanas habe ich mir zur Sicherheit auf einen Spickzettel geschrieben, da ich mir nicht alle Bezeichnungen merken kann. Klappt ganz gut. Mein Lehrer ist halbwegs zufrieden.

31. Januar
Der Kurs geht seinem Ende zu. Zum Abschluss fragt mich Jaykumar das Gelernte ab. Ich bin selbst überrascht, was ich in der kurzen Zeit alles gelernt habe.

02. Februar
Abreisetag. Mein Körper ist in Hochform, so fit war ich noch nie! Und erst recht nicht so ruhig und frei im Kopf. Was für ein Gefühl! All die Anstrengung waren es echt wert. Am Ende bekomme ich mein offizielles Zertifikat. Ich habe es wirklich geschafft und bin jetzt Yogalehrerin für traditionelles Ashtanga Yoga! Die vier Wochen werde ich nie vergessen. Danke, Jaykumar!

Wer die Wahl hat…

Edelsteine Hand gemischt bunt
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Jnana Yoga ist das „Yoga der Erkenntnis“. Was ist genau zu erkennen – und was bedeutet es für unsere Entscheidungen? Würde sich Krishna im 21. Jahrhundert vegan ernähren?

Philosophie verwirrt manchmal zunächst mehr, als sie uns im Alltag dient. Das scheint beim ersten Lesen der Bhagavad Gita auch nicht anders. Denn nachdem Krishna bereits Karma Yoga und Bhakti Yoga als die jeweils besten Wege zur Selbstverwirklichung bezeichnet hat, beginnt er auch noch Jnana Yoga, den „Weg der Erkenntnis“, als die höchste Disziplin zu preisen:

Ich will dir jetzt dasjenige Wissen vollständig mitteilen, nach dessen Erkenntnis nichts Weiteres mehr zu erkennen übrig ist. (Bhagavad Gita, VII.2.)

Und er spricht zu seinem Schüler, und damit zu allen Lesern:

Ich bin der Ursprung von allem; aus mir entwickelt sich die ganze Schöpfung. (X.8.)

Ich habe mich oft gefragt, was es mir persönlich hilft, dass alles, was ich in meiner Welt erlebe, aus dem Göttlichen heraus kommt. In Zeiten von großen Belastungen fällt es mir leider manchmal schwer mich, daran zu erinnern, dass alles nur ein Konzept des Verstandes ist. Es geht mir wie den meisten Menschen. Wir nehmen die Welt der Erscheinungen sehr persönlich, und vergessen die Wahrheit, die uns eigentlich beruhigen könnte. Eine lange Zeit unseres Lebens haben wir nicht besonders wach verbracht, sondern nur die Oberfläche des kosmischen Spiels betrachtet. Dabei haben wir das Wunderbarste zunächst verpasst, denn:

Ich bin verborgen durch meinen Schleier der Maya, und die irregeführten Menschen der Welt kennen mich nicht, den Anfangslosen, den Ewigen. (VII.25.)

Es gibt demnach etwas, auf das wir uns verlassen können. Eine Kraft, die nicht aufhört. Ein Licht so hell wie tausend Sonnen. Aber wie entfernen wir diesen Schleier, der die ganze Sache so kompliziert macht?

Obwohl alles, was existiert, göttlichen Ursprungs ist, können wir auf der materiellen Ebene immer noch unterschiedliche Qualitäten erkennen. Im Yoga spricht man von den drei Eigenschaften: Sattva – „das reine Seiende“, Rajas – „das leidenschaftlich Bewegte“ und Tamas – „das schwere Dunkle“. Und jetzt wird es kurz paradox. Obwohl wir im Yoga früher oder später den Weg einer nicht-dualen Sicht der Welt beschreiten wollen, obwohl wir keine Unterscheidung in Gut und Böse treffen wollen, hilft es uns zum Zustand der Einheit zu gelangen, wenn wir möglichst oft die unterschiedlichen Qualitäten anerkennen. Je weniger wir uns selbst etwas vormachen und uns mit falsch angewandtem philosophischen Halbwissen einreden: „Es ist eh’ alles Yoga!“, desto leichter wird es langfristig – durch die Kraft der Gewohnheit – gute Entscheidungen für uns zu treffen. Das stärkt unsere Wurzeln auf der Erde und hilft uns, den Himmel zu erreichen.

Yoga ist also zunächst nicht einfach Laissez-faire. Je mehr wir besonnen wählen, wie wir unser Leben gestalten, desto mehr nähern wir uns der Möglichkeit, auch ohne weitere Hilfsmittel in den Zustand der Wonne zu gelangen. Die Bhagavad Gita beschreibt, wie wir vielen Tätigkeiten in unserem Alltag eine Qualität geben können, mit der wir den Grund für unsere Existenz besser verstehen können. Da Krishna nebenbei ein Liebhaber guter Ernährung ist, gibt er sogar auf diesem praktischen Gebiet ein paar Tipps:

Speisen, die Leben, Reinheit, Stärke, Gesundheit, Freude und Heiterkeit steigern, die schmackhaft, wohlriechend, kräftig und angenehm sind, schmecken dem reinen Menschen. (XVII.8.)

Bei den Vorbereitungen zu diesem Text musste ich ein paar Mal über das Thema Nahrung nachdenken. In den alten Kommentaren zur Bhagavad Gita wurden stets mehrere Milchprodukte als besonders sattvig empfohlen. Ich erinnere mich an einen Urlaub im Himalaya, wo wir auch einer fröhlichen Kuh vor der Haustür begegneten. Der möglicherweise zweitausendfünfhundert Jahre alte Text hatte vielleicht ein ähnliches Bild von der Gewinnung von Milch. Bei der heutzutage vorherrschenden Massentierhaltung wäre Krishna aber möglicherweise ein Advokat veganer Ernährung geworden. Wir können uns unsere eigene Auswahl der physischen und seelischen Nahrung, die wir uns gönnen – und der wir uns aussetzen – selber betrachten und unterscheiden, was uns langfristig wirklich stärkt.

Bei all der Weisheit gilt letztendlich immer wieder: Gott hat mit uns keine Eile. Wir bestimmen selbst, wie lange wir manche Illusionen aufrecht erhalten wollen. Jeder auf seine eigene Art und Weise, in seinem eigenen Rhythmus. Denn mit diesem großzügigen und zutiefst entspannenden Satz kommt das achtzehnte und letzte Kapitel der Bhagavad Gita zum Ende:

So ist dir von mir die Weisheit mitgeteilt worden, die geheimer ist, als das Geheimnis selbst. Nachdem Du all dies überlegt hast, handle, wie es dein Wunsch ist. (XVIII.63.)

Wir haben alle schon den ersten Schritt getan. Ein Freund von mir hat es einmal so ausgedrückt: „Diese zwei Quadratmeter Matte haben mein Leben verändert“. Wer einmal auf den Geschmack von Freiheit gekommen ist, beschenkt sich in der Regel immer mehr mit Entscheidungen, die ihm gut tun. Und:

Selbst der, der lediglich den Wunsch hat, Yoga zu lernen, geht über das Wort hinaus …und erreicht, sich bemühend, das höchste Ziel. (VI.44/45.)

Das sind gute Aussichten. Schon die Sehnsucht nach Befreiung hilft uns auf dem Weg der Erkenntnis. Es ist schon ein Schritt in die Freiheit, allein dieses Heft in der Hand zu halten. Noch besser ist es natürlich, sich nach dem Lesen dieser Ausgabe auf die Yogamatte oder aufs Meditationskissen zu begeben. Und dann guten Appetit, was immer Sie anschließend zur Mahlzeit wählen.


RALF STURM leitet mit Katharina Middendorf die Yogalehrer-Ausbildung zum „Teacher of Stillness“. Gemeinsam führen sie eine Praxis für Yogatherapie und Paarberatung in Berlin.

DVD-Tipp: Im Kopfstand zum Glück?

17„Ein Yogalehrer muss Eier in der Hose haben – auch die Frauen“, lautet Patricia Thielemanns Message gleich zu Beginn des Teacher Trainings. Was die Spirit-Yogastudio-Besitzerin damit  meint, werden die Yogalehrer in spe im Laufe ihrer bevorstehenden Ausbildung sehr genau erfahren. Regisseurin Irene Graef begleitete das Teacher Training zwei Jahre lang und nähert sich den Protagonisten sensibel und unaufdringlich. Ihr Anliegen: zu zeigen, wie Yoga Menschen verändert. Den Fokus richtet sie dafür auf typische Berliner Großstadtyogis: unseren Journalisten-Kollegen Till Schröder (yogaservice.de), die Musikerin Alina Gabriel, Theaterautorin Deborah Schottenstein und den Pädagogen Nikolas Kröger. Dabei beobachtet sie die Protagonisten – die unterschiedlicher nicht sein könnten – nicht nur im Yogastudio (inklusive knallharter Kritik- und Feedbacksituationen), sondern auch in ihrem beruflichen Alltag und privat unterwegs in Kreuzberg. Die größte Herausforderung für die vier ist die nötige Auseinandersetzung mit sich selbst. Fehler, Schwächen Widersprüche gilt es zu erkennen und zu akzeptieren. „Ein Yogalehrer braucht viel Mitte und eine enorme Transparenz, um die Bedürfnisse der Schüler erfühlen zu können. Das funktioniert nur, wenn ihr an eurer Person arbeitet”, gibt Thielemann mit auf den Weg. Ein harter Prozess voller Emotionen, der die Dokumentation umso authentischer und greifbar macht.

Mit „Im Kopfstand zum Glück” liefert die Regisseurin Irene Graef eine wichtige Momentaufnahme der urbanen, deutschen Yogacommunity. Wer plant, demnächst eine Ausbildung zu beginnen, weiß nach dieser Doku sehr genau, was alles auf ihn zukommt. Ein Film wie dieser war längst überfällig!

Erhältlich auf DVD, ca.12 Euro.

Vegan: Worauf muss ich achten

Interview mit Ökotrophologin Dr. Gunda Backes: „Einen Mangel merkt man leider nicht sofort.“

Unter welchen Mangelerscheinungen können Veganer leiden?

Veganer müssen besser als Vegetarier und „Fleischesser“ darauf achten, den richtigen Nährstoffcocktail zu sich zu nehmen. Denn die Mangelerscheinungen merkt man nicht unbedingt sofort, sondern erst nach Jahren. So kann man unter Umständen bei einem längerfristigen Jodmangel irgendwann einmal an einer Schilddrüsenunterfunktion leiden. Auch einen Vitamin B12-Mangel erkennt man nicht auf Anhieb. Bei Eisen registriert man den Mangel viel schneller. Man fühlt sich müde und ist anfälliger für Infekte.

Wie äußert sich ein Vitamin B12-Mangel?

Vitamin B12 ist wichtig für das Zellwachstum und Nervensystem. Es kann sein, dass jemand, der über einen längeren Zeitraum gar keine tierischen Produkte zu sich nimmt – und B12 ist ja fast nur dort enthalten -, im späteren Alter unter Depressionen, Psychosen, Blutarmut oder Gewichtsabnahme leidet. Es gibt eine Menge problematischer Auswirkungen eines Vitamin B12-Mangels. Darum sollte man B12 rechtzeitig als Ergänzungsmittel einnehmen. Lassen Sie sich beraten, welches Präparat und welche Dosis für Sie angemessen sind.

Wozu braucht man alpha-Linolensäuren?

Alpha-Linolensäure gehört zur Gruppe der Omega-3-Fettsäuren. Diese sind bei der Hirnbildung von Kindern beteiligt und schützen Erwachsene vor koronaren Herzerkrankungen und anderen Krankheiten. Wenn fettreiche Seefische und Eier als Hauptquellen wegfallen, sollte man verstärkt hochwertige Pflanzenöle zu sich nehmen.

Ist es überhaupt möglich, KEINE Mangelerscheinungen zu haben?

Ja, prinzipiell ist das möglich. Man sollte aber nicht einfach Fleisch und Milchprodukte weglassen, sondern seine komplette Ernährung anpassen. Das heißt zum Beispiel Margarine und Pflanzenöle einplanen, damit man ausreichend Omega-3-Fettsäuren aufnimmt. Dazu viel calciumreiches Gemüse wie Brokkoli und Grünkohl verzehren, Wasser und Fruchtsäfte trinken, die extra mit Calcium angereichert sind, damit es nicht zu einem Mangel kommt. Insgesamt muss ein Veganer auf einen vielfältigen Speiseplan achten, mit sehr viel Obst und Gemüse, ausreichend Hülsenfrüchten, Nüssen und Vollkornprodukten. Ideal ist es, sich von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft beraten zu lassen.

Stimmt es, dass man bei Babys schwere Störungen feststellen kann, wenn die Mutter sich in der Schwangerschaft vegan ernährte?

Hinweise aus der Literatur zeigen, dass eine strenge vegane Ernährung beim Fötus zu Wachstums- und Entwicklungsstörungen führen kann. Meiner Meinung nach sollte man dieses Risiko erst gar nicht eingehen.

Was würden Sie einer veganen Schwangeren raten?

Entscheidend ist, den Nährstoffhaushalt im Blick zu behalten und auch regelmäßig die Blutwerte zu kontrollieren. Dann kann man gezielt mit Nahrungsergänzungsmitteln einem Mangel vorbeugen. Aber man sollte bedenken, dass Schwangere sowieso häufig einen höheren Bedarf an Eisen, Jod und Magnesium haben und Ergänzungsmittel einnehmen zu müssen. Ich sehe vegane Schwangerschaften daher sehr kritisch, besonders im Hinblick auf die Vitamin B12-Versorgung.

Gibt es tatsächlich Studien, die belegen, dass Fleisch krank macht?

Es gibt Studienergebnisse, die zeigen, dass jemand, der sehr viel rotes Fleisch ist, mindestens 125 Gramm am Tag, möglicherweise ein leicht erhöhtes Risiko für Krebs und koronare Herzerkrankungen hat. Dies fällt natürlich bei Vegetariern und Veganern weg. Allerdings ernährt man sich nicht automatisch gesünder, wenn man Fleisch weg lässt! Aber eine gesündere Lebensweise hängt nicht nur mit der Ernährung zusammen, sondern meist auch mit anderen Faktoren. Ernährungsbewusste Menschen machen oft mehr Sport, trinken weniger Alkohol oder rauchen nicht. Es ist schwierig, einzelne Faktoren zu trennen.

Wo soll man sich beraten lassen?

Angeblich sind viele Ärzte nicht gut ausgebildet auf diesem Gebiet. Nicht jeder Arzt ist ein Ernährungsmediziner. Zudem ist der Begriff Ernährungsberater nicht geschützt. Es ist darum wichtig, sich vorher gut zu informieren, damit man an einen qualifizierten Berater gerät. Informationen finden Sie beim Verband der Oecotrophologen (www.vdoe.de) oder bei Ihrer Krankenkasse.


Gunda_BackesMehr Infos zum Thema finden Sie auf der Homepage von Dr.Gunda Backes: www.nutricomm.de

Entsiegelt: Qualitätsiegel in der Naturkosmetik

Ein europaweit einheitliches Zeichen, das „Naturkosmetik“ garantiert? Bislang leider Fehlanzeige. Orientierung bieten diese drei bekanntesten Qualitäts-Siegel.

1.BDIH – Kontrollierte Naturkosmetik

Ist das bekannteste und weitverbreitetste Gütesiegel in Deutschland. Es wird seit 2001 vom Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und Körperpflegemittel (BDHI) vergeben. Die Rohstoffe der BDIH-zertifizierten Produkte sollten „so weit möglich“ aus biologischem Anbau sein. Verzichtet wird auf synthetische Farb- und Duftstoffe, Silikone, Paraffine und andere Erdölprodukte – und auf Tierversuche.

BDIH Standard IONC

2.NaTrue

Dieses Zeichen gilt in Europa seit 2008. Das Ziel des internationalen Qualitätssiegels mit Sitz in Brüssel ist es, einen weltweit einheitlichen und verlässlichen Standard für Naturkosmetik zu etablieren, der für alle Beteiligten transparent und verständlich ist. In Deutschland wird die Siegelvergabe vom Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V. (IKW) organisiert. Zieren drei Sterne das Logo, handelt es sich um Kosmetik mit 95 Prozent Bio-Anteil. Zwei Sterne bedeuten: ein Bio-Anteil von wenigstens 70 Prozent; ein Stern: mindestens 20 Prozent der Inhaltsstoffe sind aus ökologischem Anbau.

Kosmetik

3.Ecocert

Die Labels des französischen Kontrollverbands Ecocert garantieren einen Mindestanteil an pflanzlichen Stoffen aus biologischem Anbau. Bei dem Zeichen „Cosmetique Bio“ (Biologische Kosmetik) sind das 50 Prozent, bei „Cosmetique Eco“ (Öko-Kosmetik) 95 Prozent. Ökologische Standards von ECO-Produkten sind z.B.: Die Ausgangs- und Packmaterialen müssen erneuerbar sein, der Einsatz von synthetischen Inhaltsstoffen sowie genetisch veränderten Organismen ist tabu, Tierversuche sind nicht erlaubt.

ECO-Certification-Rouge

Yoga Übungen fürs Büro

Eine einfache, aber effektive Gesundheitsmaßnahme für lange Schreibtischtage: Aufstehen!

Der menschliche Körper ist eigentlich dafür konzipiert, sich zu bewegen. Dennoch verbringen viele von uns die meiste Zeit des Tages im Sitzen – im Bus, im Auto, vor dem Bildschirm. Eine neue, über 14 Jahre von der American Cancer Society durchgeführte Studie könnte jedoch dazu motivieren, unsere Gewohnheiten genauer unter die Lupe zu nehmen: Sie kam zu dem Ergebnis, dass mehr als sechs Stunden Sitzen täglich das Risiko deutlich erhöht, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes zu erkranken. Zudem ist die Sterblichkeit bezüglich aller Erkrankungen bei Vielsitzern höher. Andere aktuelle Studien kamen zum selben Ergebnis: Lange und ununterbrochen zu sitzen, schadet der Gesundheit, selbst wenn man regelmäßig trainiert.

Trainingseffekte gehen durch zu viel Sitzen verloren

„Die meisten Ratgeber befürworten Training, etwa 150 Minuten Bewegung pro Woche bei einem Erwachsenen“, sagt Alpa Patel, verantwortlicher Forscher der oben genannten Studie. „Aber unsere Untersuchung zeigte, dass die positiven Effekte des Trainings durch ständiges Sitzen tagsüber teilweise wieder aufgehoben werden.“ Die Forscher wissen noch nicht genau, warum es so schädlich ist, unser Hinterteil über einen längeren Zeitraum im Sessel zu parken, aber manche Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass andauernde Bewegungslosigkeit den Stoffwechsel dahingehend verändern kann, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes begünstigt werden. Dieses Risiko zu minimieren ist ganz einfach, sagt Internist Raul Seballos, Präventivmediziner an der Cleveland Clinic.

Einfache Gegenmaßnahme: aktive Pausen

So kann man die Sitzzeit verkürzen, indem man aktive Pausen macht oder das Telefon außer Reichweite platziert – so steht man automatisch häufiger auf. Stehen Sie auf, um sich ein Glas Wasser zu holen, anstatt eine ganze Flasche in Griffweite bereitzustellen. Setzen Sie sich zeitliche Limits für das Surfen im Netz und versuchen Sie, abends während des Fernsehens noch ein bisschen aktive Hausarbeit zu erledigen.

„Überlegen Sie sich, wo Sie kleine Änderungen an Ihrem Leben vornehmen können“, so Patel. “Ein paar mehr Schritte hier, ein paar mehr Schritte da – und sie werden ganz leicht Möglichkeiten finden, ihre Sitzzeit zu verkürzen.“

1 UrdhvaHastasana
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2 ArdhaUttanasana

3 Uttanasana

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4 Tadasana

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Das letzte große Abenteuer

Leidenschaftlicher Journalist, erfolgreicher Buchautor, unerschrockener Abenteurer, lebenslang Reisender und Suchender – all dies charakterisierte Tiziano Terzani, den bekannten Südostasien-Korrespondenten des SPIEGEL. Sein letztes und größtes „Abenteuer“ – wie er seinen eigenen Tod selbst bezeichnete – ist Thema des Buches und Films „Das Ende ist mein Anfang“. 

Wer war ich? Wer bin ich? Und was bleibt übrig, wenn mein Körper nicht mehr hier ist? Der an Krebs erkrankte Journalist Tiziano Terzani ruft am Ende seines Lebens seinen Sohn Folco zu sich in den italienischen Heimatort, um sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen. Anhand seiner Lebensgeschichte und seinen spirituellen Erfahrungen versucht der Vater dem Sohn seine persönlichen Antworten zu geben. Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Auseinandersetzung und zugleich eine spürbar tiefe Verbundenheit zwischen den beiden, die Folco Terzani nach dem Tod seines Vaters zu Papier brachte. Dieses Buch diente als Vorlage für den gleichnamigen Film „Das Ende ist mein Anfang“.

Terzani reiste dreißig Jahre lang als Korrespondent durch die Welt. Mit 58 Jahren erhielt er eine Krebsdiagnose  – für ihn der Auslöser, um sich vom Journalismus zurückzuziehen. Stattdessen begab er sich auf eine vollkommen neue Reise: Selbsterkenntnis und Heilung waren von nun an sein Ziel. Sein bekannter Bestseller „Noch eine Runde auf dem Karussell“ erzählt von dieser Zeit, deren Höhepunkt drei Jahre in der Stille und Zurückgezogenheit des Himalaya bei einem großen Weisen waren. Später erkennt Terzani, dass diese Erfahrung seine Sichtweise auf Leben und Tod vollkommen veränderte. Diese Veränderung ist es letztlich, die dem Zuschauer Stoff zum Nachdenken gibt – mit Schlußfolgerungen wie „Ich bin vieles gewesen, doch am Ende bin ich nichts“. Gedreht an einem einzigen Schauplatz, dem tatsächlichen Familiensitz der Terzanis in der Toskana, ist ein leiser und bewegender Film entstanden, der auch viele yogische Weisheiten enthält: „Als ich jünger war, faszinierten mich Revolutionäre – die 68-Generation oder die Aufstände in China. Heute bin ich zu der einzigen Revolution übergegangen, die wirklich Sinn macht: die in meinem Inneren. Meditation.“ Solche Aussagen zeugen vom tiefen Verständnis eines Mannes, der viel gesehen hat und am Ende friedlich seine Augen schließen wollte. Tiziano Terzani starb am 28. Juli 2004 im Alter von 66 Jahren.

Folco Terzani, 1969 in New York geboren, studierte in den USA Literatur und Regie. Die Gespräche mit seinem Vater vor dessen Tod ermöglichten ihm, ein vollkommen neues Verständnis – für seinen Vater und das Leben – zu entwickeln. Im Interview berichtet er von diesem veränderten Blickwinkel.

YOGA JOURNAL: Herr Terzani, der Film „Das Ende ist mein Anfang“ erzählt von den dreimonatigen Gesprächen zwischen Ihnen und Ihrem Vater. Welcher Aspekt hat für Sie eine größere Bedeutung: Ihren Vater besser kennen zu lernen oder ein spirituelles Lehrer-Schüler-Gespräch?

Folco Terzani: In Indien heißt es, unsere Mutter sei unser erster Guru. Ich denke, in den meisten Fällen ist das die Wahrheit. Natürlich kann uns auch der Vater ein wichtiger Lehrer sein. Mein Vater war es zumindest für mich. Allerdings war mir das lange Zeit nicht bewusst. Die Arbeit, die er tat, interessierte mich eigentlich nie besonders, obwohl er sicher einen interessanten Job hatte. Er war Journalist und reiste durch ganz Asien. Er kannte diesen Kontinent wie seine Westentasche und konnte viele Geschichten erzählen. Aber solange diese Geschichten mit Politik zu tun hatten, interessierten sie mich nicht. Als er jedoch in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr arbeitete und alleine im Himalaya lebte, begann er eine ganz andere Art Buch zu schreiben. Es war aus solch einer seltsamen, distanzierten Perspektive geschrieben, so als ob er auf einem sehr hohen Berg sitzen würde. Da wurde ich neugierig: Wie sah mein Vater die Welt? Woher kamen seine Vorstellungen? War es möglich, dass jemand, den ich so gut kannte und der mein ganzes Leben lang schon mein Vater war, plötzlich weise geworden war?

Ihre Neugier brachte Sie Ihrem Vater näher? 

Ich war überrascht, dass er es geschafft hatte, sich so sehr zu verändern. Und wollte ebenfalls wissen, was er zu wissen schien. Zwar kannte ich meinen Vater, aber die Persönlichkeit, die aus Indien zurückgekommen war, um in Frieden und Gelassenheit zu sterben, die kannte ich nicht. Diese neue Sichtweise wollte ich vor dem Tod dieses Mannes kennenlernen. Im Grunde ist es gleichgültig, dass er mein Vater war. Es hätte jeder andere sein können. Weil er aber mein Vater war, hatte ich den Vorteil, dass ich ihn drei Monate lang alles fragen konnte, was ich wissen wollte.

Der Produzent des Films Ulrich Limmer beschreibt die Botschaft Ihres Vaters wie folgt: „Ein Mensch kann sich verändern. Und wenn er das tut, dann kann er auch die Welt verändern.“ 

Mein Vater hat sich jedenfalls verändert. Ich hatte ihn immer als sehr angesehenen Journalist, den SPIEGEL-Korrespondenten, gekannt. Im Film gab es ursprünglich einen witzigen Satz, den ich sagen sollte, der später aber gestrichen wurde: „Papa hat sich wirklich verändert. Früher interviewte er die großen zeitgenössischen Persönlichkeiten und heute sitzt er alleine da draußen und redet mit den Krähen.“ Ich mochte diesen Satz, denn er machte klar, dass mein Vater etwas noch Wichtigeres gefunden hatte, mit dem man sprechen sollte: die Natur. Wenn sich das Bewusstsein erweitert, bedeutet das nicht unbedingt, das man die ganze Welt verändern möchte. Diese Aufgabe muss Sache der Politik sein. Der erste Schritt ist vielmehr, sich selbst zu verändern, nicht die Welt. Wenn jemand, der selbst noch nicht klar oder rein in seiner Ausrichtung ist, die Welt verändern würde, wäre das Chaos vermutlich perfekt. Aus diesem Grund sollte man an sich selbst arbeiten – das ist schwierig genug.

„Ein Zitat aus dem Film lautet: „Die Inder sagen zum Sterben: Den Körper verlassen“. Für Ihren Vater bedeutete sein Tod das „letzte große Abenteuer“. Was bedeutet Sterben für Sie persönlich?

Schon bevor mein Vater starb, wusste ich mehr als die meisten Menschen über den Tod. Ich habe fast ein Jahr lang in Mutter Teresas Sterbehospiz in Kalkutta gearbeitet. Unsere Aufgabe war es, die Sterbenden einfach nur an der Hand zu halten und für sie da zu sein, als ihre „Seelen“ die Körper verließen. Ihre Körper blieben aber die ganze Zeit da; auch als sie tot waren, hielten wir noch ihre Hände. Trotzdem waren sie von uns gegangen. Wenn man das selbst erlebt, braucht man niemanden, der einem erklärt, was da geschieht. Man kann fühlen, dass tatsächlich etwas den Körper verlässt. Und wenn etwas weggeht, muss es ja irgendwo anders hingehen. Es ist wie eine Reise. Mein Vater hatte die recht seltsame Überzeugung, dass er bereits alles in der Welt gesehen hatte, was ihn interessierte. Es gab eine Ausnahme: den Tod. Das war das Einzige, was er selbst noch nicht erlebt hatte. Für ihn war es ein Abenteuer.

Und was bedeutet Leben?

Eine große Frage. So groß, dass es sich fast nicht lohnt, sie zu beantworten. Wir versuchen das seit Tausenden von Jahren und haben noch immer keine Antwort. Manchmal macht es aber Spaß, darüber nachzudenken. Alles, was wir tun, wofür wir uns entscheiden und was uns am Herzen liegt, hängt von der Antwort auf diese Frage ab. Jeder muss selbst darüber nachdenken und meine Antwort ist nur für mich selbst wichtig. Eines ist jedenfalls klar: Das Leben ist eine unglaubliche Chance. Wir haben diese Zeit auf diesem wunderschönen Planeten mit seinen Flüssen, Bäumen und dem Himmel geschenkt bekommen und sind umgeben von Licht und Klängen. Wir können entscheiden, wie wir uns hier bewegen wollen.

„Ein ganzes Leben zu leben – um am Ende niemand zu sein…“. Dahinter steht die Urfrage aller Religionen nach dem Sinn. In welcher Form beschäftigen Sie sich mit der Frage ‚Wer bin ich?“?

Ich habe Schwierigkeiten mit dieser Frage, „Wer bin ich?“. Ich habe es nie geschafft, mich das zu fragen und zu verstehen, was ich da frage. Es verwirrt mich. Aber ich mochte es, wenn mein Vater am Ende eines langen und abenteuerlichen Lebens über alles reflektierte, was er getan hatte und gewesen ist, und sagte, bald würde er nichts sein. Es war so klar und so wahr. Doch schien so seltsam, dass er das so deutlich sehen und über sich selbst sagen konnte. Ich denke, das kann man nur, wenn man erkannt hat, dass das Selbst nicht so wichtig ist und nach dem Tod einfach nur in etwas viel Größerem aufgeht. Wie der Regentropfen im Ozean. Wenn man sich selbst als dieser Tropfen sehen kann, ist es nicht mehr so traurig, wenn das „ich“ verschwindet. Es existiert ja immer noch, für immer.

Was bedeutet Spiritualität für Sie? 

Sich selbst die großen Fragen zu stellen. Die größte aller Fragen.

Eine Szene zeigt Sie und Ihren Vater im Gespräch über Erleuchtung. Darin bringen Sie den Gedanken ins Spiel, ob Erleuchtung vielleicht einfach nur bedeutet, die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Meiner Meinung nach ist es essentiell, die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Das ist aber unendlich schwierig – die Welt nicht aus einer Angst oder Hoffnung heraus wahrzunehmen. Und sie nicht verändern zu wollen. Sie stattdessen in jedem Moment einfach nur zu beobachten… Gandhi sagte: „Einst glaubte ich, Gott sei die Wahrheit. Heute habe ich verstanden, dass die Wahrheit Gott ist.“ Was kann man also Besseres tun als Gott zu sehen, indem man die Realität wahrnimmt mit ihren Licht- und Schattenseiten. Die Frage nach Erleuchtung hat mich schon immer fasziniert. Was ist das eigentlich? Ist das wirklich möglich oder nur eine andere Art von Traum, vielleicht so wie „der Himmel“? In jedem Fall ist es ein Traum, der mir gefällt. Und dieser Traum wurde in kurzen Momenten meines Lebens durch ein paar Menschen, die ich auf meinem Weg getroffen habe, real. Es ist etwas, wonach es sich zu streben lohnt – selbst in unserer modernen Zeit.


 

Der Film „Das Ende ist mein Anfang“ ist auf DVD erhältlich, ca.8 Euro.

Montags-Mantra: Selbstverwirklichung mit Freunden

Im Gespräch mit Freunden kamen wir darauf, dass es in unserer Umgebung so viele Menschen gibt, die sich die Frage nach dem Sinn ihres Daseins stellen, auf der Suche nach Antworten sind und sich auf neue Wege begeben. Gerade in Yoga-Kreisen ist so genannte „Selbstverwirklichung“ schick und oft genug hört man von Freunden, die sich eine „Auszeit“ nehmen, Zeit für sich brauchen und bisweilen in diesem Stadium gar nicht mehr ansprechbar sind und sich der Gemeinschaft gänzlich entziehen. Macht Selbstverwirklichung einsam?

Ich persönlich finde es großartig, dass es immer mehr Köpfe und Herzen gibt, die alte Strukturen hinterfragen, mehr vom Leben fordern und Sinnvolles für sich und andere schaffen möchten.

Super, dass ihr alle auf der Suche seid, aber Finden kann manchmal doch so viel einfacher und schöner sein. Für kleine Freuden müssen wir nicht weit reisen, auf Schweigeseminaren oder Retreats zu Erkenntnissen finden. Manchmal hilft es sehr, im Kreise vertrauter Menschen einfach zu sein, sich nicht so wichtig zu nehmen und das Leben im Fluss zu genießen.

In diesem Sinne, wünsche ich Euch eine schöne Woche mit guten Gesprächen, Herzensfreuden und wärmenden Umarmungen!

Namastè!