Buch-Tipp: Yoga – mit Kraft und Anmut leben

Yogis als Forschungsreisende und die Matte als Stützpunkt, sich liebevoll und authentisch mit der eigenen Kraft auseinanderzusetzen: In ihrem Praxisbuch setzt die aus Australien stammende Yogalehrerin Barbra Noh auf einen Weg des Herzens.

Neben den allgemeinen Prinzipien und der Lebensphilosophie des Yoga stehen vor allem die drei „A“ des Anusara Yoga im Fokus: Die innere Haltung („Attitude“), die Ausrichtung („Alignment“) und als „Action“ zahlreiche Übungssequenzen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

Mit ihrer puren Ausstrahlung, ästhetisch gelungen vom Fotografen Christian Krinninger in Szene gesetzt, vermeidet die führende Ausbilderin für Anusara Yoga in Europa Glamour als Selbstzweck und konzentriert sich auf das, was sie selbst als junge Tänzerin auf Reisen nach Indien, in die USA, durch Korea und Europa erfahren hat: Yoga als Hauptwerkzeug für die persönliche Entwicklung und als Kompass auf dem Weg zum Glück. Dass dazu nicht unbedingt die Biegsamkeit einer Tänzerin nötig ist, zeigt sich allerdings eher in den Texten als an den größtenteils sehr fortgeschritten ausgeführten Asanas. 

Fazit: Für den Coffeetable, neben dem die Matte liegt: Ein eleganter Wegweiser durch Yoga und damit zum eigenen Potential.


Yoga – Mit Kraft und Anmut leben von Barbra Noh //theseus Verlag //Preis: ca 30 Euro   

Yoga kennt kein Alter – üben kann jeder

Warum üben so wenig ältere Menschen Yoga? Selbst die Eltern und Großeltern überzeugter Yogis haben enorme Berührungsängste. Dabei entfaltet Yoga gerade für ältere Menschen sehr schnell sein ganzes Potenzial.

„Jeder, der ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung“, sagt der Schriftsteller Martin Walser über das Altern und die Schwierigkeit, sich in ältere Menschen hineinzuversetzen. Tatsächlich ist es für jüngere Menschen schwer vorstellbar, immer unsicherer auf den Beinen zu werden, ständig Angst vor Stürzen zu haben, Treppen zu meiden, sich nicht auf den Boden setzen, auf den Händen abstützen zu können oder die eigenen Füße nicht mehr zu erreichen. Dabei klärt uns oft schon eine Verletzung oder längere Krankheit darüber auf, wie fragil der gewohnte Umgang mit dem Körper und seinen Fähigkeiten ist.

Fest steht: Unser Körper wird sich im Laufe unseres Lebens stark verändern und ziemlich sicher auch etwas von seiner Beweglichkeit, Schnelligkeit und Kraft einbüßen. Das ist aus yogischer Sicht aber kein unlösbares Problem, sondern zunächst einmal Gegenstand einer freien und unbefangenen Selbstbeobachtung.
Die vorrangigen Ziele des Yoga übersetzt T. K. V. Desikachar aus dem Yoga-Sutra mit Gesundheit, Erkenntnis und Qualität unserer Handlungen – und diese Ziele sind unabhängig vom Lebensalter zu erreichen, eventuell im Alter sogar leichter zu verwirklichen.

Desikachar nennt einfache Prinzipien: Jeder, der will, kann Yoga praktizieren! Jeder kann atmen und daher kann jeder Yoga praktizieren. Der Yogaweg beginnt stets da, wo wir gerade sind – körperlich, geistig, örtlich, gesellschaftlich, sozial. Der Beginn ist voraussetzungslos. Es gibt das richtige Yoga für jede Person. Dabei muss sich nicht der Einzelne dem Yoga anpassen, vielmehr wird sich Yoga nach den individuellen Bedürfnissen des Menschen richten.

Das bedeutet für den Anfang, sich anzunehmen, wie man ist und behutsam Körper und Atem zu erforschen. Mit Desikachar gesprochen: Beobachten, was wir tun und wie wir es tun. Wir können Yoga auf einem Stuhl üben und sogar dann, wenn wir ans Bett gefesselt sein sollten. Dabei werden wir Schritt für Schritt (wieder) mit dem Körper und Atem vertraut und lernen, mit unserem Körper zu kooperieren, statt gegen ihn zu arbeiten oder ihn zu ignorieren oder zu verdrängen. Körperliche Makel, Gebrechen und Krankheiten werden als gegeben hingenommen, Schwächen werden eingestanden – bestenfalls mit heiterer Gelassenheit, Geduld und vor allem mit dem Wissen, dass Leben immer auch Veränderung bedeutet.

Konkret heißt Yoga für ältere Menschen zum Beispiel, wieder zu lernen, auf einem Bein zu stehen und dadurch eine sichere Balance zu finden. Oder Beine und Rücken zu kräftigen, um gut zu sitzen und aufzustehen. Oder sich tief zu entspannen, um erholsam die Nacht durchzuschlafen. Die Bewältigung von hartnäckigen Verdauungsproblemen, Gelenkschmerzen, Bluthochdruck, Steifheit und Atemproblemen sind die Paradedisziplinen des Yoga. Neue Kraft, Balance, Stabilität und größere Mobilität sind in der Regel sehr schnell zu spüren.

Selbstvertrauen, Zufriedenheit, Zuversicht und Wohlbefinden sind im yogischen Verständnis psychokinetische Fähigkeiten. Wir beeinflussen unser Körper-Atem-Gedanken-System durch regelmäßige Übungen. Und dabei ist eben nicht die äußere Form der Körperstellungen entscheidend, vielmehr sind alle, auch „einfache“ Varianten wirksam. Das Üben selbst schafft besondere Qualitäten, wie das Gefühl von Stille und Weite oder einen Sinn für spielerischen Humor. Und allein die gezielte Aufmerksamkeit für unsere Handlungen bewirkt eine Veränderung unserer inneren Haltung.

Die Praxis umfasst in einem weiteren Sinn Ernährung, Asanas, Atemübungen und Mantras, wie Desikachar lehrt. Daher kann zum Beispiel der querschnittsgelähmte Yogalehrer Matthew Sanford ohne Weiteres im Rollstuhl unterrichten und üben. Die Mitarbeiter der Donna-Karan-Stiftung üben mit Patienten in amerikanischen Krankenhäusern. Und bei dem wirklich überwältigenden Restorative Yoga bewegt man sich gar nicht. Yoga sind keine Grenzen gesetzt, im Gegenteil. Die Pointe ist gerade, dass auch ein stark eingeschränkter Mensch großartig Yoga üben kann.

Buch-Tipp: Yogan – Veganes Leben und Yoga

Yogalehrer Dominik Grimm bringt in seinem Buch „yogan” Yoga und vegane Ernährung unter einen Hut. Was es damit auf sich hat? Wir sprachen mit dem Blogger und Veganer über sein ganzheitliches Lebenskonzept.

Dominik, warum passen Yoga und vegane Ernährung für dich so gut zusammen, dass du ein Buch darüber geschrieben hast?

Yoga führt uns im Laufe unserer Praxis vermehrt nach Innen. Viele äußere, materielle Dinge verlieren nach und nach an Gewicht; dafür steigen der Fokus und die Wertigkeit von immateriellen Qualitäten wie Liebe und Mitgefühl. Dieses Mitgefühl kann uns dazu veranlassen, uns aus ethischen und ökologischen Gründen für eine vegane Lebensweise zu entscheiden. Die vegane Ernährung ist somit die Antwort auf das entstandene Mitgefühl. Daneben steht natürlich ein weiterer, wichtiger Aspekt: die Gesundheit. Immer mehr Studien weisen heute darauf hin, dass eine pflanzenbasierte bzw. vegane Ernährung die gesündeste für Menschen jeden Alters ist. Yogan ist für mich somit die perfekte Kombination bzw. Einheit.

Für wen ist „Yogan“ besonders lesens- und empfehlenswert?

Konzipiert habe ich das Buch für Yogan-Beginner, also für Menschen, die sowohl mit Yoga als auch mit der veganen Ernährung Neuland betreten. Yogan fußt auf sechs Säulen, die ich step-by-step erkläre, auf praktischen Umsetzungstipps sowie Inspirationen. Aber, so das erste Feedback der LeserInnen, auch für erfahrene Yogi(ni)s und VeganerInnen kann das Buch so manch neuen Impuls setzen.

Du hast eine „Yogan-Grundreihe“ entwickelt, die aus zwölf Asanas besteht. Was ist an dieser Übungsstrecke so speziell?

(lacht) Ja, mittlerweile wird sie schon als die „Grimm’sche Reihe“ betitelt. Die Grundreihe ist eine Kombination aus Vor- und Rückbeugen, Dreh- und Gleichgewichtsstellungen. Die jeweiligen Haltungen werden einerseits aktiv, anderseits passiv ausgeführt. Das heißt, jede Asana stärkt, kräftigt und dehnt gleichermaßen und fördert dazu noch die Koordinationsfähigkeit. Das Wichtigste an der Reihe war mir eine gewisse Ganzheitlichkeit und dass sie auch von jedem Anfänger geübt werden kann. Dazu gebe ich einleitend auch den Tipp, in drei Phasen zu üben: Gewöhnung, Kontrolle, Entdeckung/Festigung.

Du plädierst dafür, regional und saisonal produzierte Lebensmittel zu kaufen, aber einige der vorgestellten Superfoods wie Cashewkerne, Kakao oder Moringa müssen importiert werden. Wie stehst du zu exotischen Superfoods?

Ja, das stimmt und klingt erst einmal ziemlich widersprüchlich. Ich finde jedoch, dass wir uns so abwechslungsreich wie möglich ernähren sollten und auch dürfen. Praktisch gesehen: Wenn ich die Wahl zwischen einem regional hergestellten Produkt und einem Import-Produkt habe, greife ich zum regionalen. Wenn ich die Wahl nicht habe, darf’s auch ruhig die Avocado von weiter her sein. Der kritische Leser möge mir die Pauschalisierung an dieser Stelle verzeihen – Stichwort: Import-Ware kann auch mal eine bessere Klima-Bilanz haben als hier hergestellte Gewächshaus-Ware – aber Ernährung sollte immer praktikabel bleiben, ohne große Nachforschungen.

Es gibt am Ende deines Buches ein Kapitel über die „Möglichkeiten der Verbreitung des Yogan-Gedankenguts“. Wie lebt man nach der Yogan-Philosophie, ohne dabei missionarisch zu werden?

Vor. Man lebt einfach nur vor. Ein Vorbild, das andere inspiriert. Mehr nicht. Das ist meiner Erfahrung nach der beste, einfachste und effektivste Weg.

Dominik Grimm ist Autor, biologisch-technischer Assistent und Yogalehrer. Er gibt Yogastunden, Seminare, Retreats und Workshops zum Thema Yogan. Sein erstes Buch erschien 2014 bei Droemer-Grimm_Yogan_01.inddKnaur. „yogan – Veganes Leben und Yoga“ (Knaur Taschenbuch, ca. 15 Euro)

Montags-Mantra: Ausdruck

Verschiedene klinische Studien zeigen: Die Körperhaltung hat Einfluss auf unser Gemüt. Oft hilft es, einer niedergeschlagenen Stimmung gezielt mit einer aufrechten Haltung und erhobenem Kopf entgegenzuwirken. Jedoch gibt es auch Situationen, in denen es ratsam ist, seinen Emotionen auch durch die Körperhaltung Ausdruck zu verleihen. Dadurch kann man sich von Fall zu Fall schneller von der Empfindung lösen.


 

Nichts gibt mehr Ausdruck und Leben als die Bewegung (…)

Gotthold Ephraim Lessing


 

Unser Tipp:

Einfach ausprobieren, was gerade guttut, und sich klarmachen, dass der Körper ein wunderbares Stimmungsbarometer ist.

 

Foto: pixabay.com

Dies.Das.Asanas.

In dieser Kolumne nehme ich bewusst Haltungen unter die Lupe, die aus B. K. S. Iyengars Standardwerk „Licht auf Yoga“ so nicht bekannt sind. Das Buch hat seit seinem Erscheinen 1966 dabei geholfen, Asanas auch als therapeutische Mittel zu sehen. Aus den darin geschilderten „klassischen“ Asanas haben sich mit der Zeit unzählige Varianten entwickelt, die wichtiger Bestandteil des modernen Yoga sind.

Die Asana, die ich heute vorstelle, ist eine Variante des Handstands, kombiniert mit einer Rückbeuge: Ich nenne sie Supported Handstand Backbend, zu Deutsch: Unterstützte Handstand-Rückbeuge. Das ist eine intensive Umkehrhaltung, die in dieser Variante wunderbar mit einer Wand oder eben an einem Baum funktioniert.

Rückbeugen sind für manche eine Qual, für andere ein Kinderspiel. Mit einem neuen Blickwinkel und einer spielerischen Herangehensweise können heilsame Rückbeugen vom Gräuel zum energetisierenden Werkzeug werden und uns gesunde, starke Schultern schenken. Ein „krummer Rücken“ kann aus einer vorgebeugten, am Computer orientierten Haltung resultieren, aber eben auch Ausdruck einer seelischen Last sein, die einem schwer auf dem Kreuz liegt. Es lohnt sich immer, einmal den Alltag unter die Lupe zu nehmen: Wie halten und „ver-halten“ wir uns? Welcher Gedanke oder Glaubenssatz macht mir vielleicht das Leben schwer? Meist will man sein wichtigstes Kleinod schützen, das Herz. Deshalb verschließt man sich mit Hilfe des gesamten Oberkörpers. Was einem klar werden muss, ist ganz einfach: Das Herz wird wunderbar durch den Brustkorb und den „Rippenkäfig“ geschützt! Dieses zarte, essenzielle Organ, die Lebenspumpe, darf sich dort wohl und rundum sicher fühlen. Rückbeugen dienen als Herzöffner. Sie lassen einen aufatmen, Hoffnung schöpfen und wieder offen in die Zukunft blicken – anstatt nur noch auf die Füße oder das Handy zu starren!

 

Muss ich das können?
Nein. Nur, wenn es Spaß macht!

Was muss ich dafür tun?
Zur Vorbereitung sollten einerseits Rückbeugen geübt werden, beispielsweise die Kobra, der nach oben schauende Hund, die Heuschrecke, der Bogen und das Rad. Andererseits sollte man sich kopfüber wohlfühlen. Das bedeutet, dass man die Kraft haben sollte, den Handstand an der Wand etwa 1 Minute lang zu halten.

Ist das gefährlich?
Ja. Manche sollten diese extreme Haltung nicht üben, beispielsweise nach einem Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule. Hier gilt absolute Eigenverantwortung! Außerdem sollten die Hände keinesfalls rutschen. Und für Anfänger gilt: Die Haltung zu Beginn nur mit Hilfestellung versuchen!

Schritt für Schritt im Schnelldurchlauf:

 

  1. Setzen Sie Ihre Hände ungefähr zwei Hände breit vor einer Wand auf den Boden. (Mit mehr Übung auch ein wenig weiter weg.)
  2. Schwingen Sie die Beine gegen die Wand und lehnen Sie sie bis zum Gesäß dagegen, ohne dass sich der Rücken dabei näher zur Wand bewegt.
  3. Falls ihre Hände noch zu nah stehen, setzen Sie diese etwas weiter von der Wand weg.
  4. Halten Sie Mula und Uddhiyana Bandha, eine gewisse Bauchspannung, um die Lendenwirbelsäule zu stabilisieren.
  5. Atmen Sie Ihr Brustbein langsam von der Wand weg. Lassen Sie den Kopf entspannt hängen.
  6. Um wieder aus der Haltung herauszukommen, beugen Sie die Knie, setzen einen Fuß an die Wand und stoßen sich damit ab.

Wichtig: Wenn Sie mit Hilfestellung üben, sollte diese notfalls an Ihre Hüfte greifen, falls die Kraft nachlässt.

 


 

Vorschläge oder Fragen? Schauen Sie bei Jelena unter www.facebook.com/kickassyoga vorbei.

 

DVD-Tipp: Asana Index 1

Praktisches Nachschlagewerk So simpel, frei und authentisch kann Yoga sein: Eine DVD zum Mitüben, die einzelne Asanas voneinander losgelöst erklärt, ohne vorgefertigtes Übungsprogramm, ohne zuvor definierte Übungslevel, ohne festgefahrenen Stil. Ähnlich wie in B. K. S. Iyengars Klassiker „Licht auf Yoga“ konzentrieren und reduzieren sich die beiden bekannten Anusara-Yogalehrer Lalla und Vilas auf die Haltungen selbst. Dabei leiten sie sich abwechselnd gegenseitig an und erläutern äußerst präzise und im Detail die für ihren Yogastil typischen Ausrichtungsprinzipien, verzichten jedoch bewusst darauf, ihre Asanas explizit dem Anusara zuzuweisen. Stattdessen spricht aus jeder Anweisung ihre ganz eigene, tiefe Erfahrung, die sie weit über die bloße Technik hinausgehen und wichtige yogische Prinzipien mit einfließen lässt. Lalla und Vilas’ erste von sechs geplanten Asana-Index-DVDs zielt durch umfassende Yogakenntnisse nicht nur auf ein verletzungsfreies Üben ab, sondern weit darüber hinaus auch auf ein tiefes und feines Spüren in den Haltungen. Durch den freien Aufbau bringt sie den Praktizierenden zudem ganz nebenbei, aber sicher nicht ungewollt, in die unumgängliche Eigenverantwortung. //
Fazit // Die Entdeckung des Wesentlichen: Eine auffallend schlichte, pragmatische und hilfreiche Übungs-DVD!

AsanaIndex1_Pack1er
Asana-Index 1
Lalla und Vilas Turske
Parapara UG
Preis // ca. 20 Euro

Selbst, aber nicht allein

Eltern zu sein, ist großes Glück und große Herausforderung. Wenn wir ganz für unsere Kinder da sein wollen, dürfen wir auch uns selbst nicht vergessen, empfiehlt der Achtsamkeitslehrer Lienhard Valentin.

Lienhard Valentin, sehen Sie Ihre Arbeit mit Eltern und Familien als spirituelle Tätigkeit?
Das hängt von der Definition dieses Begriffes ab, mit dem ich sehr vorsichtig geworden bin. Ich selbst bin seit 30 Jahren in der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation verwurzelt, die auch in meinen Kursen vermittle. In Ausbildungssituationen ist es gut, regelmäßig die Gesprächsebene zu verlassen und ins Spüren zu kommen. Man darf nicht vergessen, dass die traditionellen Formen von Männern für Männer in Klöstern entwickelt worden sind. Täglich drei Stunden sitzende Meditation lässt sich nicht 1:1 auf Frauen mit Kindern im heutigen Leben anwenden.
Die meisten Teilnehmer meiner Workshops motiviert keine konkrete spirituelle Praxis, sondern ihre tägliche Praxis als Eltern. Im Alltag sind gesunder Menschenverstand und Menschlichkeit genauso hilfreich. Für mich besteht eine große Aufgabe der Familie darin, Achtsamkeit, Mitgefühl und bedingungslose Liebe zu verkörpern – so gut es im jeweiligen Moment geht. Jede Praxis, die dem dient, ist gut – ob sie nun spirituell ist oder nicht. Stillen, Wickeln, Baden, Spielen: Man kann jede Tätigkeit, bei der man wirklich präsent ist, zur Achtsamkeitspraxis gestalten.

Im Sinne inneren Wachstums ist das Elternsein sicher bereits für sich eine spirituelle Praxis.
Und zwar eine sehr fortgeschrittene. Wenn man die Praxis des Elternseins darin sieht, die Kinder darin zu bestärken, sie selbst bleiben zu können, ist das eine anstrengende Aufgabe, die ohne regelmäßiges Verbinden mit einer inneren Quelle fast nicht vorstellbar ist. Sicher ist das ein spirituelles Thema, aber nicht in einer bestimmten Tradition oder Form, sondern in der Herausforderung, die individuell wirksame Quelle zu finden. Ich bin überzeugt davon, dass es hier keinen „richtigen“ Weg gibt, obwohl es im Bereich der so genannten Kinder-„Erziehung“ – wir nennen es lieber „Begleitung“ – erstaunlich viele, vermeintlich verbindliche Wahrheiten gibt.

Wenn sich besonders Mütter Zeit und Raum für Selbsterfahrung nehmen, wird das oft als Egotrip gewertet.
Es ist allerdings wichtig, in sich einen weiten Raum zu entdecken und in ihm zu verweilen. Je weiter wir innerlich sind, desto flexibler können wir mit herausfordernden Situationen umgehen. Je enger wir sind, desto weniger Möglichkeiten haben wir. Als Egotrip werte ich eher das Selbstbild vieler Praktizierender, „weiter“ zu sein als andere. Entwaffnend finde ich es, wenn sich in meinen Gruppen Menschen öffnen und vor der Erkenntnis stehen: „Jetzt meditiere ich schon 20 Jahre, aber stehe oft vor meinem Kind und weiß nicht, was ich machen soll.“ Dann entsteht die Frage: Ist das vielleicht normal?

Was ist das Spezielle am Elternsein, das uns im Positiven und Negativen so sehr erschüttern kann?
Es ist eine komplexe und extrem tiefe Liebesbeziehung, die das Herz, aber auch seine alten Verletzungen öffnen kann. Sie ruft alte Muster in uns wach, von denen wir denken, dass wir sie lange hinter uns gelassen haben. Aber dann ertappt man sich dabei, dass man dem Kind Dinge sagt, die man selbst in der Kindheit gehört und eigentlich als bescheuert empfunden hat. Kinder bieten uns die wertvolle Möglichkeit, tief an diese wunden Punkte zu gelangen und dort Heilung zu finden, wo wir sonst vielleicht gar nicht hingesehen hätten.

Die eigene Herkunft erhält ganz neue Bedeutung.
Dazu die Fragen: „Wer bin ich wirklich?“ und „Wie will ich wirklich leben?“ Wir haben im Laufe unserer Geschichte Teile weggesteckt, die keine Resonanz gefunden haben, und einen Kokon gesponnen, um unser Herz zu schützen. Der Psychologe Charles Tart vergleicht das mit einer gesellschaftlichen Trance.

Worin besteht die Arbeit, aus dieser Trance zu erwachen?
In dieser Arbeit geht es darum, wieder mit unserer Essenz in Berührung zu kommen. Konventionelle Erziehungsmethoden haben als Ziel, Kinder möglichst schnell in den gleichen Schlaf zu versetzen, damit wir gemütlich weiterschlafen können. Solche lebendigen Wesen nerven ja auch (lacht). Die große Chance besteht darin, das nicht als Störung oder Ungehorsam zu sehen, sondern als Weckruf, die Verkrustung um unser Herz aufzulösen. Kinder wollen uns wach und präsent haben. Sie wollen unsere Essenz.

Das macht sie zu echten Lehrern.
Kinder sind noch sehr mit sich selbst verbunden und eventuell mit etwas Größerem. Es ist aber auch natürlich, dass sie das verlieren – an dem Punkt, wo das Denken anfängt. Mit dem Denken kommt die Trennung, die Vertreibung aus dem Paradies. Dann sind wir zunehmend mit Begriffen in Kontakt und nicht mehr mit dem, was dahinter steht – besonders in unserer Kultur, in der das patriarchalische Prinzip das Göttliche weg aus der Natur und hoch in den Himmel verbannt hat. Kinder spiegeln uns sofort, wenn wir nicht mit unserem Herzen verbunden sind. Dadurch können sie sehr strenge Zen-Lehrer sein.

Wie steht es mit dem starken Wunsch, nur das Beste für die Kinder und alles absolut richtig machen zu wollen?
Oft gehen wir mit uns viel strenger um als mit anderen, was natürlich darin begründet ist, wie wir selbst als Kinder gesehen wurden. Durch dieses strenge Über-Ich fehlt uns das Selbstmitgefühl. Wir sind immer auf der Hut, nichts falsch zu machen, und nehmen uns dadurch die Möglichkeit nachzusehen, was eigentlich los ist: Was möchte ich, was möchte das Kind? Zwischen dem vermeintlichen „Problem“ und der ach so wichtigen „Lösung“ liegt ein wichtiger Ort, den es zu besetzen gilt. Wenn wir freundlicher mit uns selbst sind, wird auch der Umgang mit dem Kind achtsamer, flexibler und kreativer. Mitgefühl kann sich auch in einem klaren Nein äußern.

Wie weit sollte der Schutz durch die Eltern gehen und wann begrenzt er die Freiheit des Kindes?
Achtsamkeit bedeutet nicht, eine Hab-acht-Stellung einzunehmen. Wenn ein Kind das Gefühl vermittelt bekommt, Quell der Freude für seine Eltern zu sein, wenn es sich als individuelle Persönlichkeit gesehen fühlt, hat es die wichtigste Sicherheit. Unser Gehirn hat die Tendenz, auf das zu schauen, was angeblich nicht stimmt. Seltener fragen wir uns: Was läuft eigentlich gut? Es ist wichtig, Kinder nicht nur als empfindliche Wesen zu sehen. Sie haben große Kraft und können fast jede Situation gut verarbeiten – wenn sie damit sie selbst, aber nicht allein sind. Und sie wollen auf keinen Fall perfekte Eltern haben.

Die heutigen Erziehungsmodelle entwickeln sich glückicherweise zunehmend von verbindlichen Prinzipien zu größerer Offenheit.
Man darf nicht vergessen, dass sogar Freud noch angenommen hat, dass Säuglinge keine Gefühle haben. Früher war eigentlich nur der Mann ein Mensch und nach der Frauenbewegung richtet sich nun das Augenmerk auf die Kinder. Es ist wichtig, dass sie sie selbst sein können, statt nur zu funktionieren, und dass man sie in ihrem eigenen Entdeckungsraum wachsen lässt, statt wie der berühmte Helikopter über ihnen zu kreisen. Dazu brauchen wir innere Orientierung, die uns beispielsweise die Achtsamkeit bieten kann. Mit ihr können wir lernen, in schwierigen Situationen zu verweilen, statt automatisch zu reagieren. Diese Techniken können auch problemlos an kindliche Bedürfnisse angepasst werden: Dann sind sie unendlich viel besser als Ritalin und alle Drogen, die zum Funktionieren bringen. //


Lienhard Valentin ist Verleger, Gestaltpädagoge und in Beratung und Fortbildung von Erziehern, Lehrern und Eltern tätig. Der in Freiburg lebende Vater eines Sohnes hat eng mit Jack Kornfield und Jon Kabat-Zinn zusammengearbeitet und die Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“ gegründet.

www.mit-kindern-wachsen.de

Yoga in Zeiten des Krieges

Zwei Yogalehrerinnen im Nahen Osten. Die eine ist Palästinenserin und unterrichtet im Westjordanland, die andere ist Israelin und hält ihre Stunden in Tel Aviv.  Beide müssen sich im Sommer 2014 mit einer unerträglichen Situation arrangieren: dem Krieg. Wie ist es möglich, dennoch Akzeptanz und Hoffnung zu entwickeln? 

Wir kennen keinen Frieden. Die Bevölkerung hier hat das Kriegführen in den Genen. Doch selbst wenn wir solche Konflikte regelmäßig erleben, dieser Krieg war besonders beängstigend.“ Ernessa Bergman lebt in Tel Aviv und unterrichtet dort Yoga.

Aufgewachsen ist sie in New York, als Teenager zieht sie mit Vater und Schwester nach Israel. Nach dem Schulabschluss geht sie zunächst zurück in die Staaten. Wie alle Schulabsolventen in Israel, egal ob Frauen oder Männer, hätte sie sonst in der Armee dienen müssen. „Ich wollte nicht zum Militär, ich war Pazifistin.“ Doch nach dem Studium zieht es sie wieder zurück in den Nahen Osten. Sie gründet mit ihrem Mann eine Familie und fängt an, als Körpertherapeutin und später als Yogalehrerin zu arbeiten. Ihre drei Söhne werden in Israel geboren. Ihr erster Sohn hat Diabetes und muss deshalb nicht zum Militär. Ihr zweiter Sohn Daniel muss dienen und will sich seiner Pflicht auch nicht entziehen. Er bewirbt sich sogar um einen Platz in einer militärischen Spezialeinheit. Wenn er schon kämpfen muss, dann will er wenigstens in die beste Abteilung. Ernessa ist nicht begeistert, aber sie akzeptiert seine Entscheidung. „Selbst wenn ich nicht daran glaube, dass Gewalt die Lösung ist, und ich mir wünsche, dass dieser Konflikt gewaltfrei gelöst wird, muss ich einsehen, dass es Leute gibt, die uns den Tod wünschen. Und deswegen müssen wir diese verdammte Armee haben.“ Daniels Einheit ist im Juli 2014 Teil der Bodentruppen, die in Gaza einmarschieren. „Ich hing Tag und Nacht vor dem Fernseher und habe Nachrichten gehört, mit meinem Handy immer in der Hand. Wir haben täglich eine E-Mail vom Einsatzleiter bekommen, ob Daniel unverletzt und wohlauf ist. Ich habe für diese E-Mails gelebt!“

Ernessas palästinensische Kollegin schaut keine Nachrichten. „Aber ich höre den Menschen zu, die in meine Stunden kommen. Sie erzählen von Tötungen, Bombardierungen und zerstörten Häusern. Sie sind wütend, ängstlich und frustriert. Sie wollen von mir wissen: Wie soll es möglich sein, sich von all diesen negativen Emotionen loszulösen? Auch für mich war es oft schwierig, in dieser Situation konzentriert und ruhig zu bleiben.“

Fünf Mal pro Woche unterrichtet die zierliche Frau mit den langen, glatten Haaren in einem größtenteils leerstehenden Bürogebäude in einer kleinen Stadt im Westjordanland. Zu den Stunden kommen Christen, Muslime und manchmal auch Juden – obwohl es jüdischen Bürgern nicht erlaubt ist, ins Westjordanland zu reisen. Mit ihrem offenen Unterricht macht sich die christliche Palästinenserin nicht überall Freunde. Weil sie sich und ihre Schüler keiner unnötigen Gefahr aussetzen möchte, nennen wir sie hier einfach also Sara, ein Name, den es sowohl in der arabischen als auch in der jüdischen und christlichen Kultur gibt. Seit der aktuelle Konflikt ausbrach, ist es besonders heikel für Sara, gemischte Stunden zu unterrichten oder selbst zu gemischten Klassen nach Israel zu fahren. Viele ihrer Landsleute können die Offenheit, die sie den Israelis entgegenbringt, nicht nachvollziehen.

Sara erzählt, dass viele Palästinenser in den vergangenen Monaten nicht nur große Wut über das Vorgehen der israelischen Regierung empfanden, sondern auch Angst hatten, abends ihre Häuser zu verlassen. „Sie haben von der Entführung und der schrecklichen Ermordung eines palästinensischen Jugendlichen im Fernsehen gehört.“ Ihr Sohn ruft sie manchmal an und erzählt ihr, was im Rest des Landes passiert. Sara will das nicht hören. „Ich bete für die Leute, deren Häuser zerstört werden und deren Kinder nicht mehr am Leben sind, aber ständig diese Nachrichten zu hören, macht uns alle krank. Das können wir nicht gebrauchen in dieser Situation. Wir müssen stark sein, um uns gegenseitig zu unterstützen.“ Viele Menschen in ihrer Heimat wollen der Situation ganz entfliehen und das Land verlassen. Die meisten, die genügend Geld haben, zieht es weg aus dem Westjordanland. Saras Töchter leben in Jordanien und England. Ihr Sohn wohnt in Holland. Sie besucht ihre Kinder gerne. Im Ausland hat sie die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, das ist ihr in Palästina nicht möglich. Wenn sie nach Jerusalem zu einem Yoga-Workshop fahren will, muss sie Wochen vorher eine Genehmigung beantragen. Doch auch wenn die Lebensstandards im Ausland höher sind, für Sara war es nie eine Option, aus dem Westjordanland wegzugehen. „Es gibt etwas, das mich immer wieder hierher zurückholt. Ich bin hier geboren und ich werde auch hier sterben. Es ist meine Mission, den Leuten hier zu helfen.“

Ernessas Leben in den Tagen des Bodeneinsatzes spielt sich größtenteils zwischen ihrer Wohnung und dem Bombenschutzkeller ab. Sie ist oft wie gelähmt von der Angst um ihren Sohn und schafft es kaum, sich aus dem Haus zu bewegen. Dann helfen ihr die privaten Yoga- und Körpertherapie-Stunden, die sie trotz der Krise mit ihren Schülern vereinbart. „Wenn ich anderen Menschen helfe, geht es ihnen besser, es geht mir besser und am Ende hilft uns das allen. Ich bin der Meinung, wenn alle Menschen sich mit ihren Ängsten und Frustrationen auseinandersetzen würden, wären wir gar nicht in dieser Situation.“ Das Gefühl, etwas tun zu können, statt nur auf die nächste Nachricht zu warten, hält sie davon ab, in eine dauerhafte Depression zu verfallen. Dennoch ist ihr Telefon immer in Griffweite, wenn sie in dieser Zeit unterrichtet.  „Irgendwann habe aber ich verstanden, dass es sinnlos ist, wenn ich die ganze Zeit auf mein Telefon starre und Nachrichten gucke. Mein Mann hat mich daran erinnert, dass das, was ich mir eigentlich wünsche, nicht die Nachricht ist, dass er lebt. Sondern einfach nur, dass es ihm gut geht. Also bin ich rausgegangen, an den Strand, wo wegen der Bombendrohungen keine Menschenseele war. Ich habe mich ins Meer gelegt und an meinen Sohn gedacht. Ich habe ihm all meine positiven Gedanken geschickt, eine Art mentales Schutzschild. Es hat sich so gut angefühlt, etwas tun zu können.“ Sie schafft es, ihre Angst in ein positives Gefühl zu verwandeln. „Mir ist klar geworden, dass die Angst um ihn nur daher kommt, dass ich ihn so sehr liebe. Und mir so sehr wünsche, dass er zurückkommt.“

„Ich kenne dieses Gefühl, sich nicht sicher zu fühlen aus meiner Kindheit. Damals hatte ich es andauernd“, erzählt Sara. „Inzwischen habe ich das Gefühl nicht mehr. Ich habe keine Angst. Auch während der Krise bin ich nach Jerusalem zu den Yoga-Workshops meines Lehrers gefahren.“ Ihr verändertes Verhältnis zur Angst sei ein Resultat ihrer Yogapraxis. „Das heißt nicht, dass ich ein perfektes Leben habe, auch ich habe meine Probleme. Aber ich bin der Meinung, was passiert, passiert. Selbst wenn im Nebenhaus eine Bombe einschlägt, habe ich keine Angst. Denn ich kann es nicht ändern.“ Sara will den Schülern in ihren Stunden eine ähnliche Gelassenheit vermitteln. Mit Meditation will sie ihnen helfen, sich von ihren Emotionen zu distanzieren.

Die meisten Menschen in Israel und Palästina haben sich an den Konflikt gewöhnt oder zumindest gelernt, ihn zu tolerieren. Jeder hat seine eigene Methode entwickelt, mit der Situation und den Gefühlen, die sie auslöst, umzugehen. Das müssen sie, um in dieser Umgebung leben zu können. Die einen blenden sie aus, die anderen schieben sie weg. Sara und Ernessa haben sich dafür entschieden, ihre Gefühle zu akzeptieren, seien es Angst, Schmerz oder Wut. „Dass ich den Schmerz akzeptiere, heißt aber nicht, dass ich aufgebe. Es heißt nicht, dass ich nicht versuche, etwas zu ändern“, erklärt Sara.

Der Graben zwischen der Realität und dem, was sich Ernessa und Sara für ihr Heimatland und für die Zukunft ihrer Kinder wünschen, ist riesig. Ernessa bekennt: „Frieden ist eine Realität, die wir in Israel nicht kennen. Ich wünschte, es wäre nicht so. Aber es ist so. Wir schicken unsere Söhne in den Krieg und gleichzeitig wollen wir, dass nichts davon passiert. Es ist surreal.“ Ernessa und Sara haben die Hoffnung dennoch nicht aufgegeben, dass Realität und Wunschvorstellung irgendwann näher zusammenrücken und es dauerhaften Frieden gibt. „Natürlich gibt es diese Momente, in denen ich denke: Alles was ich tue, ist so klein im Vergleich zu den großen Träumen, die wir haben“, erzählt Sara. „Aber irgendwo muss man ja anfangen. Und jede Veränderung beginnt erst einmal im Kleinen. Es wird dauern. Nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte.“

Zunächst muss dafür gesorgt werden, dass die Grundbedürfnisse aller Menschen gedeckt sind, dass sie genügend Essen, Wohnungen, Bildung haben, meint Sara. Danach sieht sie es als größten Schritt in Richtung Frieden, dass die Bevölkerung der Region ein gegenseitiges Verständnis entwickelt. „Das geht nur, wenn man ein Bewusstsein für die eigene Person bekommt. Yoga kann dabei helfen. Es ist ein Hilfsmittel, sich seiner eigenen Wünsche und Abneigungen bewusster zu werden.“ Yoga hat ihr Leben verändert, dann kann es auch das Leben aller anderen ändern. „Dafür reicht es aber nicht, wenn ab und zu internationale Gastlehrer hierherkommen. Wir brauchen mehr palästinensische Yogalehrer. Menschen, die in ihren eigenen Gemeinden unterrichten. Wir brauchen Kontinuität.“ Ernessa sieht das ähnlich. „Ich kann nicht nach Ostjerusalem gehen und dort Araber unterrichten. Das wäre Missionierung und die halte ich für gefährlich.“

Ihr Sohn Daniel ist inzwischen heil aus dem Einsatz zurückgekehrt. Auch ihn wollte sie bisher nie zum Yoga überreden. Nach seiner Heimkehr im August hat sie ihm jedoch geraten: „Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um damit anzufangen.“ Sie hat einige Schüler, die nach dem Militärdienst begonnen haben, Yoga zu üben. Vielleicht hilft es ihnen, den Schrecken, den sie im Krieg gesehen haben, zu verarbeiten. Für ihren Sohn sind die Erfahrungen, die er in Gaza gemacht hat, noch zu frisch, um sich damit auseinanderzusetzen. Aber diese Aufarbeitung muss kommen, wenn sich etwas ändern soll in dieser Generation, die „das Kriegführen mit der Muttermilch aufgesogen hat“, wie Ernessa sagt. „Wenn ich diese jungen Männer ansehe, meine Söhne und ihre Freunde, sehe ich ein echtes Verlangen nach Veränderung. Das ist meine größte Hoffnung.“ Bevor ihr Sohn nach Gaza einberufen wurde, hat Ernessa ihn gefragt, ob er kämpfen will für sein Land. „Er hat mich entgeistert angeschaut und gesagt: Mama, bist du bescheuert? Wir haben alle Angst. Niemand von uns will kämpfen.“


Veronika Köberlein ist freie Journalistin und Yogalehrerin aus München. Kurz bevor die aktuelle Gazakrise im Juli 2014 ausbrach, besuchte sie Israel und das Westjordanland.