Yoga in Zeiten des Krieges

Zwei Yogalehrerinnen im Nahen Osten. Die eine ist Palästinenserin und unterrichtet im Westjordanland, die andere ist Israelin und hält ihre Stunden in Tel Aviv.  Beide müssen sich im Sommer 2014 mit einer unerträglichen Situation arrangieren: dem Krieg. Wie ist es möglich, dennoch Akzeptanz und Hoffnung zu entwickeln? 

Wir kennen keinen Frieden. Die Bevölkerung hier hat das Kriegführen in den Genen. Doch selbst wenn wir solche Konflikte regelmäßig erleben, dieser Krieg war besonders beängstigend.“ Ernessa Bergman lebt in Tel Aviv und unterrichtet dort Yoga.

Aufgewachsen ist sie in New York, als Teenager zieht sie mit Vater und Schwester nach Israel. Nach dem Schulabschluss geht sie zunächst zurück in die Staaten. Wie alle Schulabsolventen in Israel, egal ob Frauen oder Männer, hätte sie sonst in der Armee dienen müssen. „Ich wollte nicht zum Militär, ich war Pazifistin.“ Doch nach dem Studium zieht es sie wieder zurück in den Nahen Osten. Sie gründet mit ihrem Mann eine Familie und fängt an, als Körpertherapeutin und später als Yogalehrerin zu arbeiten. Ihre drei Söhne werden in Israel geboren. Ihr erster Sohn hat Diabetes und muss deshalb nicht zum Militär. Ihr zweiter Sohn Daniel muss dienen und will sich seiner Pflicht auch nicht entziehen. Er bewirbt sich sogar um einen Platz in einer militärischen Spezialeinheit. Wenn er schon kämpfen muss, dann will er wenigstens in die beste Abteilung. Ernessa ist nicht begeistert, aber sie akzeptiert seine Entscheidung. „Selbst wenn ich nicht daran glaube, dass Gewalt die Lösung ist, und ich mir wünsche, dass dieser Konflikt gewaltfrei gelöst wird, muss ich einsehen, dass es Leute gibt, die uns den Tod wünschen. Und deswegen müssen wir diese verdammte Armee haben.“ Daniels Einheit ist im Juli 2014 Teil der Bodentruppen, die in Gaza einmarschieren. „Ich hing Tag und Nacht vor dem Fernseher und habe Nachrichten gehört, mit meinem Handy immer in der Hand. Wir haben täglich eine E-Mail vom Einsatzleiter bekommen, ob Daniel unverletzt und wohlauf ist. Ich habe für diese E-Mails gelebt!“

Ernessas palästinensische Kollegin schaut keine Nachrichten. „Aber ich höre den Menschen zu, die in meine Stunden kommen. Sie erzählen von Tötungen, Bombardierungen und zerstörten Häusern. Sie sind wütend, ängstlich und frustriert. Sie wollen von mir wissen: Wie soll es möglich sein, sich von all diesen negativen Emotionen loszulösen? Auch für mich war es oft schwierig, in dieser Situation konzentriert und ruhig zu bleiben.“

Fünf Mal pro Woche unterrichtet die zierliche Frau mit den langen, glatten Haaren in einem größtenteils leerstehenden Bürogebäude in einer kleinen Stadt im Westjordanland. Zu den Stunden kommen Christen, Muslime und manchmal auch Juden – obwohl es jüdischen Bürgern nicht erlaubt ist, ins Westjordanland zu reisen. Mit ihrem offenen Unterricht macht sich die christliche Palästinenserin nicht überall Freunde. Weil sie sich und ihre Schüler keiner unnötigen Gefahr aussetzen möchte, nennen wir sie hier einfach also Sara, ein Name, den es sowohl in der arabischen als auch in der jüdischen und christlichen Kultur gibt. Seit der aktuelle Konflikt ausbrach, ist es besonders heikel für Sara, gemischte Stunden zu unterrichten oder selbst zu gemischten Klassen nach Israel zu fahren. Viele ihrer Landsleute können die Offenheit, die sie den Israelis entgegenbringt, nicht nachvollziehen.

Sara erzählt, dass viele Palästinenser in den vergangenen Monaten nicht nur große Wut über das Vorgehen der israelischen Regierung empfanden, sondern auch Angst hatten, abends ihre Häuser zu verlassen. „Sie haben von der Entführung und der schrecklichen Ermordung eines palästinensischen Jugendlichen im Fernsehen gehört.“ Ihr Sohn ruft sie manchmal an und erzählt ihr, was im Rest des Landes passiert. Sara will das nicht hören. „Ich bete für die Leute, deren Häuser zerstört werden und deren Kinder nicht mehr am Leben sind, aber ständig diese Nachrichten zu hören, macht uns alle krank. Das können wir nicht gebrauchen in dieser Situation. Wir müssen stark sein, um uns gegenseitig zu unterstützen.“ Viele Menschen in ihrer Heimat wollen der Situation ganz entfliehen und das Land verlassen. Die meisten, die genügend Geld haben, zieht es weg aus dem Westjordanland. Saras Töchter leben in Jordanien und England. Ihr Sohn wohnt in Holland. Sie besucht ihre Kinder gerne. Im Ausland hat sie die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, das ist ihr in Palästina nicht möglich. Wenn sie nach Jerusalem zu einem Yoga-Workshop fahren will, muss sie Wochen vorher eine Genehmigung beantragen. Doch auch wenn die Lebensstandards im Ausland höher sind, für Sara war es nie eine Option, aus dem Westjordanland wegzugehen. „Es gibt etwas, das mich immer wieder hierher zurückholt. Ich bin hier geboren und ich werde auch hier sterben. Es ist meine Mission, den Leuten hier zu helfen.“

Ernessas Leben in den Tagen des Bodeneinsatzes spielt sich größtenteils zwischen ihrer Wohnung und dem Bombenschutzkeller ab. Sie ist oft wie gelähmt von der Angst um ihren Sohn und schafft es kaum, sich aus dem Haus zu bewegen. Dann helfen ihr die privaten Yoga- und Körpertherapie-Stunden, die sie trotz der Krise mit ihren Schülern vereinbart. „Wenn ich anderen Menschen helfe, geht es ihnen besser, es geht mir besser und am Ende hilft uns das allen. Ich bin der Meinung, wenn alle Menschen sich mit ihren Ängsten und Frustrationen auseinandersetzen würden, wären wir gar nicht in dieser Situation.“ Das Gefühl, etwas tun zu können, statt nur auf die nächste Nachricht zu warten, hält sie davon ab, in eine dauerhafte Depression zu verfallen. Dennoch ist ihr Telefon immer in Griffweite, wenn sie in dieser Zeit unterrichtet.  „Irgendwann habe aber ich verstanden, dass es sinnlos ist, wenn ich die ganze Zeit auf mein Telefon starre und Nachrichten gucke. Mein Mann hat mich daran erinnert, dass das, was ich mir eigentlich wünsche, nicht die Nachricht ist, dass er lebt. Sondern einfach nur, dass es ihm gut geht. Also bin ich rausgegangen, an den Strand, wo wegen der Bombendrohungen keine Menschenseele war. Ich habe mich ins Meer gelegt und an meinen Sohn gedacht. Ich habe ihm all meine positiven Gedanken geschickt, eine Art mentales Schutzschild. Es hat sich so gut angefühlt, etwas tun zu können.“ Sie schafft es, ihre Angst in ein positives Gefühl zu verwandeln. „Mir ist klar geworden, dass die Angst um ihn nur daher kommt, dass ich ihn so sehr liebe. Und mir so sehr wünsche, dass er zurückkommt.“

„Ich kenne dieses Gefühl, sich nicht sicher zu fühlen aus meiner Kindheit. Damals hatte ich es andauernd“, erzählt Sara. „Inzwischen habe ich das Gefühl nicht mehr. Ich habe keine Angst. Auch während der Krise bin ich nach Jerusalem zu den Yoga-Workshops meines Lehrers gefahren.“ Ihr verändertes Verhältnis zur Angst sei ein Resultat ihrer Yogapraxis. „Das heißt nicht, dass ich ein perfektes Leben habe, auch ich habe meine Probleme. Aber ich bin der Meinung, was passiert, passiert. Selbst wenn im Nebenhaus eine Bombe einschlägt, habe ich keine Angst. Denn ich kann es nicht ändern.“ Sara will den Schülern in ihren Stunden eine ähnliche Gelassenheit vermitteln. Mit Meditation will sie ihnen helfen, sich von ihren Emotionen zu distanzieren.

Die meisten Menschen in Israel und Palästina haben sich an den Konflikt gewöhnt oder zumindest gelernt, ihn zu tolerieren. Jeder hat seine eigene Methode entwickelt, mit der Situation und den Gefühlen, die sie auslöst, umzugehen. Das müssen sie, um in dieser Umgebung leben zu können. Die einen blenden sie aus, die anderen schieben sie weg. Sara und Ernessa haben sich dafür entschieden, ihre Gefühle zu akzeptieren, seien es Angst, Schmerz oder Wut. „Dass ich den Schmerz akzeptiere, heißt aber nicht, dass ich aufgebe. Es heißt nicht, dass ich nicht versuche, etwas zu ändern“, erklärt Sara.

Der Graben zwischen der Realität und dem, was sich Ernessa und Sara für ihr Heimatland und für die Zukunft ihrer Kinder wünschen, ist riesig. Ernessa bekennt: „Frieden ist eine Realität, die wir in Israel nicht kennen. Ich wünschte, es wäre nicht so. Aber es ist so. Wir schicken unsere Söhne in den Krieg und gleichzeitig wollen wir, dass nichts davon passiert. Es ist surreal.“ Ernessa und Sara haben die Hoffnung dennoch nicht aufgegeben, dass Realität und Wunschvorstellung irgendwann näher zusammenrücken und es dauerhaften Frieden gibt. „Natürlich gibt es diese Momente, in denen ich denke: Alles was ich tue, ist so klein im Vergleich zu den großen Träumen, die wir haben“, erzählt Sara. „Aber irgendwo muss man ja anfangen. Und jede Veränderung beginnt erst einmal im Kleinen. Es wird dauern. Nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte.“

Zunächst muss dafür gesorgt werden, dass die Grundbedürfnisse aller Menschen gedeckt sind, dass sie genügend Essen, Wohnungen, Bildung haben, meint Sara. Danach sieht sie es als größten Schritt in Richtung Frieden, dass die Bevölkerung der Region ein gegenseitiges Verständnis entwickelt. „Das geht nur, wenn man ein Bewusstsein für die eigene Person bekommt. Yoga kann dabei helfen. Es ist ein Hilfsmittel, sich seiner eigenen Wünsche und Abneigungen bewusster zu werden.“ Yoga hat ihr Leben verändert, dann kann es auch das Leben aller anderen ändern. „Dafür reicht es aber nicht, wenn ab und zu internationale Gastlehrer hierherkommen. Wir brauchen mehr palästinensische Yogalehrer. Menschen, die in ihren eigenen Gemeinden unterrichten. Wir brauchen Kontinuität.“ Ernessa sieht das ähnlich. „Ich kann nicht nach Ostjerusalem gehen und dort Araber unterrichten. Das wäre Missionierung und die halte ich für gefährlich.“

Ihr Sohn Daniel ist inzwischen heil aus dem Einsatz zurückgekehrt. Auch ihn wollte sie bisher nie zum Yoga überreden. Nach seiner Heimkehr im August hat sie ihm jedoch geraten: „Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um damit anzufangen.“ Sie hat einige Schüler, die nach dem Militärdienst begonnen haben, Yoga zu üben. Vielleicht hilft es ihnen, den Schrecken, den sie im Krieg gesehen haben, zu verarbeiten. Für ihren Sohn sind die Erfahrungen, die er in Gaza gemacht hat, noch zu frisch, um sich damit auseinanderzusetzen. Aber diese Aufarbeitung muss kommen, wenn sich etwas ändern soll in dieser Generation, die „das Kriegführen mit der Muttermilch aufgesogen hat“, wie Ernessa sagt. „Wenn ich diese jungen Männer ansehe, meine Söhne und ihre Freunde, sehe ich ein echtes Verlangen nach Veränderung. Das ist meine größte Hoffnung.“ Bevor ihr Sohn nach Gaza einberufen wurde, hat Ernessa ihn gefragt, ob er kämpfen will für sein Land. „Er hat mich entgeistert angeschaut und gesagt: Mama, bist du bescheuert? Wir haben alle Angst. Niemand von uns will kämpfen.“


Veronika Köberlein ist freie Journalistin und Yogalehrerin aus München. Kurz bevor die aktuelle Gazakrise im Juli 2014 ausbrach, besuchte sie Israel und das Westjordanland.

Zoopolis

Während die Idee der fleischlosen Ernährung an Akzeptanz gewinnt, nimmt die industrielle Massentierhaltung, -ausbeutung und -tötung zu. Da kommt der Vorschlag, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier politisch zu lösen, gerade recht. 

Nicht Gnade, nicht Mitgefühl und auch keinen fürsorglichen Paternalismus – Sue Donaldson und Will Kymlicka wollen nichts weniger als Gerechtigkeit für Tiere. Selbst ökologische Argumente für den Erhalt der Tierwelt spielen für die Autoren des Buches „Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte“ (Suhrkamp, 36 Euro) keine Rolle. Die beiden gehen bei ihrem Gerechtigkeitsprojekt von anderen Prämissen aus.

Erstens: Tiere haben unverletzliche Rechte, weil sie empfindungsfähige Individuen mit subjektiver Welterfahrung sind. Es herrscht daher moralische Gleichheit zwischen Mensch und Tier. Die Prinzipien dieser Gleichheit können nicht von der Intelligenz abhängen, sondern allein von der Empfindungsfähigkeit eines Wesens. Skeptikern halten sie entgegen: Die Tierarten, die besonders grausam missbraucht werden, sind gerade diejenigen, deren Bewusstsein und Schmerzempfinden am wenigsten in Frage gestellt werden.

Zweitens: Tiere sind keine undifferenziert Masse, über die wir pauschal reden oder urteilen können. Sie lassen sich differenzieren – etwa in wildlebende Tiere, Kulturfolger, domestizierte Tiere, Gefährtentiere, Nutztiere – und daraus lässt sich eine gruppen- und situationsbezogene Tierethik entwickeln.

Drittens: Wir leben seit jeher in gemischten Mensch-Tier-Gemeinschaften. Da diese Beziehungen unauflöslich sind, verlangen sie nach einem gerechten Interessenausgleich. Die Pointe am Vorgehen von Donaldson/Kymlicka ist nun, dass sie bestimmten Tieren den Status von Staatsbürgern, Vollbürgern, anderen von Einwohnern oder Gästen und wieder anderen den von Migranten, Flüchtlingen oder souveränen Gemeinschaften geben. Jede Gruppe hat eigene Ansprüche, Rechte, Verpflichtungen und Probleme. Die Idee ist zum Beispiel, mit domestizierten Tieren ein geteiltes politisches Gemeinwesen zu unterhalten, in dem hierarchische Beziehungen durch Mitbürgerschaft und Mitgliedschaft ersetzt werden. Die Autoren betonen, dass es eine empirische Tatsache ist, dass viele Tiere dieser Gruppe sowohl zur Kommunikation als auch zur Kooperationen mit Menschen in der Lage sind und eine Sozialisation bzw. Partizipation heute schon stattfindet und in Zukunft ganz selbstverständlich viel weitergehend möglich sein könnte. Wildlebende Tiere oder Kulturfolger hätten den Status von Gästen oder souveränen Gemeinschaften; vergleichbar mit den politischen Rechten der Indianer, der Aborigines oder Inuit. Allein die Forderung, über die Mensch-Tier-Beziehung mit Begriffen wie „Staatsbürgerschaft“, „Immigrant“ oder „Gast“ nachzudenken, empfinden viele wahlweise als überraschend, originell, exotisch oder unzumutbar. Kymlicka und Donaldson sagen dazu: „Es ist eine Übung zur Erweiterung der moralischen Vorstellungskraft, wenn man Tiere nicht bloß als verletzliche und leidende Individuen sieht, sondern als Nachbarn, Freunde, Mitbürger und Angehörige …“

Menschen, die sich mit Yoga beschäftigen und eine Kultur der Gewaltlosigkeit schaffen wollen, müsste der Vorschlag intuitiv einleuchten, wenn ihr Mantra von der Freiheit und vom Glück aller Wesen nicht nur leeres Gerede sein soll. In „Zoopolis“ zeigt sich, wie unser Zusammenleben mit Tieren konkret ausgestaltet werden kann.

Ein bekanntes Gedankenexperiment stellt die Frage, wie wir kognitiv extrem überlegenen Außerirdischen erklären würden, warum sie uns nicht ausbeuten, einsperren, töten und essen sollten, obwohl wir nicht über ihre Intelligenz verfügen. Der Mensch würde auf seine Empfindungsfähigkeit und sein Bewusstsein verweisen, wie eingeschränkt es im Vergleich zu dem seines Gegenübers auch sein mag.
Warum erkennen wir dieses einfache Argument nicht in unserem Verhältnis zu den Tieren an? Bekannt ist die yogische Lösung des Problems auch unter dem Namen „Star Trek Ethik“: Fremden Kulturen und Zivilisationen wird mit dem größten Respekt und der größten Zurückhaltung begegnet. Der Missbrauch, die Versklavung oder gar Vernichtung von „unterlegenen“ Lebewesen müssen der nachhaltigen Praxis der friedlichen Koexistenz weichen. //

Janina Hahn

Janina Hahn

In meiner Arbeit als Massagetherapeutin verbinde ich individuell und intuitiv die schamanische Art der Dynamischen Thai Yoga Massage, mit Elementen der Osteopathie
(Osteothai) und der Ayurvedischen Laufmassage. Ergänzend dazu biete ich Yoga Kurse in Meditativem Tantra Yoga an.
Zusammen mit meiner Herzensfreundin und Kollegin Sophie Krespach, habe ich Anfang 2016 eine Thai Yoga Massage Schule in Stuttgart gegründet.
Dort werden Grundausbildungen, Workshops und Massage-Heilabende angeboten.
Dieser Ort soll auch Forum und Forschungsstätte für andere Thai Yoga Massage Lehrer und Praktizierende sein.

Webseite: www.hahn-massagen.de

Dr. Ronald Steiner

Der „Yoga Doc“ Dr. Ronald Steiner ist Begründer der AYI Methode. Diese verbindet traditionellen Ashtanga Yoga mit innovativer Yogatherapie und lebendiger Philosophie.

So entsteht eine für den einzelnen sehr persönliche Praxis – von sportlich akrobatisch bis meditativ therapeutisch. Körper und Geist finden so zueinander und gemeinsam in eine harmonische Balance. Ronald ist Arzt für Sportmedizin, Wissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt Prävention und Rehabilitation sowie einer der bekanntesten Praktiker des Ashtanga Yoga. Er gehört zu den wenigen ganz traditionell von den indischen Meistern Sri K. Pattabhi Jois und BNS Iyengar autorisierten Yogalehrenden.

Mehr über Ronald und die AYI Methode: www.ashtangayoga.info


Montags-Mantra: Langeweile

Momente, in denen man sich langweilt, kommen einem unendlich lang und aussichtslos vor. Es fehlt der Antrieb oder vielleicht fühlt man sich auch von den äußeren Umständen so eingeengt, dass man träge wird und vorübergehend ohne Aussicht auf Besserung resigniert. Aber halt! Aus Sicht der Yogaphilosophie sind wir hier schon einen Schritt zu weit gegangen. Wie haben eine Situation, die erst einmal nur ist schon mit Interpretation gefüllt, sie mit Bewertung angereichert. Unser unruhiger Geist (Citta) hat durch seine Abwertung des gegenwärtigen Zustands erst die Langeweile erschaffen.


Langeweile ist ein Trick der Natur, uns zu Taten anzuspornen.

Friedrich Löchner


Kleine Übung:

Wenn Sie merken, dass Langeweile aufkommt, fragen Sie sich:
Was genau ist es, das mich langweilt? Richten Sie den Fokus auf das, was Ihnen an dieser Situation dennoch Freude bereiten kann. Was können Sie akut verändern, damit Ihnen die Tätigkeit, Situation, etc. mehr Spaß macht? So kann aus Langeweile ein bewusster, konstruktiver Moment werden.


Foto: unsplash.com

 

DVD-TIPP: 10 Milliarden

Brot für die Welt Woher beziehen wir unsere Nahrungsmittel, wenn die Weltbevölkerung bis 2050 auf 10 Milliarden Menschen anwachsen soll? Zu diesem Thema stellt Valentin Thurns Dokumentarfilm provokante Fragen: Kann man Fleisch künstlich herstellen? Sind Insekten die neue Protein­quelle? Und was passiert, wenn sich die Mehrzahl der Inder nicht mehr vegetarisch ernähren will? Auf angenehm beobachtende Weise folgt er der eigenen Neugier und holt sich Antworten von Chemiekonzernen, aus futuristischen Laboren, von Lebensmittelspekulanten, Biobauern und Öko-Aktivisten. Zwischen geklonten Lachsen, Soja-Wüsten in Afrika und Selbstversorgung aus dem urbanen Kleingarten lässt der Filmemacher („Taste the Waste“) Spielraum für individuelle Visionen, aber keinen Zweifel daran, dass die Zeit der hemmungslosen Ausbeutung knapper Ressourcen vorbei ist – und eine Ära des Mitgefühls beginnen muss.

Fazit: Ein sehenswerter Film, der schwer im Magen liegt, aber vorsichtigen Optimismus wagt.

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10 Milliarden – Wie werden wir alle satt? // Regie: Valentin Thurn // Prokino // Preis ca. 16 Euro

Bibi McGill – yogisches Multitalent

Bibi McGill ist ein echtes Multitalent, sie ist nicht nur Yogalehrerin und Gesundheitsberaterin, sondern auch Profi-Musikerin. Als Lead-Gitarristin war sie unter anderem mit Pink und Beyoncé auf Tour. Wir haben wollten Bibis Meinung wissen, über …

… Ashtanga Yoga
Ich habe 1998 mit der Praxis begonnen. Als ich mit dem Tourleben startete, habe ich in jedem Hotel nach dem nächsten Yogastudio gefragt. „Yoga“ gab es zwar überall, aber oft war es eher ein Herumspringen zu Marschmusik. Als ich Ashtanga Yoga entdeckte, fand ich es toll, ein konsistentes System zu lernen, das ich überall praktizieren konnte. 2004 habe ich bei Paul Dallaghan in Thailand meine Ausbildung absolviert – inklusive Meditation, Sanskrit, Anatomie, Philosophie und Yoga-Geschichte. Ich will die pure, keine verwässerte Version.

… Yoga für Alle
Besonders im westlichen Yoga wird wenig getan, eine Zielgruppe jenseits gut situierter Frauen zwischen 30 und 40 zu erreichen. Wir sollten unseren Fokus erweitern und jeden ansprechen, der Heilung braucht. Ich bin fest überzeugt, dass jeder Yoga üben kann. Herkunft, Gewicht oder Fitness spielen keine Rolle. Balance in Körper und Geist zu bringen und mit der inneren Natur in Kontakt zu kommen – dazu möchte ich jeden ermutigen.

… Musik, Grünkohlchips und skeptische Tourkollegen
Ich liebe meine Zusammenarbeit mit großartigen Musikerinnen wie Pink und Beyoncé. Das ist jedoch keine Lebensversicherung. Ich beschäftige mich viel mit spiritueller Musik und Kirtans. Mit meinen „Bibi Kale Chips“ und meiner Schmucklinie habe ich zwei weitere Standbeine. Mit Freude sehe ich, dass die ganzheitliche Lebensweise an Respekt gewinnt. Vor zehn Jahren dachten die Mädels in meiner Band, dass meine Räucherzeremonien mit Salbei und meine Engelkarten Voodoo seien. Aber auf der letzen Tour sollte ich unbedingt das „Salbei-Ding“ wiederholen und ihnen individuelle Kristalle und Öle empfehlen. Auch die Fans werden immer neugieriger auf Yoga. Wir wachen alle auf und lernen immer mehr.

Bleibt alles anders: Interview über Ashtanga Yoga

Ashtanga Yoga gilt als ausserst herausfordernd und strukturiert. trotzdem lässt es Raum für Entwicklungen. ein Gespräch über Tradition und Innovation, über Missverständnisse und typisch westliches Denken mit den beiden Ashtanga-Yogalehrern Ronald Steiner und Janosch Steinhauer.

Meine erste Begegnung mit Yoga war Ashtanga Yoga. Ich hatte mir vorher keine Gedanken darüber gemacht, welchen Stil ich für mich wählen wollte – Yoga war für mich einfach nur Yoga. Zu Beginn war es eine Black Box, so ein Hörensagen von Entspannung und Körpergefühl. Ashtanga Yoga sei die älteste, die wahre und traditionelle Yogaform, erklärte mir meine erste Lehrerin. Alles andere sei danach erfunden worden und würde nicht mehr dem entsprechen, was die jahrtausendealte Yogatradition eigentlich vermitteln wollte. Acht Jahre Yogapraxis und zahlreiche Gespräche später, erscheint mir diese Aussage fragwürdiger denn je. Liegt es nicht in der Natur der Sache, dass sich die Dinge verändern? Ist Entwicklung nicht der Motor unseres Daseins? Oder würden wir gut daran tun, „back to the roots” zu gehen, statt einen neuen Yogastil nach dem anderen zu entwickeln?

Im Gespräch mit Ronald Steiner, Sportmediziner und einem der wenigen ganz traditionell von Sri. K. Pattabhi Jois authorisierten Ashtanga-Lehrer, und mit Janosch Steinhauer, einem AsthangaYogaInnovation-Lehrer und ehemaligen Kampfsportler, suchte ich nach Antworten.

YJ: Wenn ich erzähle, dass ich nach Ausflügen ins Anusara und Jivamukti wieder Ashtanga Yoga praktiziere, höre ich Dinge wie: immer dasselbe, zu anstrengend, zu wenig Alignment, viel zu streng. Ist das die Essenz der Ashtanga Yogatradition oder sind das überholte Vorurteile?

Janosch: Ashtanga Yoga basiert tatsächlich auf der immer gleichen Übungsfolge und kann extrem herausfordernd sein. Es stimmt auch, dass Ashtanga sehr viel mit Disziplin zu tun hat. Und nicht alle Ashtanga-Lehrer sind Adjustment-Profis und nicht alle Schüler haben das perfekte Alignment, aber das gilt aus meiner Sicht wohl für jeden Yogastil. Man kann Ashtanga Yoga aber auch viel spielerischer betrachten, als das gemeinhin getan wird: Ashtanga lebt von der Magie der Wiederholung und der Selbstbeobachtung. Wenn man sich täglich mit oberflächlich gleich scheinenden Dingen auseinandersetzt, dann wird man tiefer darin eintauchen und lernen, seine eigenen Grenzen wahrzunehmen und sie vielleicht auch nach außen verschieben. Ein Boxer übt ja auch täglich die Gerade, den Haken und den Uppercut.

Du vergleichst Yoga mit Boxen?

Janosch: Ich beschäftige mich mit vielen Arten der Körperarbeit, mache aktuell wieder brasilianisches Jiu Jitsu und experimentiere mit Myofascial-Release-Techniken, wie zum Beispiel mit der Blackroll oder Lacrosse-Bällen. Wichtiger, als was man macht, ist, wie man es macht. Ashtanga Yoga schult den Umgang mit sich selbst, mit seinem Körper, mit dem Atem. Die traditionelle Abfolge ist dabei ein großes Geschenk, denn man ist in der Lage, selbstständig zu üben und hat jeden Tag eine Referenz zu seiner persönlichen Entwicklung.

Ronald, Janosch hat seine Ausbildung bei dir gemacht. Wenn er von der traditionellen Abfolge spricht, geht es dann um das, was von Sri Tirumalai Krishnamacharya bereits vor fast 100 Jahren gelehrt wurde?

Ronald: Manche Traditionalisten mögen das ihren Schülern erzählen, doch die Wahrheit ist, dass Yoga eine lebendige Tradition ist und alles, was lebt, verändert sich. Um das Jahr 1916 beschloss Sri Krishnamacharya, den sagenumwobenen Yogi Yogeshwara Rama Mohan Brahmachari zu suchen. Man sagt, nach zweieinhalb Monaten Fußmarsch durch den Himalaja habe er ihn endlich in einer Höhle am Fuße des Berges Kailash gefunden. Dort soll er siebeneinhalb Jahre lernend verbracht haben und von seinem Lehrer in die Tiefen des Yoga eingeführt worden sein. Sein Studium umfasste die praktischen Aspekte, bestehend aus Asana, Pranayama und Vinyasa genauso wie Philosophie. All das soll auf einem uralten Buch, der Yoga Korunta von Vamana Rishi, basiert haben. Als Krishnamacharya dann 1924 begann, in Mysore zu unterrichten, berief er sich auf diese Traditionslinie. Man könnte also meinen, wir praktizieren heute ein Übungssystem, welches vor Tausenden von Jahren so festgehalten und nie verändert wurde. Fakt ist allerdings, dass die Yoga Korunta bis heute nie gefunden wurde und vielleicht so nie existiert hat. Fakt ist auch, dass Krishnamacharya den Einflüssen des Westens gegenüber sehr aufgeschlossen war. Anfang des 20. Jahrhunderts florierten in Europa Gymnastik und Körperertüchtigungssysteme. Sie wurden von der englischen Kolonialmacht auch nach Indien gebracht. An jeder Schule wurde damals Gymnastik unterrichtet. Ganz offensichtlich ist: Ausgehend vom mittelalterlichen Hatha Yoga können wir im Unterricht Krishnamacharyas viele Parallelen zu diesen europäischen Körperertüchtigungssystemen feststellen. Und auch im weiteren Verlauf hat sich das Ashtanga-Yogasystem von Krishnamacharya weiter verändert und entwickelt.

Allerdings sagte Pattabhi Jois: „Never changed anything“. Wie ist das zu verstehen?

Ronald: Diese Aussage muss man im Zusammenhang mit der typisch indischen Weltsicht sehen. Im Gegensatz zur westlichen Evolutionstheorie, nach der sich alles zum Besseren weiterentwickelt, liegt in Indien das Gute im Ursprung. Je älter die Quelle, desto wichtiger und richtiger ist sie. So berufen sich Iyengar und Jois auf Krishnamacharya, er wiederum auf Ramamohan Brahmachari und dieser wird sich sicher auch auf seinen Lehrer bezogen haben. „Ich habe nichts verändert“ heißt also vor allem: Ich berufe mich voller Respekt auf eine alte Tradition. Es heißt aber nicht, dass in der Praxis tatsächlich keine Veränderungen möglich oder erwünscht sind. Es lassen sich zahlreiche Dinge aufzählen, die sich im Laufe von Pattabhi Jois‘ Lehrzeit verändert haben: von der Anzahl an Atemzügen, über Einstieg in und Ausgang aus Asanas, neu eingeführte oder entfernte Positionen in der Übungsfolge, bis hin zur Aufteilung der Übungsserien. Und natürlich verändert sich ein und dasselbe Yoga mit jeder einzelnen Schüler-Persönlichkeit. In der Essenz ist Yoga immer gleich, es geht um die Erkenntnis unseres wahren Selbst oder des Göttlichen. Die Techniken und Methoden jedoch veränderten sich im Lauf der Zeit: Sie entwickelten sich durch die Weitergabe in neue Kontexte und fächerten sich in den verschiedenen Traditionslinien weiter auf.

Du hast einen Weg gefunden, die Ashtanga-Tradition zu bewahren und gleichzeitig weiterzuentwickeln?

Ronald: Ja. In der von mir entwickelten AYInnovation-Methode verbinde ich die klassischen Übungsfolgen des Ashtanga Yoga mit modernen Erkenntnissen aus Wissenschaft, Medizin und Bewegungslehre. Ziel ist eine für den Schüler sehr persönliche Yogapraxis – von therapeutisch-präventiv bis hin zu sportlich-akrobatisch. Um jedem gerecht zu werden, liegt der Fokus je nach Alter und Konstitution woanders. Einer mag sehr athletisch üben, während für den anderen der Schwerpunkt eher auf Therapie oder Prävention liegt. All das ist innerhalb der traditionellen Übungsfolge möglich – mit Varianten und Anpassungen. Ich glaube nicht, dass ich mich dadurch zu weit von der Ashtanga-Tradition entferne. Im Gegenteil: Ich glaube, dass Tradition lebendig sein muss.

Janosch, es scheint, als würde Ronald seinen Schülern viel Freiraum für eine individuelle Entwicklung geben.

Janosch: Das empfinde ich tatsächlich so. Er legt großen Wert auf das Fundament, die Tradition, die Basis. Aber was man daraus entwickelt, bleibt jedem selbst überlassen. Ob Kampfsport, Meditation oder ein langer Spaziergang. Yoga ist die Freiheit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und dafür kann es keine Regeln geben, außer man gibt sie sich selbst.