Yogi Cameron über Schönheit, Ideale und Glück

Du hast in deinem vorherigen Job eine Menge Aufmerksamkeit bekommen, warst Schönheits-Ideal, männliches Top-Model – etwas, was viele gerne sein möchten. Was hat dich dazu veranlasst, das alles aufzugeben und ein Yogi-Star zu werden?
Jede Reise hat einen Anfang, ein Ende und einen Weg. Aber der Weg ist eine Weiterentwicklung des Anfangs. Das bedeutet, ich bin immer noch dieselbe Person mit einer anderen Richtung und Intention. Das Arbeiten in der Welt der Mode war zu einer Zeit, als ich jung war und vorwiegend an der äußeren Welt interessiert war. Ich musste mich auf eine innere Reise begeben, um mein Gleichgewicht zu finden. Jetzt weiß ich, dass beides eine Berechtigung hat, und ich finde Schönheit sowohl in der äußeren als auch der inneren Welt. Ich habe jetzt das Beste von beiden Welten.

Als früheres Top-Model kennst du dich mit der Bekleidungsindustrie gut aus – einem System, das auf Ausbeutung basiert. Sehr teure Kleidung wird in armen Ländern unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt. Wie siehst du das jetzt – mit einem gewissen Abstand?
Wenn du dir nur die Bekleidungsindustrie anschaust, ist es eine Produktion, die auf Ausbeutung basiert. Aber wenn du dir ein größeres Bild von der Welt machst, wirst du feststellen, dass wir alle irgendwie auf Kosten anderer leben und es keinen Unterschied macht, wie groß das Unternehmen ist. Wir leben in Zeiten, in denen das Ego sehr stark ist und jeder Geld, Ruhm und Aufmerksamkeit liebt. Alles, was wir herstellen, ist auf unsere Unterhaltung und unser Wohlbefinden ausgerichtet. Dadurch wird unser Leben sehr oberflächlich und es ist kein Raum für Tiefe. Wir stellen heute nicht viel her, das einen Wert für Menschlichkeit und für die Erde hätte. Es gibt ein paar Zeichen der Veränderung – aber bevor es zu einem echten Wandel kommt, müssen wir noch einen ziemlich weiten Weg gehen.

Wir leben in einer Zeit, in der sich viel verändert – eine Menge unerwarteter Dinge scheinen zu passieren. Wie können wir im Angesicht von Terror und Krieg ausgeglichen und ruhig bleiben? Hat Yoga das Potential, Menschen zu retten?
Yoga, wie wir es heute praktizieren ist nicht sehr nützlich. Den meisten Menschen geht es ja heute eher um physische Aspekte als um eine spirituelle Lebensweise, die zu einer höheren und kraftvolleren Energie führen könnte. Eine yogische Lebensweise beinhaltet einen kontrollierten Umgang mit Ernährung, mit Gedanken, Verhaltensmustern, Sprache, usw. Erst dadurch erhalten wir die Erdung, die wir benötigen, um durch turbulente Zeiten von Kriegen und Konflikten zu gelangen. Gleichgewicht kommt durch eine Grundhaltung der Akzeptanz und Anpassung an jegliche Situationen, in die wir gelangen – besonders, wenn es schwierige Situationen sind.

Wir haben uns ein sehr angespanntes, stressiges Leben für uns selbst und in der Gesellschaft erschaffen. Es wird immer komplizierter , da künstliche Lebensmittel, Elektronik, Kommunikationsgeräte zunehmen. Die Antwort ist ein natürlicheres Leben mit mehr Zeit in der Natur. Wir sollten mehr natürliche Produkte konsumieren. Je künstlicher wir unser Leben gestalten, desto mehr künstliche Ängste und Krankheiten werden wir kreieren.

Du hast 15 Jahre in Indien verbracht. Wie hat das deine Sicht auf das Leben, die Welt und den weiteren Kontext verändert?
Es hat mich wieder zurück zum einfachen Leben und zu einem Verständnis der Basics des Lebens gebracht. Es hat mir gezeigt, dass das Leben nur so kompliziert ist, wie du es dir machst. Ich habe mit Ayurveda und dem Yogaweg gelernt, dass ich mich selbst heilen kann und, dass ich mein Leben hinbekomme – egal, wie schwierig es ist.

Die Verhältnisse in dem indischen Dorf, in dem ich lebte, waren sehr einfach. Die Bedürfnisse der Menschen waren sehr einfach. Denn keiner hatte große Ansprüche, die über das Grundlegende hinausgingen. Alles war einfach und Schwierigkeiten ließen sich schnell und einfach lösen. Sobald ich in die Städte fuhr oder in den Westen reiste, merkte ich, dass das Leben komplizierter wurde und die Menschen andere Ansprüche und Wünsche haben. Indien hat mich daran erinnert, dass es nicht nur um mich und meine Gedanken geht, ich habe gelernt, vom ich zum wir umzudenken und mein Bewusstsein in diese Richtung zu lenken. Vom ich, zum Wir, zur Welt und zum Universum. Es hat mir also gezeigt, wie ich die Begrenzungen meines Geistes überwinden und mein Bewusstsein erweitern kann.

Du bist nach Indien gereist, um Yoga, Ayurveda und Naturheilverfahren zu studieren. Was waren Deine ersten Erwartungen als du deine Reise geplant hast und war es deine Intention 15 Jahre dort zu bleiben?
Ich hatte eigentlich keinen großen Plan. Ich wollte studieren. Aber dann bemerkte ich, dass ich nicht nur lernen und unterrichten, sondern dem Yogaweg folgen, ein Yogi sein wollte. Ich wollte erst selber den Yogiweg gehen und das Wissen dann weitergeben. Es ist nun 15 Jahre her, dass ich teils in Indien, teils in Kalifornien gelebt habe. Indien ist meine Heimat, aber ich muss immer noch viel um die Welt reisen, um zu unterrichten.

Was magst du am meisten an Yoga und daran, ein Yogalehrer zu sein?
Ich bin wirklich nicht der Yoga-Lehrer im klassischen Sinne. Als Yogi folge ich den Pfad von Raja, Tantra und Bhakti. Yoga-Haltungen sind nur ein kleiner Teil des Pfads. Das meiste ist Ritual und Praxis der Hingabe an ein höheres Selbst und eine innere göttliche Kraft.

Ich unterrichte eine breite yogische Praxis und mein Anliegen ist es, die kraftvollsten und feinstofflichsten Praxen zusammenzustellen, so dass die Teilnehmer sie in ihr Leben integrieren können und so zu Frieden und Ruhe gelangen und den Sinn und Zweck in ihrer Lebenszeit erkennen.

Wie sieht deine tägliche Morgen-Routine aus?
Ich stehe um 4:30 oder um 5 Uhr morgens auf und dusche, danach folgen ayurvedische Ölanwendungen. Dann stehen Reinigungspraktiken auf dem Programm, sogenannte Shatkarmas. Dann praktiziere ich Puja, was ein Hingabe-Ritual ist, Dann mache ich 12-15 Haltungen, Pranayama, Mudras, Bhandas, Mantras und Meditation. Für alles zusammen brauche ich 3 Stunden.

Wie lautet dein persönlicher Schlüssel zum Glück?
Ich strebe Zufriedenheit an und vermeide Glücklich-Sein . Zufriedenheit ist wie eine warme Welle, die sanft vor Dir bricht, während Du im Meer spielst. Glücklich-Sein ist wunderschön, hat aber auch eine Kehrseite, die Traurigkeit. Glücklich-Sein und Trauer sind die zwei Extreme, die Du fühlen wirst, denn was aufsteigt, muss an einem bestimmten Punkt auch wieder fallen. Der Schlüssel zu Zufriedenheit ist es, flexibel im Geist und im Denken zu sein. Auch wenn wir nicht mit jemandem oder etwas übereinstimmen, wenn wir anpassungsfähig sind, werden wir Konflikte nicht entstehen lassen.

Mit Zufriedenheit haben wir mehr einen Zustand als ein Gefühl. Es ist der Zustand der Zustimmung und dem Wissen, das Karma eine große Rolle spielt.

Wofür bist du am meisten dankbar?
Ich bin dankbar dafür, dass ich den Yogaweg gehen darf – dadurch habe ich eine einzigartige Sicht auf das Leben erhalten. Es hat mir gezeigt, dass ich dankbar für alles und demütig gegenüber allem sein kann. Dankbar bin ich für all die großartigen Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind, wie eine wundervolle Beziehung, eine großartige Tochter oder eine tolle Familie aber auch für all die Schwierigkeiten und Herausforderungen, durch die ich gehen musste. Auch diese Teile lieben zu lernen ist ein großer Teil des Wegs hin zur Dankbarkeit.

Alles in allem ist es einfach Menschen zu lieben, die dich auch lieben. Aber können wir auch die lieben, die uns nicht mögen?

Gibt es etwas, das du unseren Lesern für ihre Yogapraxis mit auf dem Weg geben möchtest?
Es ist sehr wichtig, diese Praxis täglich zu machen, da es sonst keinen kontinuierlichen Effekt in deinem Leben geben kann. Wenn du es schaffst, als erstes am Morgen zu praktizieren und deine Ausrichtung für den Tag festzulegen, wird dein Leben an Bedeutung gewinnen und du wirst stabiler. So wirst du geerdet sein, egal, wie der Tag sich entwickelt und wie Menschen auf dich zugehen.

Wir können nicht die Welt kontrollieren aber wir können lernen, uns selbst zu kontrollieren.

Vielen Dank für das nette Gespräch.


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Copyright: Yogi Cameron

Mehr Infos unter: www.yogicameron.com

Buch-Tipp: Yoga – mit Kraft und Anmut leben

Yogis als Forschungsreisende und die Matte als Stützpunkt, sich liebevoll und authentisch mit der eigenen Kraft auseinanderzusetzen: In ihrem Praxisbuch setzt die aus Australien stammende Yogalehrerin Barbra Noh auf einen Weg des Herzens.

Neben den allgemeinen Prinzipien und der Lebensphilosophie des Yoga stehen vor allem die drei „A“ des Anusara Yoga im Fokus: Die innere Haltung („Attitude“), die Ausrichtung („Alignment“) und als „Action“ zahlreiche Übungssequenzen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

Mit ihrer puren Ausstrahlung, ästhetisch gelungen vom Fotografen Christian Krinninger in Szene gesetzt, vermeidet die führende Ausbilderin für Anusara Yoga in Europa Glamour als Selbstzweck und konzentriert sich auf das, was sie selbst als junge Tänzerin auf Reisen nach Indien, in die USA, durch Korea und Europa erfahren hat: Yoga als Hauptwerkzeug für die persönliche Entwicklung und als Kompass auf dem Weg zum Glück. Dass dazu nicht unbedingt die Biegsamkeit einer Tänzerin nötig ist, zeigt sich allerdings eher in den Texten als an den größtenteils sehr fortgeschritten ausgeführten Asanas. 

Fazit: Für den Coffeetable, neben dem die Matte liegt: Ein eleganter Wegweiser durch Yoga und damit zum eigenen Potential.


Yoga – Mit Kraft und Anmut leben von Barbra Noh //theseus Verlag //Preis: ca 30 Euro   

Yoga kennt kein Alter – üben kann jeder

Warum üben so wenig ältere Menschen Yoga? Selbst die Eltern und Großeltern überzeugter Yogis haben enorme Berührungsängste. Dabei entfaltet Yoga gerade für ältere Menschen sehr schnell sein ganzes Potenzial.

„Jeder, der ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung“, sagt der Schriftsteller Martin Walser über das Altern und die Schwierigkeit, sich in ältere Menschen hineinzuversetzen. Tatsächlich ist es für jüngere Menschen schwer vorstellbar, immer unsicherer auf den Beinen zu werden, ständig Angst vor Stürzen zu haben, Treppen zu meiden, sich nicht auf den Boden setzen, auf den Händen abstützen zu können oder die eigenen Füße nicht mehr zu erreichen. Dabei klärt uns oft schon eine Verletzung oder längere Krankheit darüber auf, wie fragil der gewohnte Umgang mit dem Körper und seinen Fähigkeiten ist.

Fest steht: Unser Körper wird sich im Laufe unseres Lebens stark verändern und ziemlich sicher auch etwas von seiner Beweglichkeit, Schnelligkeit und Kraft einbüßen. Das ist aus yogischer Sicht aber kein unlösbares Problem, sondern zunächst einmal Gegenstand einer freien und unbefangenen Selbstbeobachtung.
Die vorrangigen Ziele des Yoga übersetzt T. K. V. Desikachar aus dem Yoga-Sutra mit Gesundheit, Erkenntnis und Qualität unserer Handlungen – und diese Ziele sind unabhängig vom Lebensalter zu erreichen, eventuell im Alter sogar leichter zu verwirklichen.

Desikachar nennt einfache Prinzipien: Jeder, der will, kann Yoga praktizieren! Jeder kann atmen und daher kann jeder Yoga praktizieren. Der Yogaweg beginnt stets da, wo wir gerade sind – körperlich, geistig, örtlich, gesellschaftlich, sozial. Der Beginn ist voraussetzungslos. Es gibt das richtige Yoga für jede Person. Dabei muss sich nicht der Einzelne dem Yoga anpassen, vielmehr wird sich Yoga nach den individuellen Bedürfnissen des Menschen richten.

Das bedeutet für den Anfang, sich anzunehmen, wie man ist und behutsam Körper und Atem zu erforschen. Mit Desikachar gesprochen: Beobachten, was wir tun und wie wir es tun. Wir können Yoga auf einem Stuhl üben und sogar dann, wenn wir ans Bett gefesselt sein sollten. Dabei werden wir Schritt für Schritt (wieder) mit dem Körper und Atem vertraut und lernen, mit unserem Körper zu kooperieren, statt gegen ihn zu arbeiten oder ihn zu ignorieren oder zu verdrängen. Körperliche Makel, Gebrechen und Krankheiten werden als gegeben hingenommen, Schwächen werden eingestanden – bestenfalls mit heiterer Gelassenheit, Geduld und vor allem mit dem Wissen, dass Leben immer auch Veränderung bedeutet.

Konkret heißt Yoga für ältere Menschen zum Beispiel, wieder zu lernen, auf einem Bein zu stehen und dadurch eine sichere Balance zu finden. Oder Beine und Rücken zu kräftigen, um gut zu sitzen und aufzustehen. Oder sich tief zu entspannen, um erholsam die Nacht durchzuschlafen. Die Bewältigung von hartnäckigen Verdauungsproblemen, Gelenkschmerzen, Bluthochdruck, Steifheit und Atemproblemen sind die Paradedisziplinen des Yoga. Neue Kraft, Balance, Stabilität und größere Mobilität sind in der Regel sehr schnell zu spüren.

Selbstvertrauen, Zufriedenheit, Zuversicht und Wohlbefinden sind im yogischen Verständnis psychokinetische Fähigkeiten. Wir beeinflussen unser Körper-Atem-Gedanken-System durch regelmäßige Übungen. Und dabei ist eben nicht die äußere Form der Körperstellungen entscheidend, vielmehr sind alle, auch „einfache“ Varianten wirksam. Das Üben selbst schafft besondere Qualitäten, wie das Gefühl von Stille und Weite oder einen Sinn für spielerischen Humor. Und allein die gezielte Aufmerksamkeit für unsere Handlungen bewirkt eine Veränderung unserer inneren Haltung.

Die Praxis umfasst in einem weiteren Sinn Ernährung, Asanas, Atemübungen und Mantras, wie Desikachar lehrt. Daher kann zum Beispiel der querschnittsgelähmte Yogalehrer Matthew Sanford ohne Weiteres im Rollstuhl unterrichten und üben. Die Mitarbeiter der Donna-Karan-Stiftung üben mit Patienten in amerikanischen Krankenhäusern. Und bei dem wirklich überwältigenden Restorative Yoga bewegt man sich gar nicht. Yoga sind keine Grenzen gesetzt, im Gegenteil. Die Pointe ist gerade, dass auch ein stark eingeschränkter Mensch großartig Yoga üben kann.

Buch-Tipp: Yogan – Veganes Leben und Yoga

Yogalehrer Dominik Grimm bringt in seinem Buch „yogan” Yoga und vegane Ernährung unter einen Hut. Was es damit auf sich hat? Wir sprachen mit dem Blogger und Veganer über sein ganzheitliches Lebenskonzept.

Dominik, warum passen Yoga und vegane Ernährung für dich so gut zusammen, dass du ein Buch darüber geschrieben hast?

Yoga führt uns im Laufe unserer Praxis vermehrt nach Innen. Viele äußere, materielle Dinge verlieren nach und nach an Gewicht; dafür steigen der Fokus und die Wertigkeit von immateriellen Qualitäten wie Liebe und Mitgefühl. Dieses Mitgefühl kann uns dazu veranlassen, uns aus ethischen und ökologischen Gründen für eine vegane Lebensweise zu entscheiden. Die vegane Ernährung ist somit die Antwort auf das entstandene Mitgefühl. Daneben steht natürlich ein weiterer, wichtiger Aspekt: die Gesundheit. Immer mehr Studien weisen heute darauf hin, dass eine pflanzenbasierte bzw. vegane Ernährung die gesündeste für Menschen jeden Alters ist. Yogan ist für mich somit die perfekte Kombination bzw. Einheit.

Für wen ist „Yogan“ besonders lesens- und empfehlenswert?

Konzipiert habe ich das Buch für Yogan-Beginner, also für Menschen, die sowohl mit Yoga als auch mit der veganen Ernährung Neuland betreten. Yogan fußt auf sechs Säulen, die ich step-by-step erkläre, auf praktischen Umsetzungstipps sowie Inspirationen. Aber, so das erste Feedback der LeserInnen, auch für erfahrene Yogi(ni)s und VeganerInnen kann das Buch so manch neuen Impuls setzen.

Du hast eine „Yogan-Grundreihe“ entwickelt, die aus zwölf Asanas besteht. Was ist an dieser Übungsstrecke so speziell?

(lacht) Ja, mittlerweile wird sie schon als die „Grimm’sche Reihe“ betitelt. Die Grundreihe ist eine Kombination aus Vor- und Rückbeugen, Dreh- und Gleichgewichtsstellungen. Die jeweiligen Haltungen werden einerseits aktiv, anderseits passiv ausgeführt. Das heißt, jede Asana stärkt, kräftigt und dehnt gleichermaßen und fördert dazu noch die Koordinationsfähigkeit. Das Wichtigste an der Reihe war mir eine gewisse Ganzheitlichkeit und dass sie auch von jedem Anfänger geübt werden kann. Dazu gebe ich einleitend auch den Tipp, in drei Phasen zu üben: Gewöhnung, Kontrolle, Entdeckung/Festigung.

Du plädierst dafür, regional und saisonal produzierte Lebensmittel zu kaufen, aber einige der vorgestellten Superfoods wie Cashewkerne, Kakao oder Moringa müssen importiert werden. Wie stehst du zu exotischen Superfoods?

Ja, das stimmt und klingt erst einmal ziemlich widersprüchlich. Ich finde jedoch, dass wir uns so abwechslungsreich wie möglich ernähren sollten und auch dürfen. Praktisch gesehen: Wenn ich die Wahl zwischen einem regional hergestellten Produkt und einem Import-Produkt habe, greife ich zum regionalen. Wenn ich die Wahl nicht habe, darf’s auch ruhig die Avocado von weiter her sein. Der kritische Leser möge mir die Pauschalisierung an dieser Stelle verzeihen – Stichwort: Import-Ware kann auch mal eine bessere Klima-Bilanz haben als hier hergestellte Gewächshaus-Ware – aber Ernährung sollte immer praktikabel bleiben, ohne große Nachforschungen.

Es gibt am Ende deines Buches ein Kapitel über die „Möglichkeiten der Verbreitung des Yogan-Gedankenguts“. Wie lebt man nach der Yogan-Philosophie, ohne dabei missionarisch zu werden?

Vor. Man lebt einfach nur vor. Ein Vorbild, das andere inspiriert. Mehr nicht. Das ist meiner Erfahrung nach der beste, einfachste und effektivste Weg.

Dominik Grimm ist Autor, biologisch-technischer Assistent und Yogalehrer. Er gibt Yogastunden, Seminare, Retreats und Workshops zum Thema Yogan. Sein erstes Buch erschien 2014 bei Droemer-Grimm_Yogan_01.inddKnaur. „yogan – Veganes Leben und Yoga“ (Knaur Taschenbuch, ca. 15 Euro)

Montags-Mantra: Ausdruck

Verschiedene klinische Studien zeigen: Die Körperhaltung hat Einfluss auf unser Gemüt. Oft hilft es, einer niedergeschlagenen Stimmung gezielt mit einer aufrechten Haltung und erhobenem Kopf entgegenzuwirken. Jedoch gibt es auch Situationen, in denen es ratsam ist, seinen Emotionen auch durch die Körperhaltung Ausdruck zu verleihen. Dadurch kann man sich von Fall zu Fall schneller von der Empfindung lösen.


 

Nichts gibt mehr Ausdruck und Leben als die Bewegung (…)

Gotthold Ephraim Lessing


 

Unser Tipp:

Einfach ausprobieren, was gerade guttut, und sich klarmachen, dass der Körper ein wunderbares Stimmungsbarometer ist.

 

Foto: pixabay.com

Dies.Das.Asanas.

In dieser Kolumne nehme ich bewusst Haltungen unter die Lupe, die aus B. K. S. Iyengars Standardwerk „Licht auf Yoga“ so nicht bekannt sind. Das Buch hat seit seinem Erscheinen 1966 dabei geholfen, Asanas auch als therapeutische Mittel zu sehen. Aus den darin geschilderten „klassischen“ Asanas haben sich mit der Zeit unzählige Varianten entwickelt, die wichtiger Bestandteil des modernen Yoga sind.

Die Asana, die ich heute vorstelle, ist eine Variante des Handstands, kombiniert mit einer Rückbeuge: Ich nenne sie Supported Handstand Backbend, zu Deutsch: Unterstützte Handstand-Rückbeuge. Das ist eine intensive Umkehrhaltung, die in dieser Variante wunderbar mit einer Wand oder eben an einem Baum funktioniert.

Rückbeugen sind für manche eine Qual, für andere ein Kinderspiel. Mit einem neuen Blickwinkel und einer spielerischen Herangehensweise können heilsame Rückbeugen vom Gräuel zum energetisierenden Werkzeug werden und uns gesunde, starke Schultern schenken. Ein „krummer Rücken“ kann aus einer vorgebeugten, am Computer orientierten Haltung resultieren, aber eben auch Ausdruck einer seelischen Last sein, die einem schwer auf dem Kreuz liegt. Es lohnt sich immer, einmal den Alltag unter die Lupe zu nehmen: Wie halten und „ver-halten“ wir uns? Welcher Gedanke oder Glaubenssatz macht mir vielleicht das Leben schwer? Meist will man sein wichtigstes Kleinod schützen, das Herz. Deshalb verschließt man sich mit Hilfe des gesamten Oberkörpers. Was einem klar werden muss, ist ganz einfach: Das Herz wird wunderbar durch den Brustkorb und den „Rippenkäfig“ geschützt! Dieses zarte, essenzielle Organ, die Lebenspumpe, darf sich dort wohl und rundum sicher fühlen. Rückbeugen dienen als Herzöffner. Sie lassen einen aufatmen, Hoffnung schöpfen und wieder offen in die Zukunft blicken – anstatt nur noch auf die Füße oder das Handy zu starren!

 

Muss ich das können?
Nein. Nur, wenn es Spaß macht!

Was muss ich dafür tun?
Zur Vorbereitung sollten einerseits Rückbeugen geübt werden, beispielsweise die Kobra, der nach oben schauende Hund, die Heuschrecke, der Bogen und das Rad. Andererseits sollte man sich kopfüber wohlfühlen. Das bedeutet, dass man die Kraft haben sollte, den Handstand an der Wand etwa 1 Minute lang zu halten.

Ist das gefährlich?
Ja. Manche sollten diese extreme Haltung nicht üben, beispielsweise nach einem Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule. Hier gilt absolute Eigenverantwortung! Außerdem sollten die Hände keinesfalls rutschen. Und für Anfänger gilt: Die Haltung zu Beginn nur mit Hilfestellung versuchen!

Schritt für Schritt im Schnelldurchlauf:

 

  1. Setzen Sie Ihre Hände ungefähr zwei Hände breit vor einer Wand auf den Boden. (Mit mehr Übung auch ein wenig weiter weg.)
  2. Schwingen Sie die Beine gegen die Wand und lehnen Sie sie bis zum Gesäß dagegen, ohne dass sich der Rücken dabei näher zur Wand bewegt.
  3. Falls ihre Hände noch zu nah stehen, setzen Sie diese etwas weiter von der Wand weg.
  4. Halten Sie Mula und Uddhiyana Bandha, eine gewisse Bauchspannung, um die Lendenwirbelsäule zu stabilisieren.
  5. Atmen Sie Ihr Brustbein langsam von der Wand weg. Lassen Sie den Kopf entspannt hängen.
  6. Um wieder aus der Haltung herauszukommen, beugen Sie die Knie, setzen einen Fuß an die Wand und stoßen sich damit ab.

Wichtig: Wenn Sie mit Hilfestellung üben, sollte diese notfalls an Ihre Hüfte greifen, falls die Kraft nachlässt.

 


 

Vorschläge oder Fragen? Schauen Sie bei Jelena unter www.facebook.com/kickassyoga vorbei.

 

DVD-Tipp: Asana Index 1

Praktisches Nachschlagewerk So simpel, frei und authentisch kann Yoga sein: Eine DVD zum Mitüben, die einzelne Asanas voneinander losgelöst erklärt, ohne vorgefertigtes Übungsprogramm, ohne zuvor definierte Übungslevel, ohne festgefahrenen Stil. Ähnlich wie in B. K. S. Iyengars Klassiker „Licht auf Yoga“ konzentrieren und reduzieren sich die beiden bekannten Anusara-Yogalehrer Lalla und Vilas auf die Haltungen selbst. Dabei leiten sie sich abwechselnd gegenseitig an und erläutern äußerst präzise und im Detail die für ihren Yogastil typischen Ausrichtungsprinzipien, verzichten jedoch bewusst darauf, ihre Asanas explizit dem Anusara zuzuweisen. Stattdessen spricht aus jeder Anweisung ihre ganz eigene, tiefe Erfahrung, die sie weit über die bloße Technik hinausgehen und wichtige yogische Prinzipien mit einfließen lässt. Lalla und Vilas’ erste von sechs geplanten Asana-Index-DVDs zielt durch umfassende Yogakenntnisse nicht nur auf ein verletzungsfreies Üben ab, sondern weit darüber hinaus auch auf ein tiefes und feines Spüren in den Haltungen. Durch den freien Aufbau bringt sie den Praktizierenden zudem ganz nebenbei, aber sicher nicht ungewollt, in die unumgängliche Eigenverantwortung. //
Fazit // Die Entdeckung des Wesentlichen: Eine auffallend schlichte, pragmatische und hilfreiche Übungs-DVD!

AsanaIndex1_Pack1er
Asana-Index 1
Lalla und Vilas Turske
Parapara UG
Preis // ca. 20 Euro

Selbst, aber nicht allein

Eltern zu sein, ist großes Glück und große Herausforderung. Wenn wir ganz für unsere Kinder da sein wollen, dürfen wir auch uns selbst nicht vergessen, empfiehlt der Achtsamkeitslehrer Lienhard Valentin.

Lienhard Valentin, sehen Sie Ihre Arbeit mit Eltern und Familien als spirituelle Tätigkeit?
Das hängt von der Definition dieses Begriffes ab, mit dem ich sehr vorsichtig geworden bin. Ich selbst bin seit 30 Jahren in der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation verwurzelt, die auch in meinen Kursen vermittle. In Ausbildungssituationen ist es gut, regelmäßig die Gesprächsebene zu verlassen und ins Spüren zu kommen. Man darf nicht vergessen, dass die traditionellen Formen von Männern für Männer in Klöstern entwickelt worden sind. Täglich drei Stunden sitzende Meditation lässt sich nicht 1:1 auf Frauen mit Kindern im heutigen Leben anwenden.
Die meisten Teilnehmer meiner Workshops motiviert keine konkrete spirituelle Praxis, sondern ihre tägliche Praxis als Eltern. Im Alltag sind gesunder Menschenverstand und Menschlichkeit genauso hilfreich. Für mich besteht eine große Aufgabe der Familie darin, Achtsamkeit, Mitgefühl und bedingungslose Liebe zu verkörpern – so gut es im jeweiligen Moment geht. Jede Praxis, die dem dient, ist gut – ob sie nun spirituell ist oder nicht. Stillen, Wickeln, Baden, Spielen: Man kann jede Tätigkeit, bei der man wirklich präsent ist, zur Achtsamkeitspraxis gestalten.

Im Sinne inneren Wachstums ist das Elternsein sicher bereits für sich eine spirituelle Praxis.
Und zwar eine sehr fortgeschrittene. Wenn man die Praxis des Elternseins darin sieht, die Kinder darin zu bestärken, sie selbst bleiben zu können, ist das eine anstrengende Aufgabe, die ohne regelmäßiges Verbinden mit einer inneren Quelle fast nicht vorstellbar ist. Sicher ist das ein spirituelles Thema, aber nicht in einer bestimmten Tradition oder Form, sondern in der Herausforderung, die individuell wirksame Quelle zu finden. Ich bin überzeugt davon, dass es hier keinen „richtigen“ Weg gibt, obwohl es im Bereich der so genannten Kinder-„Erziehung“ – wir nennen es lieber „Begleitung“ – erstaunlich viele, vermeintlich verbindliche Wahrheiten gibt.

Wenn sich besonders Mütter Zeit und Raum für Selbsterfahrung nehmen, wird das oft als Egotrip gewertet.
Es ist allerdings wichtig, in sich einen weiten Raum zu entdecken und in ihm zu verweilen. Je weiter wir innerlich sind, desto flexibler können wir mit herausfordernden Situationen umgehen. Je enger wir sind, desto weniger Möglichkeiten haben wir. Als Egotrip werte ich eher das Selbstbild vieler Praktizierender, „weiter“ zu sein als andere. Entwaffnend finde ich es, wenn sich in meinen Gruppen Menschen öffnen und vor der Erkenntnis stehen: „Jetzt meditiere ich schon 20 Jahre, aber stehe oft vor meinem Kind und weiß nicht, was ich machen soll.“ Dann entsteht die Frage: Ist das vielleicht normal?

Was ist das Spezielle am Elternsein, das uns im Positiven und Negativen so sehr erschüttern kann?
Es ist eine komplexe und extrem tiefe Liebesbeziehung, die das Herz, aber auch seine alten Verletzungen öffnen kann. Sie ruft alte Muster in uns wach, von denen wir denken, dass wir sie lange hinter uns gelassen haben. Aber dann ertappt man sich dabei, dass man dem Kind Dinge sagt, die man selbst in der Kindheit gehört und eigentlich als bescheuert empfunden hat. Kinder bieten uns die wertvolle Möglichkeit, tief an diese wunden Punkte zu gelangen und dort Heilung zu finden, wo wir sonst vielleicht gar nicht hingesehen hätten.

Die eigene Herkunft erhält ganz neue Bedeutung.
Dazu die Fragen: „Wer bin ich wirklich?“ und „Wie will ich wirklich leben?“ Wir haben im Laufe unserer Geschichte Teile weggesteckt, die keine Resonanz gefunden haben, und einen Kokon gesponnen, um unser Herz zu schützen. Der Psychologe Charles Tart vergleicht das mit einer gesellschaftlichen Trance.

Worin besteht die Arbeit, aus dieser Trance zu erwachen?
In dieser Arbeit geht es darum, wieder mit unserer Essenz in Berührung zu kommen. Konventionelle Erziehungsmethoden haben als Ziel, Kinder möglichst schnell in den gleichen Schlaf zu versetzen, damit wir gemütlich weiterschlafen können. Solche lebendigen Wesen nerven ja auch (lacht). Die große Chance besteht darin, das nicht als Störung oder Ungehorsam zu sehen, sondern als Weckruf, die Verkrustung um unser Herz aufzulösen. Kinder wollen uns wach und präsent haben. Sie wollen unsere Essenz.

Das macht sie zu echten Lehrern.
Kinder sind noch sehr mit sich selbst verbunden und eventuell mit etwas Größerem. Es ist aber auch natürlich, dass sie das verlieren – an dem Punkt, wo das Denken anfängt. Mit dem Denken kommt die Trennung, die Vertreibung aus dem Paradies. Dann sind wir zunehmend mit Begriffen in Kontakt und nicht mehr mit dem, was dahinter steht – besonders in unserer Kultur, in der das patriarchalische Prinzip das Göttliche weg aus der Natur und hoch in den Himmel verbannt hat. Kinder spiegeln uns sofort, wenn wir nicht mit unserem Herzen verbunden sind. Dadurch können sie sehr strenge Zen-Lehrer sein.

Wie steht es mit dem starken Wunsch, nur das Beste für die Kinder und alles absolut richtig machen zu wollen?
Oft gehen wir mit uns viel strenger um als mit anderen, was natürlich darin begründet ist, wie wir selbst als Kinder gesehen wurden. Durch dieses strenge Über-Ich fehlt uns das Selbstmitgefühl. Wir sind immer auf der Hut, nichts falsch zu machen, und nehmen uns dadurch die Möglichkeit nachzusehen, was eigentlich los ist: Was möchte ich, was möchte das Kind? Zwischen dem vermeintlichen „Problem“ und der ach so wichtigen „Lösung“ liegt ein wichtiger Ort, den es zu besetzen gilt. Wenn wir freundlicher mit uns selbst sind, wird auch der Umgang mit dem Kind achtsamer, flexibler und kreativer. Mitgefühl kann sich auch in einem klaren Nein äußern.

Wie weit sollte der Schutz durch die Eltern gehen und wann begrenzt er die Freiheit des Kindes?
Achtsamkeit bedeutet nicht, eine Hab-acht-Stellung einzunehmen. Wenn ein Kind das Gefühl vermittelt bekommt, Quell der Freude für seine Eltern zu sein, wenn es sich als individuelle Persönlichkeit gesehen fühlt, hat es die wichtigste Sicherheit. Unser Gehirn hat die Tendenz, auf das zu schauen, was angeblich nicht stimmt. Seltener fragen wir uns: Was läuft eigentlich gut? Es ist wichtig, Kinder nicht nur als empfindliche Wesen zu sehen. Sie haben große Kraft und können fast jede Situation gut verarbeiten – wenn sie damit sie selbst, aber nicht allein sind. Und sie wollen auf keinen Fall perfekte Eltern haben.

Die heutigen Erziehungsmodelle entwickeln sich glückicherweise zunehmend von verbindlichen Prinzipien zu größerer Offenheit.
Man darf nicht vergessen, dass sogar Freud noch angenommen hat, dass Säuglinge keine Gefühle haben. Früher war eigentlich nur der Mann ein Mensch und nach der Frauenbewegung richtet sich nun das Augenmerk auf die Kinder. Es ist wichtig, dass sie sie selbst sein können, statt nur zu funktionieren, und dass man sie in ihrem eigenen Entdeckungsraum wachsen lässt, statt wie der berühmte Helikopter über ihnen zu kreisen. Dazu brauchen wir innere Orientierung, die uns beispielsweise die Achtsamkeit bieten kann. Mit ihr können wir lernen, in schwierigen Situationen zu verweilen, statt automatisch zu reagieren. Diese Techniken können auch problemlos an kindliche Bedürfnisse angepasst werden: Dann sind sie unendlich viel besser als Ritalin und alle Drogen, die zum Funktionieren bringen. //


Lienhard Valentin ist Verleger, Gestaltpädagoge und in Beratung und Fortbildung von Erziehern, Lehrern und Eltern tätig. Der in Freiburg lebende Vater eines Sohnes hat eng mit Jack Kornfield und Jon Kabat-Zinn zusammengearbeitet und die Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“ gegründet.

www.mit-kindern-wachsen.de