„Der nächste Dalai Lama kann auch eine Frau sein.“

Montag, der 21. Mai 2012 in Salzburg: Die viertgrößte Stadt Österreichs hat hohen Besuch. Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, legt hier den dritten Stopp auf seiner Europareise ein, um über Spiritualität, Buddhismus und Weltfrieden zu sprechen.

Das Salzburger Messegelände ist schon in den frühen Morgenstunden gut besucht. Scharen von Fans, Gläubigen, Sinnsuchenden, Presseleuten, buddhistischen Mönchen und Nonnen tummeln sich bunt zusammengewürfelt vor den drei Haupteingängen. Viele sind von weit her angereist, erfüllen sich einen Traum, erwarten interessante Einsichten und erhoffen sich vielleicht ein Autogramm. Eine Veranstaltung mit einer solch bekannten Persönlichkeit wie dem geistigen Oberhaupt der Tibeter hat zwangsläufig auch etwas von einem Jahrmarkt. Zwischen den Sicherheitsschleusen und den kreisförmig angelegten Bühnenzugängen stehen Räucherstäbchen- und Buchverkäufer neben Kaffeebars und Sandwich-Theken, aneinandergereiht wie Yak-Knochen-Perlen einer tibetischen Gebetskette. Der Dalai Lama war zwar schon oft in Österreich, so lange wie dieses Jahr verweilte der bekannteste Mönch der Welt allerdings noch nie. Insgesamt neun Tage sind für seinen Besuch anberaumt. Ein solch langer Aufenthalt in einem einzigen Land stellt selbst im internationalen Besuchskalender des Dalai Lama eine Besonderheit dar und unterstreicht die Verbundenheit des geistlichen Oberhauptes der Tibeter mit der Alpenrepublik. In Salzburg ist das Programm zeitlich straff organisiert. Von halb zehn bis halb eins warten zwei österreichische Moderatoren auf ihn, von halb zwei bis halb fünf findet eine Podiumsdiskussion mit Vertretern anderer Religionen statt.

Der Saal füllt sich langsam. Trotzdem spürt man schon lange vor Beginn eine erwartungsfrohe Grundstimmung im Publikum. Insgesamt sind es fast 25.000 Besucher – etwa 15.000 weitere Zuschauer sind per Live-Stream dabei. Das zeigt das große Interesse sowie die breite Welle der Sympathie, die Seiner Heiligkeit auch im Westen nach wie vor entgegengebracht wird. Noch größer ist allerdings das Medieninteresse: Über 330 akkreditierte Journalisten aus 17 Nationen – darunter die USA, Indien, Finnland, Norwegen, Frankreich und Großbritannien – sind hier, um über diesen Besuch des Dalai Lama in Österreich zu berichten. Aber für alle heißt es erst einmal: warten. Auch ein geistig hochverwirklichtes Wesen wie der Dalai Lama kommt ab und an zu spät. Die Veranstaltung beginnt schließlich mit einer halben Stunde Verspätung: Da die Funkmikrofone bereits auf Audio-on gestellt sind, hört man schon einige Momente vor dem Auftritt das typische glucksende Lachen von Tenzin Gyatso, dem 14. Dalai Lama. Begleitet von Blitzlichtgewitter und einem Raunen im Publikum, gefolgt von begeistertem Applaus, steht der bald 77-Jährige auf der Bühne und begrüßt alle im Saal mit einem flotten „Hello everybody!“

Danach beginnt die Diskussion mit den beiden österreichischen Moderatoren zum Thema „Weltfrieden und universelle Verantwortung“. Ein sehr breit angelegtes Thema, doch die beiden Moderatoren ziehen inhaltlich anders gelagerte Fragen vor. Darauf angesprochen, was der Dalai Lama zu den jüngsten chinesischen Anschuldigungen sagt und ob er sich einen unpolitischen Ruhestand wirklich vorstellen kann, antwortet der in bordeauxrot gekleidete Buddhist nur: „Eigentlich habe ich nicht vor, mich hier politisch zu äußern. Mein Ruhestand hat ja schon letztes Jahr begonnen.“ Dann lacht er kurz und fährt fort: „Aber es ist wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die chinesische Regierung kann viel über mich erzählen. Auch ich kann viel über sie erzählen. Aber fahren sie doch einfach selbst nach Tibet. Schauen sie sich selbst dort um, bilden sie sich ihre eigene Meinung, stellen sie vor Ort ihre eigenen Fragen. Ich weiß, es ist sehr kostspielig, nach Tibet zu reisen. Aber Sie sollten es versuchen. Vorausgesetzt, man erlaubt Ihnen, einzureisen. Und vorausgesetzt, man erlaubt Ihnen, die Fragen zu stellen, die Sie stellen möchten und sich die Orte anzuschauen, die Sie sich persönlich ansehen wollen. Das ist nämlich nicht ganz einfach.“ Er lacht wieder, etwas kürzer als vorher, und fügt hinzu: „Aber ich drücke Ihnen die Daumen, dass es klappt. Tibet braucht Sie, also besuchen Sie das Land.“

Im Anschluss daran erklärt er, dass die Welt viel von Europa lernen könne . „Ein Kontinent mit vielen unterschiedlichen Kulturen, Traditionen, Interessen und Religionen hat es in den letzten Jahrzehnten geschafft, ein bis dahin völlig neues Wir-Gefühl zu erzeugen. Viele Menschen, darunter vor allem die Jugend, begreifen sich immer mehr als Europäer, einzelne Länder haben große Teile der eigenen Souveränität aufgegeben, bilden jetzt eine Union, haben ein gemeinsames Ziel, gleiche Rechte. Darunter auch viele ehemals verfeindete Nationen.“ Man kann viel über den Dalai Lama erzählen. Viel Positives und aus manchen Blickwinkeln vielleicht weniger Positives. Eins ist allerdings unumstößlich: Seine Sicht auf viele weltpolitische und soziale Fragen gibt immer wieder interessante Denkimpulse. „Wenn die ganze Welt Teil eines Wir ist, dann gibt es keine Basis für Kriege mehr. Ich bin überzeugt, dass eine offene Haltung und Sorge für die anderen zu einer besseren Welt führen.“

Bei aller Ernsthaftigkeit wird es gegen Ende der Unterhaltung plötzlich richtig lustig. Was sich das geistige Oberhaupt Tibets von seinem Nachfolger erwartet und wie denn dieser in einem besetzten Land gefunden werden soll, möchte das Moderatorenteam wissen. „Wissen Sie“, antwortet er, „seit fast 700 Jahren gibt es die Dalai Lamas. Seit 370 Jahren waren alle mit politischen und geistigen Funktionen versehen. Ich habe beschlossen, dass sich der Dalai Lama künftig nur noch auf geistige Angelegenheiten beschränken wird. Es gibt im tibetischen Reinkarnationssystem klare Richtlinien zur Erkennung, die sie nachlesen können. Ich kann nicht näher darauf eingehen, da das Tulku-Erkennungsprinzip sehr komplex ist und bei meiner Erklärung viele Leute hier vielleicht einschlafen würden. Aber wenn es einen nächsten Dalai Lama gibt, wird man ihn auf Grundlage dieses Systems finden. Und dabei kann ich mir persönlich vorstellen, dass meine nächste Reinkarnation eine Frau sein wird. Frauen sind auch viel schöner anzuschauen als ich“. Er lacht. „Einer schönen Frau hört man doch auch viel lieber zu als einem Mann, finden Sie nicht auch?“ Er lacht erneut. Bei der Damenwelt in der Salzburgarena schlagen die Herzen höher. Einige Männerherzen auch. Das Thema „Tibets nächste Reinkarnation“ ist durchaus delikat. Natürlich will man nicht nur in China wissen, wer nach diesem Dalai Lama das tibetische Volk repräsentieren wird. Um Reinkarnationen bzw. die wiedergeborenen Tulkus zu akzeptieren, muss man an das Prinzip der Wiedergeburt glauben. In den altindischen und vielen asiatischen Traditionen und philosophischen Schulen wird dies seit jeher anerkannt. Dafür gibt es in den unterschiedlichen Strömungen verschiedene Argumente. Letztlich basieren alle auf der Vorstellung, dass das Bewusstsein aufgrund seiner Natur, die ursprünglich völlig klar und rein ist, nicht ohne eine andere Ursache zustande kommen kann. Physikalisch oder chemisch ausgedrückt: Kein Element reagiert ohne die Einwirkung eines anderen Elements.

Im Alter von 90 Jahren wird der jetzige Dalai Lama zusammen mit der tibetischen Öffentlichkeit, anderen hohen Lamas und weiteren betroffenen Personen entscheiden, ob die Institution fortbestehen soll oder nicht. Dass auch Frauen in Tibet eine solche Rolle übernehmen können, klingt modern und ist es auch, hat aber eine Tradition: Viele wichtige tibetische Schutzgottheiten sind weiblich, selbst die persönliche Gottheit des Dalai Lama und Tibets Patronin, Palden Lhamo, ist eine Frau. Die Tschöd-Linie von Macig Labdrön ist hauptsächlich eine Frauenlinie und die Reinkarnationen von Samding Dorje Phagmo, einer ehemaligen tibetischen Prinzessin, gibt es seit etwa 700 Jahren. Diese Reinkarnation ist fast so alt wie die des Karmapa.

Abgesehen von den Fragen und Antworten zu Nachfolge und geschlechtlicher Gleichstellung im Lamaismus Tibets, bleibt bei solchen Statements ein Gedanke: Man möchte einem Menschen wie Tenzin Gyatso, der immer wieder mit Aussagen überrascht, die zum Nachdenken anregen, ein langes gegenwärtiges Leben wünschen.

Quick Tips: Wie erstelle ich eine Yoga-Playlist

Andrea „Qbi“ Kubasch gibt einige praktische Tipps, wie die Musikauswahl für die eigene Yoga-Stunde gelingt und wie Sie die Zusammenhänge zwischen Klang und Körper ganz praktisch in die eigene Yoga-Playlist einfließen lassen können.

  1. Beim Zusammenstellen der Playlist für die eigene Praxis kann man sich ganz nach Belieben austoben – da können alle Songs kombiniert werden, die man selbst mag und mit denen man sich in den einzelnen Sequenzen wohl fühlt.
  2. Um als Lehrer Musik in den Stunden einzusetzen, muss man sich als erstes das Medium aussuchen, auf dem die Playlist abgespielt werden soll. Ich empfehle, einen MP3-Player und für die Anlage eine Fernbedienung zu verwenden – insbesondere um die Lautstärke zu regulieren. Einzelne CDs zu benutzen, ist zwar auch möglich, aber relativ umständlich und könnte von der Konzentration – auch der Schüler – leicht ablenken.
  3. Die nächste Überlegung ist, ob Musik mit gesungenem Text gespielt werden soll. Texte können zum einen den Lehrer selbst aus dem Konzept bringen, zum anderen vielleicht die Schüler. In Klassen, in denen viel zu erklären ist, empfiehlt es sich, nur instrumentale Stücke zu wählen. Zumindest bei den Sequenzen, in denen viel angesagt wird.
  4. Ich bekomme meine Musik entweder aus legalen Download-Portalen wie iTunes oder von CDs, die ich mir in Spezialgeschäften kaufe.
  5. Anregungen für die Musikauswahl liefert neben dem eigenen Geschmack unser kürzlich veröffentlichter Beitrag „Welche Musik zu welcher Asana?“ mit Elementen und Sounds. Zur Orientierung habe ich eine Playlist für eine 60-Minuten-Klasse zusammengestellt, die zeigt, wie man die passende Musik für die einzelnen Phasen zusammenstellen kann. Diese Liste spiegelt mein persönliches Empfinden wider und erhebt keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit. Geschmäcker und Wahrnehmungen sind unterschiedlich, also ist sie als Inspiration zu verstehen. Die Wahrheit findet immer im Ohr des Zuhörers statt.

Qbis Playlist (mit Erläuterungen zur Auswahl)

1. Vargo „Your love – interlude“
Dieser Song vereint alle Elemente zur Einstimmung auf die Stunde. Die Lyrics drehen sich um das große Ganze: „Every flower (Erde) becomes a being (Erde), every being (Erde) becomes a friend (Beziehungen/Relationship, 2. Chakra), every friend becomes the universe (7. Chakra) and the universe your love. Peace begins within us.“ Diese Aussage holt uns ab und erinnert uns daran, weshalb wir Yoga praktizieren.

2. Bill Laswell „Aum“
Der Text schließt an die Botschaft des vorherigen Songs an (Peace, Love) und manifestiert sich im Aum. Wie ein Orchester stimmen sich die Teilnehmer mit unterschiedlichen Stimmungen auf eine gemeinsame Schwingung ein.

3. The Prodigy „Narayan“
Wer hätte gedacht, das ausgerechnet The Prodigy auch chanten würden? Sie tun es – zu Ehren von Vishnu! „Om Namo Narayana“ ist ein universelles Mantra, das für Frieden auf der Welt wiederholt wird. Es dient der Einstimmung darauf, dass wir unsere Yogapraxis etwas Höherem widmen und uns nicht nur selbstsüchtigen Motiven zuwenden. Wir beginnen den Warm-up-Teil.

4. Gorillaz „Stylo“
Die Lyrics passen zu Vinyasa-Sequenzen, die dem Schüler bereits bekannt sind. Die Bass-Begleitung repräsentiert das Erdelement, der Titel treibt an und sorgt für Fluss, er gibt Stabilität und hat Feuer. Diese Kombination eignet sich beispielsweise gut für Sonnengrüße, um das innere Feuer zu wecken.

5. Ashtech „Plain Speaking“
Dieser Titel kombiniert ebenfalls die Elemente Feuer und Erde: Ganz ohne Lyrics treibt er an zum Vinyasa Flow. Er besitzt einen gleichmäßigen Beat, ohne großartig abzulenken. Besonders gut begleitet er Variationen und schwierigere Flows.

6. Ibiphonic feat. Ricoloop „Incantation“
Der ganze Song fließt wie Wasser und enthält zusätzlich ein leichtes Feuerelement durch knisternde Geräusche. Er eignet sich gut für stehende Hüftöffner. Bei diesem Lied handelt es sich um ein Mantra, gesungen von Deva Premal.

7. Faithless „Insomnia (Monster Mix)“
In diesem Mix beginnt der Song langsam, die Elemente Erde und Luft sind durch Streicher und Klavier enthalten. Die einnehmenden Lyrics des charismatischen Sängers Maxi Jazz sind erdig und wirken fokussierend. Dies ist ideal für stehende Balancehaltungen, trotz der schnellen Beats. Wir spüren die Verbindung zur Erde und streben zugleich nach oben zum Himmel.

8. Vargo feat. Dan Millman „Warriors“
Dieser Song enthält gesprochene Denkanstöße vom großartigen spirituellen Schriftsteller, Trampolin-Weltmeister und Sportlehrer Dan Millman. Er bringt drei Elemente – Erde, Feuer und Luft – und einen tollen Rhythmus zusammen. Er ist ideal für intensive Drehhaltungen, die das innere Feuer entfachen, und trotzdem motivierend, den weisen Worten von Dan Millmann zuzuhören und sie ins Unterbewusstsein strömen zu lassen.

9. Ophoria „Waterfalls“
Wasser und Erde sind in der Musik enthalten. Geeignete Asanas sind sitzende Vorwärtsbeugen und Hüftöffner, die auch das Element Wasser widerspiegeln. Dieser „schwebende“, strömende und rein instrumentale Titel lädt ein, Blockaden zu lösen und Emotionen loszulassen.

10. Mousse T. „Toscana“
„Toscana“ ist ein instrumentaler, leicht fließender Titel mit leichtem Plätschern, wirkt aber trotzdem dominant. Er lässt einen mit Hingabe in Vorwärtsbeugen und Hüftöffner gehen. Entspannt, fröhlich und nicht aggressiv, erinnert er an einen Strand.

11. Nightmares on wax „Bless my soul“
Dieses instrumentale Stück ist ideal zum Aufwärmen für die folgenden Rückbeugen. Die Seele soll glücklich sein. Die Drums vermitteln Feuer und die Streichinstrumente geben dem Song Luft.

12. Mousse T. „Numero Uno“
In diesem Stück helfen die tiefen Drums, die das Erdelement repräsentieren, Stärke und Überzeugung zu entwickeln – beispielsweise Urdhva Dhanurasana (Das Rad). Das Klavier kann einen „Kloß im Hals“ lösen, da es durch seine Klänge hilft, das Hals-Chakra zu öffnen. Gefördert wird absolute Hingabe für die anspruchsvolleren Rückbeugen, das Herz wird geöffnet (Luft). Manchmal können dadurch Tränen fließen. Der Song trägt in seinen Tönen vollkommene Schönheit und ein reines Herz.

13. Lenny Ibizarre „Ethereal“
Wenn dieser Titel erklingt, hat man das Gefühl, direkt in den kosmischen Raum zu gelangen und im Äther, im Raum, im Akasha willkommen geheißen zu werden. Zum langsamen „Herunterfahren“ sind die Eigenschaften laut und leise, hoch und tief vereint.

14. Vargo feat. Dirk Bennewitz and Duncan Wong „Dear Friends (Reprise)“
Das Subtilste und Allerfeinste scheint aus diesem Song heraus zu klingen. Er ist ein Herzöffner, steht für bedingungslose Liebe, vollkommene Freiheit und Ekstase. Ein Song für Shavasana, wenn unser kleines Ich mit dem großen Ich zusammenkommen kann. In Shavasana werden noch einmal sämtliche Elemente berührt, bevor die Haltung zum tiefen „Abtauchen“ einlädt. Bis Duncan Wong uns mit seinen berührenden Worten schließlich in die nächste Bewusstseinsstufe zu heben scheint.


Andrea „Qbi“ Kubasch ist die Gründerin und Leiterin von Power Yoga Germany in Hamburg. Zum Thema „Musik im Yogaunterricht“ leitet die ehemalige Musikmanagerin mehrere Workshops.

Jyotisha – vedische Astrologie: Paramahansa Yogananda

Die Aufgabe von Jyotisha ist es, menschliches Karma zu bestimmen. Was erlebt ein Mensch zu welcher Zeit? Wie handelt er? Was ist die Folge?

Diese Fragen zu beantworten, verlangt ein tiefes Verständnis der Natur eines Menschen, seiner Talente, Stärken, Schwächen und Möglichkeiten. Das wichtigste Instrument, um diese Aufgabe zu erfüllen, ist das Horoskop. Die Abbildung zeigt ein typisches nordindisches Horoskop. Der Aufbau eines Horoskops besteht zunächst aus drei Grundbausteinen: Planeten, Häuser und Sternbilder. Planeten werden in Sanskrit als „graha“ bezeichnet. „Graha“ bedeutet „jenes, das zufasst, das Besitz ergreift“. Und das ist genau das, was die neun Planeten tun. Sie bewirken unser Karma und sind die Dreh- und Angelpunkte des Horoskops. Jeder Planet besitzt ihm fest zugeordnete Sternzeichen und beherrscht die Häuser des Horoskops, in denen diese Sternzeichen angesiedelt sind. Die Häuser geben Themen vor, für die der Planet im Horoskop steht. Ist der Planet vorteilhaft platziert, dann stellen sich zu diesen Themen wünschenswerte Resultate ein.

Surya: Die Sonne ist der König unter den Planeten

Nordindisches_Horoskop_Yogananda
Nordindisches Horoskop von Paramahansa Yogananda

Das individuelle Naturell eines Planeten bestimmt, wie diese Lebensthemen Ausdruck finden. Surya, die Sonne, ist zum Beispiel der König unter den Planeten. Als solcher steht sie für Autorität, Organisation und Zuverlässigkeit, für Würde, Ruf und Ehre. Die Sonne herrscht über das Sternzeichen Löwe. Im abgebildeten Geburtshoroskop von Paramahansa Yogananda befindet sich das Sternzeichen Löwe (als 5. Sternzeichen mit „5“ beziffert) im ersten Haus, dem mit farbigem Rahmen markierten Aszendenten. Die Sonne regiert somit das erste Haus, das den Charakter und die Handlungsweise des Menschen wiedergibt.

In Yoganandas Horoskop ist die Sonne vorteilhaft platziert. Das Resultat: Autorität, Organisation, Zuverlässigkeit, Würde, Ruf und Ehre kommen in seinem Leben in Charakter und Handlungsweise vorteilhaft zum Ausdruck. Yogananda war tatsächlich eine Autorität und ist es für viele seiner Anhänger bis heute. Er brachte die Kriya-Yoga-Bewegung in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in den Westen. Die Anerkennung und Verehrung, die ihm für seine Arbeit zuteil wurde, war enorm. Die von ihm gegründete Organisation Self-Realization Fellowship ist bis heute aktiv.

Die Attribute der Sonne

Die Archetypen der Planeten finden sich auch in den Epen der vedischen Tradition wieder: In der Ramayana vereinigt Rama, der Thronfolger in der solaren (!) Dynastie, die zuvor genannten und viele weitere Eigenschaften der Sonne in seinem Tun und Handeln. Rama ist stets aufrecht und korrekt. Zuverlässig tut er, was getan werden muss. Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein sind seine Markenzeichen. Selbstverständlich hat jeder die Sonne in seinem Horoskop, aber nicht jeder ist ein König. Wie sich die Attribute der Sonne im Leben jedes einzelnen Menschen manifestieren, hängt davon ab, wie vorteilhaft die Sonne im Horoskop platziert ist, wie sie durch andere Planeten beeinflusst wird und welchen Bereich des Horoskops sie regiert.


Autor: Bernd Rößler

Asana im Fokus: Krieger I – Virabhadrasana I

Virabhadra = Krieger; Asana = Haltung

Ganz ehrlich: Virabhadrasana I ist nicht gerade meine Lieblingshaltung. Ich finde sie schwierig und kämpfe oft mit ihren vielen, scheinbar widersprüchlichen Details. Wenn ich zum Beispiel versuche, den hinteren Fuß fest in den Boden zu schieben, geht mir das Anheben der Rippenbögen verloren. Und wenn ich mich bemühe, die Arme lang zu strecken, dann rundet sich die Brust. Ich verbessere ein Detail, verliere die exakte Ausrichtung in einem anderen Körperteil – und dann beginne ich, mich zu verspannen. Sie kennen das? Keine Sorge: Man kann Virabhadrasana I auch anders angehen.

Die wichtigste Aufgabe eines Yogi besteht darin, die ganzheitlichen Beziehungen zwischen allen Körperteilen wahrzunehmen. Und wenn wir von Beziehungen sprechen, geht es natürlich um Kommunikation. Alle Elemente einer Asana sprechen zueinander – und was noch wichtiger ist: Sie müssen auch aufeinander hören. Auf diese Weise kann der in den Boden schiebende hintere Fuß eine freundliche Einladung für die Rippen darstellen, sich zu heben. Und die sich weitende Brust schafft erst den Raum, damit sich die Arme lang strecken können. Wenn Sie diese Kommunikation zulassen, dann ist das Halten der Asana nicht länger Schwerstarbeit. Es wird zu einem tänzerischen Wechselspiel von Information und Reaktion.

Der physische Nutzen dieses Tanzes erstreckt sich auf den gesamten Körper: Fußgelenke, Waden und Oberschenkel werden intensiv gedehnt, Quadrizeps und Rückenmuskulatur gleichzeitig kraftvoll angespannt und diese straffende Anspannung setzt sich über die Schultern bis in die Arme hinein fort. Die Dehnung des Iliopsoas bereitet den Körper auf intensivere Rückbeugen vor und findet eine Entsprechung in der Öffnung von Bauch, Brust, Schultern und Nacken – sogar die Lungen bekommen ein Stretching.

Es passiert also eine ganze Menge. Kein Wunder, dass ich manchmal Lust habe, mich aus dem Raum zu schleichen, wenn der Krieger I an der Reihe ist. Ich tue es aber nicht. Ich bleibe auf meiner Matte und versuche, die Kommunikation in meinem Körper offen und mit ruhigem Geist stattfinden zu lassen: das Wechselspiel in der Arbeit von Armen, Beinen und Rücken und die Gedanken, die dabei aufsteigen. Indem Sie inmitten der widerstreitenden Kräften nicht nur äußere Stabilität, sondern auch innere Stetigkeit üben, kommen Sie in den Genuss des tieferen Nutzens von Virabhadrasana I: Sie entwickeln Zuversicht und den Mut, sich auch schwierigen Lebenssituationen zu stellen.

Tief geerdet
Zunächst erforschen Sie den Aufbau der Haltung in einer vorbereitenden Variante. Sie beginnen in Tadasana (Berghaltung) und legen die Hände an die Hüften. Drücken Sie das Becken kräftig nach unten. Spüren Sie, wie sein Gewicht über Beine und Füße nach unten abgeleitet wird und wie Sie sich dadurch im Boden verwurzeln. Schieben Sie alle vier Ecken der Füße gleichmäßig in den Boden: das Großzehengrundgelenk, das Kleinzehengrundgelenk, die innere und die äußere Fersenkante. Dann aktivieren Sie die Beinmuskeln, indem Sie sie wie lange Strümpfe an den Knochen nach oben ziehen. Diese aufsteigende Energie setzt sich an der Wirbelsäule entlang fort bis unter die Schädeldecke.

Jetzt machen Sie mit dem rechten Fuß einen Ausfallschritt nach hinten und beugen das linke Bein. Wählen Sie dazu einen für Sie bequemen Winkel, in dieser Variante müssen es noch keine 90 Grad sein. Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, um wieder die Beinmuskeln zu aktivieren. Der hintere Fuß steht zunächst gerade, Sie drücken nur den Ballen fest in die Matte, die Ferse hängt in der Luft. Dennoch schieben Sie alle vier Ecken nach unten.

Krieger_1_Arme falsch
So Nicht: Krieger 1
Krieger_1_Arme_richtig
So: Krieger 1

Legen Sie den linken Daumen von außen in die linke Leistenbeuge und vertiefen Sie die Falte etwas, die vier anderen Finger liegen außen am Oberschenkel. Diese Hand hilft Ihnen, den vorderen Oberschenkel stabil zu halten, das Knie gerade nach vorne zeigen zu lassen und den Körper nach vorne auszurichten, wenn Sie nun den rechten Oberschenkel auswärts drehen, den Fuß etwa in einen 45-Grad-Winkel bringen und die Ferse flach aufsetzen. Dabei wird die rechte Hüfte etwas nach rechts gezogen. Vermeiden Sie aber, dass sich das ganze Becken mitdreht, sonst kommt zu viel Spannung ins vordere Knie. Um den hinteren Fuß eben aufzusetzen, breiten Sie den Kleinzehballen Richtung hinterer Mattenrand aus und schieben die Fersenaußenkante bewusst in den Boden. Spüren Sie, wie dieser Impuls dafür sorgt, dass sich die Beininnenseite bis in die Leiste hinein hebt?

Der Brustkorb zeigt gerade nach vorne, wenn Sie nun die gestreckten Arme nach vorne bis auf Schulterhöhe heben. Drehen Sie von den Daumen ausgehend die Arme nach außen, so dass die Handflächen nach oben zeigen. Sie strecken die Fingerspitzen weit in den Raum hinein, halten aber zugleich die Schulterblätter fest an den Rücken geschmiegt. Dann drehen Sie vom Ellenbogen ab nur die Unterarme wieder einwärts, bis sich die Handflächen ansehen, und beginnen, die Arme langsam bis in einen 45-Grad-Winkel zu heben. Vorausgesetzt, dass die Brust weit und der Nacken frei bleiben, können Sie die Arme auch bis auf Höhe der Ohren bringen. Den Unterschied sehen Sie deutlich auf den „So“- und „So nicht“-Abbildungen. Wenn Sie merken, wie das Anheben der Arme dazu führt, dass der Nacken zwischen den Schultern verschwindet, breiten Sie die Arme V-förmig aus, anstatt sie parallel zu halten.

Das Gespräch beginnt
Jetzt ist es Zeit, die Haltung genauer zu erforschen: Als erstes stellen Sie vielleicht fest, dass sich Ihre rechte Hüfte ziemlich weit nach außen drehen muss, damit der hintere Fuß flach auf dem Boden bleiben kann. Das ist okay. Bei vielen Menschen ist es nur so möglich, den hinteren Fuß zu verwurzeln, das Bein zu strecken und die Kniescheibe in die gleiche Richtung zeigen zu lassen wie die Zehen. Und das ist wichtig, um das Knie zu schützen.

Manche Leute behaupten zwar, das Becken müsse in Virabhadrasana I gerade nach vorne zeigen, doch leider gibt es viele Menschen, die diese Anweisung unmöglich ausführen können. Und es geht in dieser Haltung auch gar nicht um die Hüften, sondern um das Verhältnis zwischen aufwärts und abwärts wirkenden Kräften, zwischen Vorder- und Rückseite, zwischen Armen und Beinen, Rippen und Becken, Atem und Körper, Himmel und Erde. Anstatt sich also um exakt nach vorne ausgerichtete Hüftknochen zu sorgen, erforschen Sie lieber die Beziehungen zwischen Oberschenkeln, Becken und unterem Rücken und lernen, die verschiedenen Teile Ihres Körpers miteinander ins Gespräch zu bringen.

Verbindung herstellen
Vergewissern Sie sich, dass der hintere (also der rechte) Fuß fest im Boden verwurzelt ist und dass das gebeugte vordere Knie gerade nach vorne zeigt. Legen Sie die Spitze des rechten Mittelfingers von vorne auf den rechten Beckenkamm und den rechten Daumen genau oberhalb davon auf den untersten Rippenbogen. Dann streichen Sie mit dem Mittelfinger langsam Richtung Daumen und locken damit die Vorderseite des Beckens nach oben Richtung Rippen. Ein leichtes Anziehen des unteren Bauchs unterstützt diese Bewegung. Beobachten Sie, wie dabei das Steißbein ganz von selbst nach unten sinkt und wie Länge im unteren Rücken entsteht. Indem Sie das Schambein nach oben ziehen, zugleich das hintere Bein anspannen und den hinteren Fuß in die Matte schieben, schaffen Sie die Voraussetzung für eine gut gestützte, sichere Rückbeuge. Diese Rückbeuge dehnt die Körpervorderseite und den Iliopsoas, einen langen Muskel, der die Innenseite des Oberschenkels mit dem unteren Rücken verbindet.

Mit dem gut aufgerichteten Becken und der Weite im unteren Rücken wird es Ihnen leichter fallen, Bauch und Brust gerade nach vorne auszurichten. Durch diese Ausrichtung bekommt die Haltung eine kleine Drehung. Der Brustkorb rollt sich nach oben und weg vom hinteren Fuß. Vielleicht folgt dabei das Becken dem Brustkorb und die rechte Hüfte wandert wieder etwas nach vorne. Das ist an sich gut, stellen Sie aber nochmals sicher, dass das hintere Knie durch einen tief im Boden verwurzelten hinteren Fuß und ein kraftvoll gestrecktes Bein geschützt ist. Falls nicht, dann drehen Sie die rechte Hüfte lieber wieder etwas zur Seite auf. Experimentieren Sie mit den verschiedenen Feinheiten und finden Sie heraus, welche Ausrichtung für Sie am besten funktioniert, so dass alle Teile Ihres Körpers eine gesunde Beziehung zueinander aufrechterhalten können.

Nachdem Sie den Krieger I fünf bis zehn Atemzüge lang gehalten haben, kehren Sie in Tadasana zurück. Dann erforschen Sie die andere Seite und setzen das Gespräch zwischen den einzelnen Elementen der Haltung fort: Das hintere Bein schiebt sich in den Boden und die Rippen antworten, indem sie sich heben. Das gibt dem Brustkorb Weite, wodurch wiederum die Arme ermutigt werden, nach oben zu steigen. Es ist wie bei einer Kettenreaktion mit Dominosteinen: Jede Bewegung löst die nächste aus. Das hintere Knie sackt nach innen? Dann müssen Sie die Arme etwas nach vorne senken, damit der hintere Fuß wieder festen Kontakt zum Boden bekommt. Auf diese Weise wird der mittlere Rücken besser gestützt und die Brust kann sich umso weiter öffnen.

Die Kräfte in Fluss bringen
Wenn Sie sich bereit fühlen, tiefer in die Haltung hineinzuwachsen, dann beginnen Sie eine zweite Runde. Sie starten wieder in Tadasana mit auf den Hüften liegenden Händen. Ein Ausfallschritt bringt das rechte Bein nach hinten und Sie verwurzeln den schräg stehenden rechten Fuß tief und gleichmäßig in der Matte. Zugleich beugen Sie das linke Knie langsam in Richtung eines 90-Grad-Winkels, so dass der linke Oberschenkel parallel zum Boden steht, das Knie aber nicht vor die Zehen kommt. Lassen Sie sich Zeit: Die Sicherheit des hinteren Knies geht hier in jedem Fall vor. Dafür muss das hintere Bein kraftvoll gestreckt sein. Sobald das Knie nach innen sackt, beugen Sie das vordere Bein etwas weniger (oder verkleinern die Schrittweite) und schieben das hintere Bein wieder fest in den Boden.

Um den Quadrizeps des vorderen Beins nicht zu stark zu beanspruchen, lassen Sie die Beinrückseite einen Teil der Arbeit übernehmen. Dazu schieben Sie die Ferse des vorderen Fußes in den Boden und ziehen sie in einer äußerlich nicht sichtbaren Bewegung nach hinten. Dieser Impuls spannt die Muskeln an der Rückseite des Oberschenkels zum Knochen hin. Vielleicht spüren Sie diese feine Bewegung nicht auf Anhieb, aber lassen Sie sich nicht entmutigen.

Nun erzeugen Sie wieder Länge im unteren Rücken, indem Sie die Vorderseite der rechten Hüfte nach oben ziehen. Dann drehen Sie Bauch und Brust nach vorn. Wenn es sich für Sie ganz natürlich anfühlt, lassen Sie zu, dass das Becken dieser Bewegung folgt. Versuchen Sie aber nicht, das Becken mit Gewalt nach vorne hin auszurichten. Sobald Knie oder unterer Rücken sich ungut anfühlen, müssen Sie wieder etwas nachlassen und zu einem stabilen, für Sie angemessenen Aufbau der Haltung zurückfinden.

Von dieser soliden Basis ausgehend, heben Sie jetzt die Arme diagonal nach oben, drücken die Handflächen gegeneinander und strecken sich himmelwärts. Beobachten Sie sich sorgfältig: Wenn sich die Brust bei dieser Bewegung verengt, dann öffnen Sie die Arme lieber. Die Brust folgt den Armen, die wie das Schwert eines Kriegers gehoben sind. Nach einigen Atemzügen lösen Sie die Haltung auf, kehren zurück zu Tadasana und üben die andere Seite.

Soweit die Anleitung. Nehmen Sie so viel davon in sich auf, wie Sie können, aber dann lassen Sie Worte und Vorstellungen auch wieder los. Verabschieden Sie sich, so gut es geht, vom konzeptuellen Denken und kommen Sie zur sinnlichen Erfahrung, die immer nur gerade jetzt ist und alle Wahrnehmungen gleichwertig auffasst: brennende Muskeln, wundervolle Dehnung, kräftiges Schwitzen, die volle Atmung in den weit geöffneten Lungen – Sie bleiben ruhig und beobachten die feinen Veränderungen im Inneren.

Sanfte Variante
Sanfte Variante: Virabhadrasana I

Sanftheit und Furchtlosigkeit sind die Waffen eines Yoga-Kriegers. Immer geht es im Yoga darum, das Verhältnis zwischen den Gegensätzen auszuloten. Die starke körperliche Anspannung unterstützt dabei einen weiten, klaren Geist. Ein Yoga-Krieger ist tief geerdet und doch geschmeidig, so kann er der Welt begegnen, wie sie ist. Das ist der Grund, warum ich mich nicht aus dem Unterricht schleiche, wenn Virabhadrasana I an der Reihe ist. Ich hätte zwar gute Lust dazu, aber ich weiß, dass es viel besser ist, zu bleiben und ein bisschen loszulassen. Dann öffnet sich ein kleiner Spalt und dieser Spalt weitet sich zu einem Raum, in dem mein Geist Ruhe finden kann. Der innere Krieger erwacht – ein pulsierendes, klares Wesen, das die innere Dauerradiosendung abstellt und auf der Frequenz des Atems Himmel und Erde vereint.

Wirkungen
– Kräftigt den Quadrizeps
– Dehnt Fußgelenke und Waden
– Dehnt den Iliopsoas und die Körpervorderseite

Gegenanzeigen
– Knieschmerzen
– Bluthochdruck


Cyndi Lee ist Autorin, Künstlerin, Yogalehrerin und Gründerin des OM Yoga Center in New York.

Das goldene Zeitalter des Yoga ist – jetzt!

Gerne verwendet die Yogawelt Worte wie „alt“ oder „traditionell“, um bestimmte Aussagen zu vermarkten. Dadurch wird impliziert, dass uns etwas Essenzielles verloren gegangen ist und wir die Missstände der modernen Welt nur dann ausräumen können, wenn wir zu den alten Werten zurückkehren. Doch haben wir uns wirklich verirrt? War die Welt früher so viel besser? Und die Menschen weiser?

Da keiner von uns zur viel beschworenen „damaligen Zeit“ lebte, kann uns niemand eine glaubwürdige Antwort liefern. Wenn ich mir allerdings manche Gegebenheiten ansehe, die als Maßstab dienen könnten, glaube ich, dass wir heute eindeutig besser dran sind. Unsere Lebenserwartung, die Menschenrechte und die Möglichkeit, andere Kulturen und Ideen kennen lernen zu können, sind ein wesentlicher Fortschritt. Die heutige Zeit ist weitaus freundlicher zu Menschen mit Zahnschmerzen, zu Homosexuellen, zu Kritikern der vorherrschenden politischen Meinung oder denjenigen, die bestimmte Konzepte von Gott oder gar die Existenz Gottes in Frage stellen.

Angesichts der Missstände der modernen Welt ist allerdings auch nachvollziehbar, weshalb sich viele Menschen in eine nostalgische, mythische und vermeintlich tugendhafte Vergangenheit zurückträumen. Diese Zuflucht in Illusion und Wunschdenken ist allerdings unproduktiv und rückwärtsgewandt. Schließlich ist es gerade im Yoga wichtig, die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart, das Jetzt, zu richten. Die persönliche Innenschau umfasst zwar auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – allerdings nur, um sich von ihr zu befreien. Daher sollten die Versprechen rund um den Nutzen des Yoga auf den Erfahrungswerten unserer Zeit beruhen.

Überhaupt: Yoga, wie wir es heute kennen, ist alles andere als althergebracht. Yoga ist kein Museumsstück – die Praxis ist ein lebendiges, atmendes, und sich stets weiterentwickelndes Konzept. Die meisten Asanas wurden erst im 20. Jahrhundert entwickelt und befinden sich weiterhin in einem evolutionären Prozess. Während der vergangenen 100 Jahre haben die Ideen und Praktiken des Yoga mehr und mehr Menschen und heute sogar globale Relevanz erreicht. Das goldene Zeitalter des Yoga ist – jetzt!

Kirtan kommt aus dem Herzen
Mit der wachsenden Yoga-Community wird auch die Praxis des Kirtan immer populärer. Viele Übende kommen durch das Chanten in Berührung mit Bhakti Yoga. Die verschiedenen Ausprägungen und Stile des Kirtan werden immer zahlreicher. Parallel wird die Frage laut, worin die „wahre“ Tradition dieser Praxis besteht. Die Diskussion ist spannend und spricht für unsere dynamische und innovative Kultur. Dennoch finde ich es wichtig, darüber nicht die Intention und Wirkung aus den Augen zu verlieren. Kirtan (Sanskrit für „singen“) ist eine der ältesten Formen spiritueller Musik. In der westlichen Welt bringen wir unweigerlich unsere eigenen kulturellen Prägungen mit. Meine Absicht ist weniger traditionell, als vielmehr authentisch zu sein. Damit meine ich, dass das, was ich tue, aus meinem Herzen kommt. Yoga stärkt das Bewusstsein, dass alles eins ist. Vor diesem Hintergrund
ist ein Verschmelzen der östlichen Kirtan-Tradition – mit seinem Fokus auf der Auflösung des Individuums – mit westlichen Musiktraditionen wie Gospel, Jazz und Rock kein Widerspruch. Zwar steht bei Letzteren der Ausdruck des Individuums im Mittelpunkt, aber alle Richtungen entstehen aus demselben Impuls heraus: Das auszudrücken, was ekstatisch, befreiend und transzendent ist. Kirtan ist volkstümliche Musik, die im Rahmen der indischen Bhakti-Bewegung im 15. Jahrhundert entstanden ist. Ursprünglich wurde er von Sängern und Musikern praktiziert, die wenig formelle Ausbildung hatten. Die Bhaktis schrieben ekstatische Liebesgedichte, die dem Göttlichen gewidmet waren, und zogen singend umher. Ihre Botschaft war einfach, aber in einer Kastengesellschaft radikal: „Kultiviere und fördere Freude. Sieh das Göttliche im Anderen. Die Liebe macht uns alle gleich.“

Kirtan ist Innovation
Jede Neuerung, etwa die Erweiterung des Spektrums an Instrumenten, die im Kirtan zum Einsatz kommen, hat für Kontroversen gesorgt. Die Einführung der Sarangi, einem Streichinstrument, das der westlichen Viola ähnelt, sorgte für Entrüstung, da sie traditionellerweise in Bordellen gespielt wurde. Tablas stammen aus der musikalischen Kultur der Perser und wurden von muslimischen Mogulen eingeführt. Die Briten steuerten das Harmonium bei, das ursprünglich christliche Gesänge begleitete. Der Kirtan hat sie alle gleichermaßen integriert. Aktuell halten in der westlichen Welt Gitarre, Bass und Schlagzeug aus der Rockmusik, Violine und Cello aus der klassischen Musik, das Hackbrett aus der Tradition der Sinti und Roma, Trompete und Saxophon aus dem Jazz Einzug. Kirtan gibt ihnen allen Raum. Innovation und Synthese sind Teil seiner Tradition.

Die Absicht des Kirtan ist Bewusstseinsveränderung. Er lädt die Sänger ein, eins zu werden mit dem Gesang – ähnlich wie Regentropfen, die wieder Teil des Ozeans werden. Was mich besonders am Kirtan fasziniert, ist das Verschwimmen der Grenzen zwischen dem Publikum und dem Künstler. Eine Menschenmenge, die gemeinsam singt und atmet, wird zu einem großen Ganzen mit einer eigenen Intelligenz – ähnlich einem Schwarm Vögel, der in völliger Harmonie die Richtung wechseln kann. Teil von so etwas zu sein, ist eine beeindruckende Erfahrung. Man fühlt sich mit den Menschen um sich herum verbunden, obwohl man sie nie zuvor
gesehen hat. Man spürt sich über die Grenzen des Selbstkonzeptes hinaus und fühlt sich lebendig.

Das Chanten öffnet unsere emotionalen Kanäle und wirkt wie eine Katharsis. Das hat zur Folge, dass sich unsere Konzentration vom Hirn zum Herz hin verlagert. Der Verstand bemüht sich, die Dinge in Kategorien einzuordnen, das Herz hingegen sehnt sich nach Einheit. Auch die neurochemischen Vorgänge beim Chanten sind beeindruckend: Singen reduziert die Aktivität in den Bereichen des Gehirns, die dafür sorgen, dass wir uns als getrennt von unserer Umwelt wahrnehmen. Dadurch verringert sich das Gefühl von Einsamkeit.

Aus linguistischer Perspektive ist Sanskrit die Mutter vieler moderner Sprachen. Es kann als eine Art göttlicher „Nonsens“ erfahren werden, der dazu dient, Unreinheiten des Geistes fort zu spülen. Mantras sind in erster Linie Rezitationen der vielen verschiedenen Namen für das Göttliche. Ihre wahre Bedeutung liegt vermutlich jedoch in dem Gefühl der Verbundenheit, des Wohlbefindens und der Zeitlosigkeit, die sie in uns auslösen.

Um Kirtan in der Tiefe zu erleben, müssen wir uns in ihn hinein begeben. Kirtan repräsentiert ein Miniaturmodell des Universums, wo jeder im Mittelpunkt steht und das Gesamtgeschehen mit beeinflusst, während er sich gleichzeitig vom Ganzen beeinflussen lässt. Kirtan ist ein Weg, Freude zu erleben und zu spüren, wie sie durch andere verstärkt wird. Kirtan ist ein Weg, um unsere Verbundenheit mit dem großen Ganzen wahrzunehmen.

Yoga basiert auf Erfahrung, nicht auf Glauben. Es fordert uns auf, zu praktizieren und unsere Erfahrungen zu beobachten, um unsere Wahrheit in unserem Herzen zu finden. Auch wenn ich die Namen hinduistischer Götter und Göttinnen singe, richte ich mich damit nicht konkret an etwas oder jemanden. Für mich stehen die Gottheiten und ihre Mythologien für die verschiedenen Kräfte, aus denen unser Universum besteht. Mich motiviert mein Interesse, einen Ort des reinen, liebenden Bewusstseins zu erreichen, der jenseits aller Bilder, Konzepte und Dinge existiert. Das ist, was ich unter „Gott“ verstehe. Ein Bewusstsein, das ich nur in Momenten tiefer, innerer Stille erfahren kann. Das Chanten bringt mich dorthin: in die unmittelbare Gegenwart.


Autor: Dave Stringer

Gongmeditation: Woher kommt der Gong?

Gongmeditation

Ihr Klang ist nicht von dieser Welt. Das Zusammenspiel mehrerer Gongs ist eines der kraftvollsten Hilfsmittel zur Meditation. Dass die Herstellung der Instrumente schwere, fokussierte Handarbeit ist, erlebte der Gongspieler und Yogalehrer Satya Singh bei einem Besuch der Gong-Manufaktur Paiste in Norddeutschland. Aber was passiert vor der Gongmeditation?

Sommer 2009 in Berlin: Auf dem weitläufigen Gelände des großen Yogafestivals am Wannsee herrscht Woodstock-Atmosphäre. Mit acht weiteren Yogalehrern und Gongspielern werde ich in wenigen Minuten im großen Zelt eine Gongmeditation spielen. Die neun Gongs auf der Bühne sollen das Zelt in einen Klangteppich verwandeln. Auf ihren Matten drängen sich die Besucher am Boden und blicken in gespannter Erwartung zu uns auf die Bühne.

Ein elementarer Teil von Yoga ist die Meditation. Seit Alters her haben die Aspiranten ihre Schwierigkeiten damit, die Gedanken im Geist zu beruhigen. Ein kraftvolles Hilfsmittel ist hierzu der Gong. Seit ich vor vielen Jahren auf einem Yogafestival in Frankreich zum ersten Mal mit Gongmeditation in Berührung kam, fasziniert mich die magische Anziehungskraft dieses Klangs. Damals spielte Nanak Dev Singh, der später mein Lehrer wurde, den Gong. Vor über fünf Jahren durfte ich mit meiner damaligen Ausbildungsgruppe erstmals die Gong-Manufaktur von Paiste im norddeutschen Rendsburg besuchen.

Auf der Suche nach der Herkunft

Der mittelständische Instrumentenbauer, seit 1901 geführt von der estnischstämmigen Paiste-Familie, spezialisierte sich auf Cymbals (Becken) und Gongs. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es die Nachfahren des Gründers Michail Toomas Paiste zunächst nach Rendsburg. Später nach Nottwil in der Schweiz. Dort liegt heute der Hauptsitz der Firma, in Rendsburg findet jedoch die Hauptproduktion der Becken statt. Nach wie vor ist Paiste ein Familienunternehmen.

Nur wenigen Gruppen pro Jahr öffnet der renommierte Gonghersteller seine Türen. So können sie sich direkt einen der begehrten Paiste-Gongs auswählen. Man sagt, dass der Gong sich seinen Spieler wählt. Die Herstellung dieser alten und seltenen Instrumente erfolgt traditionell in schwerer Handarbeit. Die Männer beherrschen perfekt die Kunst, aus einer silbernen Metallscheibe einen exakt gestimmten Gong zu hämmern. Jedes ihrer Werkzeuge ist ein handgemachtes Unikat. Sie bringen die Scheibe zum Glühen und hämmern mit gezielten Schlägen den nach hinten gebogenen Rand. Der dadurch entstandene Rohling sieht aus wie der überdimensionale Kronkorken einer Bierflasche.

Pures Handwerk

Die Gongherstellung ist eine schwere und schweißtreibende Arbeit. In der Manufaktur erinnert nichts an den filigranen Klang der späteren Instrumente, der niemanden kalt lässt. Zahlreiche fertige und halbfertige Instrumente hängen in Reihen angeordnet an der Wand. Darunter auch der größte spielbare Gong der Welt. Mit seinen gut zwei Metern Durchmesser beeindruckt er jeden Besucher.

Allerdings sagen die Gongbauer selbst auf Nachfrage, dass sie noch nie gehört haben, was wir mit ihren fein gestimmten Gongs bewirken. Ihre Arbeit endet an dem Punkt, wo der Gong den Werkraum verlässt. Die Verbindung von Yoga und dem Gongspiel ist ihnen fremd. Es interessiert sie auch nicht weiter. Und doch sind es die gleichen Männer, die absolut fokussiert mit ihrem feinen Gehör die Instrumente stimmen. Jeder Gong erhält so viele Hammerschläge wie nötig, keinen mehr. Moderne Elektronik, Computer und Software sucht man hier vergebens. Ein einfaches, altes Gerät bestätigt dem Gongmeister final, dass die von ihm und seinem Team gestimmte Klangfrequenz passt. So verlassen pro Woche nur wenige der begehrten Instrumente den Werkraum.

„Der Gong ist der Kern des Klangs.“ Das sagte Yogi Bhajan, der Meister des Kundalini Yoga. Wir spielen unseren Gong nach seiner Tradition, wie er sie nur einer Handvoll Schülern persönlich weitergab. Einer von ihnen ist Nanak Dev Singh, bei dem ich meine Ausbildung durchlief. Der Gong legt die Gedankenwellen der Teilnehmer einer Meditation still, ganz nach den Worten Patanjalis. „Yogas chittá vritti nirhoda. Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist.“ Unser Gongspiel ist so kraftvoll, der Klangteppich so stark, dass die Meditierenden die Klangwellen in ihrem Körper spüren können. Wenn es ihnen gelingt, völlig die Kontrolle über ihr Selbst loszulassen, kommen sie in den Zustand der Trance. Ihre Gehirnwellen verlangsamen sich, die Gedanken stehen still, Energie durchströmt ihre Körper.

Gongmeditation

Energiearbeit mit der Gongmeditation

Yogi Bhajan sagte dazu: „The gong is not sound, the gong is resound.“ Klang und Widerhall. „Wenn du in die Berge gehst und nur ein Wort rufst, wird das Echo tausendmal mehr erschallen und tausend Meilen weiter klingen. Das ist die Kraft des widerklingenden Sounds. Wir nennen es ‚Anahad‘, den absoluten Klang ohne Grenzen.“ Der Gong klingt nicht durch den einzelnen Schlag des Spielers, er ertönt durch den Sound, der vom letzten Schlag zurückkommt. Mit ihm vermischt er sich zu einem neuen Klang. Außerdem addiert sich mit jedem einzelnen Gongschlag der Widerklang des Gongs zu einem Klangraum, der die Meditierenden trägt – der „Resound“. Er ist nicht vorhersehbar, er bedient kein Muster und verwirrt die Zuhörer. Ihr Verstand weiß ihn nicht einzuordnen. Der Gong durchbricht die Klangmuster der Teilnehmer und öffnet sie dadurch.

Seit einigen Jahren wird der Gong zunehmend als Möglichkeit entdeckt, die Teilnehmer einer Gongmeditation zu ihrem Ursprung, dem eigenen „Urton“, zu führen. Die Frequenz des Gongs ist das Om. Durch ihn erhalten wir die Chance, uns mit unserem Urton zu verbinden. Außerdem heißt es in yogischen Lehre, dass das Universum aus Klang erschaffen sei und sich alles in Frequenzen widerspiegele. Jenseits alles Physischen begann die Schöpfung mit einer Vibration. In der Bibel heißt es: „Am Anfang war das Wort.“ In der Yogalehre ist dies „Naad“, der Klang. Wissenschaftler nennen es „kosmische Strahlung“. Also der konstante Klang, der vom Urknall übrig ist. Dabei stellt die Gong-Manufaktur Paiste ihre „Planetengongs“ auf Basis von Berechnungen des Mathematikers Hans Cousto her. Jeden in der Frequenz des zugehörigen Planeten.

Beim Yogafestival Berlin bereitet Nanak Dev Singh die Festivalgäste im großen Zelt mit einer kräftigen Übungsreihe aus dem Kundalini Yoga auf die Gongmeditation vor. Heute liegt der Fokus im dritten Energiezentrum, dem Manipura-Chakra. Dieses steht für innere Stärke, Kraft, Selbstbewusstsein, Fülle und Durchsetzungsvermögen. Damit ausgestattet und aufgeweckt, sind die Teilnehmer bestens für die Wirkung des Gongs vorbereitet. Dabei legen sie sich flach auf den Rücken in Savasana, decken sich zu und entspannen sich. Wir spielen die ersten Töne der Gongs, die noch ganz leise klingen und doch bereits beginnen, den Klangteppich auszubreiten.

Der weiße Sound

„Spüre den Energiefluss der Gruppe und schaffe den Energiefluss, der vom Gong ausgeht“, sagt Nanak Dev. „Du selbst bist als Gongspieler nur ein hauchdünnes Papier. Du reagierst nicht. Durch dieses hauchdünne Medium nimmt dein Bewusstsein Informationen auf, die genutzt werden, um die Meditation zu führen.“ Seitdem weiß ich: Je reiner mein Bewusstsein ist, je fokussierter ich spiele, desto reiner sind die Informationen, die durch mein Nervensystem gehen und sich im Gongspiel manifestieren. Denn diese Reinheit ist wichtig, um sich auf die Schwingungen der energetischen Blockaden – alte Muster, Verletzungen oder Krankheiten – der Teilnehmer einzustimmen und sie zu neutralisieren. Als Yogalehrer und Gongspieler bin ich nur ein Kanal, der die Informationen und Schwingungen der Teilnehmer aufnimmt und sie in der entgegengesetzten Richtung wieder abgibt.

Langsam kommen in Berlin die neun Gongs zu ihrem Höhepunkt – dem „weißen Sound“. Er ertönt klar und rein, ist pure Kraft, nichts kann ihm widerstehen. Die Lautstärke ist für viele unbeschreiblich. Dieser Sound ist Anahad. „Er vibriert, erschafft Licht und Leben“, so Yogi Bhajan. Ich fokussiere all meine Konzentration auf den Gong und halte die Energie.

Nach dem weißen Sound sind viele Teilnehmer*innen völlig offen. Alte Muster und Blockaden wurden gelöst. Wir lassen unsere mächtigen Instrumente in langen Wellen ausklingen und führen die Meditierenden wieder zurück. In dieser Phase bringen wir unsere Schüler wie Bergführer vom Gipfel wieder sicher zurück ins Tal. Allerdings kämpften manche Teilnehmer innerlich mit dem Gong. Dabei bedeutet die Hingabe zu ihm das Loslassen der Kontrolle über sich selbst. Allerdings möchte der eine oder andere Verstand diese Kontrolle nicht abgeben.

Kopf, Brust und Bauch

Einer der Gongbauer bei Paiste fragt mich: „Warum nennt ihr den Höhepunkt des Gongs‚ weißer Sound?“ Wenn seine Energie am stärksten ist, die Lautstärke und Frequenz am höchsten sind, sprechen wir vom „weißen Sound“. Er ist mit direktem Sonnenlicht vergleichbar, das ohne Brechung auf uns strahlt. Es ist weiß, klar und bringt die höchste, reinste Energie mit sich. Der Gongbauer findet dies offensichtlich spannend. Trotzdem sind ihm Yoga und Meditation eher fremd.

Mit einer Zigarette im Mund erklärt er mir die Frequenz der drei Sound Creation-Gongs „Kopf“, „Brust“ und „Bauch“. Diese Gongs sind nach der Frequenz des Kopfes, der Brust und des Bauches gestimmt und werden auch so aufgehängt. Der „Kopf“-Gong ist der kleinste, seine Frequenz ist am schnellsten, er tönt am höchsten. Der Brustbereich mit dem Klangraum des Brustkorbes entspricht einer mittleren Frequenz und soll diesen Teil des Körpers aktivieren und öffnen. Der „Bauch“-Gong aktiviert den Klangraum zwischen Bauchnabel und Becken. Er ist der größte des Dreier-Ensembles und klingt am tiefsten, womit die Frequenz am langsamsten schwingt.

Sein Kollege rollt gerade einen Gong auf seiner Kante durch den Raum. Dann kommt mir der Gedanke, wie unterschiedlich wir doch alle sind. Hier der ehrfürchtige Gongspieler und Yogalehrer, der es kaum wagt, seinen Gong anzufassen, geschweige denn, ihn auf der Kante zu rollen. Dort der handwerklich geniale Gongbauer, dessen Aufgabe mit der Fertigstellung dieser mächtigen Instrumente endet. Aber auf ihren weiteren Weg hat er keinen Einfluss. Dieser führt keineswegs nur zu Yoga und  Meditation. Denn er stellt sie auch für Symphonie-Musiker und Heavy Metal-Schlagzeuger wie beispielsweise Nicko McBrain von Iron Maiden her. Berühmte Paiste-Gong-Sequenzen aus der Rockmusik finden wir unter anderem bei Queen im Song „Bohemian Rhapsody“ oder Led Zeppelins „What Is And What Should Never Be.“

Mehr über wichtige Konzepte in Yoga und Meditation findest du im Yoga World Glossar.


Gong_paiste

Mehr Infos über den Gong, Gongmeditation und Wirkung finden sich unter www.gongmeditation.de.
Autor: Satya Singh A.J. Renner; Fotos: Lucie Jansch
; Titelfoto von cottonbro von Pexels

Volle Kraft voraus: Die vollständige Bootshaltung

Paripurna Navasana

paripurna = vollständig, komplett; nava = Boot; Asana = Haltung

Vermutlich haben Sie schon einmal gehört, dass Paripurna Navasana (vollständige Bootshaltung) ausgezeichnet geeignet ist, um unsere Körpermitte zu kräftigen. Dieses „Zentrum“, oder auch englisch „Core“, schließt weit mehr ein als nur die Bauchmuskulatur. Laut B.K.S. Iyengar führt uns die Praxis auf eine Reise nach innen – und zwar von der Peripherie des Körpers bis zum Zentrum oder Kern unseres Selbst. Navasana stärkt die Bauchmuskulatur, um den unteren Rücken zu unterstützen. Zudem lehrt uns die Koordination der Aktion von Armen, Beinen und Oberkörper wichtige Lektionen in Bezug auf unsere Aufmerksamkeitsspanne, Gefühle und wahre Natur. Ja, selbst eine verhältnismäßig einfache Haltung wie Navasana kann über den Weg der Muskeln, Nerven, Knochen und Organe unser wahres Selbst berühren – unseren tiefsten, innersten Kern.
Navasana ist eine kompakte Haltung, die alle Aktionen zur Körpermitte hin ausrichtet: Der untere Bauch zieht zur Wirbelsäule, die Wirbelsäule bewegt sich nach vorne, um die Vorderseite des Oberkörpers zu unterstützen, die Schulterblätter schieben nach unten und vorne in Richtung Brust, während diese sich weitet. Die Arme und Beine bleiben aktiv. Die Integration des ganzen Körpers verleiht uns ein Gefühl von physischer Stärke und Geschmeidigkeit, sowie emotionaler Ausgeglichenheit. Sobald der Geist unaufmerksam wird und die Gedanken zu wandern beginnen, schwindet diese innere Stabilität. Eine solche mentale Unausgeglichenheit äußert sich sofort in einem Mangel an Balance. Um eine gute Verbindung mit dem inneren Zentrum herzustellen und Stabilität in der  Asana zu erlangen entspannen Sie Ihr Gesicht und den Atemfluss. Der Gedanke dahinter ist: Wenn unser Geist verkrampft und unsere Augen hervortreten, verlagert sich unser Fokus nach außen. Sobald wir unsere Gesichtshaut entspannen, verlagert sich unsere Aufmerksamkeit nach innen, und wir erreichen echte Stabilität.

Wirkungen:
Stärkt die Bauch und Rückenmuskulatur
Gegenanzeigen:
– Schwangerschaft
– Menstruation

Auch wenn Navasana unsere Bauchmuskulatur trainiert, ist diese Haltung alles andere als ein direkter Verwandter des klassischen Sit-up aus dem Fitnesstraining. Anstatt die Brust so nahe wie möglich in Richtung Hüften zu bewegen und dabei die Vorderseite des Oberkörpers zu verkürzen, ziehen Sie in Navasana den Brustkorb vom unteren Bauch weg nach oben, um die Brust zu heben – während Sie auf Ihrem Gesäß balancieren. Dabei wird die Bauchregion zugleich angespannt und gedehnt. Die Körpervorderseite auf diese Weise verlängern zu können, ist eine Grundvoraussetzung für viele andere Asanas und zahlreiche Pranayama-Techniken. Dadurch wird die Brustkorbweitung gefördert (im Gegensatz zu einer verspannten, verkürzten Körpervorderseite, die Druck auf Lungen, innere Organe und den unteren Rücken ausübt). Ein gleichmäßiger und effizienter Atemfluss während der Praxis und im Alltag wird so unterstützt.

Bootshaltung_gebeugte_Knie_abb1Die vollständige Bootshaltung ist die Balance-Variante von Dandasana (Stabhaltung). Sollte es Ihnen also schwer fallen, aufgrund verkürzter Beinrückseiten in Dandasana aufrecht zu sitzen, dann werden Sie in Navasana Probleme haben, die gestreckten Beine mit geradem Rücken und gehobener Brust in Richtung Torso zu bewegen. In diesem Fall sollten Sie die Knie beugen (Abbildung 1), um die Haltung mit geradem Rücken zu üben.

 

Bootshaltung_Hände_UnterstützenFalls Ihre Bauch-, Rücken- oder Oberschenkelmuskulatur schwach trainiert ist, beginnen Sie mit der in Abbildung 2 gezeigten Variation. Beide Vorstufen der Asana ermöglichen eine graduelle Annäherung an die Endposition und schulen zugleich das essenzielle Zusammenspiel von Rücken, Beinen und Bauch. Für die Variante mit gebeugten Beinen beginnen Sie in Dandasana. Setzen Sie dann Ihre Handflächen rechts und links vom Becken auf den Boden. Pressen Sie die Oberschenkel nach unten und schieben Sie die Fersen von der Hüfte weg, um die Beine vollständig auszustrecken. Bewegen Sie den Oberkörper vom Boden weg und öffnen Sie den Brustraum. Ihr Rücken sollte sich anfühlen, als ob er sich nach vorne, in Richtung Oberkörpervorderseite schieben würde. Nun heben Sie die Körpervorderseite an – und zwar vom Beckenboden bis zum obersten Punkt des Brustkorbs. Um etwas Raum zwischen dem Oberkörper und den Beinen zu schaffen, pressen Sie die Spitzen Ihrer Oberschenkelknochen in den Boden und heben Sie die untere Bauchmuskulatur nach oben und von den Oberschenkeln weg, ohne das Gewicht auf den hinteren beziehungsweise oberen Teil des Gesäßes zu verlagern. Heben Sie den Brustkorb nach oben – vom Abdominalbereich weg – und rollen Sie die Schultern nach hinten. Als nächstes beugen Sie die Beine und setzen Ihre Füße auf den Boden. Greifen Sie die Knie mit den Händen und ziehen Sie sich leicht nach oben, indem Sie das Brustbein anheben. Heben Sie die Füße, bis die Schienbeine parallel zum Boden ausgerichtet sind, und flexen Sie dann die Füße. Die Innenseiten der Beine berühren sich. Mit immer noch gebeugten Beinen führen Sie nun die Oberschenkel näher zur Brust, während Sie diese weiter anheben.

Bootshaltung_fehler
So nicht: Vermeiden Sie einen Rundrücken und das Einfallen der Brust.

Sobald Sie stabil auf den Gesäßhälften balancieren, achten Sie darauf, den Rücken nicht rund werden zu lassen. Schieben Sie die Wirbelsäule in Richtung Körpervorderseite. Greifen Sie erneut die gebeugten Beine, um die Brust noch weiter anzuheben, und vergrößern Sie den Abstand zwischen Brustbein und Nabel. Ohne den Brustraum einsinken zu lassen, strecken Sie nun die Arme nach vorne auf eine Höhe mit den Unterschenkeln und parallel zum Boden. Die Handflächen zeigen zueinander. Nehmen Sie wahr, dass Ihre Bauchmuskulatur arbeitet, wenn Sie Ihre Oberschenkel in Richtung Oberkörper ziehen. Halten Sie den Rücken gerade, und versuchen Sie, die Oberkörpervorderseite noch stärker zu verlängern. Auch wenn Sie die Arme nach vorne strecken, ziehen Sie die Schultern zurück, und bewegen Sie die Schulterblätter nach unten und innen, in Richtung Brust. Zugegeben, gleichzeitig die Abdominalregion zu aktivieren und zu verlängern ist herausfordernd – dieser Vorgang dient jedoch der mentalen Fokussierung, indem die Aufmerksamkeit nach innen verlagert wird, hin zum Ursprung der Bewegungen. Lassen Sie den Atem ganz natürlich fließen, entspannen Sie die Kehle, und richten Sie den Blick gerade nach vorne. Halten Sie die Pose zwischen mindestens 30 Sekunden und einer Minute. Anschließend setzen Sie Ihre Füße mit einer Ausatmung zurück auf den Boden und kommen Sie zurück in Dandasana.

In der zweiten Variation (Bild s. oben) balancieren Sie in Navasana mit gestreckten Beinen, während Sie sich mit den Händen abstützen. Beginnen Sie auch hier in Dandasana. Lehnen Sie sich leicht zurück und platzieren Sie die Hände einige Zentimeter hinter dem Becken. Heben Sie die Brust an, beugen Sie die Beine, und bringen Sie die Beine so weit nach oben, bis die Unterschenkel parallel zum Boden ausgerichtet sind. Führen Sie die Oberschenkel näher zum Oberkörper, und bewegen Sie die hinteren Rippen und die Schulterblätter nach vorne. Mit einer Ausatmung strecken Sie die Beine aus, ohne den Rücken rund werden zu lassen. Beginnen Sie bei den Waden über die Fersen, bis Ihre Zehen schließlich die Höhe Ihres Kopfes erreichen. Während Sie die Leistung der Bauchmuskulatur deutlich wahrnehmen, achten Sie darauf, die Körpervorderseite nicht zu verkürzen. Stattdessen heben Sie den Nabel in Richtung Brust und die Rippen weg vom unteren Bauch. Rollen Sie die Schultern nach hinten und richten Sie den Blick geradeaus. Sie werden schnell merken, dass die Beine hart arbeiten müssen, damit Sie gerade und aufgerichtet in der Position verweilen können. Genau wie in Dandasana pressen Sie auch hier die Oberschenkelvorderseiten in Richtung Beinrückseiten, und strecken Sie die Waden in Richtung Fersen. Verlängern Sie die Beine durch die Innenseiten der Fersen und verbreitern Sie die Fußsohlen. Nutzen Sie die Hände, um im Gleichgewicht zu bleiben, ohne nach hinten zu kippen. Atmen Sie gleichmäßig, und entspannen Sie Gesicht und Kehle. Meistern Sie die Anstrengung aus der Kraft Ihres inneren Zentrums heraus, ohne äußerliche Anspannung, so dass der Geist ruhig bleiben kann. Anschließend setzen Sie die Füße mit einer Ausatmung wieder auf dem Boden ab.
Bootshaltung_richtigWenn diese Vorstufen kein Problem (mehr) für Sie darstellen, sind Sie bereit für die Endhaltung. Wenn Sie merken, dass Ihr Rücken und Ihre Beine doch noch nicht stark genug sind, um die Position mit geradem Rücken zu bewältigen, dann stützen Sie die Fersen an einer Wand oder auf einem hohen Stuhl ab. Beginnen Sie in Dandasana und stützen Sie sich hinter dem Rücken auf den Händen ab. Heben und strecken Sie die Beine – wie zuvor in Variante 2. Kommen Sie nun auf die Fingerspitzen und heben Sie den unteren Rücken, so dass sich Ihre gesamte Wirbelsäule anfühlt, als ob sie sich in Richtung Körpervorderseite schieben würde. Heben Sie die Arme und strecken Sie sie parallel zum Boden nach vorne aus. Die geöffneten Handflächen zeigen zueinander. Strecken Sie die Finger nach vorne aus, rollen Sie die Schultern nach hinten und unten, während Sie das Brustbein anheben. Behalten Sie die stabile Streckung der Kniegelenke bei, während Sie die Beininnenseiten in Richtung Ferseninnenseite verlängern. Spreizen Sie die Zehenballen – vom Großzeh bis zum Kleinzeh. Ohne die Knie zu beugen, heben Sie die Beine höher, bis die Zehen den Kopf überragen. Heben Sie die Brust, halten Sie Ihr Kinn horizontal zum Boden und entspannen Sie die Kehle. Blicken Sie geradeaus oder zu Ihren Füßen, und halten Sie die Pose zwischen 30 Sekunden und einer Minute. Dann setzen Sie Ihre Füße mit einer Ausatmung wieder zurück auf den Boden. Kommen Sie in die Rückenlage und lassen Sie den Körper mit gebeugten Beinen zur Ruhe kommen. Entspannen Sie die Bauchmuskulatur, indem Sie sie nach unten in Richtung Rücken sinken lassen. Erlauben Sie auch Ihrem Rücken, auf der Erde anzukommen. Sich in Paripurna Navasana aufrecht zu halten und Arme, Beine, Bauch und Brustbereich zu verlängern, dient auch dazu, die körperliche, geistige und emotionale Ebene zu verbinden. Diese Konzentration auf unser inneres Zentrum ähnelt einem Ruhepol inmitten eines Sturms. Trotz der vielen körperlichen Aspekte dieser Asana führt uns deren Resultat auf direktem Wege zu unserer tiefsten Quelle ruhiger Gelassenheit.


„Die Kraft der Präzision“: Unter diesem Motto unterrichtet Jason Crandell, Yogalehrer aus Francisco, Autor des amerikanischen YOGA JOURNAL, „Star“ diverser YOGA JOURNAL-DVDs und Model dieses Artikels diverse Workshops (auch in Deutschland).

 

Leserfotos: Alles neu macht der …

Mai… In Zukunft wollen wir unseren Leserfotos etwas mehr Platz im YOGA JOURNAL einräumen – und dabei auch die Geschichten hinter den Bildern erzählen.

Immer wieder freuen wir uns über die vielen spannenden, inspirierenden Bilder unserer Leserinnen und Leser. Und oft haben wir uns schon gefragt, welche Geschichte wohl dahintersteckt: Wo war das? Wie entstand die Idee, hier Yoga zu machen? Warum gerade diese Asana? Und was geschah dabei vielleicht, das auf dem Bild gar nicht zu sehen ist?

Wenn Sie dabei sein möchten, dann senden Sie uns Ihr Lieblingsbild und einen kurzen Text (maximal 1000 Zeichen) an: redaktion@yogajournal.de

Wir sind gespannt! Ihre YOGA JOURNAL-Redaktion