Karma Yoga

Mond halten Frau Strand Sonnenuntergang Dämmerung
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Es gibt (nicht) viel zu tun

Dienen Sie, wem Sie wollen – aber dienen Sie! Karma Yoga ist einer der besten Wege zum Glücklichsein. Wenn man dabei nicht gegen sich selbst kämpft.

Als ich von der YOGA JOURNAL-Redaktion gefragt wurde, ob ich einen Text über Karma Yoga schreiben könne, war ich sofort Feuer und Flamme. Schließlich sollte es darin auch um Hanuman gehen, den Sohn des Windes. Mit seiner absoluten Hingabe an den Prinzen Rama hatte er mir immer imponiert. „Ich kenne nur zwei Dinge“, soll er einmal gesagt haben: „’Ra’ und ’ma’“. Man muss ihn einfach lieben, diesen starken Typen in Affengestalt. Als ich dann überlegte, welche Geschichte aus seinem Leben wohl am besten zu diesem Thema passt, fiel mir auf, dass Hanuman wenig mit dem zu tun hat, was heutzutage viele Lehrer als „Karma Yoga“ bezeichnen. Selbstloses Dienen, so heißt es, soll ein Weg zur Befreiung sein. Wenn ich mich derzeit allerdings in der Yogaszene umsehe, dann frage ich mich manchmal, ob die Chancen dabei immer so gut stehen.

Viele Lehrer bieten ihren Schülern an, ihr Ego durch freiwillige Mitarbeit in der Yogaschule abzubauen. Die Schüler dürfen die sanitären Einrichtungen putzen und können dafür umsonst in der Yogastunde mitmachen. Früher hätte man das „Tauschgeschäft“ genannt. Heute heißt es Karma Yoga. Im besten Fall fühlt sich der Schüler dabei doch wieder als etwas ganz Besonderes: Weil er vor den Augen der zahlenden Yogis zeigt, dass er (oder sie) sich nicht zu schade dafür ist, die Toiletten fremder Leute zu putzen. So viel Ego kann ja gar nicht mehr da sein! Gerade frische Yogis genießen es oft, sich im Sinne der Ideen großer Yogameister in die Arbeit zu stürzen; egal ob gerade Wochenende ist oder ein Feiertag. Wenn sie dann jemand aus ihrem Umfeld darauf hinweist, dass diese angebliche Aufgabe des Ego eher wirkt wie Selbstausbeutung, dann redet man sich ein, derjenige sei eben „noch nicht so weit“.

Mir stellt sich häufig die Frage: Warum gehen so viele Menschen im Namen der guten Sache über ihre eigenen Grenzen und oft gegen ihren eigenen Körper an? Ich glaube, dass „Karma Yoga“ manchmal einfach ein Etikett ist, das man über die eigenen inneren Antreiber klebt. Den Satz „Streng dich an!“ haben wir schon als Kind gehört. Wenn wir dem jetzt einen spirituellen Namen geben, sind wir aus dem Schneider – ohne dass wir tatsächlich etwas verändern mussten. Statt unser Ego abzubauen, wird es weiter fixiert. Es handelt sich um den verstecken Glauben: „Ich bin eigentlich nicht gut genug. Aber ich mache immerhin etwas für Gott. Also bin ich jemand!“ Es kann sich lohnen, vom starken Affen abzuschauen, aus welcher Haltung heraus er sich als Diener verstand. Hanuman hatte keinerlei Selbstzweifel. Er tat einfach das, was ihm richtig zu sein schien. Das ergab sich aus seiner tiefen Liebe zu Rama. Nachdem er Sita gerettet hatte, gab diese ihm ihre kostbarste Perlenkette. Hanuman nahm sie erfreut an und zerbiss dann jede einzelne Perle. Die Minister um ihn herum begannen ihn zu schelten, doch er entgegnete: „Lasst mich doch in sie hineinsehen. Wenn sie so wertvoll ist, muss Rama darin sein.“ „Nun übertreibt der Affe aber“, tönte es aus der Menge. Und weil er es nicht anders erklären konnte, öffnete Hanuman seine Brust. Dort, wo sein Herz war, konnten die Leute Rama und Sita sehen.

Man kann Karma Yoga nicht „machen“. Vielmehr werden die Dinge, die wir tun, zu Karma Yoga, wenn wir Gott (oder die Göttin) wirklich in unser Herz lassen. Man kann auf Kongressen beobachten, wie Yogis darüber diskutieren, ob und wie lange man beim Üben den Atem anhalten sollte. In Yogaforen werden Fragen gepostet, wie die, welche Meditationstechnik nun die „richtige“ sei. Wenn man wie Hanuman an die Sache herangeht, werden diese Details ein bisschen weniger wichtig. Mit der richtigen Haltung funktionieren alle Techniken gleich gut. Aus einer falschen Motivation heraus entsteht dagegen nie Karma Yoga, sondern eine Form der Selbstgeißelung. Sollte Ihnen also jemand Karma Yoga empfehlen, um an Ihrer Hingabe zu „arbeiten“, lautet mein Tipp: Vergessen Sie’s! Hingabe ist nichts, das man durch harte Arbeit oder kriegerische Akte entwickelt. Sie entsteht, indem man sich voller Freude vor etwas verneigt, das man als kostbar erkennt. Die Inder nennen es „full namaskar“, wenn sie sich im Tempel mit zusammengelegten Händen auf den Boden legen. „Dein Wille geschehe“ sagen wir in unseren Breitengeraden dazu. Das kommt – ganz einfach – von innen heraus. Man muss das Kind also nicht mit dem Bade ausschütten.

Karma Yoga ist in der Tat ein wunderbarer Weg. Wir können etwas von unserem Selbst vergessen, wenn wir lernen, unsere Kraft auch anderen zur Verfügung zu stellen. Es geht darum, den Mittelweg zwischen Trotz und Selbstaufgabe zu finden. Dann wird unser Herz weit – wie das von Hanuman. Wer dagegen von seinen Schülern Karma Yoga fordert und dabei nur „hilflose Helfer“ ausnutzt, hat nichts verstanden. Ein Lehrer, der seine Schüler wirklich für Karma Yoga begeistert, findet auch Freude darin, wenn er ab und zu selbst für sie das Bad sauber macht.

Mehr Info zum Autor Ralf Sturm finden Sie hier.

Nachgefragt bei ANNA RÖCKER

Warum muss man in Shavasana manchmal (scheinbar) grundlos weinen?

Man fühlt sich energiegeladen, ist gut gelaunt und besucht eine Yogastunde. Am Ende freut man sich auf die Tiefenentspannung, legt sich auf die Matte, entspannt – und plötzlich fließen die Tränen. Wie kommt es dazu? Die Therapeutin Anna E. Röcker liefert zwei Erklärungsansätze.

Diese Frage wird mir auch in meiner Praxis immer wieder gestellt. Meine Antwort beinhaltet zwei Aspekte: Zum Einen sind viele Menschen heute sehr unterschiedlichen Anforderungen ausgesetzt, die manchmal kaum noch zu bewältigen sind. Vor allem Frauen kämpfen häufig damit, Kinder und Beruf miteinander zu vereinbaren, sich um Angehörige kümmern und nebenbei den Alltag der Familie zu organisieren. Da bleibt kaum Zeit, sich um die eigenen seelischen Bedürfnisse zu kümmern, zu denen in erster Linie Ruhe und Zeit für sich selbst zählen. Die Seele mag bekanntlich keinen Druck und keine Daueranspannung. Sind Zeiten der Regeneration nicht mehr gewährleistet, kommt es unweigerlich zu Überlastungssymptomen auf körperlicher und psychischer Ebene. Die Yogastunden sind für viele wie kleine Oasen, in denen man sich wieder mit Energie aufladen kann. Während der
Tiefenentspannung (Shavasana) oder auch während einer Yoga-Nidra-Übung fallen oft schon nach wenigen Sekunden Spannung und Stress ab und es kommt unwillkürlich zu einem inneren Aufatmen, das sich nicht selten in Form von Tränen äußert. Die Tränen zeigen, dass innerlich wieder etwas in Fluss kommt und sich die Seele von Druck befreit.

Zum Anderen können Tränen auch darauf hinweisen, dass im Inneren schon länger ein Schmerz oder Problem schlummert, auf der bewussten Ebene aber nicht wahrgenommen wird. Dieses verdrängte Gefühl hat jetzt in der Tiefenentspannung die Chance, ins Bewusstsein zu gelangen und sich bemerkbar zu machen. Kommen Menschen mit diesem Thema zu mir in die Praxis, stellt sich meistens heraus, dass sie wohl ahnen, worum es sich handeln könnte, aber nicht den Mut haben, das Thema wirklich anzuschauen. In der Tiefenentspannung wird die Kontrolle, die unser Kopf üblicherweise ausübt, etwas schwächer. Der Verstand, der sonst unter anderem dafür zuständig ist, schmerzhafte Gefühle zu rationalisieren und auf der Verstandesebene eine Lösung zu finden, ist in diesen Momenten weniger präsent. Dafür ist das Gefühl stärker. Meistens sind diese Tränen dann ein wichtiger Hinweis, dass man sich mit einem dahinter liegenden Thema auseinandersetzen sollte.

Sie sollten sich also, wenn Ihnen während der Tiefenentspannung öfter die Tränen kommen, selbst fragen, ob es einfach ein Aufatmen der Seele ist, die endlich wahrgenommen wird, oder ein wichtiges Signal, sich mit einem tiefer liegenden Problem auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls therapeutische Hilfe zu holen.

Anna E. Röcker bietet in ihrer Münchner Praxis für Therapie und Inner Coaching unter anderem Yoga-Nidra-Seminare an. 

Wurzeln und Sprossen

Von der populären Wissenschaftlerin zur Aktivistin: Lange, bevor es gesellschaftlich hip wurde, engagierte sich die britische Forscherin und UN-Friedensbotschafterin Jane Goodall für den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Der Kino-Dokumentarfilm „Jane’s Journey“ beleuchtet die innere Motivation der 80-jährigen Britin, die vor über 50 Jahren begann, in Tansania das Verhalten von Schimpansen zu erforschen und heute im Auftrag ihrer Bildungsinitiative „Roots & Shoots“ unermüdlich um die Welt reist.

Die Erkenntnis nennt sie heute „positiv schockierend“: Bald nach ihrer Ankunft im Gombe National Park/Tansania wurde Jane Goodall bewusst, wie sehr die Eigenschaften und Aktionen der Schimpansen denen der Menschen ähneln. Für die Wissenschaft waren ihre Thesen geradezu revolutionär – es war das Jahr 1960, und die 26-jährige Forscherin hatte noch nicht mal einen Studienabschluss. Ihr erster Beitrag für die Zeitschrift „Nature“ kam postwendend zurück, weil sie bei ihren beobachteten Affen von „er“ und „sie“, also von Individuen sprach. Als erste Wissenschaftlerin gab sie den Tieren in ihrem Forschungszentrum in Gombe keine Nummern, sondern Namen, wodurch viele konservative Kollegen ihre Objektivität bedroht sahen.

Aus dieser Haltung der Verbundenheit mit der Umwelt setzte Jane Goodall ihre Studien fort, promovierte 1965 in Cambridge und gründete 1977 das „Jane Goodall Institute For Wildlife Research, Education and Conservation“, eine mittlerweile globale Organisation. Ende der 80er Jahre gab sie ihre Forschungsarbeit auf, um sich ganz dem Umweltschutz zu widmen. Insbesondere ihr Programm „Roots & Shoots“ (dt. „Wurzeln und Sprossen“) gehört mit Aktivitäten in 120 Ländern zu den wichtigsten Jugendbildungsorganisationen weltweit. Die Frau hinter der globalen Vision und ihre Gründe, ihr Privatleben fast völlig aufzugeben und alle Energie radikal in den Dienst des Umweltschutzes zu stellen, zeigt der Dokumentarfilm “Jane’s Journey” des Münchner Filmemachers Lorenz Knauer. Der Film zeigt ihr Erfolgsgeheimnis, das sie in engen Kontakt mit Staatschefs und Prominenten wie Angelina Jolie gebracht hat: Ihr Ziel, weltweites Denken und Handeln nachhaltig zu verändern, führt über gegenseitigen Respekt – und das Herz, wie sie im Gespräch mit YOGA JOURNAL erklärt.

YOGA JOURNAL: Mrs. Goodall, mit Ihrer Arbeit für die Schimpansen im Gombe Nationalpark
in Tansania haben Sie als abenteuerlustige junge Frau für Aufsehen gesorgt und sind weltweit berühmt geworden. Welchen Stellenwert in Ihrer beeindruckenden Biografie geben Sie dieser Zeit heute?
JANE GOODALL: Sie hat meinen Lebenszweck bestimmt, mit Nachdruck auf die umfassende Verbindung von Menschen, Tieren, Pflanzen und der ganzen Erde hinzuweisen. Ihre Beweise, dass sich das Verhalten von Menschen und Schimpansen nicht gravierend unterscheidet, deckt sich mit der yogischen Idee von der tiefen Einheit aller Lebewesen. Allerdings nicht mit der wissenschaftlichen Vorstellung in den frühen 60er Jahren. 1960 und heute: Jane Goodall mit „ihren“ Schimpansen im Gombe Nationalpark, Tansania Die Art und Weise, wie meine damaligen Forschungsergebnisse vom damaligen akademischen Establishment aufgenommen wurden, hat mich entsetzt. Die westliche Wissenschaft hat den Menschen auf einen Sockel gestellt, bewusst eine Trennung vom Rest der Natur herbeigeführt und Tieren Bewusstsein, Gefühle und Seele abgesprochen. Noch heute kann ich mich darüber aufregen und warte auf den Beweis, dass Menschen überhaupt eine Seele haben Dennoch gibt es natürlich Unterschiede zwischen Menschen und Tieren. Ja, wir haben unseren Intellekt und eine ausgefeilte Sprache. Am wichtigsten ist aber der Unterschied, dass unser Verhalten einer Wahlfreiheit unterliegt. Das schafft eine immense Verantwortung, ändert aber nichts an der Tatsache, dass bespielsweise die Unterschiede zwischen der Menschen und Schimpansen-DNA bei nur etwa einem Prozent liegt. Menschen können von Schimpansen Bluttransfusionen bekommen. Wir sollten uns vor falscher Überlegenheit und Arroganz hüten.

In „Jane’s Journey“ bildet dieser Abschnitt Ihrer Biografie nur die Einleitung, der Fokus liegt eindeutig auf ihren heutigen Aktivitäten mit dem Jane Goodall Institute und der Organisation „Roots & Shoots“.
In meiner Biografie hat sich eine logische Kette ergeben: Um Affen zu retten, muss man den Wald retten. Um den Wald zu retten, muss man sich um die Menschen kümmern. Über die Jahre ist mein Ansatz immer ganzheitlicher geworden. Letztlich habe ich die wissenschaftliche Arbeit aufgegeben,um als Aktivistin tätig zu sein. In meinem „zweiten Leben“, wie ich es nenne, habe ich den geschützten akademischen Raum verlassen und gehe hinaus in die Welt. Es geht ganz einfach um die Zukunft unseres Planeten.

Woher nehmen Sie Ihre Energie, an über 300 Tagen im Jahr für Ihre Projekte unterwegs zu sein?
Die gleiche Energie hätte ich als 30-Jährige nicht gehabt. Wenn man älter wird, hat man schlicht und ergreifend weniger Zeit. Das lässt mich manchmal fast verzweifeln. Ich will meine verbleibende Lebenszeit mit etwas Wertvollem füllen. An Ruhestand denke ich nicht einmal: Den kann ich erst antreten, wenn die Welt gerettet ist. (lacht leise)

Unterstützen Sie Ihre Vision mit einer bestimmten spirituellen Praxis?
Ich habe meine individuelle Form von Meditation, die ich komplett aus der Kraft der Natur beziehe. Wenn ich allein durch den Wald gehe, gibt mir allein dieser Ort spirituelle Energie. Und obwohl ich eigentlich keine religiöse Person bin, erinnere ich mich oft eine Weisheit meiner Großmutter, die mit einem Geistlichen verheiratet war: „Jeder Tag schenkt dir die Kraft, durch den Tag zu gehen. Morgen ist ein neuer Tag, und die Nacht dazwischen gehört dir allein.“

In der Yoga-Community gibt es das intensive Bestreben, den individuellen Effekt der Praxis in die Tat umzusetzen: „Off The Mat Into The World“ ist der Name einer bekannten Initiative, die Yogis mit Wunsch nach gesellschaftlichem Engagement unterstützt. Was raten Sie Menschen, die sich für die Umwelt engagieren wollen, aber durch ihren Idealismus nicht ausbrennen wollen?
Um Menschen zu aktivieren, sollte man nicht den Intellekt, sondern Emotionen ansprechen, Erfahrung erzeugen. Wenn ich vor internationalen Versammlungen wie den United Nations spreche, komme ich oft nach zahllosen Powerpoint-Präsentation von Wissenschaftlern und Managern an die Reihe. Ich hingegen erzähle eher von meinen persönlichen Begegnungen mit Kindern im „Roots & Shoots“-Programm, die mir Fragen stellen wie: „Warum steht es so schlecht um unsere Erde?“ oder „Warum ist sie so zerstört worden?“

Geht es vor allem um Authentizität?
Ich verfahre nach dem Eskimo-Prinzip: Bring das Eis um die Dinge zum Schmelzen. Ich möchte die Herzen der Menschen öffnen, erzählen, was sie konkret tun können, informieren und keinen Pessimismus verbreiten. Ich möchte sie anregen, sich über die kleinen Entscheidungen des Alltags klar zu werden: Woher kommen die Produkte, die wir kaufen, was hat ihre Produktion bewirkt, wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um… Das Stärken der eigenen Verantwortung. Nur aus verändertem Bewusstsein kommt echter Wandel. Wir alle haben riesigen Einfluss auf unseren Planeten und damit positive Macht. Viele Menschen kommen nach einem Vortrag auf mich zu und sagen mir: Ich bin ja viel wichtiger, als ich jemals gedacht habe. Im Westen entsteht Aktivismus eindeutig vor einem Hintergrund des Wohlstands.

Sie fördern das Engagement aber auch in den sogenannten Entwicklungsländern. Wo liegen hier kulturelle Unterschiede?
Im Westen entsteht der Wunsch zu helfen oft aus einer Grundmotivation von Schuld: Ich besitze so viel, und diese Menschen so wenig… Wenn man weniger wohlhabende Menschen über mögliches Engagement aufklärt, muss man sich intensiv und sensibel mit ihren Lebensumständen auseinandersetzen.

Welche Rolle spielt Vegetarismus in ihrem Leben?
Eine sehr wichtige. Ich selbst bin seit Jahrzehnten Vegetarierin, aber erst, als ich Peter Singers Buch „Animal Liberation: Die Befreiung der Tiere“ gelesen habe, wurde mir die globale Auswirkung maßlosen Fleischkonsums bewusst. Fleisch auf dem Teller repräsentiert Angst, Schmerz, Tod – und unglaubliche Klimabelastung.

Wie fließt diese Haltung in Ihre Projekte ein? Ich erinnere mich an eine Szene aus „Jane’s Journey“, in der Ihr „Chicken Project“ in Tansania vorgestellt wird.
Dieses Projekt hat zum Ziel, die ausufernde Wilderei in den Urwäldern einzudämmen. Frisches Gemüse ist dort Mangelware, deshalb versorgen wir die Bevölkerung für Ihre Ernährung mit freilaufend gezüchteten, gesunden Hühnern.

Ein Widerspruch?
Ich stelle mich nicht vor diese Menschen und befehle Ihnen, ab sofort Vegetarier zu werden. Man muss realistisch bleiben und einen Weg der kleinen Schritte einschlagen. Alles andere wäre engstirnig. Wenn wir uns fragen, was wir für andere tun können, sollten wir bei uns selbst anfangen. Auf keinen Fall wütend werden und nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Aus dem Herzen handeln. Alles andere funktioniert nicht.

 

Meditation – Über die Grundtechnik hinaus

Sobald Sie mit Ihrer Grundtechnik vertraut sind, stehen Ihnen viele kontemplative Techniken zur Verfügung, die jeder Meditierende kennen sollte.

Jede richtet sich an eine unserer grundlegenden Unausgeglichenheiten. Genauso, wie Sie einige Zeit mit Ihrer Grundtechnik arbeiten, um zu sehen, ob sie „passt“, sollten Sie jede dieser Kontemplationen je einen Monat lang mehrmals pro Woche üben, bis sie sich Ihnen öffnet. Je erfahrener Sie bei der Erforschung Ihrer inneren Landschaft werden, desto besser werden Sie wissen, welche dieser Techniken Ihnen in der jeweiligen Situation hilft; welche Sie aus einer Sackgasse herausholt, Ihr Herz öffnet oder Ihnen dabei hilft, sich wieder „ganz“ zu fühlen. Hier stellen wir Ihnen einige dieser Techniken vor.

Liebe-und-Güte-Meditation (metta)
Bei der Metta-Meditation bewegen Sie sich durch mehrere Stufen eines Wunsches, mit dem Sie sich selbst, einem geliebten Menschen, einer unbekannten Person, einem Feind und der ganzen Welt Glück, Gesundheit und Freiheit wünschen.

Nehmen-und-Geben-Meditation (tonglen)
Bei der Tonglen-Meditation atmen Sie ein bedrückendes Gefühl oder irgendeine Art von Leid ein, dann atmen Sie Glück, Frieden und Heilung aus – an sich selbst, an eine Person, die Sie kennen, an eine Gruppe von Menschen irgendwo auf der Welt und letztendlich an alle Wesen gerichtet. Eine Wirkung dieser Technik ist die Feststellung, dass Ihre Emotionen nicht nur persönlich sind. Sie werden spüren, dass jedes Gefühl oder physische Leid universell ist, und Sie werden anfangen, mehr Nähe, Mitgefühl und Verbundenheit mit anderen Wesen zu empfinden.

Erdende Meditation
Bei dieser Art der Meditation verwurzeln Sie zum Beispiel die Füße im Boden, als ob Saugnäpfe darunter befestigt wären, oder Sie stellen sich ein Energieband vor, das Ihren unteren Rücken mit dem Zentrum der Erde verbindet. Erdende Techniken gibt es in vielen Traditionen, darunter auch welche, die aus der Kampfkunst stammen, wie beim Tai Chi und Qi Gong.

Chakra-Meditation
Eine wirkungsvolle Chakra-Meditation verbindet Sie mit den Energiezentren, die sich vom unteren Ende der Wirbelsäule bis zur Krone des Kopfes erstrecken. Stellen Sie sich vor, dass die Energie in Form von Licht durch die Mitte Ihres Körpers nach oben strömt und alle sieben Chakren bis zur Krone des Kopfes verbindet. Wenn die Energie die Krone des Kopfes erreicht hat, stellen Sie sich vor, dass ein Wasserfall aus Licht sich aus Ihrem Kopf über Ihren Körper ergießt.

Es gibt (nicht) viel zu sagen

Sagen Sie, was Sie wollen – aber werden Sie sich Ihrer Sprache bewusst! Damit der Sinn der Worte wieder mit Inhalt gefüllt wird.

Jede Szene hat ihren eigenen, ganz speziellen Stallgeruch: Wir erkennen einander am Benehmen, am Aussehen, an unseren Gewohnheiten, an der Weltsicht… und natürlich an der Sprache. Aus der jeweiligen gemeinsamen Ausdrucksweise wird schnell ein typischer Jargon, ein Sprachstil oder philosophisch gesprochen, ein Sprachspiel.

So gibt es einen „Sound“ der Yogaszene genauso wie es eine psychologische oder eine pastorale Rhetorik gibt, die man sofort erkennt. Diese Sprachspiele sind aber nicht nur charakteristisch für die jeweilige Szene, sie stecken auch die Grenzen unserer Welt ab und schränken uns ein, weil sie uns in gewisser Weise auf ein bestimmtes Denken festlegen. Die Pointe dabei ist jedoch, dass uns genau diese Festlegung und Einschränkung größtenteils nicht bewusst wird – wir gehen in unserer Sprache auf, wir sind in ihr sozialisiert, wir reflektieren nicht ständig darüber, ob die Worte, die wir benutzen, passen, oder ob wir sie immer verstehen. Die Bedeutung bestimmter Begriffe scheint dabei im Laufe der Zeit an Gewicht zu verlieren; durch den inflationären und oft unüberlegten Gebrauch können manche Worte im schlimmsten Fall sogar inhaltsleer werden. Wenn es um Yoga geht, würde ich Worte wie „Loslassen“, „Hingabe“ oder auch „Karma“ zu dieser Kategorie zählen wollen – vor allem, wenn Sätze wie zum Beispiel „Lass einfach los“, „Gib dich hin“ oder „Das ist dein Karma“ phrasenhaft bis betulich daherkommen. Weiß man wirklich, was damit gemeint ist? Es besteht die Gefahr, dass es von hier aus flugs Richtung esoterisches Kauderwelsch geht – wir kennen es aus floskelhafter Erbauungsliteratur oder bekommen es zu hören, wenn der Yogalehrer mal wieder „predigt“. Im besten Fall erzeugt dieses Geschwurbel einen warmen Nachklang, der uns irgendwie umsorgt und uns in unserem Weltbild bestätigt. Verständlicher werden die Dinge durch das ewige Wiederholen verstiegener und aufgeladener Begriffe allerdings nicht: Es fehlt nicht nur das Neue, Originelle und Überraschende, sondern meist auch ein Erkenntnisfortschritt.

Der deutsche Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889–1951) meint dagegen: Alles was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden. Das heißt im Umkehrschluss: Die übertriebene Verklausulierung der Sprache (der „Eso-Talk“) zeigt deutlich, dass der Gedanke dahinter nicht klar ist. Eine „Fachsprache“ wie die des Yoga muss übersetzbar bleiben in die allgemein verständliche Umgangssprache. Wollten wir jemandem den Begriff „Hingabe“ erklären, müssten wir das in umgangssprachlichen Ausdrücken tun, sonst werden wir nicht verstanden. Ist das nicht (mehr) möglich, befindet sich der Sprecher auf dem Holzweg – oder auf einem Terrain, über das nichts gesagt werden kann. Wittgenstein sagt ganz grundsätzlich, dass es die Aufgabe der Philosophie sei, philosophische Sätze zu klären und nicht weitere (unverständliche) philosophische Sätze zu produzieren. Die von Wittgenstein maßgeblich beeinflusste „ordinary language philosophy“, eine Philosophie, die sich der Alltagssprache bedient, fragt: Wie werden Wörter tatsächlich in der Umgangssprache verwendet? Erst und nur dadurch verstehen wir ihre Bedeutung. Die Probe für die Verständlichkeit von Sprache liefert die Formel: „Einen Satz zu verstehen, heißt zu wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist.“ Aber kennen wir überhaupt eine Methode, mit der wir überprüfen können, ob das Gesagte wahr ist? Wenn etwa gesagt wird, „Draußen regnet es“, dann weiß ich genau, was zu tun ist: Ich schaue aus dem Fenster oder trete kurz vor die Tür. Bei einer Bemerkung wie: „Das ist dein Karma“ dagegen weiß ich ganz und gar nicht, was ich tun könnte, um das zu überprüfen. Dafür fehlt mir der Durchblick. Wittgenstein fordert daher: „Denk nicht, sondern schau“. Aus dieser Forderung ergeben sich folgende Frage: Woher weiß ich etwas? Was bedeutet das Gesagte genau? Gibt es eine Methode, es zu überprüfen?

All das trifft genau die Auffassung von Yoga als einer praktischen Lebensphilosophie, die auf Erfahrung gründet, auf sie aufbaut und setzt. Der wilden Spekulation setzt Yoga das Ausprobieren, das bewusste Hinschauen, die konkrete Erfahrung entgegen: Wie geht es in der Welt zu? Für all das, was wir nicht sehen oder fühlen und auch nicht beschreiben können, empfiehlt Wittgenstein am Ende seiner berühmten Abhandlung „Tractatus Logico- Philosophicus“: Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Oder in anderen Worten, auf unser yogisches Sprachspiel bezogen: Statt nur über Spiritualität zu reden, sollten wir vielleicht lieber einmal wieder still werden, uns hinsetzen und meditieren.

Interview: Johannes Gutmann

„Den kann man nicht kopieren. Den kann man nur kapieren.“ Das schreibt der österreichische Journalist und Autor Peter Gnaiger in dem kürzlich erschienenen Buch „Gut geht anders“ über den Gründer und Chef des Sonnentor-Kräuterhandels Johannes Gutmann. Dieser hat in den letzten Jahren unter dem Logo der lachenden Sonne seine Bio-Qualitätsprodukte aus dem Waldviertel zu einem internationalen Exportschlager gemacht. Dabei ist er erstaunlich bodenständig geblieben. Wie macht er das nur?

YOGA JOURNAL: Herr Gutmann, in was für einer Zeit leben wir eigentlich?
JOHANNES GUTMANN: Wir leben in einer sehr spannenden Zeit voller Krisen, Sorgen, Hektik, Globalisierung, Geldgier und kurzsichtigen Handlungen. Gerade in solchen Zeiten ist es besonders wichtig, andere Wege einzuschlagen. Man muss von den ins Leere führenden Systemen Abstand zu nehmen, um die eigene Mitte und einen Ausgleich zu finden.

Sie forcieren mit all Ihrem Tun alternative Lebens- und Arbeitsformen. Müssen Sie das System ignorieren, um Ihre Ziele zu erreichen?
Nein, wir sind ja trotzdem alle Teil der Systeme. Wir sind aber nicht abhängig von den uns umgebenden Systemen, weil wir schon immer nach Unabhängigkeit und Freiheit und Freude gestrebt und gelebt und agiert haben.

Ihre rund 170 Mitarbeiter bei Sonnentor sind durchschnittlich nur sechs Tage pro Jahr krank, Ihre Qualitäten im Bereich der Personalführung werden überall über den grünen Klee gelobt. Was machen Sie richtig?
Wir machen es immer so, wie wir es auch selbst gerne hätten. Wenn wir Wertschätzung erfahren wollen, dann müssen wir zuerst Wertschätzung vorleben und geben. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu“ – das wurde mir schon als Kind gesagt und vorgelebt. Dieser Grundsatz ist uns sehr wichtig und danach versuchen wir uns immer auszurichten.

Sie planen in Sprögnitz gerade ein Bio-Gasthaus, das den Projektnamen „Sonnentor-Akademie“ trägt. Und einen Ü60-Bauernhof haben Sie ebenfalls angedacht. Was kann man sich jeweils darunter vorstellen?
Die Sonnentor-Akademie beruht auf drei Säulen: Die erste Säule ist die der „Verpflegung“: Das gute Essen wird täglich ausschließlich aus der Region Waldviertel kommen. Damit werden die mittlerweile 40 000 Gäste versorgt, die Sonnentor jährlich besuchen kommen. Unsere Besucher wollen hier unsere Geschichte und unsere Grundsätze erfahren und spüren: gelebte Philosophie, leben und leben lassen, Wertschätzung. Die zweite Säule bildet das „Wissen“: Wir werden Kurse und Schulungen für Mitarbeiter, Franchisepartner, Partnerläden und alle Sonnentor-Fans anbieten, die den Bezug zu fruchtbarem Grund und Boden wiederfinden wollen, die sich wieder erden und mehr über Zusammenhänge des täglichen guten Lebens lernen wollen. Dies wollen wir mit unseren regionalen Bio-Bauern und unseren internationalen Bio-Anbauprojekten und Partnern realisieren. Die „Zukunft“ wird die dritte tragende Säule in der Akademie sein: Wir planen einen Sonnentor-Kindergarten für die Kleinen unserer MitarbeiterInnen, die von Kindheit an Zusammenhänge verstehen sollen. Und sie dürfen dort lernen, dass alles seine Grenzen hat und braucht. WIR für UNS! Der Ü60-Bauernhof soll das Kinderreich mit der Weisheit der älteren Bäuerinnen und Bauern zusammenführen. Viele betagte Menschen werden nicht mehr gebraucht und aufs Abstellgleis gestellt. Wir von Sonnentor vergeben zum Beispiel sehr viele Handverpackungs- und Etikettierungsarbeiten an solche helfenden Hände. Die Menschen sind glücklich, gebraucht zu werden und Anteil am Erfolg zu haben. Gebrauchtwerden im Sinne der Wertschätzung der Lebensweisheit und der Menschlichkeit – und nicht im Sinne der Akkordarbeit.

Was bedeutet gelebte Nachhaltigkeit für Sie?
Mit allen Ressourcen, die uns täglich zur Verfügung stehen, sorgsam umzugehen. Mir ist es wichtig, zu erkennen, was ich nicht brauche.

Wer oder was ist heute Ihre „emotionale Tankstelle”?
Meine Familie mit meiner kleinsten Tochter Lea und meiner lieben Frau Edith, sowie die vielen Bestätigungen und dankbaren Reaktionen unserer Fans und Kooperationspartner, die wir täglich bekommen.

Wie kam es zu dem Buchprojekt „Gut geht anders“ mit Peter Gnaiger?
Sonnentor begeistert nun schon seit 25 Jahren mit Bio-Kräutern und Bio-Gewürzen. Wir haben daher beschlossen, unseren anderen Weg des Erfolges und der Kooperationen mit der „normalen Wirtschaft“ und deren Krisen zu vergleichen. Der Ecowin-Verlag war sofort bereit, diese Idee mit dem Journalisten Peter Gnaiger und uns umzusetzen.

Im Buch sagen Sie zu Peter Gnaiger „Wir müssen Kreisläufe werden, keine Zahnräder.“ Was meinen Sie damit?
Zahnräder funktionieren nur so lange, wie es im vorgesehenen Ablauf rund läuft, so lange nichts bricht. Kreisläufe sind und bleiben flexibel. Sie müssen immer angepasst werden, sind ständig Veränderungen unterworfen. Sonnentor agiert als Teil des Kreislaufes und wartet nicht aufs Reagieren eines Zahnrades, das nur funktioniert.

Begrüßen Sie die Entwicklung, dass Bio heute mehr „Lifestyle“ versprüht als noch vor wenigen Jahren?
„Biologie“ heißt übersetzt „Lebenslehre“. Das ist unsere Lebensbasis, so wie der Mensch ein Teil der Natur ist. Bio ist mittlerweile ein Trend geworden. Grundsätzlich bin ich froh, dass sich immer mehr Menschen danach richten. Es geht mir aber weniger um die Kontrolle als vielmehr um das Vertrauen in das gute Leben, das jedem zugänglich sein soll. Da muss jetzt nicht unbedingt „Bio“ drauf stehen. Es gibt viele Wege, die ein glückliches Leben ermöglichen.

 

 

Musik als Therapie

Ólafur Arnalds ist kein Mann der großen Show. Mit isländischem Gleichmut und Witz beantwortet er alle Fragen in seinem ersten „yoga-spezifischen“ Interview. Im Verlauf des Gesprächs wird klar: Show hat für ihn nur auf der Bühne etwas zu suchen.

»Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Album mit Abstand das beste ist, das ich bisher gemacht habe«, behauptet der neue Star der Neo-Klassik-Musik von seinem Album „For Now I Am Winter“. Ich muss ihm Recht geben. Es ist eines der besten Alben, die ich in letzter Zeit gehört habe. Fast jedes Stück war bei mir auf „Repeat“ geschaltet – vor allem „Brim“, das wir für unsere CD „Yogi Beats no.5“ ausgewählt haben. Mit viel Tiefgang und Liebe mischt Arnalds die klassische, melancholische Musik mit bewegenden elektronischen Beats. Auf seinen Konzerten wird er dazu von einem großen Orchester begleitet. Abseits der Bühne herrscht dagegen eher Understatement, dort sind seine Töne leise und durchdacht …

Ólafur, wie kamst du auf die Idee, klassische Musik mit elektronischen Beats zu mischen?
Ich habe in einer Hardcore-Band als Drummer gespielt und in Island die deutsche Metal-Band Heaven Shall Burn als Vorband unterstützt. Weil ich ein großer Fan bin, hab ich ihnen dann im Anschluss ein Demotape mit ein paar überdramatischen Progressive-Rock-Songs gegeben, die mit Streich- und Klaviermusik untermalt waren. Ein paar Monate später kamen sie auf mich zu und baten darum, ihnen ein Intro, Outro und Interlude zu komponieren. Heavy Metaler haben gerne dramatische Klassik zum Einstieg, bevor sie dann richtig losröhren (lacht). Weil diese Band sehr bekannt ist, wurden die Leute nach und nach auch auf mich aufmerksam. Ein Label schrieb mich an, ob ich mir vorstellen könne, ein ganzes Album in diesem Stil zu komponieren. Also schrieb ich meine ersten klassischen Stücke und bin seitdem dabei geblieben. Obwohl ich mir davor nie hätte ausmalen können, ständig solche Musik zu schreiben!

Du singst allerdings nicht selbst und hast für dein neues Projekt Sänger Arnor Dan Arnarson engagiert.
Ja, Arnor ist ein befreundeter Sänger der Band Agent Fresco. Wir kennen uns schon lange und ich finde, seine feine, melancholische Stimme vollendet die Stücke. Ich kann übrigens nicht so gut singen (lacht). Außerdem bin ich ja hauptberuflich Komponist und Produzent.

Dein Album „For Now I Am Winter“ wurde diesen Frühling veröffentlicht.
Ich versuchte, mein Label unbedingt davon zu überzeugen, dass das Album noch letzten Winter hätte herauskommen sollen. Dann ist es doch Frühling geworden. Als wir jedoch auf Tour gegangen sind, hat es immer genau an dem Abend geschneit, an dem wir gespielt haben – obwohl das Wetter tagsüber noch relativ heiter war. Und das war in allen Städten so, von London bis Berlin. Die Wettergötter waren gut zu uns. (Anm. d. Red.: Und wie hätte es anders sein können: Mittags saßen wir noch bei strahlendem Sonnenschein im Biergarten. Doch als sich der Tag dem Ende zuneigte, spitzte sich die Wetterlage dramatisch zu – bei Konzertbeginn gewitterte es heftig.)

Den dramatischen Melodien nach zu urteilen, scheint es, als wärst du vom Dunklen, Mystischen und Melancholischen sehr fasziniert. Einer deiner älteren Songs trägt den Titel: „And They Have Escaped The Weight Of Darkness“. Hat dich deine Heimat Island dazu inspiriert?
Nein, eigentlich nicht. Leute, die in Island leben, finden das Land auch nicht unbedingt mystisch und dunkel, weil sie es gar nicht anders kennen. Und die Lieder spiegeln auch nicht meine Seele wider. Ich bin gerne an der Sonne und lache viel. Aber es gibt auch noch diese leidenschaftliche Seite an mir. Wenn ich ein Lied schreibe und es so erhellend oder aufmunternd finde, dass ich dabei lächle, kann ein anderer das Lied als tiefgründig und bedrückend empfinden. Musik wirkt auf jeden anders und ich möchte niemandem vorschreiben, wie er empfinden sollte. Ich hoffe allerdings, dass die Leute bei der Musik wenigstens irgendetwas fühlen.

Du machst seit einem Jahr Yoga. Welcher Weg hat dich dorthin geführt?
Auf Yoga kam ich durch den Sänger meines neuen Albums, Arnor. Er praktiziert schon seit Längerem und hat mich einmal in eine Hot-Yoga-Stunde mitgenommen. Seitdem übe ich begeistert drei Mal die Woche 90 Minuten. Ich habe vor sieben Jahren einen Unfall gehabt und mir die Halswirbelsäule angebrochen. Der konstante Schmerz in Nacken und Rücken hat mich also in diese Richtung geführt. Und ich fühle mich wirklich seit sieben Monaten viel besser und habe nur noch einen kleinen Schmerz im Nacken. Sogar meine Freunde haben mich auf meine verbesserte Haltung angesprochen! Von daher kann ich schon behaupten, Yoga habe mich glücklicher gemacht. Ich bin allerdings nicht zum Yoga gegangen, weil ich mit mir unzufrieden war oder unglücklich, sondern hauptsächlich wegen meines Körpers. Musik ist meine wahre Therapie. Auf Tour praktiziere ich jetzt täglich mit einem befreundeten Violinisten und unterrichte ihn. Auch wenn es nur zehn Minuten täglich sind, hilft es enorm. Die Nächte im Tourbus sind für meinen Rücken nämlich nicht gerade gut …

Wie kommst du mit dem Hype zurecht, den du aufgrund deiner Berühmtheit gerade erfährst?
Das Wichtigste ist für mich, immer wieder zu realisieren, dass das alles nur Show ist. Wie kann ich wissen, ob mich die Leute wirklich mögen? Klar, sie finden meine Musik toll. Ich gebe täglich viele Interviews und bekomme wunderbares Feedback. Dann sitzen die Redakteure vor mir, alle einen Zettel vor sich wie du, auf dem mein Leben steht. Ich finde das irgendwie eigenartig. Wenn wir auf Tour sind, bin ich ständig von Menschen umgeben, die meinem Ego schmeicheln und mir Liebe entgegenbringen. Das kann einem schon mal zu Kopf steigen. Es ist auch schön, durch die Welt zu reisen, aber zuhause komme ich dann wieder an und merke, was wirklich wichtig ist im Leben.

In einem anderen Interview hast du behauptet: „Ich warte nicht erst, bevor mich jemand entdeckt. Ich mache etwas dafür“. Hast du dennoch manchmal das Gefühl, geleitet zu werden? Gibt es etwas, woran du glaubst?
Nein, ich glaube nicht an Schicksal, an Gott oder Ähnliches. Ich glaube an mich und bin eigentlich beinahe ein wenig ein Kontrollfreak. Selbst wenn wir auf Tour sind und alle ihre Aufgaben gut machen, muss ich dennoch immer Anweisungen geben. Man sagt zwar, dass Yoga einen dazu bringt, Dingen seinen Lauf zu lassen, aber eine solche Veränderung habe ich noch nicht bei mir bemerkt. Vielleicht kommt das ja noch (zwinkert).

AUF DER SPUR ZUM HERZEN

One Track Heart: Die Geschichte des Krishna Das. „I am a pilgrim, the road’s so long. I am the singer, you are the song. I am the lover, you are the love. Jai Gurudev!“, singt Krishna Das auf seiner CD „One Track Heart“. Seine Konzerte, seine Praxis, sein ganzes Leben hat er voller Liebe und Demut in den Schatten – nein, ins Licht! – seines Gurus Neem Karoli Baba gestellt. Und dieses Licht leuchtet heute aus seinen Augen, wenn Krishna Das von ihm spricht. Die Dokumentation über das Leben des bekannten Kirtansängers, die ebenfalls den Titel „One Track Heart“ trägt und Anfang Dezember hierzulande auf DVD erschienen ist, macht schnell klar: Krishna Das hat seine Lebensfreude wiedergefunden, seit er hingebungsvoll im Namen seines verstorbenen Meisters chantet. Nach langer Sinnsuche, einigen Irrwegen, einer verpassten Karriere als Rockstar, zahlreichen Drogeneskapaden und Jahren tiefster Verzweiflung über den Tod des über alles geliebten Maharaji, folgt er nun seiner Berufung als spiritueller Musiker und damit nur noch einer einzigen Fährte: Mitten ins Herz der Herzen.

Fazit: Unbedingt anschauen: Inspiration und Bhakti pur!

One Track Heart: Die Geschichte des Krishna Das, von Jeremy Frindel, mind jazz pictures, ca. 17 Euro