Sozial, oder was?

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Macht die große Zahl von Leuten, die Yoga üben, die Welt zu einem besseren Ort?
Bewegen die vielen Yogis etwas zum Guten? Beim Engagement für Flüchtlinge und anderen wichtigen gesellschaftlichen Themen scheint das nicht gerade der Fall zu sein. Die Trägheit der Yogis ist am Ende auch ein Problem für die Glaubwürdigkeit von Yoga an sich…

„Ist die verhältnismäßig große Zunahme der Zahl professioneller (…) Moralphilosophen in moralischer Hinsicht etwas Positives?“ Diese provokante Frage stellte die Philosophin Annette Baier vor 30 Jahren an die Zunft. Selbstreflexion kann auch der wachsenden Yogagemeinde nicht schaden. Es geht hier wie da um die soziale Nützlichkeit von Leuten, die großartige ethische Ideen vertreten. Und es geht konkret um die Frage, wie lebensnah und hilfreich Yoga als angeblich praktische Lebensphilosophie ist.
Eine Blitzumfrage im Yogastudio hat ergeben, dass meine Schüler und ich selbst in der Unterstützung von Flüchtlingen nicht oder nur sehr mäßig aktiv sind. Das kratzt ordentlich an unserem Selbstverständnis als so­zial engagierte Menschen. Wir haben vom jeweils anderen sozusagen ganz selbstverständlich angenommen, dass er oder sie sich in der aktuellen Situation engagiert: das Studio, die Lehrer, die Schüler, das Yoga Journal, irgendwer müsste doch eigentlich … Fehlanzeige. Ein bisschen seltsam ist es schon, dass die Yogis nicht auf der großen Welle der Hilfsbereitschaft mitsurfen – ganz zu schweigen davon, dass sie die Welle ausgelöst hätten oder sie weiter anwachsen ließen.

Yoga versus Aktivismus?

Offenbar ist es nicht so, dass aktive Zivilcourage, Hilfsbereitschaft, soziales Engagement und Solidarität beim Yoga frei Haus mitgeliefert werden. Vielleicht weil das aktive, gemeinsame, zielgerichtete Handeln (also auch das politische Handeln) keine Kernkompetenz im Yoga ist? Oder vielleicht, weil sich Yoga dann eben doch in einer übertriebenen Selbstwahrnehmung erschöpft? Wir haben die ständige Rede von Mitgefühl und Hilfe für andere zwar im Ohr wie ein Mantra, aber Yoga macht uns nicht automatisch zu Aktivisten, wenn es drauf ankommt. Wir haben vergangenes Jahr gesehen (zumindest wir in München), dass die yogische Trägheit und Ratlosigkeit von der „normaler“ Leute nicht zu unterscheiden ist.

Politisch und sozial engagierte Yogis

Dabei gibt es tatkräftige Vorbilder: T. Krishnamacharya (1888–1989) war ein sehr aktives Mitglied in seiner Stadtgesellschaft. Sein Sohn berichtet davon, das Krishnamacharya sich auch in lautstarke Streits am Markt eingemischt hat. Die Amerikanerin Seane Corn propagiert seit 2007 ihr Projekt „Off the Mat Into the World“, das als Non-Profit-Organisation eine Brücke zwischen Yoga und Aktivismus schlägt und es sich zum Ziel gemacht hat, durch nachhaltigen Aktivismus zu einem gesellschaftlichen Wandel zu inspirieren. Am verblüffendsten ist vielleicht der diplomatische Erfolg des indischen Yoga-Gurus und Friedensbotschafters Sri Sri Ravi Shankar, der zur Zeit zwischen den seit Jahrzehnten verfeindeten Bürgerkriegsparteien in Kolumbien vermittelt: Die Verhandlungsgruppe der Rebellen telefoniert und übt regelmäßig mit ihm, sobald die Gespräche stocken.

Das Spirituelle am Yoga ist sein Wirken in der Welt

Der Blick aufs eigene ­Leben gibt Auskunft über das Gelingen von ethischen (Yoga-)Ideen. Der Prüfstein fürs Yoga-Gerede ist das Handeln und jede einzelne Entscheidung, die wir täglich treffen. Den originellsten Beitrag zur Diskussion hat die ghana­ische Künstlergruppe FOKN geliefert, wie Jonathan Fischer in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Sie fordert Afrikaner auf, massenhaft nach Europa zu gehen, um dort den Europäern zu helfen, ihre eigenen Werte nicht zu vergessen. Mitgefühl und Großzügigkeit könnten uns die Flüchtlinge beibringen: Go to Europe – Save the People. Denn wer könne besser Familiensinn, gemeinsames Essen oder offene Straßengespräche lehren als Afrikaner?

Teach to Talk. Show to Share. Help to Love.

 

Michi Kern Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs und Restaurants – und studiert Philosophie.

 


Illustration: ju sajjad0// www.pixabay.com

Montags-Mantra: Die Zeit bewusst einteilen

Gutes Zeitmanagement_Montags-Mantra

Die meisten und dümmsten Fehler passieren in der Hektik! Wir haben sicher nicht immer Zeit, über alles ausführlich nachzudenken. Aber wenn wir keine Zeit haben oder uns keine Zeit nehmen, wenigstens ein bisschen nachzudenken, geraten wir in einen Teufelskreis von Fehler machen und Fehler ausbügeln. Das gilt im Arbeitsleben genauso, wie für Zwischenmenschliches. Der Mathematiker und Begründer des Aphorismus Georg Chrstoph Lichtenberg riet klugerweise bereits im Zeitalter der Aufklärung zu einem guten Zeitmanagement:

 

Man sollte nie so viel zu tun haben, dass man zum Nachdenken keine Zeit mehr hat.

 

Kommt gut geplant durch die Woche!


Foto: Sonja Langford/ www.unsplash.com

Alles super mit Superfood?

Superfoods mit Pink Elephant Cooking_Foto: Stefanie Kisner

Superfoods sind der Supertrend der modernen Ernährung – gerade auch während
fordernder Yoga-Retreats, wo der Körper besonders viel Energie braucht.
Stefanie Kissner hat in die Töpfe einer Retreat-Küche geschaut und dabei erfahren: Die wahren Superfoods wachsen daheim.

Das Haus am Meer liegt leicht versteckt in einer Bucht in der Nähe von Arrifana, an der wunderschönen portugiesischen Algarve. Zistrosen verbreiten den unverkennbaren Geruch dieser Region. Wir sitzen an dem ­großen Holztisch auf der Terrasse und philosophieren über Super­foods, Kochen als Meditation und Ashtanga Yoga. Heather und Martin von Pink Elephant Cooking sorgen hier für das leibliche Wohl der Retreat-Teilnehmer, ­Annette und Daniel von Yogabija sind zuständig für das Ashtanga Yoga. Wie sich herausstellt eine Symbiose, die es in sich hat.
Doch was sind denn nun eigentlich Superfoods? Im engeren Sinn werden damit Lebensmittel bezeichnet, die einen überdurchschnittlich hohen Nährstoffgehalt haben, also besonders reich sind an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Motto: Super Food, super gesund. Dank entsprechendem Marketing denken die meisten bei dem Stichwort wohl zuerst mal an Maca, Chia, Acai oder Moringa. Das klingt nicht nur exotisch, all diese Produkte kommen auch von weit her. Aber muss man wirklich so weit in die Ferne schweifen, um den Körper optimal und effizient mit Nährstoffen zu versorgen? Heather und Martin finden: Viele Superfoods wachsen um die Ecke, sie müssen nicht eingeflogen werden, sind deswegen viel umweltfreundlicher, außerdem günstiger und haben vor allem einen enormen Vorteil: ihre Frische.

Superfood aus Übersee? Nicht immer super!

Dazu kommt, dass die Exoten in letzter Zeit teilweise sogar in Verruf kamen. Das Magazin Öko-Test veröffentlichte im April 2016 einen Test mit teilweise verheerenden Ergebnissen: Elf der getesteten Bio-Superfoods aus Übersee waren so hoch mit Schwermetallen, Pestiziden, Mineralöl, Cadmium und Blei belastet, dass sie mit „ungenügend“ bewertet wurden, zwei Produkte erschienen den Testern sogar als „nicht verkehrsfähig“. Die Hersteller erklärten die Belastung mit dem Abdrift von Pflanzen­schutzmitteln und der allgemeinen Kontamination von Luft, Wasser und Boden. Mit anderen Worten: Auch wenn in der Bio-Landwirtschaft keine Chemikalien eingesetzt werden, können die Produkte dennoch damit belastet sein. Umweltverschmutzung kennt nun mal ­kei­­ne­ Grenzen.
Es gibt also mehr als einen guten Grund, sich mit regionalen und saisonalen Produkten und ihren Nährstoffwerten vertraut zu machen. Gerade jetzt in der Erntezeit ist der Tisch besonders reich gedeckt.

Beeren, Brokkoli und Kürbiskerne

Ein paar ­Beispiele: Brokkoli ist besonders für Frauen interessant, nach verschiedenen Studien enthält er Inhaltsstoffe, die das Brustkrebsrisiko senken. Kürbiskerne sind wiederum für die Prostata gut. Hanfsamen sind mindestens so genial wie Chiasamen: Darin stecken massig Omega-3-Fettsäuren und Gamma-Linolensäuren, hanfspezifische Anti­oxidantien wie Phytol schützen Gehirn und Herz und verringern außerdem das Krebsrisiko. Im Sommer wachsen in Deutschland außerdem Heidelbeeren und schwarze Johannisbeeren, die genauso viele Vitamine wie die Gojibeere enthalten. Man sieht: Es gibt für vieles eine regionale Alternative.
Aber man muss ja kein Dogma daraus machen. Heather findet: „Es geht eher darum, einfach mal auszutesten, was kann ich hier aus meiner Region und vorzugsweise saisonal nehmen, bevor ich auf die exotischen Superfoods zurückgreife. Dass man sich im Winter nicht nur von Sauerkraut ernähren will, ist klar. Wir sollten den Luxus genießen, dass wir unsere Nahrung mit vielen schönen Dingen ergänzen können – und dazu gehört dann eben auch Chia, Kakao oder Kokosöl.“ Dabei sollte man auf namhafte Bio-Hersteller zurückgreifen, die eine vertrauenswürdige Qualitätsprüfung vornehmen. Heathers Credo: Der gute Mix macht´s.

 

Pink Elephant CookingHinter PINK ELEPHANT COOKING verbergen sich die Kochkünstler Heather Donaldson und Martin Riedel. Ihre Freestyle-Küche ist in kein kulinarisches Korsett gezwängt, Kochen ist für beide ein meditativer Zustand. www.pinkelephantyoga.de
Wer in den kulinarischen Genuss ihrer Rezepte kommen möchte, kann dies auch mit dem Ashtanga Yoga Retreat von YOGABIJA an der Algarve kombinieren. Auch Ashtanga-Neulinge werden hier liebevoll aufgenommen und sanft im Mysore-Stil angeleitet. www.yogabija.eu

Brokkoli und Rote Bete auf Buchweizen-Bulgur

Brokkoliund rote Bete auf Buchweizen-Bulgur

Brokkoli und Rote Bete mit Tamari-Kürbiskernen auf Buchweizen-Bulgur. Das leckere Rezept stammt von Pink Elephant Cooking.

Zutaten für 4 Portionen:

100 g Kürbiskerne ++ 3 EL Tamari ++ 250 g Buchweizen-Bulgur ++ 1 Brokkoli ++ 1 Rote Bete ++ 1 EL Kokosöl zum Anbraten ++
1 Schuss Balsamico-Essig ++ 1 EL Kokosblütenzucker ++ geriebene Schale von 1 unbehandelten Zitrone
Zubereitung
1. Rösten Sie die Kürbiskerne in einer Pfanne leicht an, löschen Sie sie mit Tamari ab und schütten Sie sie zum Abkühlen aus der Pfanne auf einen Teller.
2. Kochen Sie den Bulgur in heißem Salzwasser (besser Gemüsebrühe) kurz auf. Dann nehmen Sie den Topf vom Herd und lassen den Bulgur im geschlossenen Topf 15 Minuten lang ziehen.
3. In der Zwischenzeit putzen Sie den Brokkoli und teilen ihn in Röschen. Die Rote Bete wird in feine Scheiben geschnitten. Erhitzen Sie das Kokosöl in einer Pfanne und schwenken Sie den Brokkoli kurz darin. Anschließend geben Sie ihn in eine Schüssel und schmecken ihn mit Salz und Pfeffer ab. Decken Sie die Schüssel ab und lassen Sie ihn ziehen. Braten Sie nun die Rote Bete ebenfalls kurz im Kokosöl an, karamellisieren Sie sie mit etwas Kokosblütenzucker und löschen Sie sie mit Balsamico-Essig ab. Zum Schluss schmecken Sie das Gemüse mit Salz und Pfeffer ab.
4. Richten Sie den Buchweizen-Bulgur auf einer Platte an, verteilen Sie Rote Bete, Brokkoli und die Kürbiskerne darauf und streuen Sie etwas Zitronenabrieb darüber.

 

Pink Elephant CookingHinter PINK ELEPHANT COOKING stehen die Kochkünstler Heather Donaldson und Martin Riedel. Ihre Freestyle-Küche ist in kein kulinarisches Korsett gezwängt, Kochen ist für beide ein meditativer Zustand. Mehr Infos unter:  www.pinkelephantyoga.de

 


Titelbild: Stefanie Kissner

Ab heute im Kino: From Business to Being

„Rückblickend war es ein lupenreines Burnout“, erzählt der ehemalige Investment Banker, Rudolf Wötzel in From Business To Being. Er erkennt: Wenn er so weitermacht, ist er in ein paar Jahren ein totales Wrack. Die Krisen der heutigen Arbeitswelt sind Bewusstseinskrisen – davon sind die Macher des Films, Hanna Henigin und Julian Wildgruber, überzeugt. Essenz statt Effekt: Ihr Dokumentarfilm begleitet drei Führungskräfte, die für einen Wandel in der Unternehmenskultur stehen.

Mehr Infos zum Film findet ihr unter www.business2being.com

Achtsamkeit in der Hirnforschung

Achtsamkeit in der Hirnforschung

„Achtsamkeit ist ein Lebensweg“, sagt die Lehrerin für Yoga- und MBSR (achtsamkeitsbasierte Stressreduktion), Britta Hölzel. Gleichzeitig erforscht sie mit den Mitteln der modernen Hirn­forschung die Wirkung der Achtsamkeitspraxis. Ein Gespräch über Missverständnisse im Achtsamkeitsboom, über Methoden und Grenzen der Forschung – und über Absichtslosigkeit in der Absicht.

YJ: Ein Blick auf den Buchmarkt (und in Ihr aktuelles Buch) weckt den Eindruck: Achtsamkeit verbessert das Leben quasi von der Schwangerschaft bis zum Sterbebett. Wo liegen die Grenzen dieses Allheilmittels?
Ich denke, die Grenzen liegen vor allem dort, wo man erwartet, dass kurze Programme Wunder bewirken. So wird es ja im Moment häufig eingesetzt: Man denkt, man macht einen Acht-Wochen-Kurs und danach ist alles gut. Achtsamkeit ist aber ein Lebensweg, eine Haltung. Wenn man sich ernsthaft darauf einlässt, kann sie eine ganz starke transformative Wirkung haben, aber sicher ist das kein „Quick-Fix“, der etwas wieder in Ordnung bringt, und sonst geht alles weiter wie gehabt.

YJ: So wird es aber häufig verstanden – zum Beispiel, wenn Firmen ihre Mitarbeiter in Achtsamkeit schulen, um Stressresistenz und Leistungsfähigkeit zu verbessern …
Genau. Dabei muss man diese Haltung schon wirklich ins Leben bringen, damit sie wirken kann. Wenn sie das aber tut, dann macht sie sehr viel: Ganz einfach dadurch, dass man sich weniger mit den eigenen Schwierigkeiten identifiziert, dass man weniger Stress erzeugt, weil man nicht so daran anhaftet, wie die Dinge vielleicht sein sollten.

YJ: Sehen Sie diese breite Anwendung und große Popularisierung von Achtsamkeit eher als Chance oder als Problem?
Im Moment sind sehr viele Stimmen zu hören, die davor warnen, dass Achtsamkeit zu sehr verwässert wird – gerade wenn sie zur Selbstoptimierung oder zur Optimierung der Arbeitskräfte verwendet wird. Ich glaube aber, wenn man die Praxis wirklich ernst nimmt, dann stellt sich diese Gefahr gar nicht so dar. Achtsamkeit geht ja damit einher, dass wir uns selber besser spüren, dass wir uns auch besser so akzeptieren lernen, wie wir sind. Deshalb ist mein Vertrauen in die Praxis, dass sie diesen Selbst­optimierungszwang selbst ein Stück weit aushebelt.

YJ: Anstatt sich selber zu akzeptieren, wird die Praxis aber häufig so interpretiert, dass man eher die Verhältnisse akzeptiert und versucht, besser mit ihnen umzugehen. Stefan Schmidt nennt das in Ihrem Buch eine „kollektive Selbstregulierung“, die ein krank machendes System eher stützt als aufbricht.
Naja, man hört aber auch immer mal wieder von Menschen, die nach einem Achtsamkeitskurs in einem Unternehmen kündigen, das an unguten Strukturen festhält. Ich glaube, dass der Begriff der Akzeptanz bei uns oft ein bisschen missverstanden und überbetont wird. Wenn man in die buddhistischen Schriften schaut, dann kommt zu dieser Haltung des Anschauens ohne sofort zu reagieren auch immer noch etwas anderes, nämlich eine Unterscheidungsfähigkeit, die genau erkennt: Was sind die heilvollen Zustände oder Geisteszustände und was sind die unheilvollen – und die versucht man zu verbannen.

YJ: Daran schließt sich gleich ein zweites, weit verbreitetes Missverständnis an: Dass in der Achtsamkeit grundsätzlich nicht gewertet und geurteilt werden sollte …
Ja, das war für mich auch immer ein Punkt, über den ich gestolpert bin. Ich glaube, das wird bei uns im Westen so stark betont, weil wir das Werten und Urteilen so absolut übertrainiert haben, während wir uns mit der Akzeptanz oft sehr schwer tun. Aber dabei darf nicht das Missverständnis entstehen, dass es darum ginge, nichts mehr zu bewerten. Das funktioniert auch gar nicht, wenn man ein Leben leben will in dieser Welt. Wichtig ist nur, Anhaftungen und Vermeidungen zu erkennen – wo zieht es mich hin, wogegen habe ich Widerstände – und dann nicht unmittelbar auf jeden Impuls zu reagieren, sondern auszusteigen aus diesem automatisch ablaufenden inneren Kommentieren. Denn das ist etwas ganz anderes, als mit Weisheit unterscheiden zu können: Was ist gesund, zuträglich und gut auch für die Welt – und was ist all das nicht.

Achtsamkeit und Forschung

YJ: Welche Rolle spielt die gute wissenschaftliche Erforschung bei der Erfolgsgeschichte von Achtsamkeit?
In unserer Gesellschaft wird all das einfach als sehr wichtig erachtet. Dazu kommt derzeit eine große Begeisterung für die Hirnforschung – auch das spielt sicher eine Rolle, wenn man heute so viel über Achtsamkeit spricht.

YJ: Können Sie vielleicht einmal kurz skizzieren, wie man sich die Erforschung von Achtsamkeit vorstellen kann?
Das ist schwierig: Die Forschung ist sehr vielfältig und zum Teil auch unübersichtlich. Da gibt es psychologische Studien mit gesunden Teilnehmern, es gibt klinische Untersuchungen über die Wirksamkeit bei verschiedenen Beschwerden und schließlich die neurowissenschaftliche Forschung, in der ich hauptsächlich arbeite. Die einen fragen, was die Achtsamkeitspraxis bewirkt, die anderen schauen eher, wie sie wirkt – und das mit teilweise sehr verschiedenen Fragestellungen und Methoden.

YJ: Und in der neurowissenschaftlichen Forschung schieben Sie Ihre Testpersonen in den Kernspintomographen und geben ihnen verschiedene Aufgaben?
Im Prinzip ja, aber auch da gibt es unterschiedliche Herangehensweisen: Wenn man strukturelle Veränderungen im Gehirn untersucht, kann man zum Beispiel vor und nach einem MBSR-Training messen: Was ist genau passiert? Und dann gibt es funktionelle Studien, die sich die Aktivierungsmuster im Gehirn ansehen. Da würde man entweder die Aktivierungen im Ruhezustand ansehen, oder aber Aktivierungsmuster bei bestimmten Aufgaben. Man zeigt Bilder, Sätze oder Geräusche und schaut: Wie reagiert das Gehirn darauf?

YJ: Und was schließt man aus diesen Aufnahmen?
Noch gibt es keine absoluten Kenntnisse oder Standards, die uns genau sagen: Das bedeutet jetzt dies und jenes. Wir müssen das interpretieren und dabei greifen wir häufig auf das zurück, was uns die Probanden erzählen. Gerade in der psychologischen Hirnforschung ist noch so vieles offen, dass man das rückschließend zusammensetzt.

YJ: Gibt es schon Aufnahmen eines Gehirns in Samadhi, dem Zustand völliger Versenkung?
(Lacht.) Das ist es, was mich überhaupt zu diesen Forschungen gebracht hat! Das wollte ich wirklich gerne machen, aber bisher hat es sich leider noch nie ergeben. Es gibt aber eine erste Studie von einem Kollegen, der an Non-dualen-Zuständen interessiert ist. Offenbar sind da wesentliche Strukturen anders untereinander vernetzt – aber da braucht es erst noch größere Studien.

YJ: Diese strukturellen Veränderungen sind sehr spannend: Sogar bei weniger erfahrenen Meditierenden scheint sich das Gehirn ja schon umzubauen, die graue Subtanz nimmt an bestimmten Stellen zu. Wie nachhaltig ist das?
Dazu gibt es noch keine Studien. Zu vermuten wäre aber, dass es stark davon abhängt, wie intensiv man weiter praktiziert. Ein Beispiel aus einem anderen Bereich macht das deutlich: Bei Medizinstudenten gab es in der Examensvorbereitung Veränderungen im Hippocampus, die nach den Prüfungen zum Teil wieder zurückgingen. Man muss aber klar sagen: Es gibt noch nicht viele Studien und die wenigen entsprechen sich auch nicht immer. Es kommt auf die Methode an, die verwendete Software – und auf die Hypothesen, von denen man ausgeht: Man findet statistisch gesehen ja eher etwas in den Bereichen, in denen man es erwartet…

Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und Selbstwahrnehmung

YJ: Sie haben versucht, die Ergebnisse der Achtsamkeitsforschung etwas zu ordnen und dabei drei wesentliche Wirkmechanismen ausgemacht: Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und Selbstwahrnehmung. Folgt das eine auf das andere?
In vielen Meditationstraditionen wird als erster Schritt auf die Steigerung der Aufmerksamkeit Wert gelegt. Aber danach geht alles Hand in Hand: Die Fähigkeit, ein anderes Verhältnis zu sich selbst zu bekommen, hängt davon ab, wie man seine Emotionen reguliert, wirkt aber auch wieder darauf zurück. Die Aufteilung in einzelne Punkte ist also sicher ein Stück weit künstlich, das ist ein komplexes Geschehen. Andererseits ist es hilfreich, um das Thema zu strukturieren und es in die wissenschaftliche psychologische Sprache zu übersetzen.

YJ: Was sind aktuell die Schwerpunkte der Forschungen?
Es fing hauptsächlich an mit dem Thema Aufmerksamkeit oder Konzentration. Aktuell wird die Emotionsregulation stärker untersucht und ich glaube, auch das Selbstgewahrsein rückt allmählich mehr in den Fokus.

YJ: Ein bislang wenig erforschtes Gebiet sind schädliche Auswirkungen der Achtsamkeitsmeditation. Manche Menschen reagieren mit ernsthaften psychischen Problemen. In den USA gibt es dazu das so genannte Dark Night Project …
Das stimmt, wobei die Zahlen dazu sehr gering sind. Für diejenigen, die es betrifft, ist das aber sehr belastend. Ich glaube, gerade bei intensiven Retreats wird nicht immer genügend Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass das sehr transformative Prozesse sind, die erst einmal integriert und verarbeitet werden müssen. Bei Programmen, die auf einem niedrigeren Level gehalten werden – wie etwa die achtwöchigen MBSR-Kurse – halte ich das Risiko dagegen für sehr gering. Da ist der Lehrer auch dauernd im Kontakt mit den Teilnehmern. Außerdem wird die Selbstfürsorge stark betont.

Erst das Ich stärken

YJ: Vielleicht brauchen manche Menschen aber auch einfach etwas anderes. Der Münchner Psychologe Werner Vogt sagte mir, dass er die Achtsamkeitspraxis für problematisch hält, weil viele Menschen eine schwache Ich-Struktur haben und verunsichert sind durch die Relativierung der Werte. Vielleicht muss man das Ich erst einmal stabil ausbilden, bevor man Akzeptanz und eine nicht-wertende Haltung zum Maßstab macht?

Das sagen viele Psychotherapeuten, die sich mit Achtsamkeitspraxis beschäftigen, und ich sehe es auch so. Gerade auf intensiven Retreats hat man manchmal den Eindruck, dass Teilnehmer überfordert sind. Vermutlich weil sie versuchen, auf einem zu schnellen Weg aus ihrem Leid herauszufinden – man spricht da von „Spiritual Bypassing“, also spiritueller Umgehung.

YJ: Wenn wir uns jetzt die Praxis mal genauer anschauen: Der erste Schritt (und die erste Hürde) beim Einüben von Achtsamkeit ist die Schulung der Aufmerksamkeit. Welche Rolle spielt dabei das Meditationsobjekt?
Es kann sehr hilfreich sein, so ein Objekt zu haben. Der Atem, den wir in der Achtsamkeitsmeditation vorwiegend einsetzen, hat den Vorteil, dass er sich im Körper bewegt. Im Yoga ist das ähnlich: Auch da hilft die Bewegung des Körpers, die Aufmerksamkeit zu halten. Ich glaube, wenn man die Praxis gleich mit offenem Gewahrsein beginnt, wo man alle Empfindungen gleichberechtigt zulässt und wahrnimmt, macht man es sich schwerer. Andererseits gehen einige Traditionen gleich dahin – und für manche Menschen funktioniert das auch gut.

YJ: Vielleicht sogar besser? Ist in der Anweisung „Kehre zurück zum Atem“ nicht auch eine Wertung versteckt – nach dem Motto: „Mist, jetzt hab ich es wieder falsch gemacht!“?
Ich hatte gerade am Wochenende einen Workshop und Sie haben Recht: Da treten diese Bewertungen darüber, wie die Praxis sein sollte, ganz häufig auf. Es stellt sich die Frage: Wie wäre es, wenn man diese Instruktion nicht geben würde? In meiner eigenen Praxis mache ich auch etwas ganz Formloses und setze mich einfach hin. Trotzdem unterrichte ich es anders und wir machen im MBSR auch sehr gute Erfahrungen damit. Aber es stimmt: Erst mal ist es eine Baustelle. Aber auch ein Lernort, um die Paradoxie der Absichtslosigkeit in der Absicht zu überwinden.

YJ: Diese Paradoxie empfinde ich auch: Jeder kommt mit einer bestimmten Motivation in den Kurs, eine Intention wird für die Praxis sogar als wichtig erachtet. Trotzdem soll man keine Erwartungen haben. Wie soll das gehen?
In unseren Workshops reflektieren wir die Motive und Intentionen und fragen: Kann diese Intention auch so etwas wie eine Grundausrichtung sein, etwas, für das ich mich einfach nur öffne? Dem muss man immer wieder nachspüren und Raum geben. Es ist ein Übungsfeld.

YJ: Um noch mal auf das so genannte offene Gewahrsein zurückzukommen, auf das die Achtsamkeitspraxis ja letztlich abzielt: Kann man überhaupt gleichzeitig den Körper, die Atmung, die Gedanken, die Gefühle und die Umgebung wahrnehmen?
Nein, man weiß ja, dass Eindrücke nicht simultan sondern seriell, also nacheinander verarbeitet werden. Deswegen gibt es auch kein Multitasking. Mit offenem Gewahrsein ist eher eine Art offener Raum gemeint, in dem alle Dinge gleichberechtigt auftauchen dürfen. Wobei da meistens vieles gleichzeitig abläuft und manches eben stärker ins Bewusstsein dringt.

YJ: Ein ähnliches Problem sehe ich bei den gängigen Anweisungen zum Umgang mit Gedanken während der Meditation: Wie kann man gleichzeitig denken und wahrnehmen, dass man denkt. Ist das nicht ein Mythos?
Es stimmt natürlich: Irgendein Impuls ist da, bevor ich mir dessen gewahr werde, aber der Zeitabstand kann sich verringern. Mit mehr Übung merkt man schon nach einem halbsekündigen Bruchteil von einem Gedanken, dass man denkt. Und dann entdeckt man: In dem Moment, wo ich mir der Gedanken bewusst werde, laufen sie nicht mehr auf die gleiche Art ab, sie lösen sich auf – und mehr Gewahrsein entsteht.

 

Achtsamkeit ist Lebensweg_Interview mit Britta HoelzelDr. Britta Hölzel ist Psychologin, MBSR- und Yogalehrerin. Nach Forschungsprojekten unter anderem an der Harvard Medical School und der Charité Berlin ist sie an der TU München tätig. Ihr gemeinsam mit Dr. Christine Brähler herausgegebenes Buch „Achtsamkeit mitten im Leben“ ist bei O.W. Barth erschienen. www.brittahoelzel.de

 


Foto: Stefanie Kissner

Montags-Mantra: Sei die Veränderung…

Montags Mantra_Gandhi Zitat Veränderung

Das heutige Montags-Mantra beginnt mit einem bekannten Zitat:

Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest  – Mahatma Gandhi

Gandhis Worte erinnern uns daran, nach innen zu schauen, um uns an unsere Wünsche zu erinnern. Und daran, dass wir selber dafür verantwortlich sind. Schaffen wir es, die Worte umzusetzen, ziehen sie aber noch weitere Kreise: Wenn wir das leben, was wir uns wünschen – auch im menschlichen Miteinander – hat das auch Einfluss auf unser Umfeld. Wer ehrliche Freundlichkeit vorlebt, bekommt oft auch ehrliche Freundlichkeit zurück. Daraus können wunderbare Begegnungen entstehen!

Einen guten Start in die Woche!


Foto: Evan Kirby/ unsplash.com

Rote Bonbons auf Pak-Choi-Wiese im Sesam-See

Rot Bonbons auf Pak Choi Wiese

Rote Bonbons auf Pak-Choi-Wiese im Sesam-See: Dieses leckere Gericht klingt nach! Das Rezept dazu kommt von Pink Elephant Cooking. 

Zutaten für die Bonbons (Ergibt 3 Portionen)
1 großer, süß-säuerlicher Apfel ++ 1 Schuss Reisessig ++ 1 Handvoll geschnittener Schnittlauch ++ 2 EL geschälte Hanfsamen ++
6 kleine runde Reispapierblätter ++ 150 ml Rote-Bete-Saft ++ ­
6 Schnittlauchhalme ++ für die Pak-Choi-Wiese ++ 1 TL Kokosfett ++ 3 bis 5 Pak Choi (je nach Größe), in dicke Streifen geschnitten ++ ½ EL Tamari ++ 1 EL Reissirup ++ Saft von ½ Zitrone ++ evtl. eine Prise Chilipulver oder 1/3 frische Chilischote, kleingehackt ++ ­­­
1 TL Hanfsamen oder Sesam, für die Deko für den Sesam-See 2 EL Tahin ++ 1 EL Erdnussbutter ++ 100 ml Wasser ++ ­
Saft einer halben Zitrone

Zubereitung

1. Schneiden Sie den Apfel für die Bonbon-Füllung in kleine Würfel und braten Sie ihn in einer Pfanne etwas an. Dann salzen Sie ihn etwas und löschen ihn mit einem Schuss Reisessig ab. Vermengen Sie das Ganze in einer Schüssel mit dem Schnittlauch und den Hanfsamen.
2. Weichen Sie die Reispapierblätter einzeln in einem tiefen Teller in dem Rote-Bete-Saft ein (Tipp: Mit lauwarmem Saft geht es schneller, bei kaltem Saft braucht das ewig). Die eingeweichten Blätter legen Sie nacheinander auf ein Brett und füllen sie mit der Apfelmasse. Dann schließen Sie die Bonbons mit je einer Stange Schnittlauch.
3. Erhitzen Sie eine Pfanne, schmelzen Sie das Kokosfett und braten Sie den Pak Choi kurz darin an. Löschen Sie dann mit Tamari ab und schmecken mit etwas Reissirup, Zitronensaft und evtl. Chili ab.
4. Verrühren Sie die Zutaten für den Sesam-See und schmecken Sie das Dressing mit Salz und Pfeffer ab. Dann richten Sie die Bonbons auf dem Pak Choi an und träufeln das Dressing darüber. Das Ganze garnieren Sie mit den Resten der Füllung und streuen etwas Sesam oder ein paar Hanfsamen über die Bonbons.


Foto: Stefanie Kissner

Pink Elephant CookingHinter PINK ELEPHANT COOKING stehen die Kochkünstler Heather Donaldson und Martin Riedel. Ihre Freestyle-Küche ist in kein kulinarisches Korsett gezwängt, Kochen ist für beide ein meditativer Zustand. Mehr Infos unter:  www.pinkelephantyoga.de