Anatomie: Dreiecksbeziehungen

Um Ihre Kniegelenke gesund zu halten, sollten Sie alle Ausrichtungsprinzipien der klassischen Dreieckshaltung mit denen der gedrehten Variante verbinden.

Im Grunde ist es ganz einfach: Knie lieben eine korrekte Ausrichtung. Yoga ermöglicht diese Ausrichtung und deshalb lieben Ihre Knie Yoga. Das Kniegelenk ist trügerisch einfach aufgebaut, es ist der Knotenpunkt zwischen Oberschenkelknochen (Femur) und Schienbeinknochen (Tibia). Sind diese Knochen beim Stehen korrekt übereinander ausgerichtet, tragen sie das Körpergewicht ohne Mühe. Der Druck, den der Femur nach unten weitergibt, wird gleichmäßig auf die Oberseite des Schienbeinknochens verteilt, so dass keiner der Knochen einer erhöhten Kompression ausgesetzt ist. In dieser optimalen Haltung gibt es keine unnötigen Zwischenräume oder Abstände zwischen den Knochen. Die Bänder, Muskeln und andere zusammenhaltende Fasern im Knie werden nicht überdehnt. Sobald allerdings diese optimale Ausrichtung gestört wird, beginnt der Ärger mit den Knien.

Weil das gestreckte Dreieck (Utthita Trikonasana) relativ leicht auszuführen ist, werden Sie diese Asana vermutlich schon sehr früh in Ihrer Übungspraxis lernen und wahrscheinlich wesentlich häufiger üben als ihr Gegenstück, das gedrehte Dreieck (Parivrtta Trikonasana). Für diese Asana ist mehr Flexibilität und ein besseres Gleichgewicht nötig. Regelmäßig das gestreckte Dreieck ohne das gedrehte Dreieck zu üben, birgt jedoch ein gewisses Risiko: Nach und nach kann sich unnötiger Raum zwischen den Knochen des Innenknies bilden und der entsprechende Raum im äußeren Bereich des Knies kleiner werden. Mit der Zeit verlagert sich ein größerer Anteil des Gewichts auf die Außenseite der Kniegelenke. Dadurch kann der Knorpel des äußeren Knies (des lateralen Meniskus) übermäßig verschleißen. Zudem kann es passieren, dass die Bänder, die die Knochen des inneren Knies zusammenhalten (mediales Seitenband), überdehnt werden und den Knorpel des Innenknies (medialer Meniskus) belasten, der an dem Band befestigt ist.

Innere und äussere Balance
Indem Sie Parivrtta Trikonasana zu einem festen Bestandteil Ihrer Trikonasana-Praxis werden lassen, können Sie die innere und äußere Balance ihrer Knie stärken und eine präzise Ausrichtung der Oberschenkelknochen mit den Schienbeinknochen herstellen. Obendrein wird dadurch das Gewebe, welches das Kniegelenk stützt, geschützt. Daher sollten Sie wissen, wie Sie den Gluteus Maximus – den großen Gesäßmuskel – einsetzen müssen, um die Bewegung des Beckens zu steuern.

Der große Gesäßmuskel setzt auf der Rückseite des Beckens und am Kreuzbein an. Seine Fasern verlaufen diagonal nach unten und von dort nach vorne. Ein Teil dieser Fasern endet an der Rückseite des oberen Oberschenkelknochens, der Großteil jedoch an einem Band des Bindegewebes, welches von der Oberseite des Beckens (Darmbein) an der Außenseite des Oberschenkels entlang bis zur Außenseite des Tibia unterhalb des Kniegelenks verläuft. Diese Gewebeband ist das iliotibale Band (Tractus iliotibialis).

Wenn sich in Utthita Trikonasana das rechte Bein vorne befindet, zieht sich die rechte Seite des großen Gesäßmuskels zusammen. Dies ermöglicht eine Rotation des rechten Beins nach außen. Das Anspannen des rechten Gesäßmuskels ist eine entscheidende Aktion in dieser Asana: Die linke Beckenseite kann dadurch nach oben und zurück gehoben werden. Zwar ist diese Kontraktion wichtig, um die Asana richtig auszuführen, ihr Nachteil ist jedoch, dass ein Ungleichgewicht zwischen dem inneren und äußeren Knie entsteht. Mit dem Zusammenziehen des Gesäßmuskels wird das iliotibale Band gestrafft, so dass es die Knochen des Außenknies näher zueinander bringt. Gleichzeitig wird durch das Anheben des Beckens mithilfe des Gesäßmuskels auch der Musculus gracilis (schlanker Muskel) gestreckt. Er ist wie ein Gurt geformt, beginnt am Schambein und verläuft dann am inneren Oberschenkel entlang. Er kreuzt das innere Knie und knüpft an der Innenseite des Tibia unter dem Knie an. Für gewöhnlich hält der Musculus gracilis die Knochen des Innenknies zusammen. Durch sein Strecken entsteht eine Lockerung, die zu Zwischenräumen in den Knochen führen kann.

Praktiziert man Utthita Trikonasana ohne ausgleichende Asanas, kann das bewirken, dass der Gluteus Maximus stärker und straffer wird, hingegen der Musculus Gracilis schwächer und schlaffer. Aufgrunddessen kann der Zwischenraum zwischen den Innenknieknochen größer und der Zwischenraum zwischen den äußeren Knieknochen kleiner werden.

Dehnung und Stärkung
Um dieses Ungleichgewicht zu vermeiden, sollten Sie Asanas üben, die den Gluteus Maximus dehnen, ohne ihn dabei zu schwächen. Das gedrehte Dreieck eignet sich hierfür ideal, weil es den Muskel dehnt und zugleich stärkt. Dabei liefert diese Asana gerade ausreichend Lockerung im äußeren Knie, um den Druck, der zu einem Meniskusverschleiß führen kann, zu mindern und zugleich genügend Spannung im iliotibalen Band, um das äußere Knie zu stützen. Um zu verinnerlichen, wie sich der große Gesäßmuskel dehnt und kräftigt, kann man die Oberseite des Beckens nach unten und dann nach vorne drehen – von Utthita Trikonasana zu Parivrtta Trikonasana.

Das Schambein bewegt sich in Richtung Knieinnenseite, dadurch wird der Gracilis schlaff. Die Rückseite des Beckens schiebt sich weiter vom iliotibialen Band weg, wodurch der Gluteus Maximus noch mehr gedehnt wird. Diese Bewegung wird primär durch den Gluteus Maximus unterstützt. Um das Becken sanft zu senken, muss der Muskel kontrolliert Spannung abgeben. Oder, um es anders auszudrücken: Man muss den Muskel teilweise auch dann noch angespannt halten, wenn er sich dehnt. Diese Aktion wird „exzentrische Kontraktion“ genannt. Sie stärkt den Muskel sogar in der Dehnung und hilft dabei, seine Stärke kontinuierlich beizubehalten.

Durch das schrittweise Absenken des Beckens in Parivrtta Trikonasana können Sie Spannung und Dehnung des Gluteus Maximus beeinflussen. Dadurch können Sie genau bestimmen, wie viel Zug der Muskel auf das iliotibale Band bringt, und gezielt die Spannung auf das äußere Knie senken oder erhöhen, bis sie mit der des inneren Knies in Balance ist. Das Schienbein kann sich dabei punktgenau mit dem Oberschenkelknochen ausrichten. Ihre Knie werden geschont – und sie werden es Ihnen danken. Wie sich die beiden Dreiecks-Haltungen ergänzen, erkennt man, wenn man vom gestreckten Dreieck zum gedrehten und dann wieder zurück ins gestreckte geht. Legen Sie dafür eine Hand auf den Gluteus Maximus des vorderen und die andere an die Hüfte des hinteren Beins.

Kontraktion in Aktion
Ihre Füße stehen parallel und etwa einen Meter auseinander. Drehen Sie Ihren linken Fuß leicht nach innen und den rechten etwa 90 Grad nach außen. Legen Sie Ihre linke Hand an den oberen Rand des linken Beckenknochens. Die rechte Hand legen Sie an den großen Gesäßmuskel auf der rechten Seite. Mit der rechten Hand spüren Sie, wie sich rechter Gesäßmuskel anspannt – damit können Sie die Feinausrichtung der Dehnung im gestreckten Dreieck vornehmen. Spannen Sie nun den großen Gesäßmuskel fest an. Um die Kontraktion zu verstärken, drücken Sie die rechte Fußsohle fest in den Boden und kraftvoll nach rechts, als wollten Sie den Fuß über den Boden gleiten lassen. Drehen Sie dann Ihr rechtes Knie nach außen. Heben Sie gleichzeitig Ihre linke Hüfte an und zurück, bis es nicht mehr weiter geht. Neigen Sie sich gleichzeitig im rechten Hüftgelenk zur Seite, um Ihr Becken und den Oberkörper horizontal über das rechte Bein zu senken.

Halten Sie den Gluteus Maximus bei dieser Bewegung angespannt und drücken Sie Ihre Finger in den Muskel. Wenn sich die Anspannung löst, nehmen Sie die Finger kurz weg und spannen den Muskel erneut an, bevor Sie tiefer in die Asana gehen. Sie sollten nun eine Dehnung in der rechten inneren Oberschenkelseite spüren. Verstärken Sie die Dehnung, indem Sie Ihre linke Hüfte an- und zurückheben, und spannen Sie Ihren rechten Gluteus Maximus an. Je häufiger Sie diese Übung machen, desto größer wird die Öffnung ihrer rechten Knieinnenseite, während die rechte Knieaußenseite nach innen schiebt. Bewegen Sie sich nun nach und nach vom gestreckten Dreieck ins gedrehte, ohne die Position der Hand zu verändern und die Spannung im rechten Gesäßmuskel zu verlieren. Drehen Sie Ihr linkes Bein nach innen, damit Sie die linke Ferse weiter zurück bewegen können. Schieben Sie mit Ihrer linken Hand die linke Beckenseite nach unten und vorne in Richtung rechter Fuß, bis der linke und rechte Hüftknochen parallel zum Boden und auf einer Linie miteinander ausgerichtet sind. Eventuell müssen Sie dafür Ihren linken Fuß leicht anheben. Ihren Oberkörper können Sie zusammen mit Ihrem Becken drehen. Spüren Sie in mit der rechten Hand, wie der rechte große Gesäßmuskel seine exzentrische Kontraktion beibehält: Er ist noch immer fest angespannt, während er sich gleichzeitig verlängert.

Sie werden bemerken, wie – im Unterschied zu Utthita Trikonasana – in Parivrtta Trikonasa die Spannung vom inneren Knie genommen und mehr Spannung auf das äußere Knie gebracht wird. Erhöhen Sie diesen Druck, indem Sie die linke Hüfte ein wenig unter die rechte Hüfte sinken lassen. Die Dehnung des Gluteus Maximus wird dadurch noch einmal erhöht. Legen Sie Ihre linke Hand auf einem Stuhl, einem Block oder dem Boden neben Ihrem rechten Fuß ab. Ihre rechte Hand bleibt, wo sie ist. Drehen Sie Ihren Oberkörper in dieser Asana so weit wie möglich nach rechts.

Vereinte Kraft
Spüren Sie weiterhin, wie sich die rechte Seite des großen Gesäßmuskels unter Ihrer rechten Hand zusammenzieht, wenn Sie sich vom gedrehten wieder ins gestreckte Dreieck zurückbewegen. Nutzen Sie die Spannung Ihres Gesäßmuskels, um Ihr rechtes Knie nach außen zu drehen, während Sie die linke Seite Ihres Beckens so weit wie möglich ist nach oben und hinten heben. Ihr Oberkörper folgt der Beckenbewegung, um dadurch in die klassische gestreckte Dreieckshaltung zu kommen. Während dieses Übergangs werden Sie spüren, wie sich die rechte Außenseite Ihres Knies verkürzt, während sich die Innenseite verlängert. Lösen Sie die Asana auf, in dem Sie Ihren Oberkörper aufrichten. Dann drehen Sie Ihre Füße und wechseln die Seite.

Obwohl es wichtig ist, Utthita Trikonasana mit Parivrtta Trikonasana zu ergänzen, müssen Sie die beiden Asanas nicht streng nacheinander praktizieren – auch nicht am selben Tag oder zu einer bestimmten Zeit. Sollten Sie jedoch die eine Variante regelmäßig in Ihre Übungspraxis einbauen, tun Sie gut daran, auch die andere in regelmäßigen Abständen zu üben. Mit der Zeit werden Sie ein Gespür dafür entwickeln, wie es sich anfühlt, die Innen- und Außenseite Ihrer Knie in gleichem Maß stabil und flexibel zu halten. Sie werden erkennen: Yoga hat ein Herz für Knie.

Dr. Roger Cole ist zertifizierter Iyengar-Yogalehrer in Del Mar, Kalifornien.

Wie finde ich das richtige Retreat?

Kleine Auszeit gefällig? Wie wär‘s mit Yoga am Strand – oder doch lieber in den Bergen? Aus dem riesigen Angebot den richtigen Yoga-Urlaub herauszupicken, ist gar nicht so einfach. Hier geben wir Ihnen ein paar Orientierungshilfen an die Hand.
Text: Julia Scherenberg / Silvia Schaub

Sie wollen Urlaub und Yoga verbinden, Energie tanken, Ihre Mitte finden oder sich spirituell inspirieren? Ein Retreat kann all diese Wünsche erfüllen. Doch nicht immer ist das, was sich im Internet noch nach Erholung pur anhört, auch wirklich das, was man sich erträumt hat.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Julia Scherenberg kann davon ein Lied singen. Sie fand im Netz ein verheißungsvolles Angebot: Schickes Design-Hotel, eigener Hotelstrand, dynamisches Yoga – und all das nur zwei Flugstunden entfernt. Nach Formentera, der kleinen Schwester von Ibiza, wollte die Münchner Journalistin schon immer. Längst ist die Insel kein Geheimtipp mehr: Stars wie Kate Moss, Jade Jagger oder Bob Dylan schauen hier regelmäßig vorbei. In vielen Ecken findet man zwar noch das verträumte und einfache Leben, aber gleichzeitig entstehen rasend schnell Beach Clubs und Trend-Hotels. „Die Insel ist hübsch“, erzählt Julia Scherenberg, „aber leider war mein Hotel nicht besonders auf Yoga eingestellt.“ Während sie morgens im Krieger stand und gern in Ruhe den traumhaften Blick aufs Meer genossen hätte, wurde direkt neben ihrer Matte auf der Frühstücksterrasse Café con Leche bestellt und mit Geschirr geklappert. „Wir waren 30 Leute beim Yoga, alle unterschiedlichen Alters und mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen. Sally war aus London und hatte vor zwei Jahren ihre letzte Stunde besucht, Phil aus Berlin praktizierte erst seit wenigen Wochen und Anna aus Madrid war im vierten Monat schwanger“, erinnert sie sich. Eine so große Gruppe mit verschiedenen Levels auf einen Nenner zu bringen, ist eine wahre Herausforderung für jeden Yogalehrer. Die athletische Engländerin Jay unterrichtete einen zackigen Ashtanga-Vinyasa-Stil. „Warten, bis alle in der Asana angekommen sind, gab es nicht. Anleitende Erklärungen, Hilfestellungen sowie eine meditative Stimmung erhoffte ich mir eine Woche lang vergebens.“ Die deutsche Yogaschülerin wunderte sich auch, dass die Gäste statt Tofu und Gemüse fleischlastige Gerichte und Meeresfrüchte in allen Variationen auf den Teller bekamen. Erst am Ende ihres spanischen Kurztrips erfährt sie, dass die vermeintliche Yogalehrerin nie eine ernsthafte Yoga-Ausbildung absolviert hatte, sondern eigentlich als Fitness-Coach arbeitete.

Drum prüfe, wer sich bindet
Bei ihren Urlaubspaketen dagegen, versichert Lotus Travel-Geschäftsführerin Silvia Leibacher, würde man auf „nachweisbar gut ausgebildete Yogalehrer“ achten, die „auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden eingehen können“. Seit einem Jahr hat der Asien-Spezialist Yogareisen in sein Programm aufgenommen. Ein Trend, auf den immer mehr Reiseanbieter setzen. „Zielgruppe sind Menschen, die entschleunigen und sich mit sich selbst auseinandersetzen möchten,“ sagt die Unternehmerin. Dass unter den Yogis vor allem Indien ein beliebtes Ziel ist, verwundert kaum. Auch Julia Scherenberg nahm 2010 noch einen zweiten Anlauf und versuchte es mit einem Retreat in Indien. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie von der morgendlichen Yogastunde berichtet, bei der die Sonne langsam über dem Meer aufging. „Yoga in seinem Herkunftsland alleine mit einem indischen Lehrer zu üben, ist eine ganz besondere Erfahrung. Der Unterricht von Rhagu war vom Ablauf viel ursprünglicher, als ich es kannte“, sagt sie. „Die Klasse beginnt mit einer langen Sequenz Pranayama. Während der Asana-Praxis singt Rhagu beschwingt alte indische Mantren und Chants. Noch nie habe ich eine tiefere Verbindung mit dem Göttlichen gespürt wie in dieser Woche in Indien.“

Wer die Wahl hat, hat die Qual
Es muss kein Zufall sein, ob Sie sich nach Ihrem Yoga-Urlaub zufrieden äußern oder ob über unqualifizierte Lehrer ärgern. Es hängt auch immer davon ab, wie Sie sich Ihre Auszeit vorstellen. Darum sollten Sie unbedingt ein paar Punkte checken, bevor Sie buchen. Hier sind unsere 6 Tipps für Ihre Retreat-Suche:

1. Lehrer: Wer unterrichtet was?
Einige der gefragtesten Lehrer sind 300 Tage im Jahr unterwegs, führen ein modernes Nomadenleben, sind nur via Internet erreichbar. Erfahrungen mit Retreats haben diese gewiss zu Genüge. Gute Lehrer berücksichtigen immer individuelle Handicaps. Erkundigen Sie sich vorher beim Veranstalter, wer unterrichten wird und für welchen Stil er steht. Bei vielen Portalen können Sie sich Ihren Retreat danach aussuchen, ob Sie eher Anusara-Anhänger und Freund von klassischem Hatha Yoga sind. Aber – wie das Indien-Erlebnis von Julia Scherenberg zeigt – lohnt es sich oft, auch mal etwas auszuprobieren, was man nicht schon aus dem heimischen Yogastudio kennt.

2. Level: Ist der Kurs auch was für Anfänger?
„Der Kurs ist für Anfänger und Fortgeschrittene geeignet.“ Diesen Satz liest man häufig, wenn man im Internet nach einem Retreat sucht. In den meisten Studios in Deutschland können Schüler zwischen zwei oder drei Unterrichtsstufen wählen, in Retreats wird diese Einteilung gerne vernachlässigt und alle üben gemeinsam. Nicht selten sind Schüler dann überfordert und können dem Unterricht nicht folgen. Somit steigt auch das Risiko, sich zu verletzen. Grundsätzlich sollte man darauf achten, dass die Gruppe nicht zu groß ist oder ein Assistenz-Lehrer mit dabei ist. Es ist häufig ein Zeichen von Qualität, wenn Anfänger und Fortgeschrittene getrennt unterrichtet werden.

3. Fokus: Was möchten Sie erleben?
Morgens um sechs Uhr beginnt der Tag mit einer stillen Meditation, gefolgt von einer zweistündigen Asana-Praxis. Frühstück gibt es nicht vor elf Uhr – und in der Mittagspause verrichten alle einen selbstlosen Dienst an die Gemeinschaft. Oder: Die Yoga Stunde beginnt nach einem ausgiebigen Frühstück um zehn Uhr morgens. Der Nachmittag ist zur freien Verfügung, es gibt einen Shuttle-Service in die Stadt oder zum Strand. Abends treffen sich alle zur Party auf der Terrasse. So unterschiedlich kann der Fokus von einem Retreat sein. Daher sollte man sich vorher fragen: Passt der Tagesablauf zu mir? Was möchte ich erleben? Entspannung, Vertiefung der Praxis, neue Leute kennen lernen oder Party, Sightseeing und Yoga in einem?

4. Hilfsmittel: Gibt es einen Yogaraum?
Manche lieben es, einfach irgendwo auf der Wiese oder im Sand ihre Matte auszurollen. Andere bevorzugen ein schattiges Plätzchen im Inneren. Bei der Lage des Übungsorts sind die Geschmäcker ganz verschieden. Der Boden, auf dem Sie üben, spielt jedoch tatsächlich eine Rolle für Ihre Yogapraxis. Fragen Sie vor Reiseantritt einfach nach, wo die Stunden stattfinden werden und auch ob Übungshilfen (Block, Gurt und Decken) bereits vorhanden sind (Achtung: nicht immer der Fall!).

5. Verpflegung: Was steht auf dem Speiseplan?
In der Yoga-Philosophie gehört Ahimsa (Gewaltlosigkeit) zu den obersten Prinzipien. Eine vegane oder zumindest vegetarische Ernährung sollte daher bei einem echten Yoga-Angebot selbstverständlich sein. Wenn diese Philosophie in Hotels, Pensionen oder anderen Urlaubsorten nicht berücksichtigt wird, sollte Ihnen das zu denken geben.

6. Kosten: Welche Leistungen sind inbegriffen?
Überprüfen Sie bei der Buchung genau, welche Leistungen in dem veranschlagten Preis inklusive sind. Oftmals deckt der Betrag nur den Unterricht und die Übernachtung mit Frühstück ab. Mittag- und Abendessen sowie Ausflüge, Anreise und Transport vom Flughafen oder Bahnhof werden extra berechnet. Dann kostet der gebuchte Urlaub ganz schnell das Doppelte, als auf den ersten Blick gedacht…

Lernen von den Göttern

Das Gute liegt so nah

Wenn wir glauben, mit einem Problem nicht mehr weiterzukommen, suchen wir oft Hilfe bei einer höheren Instanz. Manchmal ist das gar nicht nötig.

In alten Zeiten schien die Welt einfacher und viel weniger komplex zu sein als die Umgebung, in der wir uns heute zurechtfinden müssen. Wir sehen uns im Berufs- oder Familienalltag ständig widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Da ist es sehr sinnvoll, nach etwas zu suchen, das uns Halt gibt. Schwierig wird es nur, wenn wir anfangen, uns daran zu klammern.

Die Bhagavata Purana erzählt eine Geschichte vom König Ambarisha. Weil er in Rechtschaffenheit sein Reich regierte, segnete Vishnu ihn mit seinem persönlichen Schutz. Ambarisha wollte ihm dafür mit einem großen Ritual danken. Dazu hielt er ein ganzes Jahr lang regelmäßige Fastenzeiten ein. Am letzten Tag erschien kurz vor dem Fastenbrechen der berühmte Weise Durvasa zu Besuch. Ambarisha freute sich über die Ehre und lud ihn ein, gemeinsam mit ihm die erste Mahlzeit zu nehmen. „Lasst mich nur kurz ein Bad nehmen, bevor wir beginnen“, antwortete Durvasa. Ambarisha willigte ein, doch Stunde um Stunde verging, und der Besucher kehrte nicht zurück. Was sollte der König jetzt tun? Das strenge Moralgesetz der damaligen Zeit verpflichtete ihn, auf den Gast zu warten. Gleichzeitig lief die Zeit zum Beenden des Rituals ab. Würde er noch länger warten, wäre ein ganzes Jahr der Vorbereitung umsonst gewesen.

Die Berater des Königs schlugen ihm vor, ein Glas Wasser zu trinken und ein Tulsi-Blatt zu essen, um das Fastenritual zu beenden und dem Gast trotzdem die Würde zu erweisen, den ersten Bissen vom Mahl zu erhalten. Ambarisha sah das als gute Lösung an. Doch gerade als er so das Fasten brach, tauchte Durvasa auf und beschwerte sich, dass seine Ehre verletzt worden sei. Er formte aus seinem Haar einen Dämon, der den König umbringen sollte. Das wollte Vishnu, der stets alles vom Himmel aus betrachtet, nicht zulassen. Er warf seinen Diskus nach dem Monster, und es löste sich umgehend auf. Die Wurfscheibe flog nun Durvasa hinterher.

Durvasa lief zu Göttervater Brahma und flehte: „Bitte beschütze mich vor Vishnus Waffe.“ Doch der sagte nur: „Ambarisha ist ein Schützling von Vishnu. Damit habe ich nichts zu tun.“ „Dann muss mir der Größte der Götter helfen“, dachte Durvasa und rannte zu Shiva in die Berge. Der antwortete ihm lediglich: „Du wirst von Vishnus Diskus verfolgt. Da kann ich dir nicht helfen“. Zerknirscht suchte Durvasa schließlich Vishnu selbst auf. „Ich flehe Euch an, Herr. Nehmt diese Waffe zurück.“ Vishnu zeigte sich zögerlich. „Es gibt natürlich einen Weg“, sagte er, „aber ich bezweifle, dass du bereit bist, das zu tun.“ „Großer Gott, ich werde gerne alles tun, wenn Ihr mich verschont“, antwortete Durvasa. „Fein. Warum gehst du nicht einfach selbst zu König Ambarisha und entschuldigst dich für deinen Angriff?“, fragte Vishnu.

Wenn wir Meditation und Mantras kennengelernt haben, wird es manchen von uns zur Gewohnheit, uns bevorzugt in diesen Sphären aufzuhalten. Wir suchen in feinstofflichen und höheren Ebenen nach der Lösung von Problemen, die wir durch unsere Entscheidungen selbst ins Leben gerufen haben. So wie Durvasa sich auf die Tradition berief, so berufen wir uns manchmal auf spirituelle Wahrheiten und verletzen damit Menschen, die uns nahe sind. Edle Motive und noble Gründe können einsam machen. Statt Hilfe beim Himmel zu suchen, müssen wir unsere Hausaufgaben oft immer noch auf der Erde machen. Durvasa ging schließlich zu Ambarisha, entschuldigte sich und die Angelegenheit war vergessen.

Die Bhagavata Purana ist kein Historienbuch. Sie erzählt uns vielmehr Geschichten von uns selbst. Durvasa und Ambarisha sind zwei Teile unserer Persönlichkeit, die wir ausbalancieren müssen. Unsere Pflichten auf der Erde und unser Streben nach einem spirituellen Leben. So machtvoll Durvasa seine Anbindung an den Himmel auch gemacht haben mag – oft ist die Lösung eines Problems viel einfacher, als man denkt. Denn manchmal lassen die Götter uns Menschen unsere Angelegenheiten einfach selbst regeln.

Ralf Sturm ist Yoga- und Meditationslehrer sowie Beziehungscoach in Berlin. Die nächste Indienreise mit Ralf führt vom 4. bis 18.10. nach Rishikesh. Zusammen mit Katharina Middendorf leitet er vom 21. bis 28.6. eine Yoga- und Meditationsreise auf Korfu. Seine Philosophiefortbildung für Yoga-lehrer findet am 14./15.11. in Berlin statt.

Wie positioniere ich mich als Yogalehrer erfolgreich in einem wachsenden Markt?

Klar ist: Dazu braucht man mehr, als man in der Ausbildung lernt: Ein Gespür für die Bedürfnisse seiner Schüler, eine positive Vision und eine klare Antwort auf die Frage, was einen als Lehrer auszeichnet. YOGA JOURNAL sprach mit dem Yogalehrer und Ex-Wirtschaftsjournalisten Tobias Frank.

Keine Frage, Yoga wächst! Für alle an Yoga Interessierten ist das wachsende Angebot ein Geschenk. Alle Yogalehrer und künftigen Yogalehrer unter uns stellt es allerdings vor eine neue Herausforderung: Wie gehe ich mit vermeintlicher „Konkurrenz“ um?

Es ist wichtig, sich diese Frage zu stellen. Insbesondere bevor man für eine Selbstständigkeit als Yogalehrer vielleicht einen sicheren Job aufgibt. Ängste haben einen realen Kern, es geht ja um unsere wirtschaftliche Existenz. Allerdings greift eine Betrachtungsweise, die andere Lehrer und Studios als Konkurrenz und Bedrohung ansieht, zu kurz. Wer sich gedanklich in ein Schneckenhaus verkriecht, blendet wichtige Aspekte der Realität aus, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Jeder Mensch und jeder Lehrer ist einzigartig und wird seine ganz eigene Schülerschaft finden. Hinter unserer Angst vor der anonymen Konkurrenz steht die Furcht, austauschbar zu sein. Doch die anonymen Wettbewerber gibt es nicht, es gibt nur konkrete Menschen mit ihren eigenen Stärken und Schwächen. Wir brauchen uns im Vergleich mit Anderen nicht gedanklich klein zu machen. Stattdessen kann uns der Blick über den Tellerrand zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen, wenn wir wahrnehmen, was uns positiv von anderen unterscheidet. Als nächsten Schritt können wir unser „Alleinstellungsmerkmal“ dann überzeugend (über Webseite, Flyer etc.) kommunizieren.

Diesen Prozess bezeichnet Marketingexperte Peter Sawtschenko als „Positionierung“. Um uns aus einer Masse von Anbietern herauszuheben, besetzen wir eine Nische, in der wir führend sind. Vielleicht existieren in einer Stadt bereits mehrere Yogastudios, die alle Hatha Yoga auf ihrem Stundenplan haben. In diesem Fall wäre ein Studio, das sich auf dynamisches Vinyasa Yoga spezialisiert, eine erfolgsversprechende Alternative. Andere Möglichkeiten sich abzugrenzen wären die Persönlichkeit des Lehrers, ein besonderes Ambiente oder ein innovatives Geschäftsmodell. Wer sich gut positioniert, hat die besten Chancen, mit dem, was er gerne tut, auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Dieser Prozess lohnt sich daher unabhängig davon, ob man schon lange Yogalehrer ist oder gerade erst mit dem Gedanken spielt, sich selbstständig zu machen. Mit fünf einfachen Fragen gewinnt man Klarheit darüber, wer man ist, was man will und wie man es am besten erreichen kann: „Warum möchte ich unterrichten?“, „Was sind meine Stärken als Lehrer?“, „Wen möchte ich unterrichten?“ und „Was ist mein Alleinstellungsmerkmal?“.

Ganz besonders die letzte Frage bestimmt, was wir unserer Zielgruppe bieten können, das sie bei anderen Lehrern nicht findet. Vielleicht ist es ein neuartiger Yogastil, den es bisher noch nicht gab. Oder der Unterricht ist besonders witzig. Oder man schafft es, komplizierte Asanas auf plastische und anschauliche Weise zu erklären. In diesem Zusammenhang sollte man sich von der liebgewonnen Bauchladen-Strategie verabschieden: Viele Freiberufler glauben, erfolgreich sein zu können, indem sie viele unterschiedliche Dienstleistungen anbieten und verschiedene Zielgruppen ansprechen. Was auf den ersten Blick Sicherheit verspricht, ist jedoch Irrglaube. Denn Menschen suchen in der Regel das jeweils beste Angebot und nicht jemanden, der alles ein bisschen macht.

Essen für eine bessere Welt

Ein Buch des bekannten Autors, Arztes und Psychotherapeuten Rüdiger Dahlke trägt den vielversprechenden Titel „Peace Food“. Im YOGA JOURNAL- Interview erklärt er, weshalb die Gesellschaft endlich umdenken und auf eine vegane Ernährungsweise umsteigen sollte: Um die Welt und uns selbst friedlicher zu machen. 

YOGA JOURNAL: Herr Dahlke, der Untertitel Ihres neuen Buches „Peace Food“ lautet: „Wie der Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt“. Wie sind Sie zu der Überzeugung gekommen, dass Fleisch- und Milchkonsum Menschen krank macht?
RÜDIGER DAHLKE:  Zum einen durch mein persönliches Empfinden, das mich seit mehr als 40 Jahren gerne auf Fleisch verzichten lässt. Seither fühle ich mich viel besser – seelisch und körperlich. Zuvor aß ich als Leistungssportler sogar – den damals üblichen Anweisungen entsprechend – viel Fleisch. Für mich war es eine Erleichterung, als ich Fleisch wegließ. Seit ich abgestillt wurde, habe ich keine Milch mehr getrunken und auch nach Eiern war mir nie. Mein Körper war diesbezüglich bereits weiter als mein Geist, der auf die Medizinpropaganda von der gesunden Milch und dem wichtigen Tierprotein hereinfiel. Des Weiteren bemerkte ich als Arzt schon früh, wie sehr ich Allergikern und unter ihnen besonders Kindern helfen konnte, indem ich zum Verzicht auf Milchprodukte riet. Und was das Fleisch angeht: Nach einer Exkursion in den Schlachthof während meines Studiums lebte ich mit dem Gefühl, dass mit so viel Leid verbundene Nahrung uns niemals wirklich gut tun kann.

Deshalb haben Sie „Peace Food“ geschrieben?
Entscheidend dafür, dass ich es schließlich wagte, „Peace Food“ zu schreiben, waren die modernen Studien mit großen Teilnehmerzahlen: eine von Colin Campbell und Caldwyn Esselstyn, renommierten Schulmedizinern aus den USA, und eine von Professor Leitzmann aus Gießen: Beide weisen eindeutig und in dramatischen Zahlen auf die Gefahren von Tierprotein hin. Hier sind in doppelter Hinsicht harte Fakten auf den Tisch gekommen, die mich als Arzt verpflichten, den Patienten reinen Wein einzuschenken: Laut dieser Studien sind Fleisch und Milchprodukte gefährliche Auslöser für Herzprobleme, Krebs und viele andere Krankheitsbilder von Allergien bis hin zu Osteoporose. Tatsächlich wird gezeigt, dass Milchprodukte genau jene Osteoporose fördern, die sie angeblich verhindern sollen. Wie brisant die Lage ist, zeigt die Tatsache, dass man aufgrund der erwähnten Studien eigentlich alle Tierproteine als Kanzerogene bezeichnen müsste.

Und dann ist da noch die seelische Komponente: Das Leid der Tiere ist auch unser Leid…
Wenn wir Fleisch essen, essen wir auch die Angst der Schlachttiere mit: Bei der heute üblichen, entsetzlichen Massenschlachtung geben Tiere vor ihrem unvorstellbar grausamen Tod Angst- und Stresshormone in ihr Blut und Fleisch ab. In meiner ärztlichen Praxis musste ich miterleben, wie wir durch das Verschwinden der Hof- und Einzelschlachtung und durch den zunehmenden Fleischkonsum Panikattacken geradezu heraufbeschworen. Vor gut 30 Jahren, zur Zeit meines Examens, waren sie noch gar kein Thema.

Im Yoga spielt der Aspekt der Gewaltlosigkeit eine große Rolle – viele Yogis verzichten schon allein deshalb auf tierische Produkte. Können Sie uns Ihre Gedanken zu „Peace Food“ näher erläutern?
Das sehe ich genauso wie die Yogis. Nur habe ich erlebt, dass der wunderschöne Gedanke an Ahimsa moderne westliche Menschen zu wenig bewegt und kaum vom Fleischessen abhält. Selbst das Wissen um die Hungerkatastrophen, die unser Fleischkonsum in Entwicklungsländern hervorruft, reicht für die meisten leider nicht. Wir verfüttern ja große Kohlenhydrat-Mengen aus Hungerländern an Schlachttiere, um kleine Mengen Tierprotein für uns selbst zu bekommen. Auch ökologische Gründe zählen bei vielen egomanen Mitgliedern der Wohlstandsgesellschaften nicht. All diese Gründe habe ich natürlich in „Peace Food“ aufgeführt. Besonders aber bin ich auf die medizinischen Studien eingegangen, die belegen, wie sehr wir uns mit Tierprotein selbst schaden. Als Tierfreund und spiritueller Mensch bin ich der selben Meinung wie viele große Stimmen: Frieden im Inneren und im Außen werden wir erst finden, wenn wir die mit Tierproteinverzehr in Zusammenhang stehenden Grausamkeiten beenden.

Lange Zeit war die vegane Lebensweise eher in der Öko-Eso-Ecke ange- siedelt. In den letzten Jahren gewinnt sie jedoch mehr und mehr – auch prominente – Anhänger. Könnte und sollte Veganismus bald schon Einzug in den Mainstream finden?
Das hoffe ich sehr, dafür hab ich „Peace Food“ geschrieben und daran arbeite ich. Und alles spricht dafür. „Peace Food“ hat in den ersten drei Monaten bereits drei Auflagen erreicht und die ersten 20 000 waren sehr rasch verteilt. Und das ganz ohne Hilfe der großen Mainstream-Medien, die sich – aus welchen Gründen auch immer – bisher nicht für dieses notwendige Buch interessiert haben. Aber auch da besteht Hoffnung, vor allem weil „veganes Leben“ in den USA bereits ein breiter Trend ist, für den von Bill Clinton bis Paul McCartney viele Leute stehen. Und da wir bisher fast jeden US-Trend nachgemacht haben, sehe ich der Entwicklung in diese Richtung hoffnungsvoll entgegen.

(Bildquelle: Pixabay)


Bildschirmfoto 2014-07-07 um 14.30.25Ahimsa beim Essen
Das Thema ist nicht neu. Spätestens seit Jonathan Safran Foer in „Tiere essen“ und Karen Duve in „Anständig essen“ die vegetarische und vegane Lebensweise propagierten, werden die grausamen Praktiken der Nutztierhaltung in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Sicher ist es kein Zufall, dass nun mit Rüdiger Dahlke, der bereits zahl- reiche Ernährungs- und Gesundheitsratgeber veröffentlichte, ein weiterer bekannter Autor das einstige Nischenthema beleuchtet. Wie man es von ihm gewohnt ist, geht er auch in seinem neuen Buch detailliert auf die engen Zusammenhänge von Ernährung, Körper und Seele ein: Anhand jüngster Studien bringt Dahlke moderne Zivilisationskrankheiten direkt mit Fleischkonsum in Verbindung und macht nachdrücklich darauf aufmerksam, wie viel Leid man mit dem Konsum von Fleisch, Milch und Eiern billigend in Kauf und zu sich nimmt. Diesem Leid ist ein eigenes Kapitel gewidmet – sehr anschaulich rückt es ins Leserbewusstsein, dass so viel Qual bei der Produktion unserer Nahrung nicht ohne Folgen für unsere körperliche und seelische Verfassung bleiben kann. Wahres „Peace Food“ – für uns, die Tiere und die Umwelt – kann konsequenterweise nur vegan sein, so die Botschaft.

FAZIT // Für Kenner der Thematik wenig Neues – aber eine gute Zusammenfassung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie ein gelungenes Plädoyer für die vegane Lebensweise.

„PeaceFood–Wie derVerzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt. Mit 30 veganen Genussrezepten von Dorothea Neumayr“ von Ruediger Dahlke (GU, ca. 20 Euro)

Yoga in Japan – Absolute Hingabe

Wie sich Yoga in Japan vom Rest der Welt unterscheidet und welche Bedeutung es nach dem Schicksalsschlag von Fukushima für die Japaner hatte.

Im November 2011 begleite ich Mark Whitwell zum dritten Mal bei seinem Teacher-Training in Japan. Ich sitze also jeden Tag sieben Stunden in einem Raum mit 17 japanischen Yogis, die verschiedener nicht sein könnten. Vom Land, aus der Stadt, etablierte Yogalehrer und Yoga-Anfänger. Sie alle sind sehr konzentriert. So konzentriert, dass man sich fast fragt: Brauchen die überhaupt Yoga? Die scheinen es doch ziemlich gut hinzukriegen, den Geist in eine Richtung zu lenken und im Moment zu leben.

Außer dieser Fähigkeit, alles mit absoluter Hingabe zu tun, ist der wohl größte Unterschied zwischen der japanischen und der deutschen Kultur – und damit auch der Yogaszene – das ausgeprägte Gruppenbewusstsein der Japaner. Das Wohl der Gruppe steht immer über dem eigenen und was immer sie tun und sagen, muss auch für die anderen relevant sein. Sie sind oft zögerlich, wenn man sie nach ihrem persönlichen Befinden fragt. Aber wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass ihre Erfahrungen von allgemeiner Bedeutung sind, erzählen sie in einer Offenheit, die einem Tränen in die Augen treibt.

Gruppenbewusstsein
Den Individualismus, den die Amerikaner in allem, was sie tun, zelebrieren, drücken die Japaner in ihrer Mode und ihrem Faible für ungewöhnliche Designs aus, nicht in ihrem Sozialverhalten. In einem Land, in dem so viele Menschen auf engstem Raum leben, ist das gar nicht anders möglich. Die negativen Auswirkungen dieses Gruppenbewusstseins sind oft die Vernachlässigung der persönlichen Bedürfnisse und dadurch eine Abwertung der eigenen Person. „Wir haben in Japan ein ausgeprägtes Vergleichsdenken. Wir messen unser Glück auf relativer Ebene“, meint Kaori, unsere Übersetzerin. So kommt es, dass viele Menschen, die nicht unmittelbar unter den Folgen des Erdbebens leiden, mit Schuldgefühlen kämpfen. Obwohl sie eines der schwersten Erdbeben der letzten hundert Jahre durchlebten, fühlen sie sich nicht dazu berechtigt, negative Gefühle zu empfinden. Es geht ihnen doch so viel besser als den Menschen in der Region Tohoku, die noch immer mit den Folgen von Tsunami und Reaktorkatastrophe leben müssen.

Yoga als Zuflucht
Der positive Aspekt des Gemeinschaftsbewusstseins ist der Halt, den das Zugehörigkeitsgefühl den Mitgliedern einer Gruppe gibt. „Die Yogastunden hatten hier nach dem 11. März eine ähnliche Funktion wie für die Amerikaner nach dem 11. September“, meint Kaori. „Die Menschen waren verunsichert und betroffen. Sie wollten gerettet werden. Aber niemand kann einen anderen Menschen retten, oder?“, überlegt Kaori. „Also habe ich ihnen von ganzem Herzen gewünscht, dass es ihnen gut geht.“ Für viele der japanischen Yogis wurden die Studios zu einem Zufluchtsort, an dem sie zulassen konnten, dass sie verletzlich sind und Angst haben. Die körperliche Yogapraxis half ihnen, tiefer zu atmen und gab ihnen dadurch mehr Raum, die Realität zu verdauen. Es stellt sich natürlich sofort die Frage, ob es in solchen Notsituationen nicht grundlegendere Bedürfnisse als Yoga gibt, um die es sich zu kümmern gilt. Wie leicht drücken wir uns doch vor der eigenen Yogapraxis mit der Entschuldigung, es gäbe Wichtigeres zu tun – selbst wenn die Zeiten nicht halb so schwer und dramatisch sind. Aber in vielen Gesprächen betonen Marks Schüler immer wieder, was Yoga für sie bedeutet und warum es in dieser schwierigen Lage so wichtig für sie war. „In der Zeit nach dem Erdbeben musste ich Yoga üben, um nicht wahnsinnig zu werden. Ich weiß nicht, wie Leute, die diese Praxis nicht hatten, die Situation überhaupt aushalten konnten.“ So oder ähnlich höre ich das von fast allen. Gerade in problematischen Zeiten ist es nötig, sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Und jeder, der einmal krank, einsam oder in sonst einer misslichen Lage war, wird zustimmen, dass es die Beziehungen zu unseren geliebten Menschen sind, die uns am Leben halten. Und was ist Yoga anderes als Beziehung? Beziehung zum eigenen Leben und zum Leben, das einen umgibt. Yoga verbindet den Körper mit dem Atem, der die Grundlage des Lebens ist. Kyoko, eine Yogalehrerin, beschreibt es so: „Wenn du dich nicht mal mehr auf den Boden unter deinen Füßen verlassen kannst, weil er ständig bebt, ist der Atem dein einzig verlässlicher Freund.“

Pranayama im Katastrophengebiet
Yoku, Künstlerin und Yogaschülerin aus Tokio, entschied sich, in der vom Tsunami am schwersten betroffenen Region bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Sie übte dort morgens Yoga in der Gemeindehalle, in der die Hilfskräfte untergebracht waren. Ohne zu wissen, was das genau ist, fingen die anderen Helfer an mitzumachen. Diese gemeinsame Yogapraxis sei ganz ungeplant entstanden und hätte die Kommunikation untereinander unheimlich gefördert, erzählt Yoku. Für Helfer, die sich um das Schicksal so vieler Menschen kümmern müssen, ist es wichtig, sich zunächst um sich selbst zu kümmern. So war es einfacher für sie, das Unglück und den Schmerz auszuhalten, die ihnen täglich begegneten.

Die Stadt Ishinomaki, in der Yoku die Hilfskräfte unterstützte, ist bekannt für ihren Fischfang. Der ganze Ort stank also unglaublich nach totem Fisch. Der Geruch war so stark, dass man kaum atmen konnte. Yoku erzählt, wie sie mit den Menschen zusammen geweint hat. „Das war wie eine Art Pranayama. Es hat den Menschen geholfen, wieder besser atmen zu können.“ Viele der Frauen, mit denen sie sprach, konnten ihre Gefühle den Angehörigen gegenüber nicht zulassen. Sie wollten füreinander stark sein. „Ich war ja von außerhalb und somit nicht betroffen, also konnten sie loslassen. Das war für sie, glaube ich, sehr befreiend.“

An das beklemmende Gefühl, nicht atmen zu können, kann sich auch Kaori erinnern: „Als ich am Tag nach dem Erdbeben Yoga übte, hatte ich Angst, dass radioaktive Partikel in meinen Körper gelangen. Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn du Angst haben musst, dass jeder Atemzug, der dich am Leben hält, dir Schaden zufügt.“ Darüberhinaus ist man zum Teil selbst dafür verantwortlich: „Schließlich haben wir die Energie dieser Atomkraftwerke alle genutzt.“

Die yogische Weisheit, dass alles eins und auch das, was wir nicht sehen, real ist, erschloss sich ihr in dieser Zeit ganz besonders. „Die radioaktiven Teilchen sind zwar unsichtbar, aber sehr effektiv. Diese Stoffe sind jetzt überall in Japan. Und der Wind und das Meer verteilen sie auf der ganzen Welt“, erklärt sie. Das was geschehen ist, betrifft uns alle, im Guten wie im Schlechten. Globalisierung heißt auch: Wir sind alle verbunden.

Verbindung mit der Natur
Diese Naturkatastrophe und das daraus resultierende Atomunglück zeigen für Kaori ein tief liegendes Problem der modernen Gesellschaft: „Es geht nicht darum, aus der Atomenergie auszusteigen, um dann eine neue Art der Energieerzeugung zu suchen“, meint sie. „Es geht darum, dass die Menschen glauben, ihnen würde etwas fehlen und dass sie diese Leere mit Konsum füllen müssten.“ Auch sie sei dieser Illusion erlegen, bevor sie anfing, Yoga zu üben. Und noch immer sei es schwierig, zu realisieren, dass ein neues Smartphone genauso wenig Erfüllung bringt wie schicke Naturkosmetik oder der perfekte Partner. „Mit etwas, das von außen kommt, wird man diese Leere nie füllen können.“ Aber natürlich ist das einfacher und bequemer. Und es verlangt auch weniger Eigeninitiative.

In seinen Stunden betont Mark Whitwell immer wieder, dass Yoga unsere praktische Verbindung zur nährenden Kraft ist, die das Leben darstellt. Dieser Glaube an die Natur ist den Japanern nicht fremd. Der Shintoismus, der in Japan bis Ende des zweiten Weltkrieges Staatsreligion war, ist ein Naturkult. Dessen Grundgedanke ist, dass alles Leben auf der Welt aus der Natur kommt und wieder zur Natur zurückkehrt. Nach dem Erdbeben im März war es sehr schwierig für sie, dieses Vertrauen in die Natur zu behalten, meint Kaori. „Aber ich musste daran glauben, dass uns diese Natur liebt und nährt. Sonst hätte ich nicht weitermachen können.“ Yoga zu üben habe ihr sehr dabei geholfen, die Situation anzunehmen und den Tod als Teil des Lebens zu sehen. „Ich habe mich daran erinnert, dass dieses Beben, diese Bewegung der Erde die Bewegung der Natur ist und dass dadurch nun einmal Menschen sterben“, erzählt Kaori. „Und dass auch ich früher oder später sterben werde. Es kann jederzeit passieren.“ Auch das verbindet uns alle. „Dadurch ist mir klar geworden, dass das Leben ziemlich wertvoll ist.“ Diese Akzeptanz des Todes ist wohl die ultimative Hingabe. ✤

Veronika Köberlein wurde von Mark Whitwell zur Yogalehrerin ausgebildet. Sie ist studierte Mathematikerin und Journalistin und arbeitet als Fernsehproduzentin. Ein Jahr lang war sie auf Weltreise und hat Yoga in anderen Kulturen erfahren.

Der Pflug: warum sollte man wirklich für ihn ackern

Pflug ackern
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Halasana in corpore sano

Deutsch, Englisch, Geschichte: Das waren meine guten Fächer. Mathe, Chemie, Physik: ein anderes Kapitel… 13 Jahre Schule prägen einen, egal, wie lange sie zurückliegen. Und so hatte ich mich schnell daran gewöhnt, meine Stärken vor mir herzutragen und gleichzeitig vor meinen Schwächen davonzulaufen. Aber hopp, hopp! Die Konzentration auf das, was ich kann, hat mich ja auch einigermaßen weit gebracht, finde ich. Allerdings natürlich mal wieder nicht im Yoga.

Sei es nun dem Davonhoppeln oder meiner großen Liebe, dem Radfahren, geschuldet. Meine Beinsehnen waren stark, ausdauernd und leider unendlich verkürzt. Und das musste ich bald bei einigen Übungen feststellen. Vorbeugen, wie soll das gehen? Mit dem Oberkörper zum Knie, wie bitte? Mit den Händen zum Boden, qué pasa, amigo?! Das hatte ich noch nie gekonnt und das war auch nicht in meinem Repertoire, bums, aus, Nikolaus. Ich bin gut in Stehhaltungen, kann meine Arme toll hinter dem Rücken verbiegen und meinen Oberkörper verdrehen wie die lustige Post-Eule von Harry Potter. Und genau wie sie lieferte ich mit schlaftrunkener Sicherheit Krieger und Twists ab und verstand nicht, warum ich immer noch dazu gezwungen wurde, die Dinge zu machen, die ich doch gar nicht drauf hatte – wie den Pflug.

Von Anfang an war mir klar: Das wird nix mit uns. Ich bin die mit den kurzen Hamstrings, Ham wie Schinken, hallo? Es macht doch nur Sinn, dass die bei einer Prä-Gemüseanbau-Haltung nicht auch nur im Geringsten mitarbeiten. Ich machte es also zu meiner Gewohnheit, mich innerlich seufzend und schon mit der Sache abschließend aus dem Schulterstand auf den Rücken zu rollen und die Fußgelenke slash Schienbeine anzuglotzen. Meine Beinsehnen, mein Rücken, meine Halsmuskeln, buhuu. In dieser echt mies gespielten Ergebenheit in mein schreckliches, aber eben unabwendbares Schicksal, niemals meine Oberschenkel erblicken zu können, spielte ich falsches Ding einfach auf Zeit und wartete, bis wieder eine Paradehaltung von mir drankam. (Nun gut, nach dem Pflug kann man es ja nur noch im Fisch oder in Shavasana verbocken, und dazu muss man noch ne ganze Ecke begabter im Das-kann-ich- nicht-das-konnte-ich-noch-nie-Spiel sein als ich…)

Ich hatte mich so auf diese Rolle eingeschossen, dass ich eines Tages schrecklich doof geguckt haben muss, als ich plötzlich mit den Füßen hinter meinem Kopf den Boden antippte. Höäh? Anscheinend hatten meine Beinsehnen und mein Verstand nach zwei Jahren Yogapraxis endlich ein Einsehnen, pardon Einsehen, mit mir. Und auf einmal lag ich da, kompakt wie ein Schweizer Taschenmesser, und konnte nach zögerndem Probieren sogar die Knie an die Ohren bringen. An das Gefühl, das ich nach der Stunde hatte, kann ich mich gut erinnern: Wenn ich das kann, was ich nie konnte, dann kann ich ja vielleicht noch viel mehr lernen! Ich hatte mich nur an das Nicht-Können, Nicht-Dürfen und Nicht- Machen so sehr gewöhnt!

Tatsächlich steht bezüglich der Wirkung des Pfluges (oder Halasana) geschrieben, dass die Übung dabei hilft, „langfristige Veränderungen einzuleiten und geduldig die Wirkungen abzuwarten“. Amen. Der Pflug dehnt Rücken und Halswirbelsäule, hilft Flexibilität zu bekommen, dehnt die Beinmuskeln (aha!) und löst Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich (und ab und an auch ein paar Zentimeter weiter drüber – in der Birne).

Ich muss jetzt dazu sagen, dass ich trotzdem immer noch mies im Kopfrechnen bin. Mein Steuerberater kann das bestätigen, der arme Knilch. Aber ich bin wirklich offener für Veränderungen geworden, positive wie auch negative. Und darauf kann man wenigstens zählen.

Wünschen, ohne zu erwarten

Die Bhagavad Gita gehört zu den prominentesten und faszinierendsten Werken der alten indischen Kultur und ist neben dem Yoga-Sutra des Patanjali das wichtigste Buch über die Yoga-Philosophie. Wie dieser Klassiker uns heute dabei helfen kann, unsere Wünsche zu erkennen und uns für ihre Erfüllung einzusetzen, darüber sprach YOGA JOURNAL mit dem indischen Yogameister R. Sriram.

YOGA JOURNAL: Sriram, Dein neues Buch heißt: „Wünsche dir alles, erwarte nichts und werde reich beschenkt.“ Das klingt fast wie ein Griff in die Wundertüte. Welches Konzept verbirgt sich dahinter?
R. SRIRAM: Ein Grundkonzept der Yoga-Philosophie in Patanjalis Yoga-Sutra ist Ishvara Pranidhana (1.23). Es bedeutet, dass eine Macht existiert, die uns umgibt, dass unser Tun geschützt ist und wir aufgehoben sind in einem größeren Plan. Für unser Handeln bedeutet dies: Wir tun die Dinge, ohne dabei etwas für uns selbst zu erwarten. Es geht um das selbstlose Tun. Jeder kennt es: Wenn ich spontan einem alten Menschen über die Straße helfe, knüpfe ich daran keine Erwartung. Doch mit fast allem, was wir im Alltag tun, sind Erwartungen verbunden. Und genau da beginnt das Problem. Wir wollen den Partner, die Kinder so haben, wie wir uns das vorstellen. Und sind enttäuscht, wenn wir „hineininvestieren“ und hinterher zu wenig zurückbekommen. Das ist die Falle – deshalb werden wir so verwickelt in alles, was wir tun. Darum sind wir verärgert – oder enttäuscht oder eifersüchtig oder deprimiert oder zornig. Die Grundlehre der Bhagavad Gita besagt, dass der Mensch lernt, Taten, also Karma, auszuführen, ohne Erwartungen daran zu knüpfen. Das ist Yoga.

Erwartungen nein, Wünsche ja?
Erwartungen binden uns und machen uns unfrei. Das Wünschen hingegen ist eng verknüpft mit Kreativität, mit dem Tun – du musst aktiv werden, um deinen Wunsch zu erfüllen, und zwar mit Selbstvertrauen – du musst an dich und deinen Wunsch glauben und offen sein für das Glück.

Wie kann uns die indische Philosophie bei der Verwirklichung unserer Wünsche helfen?
Durch Anschauung, Überlegung und Eigeninitiative. Aus der Bhagavad Gita habe ich einige Slokas, also Textstellen, übersetzt und interpretiert, die das Thema „Wünsche“ beleuchten. Die indische Philosophie habe ich mit Erfahrungen aus meinem persönlichen Leben und meiner Arbeit als Yogalehrer verknüpft und untermale sie mit Fallbeispielen für bestimmte Wunschsituationen. Um die Ideen der Bhagavad Gita zu verwirklichen, bedarf es jedoch nicht nur der Inspiration durch die zitierten Textstellen, sondern auch praktischer Meditationsübungen, um in die eigene Erfahrung einzutauchen – sie geben uns Abstand zur eigenen Denkweise.

Die von dir beschriebenen Meditationsformen sind direkt anzuwendende, praktische Übungen. Welche Rolle spielt das Yoga-Sutra für die Meditation?
Im Gegensatz zum Yoga-Sutra entfalten sich die Lehren der Bhagavad Gita vor dem Hintergrund einer alltäglichen Situation. Dadurch bekommen die Anweisungen etwas äußerst Lebenspraktisches: Wir stehen vor einem Konflikt und wissen nicht, ob wir hineingehen oder ihm lieber ausweichen und ihn ignorieren sollen. In dieser Situation lehrt Krishna, der göttliche Meister, seinen Schüler Arjuna, dass er den Konflikt zwar annehmen, ihn aber auf eine yogische Weise annehmen und austra- gen soll. In der Bhagavad Gita geht es also vordergründig darum, wie Konflikte im Alltag gelöst werden können – wie man Streitigkeiten mit dem Partner, den Kindern, Kollegen oder dem Chef besser und auf yogische Weise bewältigen kann. Alles, was wir über den Weg in den Yoga-Sutren lernen können, wird vor dem praxisbezogenen Hintergrund der Bhaghavad Gita abgebildet. Insofern ist die Bhagavad Gita ein lebendiger Text, allerdings als philosophisches Werk keine so ausgeklügelte Studie über den Geist wie das Yoga-Sutra. Das Yoga- Sutra ist das komplexere System, in dem es um den persönlichen Befreiungsweg eines Menschen geht – um sein Dilemma, wie er zu mehr innerer Läuterung kommen kann.

Was hat das alles mit dem Thema „Wünsche“ zu tun?
Wenn wir Yoga machen, dann möchten wir fitter werden, frei von Schmerzen, ruhiger, freier und glücklicher. Das alles sind Wünsche. Alle Menschen haben Wünsche. Und sie sind wichtig, denn sie treiben uns im Leben an. Das Problem, das die Bhagavad Gita und das Yoga-Sutra ansprechen, sind nicht die Wünsche. Es geht darum, Raga, die Gier, abzubauen.

Worin besteht der Unterschied zwischen Wunsch und Gier?
Der reine Wunsch ist frei von Erwartungen, die Gier aber ist ganz unmittelbar an Erwartungen geknüpft. Das führt oft zu großen Missverständnissen. Wir dürfen nicht wunschlos sein, das Wünschen ist sogar notwendig für unser Leben. Wir können es uns nicht leisten, unsere Wünsche zu verbannen. Die Lösung ist, zu lernen, Wünsche zu haben, uns für sie einzusetzen und für das, was wir uns gewünscht haben, Verantwortung zu tragen. Und wir müssen darauf vertrauen, dass die Wünsche erfüllt werden. Gleichzeitig müssen wir uns von jeder Erwartung frei machen. Wünsche dir etwas, setze dich dafür ein, trage Verantwortung für das, was du dir wünschst, und vertraue dir, dass du das kannst. Und dann lass los. Lass die Erwartung los, dass der Wunsch auf eine ganz bestimmte Weise in Erfüllung gehen muss. Das sind die fünf Schritte, die ich in dem Buch in einzelnen Kapiteln und mit einzelnen meditativen Übungen beschreibe.

Wenn wir das jetzt einmal praktisch durchdeklinieren, wie sähen diese fünf Schritte aus, wenn ich mir zum Beispiel einen neuen Job suchen will?
Ich muss mich weiterbilden, vorbereiten, Bewerbungsunterlagen versenden, mein Selbstbewusstsein stärken, damit ich im Bewerbungsgespräch gut ankomme. Ich muss bereit sein, Verantwortung zu tragen. Meinem Gegenüber zeige ich, wie gut ich mich auf die neue Aufgabe vorbereitet habe, so dass er erkennt, dass ich ein verantwortungsbewusster Mitarbeiter werden kann. Doch im Bewerbungsgespräch selbst sitze ich nicht mit der Erwartung, dass ich den Job unbedingt bekommen muss. Denn dann würde ich mich verkrampfen. In der Situation lasse ich eher los, so dass mein Gegenüber das Gefühl gewinnt: Diesen Bewerber will ich haben.

Widerspricht das nicht der Gewohnheit, die wir im Westen pflegen: Uns so toll wie möglich zu präsentieren und zu zeigen, dass wir etwas haben wollen?
Das ist kein Widerspruch. Man soll sich sehr gut vorbereiten und präsentieren, außerdem Selbstbewusstsein zeigen und vermitteln dass man die Fähigkeit besitzt, Verantwortung zu tragen. Aber dabei muss man gelassen sein. Erst diese Losgelöstheit gibt einem die Ausstrahlung, dass man für den Job geeignet ist. Nur so kann man in seinem Gegenüber das Gefühl erwecken, dass er etwas versäumt, wenn er einen nicht einstellt.

Bezieht sich die Aussage, dass man, nachdem man sich von Erwartungen gelöst hat, reich beschenkt wird, darauf, dass man alles als Geschenk betrachten kann, wenn man es nicht erwartet hat?
Es ist nicht nur das. Man lernt zum einen, alles, was man bekommt, als Geschenk zu empfangen. Zudem lernt man Gelassenheit. Die Idee der Bhagavad Gita ist, dass die höchste Form des Karma-Yoga Vairagya ist: Gelassenheit, Nicht-Anhaften. Man lernt jedoch Gelassenheit nicht, indem man sagt: „Ich gebe das Fleischessen auf, das Rauchen, das Trinken usw.“ Man lernt sie dadurch, dass man von der Erwartungshaltung zurücktrittt. Alleine dadurch, dass man zunächst einmal diese Haltung lernt, wird man reich beschenkt. Zum anderen wird man beschenkt, weil man durch diese Gelassenheit empfangsbereit wird und so bewirkt, dass Wünsche in Erfüllung gehen.

Was ist mit Ehrgeiz – im Sinne von „zielstrebig einen Wunsch verfolgen“ – gemeint?
Was wir „Ziel“ nennen, ist etwas, das in der Zukunft liegt. Im Yoga, genau wie im Buddhismus, ist Achtsamkeit, also im Augenblick zu sein, die höchste Tugend. Sich auf ein Ziel zu fixieren, entfernt uns immer von der Gegenwart. Die Frage ist also: Wie können wir zielorientiert sein und dennoch in der Gegenwart? Die Bhagavad Gita sagt uns: Es ist sehr wichtig, ein klares Ziel zu haben. Aber wir haben kein Recht darauf, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben nur die Pflicht, das, was wir im Augenblick tun, mit voller Hingabe und Kompetenz zu tun. Wenn wir ein klares Ziel haben und im Augenblick mit voller Kompetenz handeln, sollten wir davon ausgehen können, dass das Ziel für uns näher rückt. Und es kann sogar sein, dass man, während man mit großer Kompetenz und Wachsamkeit im Jetzt handelt, das Ziel immer wieder neu definiert. Ziele sind nichts Statisches.

Schlagen wir den Bogen zur Meditation. Du beschreibst Übungen, um den Atem zu beobachten. Was bedeutet der Atem für uns?
In unserer modernen Welt gibt es immer diesen Streit zwischen Kopf und Bauch. Herz und Bauch sind wichtige Meditationszentren im Körper. Die Meditationsübungen führen dahin, dass wir mehr und mehr lernen, dem Herzen zu folgen, um den Streit zwischen Kopf und Bauch in dem Sinne besser zu lösen: Wie bringen wir den Kopf ins Herz hinein? Der Atem ist ein Mittel dazu, aber auch die Beobachtung, das Beruhigen der Sinne. Die Übungen sind bewusst einfach gehalten; jeder, der sich für das Thema interessiert, kann damit üben, wie er sich der Verwirklichung seiner Wünsche nähern kann.

Wie sähe der Meditationsweg für Menschen aus, die auf dem Yoga-Weg bereits weiter sind?
Normalerweise übt man im Yoga Pranayama. Durch das Üben bekommen wir ein Gefühl dafür, für eine Weile still in einer Position zu sein. Und wir beginnen, Stille zu erfahren. In unserem Körper. In unserem Geist.

Was passiert, wenn der Geist schweigt und im Herzen ruht?
Die Worte, die der Geist bislang sprach, gingen nicht durch das Herz. All das, was der Geist jetzt flüstern mag, kommt durch das Herz. Es spricht sozusagen die Herzensstimme. Man hört die eigene innere Stimme. Und darum geht es im Yoga.

Wenn der Geist ruhig geworden ist, wer empfängt dann diese Stimme?
Im Yoga nennen wir dies den göttlichen Funken in uns Purusha. Wir können auch Seele sagen. Der Geist selbst empfängt nur die Erfahrung der Stille. Die Stimme, die erklingt, dieser innere Ton, wird von der Seele zur Kenntnis genommen. Das bedeutet, dass wir eine tiefe Antwort nur aus dieser absoluten Stille heraus erfahren. Eine Antwort, die aus der Stille kommt, aus dem Herzen, kann nie eine taktische Antwort sein. In diesem Zustand, wenn der Geist ganz ruhig ist und im Herzen weilt, vernehmen wir Antworten, die weder aus unserem Wissensschatz noch aus unserer klugen Überlegung heraus entstehen. Es ist nicht mehr Wissen, dass wir empfangen, sondern tiefe Gewissheit.

Ist diese Stille Samadhi?
Sie ist ein Moment von Samadhi. Erst, wenn er nachhaltiger ist, sprechen wir vom Samadhi-Zustand.

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R. Sriram wurde 1954 in Chennai geboren und ist Schüler von T. K. V. Desikachar. Mit 23 Jahren begann er, intensiv Yoga zu praktizieren. Er unterrichtete mehrere Jahre am renommierten Yoga-Institut KYM in Chennai, ehe er mit seiner Familie nach Deutschland zog. Hier gehört Sriram zu den Wegbereitern der Desikachar-Linie. Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland und unterrichtet Ausbildungsgruppen in München, Berlin, Frankfurt, im Odenwald und immer wieder in seiner Heimat Indien. Srirams Buch „Wünsche dir alles, erwarte nichts und werde reich beschenkt: Indische Philosophie für ein erfülltes Leben“ ist im Februar 2012 im GU-Verlag erschienen.