Der Pflug: warum sollte man wirklich für ihn ackern

Pflug ackern
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Halasana in corpore sano

Deutsch, Englisch, Geschichte: Das waren meine guten Fächer. Mathe, Chemie, Physik: ein anderes Kapitel… 13 Jahre Schule prägen einen, egal, wie lange sie zurückliegen. Und so hatte ich mich schnell daran gewöhnt, meine Stärken vor mir herzutragen und gleichzeitig vor meinen Schwächen davonzulaufen. Aber hopp, hopp! Die Konzentration auf das, was ich kann, hat mich ja auch einigermaßen weit gebracht, finde ich. Allerdings natürlich mal wieder nicht im Yoga.

Sei es nun dem Davonhoppeln oder meiner großen Liebe, dem Radfahren, geschuldet. Meine Beinsehnen waren stark, ausdauernd und leider unendlich verkürzt. Und das musste ich bald bei einigen Übungen feststellen. Vorbeugen, wie soll das gehen? Mit dem Oberkörper zum Knie, wie bitte? Mit den Händen zum Boden, qué pasa, amigo?! Das hatte ich noch nie gekonnt und das war auch nicht in meinem Repertoire, bums, aus, Nikolaus. Ich bin gut in Stehhaltungen, kann meine Arme toll hinter dem Rücken verbiegen und meinen Oberkörper verdrehen wie die lustige Post-Eule von Harry Potter. Und genau wie sie lieferte ich mit schlaftrunkener Sicherheit Krieger und Twists ab und verstand nicht, warum ich immer noch dazu gezwungen wurde, die Dinge zu machen, die ich doch gar nicht drauf hatte – wie den Pflug.

Von Anfang an war mir klar: Das wird nix mit uns. Ich bin die mit den kurzen Hamstrings, Ham wie Schinken, hallo? Es macht doch nur Sinn, dass die bei einer Prä-Gemüseanbau-Haltung nicht auch nur im Geringsten mitarbeiten. Ich machte es also zu meiner Gewohnheit, mich innerlich seufzend und schon mit der Sache abschließend aus dem Schulterstand auf den Rücken zu rollen und die Fußgelenke slash Schienbeine anzuglotzen. Meine Beinsehnen, mein Rücken, meine Halsmuskeln, buhuu. In dieser echt mies gespielten Ergebenheit in mein schreckliches, aber eben unabwendbares Schicksal, niemals meine Oberschenkel erblicken zu können, spielte ich falsches Ding einfach auf Zeit und wartete, bis wieder eine Paradehaltung von mir drankam. (Nun gut, nach dem Pflug kann man es ja nur noch im Fisch oder in Shavasana verbocken, und dazu muss man noch ne ganze Ecke begabter im Das-kann-ich- nicht-das-konnte-ich-noch-nie-Spiel sein als ich…)

Ich hatte mich so auf diese Rolle eingeschossen, dass ich eines Tages schrecklich doof geguckt haben muss, als ich plötzlich mit den Füßen hinter meinem Kopf den Boden antippte. Höäh? Anscheinend hatten meine Beinsehnen und mein Verstand nach zwei Jahren Yogapraxis endlich ein Einsehnen, pardon Einsehen, mit mir. Und auf einmal lag ich da, kompakt wie ein Schweizer Taschenmesser, und konnte nach zögerndem Probieren sogar die Knie an die Ohren bringen. An das Gefühl, das ich nach der Stunde hatte, kann ich mich gut erinnern: Wenn ich das kann, was ich nie konnte, dann kann ich ja vielleicht noch viel mehr lernen! Ich hatte mich nur an das Nicht-Können, Nicht-Dürfen und Nicht- Machen so sehr gewöhnt!

Tatsächlich steht bezüglich der Wirkung des Pfluges (oder Halasana) geschrieben, dass die Übung dabei hilft, „langfristige Veränderungen einzuleiten und geduldig die Wirkungen abzuwarten“. Amen. Der Pflug dehnt Rücken und Halswirbelsäule, hilft Flexibilität zu bekommen, dehnt die Beinmuskeln (aha!) und löst Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich (und ab und an auch ein paar Zentimeter weiter drüber – in der Birne).

Ich muss jetzt dazu sagen, dass ich trotzdem immer noch mies im Kopfrechnen bin. Mein Steuerberater kann das bestätigen, der arme Knilch. Aber ich bin wirklich offener für Veränderungen geworden, positive wie auch negative. Und darauf kann man wenigstens zählen.

Wünschen, ohne zu erwarten

Die Bhagavad Gita gehört zu den prominentesten und faszinierendsten Werken der alten indischen Kultur und ist neben dem Yoga-Sutra des Patanjali das wichtigste Buch über die Yoga-Philosophie. Wie dieser Klassiker uns heute dabei helfen kann, unsere Wünsche zu erkennen und uns für ihre Erfüllung einzusetzen, darüber sprach YOGA JOURNAL mit dem indischen Yogameister R. Sriram.

YOGA JOURNAL: Sriram, Dein neues Buch heißt: „Wünsche dir alles, erwarte nichts und werde reich beschenkt.“ Das klingt fast wie ein Griff in die Wundertüte. Welches Konzept verbirgt sich dahinter?
R. SRIRAM: Ein Grundkonzept der Yoga-Philosophie in Patanjalis Yoga-Sutra ist Ishvara Pranidhana (1.23). Es bedeutet, dass eine Macht existiert, die uns umgibt, dass unser Tun geschützt ist und wir aufgehoben sind in einem größeren Plan. Für unser Handeln bedeutet dies: Wir tun die Dinge, ohne dabei etwas für uns selbst zu erwarten. Es geht um das selbstlose Tun. Jeder kennt es: Wenn ich spontan einem alten Menschen über die Straße helfe, knüpfe ich daran keine Erwartung. Doch mit fast allem, was wir im Alltag tun, sind Erwartungen verbunden. Und genau da beginnt das Problem. Wir wollen den Partner, die Kinder so haben, wie wir uns das vorstellen. Und sind enttäuscht, wenn wir „hineininvestieren“ und hinterher zu wenig zurückbekommen. Das ist die Falle – deshalb werden wir so verwickelt in alles, was wir tun. Darum sind wir verärgert – oder enttäuscht oder eifersüchtig oder deprimiert oder zornig. Die Grundlehre der Bhagavad Gita besagt, dass der Mensch lernt, Taten, also Karma, auszuführen, ohne Erwartungen daran zu knüpfen. Das ist Yoga.

Erwartungen nein, Wünsche ja?
Erwartungen binden uns und machen uns unfrei. Das Wünschen hingegen ist eng verknüpft mit Kreativität, mit dem Tun – du musst aktiv werden, um deinen Wunsch zu erfüllen, und zwar mit Selbstvertrauen – du musst an dich und deinen Wunsch glauben und offen sein für das Glück.

Wie kann uns die indische Philosophie bei der Verwirklichung unserer Wünsche helfen?
Durch Anschauung, Überlegung und Eigeninitiative. Aus der Bhagavad Gita habe ich einige Slokas, also Textstellen, übersetzt und interpretiert, die das Thema „Wünsche“ beleuchten. Die indische Philosophie habe ich mit Erfahrungen aus meinem persönlichen Leben und meiner Arbeit als Yogalehrer verknüpft und untermale sie mit Fallbeispielen für bestimmte Wunschsituationen. Um die Ideen der Bhagavad Gita zu verwirklichen, bedarf es jedoch nicht nur der Inspiration durch die zitierten Textstellen, sondern auch praktischer Meditationsübungen, um in die eigene Erfahrung einzutauchen – sie geben uns Abstand zur eigenen Denkweise.

Die von dir beschriebenen Meditationsformen sind direkt anzuwendende, praktische Übungen. Welche Rolle spielt das Yoga-Sutra für die Meditation?
Im Gegensatz zum Yoga-Sutra entfalten sich die Lehren der Bhagavad Gita vor dem Hintergrund einer alltäglichen Situation. Dadurch bekommen die Anweisungen etwas äußerst Lebenspraktisches: Wir stehen vor einem Konflikt und wissen nicht, ob wir hineingehen oder ihm lieber ausweichen und ihn ignorieren sollen. In dieser Situation lehrt Krishna, der göttliche Meister, seinen Schüler Arjuna, dass er den Konflikt zwar annehmen, ihn aber auf eine yogische Weise annehmen und austra- gen soll. In der Bhagavad Gita geht es also vordergründig darum, wie Konflikte im Alltag gelöst werden können – wie man Streitigkeiten mit dem Partner, den Kindern, Kollegen oder dem Chef besser und auf yogische Weise bewältigen kann. Alles, was wir über den Weg in den Yoga-Sutren lernen können, wird vor dem praxisbezogenen Hintergrund der Bhaghavad Gita abgebildet. Insofern ist die Bhagavad Gita ein lebendiger Text, allerdings als philosophisches Werk keine so ausgeklügelte Studie über den Geist wie das Yoga-Sutra. Das Yoga- Sutra ist das komplexere System, in dem es um den persönlichen Befreiungsweg eines Menschen geht – um sein Dilemma, wie er zu mehr innerer Läuterung kommen kann.

Was hat das alles mit dem Thema „Wünsche“ zu tun?
Wenn wir Yoga machen, dann möchten wir fitter werden, frei von Schmerzen, ruhiger, freier und glücklicher. Das alles sind Wünsche. Alle Menschen haben Wünsche. Und sie sind wichtig, denn sie treiben uns im Leben an. Das Problem, das die Bhagavad Gita und das Yoga-Sutra ansprechen, sind nicht die Wünsche. Es geht darum, Raga, die Gier, abzubauen.

Worin besteht der Unterschied zwischen Wunsch und Gier?
Der reine Wunsch ist frei von Erwartungen, die Gier aber ist ganz unmittelbar an Erwartungen geknüpft. Das führt oft zu großen Missverständnissen. Wir dürfen nicht wunschlos sein, das Wünschen ist sogar notwendig für unser Leben. Wir können es uns nicht leisten, unsere Wünsche zu verbannen. Die Lösung ist, zu lernen, Wünsche zu haben, uns für sie einzusetzen und für das, was wir uns gewünscht haben, Verantwortung zu tragen. Und wir müssen darauf vertrauen, dass die Wünsche erfüllt werden. Gleichzeitig müssen wir uns von jeder Erwartung frei machen. Wünsche dir etwas, setze dich dafür ein, trage Verantwortung für das, was du dir wünschst, und vertraue dir, dass du das kannst. Und dann lass los. Lass die Erwartung los, dass der Wunsch auf eine ganz bestimmte Weise in Erfüllung gehen muss. Das sind die fünf Schritte, die ich in dem Buch in einzelnen Kapiteln und mit einzelnen meditativen Übungen beschreibe.

Wenn wir das jetzt einmal praktisch durchdeklinieren, wie sähen diese fünf Schritte aus, wenn ich mir zum Beispiel einen neuen Job suchen will?
Ich muss mich weiterbilden, vorbereiten, Bewerbungsunterlagen versenden, mein Selbstbewusstsein stärken, damit ich im Bewerbungsgespräch gut ankomme. Ich muss bereit sein, Verantwortung zu tragen. Meinem Gegenüber zeige ich, wie gut ich mich auf die neue Aufgabe vorbereitet habe, so dass er erkennt, dass ich ein verantwortungsbewusster Mitarbeiter werden kann. Doch im Bewerbungsgespräch selbst sitze ich nicht mit der Erwartung, dass ich den Job unbedingt bekommen muss. Denn dann würde ich mich verkrampfen. In der Situation lasse ich eher los, so dass mein Gegenüber das Gefühl gewinnt: Diesen Bewerber will ich haben.

Widerspricht das nicht der Gewohnheit, die wir im Westen pflegen: Uns so toll wie möglich zu präsentieren und zu zeigen, dass wir etwas haben wollen?
Das ist kein Widerspruch. Man soll sich sehr gut vorbereiten und präsentieren, außerdem Selbstbewusstsein zeigen und vermitteln dass man die Fähigkeit besitzt, Verantwortung zu tragen. Aber dabei muss man gelassen sein. Erst diese Losgelöstheit gibt einem die Ausstrahlung, dass man für den Job geeignet ist. Nur so kann man in seinem Gegenüber das Gefühl erwecken, dass er etwas versäumt, wenn er einen nicht einstellt.

Bezieht sich die Aussage, dass man, nachdem man sich von Erwartungen gelöst hat, reich beschenkt wird, darauf, dass man alles als Geschenk betrachten kann, wenn man es nicht erwartet hat?
Es ist nicht nur das. Man lernt zum einen, alles, was man bekommt, als Geschenk zu empfangen. Zudem lernt man Gelassenheit. Die Idee der Bhagavad Gita ist, dass die höchste Form des Karma-Yoga Vairagya ist: Gelassenheit, Nicht-Anhaften. Man lernt jedoch Gelassenheit nicht, indem man sagt: „Ich gebe das Fleischessen auf, das Rauchen, das Trinken usw.“ Man lernt sie dadurch, dass man von der Erwartungshaltung zurücktrittt. Alleine dadurch, dass man zunächst einmal diese Haltung lernt, wird man reich beschenkt. Zum anderen wird man beschenkt, weil man durch diese Gelassenheit empfangsbereit wird und so bewirkt, dass Wünsche in Erfüllung gehen.

Was ist mit Ehrgeiz – im Sinne von „zielstrebig einen Wunsch verfolgen“ – gemeint?
Was wir „Ziel“ nennen, ist etwas, das in der Zukunft liegt. Im Yoga, genau wie im Buddhismus, ist Achtsamkeit, also im Augenblick zu sein, die höchste Tugend. Sich auf ein Ziel zu fixieren, entfernt uns immer von der Gegenwart. Die Frage ist also: Wie können wir zielorientiert sein und dennoch in der Gegenwart? Die Bhagavad Gita sagt uns: Es ist sehr wichtig, ein klares Ziel zu haben. Aber wir haben kein Recht darauf, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben nur die Pflicht, das, was wir im Augenblick tun, mit voller Hingabe und Kompetenz zu tun. Wenn wir ein klares Ziel haben und im Augenblick mit voller Kompetenz handeln, sollten wir davon ausgehen können, dass das Ziel für uns näher rückt. Und es kann sogar sein, dass man, während man mit großer Kompetenz und Wachsamkeit im Jetzt handelt, das Ziel immer wieder neu definiert. Ziele sind nichts Statisches.

Schlagen wir den Bogen zur Meditation. Du beschreibst Übungen, um den Atem zu beobachten. Was bedeutet der Atem für uns?
In unserer modernen Welt gibt es immer diesen Streit zwischen Kopf und Bauch. Herz und Bauch sind wichtige Meditationszentren im Körper. Die Meditationsübungen führen dahin, dass wir mehr und mehr lernen, dem Herzen zu folgen, um den Streit zwischen Kopf und Bauch in dem Sinne besser zu lösen: Wie bringen wir den Kopf ins Herz hinein? Der Atem ist ein Mittel dazu, aber auch die Beobachtung, das Beruhigen der Sinne. Die Übungen sind bewusst einfach gehalten; jeder, der sich für das Thema interessiert, kann damit üben, wie er sich der Verwirklichung seiner Wünsche nähern kann.

Wie sähe der Meditationsweg für Menschen aus, die auf dem Yoga-Weg bereits weiter sind?
Normalerweise übt man im Yoga Pranayama. Durch das Üben bekommen wir ein Gefühl dafür, für eine Weile still in einer Position zu sein. Und wir beginnen, Stille zu erfahren. In unserem Körper. In unserem Geist.

Was passiert, wenn der Geist schweigt und im Herzen ruht?
Die Worte, die der Geist bislang sprach, gingen nicht durch das Herz. All das, was der Geist jetzt flüstern mag, kommt durch das Herz. Es spricht sozusagen die Herzensstimme. Man hört die eigene innere Stimme. Und darum geht es im Yoga.

Wenn der Geist ruhig geworden ist, wer empfängt dann diese Stimme?
Im Yoga nennen wir dies den göttlichen Funken in uns Purusha. Wir können auch Seele sagen. Der Geist selbst empfängt nur die Erfahrung der Stille. Die Stimme, die erklingt, dieser innere Ton, wird von der Seele zur Kenntnis genommen. Das bedeutet, dass wir eine tiefe Antwort nur aus dieser absoluten Stille heraus erfahren. Eine Antwort, die aus der Stille kommt, aus dem Herzen, kann nie eine taktische Antwort sein. In diesem Zustand, wenn der Geist ganz ruhig ist und im Herzen weilt, vernehmen wir Antworten, die weder aus unserem Wissensschatz noch aus unserer klugen Überlegung heraus entstehen. Es ist nicht mehr Wissen, dass wir empfangen, sondern tiefe Gewissheit.

Ist diese Stille Samadhi?
Sie ist ein Moment von Samadhi. Erst, wenn er nachhaltiger ist, sprechen wir vom Samadhi-Zustand.

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R. Sriram wurde 1954 in Chennai geboren und ist Schüler von T. K. V. Desikachar. Mit 23 Jahren begann er, intensiv Yoga zu praktizieren. Er unterrichtete mehrere Jahre am renommierten Yoga-Institut KYM in Chennai, ehe er mit seiner Familie nach Deutschland zog. Hier gehört Sriram zu den Wegbereitern der Desikachar-Linie. Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland und unterrichtet Ausbildungsgruppen in München, Berlin, Frankfurt, im Odenwald und immer wieder in seiner Heimat Indien. Srirams Buch „Wünsche dir alles, erwarte nichts und werde reich beschenkt: Indische Philosophie für ein erfülltes Leben“ ist im Februar 2012 im GU-Verlag erschienen.  

 

Yoga-Therapie: West-Östliche Heilung

In Berlin kursiert das Gerücht, Manuela Heider de Jahnsen könne Gelähmte wieder zum Laufen bringen. Tatsächlich nutzt die Yoga-Therapeutin „Antennen zum Himmel“ und „göttliches Mitgefühl“ als Werkzeuge. Im YOGA JOURNAL erklärt sie deren praktischen Nutzen sowie Kunst und Risiken des Yoga.

YOGA JOURNAL: Manuela, eine aktuelle Debatte dreht sich darum, dass Asanas dem Körper eher schaden als gut tun. Kann Yoga zum Risiko für den Körper werden?
MANUELA HEIDER DE JAHNSEN: Asanas, so wie Patanjali feststellt, sollen stabil und bequem sein. Wir könnten uns jetzt besserwisserisch auf den Standpunkt zurückziehen, dass das, was zu Verletzungen führt und unbequem wird, eben keine Asana war. Vielleicht fehlen uns ja einfach Leichtigkeit und Humor, wenn wir üben? Vielleicht verbleiben wir oft in unseren Mustern und üben, wenn der Geist noch im Alltag gefangen ist und uns während der Praxis Tausende von Gedanken über- rollen. Patanjali sagt außerdem: Unsere Yogapraxis muss drei Qualitäten vereinen: Klärung, Selbstreflexion und Akzeptanz unserer Grenzen.

Vielleicht könnte man die Ausgangsfrage anders stellen: Wer hat sich verletzt, wann, wie und warum?
Der individuell Leidende und seine Vorgeschichte stehen stets im Mittelpunkt. Oft spielt die Motivation eine Rolle. Die meisten Yogis, die ich kennenlerne, üben Asanas, weil sie an einem Punkt ihres Lebens erkannt haben, dass sie etwas verändern müssen. Sie stehen unter Druck und der Weg zum Glück wird schwieriger. Viele leiden unter Schmerzen, weil sie zu viel sitzen, zu viel arbeiten, zu ungesund leben, schlaflos wurden. In jedem Fall fühlen sie, dass sie an einem Wendepunkt sind, da sie bereits Unwohlsein oder Entfremdung verspüren. Das bringen sie mit in die Yogastunde.

Solche Spannungszustände können sich natürlich nicht in der ersten Stunde auflösen.
Nein, das braucht viel, viel Zeit und noch mehr Geduld. Anders als in den Privatstunden, die ich bevorzuge, sind die Yo- gaübenden mit diesen Beschwerden nun häufig anonym in einer Gruppe von Menschen mit ganz unterschiedlichen Möglichkeiten und Wünschen, Einschränkungen, Beschwerden und Leiden. Manchmal beschränkt sich in großen Studios die Möglichkeit, auf ein Problem aufmerksam zu machen, auf eine Spalte im Anmeldebogen, die da eigentlich nur freigelassen wurde, um versicherungstechnische Schwierigkeiten zu verhindern. Hinzu kommen Lehrer, die zum Teil sehr unerfahren sind, aber umso ehrgeiziger vorgehen.

Asanas an sich schaden dem Körper also nicht.
Nein, das übernimmt der Mensch, der sich durch falsches Verstehen, irrtümliches Verständnis der eigenen Person, drängendes Verlangen, unbegründete Abneigung und tiefsitzende Unsicherheit in seinen Möglichkeiten einschränkt. Seit Patanjalis Erklärungen zu diesen Kleshas kann man dem eigentlich nichts mehr hinzufügen.

Wer kommt in deine Praxis?
Viele Yogaschüler und -lehrer, aber auch Patienten mit wenig Yoga- und mehr körperlichem und seelischen Belastungshintergrund. Unter ihnen sind Tänzer, Schauspieler, Akrobaten, Musiker und viele Kreative, die alle enorm viel leisten und arbeiten. Weiterhin kommen Menschen, die durch ein Unglück Gliedmaßen verloren, Verbrennungen erlitten oder große Narben haben. Durch die mentale Tiefe und die extrem artifizielle Sprache, die in den Asanas verborgen ist, schafft Yoga auch seelischen Ausgleich. Rein physisch können mit Yoga aber auch leichte bis schwere Verletzungen und großflächige Vernarbungen oder Lähmungen ausgeglichen werden. Generell ist der Leidensdruck der Patienten sehr hoch. 90 Prozent gelten in der Schulmedizin als austherapiert. Sie hören Dinge wie „In zwei Jahren sitzen sie im Rollstuhl“. Aber niemand sagt ihnen, wie sie Grundlegendes verändern können! Für mich als Therapeutin entsteht durch diesen enormen Druck ein großes Geschenk. Denn diese Menschen bringen eine extreme Motivation mit.

Was sind die häufigsten Verletzungen, die dir in deiner Praxis begegnen?
Die unterscheiden sich nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern von Studio zu Studio, von Yogaschule zu Yogaschule. Ich beobachte jedoch bei Frauen einen Trend zu Hüftproblemen. Insbesondere die Stehhaltungen wie Trikonasana werden nicht sorgfältig genug unterrichtet und häufig auch während der Menstruation geübt. Wir behandeln in meiner Praxis hauptsächlich Verdickungen der Leistenbänder, die besonders bei flexiblen Frauen durch Überlastung der Leistenregion entstehen. Weiterhin finden wir akute Verletzungen wie Blockaden im IIeosakralgelenk und Schiefhals. Erstere sind zumeist eine Folge von Vorwärtsbeugen (Paschimottanasana, Janu Shirshasana, Uttansasana), die bei zu viel Enthusiasmus auch immer mal einen Hexenschuss auslösen können. Der Schiefhals (Torticollis) geht zumeist mit einer Blockade der Brustwirbelsäule einher und tritt gerne bei den Umkehrhaltungen wie Salamba Shirshasana und Shirshasana auf. Häufig ist da die Ursache ein nicht sorgfältig erarbeitetes „Sequencing“, also ein mangelndes Verständnis, in welcher Reihenfolge welche Asanas am besten geübt werden, um den Körper auf so komplexe Stressbelastungen, wie sie durch den Kopfstand entstehen, vorzubereiten. Dann kommen Meniskuseinrisse nach erzwungenen Lotussitzen vor. Die sind stark zurückgegangen – bedauerlicherweise nicht durch eine Zunahme qualifizierter Anleitungen, sondern weil der König der Asanas einfach kaum noch geübt wird! Bei allen Vinyasa-orientierten Schulen muss man noch die Schulterschmerzen erwähnen. Hier ist insbesondere ein ungleichmäßiger Muskelaufbau mit Überlastung die Ursache. Gerade bei Sprüngen von Adho Mukha Shvanasana in Chaturanga überschreiten Schüler mit zarten Gelenken oder unpräziser Sprungtechnik nach dem fünften, sechsten Sprung das Maß des guten, konzentrierten Übens. Nur noch ein Durchhalten lässt die Betroffenen weiter springen. Da würde ich als Gelenk auch nicht mitmachen wollen.

Was ist heute anders als im klassischen Yoga?
Im klassischen Indien wurde Yoga direkt vom Lehrer an die Schüler weiter gegeben. Heute sehe ich nur noch Lehrer, kaum noch Schüler! Kaum einer will mehr aufmerksam lernen, jeder weiß schon alles und jeder will unterrichten. Klassisches Yoga soll sich im geistigen Raum der Befreiung abspielen. Die Lehre des Ayurveda ist eine wichtige Methode, den Körper langfristig zu erhalten, damit der Mensch über lange Jahre Glückseligkeit erfahren und Mitgefühl spenden kann. So treten der körperliche Aspekt der Asanas und ihre Heilsamkeit anders in den Vordergrund. Die Asanas haben eine unglaubliche mentale Kraft, sie fördern die Durchhaltekraft und die Durchsetzungsfähigkeit des Menschen. Durch ihre kunstvolle statische Ausführung haben sie extreme Wirkung auf das muskel-skeletare System des Körpers und die Organe. Nicht umsonst wird im klassischen Yoga gesagt, dass die Gelenke Augen haben. Durch die Augen tritt im Alltag permament Energie nach außen. Wir müssen Techniken lernen, wie wir den Kraftverlust in den Asanas reduzieren.

Wie kann man das Verletzungsrisiko verringern?
Erneut mit Klärung, Selbstreflexion und Akzeptanz unserer Grenzen! Ich möchte alle Yogaübenden ermutigen, sich zu erlauben, diese oder jene Asana nicht mit zu üben, gut zu atmen und erst bei der nächsten Übung weiterzumachen. Sich gelegentlich aus der gruppendynamischen Situation zu lösen in sich hinein zu lauschen.

Was verstehst du als Therapeutin unter „achtsam üben“?
Für mich bedeutet dies, alle acht Glieder des Yogapfades als unumstößliche Erfahrung anzuerkennen. Daraus entwickelt sich Vertrauen in das, was ich übe, und ein Ziel ist definiert. Die Asanas stellen somit nur einen geringen Teil dessen dar, was ich vorhabe. Vertrauen zu entwickeln, bedeutet gleichzeitig, Druck abzubauen. Die Yoga-Praxis ohne Druck auszuführen, entwickelt achtsames Bewegen.

Sind dies deine eigenen Erfahrungen?
Durch einen Unfall vor zwölf Jahren bin ich körperlich eingeschränkt. Eine Glasscherbe durchtrennte meinen Fuß. Ohne achtsames Bewegen käme ich nicht einmal vom Fleck. Ich habe die Asanas als einen Weg in die Freiheit erfahren dürfen. Meine wichtigsten Lehrer und meine engsten Freunde sind dabei Pankaj Sharma und Surinder Singh. Das hat meinen Therapiestil geprägt: Wenn es bei mir geht, muss es bei anderen auch gehen. Ich muss jeden Tag an mir arbeiten.

Auch psychische Leiden sind Thema in deiner Praxis.
Grundsätzlich ist es fast egal, auf welcher Ebene Leid stattfindet. Ich behandle auch schwere chronische Traurigkeit oder das Gefühl, nicht lieben zu können oder geliebt zu werden. Häufig kann ein an seiner Familiensituation leidender Mensch nicht auf solches Mitgefühl hoffen wie ein offensichtlich körperlich Verletzter. Ich nehme jeden in seinem Bereich ernst.

Du hast deine eigene Therapieform der „Minipunktur“ entwickelt, in der du Akupunktur und Yoga-Assists verbindest. Was hat es damit auf sich?
In der Minipunktur setze ich Erfahrungen aus den Assists in Nadelarbeit um. Das Konzept dahinter ist einfache Neurologie: Nervenimpulse der Hautnerven werden schneller verarbeitet als solche der großen Skelettmuskeln. Dies entspricht auch unseren Yogaerfahrungen, wenn wir lernen, dass es drei Möglichkeiten gibt, in einer Asana zu arbeiten: über die Knochen, die Muskeln oder die Haut. Wir können so die Yogaübenden auch bei Verletzungen durch eine an- dauernde Assist-Situation in den Asanas dazu bringen, diese gesundheitsfördernd zu üben. Aber man braucht eine Menge Erfahrung, um die Bewegungmuster der Yogaübenden präzise genug studieren zu können und dann die Nadel an die exakte Stelle zu stechen. Wenn dies aber gelingt, ist es ein gewaltiges Erlebnis. Der Körper scheint sich so leicht zu öffnen!

Auch sonst kombinierst du westliche Physiotherapie und Psychologie mit Ansätzen aus der chinesischen Medizin, dem Shiatsu, dem Ayurveda und dem Yoga. Ein therapeutischer Cocktail, der für jeden den idealen Weg bereit hält?
Auf keinen Fall ein Cocktail, ich mische selten. Durch die Arbeit mit den Schülern weiß ich: Manchen hilft Akupunktur, den Yogaerfahrenen beispielsweise intensives Pranayama. Alle Systeme – die chinesischen, orientalischen, indischen, tibetischen – in einem Topf zu kochen, halte ich für einen Fehler. Damit würde man die Fülle der verschiedenen Ansätze für den Patienten reduzieren.

Gibt es auch Verknüpfungen?
Durchaus. Im 5. Jahrhundert wanderte der indische Mönch Bodhidharma nach China. Seine entscheidenden Aufenthaltsorte waren die Klöster der Shaolin-Mönche. Im medizinischen System der Shaolin gibt es die Vorstellung von den drei Brennkammern in den Körperhöhlen, in denen gewöhnliche in spirituelle Energie transformiert wird. Feuer ist hier ein zentraler Aspekt der Transformation. Diese Bewegungen von Energie finden wir auch im Bewegungsmuster von Prana, den verschiedenen Pranas und den Koshas in ayurvedischen Texten und der yogischen Lehre wieder, ebenso den Feuergedanken. Generell gibt es ja nicht den einen Taoismus oder Hinduismus. Beide bestehen aus den Lehren von Tausenden, sich zum Teil widersprechenden und bekämpfenden Schulen. Irgendwann wurden sie einfach unter einem Namen zusammengefasst, damit man überhaupt einen Ansatz in der Hand hatte, damit umzugehen – aber immer aus der Perspektive der Fremdheit heraus.

Wie kann man dies für den Westen nutzbar machen?
Auf sehr praktische Weise. In den letzten 60 Jahren hat beispielsweise die chinesische klinische Medizin in Europa eine eigenständige Entwicklung in Richtung emotionale Heilung durchgemacht. Auch Ayurveda bringt typisch indische Merkmale mit, nach denen wir offenbar Sehnsucht haben, und passt sie langsam unseren hiesigen Vorstellungen von Ordnung an – frei nach C.G. Jung: Dem westlichen Menschen ist es aufgegeben, sich das Östliche anzuempfinden. Im Ayurveda spielen Licht, Liebe und Göttlichkeit eine Rolle, auch die Berührung. Es macht einen großen Unterschied aus, ob in der Therapie mit einer Metallnadel gestochen wird oder warmes Öl auf den Patienten gegossen wird. Ein Großteil der Patienten mit bestimmten Blockaden spricht besser auf die „Antennen zum Himmel“ der Akupunktur an. Das „göttliche Ausgießen von Mitgefühl“ lässt sich gut auf einen einzelnen Körperteil anwenden, auch auf psychische Leiden. Somit finde ich es von Vorteil, wenn man beide Systeme gut kennt und voneinander trennen kann.

Du würdest Akupunktur und Ayurveda also nie vermischen?
Man kann Patienten durchaus an Akupunktur gewöhnen und einen Zugang herstellen. Beim Meniskusriss kann ich neben der Minipunktur zum Beispiel ayurvedisches Öl und Kräuter einsetzen, damit sich das Gewebe wieder aufbaut.

Welche Yogastile haben deine Arbeit inspiriert?
Ich gehe in alle Yogaschulen, übe gerne Anusara, Jivamukti und Spirit Yoga, auch Anna Trökes ist meine Lehrerin. Iyengar Yoga liefert mir das Basiswissen, ich halte es für Anatomie in Bewegung und den idealen Zugang zum lebendigen Körper in Bewegung. Ich finde, dass jeder Masseur eine Iyengar-Ausbildung machen sollte.

Nach so vielen Details nun die Grundsatzfrage: Was bedeutet Yoga im Kern für dich?
Verbindung. Das ist etwas, womit ich keinen Spaß treibe, sondern Ernst. Dieser Dimension kann ich mich in Demut nur auf wenige Prozent annähern. Was danach kommt, ist nicht nur Shanti. Im Gegenteil. Mich verwundert immer die Annahme, mit Yoga werde alles gut. Es gibt Dinge, denen wir uns dann erst recht stellen müssen. Damit wären wir wieder am therapeutischen Punkt. Mein Ansatz ist es auch, Menschen zu begleiten, wenn sie vor dem stehen, was sie eben noch mit einem fröhlichen Mantra angeträllert haben. Patrick Broome meinte einmal sehr treffend: „Wenn wir Shiva Gurave singen – wissen wir überhaupt, mit wem wir es zu tun haben? Und wollen wir das wirklich?“

Damit sind wir bei der heilenden Wirkung der Klänge.
Mitchel Bleier, ein amerikanischer Lehrer, den ich sehr schätze, sagte über das Singen von Om: „Überlegt, was ihr da tut. Tut es nicht für den äußeren Klang, sondern geht ernsthaft an diese Dinge heran.“ Sanskrit ist Medizin, das klingende Universum, und ich habe einen Heidenrespekt vor dem Intonieren von Lauten und der Namensgebung. Sie wirkt im Sinne der Veränderung. Heilen ist Veränderung.

Siehst du dich auch als Yogalehrerin?
Nein, ich bin Therapeutin. Seit ich 15 bin, übe ich Yoga. Zu dieser Zeit gab es in Berlin noch nicht viele Lehrer. Die Adressenvermittlung funktionierte über eine Art Geheimcode. Diese enthusiastische Grundeinstellung möchte ich mir behalten.

West-Östliche Heilung
Durch enge familiäre Bindungen begeisterte sich Manuela Heider de Jahnsen bereits in frühen Kinderjahren für die Welt der Akrobaten und Indiens.Neugierig auf die verschiedenen Denkweisen und Überzeugungen der Menschen auf der ganzen Welt beschäftigte sie sich intensiv mit alternativen und traditionellen Heilmethoden. „Zwar haben wir alle einen anderen Glauben, eine andere Sicht der Dinge, andere Werte, aber die Basis unserer Heilung bleibt stets übereinstimmend Vertrauen und Hoffnung“, so die Therapeutin. Aus dieser Perspektive lernte sie Yoga und Ayurveda, Meditation und Kräuterheilkunde der verschiedenen Traditionen und Länder von Tibet bis zu den Anden kennen und schätzen. Nach vielen Studien-, Lehr- und Arbeitsjahren in Südamerika, Indien und Vietnam kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie in Mitte ihre Praxis Society of Friends betreibt. 

Yoga als Trauerbewältigung

Als Kind war für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte: Mama oder Papa würden eines Tages sterben. Diese Vorstellung bescherte mir Bauchschmerzen und schlaflose Nächte – bis es schließlich so weit war: Meine Mutter wurde krank und starb viel zu früh. Vorbei die Zeit, in der ich sie um Rat fragen konnte. Ich wurde schneller erwachsen, als mir lieb sein konnte.

Wie kaum eine andere Phase im Leben erfordert die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen Veränderungen und eine vertrauensvolle Haltung dem Leben gegenüber. Diese Grenzerfahrung fordert den Hinterbliebenen in seinem Leid rücksichtslos auf, da weiterzumachen, wo das Leben mit dem anderen aufgehört hat. Die Trauer betrifft den Menschen in seiner Ganzheit, sie wälzt sein Leben und seine Gewohnheiten um, sie durchdringt alle Lebensbereiche und löst Emotionen aus, die dem Unwiederbringlichen hinterher schreien.

Mir wurde damals klar, dass mich in dieser kritischen Lebensphase nur unterstützende Begleitung entlasten könnte – Begleitung, die Kraft, Vertrauen, Offenheit und Geborgenheit ausstrahlt. Überwältigt von noch nie zuvor erlebten Gefühlen, von Hilf- und Bodenlosigkeit, die einsam auf eine nicht mehr vorhandene Gemeinschaft blickten, ließ mich Yoga ankommen in meiner neuen Realität, fing mich auf und wurde schließlich zu jener unterstützenden Begleitung.

Ich dachte bis dahin, viel für das Verständnis getan zu haben, dass Menschsein, Tod und Trauer nicht voneinander zu trennen sind. Langjährige Reflexionen über den Tod und das Leid während Vipassana-Retreats gingen voraus, die Fluchtgedanken in schweißtreibenden Power-Yoga-Sessions lehrten mich in ihrer Intensität das pure Sein. Eine kontinuierliche Meditationspraxis über den Gleichmut und die liebende Güte ließen mich in Herzenswärme bei mir sein, Momente der Ausweglosigkeit verwandelten sich mit jedem Atemzug in Schönheit und Besonderheit.

Unsere nicht-wissende Natur
Aber spätestens wenn es darum geht, Vergänglichkeit nicht nur zu erkennen oder zu erahnen, sondern während einer Lebenskrise, die tatsächlichen Wandel erfordert, in vollen Zügen zu spüren, rücken die Schönheit des Momentes und die Aussicht auf Zukünftiges zunächst in den Hintergrund. Ersetzt werden sie durch einen gewaltigen, ernüchternden Einbruch der Realität. Dabei stellte sich mir die Frage, ob ein Vorwissen um die möglichen Veränderungen des Lebens tatsächlich Wissen ist – oder ob nicht erst die erfahrene Realität dieses Wissen entwickelt. Erst die Trauer um einen geliebten Menschen scheint uns ein tieferes Verständnis von Vergänglichkeit zu vermitteln. Demnach wird erst der Tod des Nächsten durch die Trauer zur lebendigen Todesreflexion. Als Kind (und selbst als Erwachsene) hätte ich gedacht, dass mit dem Tod meiner Mutter mein eigener innerlicher Tod eintreten würde. Aber die Trauer kennt ihre ganz eigenen Erlebnisse und Gesetze.

Wir sind nicht-wissende Wesen: wir können unseren Todeszeitpunkt und die Todesursache nicht vorhersagen, und auch nicht die unserer Liebsten. Ursache und Zeitpunkt des Todes liegen außerhalb unseres Einflussbereichs. Wir können nicht anders, als uns dem zu fügen: So sehr wir uns bemühen, der Tod wird stets undurchschaubar sein. Er grenzt wissen und Erkennen aus und schließt dafür Nichtwissen ein. Einzig die Liebe schafft es uns durch intensive Trauer näher an die gefühlte Bedeutung des Todes heranzuführen. Und mit der Zeit wird man merken, dass die Trauer kein Gegner, sondern ein wichtiger Partner ist.

Yoga und Trauer – ein Prozess des Eins-Werdens mit dem Selbst
Trotz des Leides im Alleinsein und des Gefühls, zurückgelassen zu werden, kann Trauer mehr bewirken, als eine Reflexion über die eigene Vergänglichkeit anzustoßen. Der Tod berührt die innersten Wurzeln und den eigenen Ursprung. Umso wichtiger erscheint das, was die Trauerforschung immer wieder hervorhebt: Man muss Trauer zulassen, denn nur durch sie kann die persönliche Entwicklung ihren Lauf nehmen. Das Leben wird tiefer, Fremdheit wird durch Vertrautheit abgelöst, denn die Tiefe lehnt die Flucht ab. Stattdessen kann der Hinterbliebene zu seinem wahren und ursprünglichen Selbst vordringen – also zu Drasta, dem reinen Selbst. Fragen wie „wer bin ich ohne meine Mutter?“, „was macht das Leben lebenswert, wenn mir doch alles genommen werden kann?“, „was möchte ich eigentlich nach meinem Tod hinterlassen?“ nahmen mich damals ein und wollten ergründet werden.

Wenn wir Yoga als einen Prozess des Einswerdens verstehen, dann schließt es den Aspekt der Selbsterkenntnis mit ein. In Anlehnung an Patanjali geht es dabei um die Wahrnehmung der Kleshas in uns, also der Kräfte, die uns lahmlegen, und Drasta. Das alles findet in Citta statt, unserem Geist, der erforscht und verstanden werden will.

Wie schnell diese Kräfte Einfluss auf unser ganzes Wesen nehmen und die Verbindung auch zu unserem Herzen verhindern, können wir bereits im kleinsten Ansturm von Stress oder Unzufriedenheit erfahren. Auf Samadhi ausgerichtet, geht es um die Vereinigung der verwirrenden, zweifelnden und ungleichgewichtigen Hindernisse und störenden Kräfte des Geistes mit Drasta. Es geht um die Klarheit, Freiheit und das Gleichgewicht des Geistes. Einswerden wird so zu einem Reinigungsprozess und führt mithilfe des Ausrichtungsobjekts zu einem klaren und freien Bewusstsein.

Es ist ein Weg der Ehrlichkeit, der Offenheit und der Großzügigkeit, die meinem Verständnis nach alles – jedes Gefühl, jeden Gedanken, jede Stimmung – einschließt und nichts ausschließt. Dann birgt es in sich das Potenzial, jenem Reinigungsprozess nachzukommen, den wir interessanterweise in der Sanskritwurzel des Begriffes „Krise“ wiederfinden. Krisen sind so mannigfaltig: Sie können die Seele, den Körper, ein ganzes Staats- oder Wirtschaftsleben betreffen. Sie treten immer dann ein, wenn Unstetigkeiten und Vergänglichkeiten auf das Leben treffen.

Wenn etwas gereinigt wird, hat es im Anschluss an den Reinigungsprozess den Charakter des Neuen. Aus diesem Verständnis resultieren wohl auch die Meinungen, die die Bewältigung von Krisen als Neuanfang und Erneuerung bezeichnen.

Kriya im Sinne von „ich kann es schaffen“
So unterschiedlich die verschiedenen Yogastile in ihrer Ausrichtung derzeit praktiziert werden, so haben doch alle gemeinsam, dass der Yogaweg das Gefühl vermittelt, selbsttätig etwas im Leben in Bewusstheit und Achtsamkeit bewirken zu können. Das heißt, dass für das eigene Wohlbefinden und Glück nicht erst Hilfe von Außen kommen muss, sondern dass wir eigenverantwortlich etwas bewirken können. Ich spüre noch genau, wie sich meine Kraft- und Mutlosigkeit erst durch das verwurzelte Stehen in Balancehaltungen in Selbstbewusstsein verwandelte. Hier beginnt unser Weg der Einheit, noch bevor wir Drasta anvisieren. Trauern bedeutet Arbeit und Yoga entspricht dem als ein Weg des aktiven Handelns. Kriya Yoga setzt mit Tapas, Svadhyaya und Ishvara Pranidhana die Qualitäten voraus, die uns schließlich mit der Kraft verbinden, „die uns befähigt, jede Schwierigkeit im Leben zu durchschreiten“ (Yoga-Sutra III.39).

Es ist ein weg der kleinen Schritte. Und dieser Übungsweg ist gleichzeitig das Ziel, auf dem Geduld, Vertrauen und Glauben in die eigenen Fähigkeiten und für den weiteren Weg entwickelt werden. Dieses Ziel schenkt Orientierung und Halt. Alles beginnt mit dem Bewusstwerden und der Achtsamkeit, also jenem unvergleichlichen und kostbaren Instrument der Atmung. Wie kein anderes steht es der Selbstwahrnehmung jederzeit und an jedem Ort zur Verfügung und ist imstande, die Körperhaltung (und somit auch das Verhalten) auf Spannungen und Belastungen zu überprüfen. Die Achtsamkeit lenkt das Bewusstwerden auf die Stellen im Körper und im Geist, in denen die Trauer präsent ist. Den Trauerschmerz festzustellen, ihn zu lokalisieren, zu erforschen und zu erkennen hilft, wieder klarer zu sehen und sich für neue Möglichkeiten des Lebens zu öffnen.

Indem ich mich für den Weg der aktiven Trauer entscheide und nicht für den des Absturzes oder der Ignoranz, decke ich die mir und in mir zur Verfügung stehenden Ressourcen auf. Neben Eigenschaften wie Geduld, Vertrauen und Selbstbewusstsein sind es die inneren Kräfte – die Geisteskraft, die mich mit dem Universum verbindet, die Herzenskraft, die Mitgefühl und Mitmenschlichkeit vermittelt, und die Bauchkraft als meine stabile Basis – die mir unerschütterlich zur Seite stehen. Wenn ich meine Natur als ein nicht-wissendes Wesen akzeptieren muss, dann habe ich es in der Hand, meine tiefe Zufriedenheit aus der Achtsamkeit heraus zu entwickeln.

Alles ist Bewegung
Wenn sich etwas wandelt, verändert, einem Prozess unterliegt oder Altes zu Neuem wird, dann, weil es in Bewegung ist. Wenn ich öfters dachte, ohnmächtig der Starre ausgeliefert zu sein, ging ich manchmal einfach nur spazieren. So lange wir leben, bewegen wir uns, unseren Körper und unsere Gedanken: Der Blutkreislauf und Atemfluss zeugen davon, dass es weitergeht in Richtung Zukunft. Die Natur folgt dem Rhythmus der Gezeiten, was bedeutet, dass Bewegung stets Vergänglichkeit auslöst. Das hat sein Gutes, ebenso wie sein Schweres. In Zeiten der Trauer lohnt es sich, die eigene Lebendigkeit durch die Bewegung bewusst zu machen. Sich zu bewegen, heißt weiterzukommen, in eigenen Schritten und in selbsttätigem Handeln.

Im Kontext der Trauer bezieht sich Bewegung auch auf eine innere Dynamik, die von den Gedanken und Gefühlen gesteuert wird. Mit Yoga kommt die äußere Bewegung hinzu, also die des Körpers und des Atems. Eine fließende bewusste Atmung in der Bewegung orientiert sich immer liebevoll an den körperlichen oder psychischen Grenzen.

Die Einheit aus einer stabilen und leichten Körperhaltung lässt den Atem sowie die Lebensenergie wieder freier fließen. Durch den Körper, der das Leben und die innere Starre wieder in Bewegung bringen kann, wird das gesamte Dasein in Bewegung kommen. Die harmonische Bewegung erlaubt es dem Geist schließlich, immer stiller zu werden und sich zu beruhigen.

In der Einheit von Körper, Geist und Atmung schafft Yoga schließlich den Zugang zum wesentlichen, zu meiner Quelle, aus der heraus Wohlbefinden und Weite gedeihen kann. Es ist dieser Ort, an dem unser reines Selbst ruht, wo unser Herz wieder spürbar wird, von dem wir uns in der Trauer so häufig getrennt fühlen. Und nicht zuletzt durch die Unterstützung von Shraddha, einem tief verwurzelten Glauben, der mir die Energie zum Handeln schenkte, wurde meine Erinnerung geschärft, um die Sinnhaftigkeit und meine lebensbejahenden Vorsätze nicht aus dem Blick zu verlieren.

„Trauer hat immer etwas mit Erstarrung und Hilflosigkeit zu tun. Durch die Bewegung zeigst du deinem Körper, dass du etwas bewegen kannst und es weitergeht.“

Dieser Satz von Doris Wolf wurde zu meinem Leitsatz in der Zeit nach dem Tod meiner Mutter. Er klingt tatsächlich so leicht, und zeitweise doch unmöglich. Aber mich zu erinnern, dass die Bewegung in mir ist, weil ich lebe; zu spüren, dass mein Körper meine Trauer trägt; zu erfahren, dass die Gleichgewichtsübungen im Yoga mich erden und mich meine Standfestigkeit und unerschütterliche Kraft auf einem Bein lehren; die sanften und hingebungsvollen Übungen mein Herz wieder spüren lassen; fließende Bewegungen mich mit meiner Atmung und meinem Selbst verbinden; rückenstärkende Übungen meinen Brustraum weiten und mir ein freies Lebensgefühl schenken – all dies half mir, nach vorne zu schauen. Yoga reichte mir die Hand, holte mich in meiner Trauer ab und ließ mich weitergehen. Ich bin glücklich, den Sinn trotz des unaufhörlichen Schmerzes zu erkennen.

Ich blicke zurück, und schöpfe Vertrauen in meine Kräfte und Ressourcen, werde mir dieser gewiss, gestärkt für all das, was noch kommen mag. Das Leben wandelt sich, die Trauer wandelt sich, stetig aber bleibt das Herz auf der Matte. ✤


Melanie Probst lebt in Mainz und unterrichtet verschiedene Yogakurse. In Anlehnung an ihre Diplomarbeit leitet sie auch Yoga & Trauer-workshops. 

Afghanistan: Yoga leben im Krisengebiet

Was geschieht mit der Menschlichkeit, wenn die Seele an einem der gefährlichsten Orte der Welt unter Dauerbeschuss gerät? Die Yogalehrerin und Anwältin für Menschenrechte Marianne Elliott war zwei Jahre für die Vereinten Nationen (UN) in Afghanistan. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch verarbeitet. „Zen Under Fire“ ist ein bewegender Bericht über die widrigen Umstände, denen humanitäre Mitarbeiter in Krisen- und Kriegsgebieten ausgesetzt sind.

Die internationale Gemeinschaft verabschiedet sich etappenweise aus Afghanistan. Frankreich und Australien haben damit begonnen, ihre Truppen abzuziehen. 2014 soll die Aufgabe der Sicherheitswahrung an die Afghanen übergehen. Wohin steuert das Land bezüglich Demokratie, Menschenrechte und Sicherheit? In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov glauben 58 Prozent der Befragten, dass das Land danach wieder in Chaos und Bürgerkrieg versinkt.

Die Neuseeländerin Marianne Elliott kämpft sich gegen den Strom der Ausreisenden nach Afghanistan zurück. Sie ist Anwältin für Menschenrechte und gerade von einem mehrwöchigen Aufenthalt am Hindukusch zurückgekehrt, wo sie sich ein Bild von der Menschenrechtssituation gemacht hat. Zum ersten Mal kam sie 2005 nach Afghanistan, um für eine Menschenrechtsorganisation zu arbeiten. Im Anschluss erhielt sie eine Position als Human Rights Officer für die United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) in Herat. Dort sollte sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit dokumentieren und untersuchen. Eine Aufgabe, an der sie beinahe zerbrach. Darüber schreibt sie in „Zen Under Fire“. Wie übersteht man die tägliche Konfrontation mit Tod, Elend und Zerstörung? Für die engagierte Yogalehrerin wurde damals ihre tägliche Yoga- und Meditationspraxis zur seelischen Überlebensstrategie in Afghanistan. Für den Körper mussten Sicherheitswesten und gepanzerte Land Rover herhalten. Mariannes Bericht über diese Zeit geht unter die Haut: Als Anwältin ist sie spezialisiert auf Frauen- und Kinderrechte in Konfliktsituationen. Neben der Untersuchung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie unrechtmäßige Verhaftungen, Gewalt gegen Frauen oder die Vertreibung von Familien von ihrem Land, organisiert sie Workshops mit afghanischen Frauen und Männern, um die Rechte der Frauen in Afghanistan zu stärken. Bei ihrer täglichen Arbeit wird sie mit allen Facetten menschlichen Leids konfrontiert: Frauen, die sich dem Willen des Vaters oder der Familie widersetzen und deswegen halb tot geprügelt werden; ganze Familien, die im Zuge von Stammesfehden ihre Grundstücke verlassen müssen; gebrochene Mütter, deren Kinder bei diesen Stammesfehden getötet wurden; Inhaftierte, die in maroden Gefängnissen jahrelang auf ein faires Verfahren warten und häufig Misshandlung erfahren. Daneben setzte der jungen Frau die eingeschränkte Bewegungsfreiheit zu. Das UN-Personal unterliegt strengen Sicherheitsvorkehrungen. In Herat durfte sie ihre Unterkunft niemals zu Fuß verlassen, egal wie kurz die Strecke auch war. In Chaghcharan, wohin sie sich nach ihrem ersten Jahr in Herat versetzen ließ, wurde ihre Unterkunft einmal unter direkten Beschuss genommen. Zusammen mit ihren Kollegen musste sie die Nacht im Bunker verbringen.

Scheitern und Hoffnung
Sie war mit großen Hoffnungen nach Afghanistan gekommen. „Ich hatte gehofft, dass sich durch die Arbeit für die UN bessere Möglichkeiten ergeben würden, Menschenrechte zu schützen. Ich musste jedoch sehr früh erkennen, dass die Möglichkeiten der Einflussnahme in einer Konflikt- oder Gewaltsituation beschränkt waren. Meine Vorstellung davon, was sich verändern sollte und was wirklich möglich war, musste sich ändern“, so Elliott heute. Schon während ihrer ersten Arbeitswoche für die UNAMA in Herat wird sie vor eine Herausforderung gestellt. Amanullah Khan, ein Stammesführer und wichtiger Wortführer im Kampf gegen die Taliban, kommt bei einem Attentat ums Leben. Afghanistan wird zum größten Teil noch immer von Stämmen regiert. Der Frieden am Hindukusch hängt nicht nur von den Taliban ab, sondern auch davon, wie die Stämme zueinander stehen. Eine Realität, mit der Marianne gerade dann in Kontakt kommt, als sich ihr Vorgesetzter in einen einwöchigen Heimaturlaub verabschiedet hat. Noch am Morgen seiner Abreise versucht er, Mariannes Zweifel zu zerstreuen. „Alles wird gut gehen, Marianne. Solange niemand Amanullah Khan umbringt, ist alles in Ordnung“, sagt er und macht sich auf den Weg zum Flughafen. Mittags fällt Amanullah Khan einem Anschlag zum Opfer. Vermutet wird ein Racheakt eines rivalisierenden Stammes. Mariannes Aufgabe ist es nun, einen Flächenbrand der Gewalt zu verhindern. In ihren Schilderungen wird klar, wie sehr sie auf Hintergrundinformationen ihrer afghanischen Kollegen angewiesen ist, um die Lage genau erfassen zu können und die nötigen Schritte einzuleiten. Sie stehen ihr auch in schwierigen Verhandlungssituationen beiseite, in denen sie als einzige Frau unter Männern das Wort führen muss. Überhaupt werden ihre afghanischen Mitarbeiter der Schlüssel, um einen ganz anderen Zugang zu diesem Land zu erhalten, als dies üblicherweise der Fall ist.

In ihren Erzählungen verfängt sich die Neuseeländerin nicht in einer heroisch klingenden Retrospektive. Zwar meistert sie die Situation äußerlich professionell. Innerlich fühlt sie sich jedoch brüchig. Wie ein Seismograf zeichnet sie die Wechselbäder der Gefühle auf, die sie in den kommenden Tagen nach dem Attentat durchläuft. Sie versucht, die Verletzlichkeit zu ignorieren oder sie durch blanken Pragmatismus zu ersetzen. Es gelingt ihr nicht.

Der Wunsch, diese emotionale Achterbahnfahrt mit anderen zu teilen, war eine der Motivationen, warum Marianne Elliott „Zen Under Fire“ geschrieben hat. „Viele Menschen, die in humanitären Arbeitsfeldern arbeiten, haben den Anspruch, als unverwundbar rüberzukommen. Sie haben Angst, sich lächerlich zu machen oder als inkompetent zu gelten, wenn sie zugeben, dass sie die Umstände vor Ort fertigmachen“, so Mariannes Erfahrung. „Ich habe es nie gelernt, mir ein dickes Fell zuzulegen.“ Weder während ihres Arbeitseinsatzes im Gazastreifen und erst recht nicht in Afghanistan. Es ist ihr ein Rätsel, wie ihre Arbeitskollegen so kühl und besonnen wirken können. Die Arbeit scheint sie weniger emotional anzugreifen. „Setzt es euch denn gar nicht zu?“, fragt Marianne jeden, mit dem sie über die tägliche Arbeit spricht. Die meisten geben zu, dass die Arbeit hart sei. Aber sie sagen auch, dass man eine professionelle Distanz dazu aufbauen müsse. Marianne widerstrebt dieser Gedanke. „Der Teil in mir, der sich gegen diesen professionellen Abstand wehrt, ist davon überzeugt, dass es wichtig für mich ist, die Traurigkeit wirklich zu spüren“, schreibt sie. Zudem sieht sie, dass die wenigsten ihrer Arbeitskollegen wirklich Distanz halten können. Einige zeigen Anzeichen von chronischer Erschöpfung wie Gesichts-Tics oder Schlaflosigkeit. Bei anderen steht ein wöchentliches Besäufnis auf dem Plan – „um sich den ganzen Mist rauszuspülen“. Diese Bewältigungsstrategien scheinen gesellschaftlich eher akzeptiert zu sein als Mariannes ständige Heulattacken.

Letztendlich weiß die Autorin, dass sie keine andere Wahl hat, als sich ihrer eigenen Verletzlichkeit zu stellen. Auf die Frage, ob sie keine Angst hatte, durch diese offene Verletzlichkeit im humanitären Arbeitsbereich als Versagerin oder gar als Nestbeschmutzerin abgestempelt zu werden, antwortet sie: „Ich glaube, dass ich durch die Offenheit bezüglich meines emotionalen Zustandes und meiner unglücklichen Beziehung einen Dialog anstoßen kann. Nämlich darüber, was es bedeutet, in solch einem Umfeld zu leben und zu arbeiten“, erzählt sie im Interview. Damit meint sie auch ihre Beziehung zu einem Mitarbeiter während ihres Einsatzes in Afghanistan.

Die Stille finden im Kugelhagel
Yoga praktizierte sie bereits in Neuseeland – „um die Muskeln zu lockern“. Aber als die Verzweiflung kaum mehr auszuhalten ist und Marianne nur noch mit Hilfe von Schlafmitteln nachts zur Ruhe kommt, rollt sie die Yogamatte auch täglich in ihrer kargen Unterkunft aus. Durch Zufall entdeckt sie eine Meditations-CD der buddhistischen Nonne Pema Chödrön. Die Erkenntnisse spenden Marianne Trost. „Während ich die CD höre, habe ich das Gefühl, dass Pema direkt zu mir spricht. Sie beschreibt meine Gefühle und Ängste so akkurat, dass man glauben könnte, sie hätte das ganze Buch einzig und allein für einen niedergeschlagenen, verwirrten Human Rights Officer in Afghanistan geschrieben“, schreibt Marianne.

Sie erkennt, dass der Zweck der Meditation nicht ist, sich gut zu fühlen. Meditation, so Pema Chödrön in ihren Büchern, sei kein Prozess der Selbstoptimierung, sondern ein Prozess der Selbstakzeptanz. „Ein radikaler Gedanke für mich. Mir war vorher nicht bewusst, wie tief ich in der Idee verhaftet war, mich ständig verbessern zu müssen“, schreibt Marianne. Die CD und die morgendliche Meditations- und Yogapraxis werden zu einem unverzichtbaren Bestandteil ihres Arbeitstages. An manchen Tagen fühlt sie sich ruhig und geborgen auf ihrem Meditationskissen – an anderen, als befände sich das Schlachtfeld direkt in ihrem Kopf. „Egal, welcher Zustand sich gerade in den Vordergrund stellt, ich sage mir: Bleib einfach sitzen.“ Allmählich lernt sie auszuhalten, was nicht zu ändern ist: die elenden Umstände, in denen viele Menschen in Afghanistan leben, die Gewaltopfer, die Sicherheitsrisiken und die Traurigkeit. Statt ständig gegen das, was ist, anzukämpfen, akzeptiert sie.

Yoga und Meditation werden für Marianne kein Zaubermittel für ein sorgen- und schmerzfreies Happy End. Sie helfen ihr, besser mit den Aufs und Abs vor ihrer Bürotür umzugehen. Zwar kann sie den Krieg in Afghanistan nicht stoppen, aber dem eigenen in ihrem Kopf ein Friedensabkommen anbieten.

Die eigene Machtlosigkeit akzeptieren
Sie hat keine andere Wahl, als zu lernen, sich inmitten der Realitäten Afghanistans zu entspannen. „Ein Grund dafür, warum meine afghanischen Kollegen die Umstände so akzeptierten, wie sie sind, ist, dass sie diese als gottgegeben ansehen“, erzählt sie. Die Anwältin sieht darin eine Methode, sich der eigenen Machtlosigkeit anzuvertrauen, ohne dabei verrückt zu werden. „Das ist eine Überlebenstechnik. Im Westen wird uns glauben gemacht, dass wir unser Leben genau so gestalten können, wie wir es uns wünschen. An Orten wie in Afghanistan stellte sich dieser Mythos als das heraus, was er ist: nämlich ein Mythos.“ Ist es dieser Mythos, den so viele westliche Menschenrechtler und Entwicklungsarbeiter im Gepäck und im Kopf haben, wenn sie sich in solche Gebiete aufmachen – und der sie frustriert zurückkommen lässt? „Wir halten es für normal, dass die Welt so funktioniert, wie wir sie sehen. Da, wo ich aufgewachsen bin, glaubt man, dass wir zu jeder Zeit die Dinge im Griff haben können. Wenn wir auf Reisen oder aufgrund unserer Arbeit ans andere Ende der Welt gehen, dann nehmen wir diese Sicht zwangsläufig mit.“ In Afghanistan musste sie lernen, die beiden Konzepte vom Glauben an absolute Kontrolle und ihre Machtlosigkeit für die eigene Entwicklung zu nutzen. „Als ich nach Afghanistan kam, kam ich von der einen Seite des Glaubensspektrums. Meine Erfahrungen lehrten mich jedoch, dass man die Dinge auch anders betrachten kann. Jetzt nehme ich mir von beiden Sichtweisen das, was ich gerade benötige.“

Drum’n’Bass-Legende Goldie: Yoga statt Rehab

Goldie Drum'n'Bass-Legende
Foto: Chelone Wolf

„Yoga hat mein Leben gerettet“, sagte Drum’n’Bass-Legende Goldie im BBC Interview. Der erfolgreiche, dramatische und hoffnungsvolle Weg dieses vielseitigen Künstlers führte ihn neben seiner außergewöhnlichen Karriere durch zahlreiche Stationen der Sucht – und schließlich zu Bikram Yoga.

Der britische Allround-Künstler Goldie hat wahrlich ein bewegtes Leben hinter sich: In den Achtzigern flog er vom heimischen London aus nach New York, um dort U-Bahnen mit Graffiti zu besprühen, in den Neunzigern war er als DJ und Labelbetreiber einer der Pioniere des Drum‘n‘Bass und spielt auch heute noch in Clubs auf dem ganzen Globus. Er war mit der exzentrischen Sängerin Björk liiert und spielte den Bösewicht in Guy Ritchies „Snatch“ und dem James-Bond-Film „Die Welt ist nicht genug“. Abgesehen von seinen künstlerischen Erfolgen prägten allerdings auch Alkohol und Drogen das Leben des vielseitigen Mannes mit den auffälligen Goldzähnen – bis er eine Leidenschaft für sich entdeckte, die ihn auf einen ganz neuen Weg führte: Bikram Yoga.

YOGA JOURNAL: Goldie, du bist Produzent, DJ, Schauspieler, Künstler – und seit drei Jahren auch Yogi. Ist das ein Widerspruch oder die perfekte Kombination?
GOLDIE: Für mich ist es ein großartiger Zufall, würde ich sagen. Viele Leute, die sich zu Yoga hingezogen fühlen, haben – oder hatten – ein sehr kompliziertes Leben und haben schon alles mögliche ausprobiert. Vieles ist bei mir einfach nicht hängengeblieben und ich bin auch ein sehr skeptischer Mensch. Meine Musik war jedoch schon immer spirituell motiviert – aber ausdrücklich nicht im Sinne von Bäume umarmen. (lacht) Ich habe ein sehr hartes Leben geführt und hatte wirklich schwierige Zeiten. Irgendwann habe ich Bikram Choudhury getroffen, viel Zeit mit ihm verbracht und dadurch Yoga kennen gelernt. Bestimmte Leute fühlen sich zu bestimmten Dingen hingezogen, aber ich dachte nie, dass ich mich mal für Yoga begeistern könnte. Hätte mir das jemand vor ein paar Jahren erzählt, hätte ich ihn ausgelacht. Aber die Welt verändert sich stetig und ich mich natürlich auch. Ich bin in einer sehr künstlichen, sehr giftigen Umgebung aufgewachsen, und auch wenn Bikram Yoga nicht für jeden geeignet sein mag, passt es doch sehr gut zu meiner Struktur und ist mittlerweile sehr wichtig für mich. Ich habe mit einer Verletzung zu kämpfen – ich hatte eine komplizierte Fraktur am linken Fuß und hadere oft mit meiner Praxis, aber ich hätte nie gedacht, dass ich mich überhaupt über einen Zeitraum von drei Jahren regelmäßig vier- bis fünfmal die Woche so intensiv einer Sache widmen könnte. Es ist zwar anstrengend, aber auch ein Segen für mich. Wegen meiner Verletzung ist es zum Beispiel sehr schwierig für mich, im Baum zu stehen. Aber auch das habe ich durch Yoga gelernt: Manche Haltungen werden durch die Praxis einfacher und manche bleiben eine Herausforderung. Für mich als Suchtkranken ist diese Erkenntnis eine große Hilfe.

Wie kamst du eigentlich zum Bikram Yoga?
Wie gesagt, ich habe Bikram getroffen und wir verstehen uns sehr gut. Wir sprechen regelmäßig miteinander, auch gern mal über Autos und sonstige alltägliche Themen. Ich hatte damals eine ziemlich wüste Scheidung hinter mir und mir außerdem ein Bein gebrochen – ausgerechnet das linke, also das auf der weiblichen Seite des Körpers. Ich beschäftige mich ja bereits seit 15 Jahren mit Akupunktur und solchen Dingen – ich fühlte mich also schon lange zu etwas Bestimmtem hingezogen, wusste aber nie, wozu genau. Nachdem ich Bikram getroffen hatte, besuchte ich mal eine zweistündige Masterclass bei ihm. Dabei haben wir viel über seine Gurus, seine yogischen Wurzeln und seine Anpassung an den Westen gesprochen, und dadurch habe ich einige Dinge besser verstanden. Die menschliche Seele lässt sich gerne täuschen. Ich selbst habe schon mehrere Entzüge und Therapien gemacht, aber für mich hat nichts davon funktioniert. Ich bin auch immer ins Fitnessstudio gelaufen und habe gepumpt wie ein Blöder, aber das war vor allem eine Sache meines Egos. Ich bin eine sehr aggressive Person und Bikram war mit vielem, was ich ihm über meine Problembewältigungsstrategien erzählte, überhaupt nicht einverstanden. Bei Bikram ging es vielmehr darum, das Ego an der Tür abzugeben und „abzurüsten“. Ich glaube, darum geht es auch beim Yoga. Ich finde es immer noch lustig, dass mich das so gepackt hat. Neulich sollte ich zu einem DJ-Gig fliegen und habe meinen Flug verpasst. Klar machte ich mir auch Gedanken um den Gig, aber eigentlich dachte ich mir nur: Scheiße, ich wollte ja vorher noch ins Yogastudio, das klappt jetzt auch nicht mehr. (lacht)  Yoga gibt mir also etwas, worauf ich mich freuen kann. Auch für meine Kunst ist Yoga sehr zuträglich: Ich kann mich viel besser auf meine Arbeit fokussieren und habe im letzten Jahr viel mehr erschaffen als je zuvor. Sowohl mein Schlaf- als auch mein Arbeitsrhythmus haben sich durch die Yogapraxis entscheidend verbessert. Heute ist der erste Tag seit einem Jahr, an dem ich wirklich frei habe – ich arbeite zurzeit wirklich konstant.

Also hilft dir Yoga dabei, dich auf das zu konzentrieren, was du eigentlich tun willst?
Ohne jeden Zweifel. Yoga hat mir sehr dabei geholfen, mich auf meine Musik zu konzentrieren – und ganz besonders auf meine Kunst. Die Wolken haben sich gelichtet, kann man sagen. Normalerweise bin ich schnell dabei, Ideen oder angefangene Werke zu verwerfen – wir wollen eben alles sofort und gleich. Das ist ja auch der Grund, warum Menschen Drogen nehmen: Sie wollen eine sofortige Wirkung erleben. Auch was den physischen Aspekt meiner Person angeht, habe ich mich sehr verändert: Ich habe deutlich abgenommen, meine Ernährung hat sich gewandelt. Das vollzog sich auf eine natürliche Art und Weise, ich will mittlerweile einfach ganz andere Sachen essen und ernähre mich gesünder. Aber die physischen Veränderungen sind eigentlich nur ein Nebeneffekt, die wichtigsten Veränderungen haben sich auf psychischer Ebene eingestellt.

Für viele Übende geht mit der Praxis auch eine Umstellung der Ernährung einher. Was hast du konkret verändert?
Ich habe immer wieder Detox-Diäten gemacht, zum Beispiel die Lemon Detox Diet. Das war schon hart, aber nach zehn Tagen ohne gesättigte Fettsäuren in der Nahrung erkennt man diese Fettsäuren recht schnell in seinem Essen. Man wird sich bewusst, was man da eigentlich isst. Vieles von dem, was ich früher gegessen habe, war eigentlich gar nicht das, was ich essen wollte. Seit ich Yoga mache, esse ich viel weniger, aber dafür viel besser.

Bist du jetzt eigentlich Vegetarier?
Nein, nein. Überhaupt nicht. Ich liebe Fleisch, ich liebe ein gutes Steak. So bin ich eben. Beziehungsweise bin ich noch nicht so weit, kein Fleisch mehr zu essen. Aber was die Qualität meiner Nahrung angeht, hat sich schon sehr viel verbessert. Ich weiß, dass viele Übende irgendwann aufhören, Fleisch zu essen. Aber ich bin ja quasi noch ein Yoga-Neuling und bisher konnte mich auch niemand davon überzeugen, dass es besser sei, kein Fleisch zu essen. Aber hey, lasst mir doch einfach ein bisschen Zeit dafür! (lacht) Wer weiß, was sich in Zukunft noch ergibt.

Übst du eigentlich alleine?
Ich übe nicht alleine. Ich bin in der Klasse, zusammen mit den anderen Soldaten. (lacht) Ich mag das. Mir geht es wirklich nicht darum, irgendwo auf dem Land bei einem Retreat Einzelstunden zu bekommen. Ich mag es, in einer Klasse zu üben. Ich mag den Aspekt der Disziplin, der damit einhergeht. Die anderen Leute gehen ja auch dorthin, um sich zu verändern, man hat also das gleiche Ziel. Ich will mich in dieser Hinsicht nicht isolieren. Ich war auch schon in Power-Yoga-Klassen und versuche manchmal daheim ein paar Haltungen, aber es geht nichts über eine Klasse mit den 26 Haltungen von Bikram. Vor allem mit den ganzen Hilfsmitteln wie Blöcken und Gurten kann ich nichts anfangen – ich mag es pur. Aber wer weiß, wie ich das nach fünf Jahren Yoga sehen werde? Gerade funktioniert es für mich so am besten, das hat sich bei mir festgesetzt.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, selbst Yogalehrer zu werden?
Ich mag die Idee, ein Schüler, ein Übender zu sein. Vielleicht kommt ja eines Tages der Zeitpunkt, an dem ich genügend Disziplin in meiner Praxis etabliert habe, um auch über diese Brücke zu gehen. Derzeit genieße ich es einfach, zu üben.

Ist der Aspekt der Disziplin schwierig für dich?
Oh, in den ersten sechs, sieben Monaten war es auf jeden Fall schwierig. Ich habe zwei Tage Yoga geübt, dann war Wochenende und ich habe mich fürchterlich niedergesoffen – und dann wieder von vorne angefangen. Manche können das, aber ich kann einfach nicht beides haben, Mann. (lacht) Im ersten Jahr habe ich zum ersten Mal wirklich wahrgenommen, wie vergiftet ich eigentlich war. Das war für mich ein Weckruf. Ich habe auch gelernt, dass es im Yoga auf ganz andere Dinge ankommt. Wenn du so einen riesigen Ochsen im Fitnessstudio siehst, dann weißt du: Der kann auf jeden Fall richtig schwere Gewichte stemmen. Dann gehst du zum Yoga und siehst Leute, die dicker, dünner, kleiner oder größer sind als du – und die hebeln einfach mal die Schwerkraft aus. Wir sind eben alle unterschiedlich und man kann Yogis nicht nach ihrem Äußeren einschätzen. Und beim Yoga geht es nicht um Wettbewerb. Das hat mir sehr dabei geholfen, über diesen Ego-Scheiß hinwegzukommen. Durch Yoga habe ich sehr viel gelernt, ich kann mich besser auf meine Musik und auf meine Kunst konzentrieren – und obendrein bin ich mit mittlerweile 47 Jahren in der besten körperlichen Verfassung meines Lebens.

Oh du heiliger Schein…

Als ich mit Yoga begann, fühlte ich mich, als hätte ich so etwas wie ein Wunderland betreten, aus dem ich nie wieder weg wollte. Alle waren so gut und freundlich. Ich bewunderte diese Lichtgestalten, die im hellen Scheinwerferlicht der großstädtischen Yogabühnen hingebungsvoll und vollkommen egofrei die goldenen Yogaregeln von Güte, Demut und Selbstlosigkeit verbreiteten. So wollte ich auch werden.

Damals war meine Lieblingserklärung: Yoga heißt Verbundenheit. Oh ja, ich glaubte an die Einheit von, mit und zwischen allem. Von mir und meinem Yogalehrer. Mir und meiner Yogamatte. Mir und dem Universum. Vor allem glaubte ich an das Gute im Menschen – und in mir selbst. Maria im Wunderland! Nach besonders guten Yogastunden fühlte ich mich, als könnte ich die Welt retten. Oder noch besser: Als müsste sie gar nicht gerettet werden, weil sie doch sowieso wunderschön war. Weil ich alle liebte. Und alle mich. Bis auf die wenigen Ausnahmen… Nach einer überirdischen Herzöffner-Stunde bei meinem Lieblingslehrer lief ich zu meinem Fahrrad. Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Zwei Kaffeebecher lagen umgekippt in meinem Fahrradkorb und ein Vogel hatte mitten auf meinen Sattel gekackt. Mit einem heiligen Lächeln auf den Lippen fischte ich mit spitzen Fingern die Kaffeebecher aus meinem Fahrradkorb und trug sie zum nächsten Mülleimer. Wie kann man nur? Ganz schön mieses Karma. Ich ließ mich nicht beirren, sondern machte mich „Om Namah Shivaya“ pfeifend auf den Heimweg. Ein wirklich schöner Tag! Die Herzöffner hatten Wirkung gezeigt und mich in ein freudestrahlendes Honigkuchenpferd verwandelt, das der Oma auf dem Gehweg sein breitestes Mr. Ed-Grinsen schenkte. Alles total shanti! Bis dieser Idiot um die Kurve bog und mich dermaßen schnitt, dass ich fast die Oma mitgenommen hätte. „Blödes …!“ Ups. Die Oma starrte mich so entsetzt an, als hätte ich soeben den Papst beleidigt.

Da lag er nun zerbeult und verbogen, mein Heiligenschein. Mit einem verkniffenen „Ist doch wahr!“ klaubte ich die Reste meines Anstandes auf und fuhr weiter in Richtung Heimat. Scheiße. Was war denn jetzt passiert? Keine Spur mehr von guter Laune. Die Welt konnte sich meinetwegen mal selbst umarmen. Natürlich reflektierte ich lange über diesen und andere Ausrutscher und ich gelobte Besserung. Woche für Woche ging ich in meine Yogastunden. Woche für Woche glaubte ich mich dem Ziel der endgültigen Erleuchtung näher. Und Woche für Woche entschlüpften mir die schlimmsten Schimpfwörter und diese Todfeinde – negative Gedanken – tummelten sich in meinem Kopf. Ich bekämpfte sie auf Rat meiner mitfühlend lächelnden Yogalehrer mit hartnäckigem Enthusiasmus: Hüftöffner gegen angestaute negative Emotionen, Herzöffner für mehr Mitgefühl. Verschiedene Mantras für Bhakti auf allen Ebenen. Und Kopfstand für einen neuen Blick. Positives Denken. Und jede Menge Entspannung gegen den Stress. Irgendwann würde ich sie schon in den Griff bekommen, diese dunklen Momente, in denen mein unfreundliches, manchmal zynisches, schimpfendes altes Ego-Ich die Oberhand gewinnt. Kampf den Samskaras, den bösen Gewohnheiten! Irgendwo im Yoga-Sutra steht „heyam duhkham anagatam“, was wohl ungefähr bedeuten sollte, dass ich schon jetzt daran arbeiten musste, künftiges Leid zu vermeiden…

Also begann ich zur Vorsorge, täglich inspirierende Statusmeldungen auf Facebook zu posten. Meine E-Mails unterschrieb ich nur noch mit Liebe, Frieden und jeder Menge Licht. Für jeden Mitmenschen, der mir sein Leid klagte – „Maria, mir schmeckt’s nicht!“ –, hatte ich einen wunderbaren und liebevollen Ratschlag parat. Alle meine Freunde versuchte ich mit sanftem Nachdruck auf den richtigen Weg zu bringen. Nach außen hin war ich mein bestes Selbst geworden – die heilige Mutter Maria. Nur innerlich hatte mein Yogazustand einen gehörigen Wackelkontakt. Ich hatte noch immer diese Momente und den liebgewonnenen Unschuldsengel überlagerte ein immer größer werdender Schatten. Ich meditierte und yogierte – doch so sehr ich mich bemühte: Die Vögel kackten weiter und ich schimpfte in meinem Kopf. Ich wurde immer unentspannter.

Eines Tages platzte mir mitten auf der Yogamatte beim fröhlichen „Om shanti!“ meiner Nachbarin der enge Kragen meines Gutmenschenanzugs: Nach monatelangem Frieden-und-Licht-Konsum konnte ich nicht mehr. Du kannst dir deinen Frieden sonst wohin schieben und dir das Licht da raus scheinen lassen! Das dachte ich und verließ das Studio. Ich hatte keine Lust, diesen verbeulten, verbogenen, verlogenen Heiligenschein jemals wieder aufzusetzen. Nie wieder die (schein)heilige Maria!

Und da geschah es, das Wunder: Ich fühlte mich so entspannt wie schon lange nicht mehr. Ein breites Grinsen lag auf meinem Gesicht – und ich fühlte mich frei! Maria durfte einen Schatten haben. Seit ich den Titel der Heiligen abgeschüttelt habe, bin ich endlich wieder Maria. Eins mit mir selbst

Maria Müller lebt, yogiert und arbeitet als freie Texterin in München.

Die Freiheit im Herzen

Die Sehnsucht nach Freiheit spielt eine große Rolle im Leben des Anusara-Yogalehrers Marc Holzman. Deshalb ist er von Los Angeles nach Paris gezogen und unterrichtet dort mit Leidenschaft als „Guerilla Yogi“.

Mit dem Konzept „Guerilla Yogi“ hat sich Marc schon vor Jahren von der Notwendigkeit eines Yogastudios frei gemacht und fordert mit Nachdruck „Yoga für alle“. Erst kürzlich löste er sich nach dem Skandal um Gründer John Friend von den strengen Unterrichtsrichtlinien des Anusara-Stils, indem er seine Lizenz zurückgab. YOGA JOURNAL sprach mit dem charismatischen Lehrer über die Verpflichtung, seinen eigenen Weg zu gehen.

YOGA JOURNAL: Marc, wie kommt ein Schauspieler in Los Angeles zu Yoga und warum?
MARC HOLZMAN: Ich habe 2001 eher zufällig damit begonnen. Wie die meisten Schauspieler war auch ich nach L.A. gezogen und dort sprach mich eines Tages eine Freundin an, ob ich mit ihr ins Yoga kommen wolle. Sie dachte einfach, dass ich es mögen würde. Meine erste Yogastunde war eine Power-Yoga-Klasse bei Bryan Kest. Ich war überwältigt! Nie zuvor hatte ich jemanden so klar über die Verbindung zwischen Körper, Herz und Atem sprechen hören. Ich traute meinen Ohren kaum – es fühlte sich alles so stimmig an.

Du fühltest dich sofort zu Hause?
Ich hatte schon immer einen gewissen Hang zur Spiritualität, aber ich wusste nie wirklich, wohin damit. Auf eine Art fühlte ich mich ganz allgemein „spirituell“ – was auch immer das wirklich heißt. In Bryans Stunde wusste ich plötzlich, dass ich genau danach gesucht hatte. Es war eine ziemlich herausfordernde Stunde – Power Yoga eben – und dennoch besaß Bryan solch eine starke Sprache des Herzens. Auf eine komische Weise war ich die stärkste Person im Raum, denn ich war damals ziemlich muskulös. Auf eine ganz andere Weise waren alle anderen so viel stärker: Frauen und dürre Kerle hielten den nach unten schauenden Hund für einige Minuten. Ich dachte zwar, ich sei stärker als sie alle, aber ich konnte den Hund noch nicht einmal länger als eine halbe Minute lang halten, ohne am ganzen Körper zu zittern. Ich kann mich erinnern, dass ich damals dachte: „Auf die Art will ich stark sein.“ Die Yogis dort umgab Würde, Vitalität und eine wunderschöne Kraft. Von da an ging ich jeden Tag ins Yoga, obwohl ich durch den Verkehr eine Stunde bis zu Bryans Studio in Santa Monica brauchte.

Wusstest du damals schon, dass du Yogalehrer werden wolltest?
Ja, sofort. Lehrer wollte ich überhaupt schon immer werden, aber ich hatte keine Ahnung, was ich unterrichten wollte. Mit den ersten Yogastunden wurde es mir dann klar: Das ist es! Wenige Monate nach meiner allerersten Yogastunde begann ich mit meiner Lehrerausbildung.

Warum hast du eine Anusara-Lehrerausbildung gemacht? Du warst doch so begeistert von Bryan Kest…
Gerade als ich bereit war, mich zum Lehrer ausbilden zu lassen, nahm sich Bryan eine zweijährige Auszeit von den Lehrerausbildungen. Etwa zeitgleich besuchte ich zum ersten Mal das City Yoga-Studio in Hollywood, wo ich wohnte. Der erste Anusara-Lehrer, den ich in diesem Studio erlebte, haute mich total von den Socken. Von Anfang an gefiel mir an Anusara, dass man sich für jede Stunde ein „Herzthema“ aussucht und die gesamte Asana-Praxis darauf aufbaut. In diesem Studio stand eine Ausbildung an – damals gab es noch keine Immersions, nur das Teacher-Training an sich. Allerdings war die Ausbildung teuer und ich arbeitete als Massagetherapeut hauptsächlich an den Wochenenden, an denen auch die Ausbildung stattfand. Ich hätte für etwa drei oder vier Monate nicht arbeiten können und hatte keine Ahnung, wie ich mir das jemals leisten können sollte.

Aber du hast einen Weg gefunden…
Ich wollte es unbedingt! Ich wollte mich anmelden und hätte dafür eine Anzahlung leisten müssen, hatte aber das Geld nicht. Ein paar Tage, bevor die Frist ablief, ging ich in einen Laden, um ein paar Dinge zu kaufen. Vor mir an der Kasse stand eine Frau, die Lotterielose kaufte. Als ich an der Reihe war, verlangte ich ganz spontan auch fünf Lose und ließ den Computer die Nummern wählen. Ich hatte fünf Treffer und gewann 50.000 Dollar! Für mich war das ein absolutes Zeichen: Wenn ich jemals Hilfe vom Universum gehabt hatte, dann jetzt. Ich ging also zu City Yoga und leistete meine Anzahlung – drei Tage, bevor die Frist ablief. Im Nachhinein sehe ich es als mein Dharma, zu unterrichten. Ich war mir darüber klar geworden und das Universum unterstützte mich, indem es mir die nötigen Mittel lieferte.

Wenn du es in einem einzigen Satz ausdrücken müsstest: Was ist in deinen Augen der größte Nutzen von Yoga?
Für mich bedeutet Yoga, sich in sein eigenes Leben zu verlieben. Zumindest habe ich das so erlebt. Und genau aus diesem Grund wollte ich unterrichten – um anderen Leuten dabei zu helfen, ihr Leben lieben zu lernen.

Warum hast du dich kürzlich von Anusara als Organisation abgewendet?
Insgesamt gibt es zahlreiche Gründe, weshalb viele bekannte Lehrer gegangen sind. An erster Stelle steht der Skandal um die Person John Friend – Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Ich persönlich mache mir allerdings nicht allzu viele Sorgen um diese Geschichte, obwohl ich die Ansicht teile, dass da vieles schiefgelaufen ist. Einiges, was John getan hat, gibt mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Trotzdem: Ich liebe das Anusara-System und unterrichte nach wie vor den Anusara-Stil – ich verwende nur nicht mehr den Markennamen für meine Klassen. Diese Entscheidung habe ich für mich getroffen, weil mir im Zuge des ganzen Skandals klar wurde, dass die Beschränkungen des Systems für mich so eng geworden waren, dass ich mich eingeschränkt fühlte. Ich wollte einfach meine eigene Stimme als Lehrer finden. Ich möchte mich mehr ausprobieren dürfen und andere Einflüsse in meine Stunden einbringen. Und diese Einflüsse passen vielleicht nicht immer ganz in den Anusara-Rahmen.

Was hat sich durch deinen Rücktritt konkret verändert?
Indem ich zurückgetreten bin, kann ich mich von anderen Einflüssen inspirieren lassen und daran wachsen. Jetzt fühle ich mich frei, mich auszudehnen. Ehrlich gesagt denke ich, dass die Grenzen des Anusara-Systems gelockert werden müssen, so dass jeder einzelne Lehrer innerhalb des Systems wachsen kann. Ich finde es sehr schade, dass es einige erst verlassen mussten, um das zu tun. Aber wer weiß, vielleicht werden sich die Dinge bald ändern…

Ist dein persönlicher Wunsch nach Freiheit der Grund dafür, weshalb du Guerilla Yogi gegründet hast?
Guerilla Yogi – diese Idee habe ich von Bryan Kest übernommen. Er war einer der ersten Lehrer, die von Studios unabhängige Yogastunden auf Spendenbasis eingeführt haben. Er hat stundenweise seinen eigenen Raum gemietet, stellte eine kleine Spendenbox auf und nach der Stunde legte jeder den Betrag hinein, den er zahlen konnte. Ich finde, das spricht für Bryans Freiheitsliebe. Denn solange man an ein Studio gebunden ist, muss man nach dessen Regeln spielen. Es gibt immer einen Mittelsmann zwischen dir und den Schülern – auch was das Finanzielle angeht.

Diesen Mittelsmann wolltest du umgehen?
Na ja, erst mal hatte es ganz praktische Gründe. Als ich mit den Guerilla-Yogi-Stunden begonnen habe, erholte ich mich gerade von einer Operation am offenen Herzen und das Studio, in dem ich unterrichtete, wurde geschlossen. Als ich wieder bereit war, zu unterrichten, suchte ich nach einer Möglichkeit, die nicht zu viel Zeit benötigen würde. Sonst hätte ich vielleicht meine Schüler aus dem alten Studio verloren. Ich hatte keine Lust und auch nicht die Zeit und das Geld, um ein eigenes Studio aufzumachen. Aber ich brauchte einen Raum für meine „Kula ohne Wände“ [Kula bedeutet im Anusara Yoga so viel wie Gemeinschaft; Anm. d. Red.]. Ich erlaubte mir, kreativ zu werden und schaute mir Kunstgalerien, Parks, Tanzstudios und alle möglichen Räume an. Meine erste Klasse hielt ich schließlich in einer Galerie. Der Besitzer war richtig froh darüber, dass er seinen Raum auch außerhalb der Öffnungszeiten nutzen konnte und ein bisschen Zuzahlung zur Miete bekam. Die Stunde lief gut und alle zahlten nur, so viel sie konnten.

Es geht also auch um den sozialen Gedanken hinter dem Konzept…
Ja. Wichtig war mir nur, dass jeder Schüler irgendetwas gab – und wenn es einfach ein Stück Obst war. Es sollte sich falsch anfühlen, wenn man Unterricht annimmt, ohne irgendetwas zurückzugeben. Für eine gesunde Beziehung muss ein energetischer Austausch stattfinden. Es funktionierte – ich hatte immer mindestens 40 Schüler in meinen Stunden und verdiente sogar ganz gut. Dieses Konzept konnte auf den Mittelsmann verzichten. Nichts gegen Yogastudios, sie haben absolut ihre Berechtigung – aber ich kenne einfach keinen Yogalehrer, der in einem Studio arbeitet und davon leben kann. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Orte, an denen ich unterrichte, ein ganz besonderes Flair haben und nicht diese schicke und trendige Yogastudio-Atmosphäre. In den unkonventionellen Rahmen passt mein Glaube, dass Yoga für jeden da sein soll. Manche können sich teure Yogastunden nicht leisten, aber ich verdiene mit meinem Konzept genug, dass ich es mir wiederum leisten kann, diese Schüler kostenlos zu unterrichten.

Wie hat die Operation am offenen Herzen, der du dich vor einigen Jahren unterziehen musstest, deine Sicht auf Leben und Tod verändert?
Ich fühle mich sterblicher. Die OP war wie ein Weckruf: Ich musste mich operieren lassen, da bei einer Routineuntersuchung festgestellt wurde, dass meine Mitralklappe nicht mehr richtig funktionierte. Ich dachte im Vorfeld viel darüber nach, was ein solch riskanter Eingriff bedeuten würde. Meine Yogapraxis half mir sehr, damit umzugehen. Irgendwie fühlte ich mich vom Universum beschützt. Vielleicht, weil ich zu dem Zeitpunkt bereits seit längerem meditierte. Man sagt ja immer, dass einen die Meditation auf gewisse Weise auf den Tod vorbereitet. Welches Gefühl die Operation schließlich bei mir auslöste, war, dass wir auf diesem Planeten nicht allzu viel Zeit haben. Ich bin jetzt 50 Jahre alt und sowohl der Eingriff als auch mein Yoga haben mich gelehrt, dass man sich mit nichts zurückhalten sollte. Jeder sollte das tun, was er tun möchte. Wenn man einen Traum hat, sollte man ihn verwirklichen. Und: In dem Moment, in dem man begreift, dass man gar nicht so viel Zeit zur Verfügung hat, möchte man so viel Freiheit erlangen wie möglich.