Yoga als Trauerbewältigung

1269

Als Kind war für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte: Mama oder Papa würden eines Tages sterben. Diese Vorstellung bescherte mir Bauchschmerzen und schlaflose Nächte – bis es schließlich so weit war: Meine Mutter wurde krank und starb viel zu früh. Vorbei die Zeit, in der ich sie um Rat fragen konnte. Ich wurde schneller erwachsen, als mir lieb sein konnte.

Wie kaum eine andere Phase im Leben erfordert die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen Veränderungen und eine vertrauensvolle Haltung dem Leben gegenüber. Diese Grenzerfahrung fordert den Hinterbliebenen in seinem Leid rücksichtslos auf, da weiterzumachen, wo das Leben mit dem anderen aufgehört hat. Die Trauer betrifft den Menschen in seiner Ganzheit, sie wälzt sein Leben und seine Gewohnheiten um, sie durchdringt alle Lebensbereiche und löst Emotionen aus, die dem Unwiederbringlichen hinterher schreien.

Mir wurde damals klar, dass mich in dieser kritischen Lebensphase nur unterstützende Begleitung entlasten könnte – Begleitung, die Kraft, Vertrauen, Offenheit und Geborgenheit ausstrahlt. Überwältigt von noch nie zuvor erlebten Gefühlen, von Hilf- und Bodenlosigkeit, die einsam auf eine nicht mehr vorhandene Gemeinschaft blickten, ließ mich Yoga ankommen in meiner neuen Realität, fing mich auf und wurde schließlich zu jener unterstützenden Begleitung.

Ich dachte bis dahin, viel für das Verständnis getan zu haben, dass Menschsein, Tod und Trauer nicht voneinander zu trennen sind. Langjährige Reflexionen über den Tod und das Leid während Vipassana-Retreats gingen voraus, die Fluchtgedanken in schweißtreibenden Power-Yoga-Sessions lehrten mich in ihrer Intensität das pure Sein. Eine kontinuierliche Meditationspraxis über den Gleichmut und die liebende Güte ließen mich in Herzenswärme bei mir sein, Momente der Ausweglosigkeit verwandelten sich mit jedem Atemzug in Schönheit und Besonderheit.

Unsere nicht-wissende Natur
Aber spätestens wenn es darum geht, Vergänglichkeit nicht nur zu erkennen oder zu erahnen, sondern während einer Lebenskrise, die tatsächlichen Wandel erfordert, in vollen Zügen zu spüren, rücken die Schönheit des Momentes und die Aussicht auf Zukünftiges zunächst in den Hintergrund. Ersetzt werden sie durch einen gewaltigen, ernüchternden Einbruch der Realität. Dabei stellte sich mir die Frage, ob ein Vorwissen um die möglichen Veränderungen des Lebens tatsächlich Wissen ist – oder ob nicht erst die erfahrene Realität dieses Wissen entwickelt. Erst die Trauer um einen geliebten Menschen scheint uns ein tieferes Verständnis von Vergänglichkeit zu vermitteln. Demnach wird erst der Tod des Nächsten durch die Trauer zur lebendigen Todesreflexion. Als Kind (und selbst als Erwachsene) hätte ich gedacht, dass mit dem Tod meiner Mutter mein eigener innerlicher Tod eintreten würde. Aber die Trauer kennt ihre ganz eigenen Erlebnisse und Gesetze.

Wir sind nicht-wissende Wesen: wir können unseren Todeszeitpunkt und die Todesursache nicht vorhersagen, und auch nicht die unserer Liebsten. Ursache und Zeitpunkt des Todes liegen außerhalb unseres Einflussbereichs. Wir können nicht anders, als uns dem zu fügen: So sehr wir uns bemühen, der Tod wird stets undurchschaubar sein. Er grenzt wissen und Erkennen aus und schließt dafür Nichtwissen ein. Einzig die Liebe schafft es uns durch intensive Trauer näher an die gefühlte Bedeutung des Todes heranzuführen. Und mit der Zeit wird man merken, dass die Trauer kein Gegner, sondern ein wichtiger Partner ist.

Yoga und Trauer – ein Prozess des Eins-Werdens mit dem Selbst
Trotz des Leides im Alleinsein und des Gefühls, zurückgelassen zu werden, kann Trauer mehr bewirken, als eine Reflexion über die eigene Vergänglichkeit anzustoßen. Der Tod berührt die innersten Wurzeln und den eigenen Ursprung. Umso wichtiger erscheint das, was die Trauerforschung immer wieder hervorhebt: Man muss Trauer zulassen, denn nur durch sie kann die persönliche Entwicklung ihren Lauf nehmen. Das Leben wird tiefer, Fremdheit wird durch Vertrautheit abgelöst, denn die Tiefe lehnt die Flucht ab. Stattdessen kann der Hinterbliebene zu seinem wahren und ursprünglichen Selbst vordringen – also zu Drasta, dem reinen Selbst. Fragen wie „wer bin ich ohne meine Mutter?“, „was macht das Leben lebenswert, wenn mir doch alles genommen werden kann?“, „was möchte ich eigentlich nach meinem Tod hinterlassen?“ nahmen mich damals ein und wollten ergründet werden.

Wenn wir Yoga als einen Prozess des Einswerdens verstehen, dann schließt es den Aspekt der Selbsterkenntnis mit ein. In Anlehnung an Patanjali geht es dabei um die Wahrnehmung der Kleshas in uns, also der Kräfte, die uns lahmlegen, und Drasta. Das alles findet in Citta statt, unserem Geist, der erforscht und verstanden werden will.

Wie schnell diese Kräfte Einfluss auf unser ganzes Wesen nehmen und die Verbindung auch zu unserem Herzen verhindern, können wir bereits im kleinsten Ansturm von Stress oder Unzufriedenheit erfahren. Auf Samadhi ausgerichtet, geht es um die Vereinigung der verwirrenden, zweifelnden und ungleichgewichtigen Hindernisse und störenden Kräfte des Geistes mit Drasta. Es geht um die Klarheit, Freiheit und das Gleichgewicht des Geistes. Einswerden wird so zu einem Reinigungsprozess und führt mithilfe des Ausrichtungsobjekts zu einem klaren und freien Bewusstsein.

Es ist ein Weg der Ehrlichkeit, der Offenheit und der Großzügigkeit, die meinem Verständnis nach alles – jedes Gefühl, jeden Gedanken, jede Stimmung – einschließt und nichts ausschließt. Dann birgt es in sich das Potenzial, jenem Reinigungsprozess nachzukommen, den wir interessanterweise in der Sanskritwurzel des Begriffes „Krise“ wiederfinden. Krisen sind so mannigfaltig: Sie können die Seele, den Körper, ein ganzes Staats- oder Wirtschaftsleben betreffen. Sie treten immer dann ein, wenn Unstetigkeiten und Vergänglichkeiten auf das Leben treffen.

Wenn etwas gereinigt wird, hat es im Anschluss an den Reinigungsprozess den Charakter des Neuen. Aus diesem Verständnis resultieren wohl auch die Meinungen, die die Bewältigung von Krisen als Neuanfang und Erneuerung bezeichnen.

Kriya im Sinne von „ich kann es schaffen“
So unterschiedlich die verschiedenen Yogastile in ihrer Ausrichtung derzeit praktiziert werden, so haben doch alle gemeinsam, dass der Yogaweg das Gefühl vermittelt, selbsttätig etwas im Leben in Bewusstheit und Achtsamkeit bewirken zu können. Das heißt, dass für das eigene Wohlbefinden und Glück nicht erst Hilfe von Außen kommen muss, sondern dass wir eigenverantwortlich etwas bewirken können. Ich spüre noch genau, wie sich meine Kraft- und Mutlosigkeit erst durch das verwurzelte Stehen in Balancehaltungen in Selbstbewusstsein verwandelte. Hier beginnt unser Weg der Einheit, noch bevor wir Drasta anvisieren. Trauern bedeutet Arbeit und Yoga entspricht dem als ein Weg des aktiven Handelns. Kriya Yoga setzt mit Tapas, Svadhyaya und Ishvara Pranidhana die Qualitäten voraus, die uns schließlich mit der Kraft verbinden, „die uns befähigt, jede Schwierigkeit im Leben zu durchschreiten“ (Yoga-Sutra III.39).

Es ist ein weg der kleinen Schritte. Und dieser Übungsweg ist gleichzeitig das Ziel, auf dem Geduld, Vertrauen und Glauben in die eigenen Fähigkeiten und für den weiteren Weg entwickelt werden. Dieses Ziel schenkt Orientierung und Halt. Alles beginnt mit dem Bewusstwerden und der Achtsamkeit, also jenem unvergleichlichen und kostbaren Instrument der Atmung. Wie kein anderes steht es der Selbstwahrnehmung jederzeit und an jedem Ort zur Verfügung und ist imstande, die Körperhaltung (und somit auch das Verhalten) auf Spannungen und Belastungen zu überprüfen. Die Achtsamkeit lenkt das Bewusstwerden auf die Stellen im Körper und im Geist, in denen die Trauer präsent ist. Den Trauerschmerz festzustellen, ihn zu lokalisieren, zu erforschen und zu erkennen hilft, wieder klarer zu sehen und sich für neue Möglichkeiten des Lebens zu öffnen.

Indem ich mich für den Weg der aktiven Trauer entscheide und nicht für den des Absturzes oder der Ignoranz, decke ich die mir und in mir zur Verfügung stehenden Ressourcen auf. Neben Eigenschaften wie Geduld, Vertrauen und Selbstbewusstsein sind es die inneren Kräfte – die Geisteskraft, die mich mit dem Universum verbindet, die Herzenskraft, die Mitgefühl und Mitmenschlichkeit vermittelt, und die Bauchkraft als meine stabile Basis – die mir unerschütterlich zur Seite stehen. Wenn ich meine Natur als ein nicht-wissendes Wesen akzeptieren muss, dann habe ich es in der Hand, meine tiefe Zufriedenheit aus der Achtsamkeit heraus zu entwickeln.

Alles ist Bewegung
Wenn sich etwas wandelt, verändert, einem Prozess unterliegt oder Altes zu Neuem wird, dann, weil es in Bewegung ist. Wenn ich öfters dachte, ohnmächtig der Starre ausgeliefert zu sein, ging ich manchmal einfach nur spazieren. So lange wir leben, bewegen wir uns, unseren Körper und unsere Gedanken: Der Blutkreislauf und Atemfluss zeugen davon, dass es weitergeht in Richtung Zukunft. Die Natur folgt dem Rhythmus der Gezeiten, was bedeutet, dass Bewegung stets Vergänglichkeit auslöst. Das hat sein Gutes, ebenso wie sein Schweres. In Zeiten der Trauer lohnt es sich, die eigene Lebendigkeit durch die Bewegung bewusst zu machen. Sich zu bewegen, heißt weiterzukommen, in eigenen Schritten und in selbsttätigem Handeln.

Im Kontext der Trauer bezieht sich Bewegung auch auf eine innere Dynamik, die von den Gedanken und Gefühlen gesteuert wird. Mit Yoga kommt die äußere Bewegung hinzu, also die des Körpers und des Atems. Eine fließende bewusste Atmung in der Bewegung orientiert sich immer liebevoll an den körperlichen oder psychischen Grenzen.

Die Einheit aus einer stabilen und leichten Körperhaltung lässt den Atem sowie die Lebensenergie wieder freier fließen. Durch den Körper, der das Leben und die innere Starre wieder in Bewegung bringen kann, wird das gesamte Dasein in Bewegung kommen. Die harmonische Bewegung erlaubt es dem Geist schließlich, immer stiller zu werden und sich zu beruhigen.

In der Einheit von Körper, Geist und Atmung schafft Yoga schließlich den Zugang zum wesentlichen, zu meiner Quelle, aus der heraus Wohlbefinden und Weite gedeihen kann. Es ist dieser Ort, an dem unser reines Selbst ruht, wo unser Herz wieder spürbar wird, von dem wir uns in der Trauer so häufig getrennt fühlen. Und nicht zuletzt durch die Unterstützung von Shraddha, einem tief verwurzelten Glauben, der mir die Energie zum Handeln schenkte, wurde meine Erinnerung geschärft, um die Sinnhaftigkeit und meine lebensbejahenden Vorsätze nicht aus dem Blick zu verlieren.

„Trauer hat immer etwas mit Erstarrung und Hilflosigkeit zu tun. Durch die Bewegung zeigst du deinem Körper, dass du etwas bewegen kannst und es weitergeht.“

Dieser Satz von Doris Wolf wurde zu meinem Leitsatz in der Zeit nach dem Tod meiner Mutter. Er klingt tatsächlich so leicht, und zeitweise doch unmöglich. Aber mich zu erinnern, dass die Bewegung in mir ist, weil ich lebe; zu spüren, dass mein Körper meine Trauer trägt; zu erfahren, dass die Gleichgewichtsübungen im Yoga mich erden und mich meine Standfestigkeit und unerschütterliche Kraft auf einem Bein lehren; die sanften und hingebungsvollen Übungen mein Herz wieder spüren lassen; fließende Bewegungen mich mit meiner Atmung und meinem Selbst verbinden; rückenstärkende Übungen meinen Brustraum weiten und mir ein freies Lebensgefühl schenken – all dies half mir, nach vorne zu schauen. Yoga reichte mir die Hand, holte mich in meiner Trauer ab und ließ mich weitergehen. Ich bin glücklich, den Sinn trotz des unaufhörlichen Schmerzes zu erkennen.

Ich blicke zurück, und schöpfe Vertrauen in meine Kräfte und Ressourcen, werde mir dieser gewiss, gestärkt für all das, was noch kommen mag. Das Leben wandelt sich, die Trauer wandelt sich, stetig aber bleibt das Herz auf der Matte. ✤


Melanie Probst lebt in Mainz und unterrichtet verschiedene Yogakurse. In Anlehnung an ihre Diplomarbeit leitet sie auch Yoga & Trauer-workshops.