West-Östliche Heilung: Anatomie in Bewegung

338

In Berlin kursiert das Gerücht, Manuela Heider de Jahnsen könne Gelähmte wieder zum Laufen bringen. Tatsächlich nutzt die Yoga-Therapeutin „Antennen zum Himmel“ und „göttliches Mitgefühl“ als Werkzeuge. Im YOGA JOURNAL erklärt sie deren praktischen Nutzen sowie Kunst und Risiken des Yoga.

YOGA JOURNAL: Manuela, eine aktuelle Debatte dreht sich darum, dass Asanas dem Körper eher schaden als gut tun. Kann Yoga zum Risiko für den Körper werden?
MANUELA HEIDER DE JAHNSEN: Asanas, so wie Patanjali feststellt, sollen stabil und bequem sein. Wir könnten uns jetzt besserwisserisch auf den Standpunkt zurückziehen, dass das, was zu Verletzungen führt und unbequem wird, eben keine Asana war. Vielleicht fehlen uns ja einfach Leichtigkeit und Humor, wenn wir üben? Vielleicht verbleiben wir oft in unseren Mustern und üben, wenn der Geist noch im Alltag gefangen ist und uns während der Praxis Tausende von Gedanken über- rollen. Patanjali sagt außerdem: Unsere Yogapraxis muss drei Qualitäten vereinen: Klärung, Selbstreflexion und Akzeptanz unserer Grenzen.

Vielleicht könnte man die Ausgangsfrage anders stellen: Wer hat sich verletzt, wann, wie und warum?
Der individuell Leidende und seine Vorgeschichte stehen stets im Mittelpunkt. Oft spielt die Motivation eine Rolle. Die meisten Yogis, die ich kennenlerne, üben Asanas, weil sie an einem Punkt ihres Lebens erkannt haben, dass sie etwas verändern müssen. Sie stehen unter Druck und der Weg zum Glück wird schwieriger. Viele leiden unter Schmerzen, weil sie zu viel sitzen, zu viel arbeiten, zu ungesund leben, schlaflos wurden. In jedem Fall fühlen sie, dass sie an einem Wendepunkt sind, da sie bereits Unwohlsein oder Entfremdung verspüren. Das bringen sie mit in die Yogastunde.

Solche Spannungszustände können sich natürlich nicht in der ersten Stunde auflösen.
Nein, das braucht viel, viel Zeit und noch mehr Geduld. Anders als in den Privatstunden, die ich bevorzuge, sind die Yo- gaübenden mit diesen Beschwerden nun häufig anonym in einer Gruppe von Menschen mit ganz unterschiedlichen Möglichkeiten und Wünschen, Einschränkungen, Beschwerden und Leiden. Manchmal beschränkt sich in großen Studios die Möglichkeit, auf ein Problem aufmerksam zu machen, auf eine Spalte im Anmeldebogen, die da eigentlich nur freigelassen wurde, um versicherungstechnische Schwierigkeiten zu verhindern. Hinzu kommen Lehrer, die zum Teil sehr unerfahren sind, aber umso ehrgeiziger vorgehen.

Asanas an sich schaden dem Körper also nicht.
Nein, das übernimmt der Mensch, der sich durch falsches Verstehen, irrtümliches Verständnis der eigenen Person, drängendes Verlangen, unbegründete Abneigung und tiefsitzende Unsicherheit in seinen Möglichkeiten einschränkt. Seit Patanjalis Erklärungen zu diesen Kleshas kann man dem eigentlich nichts mehr hinzufügen.

Wer kommt in deine Praxis?
Viele Yogaschüler und -lehrer, aber auch Patienten mit wenig Yoga- und mehr körperlichem und seelischen Belastungshintergrund. Unter ihnen sind Tänzer, Schauspieler, Akrobaten, Musiker und viele Kreative, die alle enorm viel leisten und arbeiten. Weiterhin kommen Menschen, die durch ein Unglück Gliedmaßen verloren, Verbrennungen erlitten oder große Narben haben. Durch die mentale Tiefe und die extrem artifizielle Sprache, die in den Asanas verborgen ist, schafft Yoga auch seelischen Ausgleich. Rein physisch können mit Yoga aber auch leichte bis schwere Verletzungen und großflächige Vernarbungen oder Lähmungen ausgeglichen werden. Generell ist der Leidensdruck der Patienten sehr hoch. 90 Prozent gelten in der Schulmedizin als austherapiert. Sie hören Dinge wie „In zwei Jahren sitzen sie im Rollstuhl“. Aber niemand sagt ihnen, wie sie Grundlegendes verändern können! Für mich als Therapeutin entsteht durch diesen enormen Druck ein großes Geschenk. Denn diese Menschen bringen eine extreme Motivation mit.

Was sind die häufigsten Verletzungen, die dir in deiner Praxis begegnen?
Die unterscheiden sich nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern von Studio zu Studio, von Yogaschule zu Yogaschule. Ich beobachte jedoch bei Frauen einen Trend zu Hüftproblemen. Insbesondere die Stehhaltungen wie Trikonasana werden nicht sorgfältig genug unterrichtet und häufig auch während der Menstruation geübt. Wir behandeln in meiner Praxis hauptsächlich Verdickungen der Leistenbänder, die besonders bei flexiblen Frauen durch Überlastung der Leistenregion entstehen. Weiterhin finden wir akute Verletzungen wie Blockaden im IIeosakralgelenk und Schiefhals. Erstere sind zumeist eine Folge von Vorwärtsbeugen (Paschimottanasana, Janu Shirshasana, Uttansasana), die bei zu viel Enthusiasmus auch immer mal einen Hexenschuss auslösen können. Der Schiefhals (Torticollis) geht zumeist mit einer Blockade der Brustwirbelsäule einher und tritt gerne bei den Umkehrhaltungen wie Salamba Shirshasana und Shirshasana auf. Häufig ist da die Ursache ein nicht sorgfältig erarbeitetes „Sequencing“, also ein mangelndes Verständnis, in welcher Reihenfolge welche Asanas am besten geübt werden, um den Körper auf so komplexe Stressbelastungen, wie sie durch den Kopfstand entstehen, vorzubereiten. Dann kommen Meniskuseinrisse nach erzwungenen Lotussitzen vor. Die sind stark zurückgegangen – bedauerlicherweise nicht durch eine Zunahme qualifizierter Anleitungen, sondern weil der König der Asanas einfach kaum noch geübt wird! Bei allen Vinyasa-orientierten Schulen muss man noch die Schulterschmerzen erwähnen. Hier ist insbesondere ein ungleichmäßiger Muskelaufbau mit Überlastung die Ursache. Gerade bei Sprüngen von Adho Mukha Shvanasana in Chaturanga überschreiten Schüler mit zarten Gelenken oder unpräziser Sprungtechnik nach dem fünften, sechsten Sprung das Maß des guten, konzentrierten Übens. Nur noch ein Durchhalten lässt die Betroffenen weiter springen. Da würde ich als Gelenk auch nicht mitmachen wollen.

Was ist heute anders als im klassischen Yoga?
Im klassischen Indien wurde Yoga direkt vom Lehrer an die Schüler weiter gegeben. Heute sehe ich nur noch Lehrer, kaum noch Schüler! Kaum einer will mehr aufmerksam lernen, jeder weiß schon alles und jeder will unterrichten. Klassisches Yoga soll sich im geistigen Raum der Befreiung abspielen. Die Lehre des Ayurveda ist eine wichtige Methode, den Körper langfristig zu erhalten, damit der Mensch über lange Jahre Glückseligkeit erfahren und Mitgefühl spenden kann. So treten der körperliche Aspekt der Asanas und ihre Heilsamkeit anders in den Vordergrund. Die Asanas haben eine unglaubliche mentale Kraft, sie fördern die Durchhaltekraft und die Durchsetzungsfähigkeit des Menschen. Durch ihre kunstvolle statische Ausführung haben sie extreme Wirkung auf das muskel-skeletare System des Körpers und die Organe. Nicht umsonst wird im klassischen Yoga gesagt, dass die Gelenke Augen haben. Durch die Augen tritt im Alltag permament Energie nach außen. Wir müssen Techniken lernen, wie wir den Kraftverlust in den Asanas reduzieren.

Wie kann man das Verletzungsrisiko verringern?
Erneut mit Klärung, Selbstreflexion und Akzeptanz unserer Grenzen! Ich möchte alle Yogaübenden ermutigen, sich zu erlauben, diese oder jene Asana nicht mit zu üben, gut zu atmen und erst bei der nächsten Übung weiterzumachen. Sich gelegentlich aus der gruppendynamischen Situation zu lösen in sich hinein zu lauschen.

Was verstehst du als Therapeutin unter „achtsam üben“?
Für mich bedeutet dies, alle acht Glieder des Yogapfades als unumstößliche Erfahrung anzuerkennen. Daraus entwickelt sich Vertrauen in das, was ich übe, und ein Ziel ist definiert. Die Asanas stellen somit nur einen geringen Teil dessen dar, was ich vorhabe. Vertrauen zu entwickeln, bedeutet gleichzeitig, Druck abzubauen. Die Yoga-Praxis ohne Druck auszuführen, entwickelt achtsames Bewegen.

Sind dies deine eigenen Erfahrungen?
Durch einen Unfall vor zwölf Jahren bin ich körperlich eingeschränkt. Eine Glasscherbe durchtrennte meinen Fuß. Ohne achtsames Bewegen käme ich nicht einmal vom Fleck. Ich habe die Asanas als einen Weg in die Freiheit erfahren dürfen. Meine wichtigsten Lehrer und meine engsten Freunde sind dabei Pankaj Sharma und Surinder Singh. Das hat meinen Therapiestil geprägt: Wenn es bei mir geht, muss es bei anderen auch gehen. Ich muss jeden Tag an mir arbeiten.

Auch psychische Leiden sind Thema in deiner Praxis.
Grundsätzlich ist es fast egal, auf welcher Ebene Leid stattfindet. Ich behandle auch schwere chronische Traurigkeit oder das Gefühl, nicht lieben zu können oder geliebt zu werden. Häufig kann ein an seiner Familiensituation leidender Mensch nicht auf solches Mitgefühl hoffen wie ein offensichtlich körperlich Verletzter. Ich nehme jeden in seinem Bereich ernst.

Du hast deine eigene Therapieform der „Minipunktur“ entwickelt, in der du Akupunktur und Yoga-Assists verbindest. Was hat es damit auf sich?
In der Minipunktur setze ich Erfahrungen aus den Assists in Nadelarbeit um. Das Konzept dahinter ist einfache Neurologie: Nervenimpulse der Hautnerven werden schneller verarbeitet als solche der großen Skelettmuskeln. Dies entspricht auch unseren Yogaerfahrungen, wenn wir lernen, dass es drei Möglichkeiten gibt, in einer Asana zu arbeiten: über die Knochen, die Muskeln oder die Haut. Wir können so die Yogaübenden auch bei Verletzungen durch eine an- dauernde Assist-Situation in den Asanas dazu bringen, diese gesundheitsfördernd zu üben. Aber man braucht eine Menge Erfahrung, um die Bewegungmuster der Yogaübenden präzise genug studieren zu können und dann die Nadel an die exakte Stelle zu stechen. Wenn dies aber gelingt, ist es ein gewaltiges Erlebnis. Der Körper scheint sich so leicht zu öffnen!

Auch sonst kombinierst du westliche Physiotherapie und Psychologie mit Ansätzen aus der chinesischen Medizin, dem Shiatsu, dem Ayurveda und dem Yoga. Ein therapeutischer Cocktail, der für jeden den idealen Weg bereit hält?
Auf keinen Fall ein Cocktail, ich mische selten. Durch die Arbeit mit den Schülern weiß ich: Manchen hilft Akupunktur, den Yogaerfahrenen beispielsweise intensives Pranayama. Alle Systeme – die chinesischen, orientalischen, indischen, tibetischen – in einem Topf zu kochen, halte ich für einen Fehler. Damit würde man die Fülle der verschiedenen Ansätze für den Patienten reduzieren.

Gibt es auch Verknüpfungen?
Durchaus. Im 5. Jahrhundert wanderte der indische Mönch Bodhidharma nach China. Seine entscheidenden Aufenthaltsorte waren die Klöster der Shaolin-Mönche. Im medizinischen System der Shaolin gibt es die Vorstellung von den drei Brennkammern in den Körperhöhlen, in denen gewöhnliche in spirituelle Energie transformiert wird. Feuer ist hier ein zentraler Aspekt der Transformation. Diese Bewegungen von Energie finden wir auch im Bewegungsmuster von Prana, den verschiedenen Pranas und den Koshas in ayurvedischen Texten und der yogischen Lehre wieder, ebenso den Feuergedanken. Generell gibt es ja nicht den einen Taoismus oder Hinduismus. Beide bestehen aus den Lehren von Tausenden, sich zum Teil widersprechenden und bekämpfenden Schulen. Irgendwann wurden sie einfach unter einem Namen zusammengefasst, damit man überhaupt einen Ansatz in der Hand hatte, damit umzugehen – aber immer aus der Perspektive der Fremdheit heraus.

Wie kann man dies für den Westen nutzbar machen?
Auf sehr praktische Weise. In den letzten 60 Jahren hat beispielsweise die chinesische klinische Medizin in Europa eine eigenständige Entwicklung in Richtung emotionale Heilung durchgemacht. Auch Ayurveda bringt typisch indische Merkmale mit, nach denen wir offenbar Sehnsucht haben, und passt sie langsam unseren hiesigen Vorstellungen von Ordnung an – frei nach C.G. Jung: Dem westlichen Menschen ist es aufgegeben, sich das Östliche anzuempfinden. Im Ayurveda spielen Licht, Liebe und Göttlichkeit eine Rolle, auch die Berührung. Es macht einen großen Unterschied aus, ob in der Therapie mit einer Metallnadel gestochen wird oder warmes Öl auf den Patienten gegossen wird. Ein Großteil der Patienten mit bestimmten Blockaden spricht besser auf die „Antennen zum Himmel“ der Akupunktur an. Das „göttliche Ausgießen von Mitgefühl“ lässt sich gut auf einen einzelnen Körperteil anwenden, auch auf psychische Leiden. Somit finde ich es von Vorteil, wenn man beide Systeme gut kennt und voneinander trennen kann.

Du würdest Akupunktur und Ayurveda also nie vermischen?
Man kann Patienten durchaus an Akupunktur gewöhnen und einen Zugang herstellen. Beim Meniskusriss kann ich neben der Minipunktur zum Beispiel ayurvedisches Öl und Kräuter einsetzen, damit sich das Gewebe wieder aufbaut.

Welche Yogastile haben deine Arbeit inspiriert?
Ich gehe in alle Yogaschulen, übe gerne Anusara, Jivamukti und Spirit Yoga, auch Anna Trökes ist meine Lehrerin. Iyengar Yoga liefert mir das Basiswissen, ich halte es für Anatomie in Bewegung und den idealen Zugang zum lebendigen Körper in Bewegung. Ich finde, dass jeder Masseur eine Iyengar-Ausbildung machen sollte.

Nach so vielen Details nun die Grundsatzfrage: Was bedeutet Yoga im Kern für dich?
Verbindung. Das ist etwas, womit ich keinen Spaß treibe, sondern Ernst. Dieser Dimension kann ich mich in Demut nur auf wenige Prozent annähern. Was danach kommt, ist nicht nur Shanti. Im Gegenteil. Mich verwundert immer die Annahme, mit Yoga werde alles gut. Es gibt Dinge, denen wir uns dann erst recht stellen müssen. Damit wären wir wieder am therapeutischen Punkt. Mein Ansatz ist es auch, Menschen zu begleiten, wenn sie vor dem stehen, was sie eben noch mit einem fröhlichen Mantra angeträllert haben. Patrick Broome meinte einmal sehr treffend: „Wenn wir Shiva Gurave singen – wissen wir überhaupt, mit wem wir es zu tun haben? Und wollen wir das wirklich?“

Damit sind wir bei der heilenden Wirkung der Klänge.
Mitchel Bleier, ein amerikanischer Lehrer, den ich sehr schätze, sagte über das Singen von Om: „Überlegt, was ihr da tut. Tut es nicht für den äußeren Klang, sondern geht ernsthaft an diese Dinge heran.“ Sanskrit ist Medizin, das klingende Universum, und ich habe einen Heidenrespekt vor dem Intonieren von Lauten und der Namensgebung. Sie wirkt im Sinne der Veränderung. Heilen ist Veränderung.

Siehst du dich auch als Yogalehrerin?
Nein, ich bin Therapeutin. Seit ich 15 bin, übe ich Yoga. Zu dieser Zeit gab es in Berlin noch nicht viele Lehrer. Die Adressenvermittlung funktionierte über eine Art Geheimcode. Diese enthusiastische Grundeinstellung möchte ich mir behalten.

West-Östliche Heilung
Durch enge familiäre Bindungen begeisterte sich Manuela Heider de Jahnsen bereits in frühen Kinderjahren für die Welt der Akrobaten und Indiens.Neugierig auf die verschiedenen Denkweisen und Überzeugungen der Menschen auf der ganzen Welt beschäftigte sie sich intensiv mit alternativen und traditionellen Heilmethoden. „Zwar haben wir alle einen anderen Glauben, eine andere Sicht der Dinge, andere Werte, aber die Basis unserer Heilung bleibt stets übereinstimmend Vertrauen und Hoffnung“, so die Therapeutin. Aus dieser Perspektive lernte sie Yoga und Ayurveda, Meditation und Kräuterheilkunde der verschiedenen Traditionen und Länder von Tibet bis zu den Anden kennen und schätzen. Nach vielen Studien-, Lehr- und Arbeitsjahren in Südamerika, Indien und Vietnam kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie in Mitte ihre Praxis Society of Friends betreibt.