Die Freiheit im Herzen

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Die Sehnsucht nach Freiheit spielt eine große Rolle im Leben des Anusara-Yogalehrers Marc Holzman. Deshalb ist er von Los Angeles nach Paris gezogen und unterrichtet dort mit Leidenschaft als „Guerilla Yogi“.

Mit dem Konzept „Guerilla Yogi“ hat sich Marc schon vor Jahren von der Notwendigkeit eines Yogastudios frei gemacht und fordert mit Nachdruck „Yoga für alle“. Erst kürzlich löste er sich nach dem Skandal um Gründer John Friend von den strengen Unterrichtsrichtlinien des Anusara-Stils, indem er seine Lizenz zurückgab. YOGA JOURNAL sprach mit dem charismatischen Lehrer über die Verpflichtung, seinen eigenen Weg zu gehen.

YOGA JOURNAL: Marc, wie kommt ein Schauspieler in Los Angeles zu Yoga und warum?
MARC HOLZMAN: Ich habe 2001 eher zufällig damit begonnen. Wie die meisten Schauspieler war auch ich nach L.A. gezogen und dort sprach mich eines Tages eine Freundin an, ob ich mit ihr ins Yoga kommen wolle. Sie dachte einfach, dass ich es mögen würde. Meine erste Yogastunde war eine Power-Yoga-Klasse bei Bryan Kest. Ich war überwältigt! Nie zuvor hatte ich jemanden so klar über die Verbindung zwischen Körper, Herz und Atem sprechen hören. Ich traute meinen Ohren kaum – es fühlte sich alles so stimmig an.

Du fühltest dich sofort zu Hause?
Ich hatte schon immer einen gewissen Hang zur Spiritualität, aber ich wusste nie wirklich, wohin damit. Auf eine Art fühlte ich mich ganz allgemein „spirituell“ – was auch immer das wirklich heißt. In Bryans Stunde wusste ich plötzlich, dass ich genau danach gesucht hatte. Es war eine ziemlich herausfordernde Stunde – Power Yoga eben – und dennoch besaß Bryan solch eine starke Sprache des Herzens. Auf eine komische Weise war ich die stärkste Person im Raum, denn ich war damals ziemlich muskulös. Auf eine ganz andere Weise waren alle anderen so viel stärker: Frauen und dürre Kerle hielten den nach unten schauenden Hund für einige Minuten. Ich dachte zwar, ich sei stärker als sie alle, aber ich konnte den Hund noch nicht einmal länger als eine halbe Minute lang halten, ohne am ganzen Körper zu zittern. Ich kann mich erinnern, dass ich damals dachte: „Auf die Art will ich stark sein.“ Die Yogis dort umgab Würde, Vitalität und eine wunderschöne Kraft. Von da an ging ich jeden Tag ins Yoga, obwohl ich durch den Verkehr eine Stunde bis zu Bryans Studio in Santa Monica brauchte.

Wusstest du damals schon, dass du Yogalehrer werden wolltest?
Ja, sofort. Lehrer wollte ich überhaupt schon immer werden, aber ich hatte keine Ahnung, was ich unterrichten wollte. Mit den ersten Yogastunden wurde es mir dann klar: Das ist es! Wenige Monate nach meiner allerersten Yogastunde begann ich mit meiner Lehrerausbildung.

Warum hast du eine Anusara-Lehrerausbildung gemacht? Du warst doch so begeistert von Bryan Kest…
Gerade als ich bereit war, mich zum Lehrer ausbilden zu lassen, nahm sich Bryan eine zweijährige Auszeit von den Lehrerausbildungen. Etwa zeitgleich besuchte ich zum ersten Mal das City Yoga-Studio in Hollywood, wo ich wohnte. Der erste Anusara-Lehrer, den ich in diesem Studio erlebte, haute mich total von den Socken. Von Anfang an gefiel mir an Anusara, dass man sich für jede Stunde ein „Herzthema“ aussucht und die gesamte Asana-Praxis darauf aufbaut. In diesem Studio stand eine Ausbildung an – damals gab es noch keine Immersions, nur das Teacher-Training an sich. Allerdings war die Ausbildung teuer und ich arbeitete als Massagetherapeut hauptsächlich an den Wochenenden, an denen auch die Ausbildung stattfand. Ich hätte für etwa drei oder vier Monate nicht arbeiten können und hatte keine Ahnung, wie ich mir das jemals leisten können sollte.

Aber du hast einen Weg gefunden…
Ich wollte es unbedingt! Ich wollte mich anmelden und hätte dafür eine Anzahlung leisten müssen, hatte aber das Geld nicht. Ein paar Tage, bevor die Frist ablief, ging ich in einen Laden, um ein paar Dinge zu kaufen. Vor mir an der Kasse stand eine Frau, die Lotterielose kaufte. Als ich an der Reihe war, verlangte ich ganz spontan auch fünf Lose und ließ den Computer die Nummern wählen. Ich hatte fünf Treffer und gewann 50.000 Dollar! Für mich war das ein absolutes Zeichen: Wenn ich jemals Hilfe vom Universum gehabt hatte, dann jetzt. Ich ging also zu City Yoga und leistete meine Anzahlung – drei Tage, bevor die Frist ablief. Im Nachhinein sehe ich es als mein Dharma, zu unterrichten. Ich war mir darüber klar geworden und das Universum unterstützte mich, indem es mir die nötigen Mittel lieferte.

Wenn du es in einem einzigen Satz ausdrücken müsstest: Was ist in deinen Augen der größte Nutzen von Yoga?
Für mich bedeutet Yoga, sich in sein eigenes Leben zu verlieben. Zumindest habe ich das so erlebt. Und genau aus diesem Grund wollte ich unterrichten – um anderen Leuten dabei zu helfen, ihr Leben lieben zu lernen.

Warum hast du dich kürzlich von Anusara als Organisation abgewendet?
Insgesamt gibt es zahlreiche Gründe, weshalb viele bekannte Lehrer gegangen sind. An erster Stelle steht der Skandal um die Person John Friend – Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Ich persönlich mache mir allerdings nicht allzu viele Sorgen um diese Geschichte, obwohl ich die Ansicht teile, dass da vieles schiefgelaufen ist. Einiges, was John getan hat, gibt mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Trotzdem: Ich liebe das Anusara-System und unterrichte nach wie vor den Anusara-Stil – ich verwende nur nicht mehr den Markennamen für meine Klassen. Diese Entscheidung habe ich für mich getroffen, weil mir im Zuge des ganzen Skandals klar wurde, dass die Beschränkungen des Systems für mich so eng geworden waren, dass ich mich eingeschränkt fühlte. Ich wollte einfach meine eigene Stimme als Lehrer finden. Ich möchte mich mehr ausprobieren dürfen und andere Einflüsse in meine Stunden einbringen. Und diese Einflüsse passen vielleicht nicht immer ganz in den Anusara-Rahmen.

Was hat sich durch deinen Rücktritt konkret verändert?
Indem ich zurückgetreten bin, kann ich mich von anderen Einflüssen inspirieren lassen und daran wachsen. Jetzt fühle ich mich frei, mich auszudehnen. Ehrlich gesagt denke ich, dass die Grenzen des Anusara-Systems gelockert werden müssen, so dass jeder einzelne Lehrer innerhalb des Systems wachsen kann. Ich finde es sehr schade, dass es einige erst verlassen mussten, um das zu tun. Aber wer weiß, vielleicht werden sich die Dinge bald ändern…

Ist dein persönlicher Wunsch nach Freiheit der Grund dafür, weshalb du Guerilla Yogi gegründet hast?
Guerilla Yogi – diese Idee habe ich von Bryan Kest übernommen. Er war einer der ersten Lehrer, die von Studios unabhängige Yogastunden auf Spendenbasis eingeführt haben. Er hat stundenweise seinen eigenen Raum gemietet, stellte eine kleine Spendenbox auf und nach der Stunde legte jeder den Betrag hinein, den er zahlen konnte. Ich finde, das spricht für Bryans Freiheitsliebe. Denn solange man an ein Studio gebunden ist, muss man nach dessen Regeln spielen. Es gibt immer einen Mittelsmann zwischen dir und den Schülern – auch was das Finanzielle angeht.

Diesen Mittelsmann wolltest du umgehen?
Na ja, erst mal hatte es ganz praktische Gründe. Als ich mit den Guerilla-Yogi-Stunden begonnen habe, erholte ich mich gerade von einer Operation am offenen Herzen und das Studio, in dem ich unterrichtete, wurde geschlossen. Als ich wieder bereit war, zu unterrichten, suchte ich nach einer Möglichkeit, die nicht zu viel Zeit benötigen würde. Sonst hätte ich vielleicht meine Schüler aus dem alten Studio verloren. Ich hatte keine Lust und auch nicht die Zeit und das Geld, um ein eigenes Studio aufzumachen. Aber ich brauchte einen Raum für meine „Kula ohne Wände“ [Kula bedeutet im Anusara Yoga so viel wie Gemeinschaft; Anm. d. Red.]. Ich erlaubte mir, kreativ zu werden und schaute mir Kunstgalerien, Parks, Tanzstudios und alle möglichen Räume an. Meine erste Klasse hielt ich schließlich in einer Galerie. Der Besitzer war richtig froh darüber, dass er seinen Raum auch außerhalb der Öffnungszeiten nutzen konnte und ein bisschen Zuzahlung zur Miete bekam. Die Stunde lief gut und alle zahlten nur, so viel sie konnten.

Es geht also auch um den sozialen Gedanken hinter dem Konzept…
Ja. Wichtig war mir nur, dass jeder Schüler irgendetwas gab – und wenn es einfach ein Stück Obst war. Es sollte sich falsch anfühlen, wenn man Unterricht annimmt, ohne irgendetwas zurückzugeben. Für eine gesunde Beziehung muss ein energetischer Austausch stattfinden. Es funktionierte – ich hatte immer mindestens 40 Schüler in meinen Stunden und verdiente sogar ganz gut. Dieses Konzept konnte auf den Mittelsmann verzichten. Nichts gegen Yogastudios, sie haben absolut ihre Berechtigung – aber ich kenne einfach keinen Yogalehrer, der in einem Studio arbeitet und davon leben kann. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Orte, an denen ich unterrichte, ein ganz besonderes Flair haben und nicht diese schicke und trendige Yogastudio-Atmosphäre. In den unkonventionellen Rahmen passt mein Glaube, dass Yoga für jeden da sein soll. Manche können sich teure Yogastunden nicht leisten, aber ich verdiene mit meinem Konzept genug, dass ich es mir wiederum leisten kann, diese Schüler kostenlos zu unterrichten.

Wie hat die Operation am offenen Herzen, der du dich vor einigen Jahren unterziehen musstest, deine Sicht auf Leben und Tod verändert?
Ich fühle mich sterblicher. Die OP war wie ein Weckruf: Ich musste mich operieren lassen, da bei einer Routineuntersuchung festgestellt wurde, dass meine Mitralklappe nicht mehr richtig funktionierte. Ich dachte im Vorfeld viel darüber nach, was ein solch riskanter Eingriff bedeuten würde. Meine Yogapraxis half mir sehr, damit umzugehen. Irgendwie fühlte ich mich vom Universum beschützt. Vielleicht, weil ich zu dem Zeitpunkt bereits seit längerem meditierte. Man sagt ja immer, dass einen die Meditation auf gewisse Weise auf den Tod vorbereitet. Welches Gefühl die Operation schließlich bei mir auslöste, war, dass wir auf diesem Planeten nicht allzu viel Zeit haben. Ich bin jetzt 50 Jahre alt und sowohl der Eingriff als auch mein Yoga haben mich gelehrt, dass man sich mit nichts zurückhalten sollte. Jeder sollte das tun, was er tun möchte. Wenn man einen Traum hat, sollte man ihn verwirklichen. Und: In dem Moment, in dem man begreift, dass man gar nicht so viel Zeit zur Verfügung hat, möchte man so viel Freiheit erlangen wie möglich.