YOGA / RELIGION ?

Von Krishna zu Arjuna

Im Yoga gibt es tausende schöner Geschichten über den Gott Krishna. Diese sind nicht nur farbenfroh und exotisch, sondern sollen für uns auch lehrreich sein. Deswegen hängen in vielen Yogastudios Bilder von Krishna, er begegnet uns als Statue und manch Yogalehrer zitiert gern aus den indischen Epen. Aber macht das alles Sinn?

Krishna ist eine hinduistische Gottheit. Yoga darf jedoch nicht mit Hinduismus gleichgesetzt werden. Vielmehr ist es so, dass sich Yoga in geografischer und zeitlicher Nähe zum Hinduismus entwickelt hat. Aber weder in den Yoga-Sutren noch in der Hatha Yoga Pradipika ist je von einem Gott Krishna die Rede. Trotzdem wird Yoga häufig in die Nähe religiöser indischer Traditionen ge- rückt. So sehr, dass es im Internet schon ein Quiz gibt, dass die allzeit drängende Frage beantwortet: Bin ich ein Hindu? Yoga versteht sich jedoch als universell und ist nicht festgelegt auf ein bestimmtes Konzept von Gott – oder überhaupt auf einen Gott oder Götter. Yoga lässt uns die Freiheit, über den ethischen Gehalt von religiösen Überlieferungen selbst zu entscheiden. Der zumindest dem westlichen Yogi bekannteste Auftritt von Krishna findet in der Bhagavad Gita statt. Hier erklärt die Gottheit seinem Schüler Arjuna äußerst bestimmt, was im Konfliktfall zu tun ist, nämlich unbedingt seiner Pflicht zu folgen. In Arjunas konkretem Fall bedeutet das: Er soll einen brutalen Krieg führen. Arjuna zögert jedoch, und in der Folge entspinnt sich zwischen ihm und Krishna die berühmte Diskussion über das richtige Handeln.

Diese Szene irritierte Generationen von Yogaschülern, zu deren grundsätzlichen Prinzipien die Gewaltlosigkeit gehört: Gott Krishna fordert tatsächlich einen Vernichtungskrieg aus Pflichterfüllung. Die vorschnell gotteshörige Standardinterpretation der Bhagavad Gita will jedoch, dass Krishna aus yogischer Sicht recht hat. Denn sein Prinzip lautet: Schau nicht zuerst auf die Folgen deiner Handlungen, sondern folge übergeordneten, situationsunabhängigen und universellen moralischen Regeln. Die Folgen von Handlungen sind für Menschen ohnehin nicht absehbar. Es gilt vielmehr, sich nicht von beliebigen und wechselnden Umständen abhängig zu machen und sich nicht bestechen zu lassen. Der Yogi soll also kein Fähnchen im Wind sein, sondern einen festen Plan haben.

An dieser Stelle ist es an der Zeit, sich von den Göttern abzuwenden und dem Menschen Arjuna zuzuhören. Zum Glück springt ihm neuerdings Amartya Sen zur Seite, indischer Nobelpreisträger für Ökonomie. Der kann nämlich erklären, warum Arjuna möglicherweise die besseren Argumente hat: In einem existenziellen Konflikt kann es keineswegs nur um Pflichterfüllung gehen, ohne die Folgen der eigenen Handlungen zu betrachten. Es ist dagegen vernünftig, Handlungen und ihre Folgen gegeneinander abzuwägen: Stehen die Konsequenzen meines Handelns in einem noch zu rechtfertigenden Verhältnis zu meiner Pflicht, zur Regel, zum Plan?

Amartya Sen unterstützt Arjuna in seiner Idee, dass richtiges Handeln gerade nicht unabhängig von der eigenen Position sein kann. Dies zeigt sich in zwei wichtigen Aspekten: Es geht immer auch um die persönliche Verantwortung. Diese kann man nicht in einer wie auch immer gearteten „Pflicht“ aufheben. Und es geht jeweils ganz entscheidend um die „Relevanz der wirklichen Welt“ (Sen). Wir können sinnvollerweise nicht vor den konkreten Umständen der Situation, in der wir uns befinden, die Augen verschließen. Im Gegenteil müssen wir anerkennen, dass das, was in der Welt geschieht, für unsere moralische Einstellung wichtig ist. Das vorgefertigte Urteil geht zu oft an der Wirklichkeit vorbei.

Philosophisch gesehen stehen sich hier zwei Lehrmeinungen gegenüber. Eine Pflichtenethik und ein vergleichender Ansatz. Erstere sucht ein absolut geltendes Regelwerk, ein Patentrezept für alle Lebenslagen. Ergebnis dieser Ethik ist das schlechthin Gerechte, also die beste Lösung. Sie geht davon aus, dass am Ende alle der gleichen Idee von Gerechtigkeit oder Moral folgen werden. Dagegen steht die Idee, dass es das Gerechte und das Beste so abstrakt formuliert gar nicht gibt, sondern dass es nach vernünftiger Abwägung im Einzelfall nur ein Besser oder Schlechter in unserem Handeln geben kann. Dieser Ansatz wird keine Formeln vorlegen, sondern zunächst versuchen, möglichst viele Informationen über eine neue Situation zu sammeln. Er fordert, die Anwendung von Vernunft und das Nachdenken über Wertefragen ständig zu wiederholen.

In der Gita wird schließlich ohne Rücksicht auf die Folgen Krieg geführt. Arjuna folgt Krishna. Sein umfassender Sieg wird am Ende jedoch überschattet vom menschlichen Leid, dass der Krieg mit sich bringt. Der Autor der Bhagavad Gita scheint sich dann auch ein bisschen für das Ergebnis seiner moralischen Lektion geschämt zu haben: Im nächsten Epos schrieb er nur noch über die Liebe.

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