Nachgefragt: Was ist spiritueller Aktivismus?

Im Zusammenhang mit Yoga ist immer häufiger von „spiritual activism“ die Rede. Aber was bedeutet das eigentlich? Die beiden Yogalehrer und Organisatoren der Yoga Conference Nicole Bongartz und Frank Schuler erklären den Begriff am Beispiel ihres eigenen Yogastudios.

Eine Yogaschule zu leiten und Schüler zu unterrichten, ist für uns bereits eine Form des spirituellen Aktivismus. Unsere Schüler nehmen aus jeder Stunde etwas mit und verändern vielleicht ihr Leben Schritt für Schritt. In der Jivamukti-Tradition ist es sehr wichtig, die Überzeugung eines Yogis zu leben und den Schülern als Vorbild zu dienen. Dennoch ist es ein Prozess, sich als Lehrer zu finden und zu seinen eigenen Überzeugungen zu stehen, damit man authentisch bleibt. Als Studiobesitzer und Lehrer agieren wir permanent in verschiedenen Rollen und sind mit unterschiedlichen Menschen in Kontakt: mit den Schülern, die wir ausgebildet haben, und unseren Angestellten. Da ist man oft genug gefordert, zu reflektieren und darauf zu achten, wie man miteinander umgeht. Spiritueller Aktivismus muss nicht immer laut und politisch sein. Aus der Werbebranche wissen wir, wie man mit Plakaten und Bannern laut wird und was das für das Ego bedeutet. Yoga bereitet darauf vor, bewusst die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, wo sie nötig ist, und mit Achtsamkeit zu handeln. Daraus entsteht Kraft. Wir fangen an, von innen heraus etwas an uns verändern zu wollen – und dann in unserem engsten Umfeld. Jeder, der das erlebt hat, weiß, wie schwer es ist.

Wenn es im Studio Probleme gibt, nehmen wir uns viel Zeit, diskutieren alles aus und lösen den Konflikt mit Hingabe. Dadurch, dass wir so viel mit Menschen zu tun haben, ist es eine Herausforderung, uns selbst treu und Yogi zu bleiben. Es ist schön, wenn Leute mutig und laut für etwas einstehen. Genauso wichtig ist es aber, dass das Herz hinterherkommt. Uns hat Yoga dazu gebracht, einen eher leisen und beherzten Aktivismus zu verfolgen, mehr als David zu agieren statt als Goliath. Yoga ermöglicht es vielen Menschen, für sich selbst zu formulieren, was ein Lebensstil alles sein kann. Wir müssen in unserer Position immer wieder darauf achten, dass unser Lebensstil authentisch ist und wir wirklich dahinter stehen. Das ist unsere Verantwortung. Unser persönlicher Aktivismus besteht darin, unsere Schulen mit Enthusiasmus und Liebe zu führen.

Foto: über Off The Mat Into The World

Nicole Bongartz und Frank Schuler leiten gemeinsam mit Amy Heger und Judith Hennemann die „Lord Vishnus Couch“-Studios in Köln. 

Wanderung zum Mount Kailash

Pilgern ins Mandala des Yoga

Er thront in der tibetischen Hochebene und gilt für Hindus und Buddhisten als das Zentrum des Universums. Ihn zu umrunden ist der Traum vieler Yogis. Was macht den Mount Kailash so besonders?

Shivas Geschenk für das 21. Jahrhundert
Das Jahr 2012 geht in die zweite Hälfte, doch das Paradies, das sich die Esoteriker erträumt haben, bleibt aus. Wir müssen immer noch mit Geld für den Bus bezahlen, und oft sogar arbeiten, um es zu verdienen. Es scheint, dass wir nicht darum herumkommen, uns mit den Anforderungen der materiellen Welt auseinanderzusetzen. Der Legende nach hat der gutmütige Gott Shiva dafür aber ein Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. Zu Beginn des „dunklen Zeitalters“ – des Kali Yuga, in dem wir heute leben – hatte seine Gattin Parvati ihn gefragt, was die Menschen der Moderne tun können, um in Zeiten von physischen und emotionalen Herausforderungen zu bestehen. „In einer grobstofflichen Welt beginnt man seine Praxis mit dem Körper“, antwortete Shiva. Und er begann am Berg Kailash, ihrem gemeinsamen Wohnsitz, Asanas zu üben. Vom benachbarten See Manasarovar aus schaute ein Fisch zu, der sich die 8.400.000 verschiedenen Variationen der Haltungen genau einprägte. Daraufhin wurde er von Parvati in Matsyendranath, den ersten Lehrer für Hatha Yoga, verwandelt.

Hatha Yoga – Das Yoga der Anstrengung
Im Sanskrit-Wörterbuch wird Hatha Yoga als „Yoga der Bemühung“ übersetzt. Es geht um „die Kraft, die notwendig ist, sein eigentliches Ziel zu erreichen“, so sagen die Schriften. Nun, was ist das „eigentliche“ Ziel? Wer sich auf die Reise zu Shivas Wohnsitz macht, muss bereit sein, einiges an körperlicher Anstrengung auf sich zu nehmen. Ob man zu Fuß durch West-Nepal nach Tibet wandert, oder mit dem Jeep von Kathmandu oder Lhasa aufbricht; es dauert immer einige Tage, bis man das „kostbare Juwel des Schnees“ (so der tibetische Name) erreicht. Man könnte seinen Urlaub leichter am Strand verbringen oder in heimischen Wäldern wandern. Was macht gerade den Kailash so anziehend für Yogis?

Das natürliche Mandala
„Es gibt Berge, die nur Berge sind, und solche, die eine ausgeprägte Persönlichkeit besitzen“, schreibt Lama Govinda in seinem Reisebericht „Der Weg der weißen Wolken“. Das Charisma des Kailash ergibt sich nicht nur aus seiner eindrucksvollen Pyramidenform, mit der er fast alleinstehend auf einer Ebene im Transhimalaya thront, sondern auch aus der Natur, die ihn umgibt. Aus seiner Mitte entspringen in alle vier Himmelsrichtungen die vier großen Flüsse des indischen Subkontinents (Indus, Brahmaputra, Satluj und der später in den Ganges mündende Karnali). Er bildet dadurch ein natürliches Mandala und ruht als Achse in dessen Mitte.

„ha“ und „tha“: Sonne und Mond
Wenn man nach Tagen des Wanderns oder der nicht immer bequemen Fahrt über die Pisten des tibetischen Hochlandes endlich den Gurla-Pass im äußersten Westen Tibets erreicht, lässt einen der majestätische Anblick des Berges, der hier auch wie ein großer Shivalingam aussieht, umgehend still werden. Für einen Moment gibt es keine Wellen im Geist, außer tiefer Freude und der Dankbarkeit, dieses Wunder der Natur mit eigenen Augen sehen zu können. Dann fällt der Blick auf die beiden großen Seen am südlichen Fuß des Berges, und die nächste Analogie zum Hatha Yoga wird klar: Die beiden Silben „Ha“ und „Tha“ bedeuten laut B. K. S. Iyengar auch Sonne und Mond. Sie repräsentieren die Gegensatzpaare weiblicher und männlicher Energie, kühlender Entspannung und erhitzender Aktivität.

Die phantastische Reise
Bei einer Reise zum Kailash bewegt man sich also – wie im Film „Die phantastische Reise“ – wie ein mikroskopisch kleines Wesen in der Natur seines eigenen Körpers. Denn die beiden Seen Manasarovar und Rakshastal entsprechen im Mandala des Kailash Ida und Pingala. Bei oberflächlicher Betrachtung hat der erste die Form einer Sonne, der zweite die Form einer Mondsichel. Der Manasarovar wird als „See der Götter“ bezeichnet. Um ihn herum blühen mittlerweile wieder viele der alten Klöster auf, und es wimmelt von Brahmanengänsen, Kranichen, Möwen und etwa zwanzig anderen Vogelarten. Der Rakshastal hingegen ist still und verlassen. Von den Tibetern wird er „See der Dämonen“ genannt. Dort ist kein Laut zu hören. In unserer Seele wirken auch immer beide Seiten; die Kräfte des Lichtes und die Kräfte der Nacht. Manch eine Reiseteilnehmerin hat sich schon bei mir beschwert, dass die Frauen schlecht dabei wegkommen, weil sie in dieser Philosophie mit dem Dunklen, Tiefgründigen, gar Dämonischen assoziiert werden. Aber möglicherweise gibt es auch keine Erleuchtung, ohne die Kräfte des Unterbewussten zu achten. Wenn wir uns auf die Reise gemacht haben, den Kailash kennen zu lernen, dann laufen wir tatsächlich um das „Zentrum des Universums“ – denn wir bewegen uns bildlich um unsere eigene Wirbelsäule, unser eigenes Inneres. Dabei ist es auf dem ersten Blick nicht immer erfreulich, was wir finden.

Die eigenen Grenzen kennenlernen
Um meine Gruppe schon vor Beginn der Wanderung zu coachen, erzähle ich gerne von Joachim, einem Reiseteilnehmer, der mit uns durch West-Nepal zum Kailash gewandert war. Er arbeitete als Unternehmer, und hatte sich gerade eine neue Kameraausrüstung gekauft. Die wollte er unbedingt selber tragen, er war ja erst Mitte vierzig und gut in Form. Ich beobachtete jeden Tag, wie der Schweißfilm auf seiner Haut dicker und sein Atem schwächer wurde. Aber er war nicht bereit, auch nur ein Objektiv weniger mitzunehmen, bis er am vierten Tag zusammenbrach. Eine Pilgerfahrt bringt uns immer auf interessante Weise zu uns selbst, und zeigt uns all die Verhaltensweisen, mit denen wir uns auch im Alltag im Weg stehen. Dem kann man auch nicht ausweichen, wenn man die „bequeme“ Variante der Jeep-Fahrt wählt. Irgendeinen Punkt findet Shiva immer, auf den er drücken kann, um den sich ihm langsam nähernden Gästen zu zeigen, wo noch Spielraum für Entwicklung ist. Sören zum Beispiel hatte sich während der Fahrt von Lhasa nach West-Tibet nahezu sklavisch an meinen Rat gehalten, stets viel zu trinken. Leider war er gleichzeitig zu stolz, den Fahrer zu bitten, für eine Toilettenpause anzuhalten. „Ich halte das schon aus“, war sein Mantra. Leider nehmen die Prostatamuskeln das gerne wörtlich. Loslassen zu lernen, wenn die Blase verkrampft ist, kann eine sehr schmerzhafte Lektion sein.

Einatmen–Ausatmen
Hat man es schließlich zum Berg geschafft, beginnt im Inneren des Mandala die größte Herausforderung. Es geht nicht darum, den 6714 Meter hohen Berg zu besteigen. Für die Pilger wäre das so, als würde man einer Statue auf den Kopf klettern wollen. Stattdessen nähern sie sich dem Wesen des Berges und ihrer eigenen Natur, indem sie ihn auf einer etwa 55 km langen Strecke in ein bis drei Tagen umrunden. Der Höhepunkt ist dabei die Überquerung des „Dolma La“, des Passes der Göttin Tara, der „Befreierin“, die alle Schwierigkeiten überwinden hilft, in 5636 Metern Höhe. Für die meisten Europäer ist die Luft hier oben tatsächlich deutlich dünner, und es geht hier einfach nur noch darum, einatmend und ausatmend einen Schritt vor den nächsten zu setzen. Nirgends sonst auf der Reise spüren die Teilnehmer ihren eigenen Körper so deutlich, mit all seinen Begrenzungen. Kurz vor dem Pass gibt es noch einen „Friedhof“, wo Tibeter alte Kleidungsstücke ablegen, als Zeichen, dass sie hier ihr altes Selbst sterben lassen. Bisher liegen nur wenige Designerstücke westlicher Pilger hier. Aber der Wunsch, den Kailash zu erleben, wächst auch in der deutschen Yogaszene.

Das eigentliche Ziel
Haben die Pilger dann den Pass überquert und sind im Ost-Tal des Berges angekommen, haben sie nicht nur ihre eigenen Grenzen, sondern auch ihre eigene Kraft kennen gelernt. Man nimmt sich selbst anders wahr, wenn man von dieser Reise zurückkommt. Vielleicht ist es das, was den Kailash zu so etwas Besonderem macht. Nachdem wir auf dem Weg dorthin lange und geduldig bereit waren, uns vor ihm zu verneigen, sind wir im Innern des Mandala auch unserer Natur, und dem was an Möglichkeiten in uns steckt, näher gekommen. Shiva, Parvati, Tara und die Meditationsbuddhas sind nicht mehr nur entfernte Gottheiten, die wir aus der Distanz beobachten. Nach all den physischen Anstrengungen können wir tatsächlich auch körperlich fühlen, dass sie als Versprechen in uns ruhen. Gleichzeitig sagt uns der Anblick des Berges aber auch, dass wir dabei stets einfache Menschen bleiben werden.

Zurück zu Hause
Das Mandala von Sonne und Mond erinnert daran, dass das Ziel von Pilgerschaft wie von Hatha Yoga ist, ins Gleichgewicht der gegensätzlichen Kräfte zu kommen. Der Berg wird noch sehr lange Zeit in Tibet sitzen, und sich in tausenden von Jahren nur wenig verändern. Wenn wir nach Hause zurückkommen, ist aber etwas in uns geschehen, an das wir uns erinnern, wenn wir das nächste Mal fest und bequem in Tadasana stehen. In unserer Yogapraxis empfangen wir dann jeden Tag Grüße vom Kailash, und spüren einen Hauch von Ewigkeit in uns.

 

Ashtanga, Ayahuasca und die absolute Freiheit

Binh Les Worte und Einstellungen sind geprägt vom einem radikalen Freiheitsgedanken und eiserner Disziplin. Sie zeugen von einer tiefen Hingabe an Ashtanga Yoga – aber auch an ein schamanisches Gebräu, das aus den Blättern und der Liane einer Urwaldpflanze erzeugt wird. Es besitzt eine halluzinogene Wirkung und ist im Verzeichnis verbotener Substanzen gelistet: Ayahuasca. In einem Münchner Café sitzen wir zwischen wohlhabenden Bürgern, die sich die Wasserflasche für 7 Euro ohne Mühe leisten können und führen hinter vorgehaltener Hand ein Gespräch über das „echte“ Leben.

Warum haben deiner Meinung nach viele Yogis Berührungsängste mit Ashtanga Yoga?
Das Vorurteil, Ashtangis seien „Soldaten“, ist leider immer noch in den Köpfen verankert. Die Leute haben Angst vor Ashtanga. Das mag vielleicht daran liegen, dass du bei diesem Yogastil immer an einen Punkt kommst, wo du nicht heraus kannst. Bei anderen Stilen ist es, je nach Lehrer, leicht, sich durchzuschlängeln. Im Ashtanga kommst du jeden Tag in die Haltung, die du nicht machen möchtest und das ist hart.

Wann hast du mit Yoga begonnen?
Ich habe viel schamanische Arbeit gemacht. Erst danach kam ich über meine damalige Freundin, eine Yogalehrerin, auf Yoga. Ich war ein Jahr lang in Indien, habe dort alles mitgemacht und aufgesaugt. Das war aber einfach zu viel in so kurzer Zeit. Deswegen habe ich erst einmal eine zweijährige Pause gebraucht, in der mir alles zu viel wurde. Und da habe ich gefeiert.

Gehst du immer noch feiern?
Nein, nach meinem veränderten Weltbild ist das alles nicht mehr so meins. Ich gehe lieber mit Freunden Essen. Die Zeit, die ich mit mir alleine verbringe, ist sehr wertvoll für mich. Wenn ich mich also mit anderen Leuten treffe, muss die Zeit entweder genau so gut sein oder ein bisschen besser.

Trotzdem trinkst du Espresso, rauchst Zigarillo und auf deinem Instagram-Account sieht man ein Bild von einem Steak-Sandwich. Ist doch alles noch sehr weltlich…
Ich hab alles ausprobiert, um zu wissen, wie es sich anfühlt. Ich habe mich ein Jahr lang vegetarisch ernährt, in Indien nur von Raw Food gelebt und für zwei Jahre auf Kaffee verzichtet. Weil ich alles ausprobiert habe, kann ich entscheiden, was sich für mich richtig anfühlt. Mir tut Fleisch gut im Moment. Und ich mag auch Salat. Aber ich möchte frei entscheiden können, was ich will. Wenn man einmal vom ethischen Aspekt absieht, kann es einem das Gefühl von Kontrolle geben, wenn man sich streng nach einer gewissen Regel ernährt. Darin verlieben sich viele. Aber wenn man wirklich alles loslassen kann, isst man nur das, was einem schmeckt. Das schenkt einem Freiheit.

Ich sehe darin einen Konflikt: Wenn man ohne Kontrolle alles macht, worauf man Lust hat, kann das doch schnell zum Kontrollverlust führen…
Aber Kontrolle ist eine Illusion. Das Leben selbst hast du nicht unter Kontrolle. Du solltest nie deine Gefühle und deine Impulse unterdrücken, um anderen zu gefallen, in dem Irrglauben, dass du anders nichts wert bist. Das ist gefährlich. Deswegen brauchen wir authentische Stämme, deren Werte mit unseren kongruent sind. Wir wollen ja dazugehören – weshalb sonst gibt es so viele Vereine und Gruppierungen? Die Frage ist: Was bin ich wert, wenn ich keinen Stamm habe, nach dessen mir auferlegten Regeln ich lebe? Die Erfahrung des Selbstwertes ist ungemein wichtig. Das sind übrigens keine Zigarillos, sondern Mapachos. Die gibt es nur in Peru und sind quasi ein Tool für die schamanische Arbeit. Das fährt dein System runter und du kannst so deine energetischen Blockaden lösen. Es ist legal, aber man muss es sich eben selbst von der Reise mitbringen.

Schmeckt schon ein bisschen wie Zigarillo.
Ja, mag sein, aber es ist handgerollter, purer Tabak.

Zurück zum Yoga. Wie hast du nach deiner Feier-Phase wieder zurück auf die Matte gefunden?
Meinen letzten Workshop in Indien habe ich bei dem Finnen Petri Räisänen belegt. Er hat mich ans Ashtanga herangeführt. Nach meiner Pause habe ich zuhause zunächst wieder alleine mit der Hatha-Yogapraxis begonnen, die ich in Indien auf einer Abhyasa-Yogalehrer-Ausbildung gelernt hatte. Dann habe ich mich wieder an Petris Unterricht erinnert. Weil ich in München keinen für mich geeigneten Ashtanga-Lehrer fand, brachte ich mir die erste und zweite Serie selbst bei. Bei Petri begann ich dann mit der dritten. Für mich ist es sehr schwierig, von jemandem etwas anzunehmen, den ich als nicht authentisch erlebe. Jeder Mensch spürt instinktiv, ob etwas authentisch ist. Und jeder weiß, wohin und wie weit man ihn begleiten kann. Daher hat jeder Lehrer irgendwo seine Berechtigung.

Warum ist Ashtanga für dich die richtige Wahl?
Ich denke, 95% aller Menschen sollten Ashtanga üben. Du willst ja kein besserer Yogi, sondern ein besserer Mensch werden und ich denke, Ashtanga macht dich zu einem besseren Menschen. Du kannst 15 Jahre lang in der ersten Serie bleiben, aber die Demut die du lernst, bekommst du nur hier. Was sehr meinem Wesen entspricht, ist die Stille während der Praxis. Da gibt es keine Musik und keinen, der dir etwas vorsagt. Nur deinen Atem. Und du musst immer wieder in die Haltungen gehen, die dir schwer fallen. Da kommen natürlich einige Themen hoch, die du nicht verdaut hast. Wenn du das durchziehst, wirst du irgendwie freier.

Spannend, dass dir Disziplin schon seit deiner Kindheit vertraut ist – du hast schon früh mit Kampfsport begonnen – und du gleichzeitig so stark für Freiheit plädierst.
Es ist eine höhere Disziplin, frei zu sein, als sich zu unterjochen. Es ist so simpel. Alle Probleme sind ganz einfach zu lösen. Du bist hungrig? Iss. Du bist mies gelaunt? Hör auf damit. Du willst was sehen von der Welt? Kündige deinen Job und geh auf Reisen. Was ist das Schlimmste, das dir passieren kann? Das Letzte, was das Universum will, ist, dir Steine in den Weg zu legen. Alles ist im Fluss. Das Universum hat nichts davon, wenn du unglücklich in der Ecke sitzt und dich fragst, warum du hier in München lebst. Mit der Freiheit und Disziplin halte ich es so: Ich bilde mir ein, ich bin ein absolut freier Mensch, aber ich halte mich an die Moon Days, die Sechs-Tage-Praxis. Ein Maler kann nicht auf einer unendlichen Leinwand malen, er braucht den Rahmen, um Freiheit zu haben.

Binh-3Über deine Kenntnis des Schamanismus konntest du auf deinen Reisen auch Erfahrung mit Ayahuasca sammeln. In Deutschland ist die Substanz wegen ihrer halluzinogenen Wirkung illegal. Magst du von deinen Erlebnissen erzählen?
In Holland, Spanien oder Tschechien ist Ayahuasca in einem legalen Vakuum, daher nehme ich dort an derartigen Zeremonien teil. In ganz Südamerika ist es legal. Vor sieben Jahren habe ich das erste Mal eine Reise mit Ayahuasca erlebt und es war wunderschön. Wenn es so etwas wie Erleuchtung gibt, dann habe ich das in meiner Vorstellung erlebt. Danach war alles wieder farblos, emotional. Ayahuasca zeigt dir deine Wirklichkeit, deine Verantwortung. Alles, was ist, wie du dich fühlst, deine Umwelt, deine Freude – alles ist deine Kreation. Das bedeutet, du trägst die volle Verantwortung für das, was du machst. Ayahuasca hilft dir dabei, deine alten Konflikte zu lösen – seien das nun Kindheitstraumata, Blockaden oder aktuelle Themen. Und das macht es geschickt: indem es dich in die Situation zurückversetzt, in der dir vielleicht etwas nicht sehr Schönes widerfahren ist, kannst du diesen Moment mit deinem momentanen Bewusstsein neu erleben und auflösen. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass viele Menschen Angst davor haben, glücklich zu sein. Es ist immer leichter zu jammern, als seines eigenen Glückes Schmied zu werden. Aber du kannst immer wählen.

Was genau ist Ayahuasca?
Ayahuasca wird als Getränk gereicht, das aus zwei Pflanzenteilen besteht: einmal aus der Liane und aus dem Blatt. Man muss bei der Herstellung auf sehr viele verschiedene Faktoren achten. Etwa, welche Art der Pflanze gewählt wird, in welcher Umgebung die Liane gewachsen ist, wer die Pflanze erntet, wie lange sie gebraut wird. Nicht zuletzt, ob dazu Ikaros, also Mantras, gesungen werden. Das Getränk kann bis zu 12 Stunden gebraut werden, dazu wird gesungen und somit eine ganz spezielle Energie in die Flüssigkeit geladen. Dann kommt es bei der Zeremonie wiederum auf den Schamanen an, die Musikauswahl und vielleicht sogar die Teilnehmer. Was die Pflanze macht, ohne etwas dafür zu verlangen, ist einfach nur ein Geschenk.

Du promotest Ayahuasca ja schon ziemlich…
Das stimmt und ich gehe davon aus, dass die Polizei demnächst an meine Türe klopft (lacht), aber ich handle nicht damit, ich biete es nicht an, ich gebe nur zu: Ich habe es gemacht. Und was ich mache, ist meine Angelegenheit. Aber ich möchte auch, dass ich in diesem Interview unverfälscht sprechen kann. Wenn ich dafür einstehen muss, weil ich Ayahuasca promote, dann soll es so sein. Jede Pflanze ist in ihrer Reinheit ein hilfreicher Lehrer für eine bestimmte Phase. Bei Cannabis ist es genauso: Es kann vielen Menschen helfen, die wissen, worum es ihnen dabei geht. Aber die westliche Welt verbietet es uns, weil sie so eine Angst hat vor freien Menschen. Und natürlich sind auch die Lobbyisten dagegen – da ist kein Geld dahinter (lacht).

Du reist viel herum. Man sagt, dass das Reisen auch eine Suche im Außen ist.
Mein Astrologe hat mir gesagt, dass das Reisen das Fehlen von Heimat ist und aus einem Gefühl von Nicht-Erwünscht-Sein herrührt. Als sei meine Persönlichkeit hier nicht erwünscht und ich müsste reisen, um woanders einen Stamm zu finden. Es kommt wohl daher, dass meine Eltern kein Kind haben wollten und dann nur ein Mädchen. Anscheinend hat es bis zu meinem 30. Lebensjahr gedauert, bis meine Mutter damit klar kam. Mein Drang zu reisen hat sich mittlerweile ein wenig aufgelöst. Ich suche auch nicht mehr. Denn Menschen brauchen einen Stamm, gleich einem Zusammenleben in einem kleinen Dörfchen. Hier bist du oft völlig auf dich alleine gestellt.

Jetzt lebst du aber in einer Beziehung.
Nachdem ich jetzt die letzten vier Jahre in allen Ecken der Welt unterwegs war und meinen Stamm nicht gefunden habe, gründe ich jetzt meinen eigenen Stamm – Stichwort Eigenverantwortung (lacht).

Wohin führt dich deine nächste Reise?
Erst einmal werde ich in München ein paar Workshops geben und unter anderem bei den Schlierseer Yogatagen unterrichten. Im September halte ich sieben Tage lang ein Ashtanga „Awareness“ Retreat in Bayern. Dann geht’s nach Bali zum Surfen und Unterrichten und über den Winter nach Indien.

Und was ist dein Ziel?
Wenn ich reise, reise ich immer in den Dschungel. Ich fühle mich der Vegetation des Dschungels eher verbunden als der der europäischen Wälder. Das liegt vielleicht auch daran, dass mein Krafttier ein Jaguar ist. Jedes Tier ist in seiner Form so wunderbar, weil es nicht denkt, etwas anderes sein zu müssen. Und hier bist du auf der Welt und denkst, du musst etwas anderes sein als dein wirkliches Wesen. Ein Jaguar denkt nie daran, ein Hase zu werden. Meine Vision ist es, Menschen zu helfen, dass sie endlich aufwachen. Viele Menschen haben alle Hoffnung verloren und vielen gefällt ihr Leben ja auch so. Wofür auch immer sie sich entschieden haben: Ich möchte, dass sie ihre Entscheidung frei gewählt haben. Beim Ashtanga Yoga gilt genau das gleiche: Wie weit du in der Stunde gehst, liegt ganz bei dir. Aber wo ist der Sinn, wenn du nicht deine Grenze erreichst? Du kannst neue Grenzen nicht erschließen, wenn du nicht weitergehst. Ich kann nur von mir sprechen: Mir reicht der Durchschnitt nicht. Ich möchte Freude erleben, den größten Schmerz, die größte Heilung. Die Welt braucht Menschen, die freier sind. Die bereit sind, für ihre Freiheit alles zu geben. Alles andere ist lediglich ein Existieren.

 

Bin Le unterrichtet als Ashtanga Lehrer auf Retreats, Workshops und Festivals.

Etikette: Reden im Yoga-Unterricht

Das Imperium schweigt zurück

Über das Reden in der Yogastunde und wie das Gegenteil uns richtig verbinden kann.

Ich gehe jede Woche ins Kino. Einerseits, weil Mr. Hicks und ich berufsbedingt immer auf dem Laufenden sein wollen, was da auf den Leinwänden so vor sich geht. Aber natürlich auch, weil es nichts Schöneres gibt, als sich in einen Sessel zu kuscheln und gemeinsam mit 150 Menschen eine Geschichte zu erleben und mitzufiebern. Man teilt die ganze Gefühlspalette von Freud bis Leid, ohne sich überhaupt sehen zu können, und ist für zwei Stunden Teil einer emotionalen, aufmerksamen und dabei doch komplett anonymen Masse. Leider hab ich als ewiger Deppenmagnet immer das Pech, eines dieser Exemplare neben mir sitzen zu haben, die denken, sie müssten der ganzen Welt kundtun, dass sie einen Mini-Joke kapiert haben, und lauthals losröhren. Sogar in wirklich traurigen Szenen, in denen ich möglichst lautlos von Weinkrämpfen geschüttelt werde, wird munter reingeplappert, nur um zu zeigen, dass man selber sich nicht einfangen lässt und alles schon längst durchschaut hat. He, Moment mal! Das erinnert mich doch an… an… na klar: an eine Yogastunde.

Auch hier gibt es diese Momente, in denen alles eigentlich gerade wunderbar läuft: Die Klasse hat sich warmgemacht und ist jetzt gemeinsam im Flow. Man bewegt sich zusammen und atmet zusammen. Aus unterschiedlichen Charakteren ist in diesem Augenblick ein einziger glücklich schwitzender Haufen geworden, der sich gerade kollektiv in Brezelform aufbiegt. Was für ein magischer Moment! Und dann plötzlich, auf der Nebenmatte, passiert das Schreckliche: Jemand. Sagt. Etwas. Gar nicht mal unlustig, der Kommentar, und ich muss selber lachen, so gut es eben geht in einer dramatischen Rückbeuge. Aber es ist geschehen und der Moment ist zerstört: Die Masse löst sich sofort wieder auf in ihre Einzelbestandteile. Wie ein heimliches Liebespaar, das man beim Händchenhalten erwischt hat, ziehen wir die Verbindungen zwischen uns zurück. Und man steht wieder alleine da, etwas verlegen, weil was macht man eigentlich hier, wie sieht denn das aus und puh, ist das anstrengend. Alles, wodurch uns das Gemeinschaftliche getragen hat, ist auf einmal doppelt so schwer. Und alles nur, weil jemand Angst davor hatte, sich aufzulösen und eins zu werden mit uns, dem zufriedenen, stummen Yogabündel, klebrig und warm wie ein Hefeteig und leider genauso sensibel.

Dabei ist Nicht-Reden doch so wichtig: „Mauna“ wird die spirituelle Praxis des Schweigens genannt und soll den ewig plappernden Geist ruhig werden lassen. Vermieden wird dadurch zum Beispiel, dass wir unbedacht in Angeberei, Tratsch und Klatsch, Lästerei oder Beschimpfungen verfallen. Aber es hilft uns auch, uns nach innen zu wenden und bewusster zu handeln. Nicht-Reden heißt aber nicht zwingend Nicht-Kommunizieren! In der Yogastunde gibt es keine Sekunde, in denen man die anderen nicht wahrnimmt. Da wird geraschelt, gezittert und geseufzt wie bei dem letzten Teil der „Twilight“-Saga, manchmal treffen sich Blicke und man lächelt sich zu. Und im Kino und in der Yogastunde ist es nicht wichtig, wie schlau und wie schlagfertig wir als individuelle Persönlichkeiten sind. Hier muss man nicht die ganze Zeit beweisen, wie geistreich man ist. Es reicht, wenn man offen und aufnahmefähig ist, sowie im Idealfall noch die Fähigkeit zum Ein- und Ausatmen mitbringt. Oder noch einfacher: Es reicht, wenn man ganz einfach nur da ist. Denn Reden ist am Ende des Tages eben doch nur Silber. Und Schweigen ein echter Blockbuster.

Illustration: Carla Schostek

Annalena Hicks lebt und arbeitet als Texterin in Berlin.

Mit Eleganz auf der Matte

Balett Dehnung Yoga zwei Frauen
Foto von Anna Shvets von Pexels

Zum Tanzen muss man nicht aufs Wochenende warten. Statt sich von Schwierigkeiten paralysieren zu lassen, ist die beste Methode: den Rhythmus mit ihnen finden. Man darf sich dabei auch Zeit lassen.

Vielleicht können die Götter sich eine Gewisse Coolness leichter leisten als wir. Wenn wir aber davon ausgehen, dass all die bunten Göttergeschichten nur erzählt worden sind, um uns daran zu erinnern, welche Kräfte in uns selbst schlummern, dann können wir eigentlich anfangen, genauso elegant und großzügig durchs Leben zu gehen.

In der Harivamsa Purana gibt es viele schöne Geschichten aus Krishnas Jugend. Man kann sich da einen wetterharten Teenager vorstellen, der heute vielleicht Freeclimber oder Surfer wäre. Beim Spielen mit seinen Kumpels war ihnen einmal ihr Ball ins Wasser gefallen. Und zwar ausgerechnet an der Stelle des Flusses Yamuna, wo die schreckliche Schlange Kaliya hauste. Das Wasser dort war undurchdringbar tief und dunkel; giftige, stechende Dämpfe stiegen auf und kein friedliches Lebewesen konnte hier mehr existieren. Trotzdem kletterte Krishna auf einen Baum – und auch dieser konnte hier nur blühen, weil Krishna ihn gerade berührt hatte – und sprang in die dunklen Fluten.

Ob bei Grimms Märchen oder in den alten Göttergeschichten: Dunkle Seen sind oft ein Zeichen für die Tiefen unserer eigenen Seele. Krishna wurde natürlich gleich von Kaliya angegriffen, die sich mit ihrer ganzen Länge um ihn wand, und mit ihren vielen Köpfen ätzendes Gift auf ihn spuckte. Er wehrte sich aber zunächst nicht einmal. Stattdessen ließ er die Schlange all ihr Gift auf ihn speien. Erst als er bemerkte, dass seine Freunde am Ufer sich Sorgen um ihn machten, begann er, sich langsam aus Kaliyas Umklammerung zu lösen. Er hüpfte nach oben, landete auf ihrem Kopf und begann darauf zu tanzen. Aus dem Drama des Streits machte er ein ästhetisch anmutendes Ballett. Die Wellen klatschten im Einklang mit seinem Rhythmus an den Strand und boten musikalische Untermalung. Von all dem wurde das Monster allmählich müde. Und es gab schließlich selbst den Kampf auf.

Wenn wir unsere Yogamatte ausrollen, tun wir gut daran, etwas von der Eleganz Krishnas in unsere Praxis hineinzunehmen. Und auch von seiner Geduld. Da wir nicht als Götter anfangen, machen wir manchmal keine gute Figur, wenn wir uns in die Asanas hineinkämpfen wollen. Dann ist es gut, so wie Krishna erst ein wenig zu warten und den Spannungen Raum zu lassen, so wie die Schlange erst all ihr Gift verspritzen durfte. Bei wacher und bewusster Atmung kann dann auch in einfachen Haltungen das tiefere Bindegewebe angesprochen werden und neue Bahnen des Energieflusses öffnen sich.

Genauso gilt bei der Auseinandersetzung mit den Schlangen in unserer Seele, sich nicht von Anfang an gegen sie zu stemmen, sondern manchmal erst etwas Zeit verstreichen zu lassen, bis sie ihr Gift von selber verbraucht haben. Das geschieht, indem wir sie als das erkennen, was sie sind. Krishna hatte gesehen, dass die Schlange nicht von Natur aus böse war. Und als das Monster ängstlich fragte, ob er es nun töten würde, lachte er nur und bat es, in Zukunft die Gewässer nicht mehr zu vergiften, sondern seine Schlangenkräfte besser zu nutzen.

In gleicher Weise brauchen auch wir uns nicht ständig zu fragen, was mit uns falsch ist. Die Zeit auf Matte und Meditationskissen muss nicht ausschließlich dazu verwendet werden, uns zu verbessern. Vielleicht nutzen wir sie auch einfach mal nur dazu, uns selbst als diesen zutiefst lebendigen und äußerst humorvollen Gott zu erkennen. Dann tanzen wir geduldig und elegant mit allem was das Leben für uns bereithält.

Abhijata Sridhar Iyengar im Interview: Des Meisters Enkelin

Abhijata Sridhar Iyengar, 30, die Enkelin von B. K. S. Iyengar, ist auf dem besten Weg, in die Fußstapfen ihres berühmten Großvaters zu treten, der sie seit ihrer Jugend unterrichtet. Sie lehrt am RIMYI (Ramamani Iyengar Memorial Yoga Institute) in Pune und begleitete ihre Tante Geeta Iyengar in den letzten Jahren regelmäßig als Assistentin zu internationalen Conventions.

YOGA JOURNAL: Sie haben während der Convention 300 Übende gleichzeitig unterrichtet, unaufgeregt und hoch konzentriert. Woher nehmen Sie diese Sicherheit?
ABHIJATA SRIDHAR IYENGAR: Ich lebe in Pune und lerne von Guruji persönlich. Es gibt nichts Größeres.

Wenn Sie von Ihrem Großvater sprechen, nennen Sie ihn „Guruji“.
Ich beziehe mich auf diesen Begriff, weil ihn die Leute verstehen. Ich selbst nenne ihn nicht Guruji, sondern Tata. Das ist der tamilische Begriff für Großvater.

Wie ist Ihre Beziehung zu ihm?
Er ist mein Großvater. Doch wenn er unterrichtet, glaube ich nicht, dass er in dieser Situation seine Enkelin in mir sieht. Jedenfalls sagt er anderen: Sie ist nicht meine Enkeltochter, wenn ich sie unterrichte. Und er betont, dass er nicht nachsichtiger mit mir umgeht als mit anderen Schülern. Wenn er mich unterrichtet, dann ist unsere Beziehung die zwischen Lehrer und Schülerin, zwischen Guru und Shishya. Nichts anderes.

Und dennoch unterscheidet sie sich von anderen Lehrer-Schüler- Beziehungen …
Das ist richtig. Ich bin glücklich darüber, in diese Familie hineingeboren zu sein. Seit ich denken kann, bin ich in den Händen von Guruji. Das ist ein besonderes Band. Doch glaube ich, dass viele von Gurujis Schülerinnen und Schülern, Seniors, die lange mit ihm zusammenarbeiten, diese besondere Verbindung ebenfalls empfinden.

Abhijata Sridhar Iyengar
Abhijata Sridhar Iyengar – Foto: Irene Nießen

Wann haben Sie mit Yoga begonnen?
Ich wurde zwar in Pune geboren, habe aber bis zum Jahr 2000 in Chennai in Tamil Nadu gelebt. Mit 17 bin ich nach Pune zurückgezogen, um meinen College-Abschluss zu machen. Gleichzeitig habe ich begonnen, ernsthaft am Yogaunterricht teilzunehmen. Bis dahin hatte ich wenig Ahnung von der Praxis. Zwar hatte ich immer Gurujis „Licht auf Yoga“ dabei, und wenn ich ein bisschen üben wollte, was nicht besonders oft vorkam, habe ich das Buch vor mich hingelegt, die Fotos angeschaut und versucht, die Haltungen nachzuahmen. Aber um ehrlich zu sein, habe ich sehr selten hineingeschaut, eigentlich erst während meiner Examenszeit. Damals habe ich mich an den Wirkungen der einzelnen Asanas orientiert und mir diejenigen herausgesucht, die ich in meiner Situation brauchen konnte. Ich habe zum Beispiel überlegt: Welche Übungen sind gut, um einen klaren Kopf zu bekommen? Mit welchen kann ich mich beruhigen?

Wann haben Sie Feuer gefangen?
Die ersten fünf Jahre bin ich regelmäßig in den Unterricht gegangen und habe hauptsächlich von meiner Tante Geeta und meinem Onkel Prashant gelernt, da Guruji seit 2000 keine General Classes mehr unterrichtet. Nachdem ich 2005 mein Studium der Zoologie und Bioinformatik beendet hatte, stand ich vor der Wahl: entweder weiter zu studieren und meinen Doktor zu machen, was nochmals sechs Jahre knallhartes Studium bedeutet hätte, oder Yoga zu machen. Beim Studium hätte ich nicht einmal mehr Zeit gehabt, die General Classes zu besuchen. Yoga aber wollte ich nicht mehr aufgeben. Ich wollte im Institut sein. Also habe ich mich entschlossen, erst mal eine Pause einzulegen und so viel Zeit wie nur möglich im Institut zu verbringen. Und nach einem Jahr zu schauen, wie es mir damit geht.

Und was ist aus dem Jahr geworden?
Noch ein Jahr und noch ein Jahr und noch ein Jahr. Die Frage „Studium oder Yoga?“ hatte sich damit erledigt. (lacht)

Sieben Jahre später leiten Sie die größte Iyengar-Yoga-Veranstaltung in Deutschland. So etwas nennt man wohl „Karriere machen“?
Von außen betrachtet ist es eine große Sache, verbunden mit der großen Verantwortung, so vielen Menschen etwas zu vermitteln. Sie kommen ja, weil sie wissen, das Gurujis Enkelin unterrichtet, die wiederum direkt aus der Quelle in Pune schöpft. Das ist das eine. Das andere ist: Das, was ich von diesen drei Menschen in Pune empfange [Anm. d. Red.: Guruji, Geeta und Prashant], ist so umfangreich, so besonders, so genuin, dass mein Unterricht einfach ein Weitergeben dieses Wissens ist. Es geschieht automatisch.

Empfinden Sie bei all dem eine Art von Druck, bestimmten Erwartungen zu genügen?
Ich möchte diese Frage nicht herunterspielen, aber ich empfinde keinen Druck. Sicher wäre es mir vor vier Jahren noch anders gegangen. Doch nach all dem Lernen, dem Üben in Pune, spüre ich keinen Druck.

Iyengar Yoga zeichnet sich durch Exaktheit und Tiefe aus. Ist diese Form des Yoga „massentauglich“?
Guruji sagt immer: Yoga ist für alle da. Als er in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Yoga begann, war Yoga nicht anerkannt. Weder in Indien, noch anderswo. Guruji musste also ganz unten anfangen, musste die Menschen an das Thema heranführen, sie dafür interessieren, sie schließlich dafür gewinnen. Das war ein langer und steiniger Weg. Heute ist Yoga weltweit eine verbindende Kraft geworden. Yoga ist wie eine Sprache, die jeder verstehen kann. Yoga macht das Leben leichter, besser.

Das Besondere am Iyengar Yoga ist unter anderem die Verwendung von Hilfsmitteln, sogenannten Props. Das sind Klötze, Polster, Decken, Seile, Stühle, um nur die wichtigsten zu nennen.
Das absolut Wichtigste haben Sie vergessen: den eigenen Körper. „Body is my first prop.“ Dieses wunderbare Statement von Guruji zeugt von tiefer Weisheit. Das Leben stellt uns in eine Zeit und an einen Ort und wir müssen das Beste daraus machen. Unser Körper ist unser Instrument, wir sind damit geboren. Alles andere haben wir uns später angeeignet. Aber unseren Körper, den besitzen wir von Anfang an. Mit ihm können wir arbeiten. Im Yoga lernen wir, wie wir unseren Körper benutzen können, jeder für sich und auf seine Art. Denn jeder Körper ist anders. Wir brauchen also gar nicht erst anfangen, uns zu vergleichen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Lerne, mit deinem Körper zu arbeiten, einen anderen hast du nicht.

Bedeutet dies, dass wir uns nur auf den physischen Körper beziehen?
Jeder kommt zum Yoga mit dem Wunsch, Gesundheit zu erlangen. Körperliche Gesundheit, seelische bzw. geistige Gesundheit. Ganz gleich, aus welchem Grund du zum Yoga kommst, sagt Guruji, fang an. Fang einfach an. Und du wirst realisieren, welche Fülle es dir geben kann. Denn, so Guruji, Gesundheit ist nicht einfach Gesundheit. Es ist körperliche Gesundheit, physiologische, mentale, psychische, intellektuelle und emotionale Gesundheit, es ist Gesundheit des Bewusstseins, Gesundheit des Gewissens, spirituelle Gesundheit. Am Ende erlangst du göttliche Gesundheit. Aber du musst anfangen.

In Bezug auf B. K. S. Iyengar sprechen Sie immer auch von „beauty of the pose“. Was genau drückt sich darin aus?
Die Schönheit, die ich meine, geht weit über das hinaus, was wir als einen flexiblen, gelenkigen Körper bezeichnen. Gurujis Asanas sehen wunderschön aus, kunstvoll, anmutig. Wenn der Geist mit jedem Teil des Körpers verbunden ist, fließt Energie. Das ist es, was Schönheit erstrahlen lässt. Wenn der Geist und die Intelligenz nicht mit dem Körper verbunden sind, kann der Körper das innere Licht nicht ausstrahlen. Es geht um Ausstrahlung, im reinsten Sinn des Wortes.

Kommen wir zu einem Begriff, den man sofort mit Yoga assoziiert: Guru. Was verstehen Sie darunter?
Ein Guru ist jemand, den du vollkommen akzeptierst. Ohne jede Berechnung, Erwartung, Vorurteil, ohne Angst, ohne jeden Widerwillen. Dem du dich bedingungslos hingibst.

Das setzt großes Vertrauen auf Schülerseite, große Verantwortung auf Lehrerseite voraus.
Absolut. Und in diesem Sinne ist Guruji für mich ein Guru. In dessen Gegenwart mein Ego gar nicht hochkommt. Und mit Ego meine ich nicht die landläufige Bedeutung von Hochmut oder Arroganz. Sondern ich spreche von Identität. Wenn ich mit Guruji übe, wenn er mich unterrichtet, und wenn manchmal unglaublich wunderbare Dinge in meiner Yogapraxis geschehen, habe ich nicht das Gefühl, dass ich sie getan habe.

Fühlen Sie sich abhängig?
Oh, jetzt muss ich überlegen. Ich bin unabhängig. Und ich bin sehr verbunden.

Wie empfinden Sie Ihre Unabhängigkeit? Sehen Sie sich als Botin?
Ich fühle mich unabhängig in dem Sinne, dass ich hier bin, um zu unterrichten und nicht, um Gurujis Teachings zu überbringen. Ich habe gar nicht dieses Kaliber, diese Qualifikation. Er gibt mir so viel, dass ich unmöglich das Gleiche weitergeben könnte. Da würde zwischendurch einiges verloren gehen. Insofern bin ich auch keine Botin. Sondern ich gebe weiter, was ich von ihm gelernt, was ich aufgesogen habe. Das sind nur einige Tropfen aus dem Ozean seines immensen Wissens.

Für Übende sind diese wenigen Tropfen bereits sehr viel.
Dann können sie ermessen, wie groß der Ozean ist.

Wie sieht Ihr normales Leben aus?
Zugegeben, ich verbringe sehr viele Stunden im Institut. Aber ich bin ein normaler Mensch, der Freunde hat, ausgeht. Seit letztem Jahr bin ich verheiratet.

Macht Ihr Mann auch Yoga?
Er lernt noch. Bevor er mich kannte, hatte er keine Verbindung zu Yoga.

Seit wann reisen Sie in „yogischer Mission“ durch Europa?
Vor drei Jahren habe ich meine Tante Geeta Iyengar zur Yoga Convention nach Köln begleitet, als Assistentin. Das war meine erste Reise nach Deutschland. Ich war inzwischen in England, habe letztes Jahr auf der Convention in Frankreich un- terrichtet und in diesem Jahr in Spanien, Belgien und Deutschland.

Was bedeutet es, den Namen Iyengar zu tragen? Sind Sie stolz darauf?
Stolz ist man auf etwas, das man erreicht hat. Insofern passt dieser Begriff hier nicht. Ich habe nichts dafür getan, in diese Familie hineingeboren zu sein. Für mich ist es ein Segen. Ich bin glücklich darüber.

Was ist mit den anderen Enkelkindern?
Guruji hat noch vier Enkelsöhne. Sie nehmen am Unterricht teil, unterrichten aber selbst nicht. Ich bin die Einzige, die unterrichtet.

Ist Iyengar Yoga so eine Art Familienangelegenheit?
Das klingt irgendwie negativ. Ich gehöre zwar zur Familie, aber es gibt so viele andere Menschen, die schon mit Guruji arbeiteten, noch ehe ich überhaupt geboren wurde und die keine Familienmitglieder sind, so dass man nicht von einer Familienangelegenheit sprechen kann.

Iyengar Yoga ist bekannt für seine strikte Zertifizierung. Welches Zertifikat haben Sie?
Keines. Guruji sagt, dass er kein Zertifikat hat. Und Geeta und Prashant sagen das Gleiche: dass sie keines haben. Das sagen sie nicht, um sich zu beschweren, sondern einfach, um auszudrücken, dass es nicht in erster Linie um das Zertifikat geht. Ich habe lediglich Gurujis Erlaubnis, zu unterrichten. Er hat mich hierher geschickt.

Betrachten Sie sich als Yogalehrerin?
Eher würde ich sagen: Ich unterrichte Yoga. Wenn ich mich als Yogalehrerin bezeichne, liegt der Fokus auf Lehrerin. Wenn ich sage, ich unterrichte Yoga, liegt der Fokus auf Yoga. Wäre ich in der IT-Branche, würde ich mich als Softwareentwicklerin bezeichnen. Doch in Bezug auf Yoga, wo ich zum einen mit meinem eigenen Körper und Geist und zum anderen mit dem Körper und Geist von anderen zu tun habe, denke ich, dass meine Identität nicht das Wichtigste ist. Ich habe darüber aber noch gar nicht nachgedacht.

Wer kann zu Ihnen nach Pune kommen?
Weil der Platz im Institut begrenzt ist, haben wir ein System entwickelt, nach dem die Anmeldungen erfolgen. Dazu gehört als Voraussetzung, mindestens acht Jahre Iyengar Yoga zu praktizieren. Dazu gehört eine Empfehlung des örtlichen Lehrers. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kommt man auf die Warteliste und wird schließlich für vier oder acht Wochen zugelassen.

Gibt es für Sie eine Art Yoga-Botschaft?
Was ich sehr stark empfinde: Jeder von uns, der Zeit und Raum mit Guruji teilen darf, kann sich überaus glücklich schätzen. In Gurujis Zeitalter zu leben, in seiner Gegenwart zu sein, ist ein großer Segen.

Eine letzte Frage: Was bedeutet der Name Abhijata?
Guruji hat diesen Namen ausgewählt. Er stammt aus dem Sanskrit und taucht im Yoga-Sutra 1.41 von Patanjali auf. Seine Bedeutung ist: „pure transparent jewel“. Von edler Herkunft.

Täglich Energie tanken mit Shiva Rea

Es ist gar nicht so leicht, die tägliche Dosis Asanas in den Alltag zu integrieren. Shiva Rea, die Gründerin des Prana-Flow-Yogastils, sieht sich als Mutter oft selbst mit dieser Herausforderung konfrontiert: „Mein Leben ist unvorhersehbar, deshalb muss ich flexibel sein. Jeden Tag zwanzig Minuten Yoga sind aber definitiv machbar und besser für den gesamten Organismus als hin und wieder eine lange Sequenz zu praktizieren. Wenn Sie einmal in Übung sind, werden Sie überrascht sein, wie viel in zwanzig Minuten passieren kann.“ Nun hat Shiva ein neues DVD-Programm mit sieben zwanzigminütigen Yogasequenzen entwickelt, die jeweils auf den sieben Chakren und fünf Elementen beruhen und dem energetischen Spektrum unseres Energielevels entsprechen. Die Sequenzen haben einen lunaren Schwerpunkt zum Entspannen und einen solaren zum Energetisieren. Über das Bedienfeld „Yogamatrix“ können Sie sich individuell längere Kombinationen zusammenstellen.

FAZIT// Praktisch und effektiv, aber eher für den erfahrenen Übenden geeignet.

„Tägliche Energie – Vinyasa Flow Yoga mit Shiva Rea“ (Acacia, ca 19 Euro).

Yoga-Studium an einer indischen Universität

Auszeit in Haridwar

Im Nachhinein fällt es mir schwer, den Zeitpunkt festzulegen, an dem sich mein Leben veränderte: War es in diesem Sushi-Restaurant in Toulouse, in dem ich mit einer Freundin darüber sprach, dass ich reif sei für etwas Neues? Oder mein Urlaub in Israel? In den letzten Jahren war eine treibende Kraft der Veränderung meine Yogapraxis. Sie führte schließlich zu dem Entschluss, eine längere berufliche Pause einzulegen, um Yoga in seinem Heimatland zu erleben.

Indien, der SubkontInent der Extreme – so viele Gerüche, Farben, Menschen. Beeindruckende Natur und Umweltverschmutzung, Armut und Reichtum. Das Land meines Vaters und seiner Familie. Und die Geburtsstätte des Yoga, der Veden und der zwei großen Weltreligionen Hinduismus und Buddhismus. Bewaffnet mit einem „Lonely Planet India“-Reiseführer – der größten und schwersten Ausgabe der „Lonely Planet“- Serie, die sich auf Reisen auch bestens als Yogablock bewährt hat – und einem Kopf voller Warnungen meiner deutschen Yogalehrer und Freunde, dass mich Yoga in Indien nur enttäuschen würde, machte ich mich auf den Weg nach Rishikesh. Diese kleine Stadt im Norden des Landes dürfte wohl jedem westlichen Yoga-Übenden ein Begriff sein: Dort haben schon die Beatles mit Erleuchtungsmethoden experimentiert und viele westliche Yogaschulen bieten Reisen dorthin an, um im Schatten des Himalaya am Ufer des mächtigen Ganges yogische Ursprünglichkeit zu erleben. Meine indische Cousine wollte mir vor Ort bei der Suche nach einer passenden Yogaschule helfen – obwohl sie offensichtlich sehr skeptisch war. Nirgends würden sich mehr kiffende Möchtegern-Gurus rumtreiben als hier, so ihre besorgte Warnung.

Ich hatte mir jedoch in den Kopf gesetzt, es in Rishikesh zu versuchen. Und tatsächlich verbrachten wir zwei Tage an diesem kuriosen Ort und klapperten die Ashrams und Yogaschulen auf meiner Liste ab, die ich schon Monate zuvor mittels stundenlanger Internet-Recherche erstellt hatte. Rishikesh ist überlaufen von westlichen Yogis, Backpackern, Aussteigern und jungen Israelis, die nach Ableistung ihres Militärdienstes herkommen. Ich hatte vor, mindestens drei Monate intensiv Yoga zu studieren und zu üben, und dabei war es mir sehr wichtig, nicht in eine mit Ritualen überladene, sektenähnliche Gemeinschaft hineinzugeraten, in die ich als christlich erzogene und selbständige Frau ohnehin nicht passen würde. Aber nichts konnte meine Sehnsucht nach einem Ort, an dem Yoga in seiner Ursprünglichkeit und Einfachheit gelebt wird, wirklich befriedigen. Nachdem wir die letzte Adresse auf meiner Liste abgehakt hatten, sank meine Hoffnung, doch noch etwas Außergewöhnliches zu finden, beinahe auf den Nullpunkt.

Ein bewusstes und achtsames Leben lehrt uns allerdings, dass es keine Zufälle gibt. Und so war es schließlich unser geduldiger Fahrer, der uns am Ende unserer zweitägigen Tour durch Rishikesh fragte, warum wir eigentlich noch nicht in Shantikunj gewesen wären – wo wir doch einen Ort suchten, an dem Yoga und Spiritualität gelebt und gelehrt werden. Auf seinen Rat hin verließen wir Rishikesh in Richtung Haridwar, irgendwo auf der einzigen Verbindungsstraße zwischen den zwei Städten bog unser Fahrer ab und brachte uns nach Shantikunj. Da standen wir nun – und waren sprachlos. In dem riesigen Ashram mit dem schönen Namen (Shantikunj heißt frei übersetzt „Garten des Friedens“) waren junge Frauen gerade damit beschäftigt, zur Vorbereitung auf ein großes Fest Rangoli aus buntem Sand auf den Boden des Hauptweges zu streuen. Nach einem ersten Rundgang wurden wir zum Campus der DSVV University geschickt, die nur ein paar Kilometer entfernt liegt und wie der Ashram zur Organisation All World Gayatri Parivar gehört.

Die Abkürzung DSVV steht für „Dev Sanskriti Vishwavidyalaya“ und heißt wörtlich übersetzt „heilige Kultur-Universität“. Sie wurde 2002 als Privatuniversität nach den Grundsätzen des traditionellen Gurukul-Systems, in dem Lehrer und Schüler zusammen leben und lernen, und der vedischen Lehren, wie sie vom Universitätsstifter Pt. Shriram Sharma Acharya gelehrt wurden, gegründet. Ohne langes Warten oder bürokratische Hürden wurden wir umgehend vom Direktor der School of Yoga and Health empfangen. Dr. Chinmay Pandya, Enkel von Gurudev und ausgebildeter Mediziner, hatte neun Jahre in einer leitenden Position in einem Londoner Krankenhaus gearbeitet, bevor er nach Indien zurückkehrte, um die Leitung der School of Yoga and Health und damit das administrative und spirituelle Erbe der Organisation zu übernehmen. Dr. Pandya nahm sich nicht nur Zeit für uns, sondern ermutigte mich in einem sehr persönlichen Gespräch, an die DSVV zu kommen – und gab mir schließlich das lang ersehnte Gefühl, den richtigen Ort für mein Vorhaben gefunden zu haben. Die DSVV liegt auf einem riesigen und wunderschön angelegten Campus von über 33 Hektar, unweit des Ganges und etwas außerhalb von Haridwar, eine der heiligsten Städte der Hindus. Haridwar ist eine der vier Städte, über die geschrieben steht, dass dort die Götter versehentlich einen Tropfen Amrit – das Elixier der Unsterblichkeit – verschüttet hätten. In der hinduistischen Vorstellung sorgt ein Bad im Ganges an dieser Stelle für die Erlösung vom ewigen Rad der Wiedergeburt. Im Winter kann es aufgrund der Nähe zum Himalaya durchaus sehr kalt werden, im Sommer sind Temperaturen von bis zu 40 Grad keine Seltenheit. Nur der Monsunregen erlöst zwischendurch von der lähmenden Hitze. Ich denke, dass es gut war, dass ich während des Monsuns auf dem Campus war: Trekkingtouren in die Berge sind während der sintflutartigen Regengüsse sehr gefährlich, häufig werden Straßen gesperrt und der öffentliche Verkehr bricht regelmäßig zusammen. Auf dem Campus empfand ich den warmen Regen als Segen und war froh, nicht auf den schlammigen Straßen oder in schimmeligen Hostels festzustecken. Stattdessen genoss ich die Mango-Saison – meine liebste Zeit in Indien – an der Uni und widmete mich ausschließlich meiner Yogapraxis und meinen Vorlesungen. Der weitläufige Campus bietet genügend Platz für die Unterkünfte der Studenten und etwa 320 Professoren und Mitarbeiter. Auf dem Campus befinden sich außer der Bibliothek und den Vorlesungsgebäuden die Holistic Health Clinic, eine Mango-Plantage, Kuhställe für die eigene Milch- und Butterherstellung, eine Garnspinnerei mit einer angrenzenden Stoff- und Teppichweberei, ein liebevoll gepflegter ayurvedischer Heilkräutergarten, eine Apotheke, ein Herstellungszentrum für ayurvedische Medizin, eine Grundschule und ein paar kleine Läden.

Der täglich unveränderte Tagesablauf ist derselbe wie in Shantikunj. Bereits um 4.30 Uhr erwacht der Campus zum Leben: Bevor um 6 Uhr der Unterricht beginnt, finden auf dem Gelände Yagya(Feuer)-Zeremonien, Mantra-Singen oder andere vedische Zeremonien statt. Tagsüber herrscht reges Treiben, bis zur 15-minütigen Nada-Yoga-Meditation um 18 Uhr am Shiva-Tempel, der sich im Zentrum des kreisförmig angelegten Campus befindet. Eine meiner schönsten Erinnerungen ist dieses einfache, tägliche Ritual und die wunderschöne Bambusflötenmusik, die per Lautsprecher über den gesamten Campus ertönt. Über alles und jeden legt sich eine unglaubliche Ruhe, wenn sich der Tag dem Ende zuneigt. Mein Studium dort war von Anfang an etwas wirklich Besonderes. Da ich mir drei Monate für dieses Projekt gegeben hatte, der kürzeste „Degree Course“ aber sechs Monate dauert, gab man mir die Freiheit, die Vorlesungen und Kurse aus allen Studiengängen herauszusuchen, in denen ich meine größten Wissenslücken sah. Auf diese Weise konnte ich mir meinen eigenen Studienplan zusammenstellen und die Schwerpunkte dort setzen, wo es für mich sinnvoll war.

Jeden Morgen um 6 Uhr hatte ich eine Asana-Klasse mit etwa 30 jungen indischen Studentinnen. Asanas werden in Indien üblicherweise getrennt nach Geschlechtern geübt und in meinen Stunden sollten wir so viel aneinander herumziehen, -zerren und -drücken, dass ich bald verstand, warum man in gleichgeschlechtlichen Gruppen unterrichtet wurde. Nach den ersten Minuten war klar, dass ich trotz jahrelanger Praxis verglichen mit diesen Gummi-Damen bestenfalls ein steifer Holzklotz war. Die Hoffnung, meine Asana-Technik zu vertiefen, die ich in diversen Workshops und Privatstunden in Deutschland erworben hatte, zerronn wie der Schweiß auf meiner Stirn. Bezeichnungen wie „Schlangenmenschen“ oder „Zirkusartisten“, aber auch die Warnungen meiner deutschen Lehrer kamen mir wieder in den Sinn. Zugegeben: Die Asana-Klassen waren in Bezug auf Flexibilität viel zu anspruchsvoll für mich. Aber was Technik, Atmung und Körperbewusstsein anging, fühlte ich mich unterfordert. Im Endeffekt holte ich mir das von den Stunden, was ich am meisten brauchte und das waren das schweißtreibende Dehnen meiner verkürzten Muskeln und das Eingeständnis an mein Ego, dass Yoga mindestens so viele gleichberechtigte Gesichter hat, wie Indien Menschen.

Als einzig anerkannte Universität in Indien hat sich die DSVV dazu verpflichtet, moralische Werte aus den Veden zu vermitteln. Dabei ließ sie sich von den Lehren und dem Leben Gurudevs inspirieren. Für mich bedeutete das eine komplett neue Welt und Herangehensweise an das Thema Yoga. In weiten Teilen Indiens sind die acht Stufen nach Patanjali jedem Kind bekannt und die zwei Grundpfeiler, die wir als Yama und Niyama kennen, gehören zum Leben und Alltag der Menschen. Ich fühle mich noch immer tief berührt davon, dass ich drei Monate lang dieser herausragenden Gruppe von Menschen angehören durfte, die so voller Leidenschaft für höhere Werte und Ziele und dem Drang nach Wissen und Bildung sind, und dennoch ein Leben in Einfachheit, Demut und Großzügigkeit führen. Von insgesamt etwa tausend Studenten, die dort verschiedene Studiengänge wie englische Literatur, Sanskrit, Informatik, Kommunikationswissenschaften und eben auch Yoga studieren, waren im Sommer 2011 lediglich acht ausländische Studenten eingeschrieben.

Die Universität hat sich in den letzten zehn Jahren im ganzen Land einen guten Ruf erarbeitet und namhafte Preise gewonnen. Entgegen der weitläufigen Meinung, dass in Bezug auf Bildung nur das überdurchschnittlich gut ist, was auch teuer ist, war es für mich anfangs schwer zu begreifen, dass die DSVV keine Studiengebühren verlangt. Indische Studenten erhalten die Ausbildung praktisch kostenfrei und ausländische Studenten müssen lediglich für Kost und Logis aufkommen, was in Indien außerhalb der internationalen Großstädte kaum mehr als ein Taschengeld für deutsche Verhältnisse bedeutet.

Diverse internationale Kooperationen mit ausländischen Universitäten, internationale Festivals und der langsam wachsende Bekanntheitsgrad der DSVV und AWGP im In- und Ausland wird mit den Jahren diesem Geheimtipp das Geheime nehmen.

Alles in allem war meine Zeit in Haridwar ein bereicherndes Erlebnis und eine Reise zu mir selbst, die ich nicht missen möchte. In drei Monaten konnte ich lediglich an der Oberfläche meiner Yoga-Studien kratzen, die mich mit Sicherheit mein Leben lang begleiten werden. Was ich jedoch in der Ruhe jener friedvollen Tage erkennen durfte, ist, dass die Schönheit und das Göttliche in unserem Leben nicht in den großen Entscheidungen zu finden sind, sondern in den kleinen und oft so unscheinbaren Handlungen des Alltags verborgen liegen.

 


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Tara lebt in München und unterrichtet seit 4 Jahren traditionelles Hatha Yoga; aktuell  im Yoga Atelier in Schwabing. Sie reist regelmäßig nach Indien, in das Heimatland ihres Vaters, um an der DSVV Universität in Haridwar Yoga und Vedanta zu studieren und dort angewandte vedische Kultur zu erleben.

Email: tara.yoga@gmx.net