Sri Dharma Mittra: „Roh zum inneren Glück“

Dharma Mittra ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Trotzdem übt und unterrichtet er nach wie vor Yoga. „Ein Yogi muss Vegetarier sein“, sagt er, „sonst gelangt er niemals zur Erleuchtung.“ Im Interview erklärt er, wie die Ernährung Körper und Geist beeinflusst.

YOGA JOURNAL: Dharma Mittra, Sie sind gerade 75 geworden. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Was hält Sie so jung?
DHARMA MITTRA: Wissen Sie, das meiste, worüber sich die Menschen freuen und worüber sie glücklich sind, kommt von außen: ein neues Auto, ein Telefon, eine schöne Frau, ein Universitätsabschluss, ein toller Job und so weiter. Darüber kann man sich freuen, wenn man jung ist. Aber wenn man älter wird, verlässt einen das alles wieder: Man kann seinen Führerschein verlieren, oder den Job, oder das Geld. Und wenn ich über die Straße gehe, dann drehen sich all die schönen Frauen nicht mehr nach mir um. All diese äußerlichen Dinge haben einen Anfang und ein Ende. Deshalb muss man das Glück in sich selbst suchen. Der erste Schritt zum inneren Glück ist Wissen – das Wissen darüber, wer man wirklich ist.

Und wie findet man das heraus?
Man muss den Körper kontrollieren und den Geist ­beruhigen. Erst mit einem ruhigen Geist findet man inneren Frieden. Und das geht nur, wenn man sich vegetarisch ernährt.

Sri Dharma MittraWarum muss ein Yogi Vegetarier sein?
Wenn man Fleisch isst, fügt man anderen Lebewesen Gewalt zu. Ich bin in einem Schlachthof aufgewachsen. Ich weiß sehr genau, was dort geschieht und was am Schluss alles in einem Würstchen landet. Wenn man Fleisch isst, setzt man einen Kreislauf in Gang: Man hat weniger Mitgefühl mit anderen Lebewesen und der Körper wird krank. Dadurch wird man unglücklich und hat noch weniger Mitgefühl mit anderen Lebewesen und es kommt zu noch mehr Gewalt. Gewalt verursacht immer neue Gewalt. Sie multipliziert sich. Wenn man aber Ahimsa [Gewaltlosigkeit, Anm. der Red.] praktiziert, passen sich auch alle anderen Verhaltensweisen an. Man entwickelt Mitgefühl. Man kann sich besser konzentrieren, der Körper ist gesund. Zu viel Fleisch und gekochtes Essen verursachen mentalen Stress und überanstrengen die Verdauung. So kommt der Geist nie zur Ruhe. Unser Mitgefühl muss über die eigenen Familie, die Freunde und die Haustiere hinausgehen. Dieses Mitgefühl muss die Kuh, das Schwein, den Fisch und das Huhn mit einschließen. Erst wenn wir gewillt sind, keine Tiere mehr zu essen, können wir zu uns selbst finden.

Genügt es, wenn man auf Fleisch verzichtet, oder empfehlen Sie eine vegane Ernährung?
Welche Nahrungsmittel wir zu uns nehmen, ist sehr wichtig. Aber man muss die Ernährung schrittweise umstellen. Zuerst verzichtet man auf Fleisch, behält jedoch Eier und Käse bei. Nach einer Weile verzichtet man auch auf die Eier, denn das sind ja eine Art Embryos. Wenn man dann mehr Kontrolle über seinen Körper und seinen Geist gewonnen hat und tiefer in die Kunst der Meditation und des Pranayama eintauchen möchte, dann muss man auch den Käse weglassen. Denn dafür muss der Geist in ein höheres Niveau aufsteigen und das geht nur dann, wenn man keine tierischen Produkte zu sich nimmt.

Wie sieht denn ihre Ernährung aus?
Ich esse fast ausschließlich Rohkost. Umso älter man wird, umso mehr fühlt man sich genau so, wie das, was man gegessen hat. Wenn man zu viele gekochte, gebratene und tote Nahrungsmittel zu sich nimmt, fühlt man sich gekocht, gebraten und tot. Wenn mein Körper doch nach etwas Gekochtem verlangt, dann esse ich schonend gedämpftes Gemüse mit Vollkornreis und ein bisschen Tahin [Sesampaste, Anm. der Redaktion], Zitronensaft und Olivenöl. Aber meistens bereite ich meine Speisen roh zu. Dann gelingen mir die Yogaposen besser, ich habe keine Schmerzen in den Gelenken und ich nehme nicht zu. So bleibt der Körper gesund und der Verstand klar und scharf. Außerdem reinige ich meinen Körper regelmäßig. Der Körper ist wie ein Haus: Wenn Ihr Haus nicht sauber ist, glauben Sie, dann kommt Krishna zu Besuch? In ein schmutziges Haus kommen nur niedrige Geister. Sobald Ihr Haus aber sauber ist, werden Sie gesegnet.

Und wie reinigt man den Körper?
Mein Guru hat mir empfohlen, ich solle eine Woche lang ausschließlich Wassermelone essen. Dazu muss man aber einen Zeitpunkt wählen, zu dem man sich entspannen kann und nicht arbeiten muss. Und dann isst man jeden Tag Wassermelone. Die Kerne darf man dabei nicht kauen, sondern muss sie runterschlucken. Damit kann man sein Haus ­großartig ­reinigen. Wenn man das regelmäßig macht, sagen wir alle zwei Monate, dann hat man all die Ablagerungen, Gifte und Schlacken ausgespült, die dort seit Jahren lagern und der Geist wird sich entspannen. Das gleiche geht auch mit Weintrauben. Oder wenn man weniger Zeit hat, dann kann man den Darm auch innerhalb eines Tages mit warmem Salzwasser und entgiftenden Yogaübungen reinigen (siehe Ausgabe 03).

Verraten sie uns Ihr Lieblingsrezept?
Oh! Ich liebe meine Guacamole. Einfach nur Avocado, geraspelte Gurke, ein bisschen Olivenöl, ein klein wenig Sojasoße und vielleicht ein bisschen Chili. Ich mag es gerne scharf, wissen Sie. Dann schneide ich die restliche Gurke in Scheiben, so wie Chips und löffle damit die Guacamole. Davon kann ich nie genug kriegen!

Interview: Marlene Halser und Michi Kern
Foto: Fotolia, Gabi Günther, Cheryl Ungar


Dharma Mittra begann 1967 in New York Yoga zu unterrichten und war damals ein echter Pionier. Zu dieser Zeit war er der Einzige, der in der westlichen Welt Ashtanga und Vinyasa Flow lehrte. Yoga-Schüler aller möglichen Richtungen kamen zu ihm, um von ihm zu lernen und um dann selbst zu unterrichten. Seitdem hat Dharma Mittra sein halbes Leben damit zugebracht, Tausenden von Schülern Ashtanga-Yoga beizubringen. 1984 entwarf er das Schaubild „The Master Yoga Chart of 908 Postures“, auf dem alle Asanas auf Fotos abgebildet sind und das heute in fast allen Yogastudios auf der ganzen Welt hängt.

Das Gute liegt so nah

Tasse Frau Enjoy the little things
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Wenn wir glauben, mit einem Problem nicht mehr weiterzukommen, suchen wir oft Hilfe bei einer höheren Instanz. Manchmal ist das gar nicht nötig.

In alten Zeiten schien die Welt einfacher und viel weniger komplex zu sein als die Umgebung, in der wir uns heute zurechtfinden müssen. Wir sehen uns im Berufs- oder Familienalltag ständig widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Da ist es sehr sinnvoll, nach etwas zu suchen, das uns Halt gibt. Schwierig wird es nur, wenn wir anfangen, uns daran zu klammern.

Die Bhagavata Purana erzählt eine Geschichte vom König Ambarisha. Weil er in Rechtschaffenheit sein Reich regierte, segnete Vishnu ihn mit seinem persönlichen Schutz. Ambarisha wollte ihm dafür mit einem großen Ritual danken. Dazu hielt er ein ganzes Jahr lang regelmäßige Fastenzeiten ein. Am letzten Tag erschien kurz vor dem Fastenbrechen der berühmte Weise Durvasa zu Besuch. Ambarisha freute sich über die Ehre und lud ihn ein, gemeinsam mit ihm die erste Mahlzeit zu nehmen. „Lasst mich nur kurz ein Bad nehmen, bevor wir beginnen“, antwortete Durvasa. Ambarisha willigte ein, doch Stunde um Stunde verging, und der Besucher kehrte nicht zurück. Was sollte der König jetzt tun? Das strenge Moralgesetz der damaligen Zeit verpflichtete ihn, auf den Gast zu warten. Gleichzeitig lief die Zeit zum Beenden des Rituals ab. Würde er noch länger warten, wäre ein ganzes Jahr der Vorbereitung umsonst gewesen.

Die Berater des Königs schlugen ihm vor, ein Glas Wasser zu trinken und ein Tulsi-Blatt zu essen, um das Fastenritual zu beenden und dem Gast trotzdem die Würde zu erweisen, den ersten Bissen vom Mahl zu erhalten. Ambarisha sah das als gute Lösung an. Doch gerade als er so das Fasten brach, tauchte Durvasa auf und beschwerte sich, dass seine Ehre verletzt worden sei. Er formte aus seinem Haar einen Dämon, der den König umbringen sollte. Das wollte Vishnu, der stets alles vom Himmel aus betrachtet, nicht zulassen. Er warf seinen Diskus nach dem Monster, und es löste sich umgehend auf. Die Wurfscheibe flog nun Durvasa hinterher.

Durvasa lief zu Göttervater Brahma und flehte: „Bitte beschütze mich vor Vishnus Waffe.“ Doch der sagte nur: „Ambarisha ist ein Schützling von Vishnu. Damit habe ich nichts zu tun.“ „Dann muss mir der Größte der Götter helfen“, dachte Durvasa und rannte zu Shiva in die Berge. Der antwortete ihm lediglich: „Du wirst von Vishnus Diskus verfolgt. Da kann ich dir nicht helfen“. Zerknirscht suchte Durvasa schließlich Vishnu selbst auf. „Ich flehe Euch an, Herr. Nehmt diese Waffe zurück.“ Vishnu zeigte sich zögerlich. „Es gibt natürlich einen Weg“, sagte er, „aber ich bezweifle, dass du bereit bist, das zu tun.“ „Großer Gott, ich werde gerne alles tun, wenn Ihr mich verschont“, antwortete Durvasa. „Fein. Warum gehst du nicht einfach selbst zu König Ambarisha und entschuldigst dich für deinen Angriff?“, fragte Vishnu.

Wenn wir Meditation und Mantras kennengelernt haben, wird es manchen von uns zur Gewohnheit, uns bevorzugt in diesen Sphären aufzuhalten. Wir suchen in feinstofflichen und höheren Ebenen nach der Lösung von Problemen, die wir durch unsere Entscheidungen selbst ins Leben gerufen haben. So wie Durvasa sich auf die Tradition berief, so berufen wir uns manchmal auf spirituelle Wahrheiten und verletzen damit Menschen, die uns nahe sind. Edle Motive und noble Gründe können einsam machen. Statt Hilfe beim Himmel zu suchen, müssen wir unsere Hausaufgaben oft immer noch auf der Erde machen. Durvasa ging schließlich zu Ambarisha, entschuldigte sich und die Angelegenheit war vergessen.

Die Bhagavata Purana ist kein Historienbuch. Sie erzählt uns vielmehr Geschichten von uns selbst. Durvasa und Ambarisha sind zwei Teile unserer Persönlichkeit, die wir ausbalancieren müssen. Unsere Pflichten auf der Erde und unser Streben nach einem spirituellen Leben. So machtvoll Durvasa seine Anbindung an den Himmel auch gemacht haben mag – oft ist die Lösung eines Problems viel einfacher, als man denkt. Denn manchmal lassen die Götter uns Menschen unsere Angelegenheiten einfach selbst regeln.

Geständnisse eines Yogi

Ausschlafen oder üben? Okay, es ist Zeit für ein paar Geständnisse, „Les Confessions“, wie es der alte Rousseau genannt hat. Ich gestehe, gelegentlich mit der Faulheit zu kämpfen zu haben. Sogar sehr oft.

Wenn ich allmorgendlich aufwache und – eine ganze Weile später – aufstehe, fühle ich mich jedes Mal ein bisschen so, als müsste ich alles wieder neu lernen. Das Commitment, gestern noch treuer Begleiter durch den Tag, scheint verflogen. Die Geschmeidigkeit meines Körpers ist einem gefühlten Brett gewichen. Der Atem fließt nicht, nein, er gleicht eher einem müden Blasebalg. Wie neugeboren fühle ich mich nicht, eher eingerostet und meilenweit entfernt von jeder erhabenen Asana oder Einsicht. Ich habe keine Lust auf Yoga.

Wellnesstag gefällig?
Was jetzt? Kämpfen? Die Faulheit besiegen? Mich zwingen? Oder will mir vielleicht mein Körper etwas Wichtiges sagen? Vielleicht verlangt mein inneres Kind nach Samthandschuhen, mein Nervensystem nach beruhigenden Ölen und mein Geist nach einem Rückzugsort. Das ist die eine Seite, die weiche, die umsorgt werden will, das innere Kind. Und da höre ich vor allem meine Mutter und Freundinnen, die es gut mit mir meinen und für die es keinen Zweifel gibt: Das innere Kind, verletzlich und zart, hat ein Recht auf Erholung, und deshalb ist eine schonende Einheit Viniyoga heute vielleicht gerade das Richtige. Aber bevor ich nun vom Bett auf meine mit Decken und Blöcken einladend präparierte Yogamatte umsteige, begegne ich noch kurz einer männlichen Figur, die mit raumfüllender Präsenz und tadellos aufrechtem Gang eine Hand hebt und dabei auch noch den Zeigefinger in die Höhe streckt.

Tapas tut Not
Vor meinem inneren Auge steht der Vater, mit mahnender Geste, unmissverständlich fordernd. Sei es der eigene Vater oder gleich der Archetypus. Und er hält sicher kein Plädoyer für das Verweilen in der Waagerechten, oh nein. Aufstehen, Sonnengrüße, vielleicht vorher noch Jala Neti, eine Nasendusche, denn alles, was heute für das Faulenzen spricht, ist weder berechtigt noch hilfreich. Es ist Zeit, zu handeln. Jetzt. „Atha“ ist nicht zufällig das gewichtige erste Wort in den Yogasutras von Patanjali, der Bibel des Yoga. Und das heißt: aufstehen, praktizieren! Ohne wenn und aber – und wenn dich Kopfschmerzen plagen, gehen die schon wieder weg … Im Yogalatein heißt das auch Tapas, also Selbstdisziplin, eine der grundlegenden ethischen Regeln im Yoga. Oder auch: Sankalpa Shakti.

Sankalpa Shakti ist die Kraft und das Commitment, ein selbst gewähltes Ziel mit innerem Feuer umzusetzen. Oder wie der große Ramana Maharshi unmissverständlich gesagt hat: „Stetige Entschlossenheit ist erforderlich!“ Hinter diesem Jahrtausende alten Konzept aus der vedischen Tradition steht die tiefe Überzeugung, dass alles möglich ist, sofern wir es nur stark genug wollen. Swami Rama bringt das in seiner ganz eigenen Mischung aus prophetischem Lächeln und mahnendem Grollen so auf den Punkt: „There is nothing like impossible.“ Und dafür ist im Bett bleiben eben wenig hilfreich. Denn das Leben wäre nicht das Leben, wenn es so einfach wäre. Es ist eine sehr grundlegende Erfahrung unserer Lebensexperimente auf diesem Planeten, dass es äußere und innere Widerstände gibt. Sie müssen überwunden werden, wenn wir weiterkommen wollen. Dazu braucht es Kraft, eine klare Absicht und Durchhaltevermögen. Basta.

Sabotage aus dem Off
Ja, aber wie geht das? Selbst wenn uns klar geworden ist, dass wir, um irgendein Problem zu lösen oder einfach weiterzukommen im Leben, Sankalpa Shakti brauchen, regt sich in uns womöglich sofort Widerspruch. Was, wenn wir nicht genau wissen, was wir wollen, oder die äußeren Hürden unüberwindbar hoch erscheinen? „Ja, aber“ kommt gerne wie aus der Pistole geschossen, und das ist nicht mal das Schlechteste. Denn was immer hinter dem Einwand steht, ist der erste Hinweis, der uns helfen kann, unseren Widerstand beim Namen zu nennen und anzupacken. Wenn wir ihn genau formuliert haben, haben wir ihm vielleicht schon etwas von seinem Schrecken genommen.

Auf einem Zettel vor uns kann er sich nicht so leicht in die unterbewusste Boykott-Maschinerie davonmachen und uns sozusagen aus dem Off bei der Verwirklichung wirklich wichtiger Ziele sabotieren. Jetzt, wo er einmal auf dem Tisch liegt, kann man sich einfach fragen: Ist der Widerstand denn wirklich so groß? Will ich ihm weiterhin auf den Leim gehen und stattgeben? Verbirgt sich dahinter vielleicht eine tief sitzende Angst, die uns rät, klein zu bleiben? Was immer es ist, jetzt können wir damit arbeiten, unsere persönlichen Vermeidungsmuster angehen und abbauen oder wenigstens auf ein gesundes Maß stutzen.

Zeit zu fliegen
Und das innere Kind? Tun wir ihm nicht Unrecht? Das innere Kind mag gegen Versuche der Fremdbestimmung rebellieren. Das ist sein gutes Recht, und es hat gute Dienste geleistet, uns zu beschützen und unseren innersten Wesenskern zu erhalten. Aber es muss auch etwas einsehen und lernen: Nicht alle Kraft kommt von unseren Eltern und den Erwachsenen, um uns zu bevormunden und in die Irre zu führen. Es gibt auch eine Kraft, die unsere ist und die uns helfen wird, das zu erreichen, wofür wir hier sind. Sie wird uns unterstützen, unsere Bestimmung oder unser Dharma zu verwirklichen. Und diese Kraft ungenutzt zu lassen, würde uns für immer im Kindheitsstadium lassen. Das kann auch unser inneres Kind nicht wollen. Laden wir es also ein, sich einzuschwingen auf die Höhenflüge des Sankalpa Shakti, sich einzuchecken in die Kraft, die uns unseren tiefsten Sehnsüchten näher-bringen wird. So wird Disziplin zum willkommenen Treibstoff für unsere Selbstverwirklichung. Und das innere Kind wird sicher seinen Spaß haben unterwegs.


Volker Linder ist studierter Philosoph, Yogalehrer, Redakteur und Coach. Er hält regelmäßig Yogakurse und Stressbewältigungsseminare in Unternehmen und bietet individuelle Coachings an.

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Lernkurve – die Schüler-Lehrer-Beziehung im Yoga stärken

Um in einer modernen, gesunden Schüler-Lehrer-Beziehung Yoga lernen zu können, muss man einige Punkte beachten. Sally Kempton, unsere Expertin für Philosophie und Meditation, geht diesem schwierigen Thema auf den Grund.

Als ich Mitte 20 war, lernte ich bei einem alten chinesischen Meister Tai-Chi. Er war in jüngeren Jahren General der berüchtigten Kuomintang-Armee gewesen und forderte die Hingabe seiner Schüler in einem Maß, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Jeden Morgen um 6 Uhr trafen wir uns in einem Park. Dort unterrichtete er uns, drillte uns und kritisierte uns gnadenlos. Neben den morgendlichen Treffen mit dem Meister übte ich noch vier oder fünf Mal am Tag alleine und das über ein Jahr lang. Doch in typischer Kampfkunst-Manier lobte mich mein Lehrer nie. Im Gegenteil: In regelmäßigen Abständen rügte er meine angeblich mangelnde Ernsthaftigkeit in Sachen Tai-Chi. Seine Worte verletzten mich, aber sie sorgten auch dafür, dass ich weiter hart trainierte. Während dieser Zeit veränderten sich meine Energie und mein Körpergefühl – doch die wichtigste Lektion, die ich lernte, war eine andere: Mir wurde klar, was es bedeutet, Schüler zu sein.

Auf den ersten Blick mag das selbstverständlich erscheinen: Wenn man Unterricht nimmt, ist man ein Schüler. Doch so einfach ist es nicht. Schülerschaft ist eine Fähigkeit. Selbst wenn Sie nur hin und wieder bei Ihrem wöchentlichen Yogakurs aufkreuzen, werden Ihre Erfahrungen dort in einem hohen Maß davon abhängen, wie gut Sie Anweisungen annehmen und umsetzen können, welche Art von Fragen Sie stellen und welche Haltung Sie Ihrem Lehrer gegenüber einnehmen. Nicht ohne Grund näherte sich in früheren Tagen ein Schüler seinem zukünftigen Lehrer mit der Frage: „Bist du wirklich mein Lehrer?“ Und der Lehrer fragte zurück: „Bist du wirklich mein Schüler?“ Diese Gegenfrage war keineswegs rhetorisch gemeint. Im Schüler-Lehrer-Verhältnis liegt der Ball letztlich immer im Feld des Schülers. Niemand kann Sie unterrichten, wenn Sie kein Schüler sein wollen. Wahr ist aber auch: Ein motivierter Schüler kann sogar von einem mittelmäßigen Lehrer etwas lernen. Und wenn ein wirklicher Schüler auf einen wirklichen Lehrer trifft, dann ändert sich die Welt des Schülers grundlegend.

Heute leben wir in einer Zeit des intensiven Paradigmenwechsels im Schüler-Lehrer-Verhältnis. Traditionell arbeitete ein Lehrer mit ein paar wenigen festen Schülern. Er prüfte sie sorgfältig und forderte viel von ihnen. Die Eigenschaften eines guten Schülers sind in vielen yogischen Quellentexten beschrieben: Loslösung, Duldsamkeit, Hingabe, Demut, die Fähigkeit, Härten standzuhalten, und vieles mehr. Vor allem aber musste der Schüler die Autorität seines Lehrers bedingungslos anerkennen, zumindest während der Zeit seiner Ausbildung. Im Gegenzug konnte er darauf zählen, dass ihm sein Lehrer nicht nur sein vollständiges Wissen vermittelte, sondern ihm auch seinen feinstofflichen Zustand, seine yogischen Errungenschaften übertrug rusbank. All dies konnte Jahre in Anspruch nehmen. Daher verpflichteten sich Schüler und Lehrer, zusammenzubleiben, so lange es nötig war – und oftmals darüber hinaus.

Aber genau wie sich das traditionelle Familienmodell verändert hat, so wandelt sich auch das Schüler-Lehrer-Modell. Zumindest im Westen haben wir einen grundlegenden Bruch in unserem Verhältnis zu Autorität erlebt. Kürzlich beschrieb mir meine Freundin Anna eine Szene mit ihrem Yogalehrer: Nachdem sie eine seiner Anweisungen in Frage gestellt hatte, nahm er sie beiseite und sagte ihr, sie müsse lernen, sich seiner Führung zu beugen. „Ich hab lange darüber nachgedacht“, berichtete mir Anna, „und ich sehe ein, dass er auf gewisse Weise Recht hat. Andererseits praktiziere ich seit vielen Jahren und weiß, dass ich meine eigene innere Führung habe. Muss ich die übergehen, nur weil er eine andere Meinung hat?“

Genau wie Anna sind viele Menschen aus freien demokratischen Gesellschaften misstrauisch gegenüber ausgeprägten Hierarchien und allem, was danach riecht, seine Selbständigkeit und Eigenverantwortung aufzugeben. Und obwohl es in letzter Zeit üblich geworden ist, manche Yogalehrer wie Rockstars zu verehren, fühlen sich viele moderne Yogis sehr unwohl beim Gedanken an die patriarchale Tradition vom omnipotenten Meister und demütigen Schüler. Oftmals ist es einem lieber, den Lehrer als etwas fortgeschritteneren Freund anzusehen – zumal die in regelmäßigen Abständen bekannt werdenden Skandale offenbar belegen, dass man sich selbst den angesehensten Lehrern nicht blindlings anvertrauen kann, da auch sie ihre Macht zu häufig missbrauchen. Dennoch haben selbst in der demokratischsten Yogaklasse viele der alten Wahrheiten über Schülerschaft noch ihre Gültigkeit: Echtes Bestreben, die Fähigkeit zur Hingabe und der Respekt gegenüber dem Lehrer und seinen Lehren sind heute genauso entscheidend wie eh und je. Ebenso wichtig ist es aber, sich einige grundsätzliche Fragen zu stellen und sich von den Antworten auf diese Fragen auch leiten zu lassen. Um sicher durch die Paradoxien des modernen Schüler-Lehrer-Verhältnisses navigieren zu können, habe ich versucht, eine Art praktischen Leitfaden herauszufiltern. Einige der Punkte stammen aus klassischen Texten der Yogatradition. Andere sind das Ergebnis meiner eigenen Erfahrungen – als Schülerin und als Lehrerin topbankinfo.ru.

Das Fundament legen
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: In einer gesunden Schüler-Lehrer-Dynamik ist es die Aufgabe des Lehrers zu unterrichten und die des Schülers zu lernen. Der Lehrer sollte zwar zugänglich sein, dennoch muss er feste und angemessene Grenzen gegenüber seinen Schülern wahren. Der Schüler wiederum versteht, dass sein Lehrer bzw. seine Lehrerin nicht beste Freundin, Liebhaber oder Ersatzmutter sein kann. Der Schüler scheut sich nicht, Fragen zu stellen und der Lehrer kann eigene Fehler eingestehen. Es gibt also auf beiden Seiten eine ethische Transparenz. Damit geht einher, dass der Schüler eine grundsätzliche Affinität zu seinem Lehrer spüren sollte. Ein Lehrer kann hoch qualifiziert sein, er kann sogar ein Meister sein und ist vielleicht dennoch nicht der richtige Mentor für Sie. Das heißt, unabhängig von Ihrem Willem zu lernen und seinem zu lehren, muss die Chemie stimmen. Je mehr Sie das Gefühl haben, von Ihrem Lehrer „gesehen“ und akzeptiert zu werden, desto leichter wird es Ihnen fallen, damit umzugehen, dass sie von ihm unterwiesen und gefordert werden.

Eigenes Bestreben kultivieren
Wenn Sie wirklich lernen und sich entwickeln wollen, wird dieses Bestreben sie immer leiten – auch dann, wenn Ihr Lehrer vielleicht nicht perfekt ist. Das alte Sprichwort „Ist der Schüler bereit, so ist der Lehrer nicht weit“ hat auf jeder Ebene der Praxis Gültigkeit. Je mehr Priorität Sie Ihrer Yogapraxis einräumen, desto offener werden Sie dafür sein, Lehren zu empfangen, wo immer sie Ihnen begegnen.

Eine Entscheidung treffen
Einige Traditionen empfehlen, mindestens ein Jahr lang Unterricht zu nehmen, bevor man sich endgültig für oder gegen einen Lehrer entscheidet. Da das Leben heute wesentlich schneller getaktet ist, würde ich eher zu sechs Monaten raten. Während dieser Zeit legen Sie sich unter Vorbehalt fest, die Anweisungen dieses Lehrers so genau wie möglich zu befolgen. Das bedeutet nicht, dass man keine kritischen Fragen stellen, Zweifel hegen und sein Gegenüber nicht zuweilen auch herausfordern darf. Doch sobald diese Zweifel ausgeräumt sind, ist es wichtig, dies auch zu würdigen. Die einzige Art, herauszufinden, ob ein Lehrer der richtige für Sie ist, besteht darin, sich dem Prozess so lange auszusetzen, bis seine Auswirkungen deutlich werden.
Es mag eine Zeit kommen, wo die Führung aus Ihrem Inneren diejenige des Lehrers ablöst, doch zu Beginn ist es in der Regel am besten, davon auszugehen, dass der Lehrer weiß, was er tut – selbst wenn seine Herangehensweise vielleicht von dem abweicht, was Sie selbst zunächst für richtig halten. Nachdem die Zeit des Prüfens abgelaufen ist, können Sie die gemachten Erfahrungen abwägen und entscheiden, ob Sie auf diesem Weg weitergehen möchten oder nicht.

Bei einem Ansatz bleiben
Es ist vollkommen in Ordnung, bei einem Lehrer Asanas zu lernen, bei einem zweiten Meditation und bei einem dritten Quellenstu-dium. Aber gerade zu Beginn ist es wichtig, dass alle diese Lehrer aus miteinander zu vereinbarenden Traditionen kommen. Wenn einer Ihrer Lehrer ein strenger Anhänger von Patanjalis achtfachem Pfad ist und ein zweiter ein hingebungsvoller Tantriker, dann müssen Sie sich darauf gefasst machen, scheinbar gegensätzliche Anweisungen und Meinungen zu hören. Es erfordert ein hohes Maß an Erfahrung, derart verschiedene Ansätze so zu integrieren, dass sie einen nicht verwirren. Aus diesem Grund galt traditionell: Wenn man sich einem Mentor verpflichtet hatte, war man nicht berechtigt, ohne dessen Erlaubnis zu einem zweiten Lehrer zu gehen. Der Grund dafür war ganz einfach: Jeder Lehrer hat seinen eigenen Stil und verschiedene Autoritäten können unterschiedlicher Auffassung sein. Wenn Sie also mit mehreren Lehrern arbeiten wollen, ist es sinnvoll, mit allen Beteiligten zu sprechen und sicherzustellen, dass deren Ansätze miteinander vereinbar sind. Ansonsten könnte es passieren, dass Sie am Ende nicht einmal mehr wissen, welche Asana-Sequenz Sie nun eigentlich üben sollten – ganz zu schweigen davon, dass Sie an Ihren eigenen Weg glauben.

Projektionen im Auge behalten
Der Respekt gegenüber dem Lehrer und seinen Lehren ist ausschlaggebend dafür, dass man diese Lehren auch in sich aufnehmen kann. Als Schüler bewahrt Sie dieser Respekt vor Arroganz und dem vorzeitigen Glauben an Ihre eigene Meisterschaft. Zugleich ist es aber entscheidend, den Lehrer nicht zu idealisieren und ihn auf ein Podest zu heben. Jeder Mensch, den man idealisiert, wird einen früher oder später vermutlich enttäuschen. Und wenn Sie zu viel in dieses idealisierte Bild investiert haben, dann kann diese Enttäuschung nicht nur das Verhältnis zu Ihrem Lehrer zerstören, sondern Ihnen auch die Motivation zum weiteren Üben rauben.

Die beiden schwierigsten Punkte im Schüler-Lehrer-Verhältnis sind daher die natürliche Tendenz, unsere eigenen Gefühle auf andere Menschen zu projizieren, und der in der westlichen Psychologie als „Übertragung“ bezeichnete Effekt. Es ist fast unvermeidbar, dass Schüler die eigenen höheren Qualitäten auf ihren Lehrer projizieren. Da die meisten Menschen ihre eigene innere Kraft und Weisheit nicht in vollem Umfang anerkennen können, suchen sie nach jemandem, der diese Eigenschaften für sie „übernimmt“ – und idealisieren diese Person. Dieser Effekt funktioniert natürlich genauso unter umgekehrten Vorzeichen: Man projiziert auch die eigenen Schwächen auf andere. Und wenn der zunächst idealisierte Lehrer Schwächen offenbart und den eigenen Idealen nicht gerecht wird, kann es leicht geschehen, dass man von einem Extrem ins andere fällt und ihn dämonisiert. Das Internet ist voll von gehässigen, wütenden und manchmal erschreckend aggressiven Posts von Schülern, die sich von ihrem Lehrer enttäuscht fühlen. Manchmal ist die Kritik sicher legitim, doch in vielen Fällen spiegeln sich darin vor allem die unbewussten persönlichen Themen des Schülers. Dabei geht es etwa um Reflexe der eigenen Kindheit oder um das Gefühl, nicht ausreichend anerkannt oder ermutigt worden zu sein.

Besonders heikel ist der Aspekt der Übertragung. Dabei überträgt man sein Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung auf den Lehrer – oftmals bis zu dem Punkt, dass man sich ernsthaft verliebt. Bei einem charismatischen Lehrer passiert das sogar den erfahrensten Schülern. Wenn dann der Lehrer nicht bewusst mit diesem Punkt umgeht, wenn er oder sie vielleicht anfällig für romantische Gefühle ist oder zur Manipulation neigt, dann kann das zu lebensverändernden, manchmal auch zu äußerst zerstörerischen Verwicklungen führen. Wenn Sie also bemerken, dass Sie zärtliche Gefühle für Ihren Lehrer entwickeln, dann sollten Sie sich fragen: „Gelten diese Gefühle wirklich ihm bzw. ihr? Oder ist das nur ein Effekt der Yogapraxis? Kann es sein, dass die Energie des Yoga mir den Zugang zu einer Selbstliebe eröffnet, die ich zuvor noch nicht gekannt habe?“ Diese Art der Selbstbefragung kann Ihnen helfen, Projektionen zurückzunehmen und Ihre Gefühle zurück nach innen zu lenken. Auf diese Weise bereichern Sie Ihre Praxis, ohne Verwicklungen im Außen zu schaffen.

Ehrlich sein
Damit wären wir beim Thema Selbsterforschung angelangt. Eines der großen Geschenke von Yoga sind die Einsichten, die man durch diese Praxis über seine eigenen Tendenzen gewinnen kann. Beispielsweise weckt die Unterrichtssituation vielleicht Ihren inneren Rebellen und verleitet sie dazu, sich ganz automatisch der Autorität des Lehrers zu widersetzen. Oder sie aktiviert Ihren versteckten Anerkennungsjunkie und Sie sind so gefangen im Versuch, Ihrem Lehrer zu gefallen, dass Sie ganz vergessen, eigene Erfahrungen zu machen. In diesem Fall kann ein bisschen Widerstand sehr gesund sein! Ich habe schon von Schülern gehört, die so sehr befürchteten, die Gefühle ihres Lehrers zu verletzen, dass sie sogar Korrekturen als wohltuend lobten, die in Wirklichkeit unangenehm waren. Je eher Sie in der Lage sind, Ihre wirklichen Erfahrungen authentisch zu kommunizieren, desto besser kann Ihr Lehrer Sie kennenlernen und desto mehr kann er Ihnen Anweisungen geben, die Ihnen tatsächlich weiterhelfen.

Schwächen des Lehrers wahrnehmen
Ihr Lehrer ist nur ein Mensch – mit menschlichen Eigenheiten, Verletzungen, persönlichem Schmerz oder gar Störungen. Wenn ein guter Lehrer fest im Sattel sitzt, dann spricht aus ihm sein höchstes, weisestes und bewusstestes Selbst. Auch aus diesem Grund kann die Arbeit mit einem Lehrer helfen, Fähigkeiten in Ihnen hervorzubringen, die Sie alleine nicht unbedingt an sich erlebt hätten. Aber die Tatsache, dass ein Lehrer während des Unterrichts von Licht und Weisheit erfüllt zu sein scheint, bedeutet noch lange nicht, dass er vollständig erleuchtet oder auch nur frei von menschlichen Schwächen ist. Manchmal liegt er vielleicht sogar total daneben. Jemand kann ein äußerst fähiger Lehrer sein, er vermag es beispielsweise, hoch entwickelte Bewusstseinszustände zu vermitteln und seine Schüler mit viel Einfühlungsvermögen und Weisheit anzuleiten, und doch ist er als Privatmensch exzentrisch, aufbrausend, ständig auf der Jagd nach sexuellen Abenteuern oder in sich selbst verliebt. Sogar ein sehr weiser Lehrer mag Probleme damit haben, seine Schule gut zu organisieren oder eine glückliche Liebesbeziehung zu führen. Wie jeder andere Mensch unterliegt er karmischen Neigungen, die ihn zu problematischen Entscheidungen verleiten können. Nichts davon macht ihn als Lehrer weniger geeignet, dennoch kann das für Sie als Schüler ein legitimer Grund sein, sich abzuwenden. Manchen Schülern macht es nichts aus, dass ihr Lehrer verschroben ist oder ein unkonventionelles Leben führt. Andere fühlen sich nur gut aufgehoben bei jemandem, dessen Werte und Moralvorstellungen mit den eigenen übereinstimmen. Das ist eine ganz persönliche Entscheidung, doch man sollte sie bewusst treffen.

Eine hilfreiche Taktik in diesem Zusammenhang ist es, sich ehrlich zu fragen, warum man überhaupt bei diesem bestimmten Lehrer Unterricht nimmt. Wenn Sie wirklich nur hier sind, um Asanas oder Meditation zu lernen, oder um yogi-sche Texte zu studieren, dann können Sie die persönlichen Macken des Menschen von den pädagogischen und fachlichen Fähigkeiten des Lehrers trennen. Ganz anders liegt der Fall dagegen, wenn Sie merken, dass seine Ansichten Sie irritieren, dass seine Werte völlig konträr zu Ihren eigenen sind, oder wenn Sie in Ihrem Lehrer auch jenseits der Matte ein Vorbild sehen möchten.

Gerede aus dem Weg gehen
Eine Yogaschule oder eine spirituelle Gemeinschaft kann eine echte Zuflucht und eine Quelle der Freundschaft sein. In der Interaktion mit den zum Zirkel des Lehrers gehörenden Menschen können Sie wertvolle Unterstützung und Weisheit erleben und sich selbst in den verschiedenen Manifestationen Ihres Egos beobachten. Auf der anderen Seite können die anderen Schüler Sie aber auch vom eigentlichen Grund Ihrer Anwesenheit ablenken. In vielen Schulen und spirituellen Gemeinschaften grassieren Konkurrenzkampf, Klatsch und Tratsch, „Wer-gehört-dazu-und-wer-nicht“-Gerangel und andere wenig inspirierende Formen der Gruppendynamik. Überdies gibt es Gemeinschaften, die einen solchen Kult um ihren Lehrer oder die Methode betreiben, dass man sich genötigt fühlt, den Sprachduktus und den Stil der Gruppe anzunehmen. Ein gutes Indiz dafür, dass Sie in einer angemessenen Beziehung zu anderen Gruppenmitgliedern stehen, ist die Tatsache, dass sich Ihre Gespräche darauf konzentrieren, was Sie gemeinsam lernen und bearbeiten. Sobald persönliche Kümmernisse ventiliert, Mitschüler niedergemacht, der Lehrer und seine Methoden stundenlang kritisiert oder bestimmte Leute absichtlich vom Gespräch ausgeschlossen werden, befindet man sich dagegen in der Gefahrenzone. Das selbe gilt, wenn Sie das Gefühl haben, kritische Fragen seien nicht erlaubt.

Der eigenen Intuition vertrauen
Es muss immer wieder Phasen geben, in denen Sie den Wert bestimmter Lehren und Praktiken in Frage stellen. Weisen Sie solche Zweifel nicht einfach von sich, sondern fragen Sie sich: Woher kommt mein Unbehagen? Gehört es zu einem Verhaltensmuster, das mich dazu verleitet, mich aus dem Staub zu machen, sobald es langweilig oder brenzlig wird? Gibt es etwas an diesem Unterricht, das mich aus meiner Komfortzone holt? Habe ich vielleicht Angst, zu schnell zu weit zu gehen? Oder verlange ich umgekehrt zu ungeduldig nach den fortgeschritteneren Techniken? Werden hier gerade gewisse emotionale Mechanismen bei mir ausgelöst, die ich mir genauer ansehen sollte? Jede echte Unterrichtssituation konfrontiert Sie zwangsläufig auch mit persönlichen Themen wie Eifersucht, Unmut und Beurteilung: Es gibt meistens Menschen, mit denen man sich misst. Sie werden sich vielleicht über Ihren Lehrer ärgern, weil er sie kritisiert oder nicht beachtet. Sein Unterrichtsstil kann Ihnen auf die Nerven gehen oder Sie mögen sich denken: „Das hab ich schon hundertmal gehört, kann er nicht mal was Neues erzählen?“ Außerdem haben Sie vielleicht Freunde, die bei anderen Lehrern anscheinend größere Fortschritte machen als sie selbst. Einer der Gründe, warum es so wichtig ist, sich für eine bestimmte Zeit auf einen Lehrer festzulegen, liegt genau hier: Es zwingt Sie, die unvermeidlichen Phasen der Unruhe, der Gelangweiltheit oder des Zweifelns durchzustehen. Genauso, wie man während der gesamten Unterrichtsstunde auf der Matte bleiben sollte, muss man einem Lehrer oder eine Methode auch die Chance geben, wirklich durchzudringen.

Lehren aufnehmen
Vielleicht spüren Sie den Impuls, nicht nur selbst zu lernen, sondern das Gelernte auch an andere Menschen weiterzugeben. In der traditionellen indischen Yogawelt werden Schüler, die zu unterrichten beginnen, bevor sie die Lehren selbst verdaut haben, als „Schöpfkellen“ bezeichnet. Wenn Sie etwas unterrichten, das Sie selbst noch nicht vollständig in sich aufgenommen haben, dann sind Sie wie eine Kelle, die die Suppe serviert, ohne sie selbst gekostet zu haben. Sie berauben sich der Möglichkeit, Ihr eigenes Sein von der Weisheit durchdringen zu lassen. Daher wird Schülern traditionell davon abgeraten, allzu früh selbst zu unterrichten. Es stimmt natürlich, dass die Weitergabe von Wissen ein guter Weg ist, etwas selbst tiefer zu erlernen. Doch wenn man das Wissen eines anderen Lehrers wie eine Ware weiterreicht, dann schneidet man sich vom eigenen Lernprozess ab. Obendrein betrügt man seine Schüler, wenn man ihnen nur halbgare Lehren zuteil werden lässt. Genau das geschieht sehr häufig. Man kann es erleben, wenn Leute Teile des Yoga Dharma herunterbeten wie einen Katechismus, ebenso leer und ohne authentisches Gefühl wie jede andere Art von konventionellen Weisheiten. Sogar tiefe Wahrheiten wie der Satz „Genau so, wie du bist, bist du schon perfekt“ werden zu platten Klischees, wenn keine verkörperte Erfahrung dahinter steht. Auch viele Verletzungen im Yogaunterricht entstehen nur dadurch, dass ein Lehrer erlernte Anleitungen oder Korrekturen weitergibt, sie aber nicht individuell anpassen kann.

Sich in Dankbarkeit trennen
Nicht alle Schüler-Lehrer-Beziehungen sind dauerhaft. Es mag eine Zeit kommen, wo Sie den Einruck haben, alles gelernt zu haben, was Ihnen dieser Lehrer beibringen kann. Genauso kann es sich so anfühlen, als ob Ihr Lehrer Sie hängen lässt oder die Gemeinschaft Ihnen kein Wachstum mehr ermöglicht. In einigen Fällen schlägt einem ein Lehrer auch selbst vor, sich an anderer Stelle unterrichten zu lassen.
Die Verbindung zu seinem Lehrer abzuschließen, lehrt uns nicht nur, die Unbeständigkeit des Lebens zu akzeptieren, manchmal ist es auch Teil des Erwachsenwerdens. Und selbst wenn die Trennung schmerzhaft oder schwierig sein sollte, ist es wichtig, das zu würdigen, was man empfangen, gelernt und für sich entdeckt hat. Sehr häufig erkennt man erst viel später, was man alles von einem Lehrer bekommen hat. Ein echter Schüler sollte daher dankbar anerkennen, dass jedes Stadium seines Lernens nützlich ist: die Anfänge ebenso wie das Ende, die Triumphe genau wie die Fehler – und alles, was dazwischen liegt.

Illustration: Aimee Sicuro


Die Autorin Sally Kempton ist eine international anerkannte Lehrerin für Meditation und Yogaphilosophie. Sie hat zahlreiche Bücher verfasst und schreibt regelmäßig für das YOGA JOURNAL.

So bereiten sie sich auf ein schwieriges Gespräch vor

Wie können wir uns auf ein schwieriges Gespräch vorbereiten? Wie können wir vermeiden, unser Gegenüber vor den Kopf zu stoßen oder in die Defensive zu drängen?

Zur Vorbereitung ist es gut, sich ausführlich Zeit zu nehmen, sich zunächst in sich selbst einzufühlen und dann in den Gesprächspartner. Dies kann in der Meditation geschehen oder in einem Gespräch mit einem unterstützenden Menschen, der nicht direkt durch den Konflikt betroffen ist. Eine weitere Möglichkeit ist die schriftliche Vorbereitung, etwa mit einem Tagebucheintrag.

Die Empfehlung der Gewaltfreien Kommunikation ist dabei, die Aufmerksamkeit auf folgende vier Aspekte zu richten:

1. auf das, was wir beobachten, was in uns eine Reaktion hervorgerufen hat,
2. auf unsere Reaktion auf diesen Auslöser, besonders auf die Gefühle, die ausgelöst wurden,
3. auf die Bedürfnisse, die in dieser Situation eine Rolle spielen und die Ursache für unsere Gefühle sind,
4. auf das, was wir uns vom anderen wünschen und worum wir bitten könnten.

Das YOGA JOURNAL wünscht Ihnen viel Glück und Mut für bevorstehene Gespräche und oder sich anbahnende verbale Konfrontationen.

Spielerische Chakra-Erkundungen

Die sieben Chakras kennt fast jeder – in der Theorie. Das Karten-Set „Chakra Luna Yoga“ zeigt, wie man die Energiesammelpunkte in der Asana-Praxis erfahrbar machen kann. Dazu hat die Autorin pro Chakra sieben Asanas ausgewählt und in einem Mini-Begleitbuch kurz erläutert. Wer Luna Yoga noch nicht kennt, trifft hier auf eine Menge neuer Bewegungsideen, denn dieser Stil schöpft nicht nur aus der Hatha-Tradition, er ist auch von der Körperarbeit verschiedener Naturvölker und moderner Therapeuten inspiriert. Übungen mit so phantasievollen Namen wie das „Mondei“, „Die Katze sucht den Keks“ oder die „Hohepriesterin“ laden zum spielerischen Experimentieren und Spüren ein. Die Anleitungen sind bewusst offen gehalten, damit viel Raum für die individuelle Erfahrung bleibt – und weil die sich verändert, kann man die einzelnen Asana-Karten immer wieder neu kombinieren.

FAZIT // Weg von starren Konzepten und hin zur freien, persönlichen Praxis und einer feinen Wahrnehmung der Energien – auf diesem Yogaweg sind die Chakra-Karten eine gute Inspirationsquelle.

„CHAKRA Luna Yoga“ von Adelheid Ohlig, Nymphenburger Verlag, ca. 18 Euro

„Uns verbindet die Sinnsuche“

„Jeder Mensch braucht einen Regisseur, eine Energiequelle. Jemanden, der an ihn glaubt und die Lebensfreude stärkt. Viele Menschen schaffen das nicht aus eigenem Antrieb. Sie wagen es nicht mehr zu träumen.“ Für Yoga gilt das ebenso wie für das Theater. Der Regisseur und Yogalehrer Luk Perceval spricht im Interview über seine Beiden grossen Leidenschaften.

YOGA JOURNAL: Luk, du hast einmal gesagt, dass es ohne Schmerzen keine Veränderung gibt und dass du ohne Rückenschmerzen wahrscheinlich nie mit Yoga begonnen hättest. Wie hast du zu solch sanften Stilen wie Yin Yoga und Mindfulness Yoga gefunden?
LUK PERCEVAL: Das war eine Mischung aus Zufall und unbewusster Suche. Ich habe Anfang der 1990er-Jahre mit Hatha Yoga angefangen, weil ich mit meinem Leben unzufrieden war. Während meiner Zeit als Schauspieler habe ich zu viel getrunken und zu wenig geschlafen. Ich war fertig. Also habe ich die Schauspielerei aufgegeben und mich als Regisseur versucht. Dabei hatte ich das Glück, sehr schnell erfolgreich zu sein – was gleichzeitig eine unglaubliche Herausforderung war, weil ich nebenbei auch noch Serien fürs Fernsehen gedreht habe. Ich war Vater, hatte zwei Kinder, wollte mich um meine Familie kümmern. Irgendwann war ich so erschöpft, dass ich in einem Restau-rant in Antwerpen zusammenbrach: Mein Kopf fiel einfach in den Suppenteller. Gott sei Dank war es nur eine kalte spanische Gazpacho (lacht). Als der Arzt mich fragte, wie ich lebe, musste ich sagen: Ich wache auf, rauche, frühstücke nicht, gehe zu den Proben, trinke den ganzen Tag Kaffee, esse viele Süßigkeiten, bin dauernd unterwegs und nachts komme ich oft völlig bekifft und betrunken heim, ohne etwas Richtiges gegessen zu haben. Da sagte mir mein Arzt, dass ich in fünf Jahren im Rollstuhl sitzen könnte, wenn ich so weitermache. Ich bin sehr erschrocken – ich war Mitte 30 und ein Wrack.

Hat dich auf deinem Weg Richtung Yoga jemand unterstützt?
Ja, eine Freundin war zu der Zeit in Indien und hat dort eine Ausbildung zur Hatha-Yogalehrerin gemacht, sie hat mich motiviert. Nachdem ich oft über 14 Stunden am Tag arbeite und nicht viel Zeit übrig bleibt, dachte ich mir, dass ich das mit dem Yoga ja zumindest versuchen könnte. Ich habe bei ihr zehn Jahre lang Privatstunden genommen. Dann ist sie leider gestorben. Nach ihrem Tod habe ich alleine weitergemacht, weil mir Yoga so gut getan hat. Ich las viel und plötzlich hat mich vor allem der spirituelle Weg fasziniert. Ich bin bei der Zen-Literatur gelandet und habe einen Zen-Mönch kennengelernt, der in Japan studiert hatte, wohin ich damals unbedingt wollte. Ich war gerade intensiv mit Shakespeare beschäftigt und hatte gelesen, dass er im Buddhismus als Bodhisattva (Anm.d.Red.: Sanskrit für „Erleuchtungswesen“) gesehen wird und sein Werk völlig durchdrungen war von spiritueller Einsicht. Ich war sehr neugierig und wollte herausfinden, was das Wort „Spiritualität“ überhaupt bedeutet. Der Zen-Mönch hat mir aber empfohlen, in die USA zu gehen, weil man dort fundierter in den Zen-Buddhismus eingeweiht würde als in Japan. Das habe ich gemacht und sechs Wochen bei Genpo Roshi gelernt, der das Kanzeon-Zen-Center in Utah leitet. Ich saß sechs Wochen lang und habe geschwiegen. Das war sehr intensiv und eine Art Blitztherapie für mich. Nach ungefähr drei Wochen habe ich etwas entdeckt, was mich völlig süchtig gemacht und mir die Verbindung zu meinem Beruf aufgezeigt hat.

Was war das? Kannst du das in Worte fassen?
Ja, wahrscheinlich war es diese körperlich und geistig ganz tiefe Ruhe. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, Abstand zum nicht endenden Bewusstseinsstrom zu gewinnen. Und nicht ständig denkend, fühlend, lebend, rennend einer Illusion hinterherzujagen. Plötzlich und für eine lange Zeit war das kein Thema mehr. Ich wollte nur noch sitzen. Doch irgendwann habe ich gespürt, dass mir Yoga fehlt. Also habe ich angefangen, mithilfe des Internets zu üben und meine Erfahrungen mit den Schauspielern zu teilen. Was mich jedoch ein wenig frustierte, war die Tatsache, dass es so oft nur um den körperlichen Aspekt im Yoga geht – in die Meditation wird man nicht tiefgehend eingeführt. Darum habe ich in Spanien eine Ausbildung zum Mindfulness-Yogalehrer gemacht. Dort habe ich auch Yin Yoga entdeckt.

Warum ist es für dich so wichtig, einen kreativen Prozess wie Theaterproben mit Yoga zu koppeln?
Mein Beruf hat viel mit Konzentration zu tun. Ich sitze am Tag mindestens 4 Stunden bei den Proben und meine Hauptaufgabe ist es, den Moment der Identifikation zu finden. Das ist ein recht mühsamer Weg, der häufig damit beginnt, dass die Schauspieler einen Text in die Hand gedrückt bekommen, ihn lesen und sagen: „Was soll ich denn bitte damit anfangen?“ Ein gemeinsames Suchen beginnt. Wie kann ein Text im Raum so umgesetzt werden, dass das Publikum vergisst, dass es Zuschauer ist und der Moment der Identifikation oder eine Sehnsucht nach Nähe, nach Berührung entsteht? Dieser Prozess erstreckt sich über Wochen und hat ganz viel mit Aufmerksamkeit zu tun – und damit, dass man sich auch Zeit nimmt fürs Scheitern. Ein Schauspieler kann den Weg fast nur über das Scheitern finden, weil man viel ausprobieren muss. Es gibt ja keine Zauberformel, die man ausspricht und dann läuft das Ding. Wahrhaftigkeit ist der Schlüsselbegriff, ist aber nicht einfach greifbar. Und wenn es ein Mensch in unserer Zeit wagt, wahrhaftig zu sein, dann braucht er erst mal den Mut zu SEIN. Dann ist man eigentlich im Herzen des Zen, wo es nie darum geht, beweisen zu müssen, wie klug man ist. Vielmehr geht es um Augenhöhe und den Mut, im Gegenüber sich selbst zu erkennen und gleichzeitig sich selbst zu zeigen. Das hat alles mit meinem Beruf zu tun. Für mich war es absolut notwendig zu entdecken, wie ich Yoga mit dieser hohen Form der Aufmerksamkeit kombinieren kann, die das Theater braucht. Dafür muss ein Schauspieler aufgewärmt sein. Er kann nicht morgens verschlafen zu den Proben kommen, schon eine Schachtel Kippen geraucht haben, eigentlich erst mal den Kopf klar kriegen wollen und dann auf die Matte gehen. So kann man sich nicht öffnen.

Deswegen ist die Teilnahme an meinen Yogastunden völlig freiwillig und kostenlos. Dadurch kommen die, die regelmäßig kommen, gerne. Es ist eine lebendige Kultur gewachsen und ein schöner Geist entstanden. Alle spüren, dass man am Morgen mit einem anderen Vibe zur Probe kommt, wenn man vorher Yoga geübt hat. Man ist wach und aufnahmefähig – man ist da. Und hat Spaß an seiner Arbeit. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist doch die Freude: Ohne sie kannst du überhaupt nichts schaffen! Yoga hat nicht nur mein Leben gerettet, sondern auch meine komplette Berufshaltung bestimmt. Im Theater stehen die Leute manchmal 2, 3 Stunden lang auf einer Bühne und müssen die Spannung halten. Ich habe jahrelang Schauspielschulen geleitet; da siehst du oft, dass Leute, die sich bei der Aufnahmeprüfung präsentieren, keine 3 Minuten still stehen können. Es ist ein steiniger Weg, bevor sich Menschen trauen, nichts zu tun und auf ihr Inneres zu vertrauen. Wenn ein Schauspieler eine Innenwelt hat, wird er auch faszinieren. Dafür ist Yoga ein tolles Werkzeug. Ich wollte sogar noch weitergehen und Yoga in den Lehrplan integrieren, als ich eine Schauspielschule geleitet habe. Aber wegen der Dummheit der Politik und diversen Befindlichkeiten konnte ich das leider nicht durchsetzen.

War das schwer zu akzeptieren?
Das war wirklich bitter für mich. Ich habe gegen Windmühlen gekämpft und mich irgendwann zurückgezogen, um meine Energie woanders besser investieren zu können. Dabei wäre es so wichtig, sanftes Yoga in die Schauspielerausbildung zu integrieren. Schauspieler verletzen sich recht häufig – für sie wäre eine achtsame Form von Yoga genau das Richtige. Du lernst, über deinen Atem deinen Körper ganz genau zu beobachten und Grenzen zu respektieren. Das ist für viele Schauspieler besonders schwer. Aber nicht nur für Schauspieler: Wir alle stellen uns unter einen solchen Leistungsdruck, wollen ständig besser werden. Beim Achtsamkeits-yoga gehst du durch die Langsamkeit zwar auch an deine Grenzen, aber du hast es in der Hand. Ob du dich dabei verletzt oder nicht, liegt an dir. Das ist ein Dialog und eine wesentliche Auseinandersetzung mit sich selbst.

Wie schaffst du es als Regisseur, der ja bei einer Produktion die Fäden in der Hand hält, loszulassen? Diese Mischung aus Konzentra-tion, Hingabe und Loslassen stelle ich mir sehr schwierig vor….
Ja, das ist nicht immer leicht. Aber was heißt schon „Loslassen“? Ich will es mal so sagen: Seit 30 Jahren sitze ich in diesem dunklen Raum und ich merke, dass die Sinnlichkeit des Theaters dadurch entsteht, dass der Zuschauer auf einen anderen lebenden Menschen schaut. Das ist kein eindimensionaler Vorgang wie etwa im Kino. Die Sinnlichkeit entsteht in dem Moment, in dem die Identifikation einsetzt. Vor diesem Moment gehen beide durch ein Bad von Emotionen. Wenn der Schauspieler schlecht atmet, atme ich schlecht. Das Theater wirkt wie eine Membran. Wenn einer von uns negative Energie mitbringt, überträgt sich das sofort. Dann gibt es möglicherweise einen Streit, der ausgelebt werden muss, um zur Katharsis zu kommen. Man kann erst wieder aufatmen, wenn der Nullpunkt des Loslassens von beiden Seiten erreicht wird. Das ist eine ganz hohe Form des Verbundenseins. Natürlich strebt man letztlich den Moment an, an dem man nach wochenlangen Proben sagen kann: Ok, das läuft, die haben für sich eine Logik gefunden, mit der sie eine eigene Energie entwickeln können. Aber das dauert. Ich habe Stücke gemacht, für die wir 6 Monate geprobt haben. Da ist man am Ende total kaputt. Es fordert unglaublich viel, bis man loslassen kann. Durch Yoga lasse ich mich nur noch sehr selten aus der Fassung bringen.

Du hast geschrieben, der ganze Theaterprozess sei für dich wie ein Mantra, das man oft wiederholt und auf das als Antwort immer die Stille folgt. Dabei lautet dein Mantra: „Theater ist Schreiben im Sand“. Wie meinst du das?
Theater ist doch wie Schreiben im Sand. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei.

Genau das glaube ich nicht. Du hast geschrieben, dass Theater sinnlos sei und die Welt nicht verändern könne. Hat sich denn deine eigene Suche nach Sinnhaftigkeit durch die Yogapraxis verändert?
Sagen wir mal so: Man darf die Sinnlosigkeit in diesem Kontext nicht nihilistisch interpretieren. Wenn ich über Sinnlosigkeit spreche, dann ist der Begriff sehr stark von der Zen-Logik geprägt. Das bedeutet: Es gibt keine Antwort. Mein Zen-Meister hat uns eines Morgens gefragt: Wenn ich euch jetzt sagen würde, dass ihr alle erleuchtet sein werdet, wenn ihr auf der Stelle aus dem Fenster springt – würdet ihr springen? Alle haben gelacht, weil das natürlich Unsinn ist. Es gibt keine Antwort. Wir suchen alle. Aber was suchen wir da in der Stille? Klar, die Identifikation. Ganz klar auch den Moment des Nicht-Einsam-Seins. Letztendlich ist das der Kern unserer Ängste: die Tatsache, dass wir alleine sterben könnten. Sehr viele Stücke handeln davon, wie fast jedes Shakespeare-Stück. Alle werden verrückt, weil alles zusammenbricht und jeder alles verliert. Die, die am Ende noch leben, beginnen aus Angst, dass nichts übrig bleiben könnte, wie wild zu greifen.

Ist es das, was dich so sehr fasziniert?
Im Theater kann man eine Empathie für die Sinnlosigkeit entwickeln. Mich hat es mit 16 total gepackt, als ich „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller gesehen habe – und zwar kurz nachdem mein Vater arbeitslos geworden war. Das war Wahnsinn für mich, weil ich erkannt habe, dass wir nicht die Einzigen sind, denen es dreckig geht. Dadurch habe ich mich anerkannt gefühlt, mein Interesse war geweckt. Das Theater hat mir die Möglichkeit gegeben, zu lesen, mich als Mensch zu entfalten. Das Theater hat mir überhaupt sehr viel gegeben. Ich werde nicht sagen, dass das Theater effektlos ist. Ich bin selbst ein Beispiel dafür, dass es etwas bringen kann. Das Theater kann dich mit Texten und Gedanken konfrontieren, die dein Leben umkrempeln können. Gleichzeitig gibt es keine Antworten auf die Fragen von Leben und Tod, die wir uns in der Religion, in der Philosophie, in der Literatur, die wir uns eigentlich permanent stellen. Auch das Theater wird am Ende keine Antwort geben können. Es geht vielmehr um die lebendige Begegnung von Mensch zu Mensch. Es gibt kein Dogma. Wir gehen alle mit den gleichen Fragen wieder hinaus. Das Einzige, was uns verband, war die Suche.

Warum möchtest du zusätzlich zu deinen zwei Yogalehrerausbildungen noch eine dritte machen?
In 3 Jahren werde ich 60. Mein Traum wäre es, dann weniger am Theater zu sein und viel mehr Yoga zu machen. Mein Vertrag am Thalia Theater läuft noch bis 2019. Ab dann möchte ich eigentlich nur noch
6 Monate pro Jahr fürs Theater arbeiten und die übrige Zeit durch die Welt reisen und Yoga üben.

Heißt das, dass du theatermüde wirst?
Nein gar nicht (lacht). Ich bin nicht theatermüde, ich will nur keinen so vollen Terminkalender mehr haben. Ich brauche mehr Zeit für mich. Schon jetzt arbeite ich 3 Monate im Jahr nicht, in denen ich mich hauptsächlich mit Yoga beschäftige. Aber das reicht mir nicht. Ich möchte viel länger einfach nichts tun – und sitzen.

Du probst an den Münchner Kammerspielen gerade für J. M. Coetzees „Schande“. Das ist harter Stoff mit schweren Konflikten, sei es zwischen Mann und Frau, Schwarz und Weiß oder Mensch und Tier. Was fasziniert dich an diesen komplizierten Grundsatzfragen?
Ich glaube nicht, dass das schwere Themen sind. Wir begegnen diesen Konflikten tagtäglich. In diesem Stück geht es um Demut, um die Akzeptanz der Tatsache, dass man alt wird, und die Frage, wie man seine Ruhe finden kann. Das ist das, was die Hauptfigur nicht schafft. Er wird konfrontiert mit der Natur, wie viele Menschen, die zum Beispiel durch eine Krankheit gezwungen werden, ihre Vergänglichkeit zu akzeptieren. Das ist doch ein alltägliches Thema. Was das Buch so heftig macht und warum ich das Stück jetzt zum zweiten Mal inszeniere, ist, dass meiner Meinung nach eine sehr buddhistische Übung enthalten ist. Was da zwischen weißen und schwarzen Menschen passiert, ist nur möglich, weil die eine Rasse glaubt, sie sei besser als die andere. Ein Gedanke, den viele mit sich herumtragen. Ich führe gerne die Fußball-WM als Beispiel an. In dem Moment, in dem „unsere“ Nationalmannschaft gesiegt hat, fühlt sich das ganze Land besser als das Land, das verloren hat. Die Not, sich über andere zu stellen und sich unangreifbar zu fühlen, sitzt in uns allen sehr tief. Was ich zum Beispiel total faszinierend an der Hauptfigur finde, ist, dass er seine Gedanken ungefiltert von sich gibt. Er urteilt dauernd und denkt, er sei klüger und weiter als andere. Bei den Proben bekomme ich ständig zu hören, wie ekelhaft dieser Mensch doch sei. Und ich frage mich, warum der ekelhaft sein soll? Beobachte doch mal deine eigenen Gedanken, wenn du in der S-Bahn stehst und Leute anschaust. Wie oft liegt dann Hochmut und Missachtung in deinem Blick? Wie oft verurteilst du jemanden vorschnell? Das ist ein Thema, das für mich absoluter Alltag ist.

Die Frage ist also auch, wie viel Mitgefühl der Mensch entwickeln kann?
Absolut. Wo liegt die Grenze zwischen Bewusstsein und Selbstkon
trolle? Ab dem Moment, in dem mein Kind angegriffen wird, werde ich zum Tier. So funktioniert jeder Krieg. Und jede Kriegsrhetorik basiert auf der Aussage: Sie werden kommen und DEINE Frau, DEINE Kinder und so weiter töten. Und alle stehen sofort mit Stiefeln und Waffen bereit. Davon handelt das Stück. Dass der Typ, der am Anfang in seinem Elfenbeinturm sitzt und alles unter seiner intellektuellen Kontrolle zu haben scheint, immer stärker greift, je mehr er verliert. Er muss besitzen. Ohne Besitz findet er keine Ruhe. Klar, der Text extrapoliert das extrem, aber am Ende sind diese Aspekte so universell und menschlich, dass sie uns alle betreffen. Das Tolle an „Schande“ ist doch, dass überhaupt keine Antworten gegeben werden.

Die Suche nach den Antworten wirst du dennoch nicht aufgeben, obwohl du weißt, dass du sie nicht finden wirst?
Nein, man wird sie nicht finden. Aber ich freue mich wahnsinnig auf das Abenteuer und die Menschen, denen ich auf meinem Weg noch begegnen werde.

Bilder: über Luc Perceval


Luk Perceval ist seit 2009/10 leitender Regisseur am Thalia Theater in Hamburg. 2013 wurde er in der Kategorie „Regie Schauspiel“ mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. Er ist Yin- und Mindfulness-Yogalehrer und gibt an dem Ort, an dem er gerade inszeniert, Yogaworkshops für interessierte Menschen aus dem Theaterumfeld.

Mantra für Mitgefühl: N°3

Om Mani Padme Hum

Das Mantra verkörpert das Mitgefühl und bietet starken Schutz vor negativen Einflüssen aller Art. Es vervollkommnet das Handeln aus dem Herzen: Großzügigkeit, harmonisches Verhalten, Geduld, Enthusiasmus, Konzentration und Einsicht.


Quelle: Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, S. Fischer Verlag. 05 – 2009


Foto von Christina Morillo von Pexels