David Lynch: Erleuchtung ist unser Geburtsrecht

Nach der ästhetischen Revolution der Fernsehserie und drei Oscar-Nominierungen hat sich David Lynch ein neues Ziel gesetzt: die Erleuchtung der Menschen. Nach Überzeugung des Meisterregisseurs führt der Weg dahin über die Transzendentale Meditation (TM) nach Maharishi Mahesh Yogi, die Lynch seit 1973 praktiziert.

YOGA JOURNAL: Seit einigen Jahren sind Sie als Filmemacher weniger präsent und treten verstärkt als Botschafter der Transzendentalen Meditation auf. Warum?
DAVID LYNCH: TM liegt die Idee ­zugrunde, dass wir als Menschen ­Erleuchtung erlangen können. Die ­Vorstellung, dass wir nur fünf bis zehn Prozent unseres Gehirns nutzen, hat mich immer wahnsinnig gemacht. Wozu dient dann der Rest dieses Organs, und wie kann man ihn aktivieren? Was ist das Maximum, das wir erreichen können? Der Mensch ist für höchste Erleuchtung vorgesehen und regelrecht dafür konstruiert. Erleuchtung ist unser Geburtsrecht. Echtes Glück liegt nicht außerhalb von uns, sondern in unserem Inneren. TM ist eine mühelose, äußerst tiefgehende Technik, die den Geist nach innen richtet und uns subtile Schichten des Bewusstseins und des Intellekts erfahren lässt. Inzwischen kann die Hirnforschung den Effekt sogar wissenschaftlich belegen.

Angesichts Ihrer Filme kann man Ihnen eine Affinität zum Unbewussten zusprechen. Fiel Ihnen Meditation von Anfang an leicht?
Meditation war für mich immer etwas, das schwer zu praktizieren ist und einen Rückzug vom Leben bedeutet. Maharishi dagegen wandte sich an die Menschen, die im täglichen Leben stehen. Für TM braucht man keine Höhle, sondern absolviert am Morgen und am Abend eine 20-minütige Sitzung mit einem persönlichen Mantra. Das ist äußerst einfach und führt uns zu dem, was immer da war und immer da sein wird – uns selbst. Man schließt die Augen und los geht’s. Kinder, Erwachsene und sehr alte Menschen – alle können es tun.

Wie hat es Ihr Leben verändert?
Grundlegend. Bevor ich mit TM anfing, war ich ein Choleriker und beim ­Filmemachen von Ängsten und Selbstzweifeln erfüllt. Natürlich könnte man sagen, dass diese Dinge mit zunehmendem Erfolg automatisch einfacher werden. Aber der Unterschied ist weniger, was passieren sollte. Die Dinge, die mich früher belasteten, genieße ich jetzt regelrecht. Das Leben ist zu einem wunderschönen Spiel geworden. Maharishis Analogie wäre: Bewässere die Wurzeln und genieße die Frucht. Oder anders: TM ist die Tankstelle, bei der ich mir jederzeit neue Energie holen kann.

Sind Sie dank TM als Künstler subtiler ­geworden? Sind Ihre Filme von einem höheren Bewusstsein getragen?
Das weiß ich nicht. Wenn man mit Meditation beginnt, kommen die Ideen allerdings aus einer tieferen Ebene. Die Intuition, das wichtigste Werkzeug eines Künstler, wird intensiver. Denken und Fühlen gehen eine starke Verbindung ein. Es gibt weniger Angst, Zweifel, Stress, all die Dinge, die Kreativität verkümmern lassen. Man genießt seine Arbeit um so viel mehr. Wie alles andere auch. Außerdem komme ich mittlerweile leichter mit meinen Mitmenschen zurecht.

Beim Filmemachen nicht ganz unwichtig.
Auf dem spirituellen Weg sieht man ­Menschen und ihre Probleme anders und entwickelt mehr Mitgefühl und ­Verständnis für das Menschsein an sich. Es gibt keine Feinde mehr.

Meditation als Patentlösung für kreative ­Sackgassen?
Mein Freund Charlie Lutz, der frühere Leiter des TM Centers in L.A., wo ich anfing, sagte: „Meditiere und konzen­triere dich anschließend auf das Problem.“ Wenn du in der Meditation nach Ideen suchst, blockiert das den Prozess. Aber wenn du dich danach fokussierst, findest du sehr wahrscheinlich neue Einfälle. Deine Konzentration ist wie ein Magnet oder wie ein Köder, der Fische anzieht. Die Intention füllt sich mit Realität. Man kann natürlich auch während eines Spaziergangs im Hof auf Ideen kommen. Aber Meditation fördert Verständnis, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit.

Gibt es ein Beispiel für eine bestimmte Idee, die Sie beim Meditieren bekommen haben?
Ja, ich erinnere mich genau an Szenen für „Mulholland Drive“, die mir während einer Sitzung kamen. Zu dem Zeitpunkt existierte der Film nur als Pilot für ein TV-Format. Plötzlich erhielt ich grünes Licht, ihn für das Kino zu drehen. ­Leider fehlten mir die Ideen zur Umsetzung. Eines Abends saß ich in meiner gewohnten Meditation, und völlig unvermittelt tauchten Ideen auf, in einer fast perfekten Sequenz. Ich beendete die Session, schrieb die Einfälle auf, und es war perfekt. Die Szenen betrafen den Anfang, die Mitte und das Ende des Films. Sie passten perfekt zum bereits vorhandenen Material und gaben der Produktion Kinocharakter.

Manchmal wird TM in den gleichen Topf geworfen wie Scientology. Stört Sie das?
Es gibt haufenweise Missverständnisse und so viel Ignoranz zu allen ­möglichen Themen, also auch in ­puncto TM. Die Kritiker sollten ein paar Minuten Zeit nehmen und ansehen, was dadurch erreicht wurde. Von Anfang an ­unterstützte Maharishi die wissenschaftliche Erforschung seiner ­Methode, er wollte sie in jeder Hinsicht studieren lassen. Mittlerweile gibt es rund 700 Studien über die Technik und ihren Nutzen, die sie objektiv belegbar machen. ­Aufgrund ihres ganzheitlichen Charakters ­verbessert sie das Leben und verringert Negativität. Das ist wissenschaftlich erwiesen und sollte Kritiker von ihren Vorurteilen abbringen. Man muss nicht unbedingt daran glauben. Aber zumindest mal ausprobieren. Wenn man dann erfährt, was Transzendenz bedeutet, ist man automatisch auf der Schnellstraße in Richtung eines besseren Lebens. Eines einfacheren, freudigeren Lebens. Skepsis ist in Ordnung, aber sie sollte die Menschen dazu bringen, dass sie sich die Dinge näher anschauen. Sie sollte keinen von etwas Gutem abhalten. Man kann sich einen zertifizierten TM-Lehrer suchen und anfangen, sein Leben zu verändern.

Warum ist der Einführungskurs so teuer?
Die Organisation hat so viele ­Programme und Einrichtungen, die unser Leben grundlegend verändern können – um es mit Maharishis Worten zu sagen –, den Himmel auf Erden zu erreichen. Die Gebühr ist hoch, aber es ist eine Investition auf Lebenszeit. Man könnte sich vom gleichen Geld ­natürlich auch ein Auto kaufen. Das hält allerdings nicht so lange vor.

Sehen Sie sich als TM-Missionar?
Nein, ich will niemanden ­überzeugen. Nach innen zu gehen ist keine ­Religion. Bevor ich selbst anfing, hielt ich Meditation für Unsinn und ­Zeitverschwendung. Meine Erfahrung war aber eine andere. Sobald Menschen diese Erfahrung haben, wollen sie tiefer ­eintauchen. Dann ist es ihnen egal, was es kostet.

Mit ihrer Stiftung wollen Sie TM ­flächendeckend an die Schulen bringen.
Weil sich die Situation an unseren ­Schulen enorm verschlechtert hat. Schüler leiden schon in jungem Alter an Stress, Lernschwierigkeiten treten immer häufiger auf. Den Kindern geht es nicht gut, und niemand tut etwas dagegen. Die Regierungen haben keine Ahnung, sie geben lieber das Geld für so genannte „Verteidigung“ aus. Transzendentale Meditation ist hier eine Lösung. Sie hilft den Schülern, sich mit dem Atman, ihrem Selbst, in Verbindung zu setzen. So kann jeder einzelne sein volles Potenzial entfalten.

Dass Lynch‘sche Filmuniversum ist voller Schatten und Extreme. Warum handeln Ihre Filme meistens von etwas ganz anderem als Frieden?
Ein Film, der von Anfang bis Ende nur von Frieden handelt, erzählt doch keine richtige Geschichte. Filme und Geschichten stecken immer voller Konflikte und Gegensätze, genau das macht sie ja interessant. Allerdings wollen wir dieses Leid nicht in unserem eigenen Leben haben. Wenn du krank und müde bist, kannst du nichts schaffen. Das Ziel ist nur, diese negativen Faktoren des menschlichen Daseins zu verstehen und dann daraus etwas zu gestalten – dank der Qualitäten, die dir TM vermittelt.

Wie gehen Sie persönlich mit Ärger und ­Krisen um? Sind Sie frei von „bad vibes“?
Auch ein vollständig erleuchteter Mensch kann Ärger verspüren, aber es muss einen Grund geben. Die meisten Menschen fühlen Wut. Entscheidend ist aber, ob wir daran festhalten oder das Gefühl loslassen können. Ob wir es in Granit meißeln oder ins Wasser legen. Dann kann man immer Aufwallungen von Hass oder Depression erleben, aber diese Emotionen sind weniger nachhaltig. Das Leiden wird geringer. Maharishi und viele andere Gurus sagten: Die Menschen sind nicht zum Leid geboren. Glückseligkeit ist unsere Natur. Wir sind zum Glück geboren. Es bedeutet nicht, dass du ständig eine Superlaune hast. Du bist einfach nur von tiefer Seligkeit erfüllt, die dich alles Tun genießen lässt.

Bei welchen Ereignissen hat Ihnen TM konkret geholfen?
Wenn du meditierst, ereignen sich trotzdem die gleichen Dinge in deinem Leben. Der Unterschied ist, wie du mit diesen unvermeidlichen Geschehnissen umgehst. Ich habe selbst bei Dreharbeiten manche Katastrophe erlebt: Bei „Der ­Elefantenmensch“ 1980 wollte ich das Make-up selbst machen, aber das haute überhaupt nicht hin. Vier Tage lang schwebte ich in Ungewissheit, ob man mich feuern würde. Aber dann stellte Produzent Mel Brooks einen Spezialisten dafür ein, der die Situation rettete. Das Schlimmste war aber die Zeit von „Dune – Der Wüstenplanet“ 1984. In diesem Fall wusste ich, dass ich meine Seele verkauft hatte, denn ich hatte nicht das Recht auf den Endschnitt. Damals stand ich am Rande des Selbstmords, denn ich identifiziere mich so sehr mit meinen Filmen. Aber wenn es etwas schiefgeht und ich ratlos bin, hält mich TM davon ab, eine Klippe herunterzuspringen. Doch ­allmählich wird es besser. Es gibt den Spruch: „Die Welt ist genau so, wie du selbst bist.“ Wenn du eine dunkelgrüne, schmutzige Brille trägst, siehst du auch die Dinge so. Wenn du aber in den Ozean des reinen Bewusstseins eintauchst und all diese positiven Erfahrungen machst, bekommst du eine rosa Brille. So siehst du dann auch die Welt. Damit wird dein Leben automatisch schöner.

Foto: Adrian Stähli


David Lynch

Wild At Mind: Durch die Serie „Twin Peaks“ und traumwandlerische Filme wie „Blue Velvet“, „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ wurde David Lynch zu einem der stilbildendsten -Hollywood-Regisseure der letzten 30 Jahre. Seit 1973 praktiziert er TM, doch erst 2005 begann er sich öffentlich für die Organisation zu engagieren. Er -gründete die „David Lynch Stiftung für bewusstseinsbasiertes Lernen und Weltfrieden“, um TM an öffentlichen Schulen einzuführen. 2007 ging er auf Europatournee, um in zahlreichen Ländern TM-Universitäten zu gründen. Dabei wurde er unter anderem vom französischen, israelischen und österreichischen Regierungschef persönlich empfangen. 

Jason Kalidas im Interview: “Du fühlst dich gut – aber was dann?”

Auf der Tabla und mit der Bansuri-Flöte zelebriert Kirtan-Künstler Jason Kalidas die heilende Kraft der Musik. Und zwar jeder Musik. „Mantren nutzen niemandem, der gerade Punk braucht“, so der Musiker aus Brighton, dessen Spiel man leicht als „virtuos“ beschreiben könnte – fände er selbst solche Kategorien nicht absolut unbedeutend.

Jason Kalidas könnte gerade sehr erschöpft sein. Ausgelaugt von einem intensiven Retreat im Seminarhaus Höllbachhof bei Regensburg, wo er in Zusammenarbeit mit der Münchner Yogalehrerin Regina Gambarte 20 Teilnehmer durch einen dreitägigen Detox-Workshop führte. Aber Erfahrungen wie diese sieht Jason als Energiequelle. Mehrere Monate im Jahr ist der Musiker aus Brighton weltweit auf Tour, um Solo-Konzerte zu geben, mit befreundeten Musikern auf Kirtans zu spielen oder mit therapeutischer Musik und „sacred sound“ die Arbeit von Yogalehrern zu ­unterstützen.
„Jasons Sound ist gleichzeitig fließend und feurig, geerdet und ätherisch“, sagt Dave Stringer über den Percussionisten und Bansuri-Spieler, der mit 20 Jahren nach Indien ging, in klassischer indischer Musik ausgebildet wurde, später mit Bhagavan Das tourte und den Kirtan für sich entdeckte.

YOGA JOURNAL: Diverse Lebensgeschichten gehört, ein paar Krisen miterlebt und schließlich die positive Wirkung ­gesehen, die die Gruppe aus deiner Arbeit gezogen hat – all das in drei ­Tagen. Wie geht es dir am Ende eines Retreats, wenn diese intensive Gemeinschaftserfahrung vorbei ist?
JASON KALIDAS: Hervorragend. Ich empfinde diese Situationen als ungemein bereichernd, ihr Effekt geht über die eines Konzerts oder Kirtans hinaus. Bei den Teilnehmern entwickelt sich ein tief gehender Prozess – von außen betrachtet lässt sich das gesamte Ausmaß dieser intensiven Innenschau nur in Ansätzen wahrnehmen.

Wie stark bringst du dich selbst in diese Entwicklung ein? Gibt es dabei eventuell etwas, wovor du dich schützen musst?
Absolut nicht. Ich bringe immer 100 Prozent von mir ein und wüsste nicht, wovor ich mich schützen müsste. Im Gegenteil – ich hoffe immer, noch mehr geben zu können. Denn je tiefer ich in die Musik eintauche, desto mehr merke ich, dass es dabei nicht um mich oder den Einzelnen geht. Die Musik passiert einfach, und es ist völlig unerheblich, woher sie kommt.

Aber du produzierst den Sound, und zwar auf eine ganz ­besondere Weise mit besonderer Wirkung.
Trotzdem ist das nichts Besonderes. Ich sage nicht, dass da nichts Magisches im Spiel ist, aber ich mag generell diese Gegenüberstellung nicht: Ich, das Genie, spiele, und du sitzt da und staunst ergriffen. Es passiert etwas ganz Spezielles, aber der Ursprung liegt nicht bei mir, höchstens seine Form. Je großartiger meine oder irgendeine Musik ankommt, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sie nicht mir gehört, sondern ganz andere Räume einnimmt. Das nimmt ihr nichts von ihrer Besonderheit, aber der Trick ist, sich nicht damit zu identifizieren. Um das zu üben, habe ich habe mir angewöhnt, jedes Mitglied des Publikums als Lehrer zu sehen.

Der Begriff ist strapaziert, aber trotzdem die Frage: Würdest du deine Musik als „spirituell“ bezeichnen?
In den Ritualen fast aller Kulturen hat Musik schon immer eine wichtige Rolle gespielt, also kann man jede Musik als „spirituell“ bezeichnen. Die Sehnsucht nach Einheit ist ein natürlicher Impuls, der manche auch zu Drogen greifen lässt. In der Sufi-Tradition und anderen Kulturen nutzen die Menschen den Klang, um sich durch Tanzen in Trance zu versetzen und die Grenzen der Persönlichkeit zu überwinden. Das Gleiche passiert allerdings auch beim Punk-Konzert, im Electro-Club oder wo immer sich Menschen komplett einer Musik überlassen. Du vergisst dein Selbst und gehst mit gleich gesinnten Leuten in dieser Gruppen­energie auf. Das beschließen wir nicht im Sinne von „so, jetzt vergessen wir uns mal alle“, sondern es passiert
einfach.

Welche Rolle spielt dabei der individuelle Musiker?
Ich kann nur für mich sprechen. Je regelmäßiger ich meine Musik übe, je mehr Regelmäßigkeit und Wiederholung es gibt, desto größer wird die Eigendynamik, ähnlich wie das Japa beim Mantrensingen. Die Illusion, dass ich dabei etwas tue, wird durch das Staunen über die unfassbare Schönheit der Musik ersetzt. So seltsam es klingt: Es entsteht etwas Höheres, und der Gedanke, dass du das „machst“, wird langweilig. Der Gedanke an die eigene Großartigkeit ist begrenzt. Klar, er gibt dir eine Zeit lang ein gutes Gefühl, aber was dann? Die Freude an etwas Größerem, das dieses Erlebnis verursacht, ist nachhaltiger.

Sollte das Ego in der Musik also zurücktreten?
Das macht sie auf jeden Fall offener. Dabei hilft, dass wir das Konzept überwinden, dass uns etwas „gehört“. Musik ist dafür ein gutes Beispiel: Sie gehört niemandem sondern allen. Gleichzeitig ist sie das perfekte Mittel, das Ego aufzubauen – extremerweise in der Identifikation als „Star“. Ein Rock- oder Popstar ist eine öffentliche Figur, die bewirkt, dass sich Massen von Leuten gut fühlen. Aus dem Gefühl heraus, dass du persönlich dafür verantwortlich bist, schicken sie dir massenweise Energie und sagen dir, wie großartig du bist. Das kann süchtig machen. Es nährt das Ego, das sich damit immer realer fühlen kann. Denn das ist es, was es braucht: Es möchte fühlen, dass es da ist. Es braucht Input von außen, um sich zu formen. Guten oder schlechten, das ist dem Ego egal, solange es sich manifestieren kann. Deshalb gibt es Yogis, die sich für lange Zeit in Höhlen zurück ziehen – dort gibt es keine Einflüsse, die das Ego strukturieren. Es kann sich an nichts festhalten und sich dadurch immer mehr auflösen.

Ist Kirtan mit seinem Gemeinschafts-Gedanken für dich die ­ideale Form der Performance?
Derzeit spiele ich tatsächlich mehr Kirtan als Solokonzerte. Mir gefällt dabei, dass das Publikum unkompliziert teilhaben kann. Singen öffnet sowieso immer das Herz. Dazu das traditionelle Verständnis von Sanskrit: Es gibt die Auffassung, dass man in anderen Sprachen über etwas spricht – im Sanskrit wird man aber zu der Sache, die man ausspricht. Om Namah Shivaya: Hier sprechen wir nicht über Shiva, sondern lassen seine Energie in uns klingen. Diese Verschmelzung von Subjekt und Objekt geht zu uralten Ideen zurück, nach denen alles Klang ist.

Zusätzlich interessierst du dich sehr für die therapeutische Qualität von Musik.
Ja, und zwar jeder Musik. Seit Jahrtausenden wissen wir, dass Musik heilende Wirkung hat. Auch Heavy Metal und andere vordergründig „dunkle“ Sounds: Musik hilft uns dabei, emotional aufzuräumen. Es macht keinen Sinn, einen Metal-Fan zum Kirtan zu schleppen. Er braucht anderen Input, um damit umzugehen, was in ihm und in seinem Umfeld passiert.

Auch deine Klangmassagen mit dem Didgeridoo, die du in Workshops und Retreats anbietest, dürften ihn nicht unmittelbar ansprechen…
Vermutlich. (lacht) Diese „sound baths“ sind eine gute Ergänzung zu meiner Arbeit mit Yogalehrern. Elemente einer typischen Stunde wären: Sonnengruß mit Live-Tabla, erholsame Haltungen mit indischen Ragas auf der Flöte, Stimmarbeit mit dem Harmonium und während Savasana individuelle Klangmassagen mit dem Didge. Der durchdringende Sound des Didgeridoo kann tief sitzende Blockaden lösen – und das ist sicher nicht nur für Yogis interessant.

Bilder über Jason Kaildas


Alle Termine, Hörproben und Jasons aktuelle Solo-CD gibt es unter www.jasonkalidas.com.

Mantra für göttliche Erleuchtung: N°4

Om Bhur Bhuvah Svaha Tat Savitur Varenyam Bhargo
Devasya Dhimahi Dhiyo Yo Nah Prachodayat
Om. Wir meditieren über den Glanz des alles durchdringenden Lichts, den Urgrund der drei Welten: Erde, Luftraum und himmlische Regionen. Möge es unsere Gedanken und Absichten erhellen und uns die höchste Wahrheit erkennen lassen.
 

 


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 06 – 2009


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Teacher Training? 3 Fragen an Barbara Noh

Immer mehr Yoga-Übende streben eine Ausbildung zum Yogalehrer an. Doch welches Teacher Training ist das richtige? Dazu drei Fragen an Barbra Noh, Anusara-inspired Yogalehrerin und Ausbilderin.

YOGA JOURNAL: Wie schätzt du vierwöchige Intensiv-Kurse ein? Kann man danach wirklich als Yogalehrer unterrichten?
BARBARA NOH: Ein vierwöchiger Kurs kann ein wunderbarer Anfang oder eine Ergänzung sein, idealerweise bildet man sich danach noch weiter. Man wird mit den Basics wie Pranayama, Meditation oder Chanting vertraut gemacht. Ich habe selbst einen Intensivkurs absolviert, bevor ich später eine Anusara-inspired Ausbildung begonnen habe. Dabei lernt man das Alphabet des Yoga, kann danach aber noch lange keine Gedichte schreiben. Viele Menschen suchen in erster Linie eine tiefere Erfahrung mit Yoga, ohne später unterrichten zu wollen. Im Anusara Yoga werden dafür „Immersions“ angeboten – Intensivkurse, in denen Yogapraxis- und Wissen vertieft werden.

Wie finde ich das passende Teacher Training für mich?
Ich empfehle, verschiedene Schulen, ­Studios und Lehrer anzuschauen. Welchen Stil möchtest du später unterrichten und welche Lehrer inspirieren dich? Ich habe die Lehrer, die ich hervorragend fand, immer gefragt, wo und bei welchem Lehrer sie ihre Ausbildung gemacht haben. So kam ich zum Anusara Yoga und meinen Lehrern.
Info-Abende von verschiedenen Ausbildungsprogrammen helfen bei der Orientierung. Im Idealfall gibt es eine Liste mit ehemaligen Absolventen, die für Gespräche zur Verfügung stehen. Frage nach dem Unterrichtsplan und finde heraus, ob die Gewichtung der einzelnen Unterrichtseinheiten deinen Vorstellungen entspricht. Um einen Überblick zu bekommen, besorge dir das Manual. So kannst du nachzuvollziehen, was genau behandelt wird.

Welche Kriterien sollte ein Teacher Training ­erfüllen?
Das Verhältnis von Theorie und Praxis sollte ausgeglichen sein. Zur Theorie gehören Philosophie und Ethik, Anatomie und Physiologie sowie Didaktik, zur Praxis Asanas, Pranayama und Meditation. Nach der Ausbildung, die meist 200 Stunden umfasst, ist es sinnvoll, eine Assistenzzeit zu absolvieren – besonders für Menschen ohne Unterrichtserfahrung. Viele Programme sind außerdem durch die Yoga Alliance, den BDY (Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland) oder Wheel of Yoga zertifiziert. Das ist eine gute Orientierung, aber es gibt durchaus empfehlenswerte Ausbildungen, die nicht von namhaften Verbänden zertifiziert sind.


Barbra Noh leitet seit 2000 eigene Kurse und Retreats. Informationen zu Ausbildungsprogrammen unter: www.yogaalliance.org

Tanz der Moleküle: Kirtan ist pure Chemie

Schauplatz: Pod Nachtclub, Dublin. Es ist etwa 25 Minuten her, seit mein Freund und ich ein „E“ eingeworfen und mit Bacardi Cola runtergespült haben. Mittlerweile sind wir auf Wasser umgestiegen, denn Alkohol verdünnt den sauberen Rausch von Ecstasy. Wir warten darauf, dass uns die Pille einfährt. Wir lächeln und nicken bekannten Gesichtern zu, während sich der Club langsam füllt. Später – wenn wir alle drauf und offen sind – werden wir uns umarmen und uns an den Händen halten, während wir zu den treibenden House-Beats tanzen. Aber im Moment fühle ich mich noch ein wenig ängstlich und etwas verkrampft – wie meistens, wenn ich auf die Wirkung des Rausches warte. Noch können wir uns nicht in den Rythmus der Musik fallen lassen. Also stellen wir uns an den Rand der Tanzfläche, nippen an unseren Wasserflaschen und wippen mit dem Fuß im Takt. Bis uns mit einem Knall das Zeug einfährt. Für einen Augenblick wird mir schlecht, mein Mund ist trocken, mein Kiefer zittert. Jetzt sind es nur noch ein paar Minuten, bis der Rausch einsetzt und es richtig abgeht.

Mein Herz dehnt sich aus, mein Kopf ist ganz klar, ich werde zu flüssigem Gold. Jetzt muss ich tanzen. Die Musik beherrscht mich, pulsiert durch meine Adern, meine ganze Existenz verschmilzt mit dem Rhythmus. Ich surfe auf einer Welle aus Liebe und Glück. Ich spüre eine Verbindung zu allen Menschen um mich herum. Gerade gibt es nur den Moment.

Ich bin Liebe.
Kontrastprogramm am nächsten Morgen: Die Euphorie ist verebbt, der Tag präsentiert sich in verschiedensten Grautönen, aber der nach wie vor leichte Rauschzustand und die Erinnerung an gestern machen ihn erträglich. Nach drei Tagen haben sich die Chemikalien aus meinem Körper verabschiedet, ich komme vollständig runter und versinke im Blues.

Ausgehen und eine Pille zu nehmen bedeutete für mich immer, das wahre Wesen von Gemeinschaft zu erfahren. Doch das Runterkommen war der Horror, und  irgendwann begann ich, mich um das Wohl meine Gehirnzellen zu sorgen. Mit der Zeit wurde es mir wichtiger, den Dingen intellektuell auf den Grund zu gehen, als einem chemisch hervorgerufenen Rausch nachzujagen: Ich tauschte das wilde Partyleben gegen das Studium der Philosophie.
Ich rate niemandem dazu, Ecstasy zu nehmen. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich diese Zeit bereue. Auf „E“ erlebte ich etwas, das ich zuvor nicht gekannt hatte: Das Gefühl, ­wahrhaft mit anderen Menschen verbunden zu sein und dass mein Herz vor Liebe explodiert. Es war zweifellos spirituell: Ich überwand meine festgefahrenen Meinungen und meine soziale Befangenheit, um Teil von etwas zu werden, das viel größer war als ich. Erst viele Jahre später durfte ich erfahren, dass ich diese überbordende Freude und dieses Gefühl der tiefen Verbindung auch ohne Drogen empfinden konnte. Bei einem Kirtan anlässlich des ersten Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September im Moksha Yoga Center in Chicago haute mich der Gesang einfach um. Mein Herz fühlte sich an, als sei es aufgesprengt worden. Es zerriss mich fast vor Liebe. Ganz ohne „E“ wie früher in den Clubs von Dublin und London: Diesmal sang ich in einem Yogastudio zu Gott. Später an diesem Abend lag ich wach und konnte – wie früher nach einem Ecstasyrausch – nicht schlafen. Ich wusste ohne jeden Zweifel: meine Seele war „nach Hause gekommen“.

Diese offenbarenden Glücksmomente hatten zwar unterschiedliche Auslöser, aber auf molekularer Ebene liegen allen unseren emotionalen und physiologischen Zuständen chemische Verbindungen zugrunde. Drogen verändern unsere Biochemie und damit auch unsere Gefühle. Das gemeinschaftliche Mantrensingen aktivierte meine Biochemie auf ähnliche Weise wie der Konsum von Ecstasy. Erst im Zuge meines wachsenden Interesses für Yoga-Philosophie begann ich die ­komplexen Verbindungen zwischen
Körper, Geist und Gefühlen zu verstehen.

Als Philosophie-Doktorandin gelang es mir zu meinem Leidwesen oftmals nicht, meine intellektuellen Überzeugungen und mein wachsendes spirituelles Verständnis miteinander zu vereinbaren. Erst nachdem ich fast mein halbes Leben der analytischen Philosophie gewidmet hatte, folgte ich meinem Herzen und entschied mich gegen absolute Erklärungen und für den Weg der „göttlichen“ Erfahrung. Doch mit der Abkehr von der akademischen Philosophie begann ich deren Kreativität umso mehr zu schätzen. Wie eine Bildhauerin einer kreativen Vision eine Form verleiht, schafft eine Philosophin Bedeutung, indem sie Konzepte benennt. Für die Seele spielt es keine Rolle, wie sie sich manifestiert – Hauptsache, sie tut es. Herz und Kopf, Wissenschaft und Spiritualität müssen sich nicht widersprechen. Lediglich unser begrenztes Verständnis und die Art, wie wir die Welt interpretieren, lassen uns oft zu diesem Schluss kommen.

Gott ist in den Molekülen
In ihrem Buch „Moleküle der Gefühle“ (auf dem der Kultfilm „What The Bleep Do We Know?“ basiert) stellt die Neuropharmakologin Candace Pert die strittige These auf: Gott ist ein Neuropeptid. Dahinter steht Perts wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Endorphinrezeptoren im Gehirn. Daraus schließt sie, dass wir Menschen zum Glücklichsein programmiert sind. Dieser Ansicht zufolge ist das Gefühl von Glück Teil unserer Physiologie. Der Geist übersetzt biochemische Veränderungen in Gefühle. Endorphine und andere Neuropeptide sorgen dafür, dass es uns gut geht. Kurz gesagt: Die Biochemie unserer Körpers ist der Schlüssel zur Glückseligkeit. Peptide sind Proteinmoleküle, die ­Informationen mit Hilfe von chemischen Botenstoffen durch den Körper leiten. Von diesen chemischen Botenstoffen gibt es zwei verschiedene Arten: Liganden und Rezeptoren. Ein Ligand ist ein chemisches Molekül, das sowohl natürlicher als auch synthetischer Herkunft sein kann und sich an ein Protein bindet. Rezeptoren sind Verbindungsstellen, meist auf der Zelloberfläche, die durch die Bindung des Liganden ein Signal übertragen. Liganden wandern durch unseren Körper, um sich mit den Rezeptoren zu verbinden und eine neue Informationseinheit mit einer neuen chemischen Formel zu bilden. Die dadurch ausgelöste Reaktion und Interaktion erlaubt uns, eine Veränderung unserer Biochemie auf Zellebene auch als Veränderung der Gefühle zu erleben. Peptide sind also körpereigene Drogen. Wenn diese Drogen vom Körper selbst produziert werden, bezeichnet man sie als endogen.

Das Hormon Oxytozin ist eines der endogenen Peptide, deren Produktion durch den Konsum bestimmter Drogen angeregt wird. Auch beim Sex wird es vermehrt ausgeschüttet – es unterstützt die Paarbindung und fördert Gefühle wie Vertrauen. Oxytozin wird aber auch während der Geburt und der Stimulation der Brustwarzen ausgeschüttet. Es unterstützt mütterliche Verhaltensweisen, fördert Einfühlungsvermögen und das Gefühl der Verbundenheit mit anderen.
Endorphine gehören ebenfalls zu den Peptiden. Endorphine sind körpereigene Opiate, die das Schmerzempfinden verändern können und ein wohliges Gefühl verursachen. Akkupunktur und Massage können Schmerzen lindern, indem sie die Ausschüttung von Endorphinen ins Rückenmark stimulieren. Auch Ausgleichssport wie Joggen oder Hatha Yoga regt die Endorphinproduktion an. Mit bestimmten Atemtechniken lässt sich derselbe Effekt erzielen.
Peptide sorgen für die Signalübermittlung im sogenannten periaquäduktalen Grau (PAG), einem Teil des Mittelhirns, das für Schmerzempfinden und Schmerzregulierung zuständig ist. Wird das PAG stimuliert, schüttet es Serotonin und Enkephalin (ebenfalls ein Opiat und Schmerzhemmer) aus. Spezielle Atemtechniken, die beispielsweise bei der Geburt, beim Yoga oder während der Meditation zum Einsatz kommen, beeinflussen das PAG und erhöhen die Schmerzgrenze. Eine Veränderung der Atemfrequenz und -tiefe wirkt sich ebenfalls auf die Ausschüttung der Peptide aus. Schnelles Atmen und angehaltener Atem beschleunigen die ­Peptidverteilung im Knochenmark und sorgen für vermindertes ­Schmerzempfinden.

Unser intuitives Verständnis für die enge Verbindung zwischen Körper und Gefühlen vermittelt uns ein tiefes Verständnis für die Macht des Atems. Vor vielen Jahren, als meine Mutter an Krebs starb, wachte ich mit ihr bis in die frühen Morgenstunden. Ich versuchte sie zu beruhigen und ihr die Nervosität zu nehmen. Nichts klappte, bis ich ihr vorschlug, sich auf den Atem zu konzentrieren. In den langen, dunklen Nächten, die auf ihren Tod folgten, halfen auch mir Atemmeditationen beim Einschlafen. Sie waren das Einzige, was mir ermöglichte, geistig im Moment zu bleiben und ein wenig ­Frieden zu finden. Es ist kein Wunder, dass Singen intensiv positive Gefühle auslöst. Wenn wir singen, sorgen Pranayama-Praxis und die Verbindung mit dem Atem für die Ausschüttung von Endorphinen und anderen Peptiden. Singt man dazu noch gemeinsam in einer größeren Gruppe von Menschen, erscheint es uns, als führe uns der Gesang an einen Ort tiefer Verbundenheit mit dem Mysterium des Lebens.Das Glücksgefühl kommt in etwa so zustande: Singen bringt den Körper durch das damit einhergehende Pranayama dazu, seine eigenen (endogenen) Drogen herzustellen und diese zu verstoffwechseln. So entsteht das Gefühl von Geborgenheit, Liebe und Verbundenheit. Wenn wir Ecstasy nehmen (eine exogene Droge, die die Produktion der endogenen Neuropeptide Serotonin, Oxytozin und Dopamin anregt), versetzt uns das erfahrungsgemäß in den gleichen Zustand. Der Punkt ist, dass das Gehirn getäuscht wird und nicht unbedingt zwischen endogenen und exogenen Drogen unterscheidet. Beide Szenarien lösen vergleichbare Veränderungen in unserem Gefühlsleben aus – mit dem Unterschied, dass einem „Chanting-Rausch“ kein depressiver ­Drogen-Kater folgt.

Die Entdeckung der Peptide und der Verschmelzung von Liganden und Rezeptoren hat unser Verständnis von der Verbindung zwischen Körper und Geist erweitert. Die Tatsache, dass wir Gefühlszustände biochemisch erklären können, muss unser Staunen und unsere Ehrfurcht jedoch nicht verringern. Ebenso wie ein Sonnenuntergang nicht weniger schön ist, nur weil wir wissen, dass wir ihn aufgrund der Erddrehung sehen, sind auch unsere Erlebnisse von Glück und Transzendenz nicht weniger außergewöhnlich. Im Gegenteil: Dieses Verständnis lehrt uns umso mehr zu schätzen, wie weise die frühen Yogis waren, die die Atemtechniken und Asanas entwickelten.

Aus Karma wird Chemie
Ebenso wie Menschen von Drogen wie Heroin abhängig werden, können wir auch von körpereigenen Drogen abhängig werden. In machen Fällen können unsere endogenen Peptide sogar schädlich sein. Beispielweise verändert das gekoppelte Kommunikationssystem der HHN-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) unser Stressverhalten anhand eines komplexen Systems von Hormonen und Peptiden, das Informationen zwischen dem Hypothalamus, der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und den Nebennieren vermittelt und diese von dort aus in den ganzen Körper schickt.

Unser Stressverhalten hängt von unseren bisherigen Erfahrungen im Leben ab. Das kann sich positiv als auch negativ auswirken. Der Corticotropin freisetzende Faktor (CFF) ist ein Peptid, das vom Hypothalamus schrittweise abgesondert wird, entsprechend der Informations­übertragung mit der Hypophyse. Diese wiederum gibt Hormone ab, die die Produktion von Stresshormonen steuern. Wissenschaftler vermuten, dass negative Kindheitserfahrungen, die im Körper als Erinnerung gespeichert sind, zu einer gesteigerten CFF-Produktion führen können. Dies kann später dazu führen, dass darauf beruhende negative Erwartungshaltungen die CFF-Produktion und das chemische Verlangen nach CFF anregen. So entsteht ein Teufelskreis. Wenn der CFF-Spiegel im Blut steigt, werden die CFF-Rezeptoren desensibilisiert, schrumpfen und werden weniger. Das körpereigene Reaktionssystem funktioniert nicht mehr und signalisiert nicht mehr, dass ausreichend Steroide im Blut vorhanden sind. Stattdessen werden mehr und mehr Steroide ausgeschüttet und heben das Stresslevel auf chronische Weise an.

Unsere Abhängigkeiten verursachen bestimmte Verhaltensweisen. Im Fall von endogenen, also körpereigenen Drogen, sind uns unsere Abhängigkeiten häufig nicht bewusst. Viele unserer Verhaltensweisen und Denkmuster lassen sich mit diesen Abhängigkeiten erklären – vergleichbar mit der Rolle von Samskara und Karma (dem Gesetz von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion) in der yogischen Weltsicht. Unser Samskara sind unsere latent vorhandenen geistigen Prägungen, die, wenn sie aktiviert werden, bestimmte Denk- und Handlungsweisen auslösen können. Die Rezeptor-Ligand-Verbindung und deren Befindlichkeit ist eine biochemische Manifestation dieses Phänomens. Die Auffassung, dass der Mensch nichts tut, was ihm keinen Nutzen bringt, lässt sich auf das unbewusste Verlangen unseres Körpers nach bestimmten chemischen Reaktionen übertragen. So wird Karma zu Chemie.

Im Körper gespeicherte Erinnerungen bestimmen oft unser Verhalten. Diese sind im Gehirn und darüber hinaus in einem psychosomatischen Netzwerk archiviert, das sich durch unser ganzes System erstreckt. Lediglich mit dem Abrufen von Erfahrungen können wir körperlich spürbare Reaktionen aktivieren. Stellen Sie sich beispielsweise vor, in eine Zitronenscheibe zu beißen und spüren sie dem Effekt nach, den sie auf der Zunge spüren. Als nächstes denken Sie an eine Situation, in der Sie sehr glücklich waren und nehmen sie die Reaktion ihres Körpers auf diese Erinnerung wahr. Dann erinnern Sie sich an eine Situation, in der sie besorgt, oder ängstlich waren und spüren Sie nach, wie sich Ihr Körper zusammenzieht.

Neurobiologen beschreiben Erinnerung als gespeicherte Verbindungen zwischen bestimmten Nervenzellen.
Eine Erinnerung entsteht immer dann, wenn Synapsen in einem neuronalen Netzwerk für kurze Zeit aktiviert werden. Je öfter man sich eine bestimmte Erinnerung ins Gedächtnis ruft, umso wahrscheinlicher ist es, dass dauerhafte Verbindungen zwischen den Nervenzellen entstehen. Jedes Mal, wenn man eine Erinnerung rekapituliert, wird ein bestimmtes Neuropeptid zusammen mit einer bestimmten emotionalen Färbung aktiviert. Diese Aktivierung verursacht eine biochemische Veränderung auf körperlicher
Ebene, die der Geist in ein Gefühl übersetzt.

Bei einigen von ­Ihnen mögen jetzt die Alarmglocken klingeln: Moment mal! Mystische Zustände sind doch beispiellose Situationen, in denen man die bloße Körperlichkeit transzendiert. Die ekstatischen Schriften von Mystikern wie Teresa von Avila, Rumi und Kabis feiern die Spiritualität. Wie können diese Erfahrungen mit trockenen ­biochemischen Formeln erklärt werden? Und doch wohnt diesen wissenschaftlichen Beschreibungen eine Poesie und Eleganz inne, die unserem Verständnis der Heiligkeit des Mystischen ­entspricht. Der Vorgang, wenn Rezeptoren und Liganden sich finden und verbinden, ähnelt einem Paarungsritual, einem Tanz, bei dem sich beide Partner gegenseitig annähern. Über einen Vorgang, der sich Chemotaxis nennt, nehmen sie ihre Fährten auf und bewegen sich dann vibrierend aufeinander zu. Diese Symbolik erinnert an den Tanz von Shiva und Shakti, Männlichkeit und Weiblichkeit, Yin und Yang, an Distanz und Nähe, Trennung und Einheit. Veränderte Geisteszustände sind ein häufiges Merkmal spiritueller Erfahrungen, darunter auch in den 1960er Jahren die LSD-Experimente von Timothy Leary, Ram Das und anderen. Unter deren Einfluss lösen sich die Grenzen unseres normalen Bewusstseins auf, das sich so in ungeahnte Dimensionen ausdehnen kann. Die Banalität des Alltags weicht dem Erleben unmittelbarer Präsenz und der Auflösung des Egos in der Selbsterfahrung. Das Spezielle geht im Universellen auf: Sat Chit Ananda, die tiefe Verbundenheit mit dem ewigen, immerwährenden Selbst. Eine Sichtweise, die die begrenzte Definition vom Menschen als Zusammenschluss von Atomen transzendiert. Das ist genau das, was ich im Nachtleben der 1990er Jahre in Dublin und London erlebte. Damals fehlten mir noch die Worte, um meine Erfahrung zu beschreiben.

Meine Erleichterung und Freude waren groß, als ich Yoga entdeckte. Endlich stand mir ein System zur Verfügung, das mir ermöglichte, meine Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen einzuordnen. Ich begann, sie als Schritte auf dem Weg zum Göttlichen zu sehen, oder als Beziehung zu Gott, mit dem ich mich intuitiv verbunden fühlte. Die Erkenntnis, dass Karma biochemisch erklärbar ist, hat mein Verständnis von Samskara gefördert und meine Augen dafür geöffnet, dass das Gefühl der Liebe magisch und real ist, auch wenn sie als schlichte Funktion physischer Zustände verstanden werden kann.

Die Autorin und Philosophin Dearbhla Kelly unterrichtet Yoga in Los Angeles. Mit ihrem Ehemann Dave Stringer gibt sie auch Workshops zu Yoga und Musik.

Sri Dharma Mittra: „Roh zum inneren Glück“

Dharma Mittra ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Trotzdem übt und unterrichtet er nach wie vor Yoga. „Ein Yogi muss Vegetarier sein“, sagt er, „sonst gelangt er niemals zur Erleuchtung.“ Im Interview erklärt er, wie die Ernährung Körper und Geist beeinflusst.

YOGA JOURNAL: Dharma Mittra, Sie sind gerade 75 geworden. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Was hält Sie so jung?
DHARMA MITTRA: Wissen Sie, das meiste, worüber sich die Menschen freuen und worüber sie glücklich sind, kommt von außen: ein neues Auto, ein Telefon, eine schöne Frau, ein Universitätsabschluss, ein toller Job und so weiter. Darüber kann man sich freuen, wenn man jung ist. Aber wenn man älter wird, verlässt einen das alles wieder: Man kann seinen Führerschein verlieren, oder den Job, oder das Geld. Und wenn ich über die Straße gehe, dann drehen sich all die schönen Frauen nicht mehr nach mir um. All diese äußerlichen Dinge haben einen Anfang und ein Ende. Deshalb muss man das Glück in sich selbst suchen. Der erste Schritt zum inneren Glück ist Wissen – das Wissen darüber, wer man wirklich ist.

Und wie findet man das heraus?
Man muss den Körper kontrollieren und den Geist ­beruhigen. Erst mit einem ruhigen Geist findet man inneren Frieden. Und das geht nur, wenn man sich vegetarisch ernährt.

Sri Dharma MittraWarum muss ein Yogi Vegetarier sein?
Wenn man Fleisch isst, fügt man anderen Lebewesen Gewalt zu. Ich bin in einem Schlachthof aufgewachsen. Ich weiß sehr genau, was dort geschieht und was am Schluss alles in einem Würstchen landet. Wenn man Fleisch isst, setzt man einen Kreislauf in Gang: Man hat weniger Mitgefühl mit anderen Lebewesen und der Körper wird krank. Dadurch wird man unglücklich und hat noch weniger Mitgefühl mit anderen Lebewesen und es kommt zu noch mehr Gewalt. Gewalt verursacht immer neue Gewalt. Sie multipliziert sich. Wenn man aber Ahimsa [Gewaltlosigkeit, Anm. der Red.] praktiziert, passen sich auch alle anderen Verhaltensweisen an. Man entwickelt Mitgefühl. Man kann sich besser konzentrieren, der Körper ist gesund. Zu viel Fleisch und gekochtes Essen verursachen mentalen Stress und überanstrengen die Verdauung. So kommt der Geist nie zur Ruhe. Unser Mitgefühl muss über die eigenen Familie, die Freunde und die Haustiere hinausgehen. Dieses Mitgefühl muss die Kuh, das Schwein, den Fisch und das Huhn mit einschließen. Erst wenn wir gewillt sind, keine Tiere mehr zu essen, können wir zu uns selbst finden.

Genügt es, wenn man auf Fleisch verzichtet, oder empfehlen Sie eine vegane Ernährung?
Welche Nahrungsmittel wir zu uns nehmen, ist sehr wichtig. Aber man muss die Ernährung schrittweise umstellen. Zuerst verzichtet man auf Fleisch, behält jedoch Eier und Käse bei. Nach einer Weile verzichtet man auch auf die Eier, denn das sind ja eine Art Embryos. Wenn man dann mehr Kontrolle über seinen Körper und seinen Geist gewonnen hat und tiefer in die Kunst der Meditation und des Pranayama eintauchen möchte, dann muss man auch den Käse weglassen. Denn dafür muss der Geist in ein höheres Niveau aufsteigen und das geht nur dann, wenn man keine tierischen Produkte zu sich nimmt.

Wie sieht denn ihre Ernährung aus?
Ich esse fast ausschließlich Rohkost. Umso älter man wird, umso mehr fühlt man sich genau so, wie das, was man gegessen hat. Wenn man zu viele gekochte, gebratene und tote Nahrungsmittel zu sich nimmt, fühlt man sich gekocht, gebraten und tot. Wenn mein Körper doch nach etwas Gekochtem verlangt, dann esse ich schonend gedämpftes Gemüse mit Vollkornreis und ein bisschen Tahin [Sesampaste, Anm. der Redaktion], Zitronensaft und Olivenöl. Aber meistens bereite ich meine Speisen roh zu. Dann gelingen mir die Yogaposen besser, ich habe keine Schmerzen in den Gelenken und ich nehme nicht zu. So bleibt der Körper gesund und der Verstand klar und scharf. Außerdem reinige ich meinen Körper regelmäßig. Der Körper ist wie ein Haus: Wenn Ihr Haus nicht sauber ist, glauben Sie, dann kommt Krishna zu Besuch? In ein schmutziges Haus kommen nur niedrige Geister. Sobald Ihr Haus aber sauber ist, werden Sie gesegnet.

Und wie reinigt man den Körper?
Mein Guru hat mir empfohlen, ich solle eine Woche lang ausschließlich Wassermelone essen. Dazu muss man aber einen Zeitpunkt wählen, zu dem man sich entspannen kann und nicht arbeiten muss. Und dann isst man jeden Tag Wassermelone. Die Kerne darf man dabei nicht kauen, sondern muss sie runterschlucken. Damit kann man sein Haus ­großartig ­reinigen. Wenn man das regelmäßig macht, sagen wir alle zwei Monate, dann hat man all die Ablagerungen, Gifte und Schlacken ausgespült, die dort seit Jahren lagern und der Geist wird sich entspannen. Das gleiche geht auch mit Weintrauben. Oder wenn man weniger Zeit hat, dann kann man den Darm auch innerhalb eines Tages mit warmem Salzwasser und entgiftenden Yogaübungen reinigen (siehe Ausgabe 03).

Verraten sie uns Ihr Lieblingsrezept?
Oh! Ich liebe meine Guacamole. Einfach nur Avocado, geraspelte Gurke, ein bisschen Olivenöl, ein klein wenig Sojasoße und vielleicht ein bisschen Chili. Ich mag es gerne scharf, wissen Sie. Dann schneide ich die restliche Gurke in Scheiben, so wie Chips und löffle damit die Guacamole. Davon kann ich nie genug kriegen!

Interview: Marlene Halser und Michi Kern
Foto: Fotolia, Gabi Günther, Cheryl Ungar


Dharma Mittra begann 1967 in New York Yoga zu unterrichten und war damals ein echter Pionier. Zu dieser Zeit war er der Einzige, der in der westlichen Welt Ashtanga und Vinyasa Flow lehrte. Yoga-Schüler aller möglichen Richtungen kamen zu ihm, um von ihm zu lernen und um dann selbst zu unterrichten. Seitdem hat Dharma Mittra sein halbes Leben damit zugebracht, Tausenden von Schülern Ashtanga-Yoga beizubringen. 1984 entwarf er das Schaubild „The Master Yoga Chart of 908 Postures“, auf dem alle Asanas auf Fotos abgebildet sind und das heute in fast allen Yogastudios auf der ganzen Welt hängt.

Das Gute liegt so nah

Tasse Frau Enjoy the little things
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Wenn wir glauben, mit einem Problem nicht mehr weiterzukommen, suchen wir oft Hilfe bei einer höheren Instanz. Manchmal ist das gar nicht nötig.

In alten Zeiten schien die Welt einfacher und viel weniger komplex zu sein als die Umgebung, in der wir uns heute zurechtfinden müssen. Wir sehen uns im Berufs- oder Familienalltag ständig widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Da ist es sehr sinnvoll, nach etwas zu suchen, das uns Halt gibt. Schwierig wird es nur, wenn wir anfangen, uns daran zu klammern.

Die Bhagavata Purana erzählt eine Geschichte vom König Ambarisha. Weil er in Rechtschaffenheit sein Reich regierte, segnete Vishnu ihn mit seinem persönlichen Schutz. Ambarisha wollte ihm dafür mit einem großen Ritual danken. Dazu hielt er ein ganzes Jahr lang regelmäßige Fastenzeiten ein. Am letzten Tag erschien kurz vor dem Fastenbrechen der berühmte Weise Durvasa zu Besuch. Ambarisha freute sich über die Ehre und lud ihn ein, gemeinsam mit ihm die erste Mahlzeit zu nehmen. „Lasst mich nur kurz ein Bad nehmen, bevor wir beginnen“, antwortete Durvasa. Ambarisha willigte ein, doch Stunde um Stunde verging, und der Besucher kehrte nicht zurück. Was sollte der König jetzt tun? Das strenge Moralgesetz der damaligen Zeit verpflichtete ihn, auf den Gast zu warten. Gleichzeitig lief die Zeit zum Beenden des Rituals ab. Würde er noch länger warten, wäre ein ganzes Jahr der Vorbereitung umsonst gewesen.

Die Berater des Königs schlugen ihm vor, ein Glas Wasser zu trinken und ein Tulsi-Blatt zu essen, um das Fastenritual zu beenden und dem Gast trotzdem die Würde zu erweisen, den ersten Bissen vom Mahl zu erhalten. Ambarisha sah das als gute Lösung an. Doch gerade als er so das Fasten brach, tauchte Durvasa auf und beschwerte sich, dass seine Ehre verletzt worden sei. Er formte aus seinem Haar einen Dämon, der den König umbringen sollte. Das wollte Vishnu, der stets alles vom Himmel aus betrachtet, nicht zulassen. Er warf seinen Diskus nach dem Monster, und es löste sich umgehend auf. Die Wurfscheibe flog nun Durvasa hinterher.

Durvasa lief zu Göttervater Brahma und flehte: „Bitte beschütze mich vor Vishnus Waffe.“ Doch der sagte nur: „Ambarisha ist ein Schützling von Vishnu. Damit habe ich nichts zu tun.“ „Dann muss mir der Größte der Götter helfen“, dachte Durvasa und rannte zu Shiva in die Berge. Der antwortete ihm lediglich: „Du wirst von Vishnus Diskus verfolgt. Da kann ich dir nicht helfen“. Zerknirscht suchte Durvasa schließlich Vishnu selbst auf. „Ich flehe Euch an, Herr. Nehmt diese Waffe zurück.“ Vishnu zeigte sich zögerlich. „Es gibt natürlich einen Weg“, sagte er, „aber ich bezweifle, dass du bereit bist, das zu tun.“ „Großer Gott, ich werde gerne alles tun, wenn Ihr mich verschont“, antwortete Durvasa. „Fein. Warum gehst du nicht einfach selbst zu König Ambarisha und entschuldigst dich für deinen Angriff?“, fragte Vishnu.

Wenn wir Meditation und Mantras kennengelernt haben, wird es manchen von uns zur Gewohnheit, uns bevorzugt in diesen Sphären aufzuhalten. Wir suchen in feinstofflichen und höheren Ebenen nach der Lösung von Problemen, die wir durch unsere Entscheidungen selbst ins Leben gerufen haben. So wie Durvasa sich auf die Tradition berief, so berufen wir uns manchmal auf spirituelle Wahrheiten und verletzen damit Menschen, die uns nahe sind. Edle Motive und noble Gründe können einsam machen. Statt Hilfe beim Himmel zu suchen, müssen wir unsere Hausaufgaben oft immer noch auf der Erde machen. Durvasa ging schließlich zu Ambarisha, entschuldigte sich und die Angelegenheit war vergessen.

Die Bhagavata Purana ist kein Historienbuch. Sie erzählt uns vielmehr Geschichten von uns selbst. Durvasa und Ambarisha sind zwei Teile unserer Persönlichkeit, die wir ausbalancieren müssen. Unsere Pflichten auf der Erde und unser Streben nach einem spirituellen Leben. So machtvoll Durvasa seine Anbindung an den Himmel auch gemacht haben mag – oft ist die Lösung eines Problems viel einfacher, als man denkt. Denn manchmal lassen die Götter uns Menschen unsere Angelegenheiten einfach selbst regeln.

Geständnisse eines Yogi

Ausschlafen oder üben? Okay, es ist Zeit für ein paar Geständnisse, „Les Confessions“, wie es der alte Rousseau genannt hat. Ich gestehe, gelegentlich mit der Faulheit zu kämpfen zu haben. Sogar sehr oft.

Wenn ich allmorgendlich aufwache und – eine ganze Weile später – aufstehe, fühle ich mich jedes Mal ein bisschen so, als müsste ich alles wieder neu lernen. Das Commitment, gestern noch treuer Begleiter durch den Tag, scheint verflogen. Die Geschmeidigkeit meines Körpers ist einem gefühlten Brett gewichen. Der Atem fließt nicht, nein, er gleicht eher einem müden Blasebalg. Wie neugeboren fühle ich mich nicht, eher eingerostet und meilenweit entfernt von jeder erhabenen Asana oder Einsicht. Ich habe keine Lust auf Yoga.

Wellnesstag gefällig?
Was jetzt? Kämpfen? Die Faulheit besiegen? Mich zwingen? Oder will mir vielleicht mein Körper etwas Wichtiges sagen? Vielleicht verlangt mein inneres Kind nach Samthandschuhen, mein Nervensystem nach beruhigenden Ölen und mein Geist nach einem Rückzugsort. Das ist die eine Seite, die weiche, die umsorgt werden will, das innere Kind. Und da höre ich vor allem meine Mutter und Freundinnen, die es gut mit mir meinen und für die es keinen Zweifel gibt: Das innere Kind, verletzlich und zart, hat ein Recht auf Erholung, und deshalb ist eine schonende Einheit Viniyoga heute vielleicht gerade das Richtige. Aber bevor ich nun vom Bett auf meine mit Decken und Blöcken einladend präparierte Yogamatte umsteige, begegne ich noch kurz einer männlichen Figur, die mit raumfüllender Präsenz und tadellos aufrechtem Gang eine Hand hebt und dabei auch noch den Zeigefinger in die Höhe streckt.

Tapas tut Not
Vor meinem inneren Auge steht der Vater, mit mahnender Geste, unmissverständlich fordernd. Sei es der eigene Vater oder gleich der Archetypus. Und er hält sicher kein Plädoyer für das Verweilen in der Waagerechten, oh nein. Aufstehen, Sonnengrüße, vielleicht vorher noch Jala Neti, eine Nasendusche, denn alles, was heute für das Faulenzen spricht, ist weder berechtigt noch hilfreich. Es ist Zeit, zu handeln. Jetzt. „Atha“ ist nicht zufällig das gewichtige erste Wort in den Yogasutras von Patanjali, der Bibel des Yoga. Und das heißt: aufstehen, praktizieren! Ohne wenn und aber – und wenn dich Kopfschmerzen plagen, gehen die schon wieder weg … Im Yogalatein heißt das auch Tapas, also Selbstdisziplin, eine der grundlegenden ethischen Regeln im Yoga. Oder auch: Sankalpa Shakti.

Sankalpa Shakti ist die Kraft und das Commitment, ein selbst gewähltes Ziel mit innerem Feuer umzusetzen. Oder wie der große Ramana Maharshi unmissverständlich gesagt hat: „Stetige Entschlossenheit ist erforderlich!“ Hinter diesem Jahrtausende alten Konzept aus der vedischen Tradition steht die tiefe Überzeugung, dass alles möglich ist, sofern wir es nur stark genug wollen. Swami Rama bringt das in seiner ganz eigenen Mischung aus prophetischem Lächeln und mahnendem Grollen so auf den Punkt: „There is nothing like impossible.“ Und dafür ist im Bett bleiben eben wenig hilfreich. Denn das Leben wäre nicht das Leben, wenn es so einfach wäre. Es ist eine sehr grundlegende Erfahrung unserer Lebensexperimente auf diesem Planeten, dass es äußere und innere Widerstände gibt. Sie müssen überwunden werden, wenn wir weiterkommen wollen. Dazu braucht es Kraft, eine klare Absicht und Durchhaltevermögen. Basta.

Sabotage aus dem Off
Ja, aber wie geht das? Selbst wenn uns klar geworden ist, dass wir, um irgendein Problem zu lösen oder einfach weiterzukommen im Leben, Sankalpa Shakti brauchen, regt sich in uns womöglich sofort Widerspruch. Was, wenn wir nicht genau wissen, was wir wollen, oder die äußeren Hürden unüberwindbar hoch erscheinen? „Ja, aber“ kommt gerne wie aus der Pistole geschossen, und das ist nicht mal das Schlechteste. Denn was immer hinter dem Einwand steht, ist der erste Hinweis, der uns helfen kann, unseren Widerstand beim Namen zu nennen und anzupacken. Wenn wir ihn genau formuliert haben, haben wir ihm vielleicht schon etwas von seinem Schrecken genommen.

Auf einem Zettel vor uns kann er sich nicht so leicht in die unterbewusste Boykott-Maschinerie davonmachen und uns sozusagen aus dem Off bei der Verwirklichung wirklich wichtiger Ziele sabotieren. Jetzt, wo er einmal auf dem Tisch liegt, kann man sich einfach fragen: Ist der Widerstand denn wirklich so groß? Will ich ihm weiterhin auf den Leim gehen und stattgeben? Verbirgt sich dahinter vielleicht eine tief sitzende Angst, die uns rät, klein zu bleiben? Was immer es ist, jetzt können wir damit arbeiten, unsere persönlichen Vermeidungsmuster angehen und abbauen oder wenigstens auf ein gesundes Maß stutzen.

Zeit zu fliegen
Und das innere Kind? Tun wir ihm nicht Unrecht? Das innere Kind mag gegen Versuche der Fremdbestimmung rebellieren. Das ist sein gutes Recht, und es hat gute Dienste geleistet, uns zu beschützen und unseren innersten Wesenskern zu erhalten. Aber es muss auch etwas einsehen und lernen: Nicht alle Kraft kommt von unseren Eltern und den Erwachsenen, um uns zu bevormunden und in die Irre zu führen. Es gibt auch eine Kraft, die unsere ist und die uns helfen wird, das zu erreichen, wofür wir hier sind. Sie wird uns unterstützen, unsere Bestimmung oder unser Dharma zu verwirklichen. Und diese Kraft ungenutzt zu lassen, würde uns für immer im Kindheitsstadium lassen. Das kann auch unser inneres Kind nicht wollen. Laden wir es also ein, sich einzuschwingen auf die Höhenflüge des Sankalpa Shakti, sich einzuchecken in die Kraft, die uns unseren tiefsten Sehnsüchten näher-bringen wird. So wird Disziplin zum willkommenen Treibstoff für unsere Selbstverwirklichung. Und das innere Kind wird sicher seinen Spaß haben unterwegs.


Volker Linder ist studierter Philosoph, Yogalehrer, Redakteur und Coach. Er hält regelmäßig Yogakurse und Stressbewältigungsseminare in Unternehmen und bietet individuelle Coachings an.

Fotoquelle: pollography von Photocase