Das Gute liegt so nah

Wenn wir glauben, mit einem Problem nicht mehr weiterzukommen, suchen wir oft Hilfe bei einer höheren Instanz. Manchmal ist das gar nicht nötig.

In alten Zeiten schien die Welt einfacher und viel weniger komplex zu sein als die Umgebung, in der wir uns heute zurechtfinden müssen. Wir sehen uns im Berufs- oder Familienalltag ständig widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Da ist es sehr sinnvoll, nach etwas zu suchen, das uns Halt gibt. Schwierig wird es nur, wenn wir anfangen, uns daran zu klammern.

Die Bhagavata Purana erzählt eine Geschichte vom König Ambarisha. Weil er in Rechtschaffenheit sein Reich regierte, segnete Vishnu ihn mit seinem persönlichen Schutz. Ambarisha wollte ihm dafür mit einem großen Ritual danken. Dazu hielt er ein ganzes Jahr lang regelmäßige Fastenzeiten ein. Am letzten Tag erschien kurz vor dem Fastenbrechen der berühmte Weise Durvasa zu Besuch. Ambarisha freute sich über die Ehre und lud ihn ein, gemeinsam mit ihm die erste Mahlzeit zu nehmen. „Lasst mich nur kurz ein Bad nehmen, bevor wir beginnen“, antwortete Durvasa. Ambarisha willigte ein, doch Stunde um Stunde verging, und der Besucher kehrte nicht zurück. Was sollte der König jetzt tun? Das strenge Moralgesetz der damaligen Zeit verpflichtete ihn, auf den Gast zu warten. Gleichzeitig lief die Zeit zum Beenden des Rituals ab. Würde er noch länger warten, wäre ein ganzes Jahr der Vorbereitung umsonst gewesen.

Die Berater des Königs schlugen ihm vor, ein Glas Wasser zu trinken und ein Tulsi-Blatt zu essen, um das Fastenritual zu beenden und dem Gast trotzdem die Würde zu erweisen, den ersten Bissen vom Mahl zu erhalten. Ambarisha sah das als gute Lösung an. Doch gerade als er so das Fasten brach, tauchte Durvasa auf und beschwerte sich, dass seine Ehre verletzt worden sei. Er formte aus seinem Haar einen Dämon, der den König umbringen sollte. Das wollte Vishnu, der stets alles vom Himmel aus betrachtet, nicht zulassen. Er warf seinen Diskus nach dem Monster, und es löste sich umgehend auf. Die Wurfscheibe flog nun Durvasa hinterher.

Durvasa lief zu Göttervater Brahma und flehte: „Bitte beschütze mich vor Vishnus Waffe.“ Doch der sagte nur: „Ambarisha ist ein Schützling von Vishnu. Damit habe ich nichts zu tun.“ „Dann muss mir der Größte der Götter helfen“, dachte Durvasa und rannte zu Shiva in die Berge. Der antwortete ihm lediglich: „Du wirst von Vishnus Diskus verfolgt. Da kann ich dir nicht helfen“. Zerknirscht suchte Durvasa schließlich Vishnu selbst auf. „Ich flehe Euch an, Herr. Nehmt diese Waffe zurück.“ Vishnu zeigte sich zögerlich. „Es gibt natürlich einen Weg“, sagte er, „aber ich bezweifle, dass du bereit bist, das zu tun.“ „Großer Gott, ich werde gerne alles tun, wenn Ihr mich verschont“, antwortete Durvasa. „Fein. Warum gehst du nicht einfach selbst zu König Ambarisha und entschuldigst dich für deinen Angriff?“, fragte Vishnu.

Wenn wir Meditation und Mantras kennengelernt haben, wird es manchen von uns zur Gewohnheit, uns bevorzugt in diesen Sphären aufzuhalten. Wir suchen in feinstofflichen und höheren Ebenen nach der Lösung von Problemen, die wir durch unsere Entscheidungen selbst ins Leben gerufen haben. So wie Durvasa sich auf die Tradition berief, so berufen wir uns manchmal auf spirituelle Wahrheiten und verletzen damit Menschen, die uns nahe sind. Edle Motive und noble Gründe können einsam machen. Statt Hilfe beim Himmel zu suchen, müssen wir unsere Hausaufgaben oft immer noch auf der Erde machen. Durvasa ging schließlich zu Ambarisha, entschuldigte sich und die Angelegenheit war vergessen.

Die Bhagavata Purana ist kein Historienbuch. Sie erzählt uns vielmehr Geschichten von uns selbst. Durvasa und Ambarisha sind zwei Teile unserer Persönlichkeit, die wir ausbalancieren müssen. Unsere Pflichten auf der Erde und unser Streben nach einem spirituellen Leben. So machtvoll Durvasa seine Anbindung an den Himmel auch gemacht haben mag – oft ist die Lösung eines Problems viel einfacher, als man denkt. Denn manchmal lassen die Götter uns Menschen unsere Angelegenheiten einfach selbst regeln.

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