Sri Dharma Mittra: „Roh zum inneren Glück“

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Dharma Mittra ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Trotzdem übt und unterrichtet er nach wie vor Yoga. „Ein Yogi muss Vegetarier sein“, sagt er, „sonst gelangt er niemals zur Erleuchtung.“ Im Interview erklärt er, wie die Ernährung Körper und Geist beeinflusst.

YOGA JOURNAL: Dharma Mittra, Sie sind gerade 75 geworden. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Was hält Sie so jung?
DHARMA MITTRA: Wissen Sie, das meiste, worüber sich die Menschen freuen und worüber sie glücklich sind, kommt von außen: ein neues Auto, ein Telefon, eine schöne Frau, ein Universitätsabschluss, ein toller Job und so weiter. Darüber kann man sich freuen, wenn man jung ist. Aber wenn man älter wird, verlässt einen das alles wieder: Man kann seinen Führerschein verlieren, oder den Job, oder das Geld. Und wenn ich über die Straße gehe, dann drehen sich all die schönen Frauen nicht mehr nach mir um. All diese äußerlichen Dinge haben einen Anfang und ein Ende. Deshalb muss man das Glück in sich selbst suchen. Der erste Schritt zum inneren Glück ist Wissen – das Wissen darüber, wer man wirklich ist.

Und wie findet man das heraus?
Man muss den Körper kontrollieren und den Geist ­beruhigen. Erst mit einem ruhigen Geist findet man inneren Frieden. Und das geht nur, wenn man sich vegetarisch ernährt.

Sri Dharma MittraWarum muss ein Yogi Vegetarier sein?
Wenn man Fleisch isst, fügt man anderen Lebewesen Gewalt zu. Ich bin in einem Schlachthof aufgewachsen. Ich weiß sehr genau, was dort geschieht und was am Schluss alles in einem Würstchen landet. Wenn man Fleisch isst, setzt man einen Kreislauf in Gang: Man hat weniger Mitgefühl mit anderen Lebewesen und der Körper wird krank. Dadurch wird man unglücklich und hat noch weniger Mitgefühl mit anderen Lebewesen und es kommt zu noch mehr Gewalt. Gewalt verursacht immer neue Gewalt. Sie multipliziert sich. Wenn man aber Ahimsa [Gewaltlosigkeit, Anm. der Red.] praktiziert, passen sich auch alle anderen Verhaltensweisen an. Man entwickelt Mitgefühl. Man kann sich besser konzentrieren, der Körper ist gesund. Zu viel Fleisch und gekochtes Essen verursachen mentalen Stress und überanstrengen die Verdauung. So kommt der Geist nie zur Ruhe. Unser Mitgefühl muss über die eigenen Familie, die Freunde und die Haustiere hinausgehen. Dieses Mitgefühl muss die Kuh, das Schwein, den Fisch und das Huhn mit einschließen. Erst wenn wir gewillt sind, keine Tiere mehr zu essen, können wir zu uns selbst finden.

Genügt es, wenn man auf Fleisch verzichtet, oder empfehlen Sie eine vegane Ernährung?
Welche Nahrungsmittel wir zu uns nehmen, ist sehr wichtig. Aber man muss die Ernährung schrittweise umstellen. Zuerst verzichtet man auf Fleisch, behält jedoch Eier und Käse bei. Nach einer Weile verzichtet man auch auf die Eier, denn das sind ja eine Art Embryos. Wenn man dann mehr Kontrolle über seinen Körper und seinen Geist gewonnen hat und tiefer in die Kunst der Meditation und des Pranayama eintauchen möchte, dann muss man auch den Käse weglassen. Denn dafür muss der Geist in ein höheres Niveau aufsteigen und das geht nur dann, wenn man keine tierischen Produkte zu sich nimmt.

Wie sieht denn ihre Ernährung aus?
Ich esse fast ausschließlich Rohkost. Umso älter man wird, umso mehr fühlt man sich genau so, wie das, was man gegessen hat. Wenn man zu viele gekochte, gebratene und tote Nahrungsmittel zu sich nimmt, fühlt man sich gekocht, gebraten und tot. Wenn mein Körper doch nach etwas Gekochtem verlangt, dann esse ich schonend gedämpftes Gemüse mit Vollkornreis und ein bisschen Tahin [Sesampaste, Anm. der Redaktion], Zitronensaft und Olivenöl. Aber meistens bereite ich meine Speisen roh zu. Dann gelingen mir die Yogaposen besser, ich habe keine Schmerzen in den Gelenken und ich nehme nicht zu. So bleibt der Körper gesund und der Verstand klar und scharf. Außerdem reinige ich meinen Körper regelmäßig. Der Körper ist wie ein Haus: Wenn Ihr Haus nicht sauber ist, glauben Sie, dann kommt Krishna zu Besuch? In ein schmutziges Haus kommen nur niedrige Geister. Sobald Ihr Haus aber sauber ist, werden Sie gesegnet.

Und wie reinigt man den Körper?
Mein Guru hat mir empfohlen, ich solle eine Woche lang ausschließlich Wassermelone essen. Dazu muss man aber einen Zeitpunkt wählen, zu dem man sich entspannen kann und nicht arbeiten muss. Und dann isst man jeden Tag Wassermelone. Die Kerne darf man dabei nicht kauen, sondern muss sie runterschlucken. Damit kann man sein Haus ­großartig ­reinigen. Wenn man das regelmäßig macht, sagen wir alle zwei Monate, dann hat man all die Ablagerungen, Gifte und Schlacken ausgespült, die dort seit Jahren lagern und der Geist wird sich entspannen. Das gleiche geht auch mit Weintrauben. Oder wenn man weniger Zeit hat, dann kann man den Darm auch innerhalb eines Tages mit warmem Salzwasser und entgiftenden Yogaübungen reinigen (siehe Ausgabe 03).

Verraten sie uns Ihr Lieblingsrezept?
Oh! Ich liebe meine Guacamole. Einfach nur Avocado, geraspelte Gurke, ein bisschen Olivenöl, ein klein wenig Sojasoße und vielleicht ein bisschen Chili. Ich mag es gerne scharf, wissen Sie. Dann schneide ich die restliche Gurke in Scheiben, so wie Chips und löffle damit die Guacamole. Davon kann ich nie genug kriegen!

Interview: Marlene Halser und Michi Kern
Foto: Fotolia, Gabi Günther, Cheryl Ungar


Dharma Mittra begann 1967 in New York Yoga zu unterrichten und war damals ein echter Pionier. Zu dieser Zeit war er der Einzige, der in der westlichen Welt Ashtanga und Vinyasa Flow lehrte. Yoga-Schüler aller möglichen Richtungen kamen zu ihm, um von ihm zu lernen und um dann selbst zu unterrichten. Seitdem hat Dharma Mittra sein halbes Leben damit zugebracht, Tausenden von Schülern Ashtanga-Yoga beizubringen. 1984 entwarf er das Schaubild „The Master Yoga Chart of 908 Postures“, auf dem alle Asanas auf Fotos abgebildet sind und das heute in fast allen Yogastudios auf der ganzen Welt hängt.