Geständnisse eines Yogi

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Ausschlafen oder üben? Okay, es ist Zeit für ein paar Geständnisse, „Les Confessions“, wie es der alte Rousseau genannt hat. Ich gestehe, gelegentlich mit der Faulheit zu kämpfen zu haben. Sogar sehr oft.

Wenn ich allmorgendlich aufwache und – eine ganze Weile später – aufstehe, fühle ich mich jedes Mal ein bisschen so, als müsste ich alles wieder neu lernen. Das Commitment, gestern noch treuer Begleiter durch den Tag, scheint verflogen. Die Geschmeidigkeit meines Körpers ist einem gefühlten Brett gewichen. Der Atem fließt nicht, nein, er gleicht eher einem müden Blasebalg. Wie neugeboren fühle ich mich nicht, eher eingerostet und meilenweit entfernt von jeder erhabenen Asana oder Einsicht. Ich habe keine Lust auf Yoga.

Wellnesstag gefällig?
Was jetzt? Kämpfen? Die Faulheit besiegen? Mich zwingen? Oder will mir vielleicht mein Körper etwas Wichtiges sagen? Vielleicht verlangt mein inneres Kind nach Samthandschuhen, mein Nervensystem nach beruhigenden Ölen und mein Geist nach einem Rückzugsort. Das ist die eine Seite, die weiche, die umsorgt werden will, das innere Kind. Und da höre ich vor allem meine Mutter und Freundinnen, die es gut mit mir meinen und für die es keinen Zweifel gibt: Das innere Kind, verletzlich und zart, hat ein Recht auf Erholung, und deshalb ist eine schonende Einheit Viniyoga heute vielleicht gerade das Richtige. Aber bevor ich nun vom Bett auf meine mit Decken und Blöcken einladend präparierte Yogamatte umsteige, begegne ich noch kurz einer männlichen Figur, die mit raumfüllender Präsenz und tadellos aufrechtem Gang eine Hand hebt und dabei auch noch den Zeigefinger in die Höhe streckt.

Tapas tut Not
Vor meinem inneren Auge steht der Vater, mit mahnender Geste, unmissverständlich fordernd. Sei es der eigene Vater oder gleich der Archetypus. Und er hält sicher kein Plädoyer für das Verweilen in der Waagerechten, oh nein. Aufstehen, Sonnengrüße, vielleicht vorher noch Jala Neti, eine Nasendusche, denn alles, was heute für das Faulenzen spricht, ist weder berechtigt noch hilfreich. Es ist Zeit, zu handeln. Jetzt. „Atha“ ist nicht zufällig das gewichtige erste Wort in den Yogasutras von Patanjali, der Bibel des Yoga. Und das heißt: aufstehen, praktizieren! Ohne wenn und aber – und wenn dich Kopfschmerzen plagen, gehen die schon wieder weg … Im Yogalatein heißt das auch Tapas, also Selbstdisziplin, eine der grundlegenden ethischen Regeln im Yoga. Oder auch: Sankalpa Shakti.

Sankalpa Shakti ist die Kraft und das Commitment, ein selbst gewähltes Ziel mit innerem Feuer umzusetzen. Oder wie der große Ramana Maharshi unmissverständlich gesagt hat: „Stetige Entschlossenheit ist erforderlich!“ Hinter diesem Jahrtausende alten Konzept aus der vedischen Tradition steht die tiefe Überzeugung, dass alles möglich ist, sofern wir es nur stark genug wollen. Swami Rama bringt das in seiner ganz eigenen Mischung aus prophetischem Lächeln und mahnendem Grollen so auf den Punkt: „There is nothing like impossible.“ Und dafür ist im Bett bleiben eben wenig hilfreich. Denn das Leben wäre nicht das Leben, wenn es so einfach wäre. Es ist eine sehr grundlegende Erfahrung unserer Lebensexperimente auf diesem Planeten, dass es äußere und innere Widerstände gibt. Sie müssen überwunden werden, wenn wir weiterkommen wollen. Dazu braucht es Kraft, eine klare Absicht und Durchhaltevermögen. Basta.

Sabotage aus dem Off
Ja, aber wie geht das? Selbst wenn uns klar geworden ist, dass wir, um irgendein Problem zu lösen oder einfach weiterzukommen im Leben, Sankalpa Shakti brauchen, regt sich in uns womöglich sofort Widerspruch. Was, wenn wir nicht genau wissen, was wir wollen, oder die äußeren Hürden unüberwindbar hoch erscheinen? „Ja, aber“ kommt gerne wie aus der Pistole geschossen, und das ist nicht mal das Schlechteste. Denn was immer hinter dem Einwand steht, ist der erste Hinweis, der uns helfen kann, unseren Widerstand beim Namen zu nennen und anzupacken. Wenn wir ihn genau formuliert haben, haben wir ihm vielleicht schon etwas von seinem Schrecken genommen.

Auf einem Zettel vor uns kann er sich nicht so leicht in die unterbewusste Boykott-Maschinerie davonmachen und uns sozusagen aus dem Off bei der Verwirklichung wirklich wichtiger Ziele sabotieren. Jetzt, wo er einmal auf dem Tisch liegt, kann man sich einfach fragen: Ist der Widerstand denn wirklich so groß? Will ich ihm weiterhin auf den Leim gehen und stattgeben? Verbirgt sich dahinter vielleicht eine tief sitzende Angst, die uns rät, klein zu bleiben? Was immer es ist, jetzt können wir damit arbeiten, unsere persönlichen Vermeidungsmuster angehen und abbauen oder wenigstens auf ein gesundes Maß stutzen.

Zeit zu fliegen
Und das innere Kind? Tun wir ihm nicht Unrecht? Das innere Kind mag gegen Versuche der Fremdbestimmung rebellieren. Das ist sein gutes Recht, und es hat gute Dienste geleistet, uns zu beschützen und unseren innersten Wesenskern zu erhalten. Aber es muss auch etwas einsehen und lernen: Nicht alle Kraft kommt von unseren Eltern und den Erwachsenen, um uns zu bevormunden und in die Irre zu führen. Es gibt auch eine Kraft, die unsere ist und die uns helfen wird, das zu erreichen, wofür wir hier sind. Sie wird uns unterstützen, unsere Bestimmung oder unser Dharma zu verwirklichen. Und diese Kraft ungenutzt zu lassen, würde uns für immer im Kindheitsstadium lassen. Das kann auch unser inneres Kind nicht wollen. Laden wir es also ein, sich einzuschwingen auf die Höhenflüge des Sankalpa Shakti, sich einzuchecken in die Kraft, die uns unseren tiefsten Sehnsüchten näher-bringen wird. So wird Disziplin zum willkommenen Treibstoff für unsere Selbstverwirklichung. Und das innere Kind wird sicher seinen Spaß haben unterwegs.


Volker Linder ist studierter Philosoph, Yogalehrer, Redakteur und Coach. Er hält regelmäßig Yogakurse und Stressbewältigungsseminare in Unternehmen und bietet individuelle Coachings an.

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