In Gedenken an B.K.S. Iyengar

20.8.2014: Shri B.K.S. Iyengar hat sich gestern Nacht im Alter von 95 Jahren auf die „Reise vom Bekannten ins Unbekannte“ gemacht. Wir denken heute an einen der größten Yogameister unserer Zeit und sind sehr dankbar für all die wunderbaren und fortschrittlichen Lehren, die er uns hinterlässt. Zum Tod des großen Meisters, hier nochmals unser großes Portrait zu seinem 95. Geburtstag aus dem Jahr 2013:

 

Made by Yoga

Mehr als 75 Berufsjahre hat er dem Yoga gewidmet: unermüdlich in seiner Praxis, unerbittlich in seinem Anspruch, unübertroffen in seiner Mission. B. K. S . Iyengar, der am 14. Dezember 2013 95 Jahre alt wurde, als bedeutendsten lebenden Yogi zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Mit seiner außerordentlichen Persönlichkeit, seiner Präsenz und seinem Feuer hat er Yoga zu den Menschen gebracht.

Wer nach Pune fährt, sucht weder Romantik, noch Exotik und erst recht kein typisches Indien-Flair. Pune bedeutet: Smog, Lärm ohne Ende, acht Millionen Menschen in ständiger Bewegung auf gefühlt mindestens vier Millionen Scootern, gesteuert von vermummten Gestalten, die aussehen wie Sprengstoffkommandos. Nicht eine einzige heilige Kuh weit und breit. Als B. K . S . Iyengar 1973 den Grundstein für das RMYI (Ramamani Memorial Yoga Institute) legte, galt die Gegend als extreme Randlage, so dass Iyengar sogar Sorge hatte, ob die Bürger Punes sich abends überhaupt auf den Weg an den Stadtrand machen würden. Diese Sorge konnte er rasch vergessen, denn die Stadt wuchs rasant, die Randlage mutierte zu einer zentralen und inzwischen strömen seine Anhänger aus der ganzen Welt an diesen Ort, wo es eng ist, laut und die Luft schlecht. Doch wer es endlich geschafft hat, einen der begehrten Plätze am Institut zu bekommen und für vier oder acht Wochen zum Üben dorthin zu fahren, der ist nicht auf Wellness programmiert. Der will keinen Soft-Yoga-Urlaub mit Sonnenuntergang am Strand, sondern in Gegenwart des Meisters jene Form des Hatha-Yoga praktizieren, die B. K . S . Iyengar berühmt gemacht hat: präzise in Körperarbeit und Ausrichtung, diszipliniert in der Durchführung, durchdacht in der Übungsabfolge und mit jenem Gespür für Timing, das eine Transformation erst ermöglicht und damit eine psychomentale Veränderung. Seit fast 80 Jahren übt, forscht und verfeinert Iyengar seinen Stil unermüdlich – besessen und beseelt vom Yoga.

Werdegang
Nichts in Iyengars jungen Jahren ließ auf ein langes oder gar erfolgreiches Leben hoffen. Als elftes von dreizehn Kindern am 14. Dezember 1918 in eine Brahmanenfamilie hineingeboren, ist er von Kindesbeinen an krank und schwächlich. Zur Zeit seiner Geburt wütet im südindischen Karnataka die „spanische Grippe“, von der auch seine Mutter befallen wird. Malaria, Typhus und Tuberkulose gehören zu seinen „Kinderkrankheiten“. Als er neun ist, stirbt sein Vater und die Familie verarmt. Doch dann gibt es diese Momente im Leben, die man im Nachhinein als Wendepunkte erkennt. Ein solcher ereignet sich im März 1934, als sein Schwager, der hochgelehrte Sri T. Krishnamacharya, ihn bittet, nach Mysore zu kommen, wo er auf Einladung des Maharadscha im Jogmohan Palace eine Yogashala (Yogaschule) gegründet hat. Was zunächst als mehrwöchiger Aufenthalt gedacht war, ist der Beginn einer lebenslangen Yogareise. Am Anfang stehen Demütigungen. Das Verhältnis zu seinem Guru und Gönner ist ambivalent – Verehrung und Dankbarkeit einerseits, Angst andererseits. Iyengar spricht von einem „Angstkomplex“, den er angesichts der Strenge seines Lehrers entwickelte. Er tut, was von ihm gefordert wird, häufig unter Schmerzen. Als 1937 in Pune ein Yogalehrer gesucht wird, nimmt er die Gelegenheit wahr, dem Einflussbereich seines Schwagers zu entkommen.

Iyengar ist zu dieser Zeit dürr wie ein Spargel, er wiegt nach eigenen Angaben nur 32 Kilo. Die Schüler, die er unterrichten soll, sind kräftiger, gebildeter – sie verhöhnen ihn. Iyengar beißt sich durch. Er übt bis zu zehn Stunden am Tag, ein Autodidakt, der das Wenige, das sein Guru ihm beigebracht hat, durch Selbstbeobachtung analysiert und korrigiert. „Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich gelitten habe“, fasst Iyengar diese Phase seines Lebens zusammen. Dennoch wird er körperlich und mental zunehmend stabiler. In diesen Jahren entwickelt Iyengar die Grundlagen seiner Methode: den Anfängergeist zu kultivieren und jeden Tag mit dem Üben neu zu beginnen, mit dem Körper zu arbeiten, wie er ist, und nicht, wie man ihn gerne hätte. Schau auf den roten Pfeil auf deiner inneren Landkarte! Das ist der Ausgangspunkt für deine Praxis. Bewerte dich nicht, vergleiche dich nicht mit anderen, sondern mit dir selbst. Nimm deinen Körper wahr, indem du beide Körperhälften miteinander vergleichst, die rechte mit der linken Flanke, das rechte mit dem linken Bein, die Körpervorderseite mit der Körperrückseite. Sind sie gleichermaßen gestreckt, gedehnt und lang? Über diese Körperwahrnehmung lerne den Geist kennen, das Muster, die Dellen in deinem Denken. So übe, von außen nach innen zu gehen, vom Groben zum Feinen, vom Bewussten zum Unbewussten. Das sind die Wegweiser auf deiner yogischen Reise, die Mittel dazu sind Disziplin und Beharrlichkeit. „Schiele nicht nach den Früchten deiner Arbeit“, heißt es in der Bhagavad Gita. „Sie werden dir in den Schoß fallen, wenn du reif dafür bist.“

Yoga: Von der Passion zur Mission
Die Heirat mit der 16-jährigen Ramamani führt ihn 1943 in eine persönlich beglückende Zeit, die ihn die Nöte des Alltags mit mehr Gleichmut und Abstand betrachten lässt. Seine Frau hält ihm den Rücken frei, unterstützt ihn in seiner Yogapraxis. Iyengar übt ebenso ausdauernd wie hingebungsvoll. Yoga wird nun zu einer Passion – und zu seiner Mission. Er will weitergeben, weiterwirken. Noch in den 1940er-Jahren lässt er ein Fotoalbum mit 150 Asana-Abbildungen erstellen. Durch berühmte Schüler wie den Philosophen Krishnamurti und vor allem den Geiger Yehudi Menuhin öffnen sich ihm die Türen in die westliche Welt. Als Iyengar auf Einladung Menuhins 1954 erstmals London besucht, erwarten ihn jedoch die alten Muster der Rassendiskriminierung. Die Briten haben die Unabhängigkeit Indiens noch nicht verdaut. Eine weitere „Iyengarsche Erkenntnis“ findet in dieser Zeit ihren Ausdruck: Energie ist wie ein Muskel. Wenn sie gebraucht wird, wird sie stärker. Inzwischen lodert in Iyengar ein Feuer, das alle Hindernisse „wegbrennt“. Jeder Fehlschlag ist ein „Licht, das auf einen weiteren Versuch leuchtet“, so dass er am Ende erreicht, was er erreichen wollte: Yoga populär zu machen. Geschenkt wurde ihm dabei nichts: Ende der 1950er-Jahre ausgebrannt, 1973 der frühe Tod seiner geliebten Frau, zwei Motorradunfälle 1979, die ihn wieder bei Null anfangen lassen. Er entwickelt Hilfsmittel, die sogenannten Props, um Haltungen an einen eingeschränkten Körper anzupassen und wird zu einem Wegbereiter der Yogatherapie, deren Nutzen inzwischen wissenschaftlich untersucht und medizinisch anerkannt ist.

Meister und Mäzen
Dass er berühmt wurde, verdankt Iyengar einer besonderen Mischung aus Willenskraft und Geradlinigkeit, Kontinuität und Durchhaltevermögen, Glück und Cleverness, Glauben an sich selbst und unerschütterlichem Gottvertrauen. Er ist ein begnadeter Performer, ein Selbstdarsteller und „Showman“ – man denke nur an eine seiner über 10 000 öffentlichen Yogademonstrationen. Seine Prinzipien opferte er dabei nie, in seiner Lehre wollte er sich nicht um einen Millimeter verbiegen. Mit „Licht auf Yoga“, das bereits 1965 erschien, wurde er Bestsellerautor, „Licht auf Leben“ gilt als Leitfaden aller Iyengar-Praktizierenden. Iyengar wird verehrt und ist mit zahlreichen Titeln ausgezeichnet worden. Dabei ist er ein Gebender geblieben. In seinem Geburtsort Bellur hat er Schulen bauen lassen, wo inzwischen mehrere Tausend Kinder unterrichtet und mittags bespeist werden. Der Ort verdankt ihm ein Krankenhaus mit Pflegepersonal, ein College, einen Patanjali-Tempel und jüngst hat er den alten, verfallenen Shiva-Tempel wieder aufbauen lassen.

In Pune
Kehren wir zurück nach Pune, wo er seit nunmehr 76 Jahren lebt. Von seinen sechs Kindern sind ihm zwei auf dem Yogaweg gefolgt: Geeta, die älteste Tochter, hat das immense Wissen systematisiert und ist eine brillante Lehrerin; Prashant, der Sohn, besitzt ein großes philosophisches Wissen. Von ihm behaupten langjährige Schüler, sein gesamtes Wesen, Sprechen und Handeln korrespondiere zu jeder Zeit mit den Lehren der Bhagavad Gita und der Upanischaden. Die „Iyengar-Yogis“ aus aller Welt, die zum Üben kommen, sind größtenteils ausgebildete Lehrer, zertifiziert auf unterschiedlichen Levels. Sie üben seit 20, 30 und mehr Jahren mit Guruji, wie sie ihn verehrungsvoll nennen. Die einen bewundern, wie er das Yoga- Sutra von Patanjali durch seine Praxis transzendiert: die Übung als Werkzeug, um nach innen zu gehen und in der Haltung den Körper in allen Schichten zu durchdringen. Andere begeistert, dass Iyengar sie wie kein anderer dazu bringt, über sich selbst hinauszuwachsen, die physischen, mentalen und emotionalen Begrenzungen zu erweitern.

Die Yogahalle im ersten Stock ist rappelvoll, nicht einen Millimeter Platz gibt es zwischen den Matten. Ganz hinten, am anderen Ende, entdecke ich den Meister. Er sitzt in Virasana, vor ihm seine Enkelin Abhijata in Upavishtha Konasana. Er korrigiert sie aus seiner Position heraus vom Rücken her, schiebt dazu eine Decke unter ihre linke Gesäßhälfte, damit der rechte Sitzknochen bessert geerdet ist. Wie die beiden so hintereinander sitzen, leise sprechend, muss ich an einen Zweierbob denken: sie steuert, er korrigiert. Vielleicht ist dies ein Symbol für einen Stabwechsel: Der Meister hat Platz gemacht in der ersten Reihe. Wie breit diese Reihe sein wird, wird sich zeigen, denn Iyengar hat sein Wissen großzügig weitergegeben. Am Abend kehrt Ruhe am Institut ein. Der fast lebensgroße Hanuman auf dem Dach, Iyengars Lieblingsgott, leuchtet feuerrot in der untergehenden Sonne. Guruji sitzt in seinem Wohnzimmer, schräg gegenüber der Yogahalle und trägt eine Atemmaske. Die schlechte Luft macht ihm zu schaffen. Er schaut sich ein Kricketspiel an. Der Krach auf der Straße verhallt ungehört.

 

 

Alanis Morissette: „Entspannung am Rande meiner Fähigkeiten“

Eine Praxis für Seele und Körper suchte Alanis Morissette, um sich auch auf anstrengenden Tourneen zu regenieren. Die Musikerin fand Yoga – und hat dadurch sehr viel über sich und für sich gelernt.

Alanis Morissette, 37, wurde 1995 ins Rampenlicht katapultiert, als ihr Album „Jagged Little Pill“ Rockgeschichte schrieb – mit 33 Millionen weltweit verkauften Einheiten wurde es zum erfolgreichsten Debütalbum einer Künstlerin aller Zeiten. Die Pop-Rock-Hymne „You Oughta Know“ verkörperte perfekt die rohen Emotionen und widersprüchlichen Gefühle einer verschmähten Geliebten. Auch wenn DJs oft die explizitesten Stellen ausblendeten, verhalfen sie dem Lied zu weitreichendem Airplay, während Zuhörer auf der ganzen Welt sich mit der Herzschmerz-Geschichte der jungen Kanadierin identifizierten. Morissette war damals gerade 21.

Ihr Aufstieg in die Starriege war gnadenlos und ließ wenig Zeit zum Ausruhen oder Nachdenken. Rückblickend sagt sie, sie sei froh, dass sie so viele Menschen kennenlernen und die Welt sehen konnte, aber gibt zu, dass das Touren sie körperlich und seelisch auslaugte. Die Intensität war ermüdend. Wenn sie allein sein wollte, versteckte sie sich im Backstage-Bereich, in Hotelzimmern oder sogar auf Toiletten – wo auch immer sie etwas Abstand von dem Wahnsinn gewinnen und wieder zu sich finden konnte. Zwischen Auftritten, Interviews und all den kräftezehrenden Anforderungen an sie musste sie Energie tanken, und irgendwann begriff sie, dass sie anstatt sich zu verstecken sich gründlich regenerieren musste. „Ich wollte eine Praxis finden, die sowohl Körper als auch Seele einbezog. Yoga war dafür perfekt“, sagt sie. „Ich fühlte mich, als sei ich dazu geboren, Yoga zu machen.“

Ihr erster Kontakt damit war die DVD „Yoga Mind & Body“, eine DVD der Schauspielerin Ali McGraw mit dem renommierten Yogalehrer Erich Schiffmann, die Morissette gegen Ende ihrer „Jagged Little Pill“-Tour entdeckte. Seitdem hat sie alles ausprobiert von Ashtanga zu Bikram zu Kundalini, Iyengar, Shadow und Yin, und sie hat mit einer Reihe bekannter Lehrer studiert, inkl. Kathryn Budig, Sara Ivanhoe, Matt Pesendian, Nicki Doane und Eddie Modestini. Sie liebt Vinyasa Flow.

Glücklicherweise ist Morissettes Zwillingsbruder Wade Imre Yogalehrer und Kirtan-Künstler. Sie sagt, er sei einer ihrer Lieblingslehrer, nicht nur wegen ihrer engen Verbindung, sondern auch, weil er Respekt vor Traditionen mit „einem Bewusstsein für die Realitäten des modernen Lebens“ verbinde. Die Realitäten von Morissettes geschäftigem Leben beinhalten mittlerweile die Ehe mit Rapper Mario „MC Souleye“ Treadway und ihrem Kind Ever Imre, geboren Weihnachten 2010 zu Hause in Los Angeles.

YOGA JOURNAL: Was liebst du am meisten an deiner Praxis?
ALANIS MORISSETTE: Sie gibt mir einen großartigen mikrokosmischen Schnappschuss, ein klares Bild von dem, was in meinem Leben passiert. Wenn ich mich auf der Matte fordere, fordere ich mich wahrscheinlich auch anderswo – ein Hinweis darauf, sanfter zu sein. Wenn ich nicht übe, fehlt mir dieser Kontakt zu mir selbst. Wie ich an meine Zeit auf der Matte herangehe, zeigt mir meine Bedürfnisse. Es ist eine tolle Einladung, mich auf das zu konzentrieren, was wirklich los ist.

Hat sich das auf deinen Kreativprozess ausgewirkt?
Der Antrieb, Yoga zu machen, kommt von demselben Ort, an dem meine Lieder geboren werden. Wenn ich Lieder schreibe oder Yoga mache, bin ich neugierig, was wirklich so passiert: Was geschieht in meinem Körper? Was geschieht in meinem Herzen? Was geschieht in meinem Leben? Was geschieht im größeren Kontext des Planeten? Was geschieht in der Evolution des Bewusstseins? Was geschieht in meinem Knie? Das ist alles derselbe Neugier-Muskel. Das ist die stärkste Eigenschaft, die ich in meinen eigenen Schaffensprozess einbringe. Es ist einfach diese Neugier, die auftkommt, und das liebe ich. Und es fehlt das Urteilen. Als ich 21 war und Yoga machte, trat ich mir selber in den Arsch, wenn ich nicht dehnbar genug ausgelaugt war. Jetzt stelle ich es einfach fest.

Hat Yoga dir auch in Beziehungen geholfen?
Ich denke, die reiferen Eigenschaften wie Neugier, Urteilsfreiheit und Aufmerksamkeit helfen. In den Momenten des Konflikts mit den Menschen, die ich liebe, ist es mein Ziel, diese Qualitäten an den Tag zu legen. Meine konsequente Praxis zahlt sich definitiv in meinen Beziehungen aus, weil sie von mir fordert, mutig zu sein und mich an meine Grenzen zu treiben, aber auch Nachsicht mit mir selbst zu haben und sanft zu sein. Also bringe ich mich an den Rand meiner Fähigkeiten und entspanne dann dort – so in etwa lebe ich heutzutage mein Leben.

Wie bist du an den Ort gekommen, an dem du bereit für eine Beziehung warst?
Oh, indem ich jahrelang immer wieder an allen Fronten Mist gebaut habe. Indem ich liebessüchtig war. Indem ich co-abhängig war. Indem ich nicht genug über mich selbst wusste. Je mehr ich über mich selbst lernte, desto mehr erkannte ich, dass ich ein Alpha-Weibchen bin. Da führt kein Weg daran vorbei. Ich begann, herauszufinden, wer ein guter Begleiter auf dieser Reise sein würde. Und ich wartete, um die Art von Person zu finden, die ein unglaublicher Mann sein würde, um der Vater meiner zukünftigen Kinder zu sein. Bevor ich wusste, wer ich war, hatte ich keine Ahnung, wer mich perfekt ergänzen würde. Ich musste herausfinden, wie ich für meine Sensibilität, meine Karrierebedürfnisse und meine Selbstpflege verantwortlich sein konnte. Je mehr ich wusste, was ich brauchte, desto mehr verinnerlichte ich es. Davor, wenn ich mit jemand ausging und die Chemie stimmte, habe ich mich einfach darauf gestürzt. Die Chemie ist enorm wichtig, aber ich entwickelte mich irgendwann über das „Wow, seine Augen sind so tiefgründig und ich will einfach knutschen“ hinaus, verstehst du? Später dann war die erste Frage, die ich immer stellte, „Was ist deine Aufgabe?“ Ich wollte niemand, der übermäßig besessen von Arbeit oder Reisen war. Als mein zukünftiger Ehemann sagte, seine Aufgabe sei es, ein unglaublicher Ehemann und Vater zu sein und durch seine Kunst einen Dienst zu leisten, dachte ich, „wow, das verlangt nach mehr Zeit und Energie.“

Hat Yoga dir in deiner Schwangerschaft geholfen?
Bewusstsein ist das Wichtigste. Ich bin von Natur aus dehnbar, und Relaxin, das Hormon, das während der Schwangerschaft ausgeschüttet wird, verstärkte das. Ich musste lernen, mich nicht zu überdehnen oder verletzen. Ich habe immer versucht, mich auf den Prozess des spirituellen Aufstiegs, auf Philosophie und Intellektualismus zu konzentrieren – alles ziemlich hohe Ziele, verstehst du? Aber manchmal hatte ich diese Momente der Erleuchtung beim Spazierengehen, als mir mit voller Wucht bewusst wurde: Ich bin ein Tier. Ich habe meine eigene Physiologie, DNS, genetische Veranlagung, Muskeln, Knochen, Bänder, und Hormone. Ich wurde zu einem wissenschaftlichen Experiment!

Wie hat sich deine Praxis über die Jahre verändert?
Da ist eine stille Kraft, die ich vor zehn oder 15 Jahren noch nicht wirklich kultiviert hatte. Damals war immer alles volle Kanne, wie ein Soldat. Heute kann ich den Soldaten rausholen, wenn ich ihn brauche, aber das ist nicht meine Ausgangsposition. Die Matte ist einfach da und ich kehre immer wieder zu ihr zurück.

Übersetzung: Matthias Jost

DAS MAGAZIN // SEPTEMBER – OKTOBER 2014

SEI DEIN EIGENER GURU!

Zugegeben, wir haben uns diesen guten Vorschlag bei Yogalehrer Danny Paradise (Seite 58) abgeguckt. Und auch ein wenig bei Schauspielerin Meret Becker, die sich im Interview ab Seite 22 mit Wahrhaftigkeit auseinandersetzt und die Suche nach einem Guru (im Außen) für ein reines Ausweichmanöver hält. Sie spricht über Yoga, über Kunst und die Natur – und darüber, was uns als Menschen „echt“ macht. Ihr Fazit: „Yoga und Kunst können uns auf unserem Weg helfen, aber letztlich muss man sich selber darum kümmern, wie man wohin kommt.“ Wie so oft scheint es, als hätten sich unsere Gesprächspartner und Autoren untereinander abgesprochen – so einheitlich klingt stellenweise ihre Message. Ab Seite 44 kommen zwei berühmte Protagonisten der 68er-Bewegung zu Wort. Rainer Langhans, einst radikaler Gegner von jeglicher Autorität und leidenschaftlicher Kommunen-Liebhaber, meint über die damalige Zeit: „Wir sind nach innen gegangen, ohne Anleitung oder spirituellen Meister, weil uns zunächst niemand eingefallen ist, der uns hätte helfen können. Wir waren unsere eigenen Meister.“ Heute sieht man ihn im aktuellen Kinofilm „Good Luck Finding Yourself“ zusammen mit der an Krebs erkrankten Jutta Winkelmann durch Indien reisen – auf der Suche nach einem spirituellen Meister. Doch auch Winkelmann spricht davon, dass das Wissen über das „Wer bin ich?“ nicht auf einen Lehrer projiziert werden muss, sondern in einem selbst liegt. Einer, der die Dunkelheit beseitigt, so lautet eine Übersetzung von „Guru“. Das kann ein Lehrer sein oder die Weisheit in unserem Inneren, Yoga, unsere eigene, individuelle Art zu üben, die Weisheit der alten Schriften, unsere eigene Lebenserfahrung, die Natur oder das einfache Menschsein. Zahlreiche Ideen hierzu finden Sie in diesem Heft, was für Sie wahrhaftig und hilfreich ist, können nur Sie selbst herausfinden!

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.
Ihre YOGA JOURNAL-Redaktion

TITELTHEMEN:
– 3 entschleunigende Übungstrecken
– Srivatsa Ramaswami: Yoga muss langsam sein!
– Meret Becker: Wahrheit oder Lüge – wann sind wir echt?
– Fotostrecke „Unter Gurus & Sadhus“: Yoga am Ganges
– Ernährung: Yogische Herbstküche – von Wurzeln und Stängeln
– Yoga-City-Trip: Paris

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Pilates – eine Methode hat ihre Prinzipien

Nein, Pilates ist kein alternativer Name für Bauch-Beine-Po-Training. Pilates ist auch nicht nur für alte Leute oder szenige Hüpfer – und Pilates ist schon gar nicht nur was für Frauen. Pilates ist keine Physiotherapie. Pilates ist auch nicht peinlich und Pilates ist auch nicht leicht. Und Pilates ist ebenso wenig ein neuer heißer Trend. Und vor allem: Pilates ist nicht Yoga. Aber was ist es eigentlich?

Pilates ist schon so etwas wie Gymnastik, Pilates ist Sport. Pilates ist ein Workout. Pilates macht so ganz nebenbei eine tolle Figur, strafft Konturen, sorgt für einen flachen Bauch und eine tolle Ausstrahlung. Frauen stürmen in Pilates-Kurse, dabei wurde es für Männer entwickelt. Pilates sieht echt leicht aus, aber je länger man es macht, desto komplexer wird es. Aber es ist viel mehr als das, nämlich auch eine Lebensart. Und vor allem: Pilates trägt Elemente des Yoga.

Pilates, das meint die Pilates-Methode: eine Trainingsmethode für die Tiefenmuskulatur, die um die Jahrtausendwende als neuer Stern am Trendsporthimmel gefeiert, ebenso hart beurteilt wurde und sich seitdem fest etabliert hat. Pilates-Studios erobern Stadt und Land, Cardio-Pilates, Piloxing, Pilardio und Yoga-Pilates füllen die Stundenpläne in Fitnessstudios und tausende Menschen widmen heute ihr Leben dem Powerhouse und einer beweglichen Wirbelsäule. Das Pilates-Training ist ein Übungsprogramm auf der Matte bzw. an den Pilates-Studiogeräten wie Cadillac, Reformer, Chair und Barrel. Es handelt sich dabei um mehrere hundert Übungen, mehr oder weniger rein nach Joseph Pilates. Trainiert wird in Kleingruppen oder im Einzeltraining. Dabei sind die Übungen mehr Mittel zum Zweck: Grundsätzlich geht es im Pilates darum, die tiefe Bauch- und Beckenbodenmuskulatur sowie die wirbelsäulennahe Muskulatur – das so genannte Powerhouse – in den unterschiedlichen Schwerkraftausrichtungen in Bewegung zu halten.

Pilates ist nicht neu
Zumindest nicht wirklich: Bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte der gebürtige Rheinländer Joseph Pilates in den USA ein einzigartiges System von Körperübungen. Im Mittelpunkt seines Konzeptes steht die Wirbelsäule, als tragendes und jegliche Bewegung ermöglichendes Körperelement. Die Übungen trainieren auf faszinierende Weise das Zusammenspiel von Kraft, Stabilität und Beweglichkeit. Pilates-Training blieb in Amerika lange Zeit eine exklusive Trainingsmethode für fortschrittliche Insider und Tänzer, auch nach dem Tod von Joseph Pilates 1967 und seiner Frau Clara 1977. Die meisten Sportler konnten mit diesem Body-Mind-Konzept damals nichts anfangen. „Ich bin meiner Zeit 50 Jahre voraus“, sagte Joseph Pilates mal über die Zukunft seiner Trainingsmethode. Und er sollte Recht behalten: Heute trainieren Millionen Menschen überall auf der Welt nach seinen Grundsätzen. Die enormen Vorzüge der Pilates-Methode und auch ihre ständige Weiterentwicklung, die Entwicklung der Gesellschaft, die Sehnsucht der Menschen nach Nachhaltigkeit, all das half dabei, die Pilates-Methode aus ihrer Exklusivität zu holen. Joseph Pilates hat keine jedoch Hinweise dazu hinterlassen, wie es mit der Pilates-Methode nach seinem Tode weitergehen sollte. Und er war auch nicht überzeugt von einem offiziellen Trainingsprogramm für Lehrer.

Es geht ums Prinzip
Von außen sieht so ein Pilates-Training schon mal aus wie Schulsport, Rückenschule der 90er Jahre oder auch Yoga. Klar, da kann man schon mal skeptisch werden. Einfach nur ein neuer Name für altbekannte Trainingsmethoden? Nein. Die Pilates-Übungen enthalten zwar Elemente von Yoga oder Turnen, jedoch ist die Herangehensweise und der Fokus der Ausübung unterschiedlich zu anderen Techniken. Das Besondere des Pilates-Trainings ist die systematische Basis der Prinzipien wie Konzentration, Kontrolle, Zentrierung, Präzision, Bewegungsfluss und Atmung. Nur wenn alle Prinzipien in einer Übung fokussiert werden und die Bewegung von einem stabilen Körperzentrum ausgeht, wird eine unscheinbar wirkende Übung auch wirklich Pilates. Und nur wer die Pilates-Prinzipien – und damit die Philosophie hinter den Übungen – verinnerlicht hat, hat Pilates wirklich verstanden. Wenn nicht, dann bleiben es wohl doch eher normale Dehn- und Fitnessübungen.

Zentrierung und Stabilisation
Immer wieder, ob nun in einer Stunde für Anfänger oder Fortgeschrittene, hört man den Hinweis auf die Zentrierung, auf die Powerhouse-Aktivierung, „Nabel zur Wirbelsäule!“, oder was immer auch dazu dient, eben diesen zentralen Bereich zu aktivieren. Grundsatz des Pilates-Trainings ist: Jede Bewegung beginnt aus der Körpermitte – dem Powerhouse. Allerdings geht es in diesem Fall tatsächlich um eine rein körperliche Komponente und nicht das geistige Zentrum. Dementsprechend gilt es, noch vor jeder Bewegung als erstes das Powerhouse zu aktivieren. Erst ein stabiles muskuläres Zentrum macht lockere und ökonomische Bewegungen möglich, selbst wenn es mal richtig zur Sache geht. Und dieses Zentrum wird natürlich auch durchweg gehalten: Also selbst bei Übungen, die scheinbar mehr für die Arme oder Beine gedacht sind, geht nichts ohne die Kontrolle über das Zentrum. Und genau genommen heißt das eben auch: Wer das Zentrum in bestimmten Übungen (noch) nicht kontrollieren kann, der ist auch noch nicht reif für diese Übungsstufe. Da heißt es fleißig am Ball bleiben, in Einzelstunden die Ursache herausfinden und probieren, bis es klappt. Und ganz nebenbei ist diese Zentrumskraft der Schlüssel für einen starken Rücken, einen flachen Bauch und eine schicke schmale Taille.

Konzentration
Pilates gilt als Body-Mind-Training – was heute jedoch auf alle möglichen Dinge zutrifft: Ohne Body-Mind-Faktor scheint heute fast nichts mehr zu gehen. Alles ist „Body-Mind“, sobald langsame Musik im Hintergrund ertönt, der Geruch von Duftkerzen den Raum vernebelt oder die zarte Stimme des Trainers zum Motivationskiller mutiert. Der Mind-Aspekt der Pilates-Methode ist allerdings ein anderer: Beim Pilates-Training geht es nicht um den Geist im spirituellen Sinne, sondern um pure Konzentration auf die präzise Bewegungsausführung und den eigenen Körper. Was zählt, ist die Qualität der Bewegung: Statt endloser Wiederholungen, bei denen die Gedanken um zig andere Dinge kreisen, heißt es hier: mit Körperwahrnehmung zur Körperkompetenz. Verspannte oberflächliche Muskeln lernen durch diese extrem präzise Übungsausführung loszulassen und vergessene, tiefe Muskeln lernen wieder zu arbeiten. Denn nur wenn diese kleinen Muskeln wirklich ihren Job machen, ist optimale Zusammenarbeit angesagt. Und die optimale Zusammenarbeit ist dann eben auch der Garant für ein neues Körpergefühl, eine gute Haltung und eine tolle Figur.

Kontrolle
Joseph Pilates selbst nannte seine Methode „Contrology“. Erst als seine Schüler selber zu Lehrern wurden, sprach man von der Methode als Pilates-Methode. Und in der bleibt nichts dem Zufall überlassen, sondern jede auch noch so kleine Bewegung soll kontrolliert werden. Wo sind die Schultern? Ist das Powerhouse aktiv? Wie ist die Stellung von Rücken und Becken? Arbeitet der Körper mit so viel Kraft und Anstrengung wie nötig, aber mit so wenig wie möglich? Initiiere ich die Bewegung wirklich aus den richtigen Muskeln? Oder übernehmen doch wieder große Muskeln den Part der tiefen kleinen? Stimmt die Ausgangsausrichtung? Komme ich in einer guten Position wieder an? Das klingt nun vielleicht etwas pingelig, ist es aber nicht. Viele Bewegungen führen wir normalerweise automatisch und ohne bewusste -Kontrolle aus. Mit den Gedanken sind wir bei der Planung der Weihnachts-ferien, den unerledigten Jobs aus dem Büro oder dem Geburtstag der Schwiegermutter, während gleichzeitig aber Arme und Beine durch die Luft wirbeln. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Deswegen ist die penetrante -Fokussierung auf die Kontrolle purer Eigenschutz. Und zwar sowohl für jede Übung an sich, vom -Anfang bis zum Ende jeder Bewegung, als auch für die Übungs-übergänge, und ebenso auch für das Auf- und Absteigen von den Geräten. Eine unkontrollierte Bewegung, also ohne ausreichend -Stabilisierung und Zentrierung, führt schnell zu -Verletzungen. Und damit ist klar: Kann eine Bewegung (noch) nicht aufmerksam -kontrolliert werden – heißt es üben, üben, üben, bevor es auf die nächste Pilates-Stufe geht.

Bewegungsfluss
Pilates steht für Bewegung und so werden in einer Pilates-Stunde Positionen fast nie länger gehalten. Keine Pilates-Bewegung sollte zu langsam oder zu schnell, zu abgehakt, hart oder fest sein. Das Gleiche gilt für Übergänge. Zu Beginn einer Trainingskarriere ist das alles noch nicht so einfach, weil fließende Bewegungen von einem kraftvollen Zentrum ausgehen – und daran wird ja noch gearbeitet. Zudem hält ein gewisser Bewegungsfluss das Herz-Kreislauf-System am Laufen. Nein, Pilates ist deswegen noch lange kein Cardio-Training, aber bei einem zackigen (fortgeschrittenen) Training geht eine Übung in die andere über, und so kommt man ganz schön ins Schwitzen.

Präzision
Im Unterschied zu vielen anderen Trainingsmethoden geht bei Pilates ganz klar -Qualität vor Quantität. Statt endloser, schluderig ausgeführter Wiederholungen -reichen beim Pilates schon ein paar wenige Ausführungen, um selbst starke Männer zum Schwitzen zu bringen. Es ist eben doch nicht so leicht, wie es aussieht. Joseph Pilates hatte wohl eine ziemlich präzise Vorstellung davon, wo sich der Körper wie zum jeweils bestimmten Zeitpunkt der Übung verhält. „Konzentriere dich beim Trainieren immer auf absolute korrekte Bewegungen“, sagte er. „Andernfalls führst du sie nicht präzise aus und damit verlieren sie jeglichen Wert.“ Autsch. Alles Training für die Katz, wenn mal was nicht so lief? Natürlich nicht. Diese Körperkompetenz gilt es eben zu erwerben, um dann genau zu wissen, wo eine Bewegung anfängt, wo sie initiiert wird, bis wohin welche Stabilität gehalten wird und wo die Bewegung endet. Es sind nun mal die kleinen Details, auf die es beim Pilates-Training ankommt: Es sollen eben nur die Muskeln arbeiten, die gerade für diese eine Bewegung benötigt werden. Und die, die zwar gerne schnell die Arbeit übernehmen könnten, es aber nicht sollen, dürfen sich entspannen. Gerade auf diesem Wege lassen sich schlechte Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten durch einen guten Trainer korrigieren. „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ – ganz nach Joe.

Atmung
Konzentrierte und präzise Bewegungen zu einem Atemrhythmus – das ist Pilates. Joseph Pilates war der festen Überzeugung, dass ein aktiver Blutkreislauf die unterschiedlichsten Zellen des menschlichen Körpers aktiv hält somit und die -Schlacken abtransportiert werden. Die kräftige und komplette Ein- und Ausatmung sind dementsprechend symbiotischer Teil einer jeden Pilates-Übung. Die tiefe Einatmung durch die Nase ist perfekt, um ausreichend Sauerstoff ins Blut zu bringen und die Muskeln besser arbeiten zu lassen. Und die feste Ausatmung durch den Mund unterstützt die Aktivierung der tiefen Powerhouse-Muskeln. Joseph Pilates atmete seinerzeit durch die Nase ein und aus, das hatte er sich aus dem Yoga abgeschaut. Vereinzelte Übungen leitete er mit konkreten Anweisungen zum Atmen an, grundsätzlich wurde hier aber wohl doch eher individuell entschieden. Hauptsache, der Atem war gleichmäßig und fließend: „In with the air, out with the air“ – also rein mit der Luft und raus mit der Luft, ohne viel Aufhebens. Heute gilt als allgemeine Regel: Einatmen zur Übungsvorbereitung und Ausatmen, wenn es dann in die Bewegung geht, und das alles über die so genannte dreidimensionale Brustkorbatmung, um das volle Lungenvolumen zu nutzen. Wie im Yoga gibt es unterschiedliche Atemtechniken. Nur eine ist sicher nie dabei: die Bauchatmung. Pilates ist eben wirklich nicht Yoga.

Kathrin Klement ist Chefredakteurin von „Pilates – Das Magazin“.

Wettbewerb um die Erleuchtung

Erlösung, Erleuchtung, Versenkung und Verrenkung

Auf der Suche nach dem wie auch immer gearteten „Selbst“ scheinen wir im modernen Wettbewerb um die Erleuchtung zuweilen durchaus käuflich zu sein. Aber halt: Welche Erleuchtung eigentlich? Nicht nur im Rahmen seiner Ashtanga-Praxis stellen sich dem Kölner Schriftsteller Selim Özdogan („Im Juli“, „Zwischen zwei Träumen“, „Mehr“) Fragen nach Wegen, Ziel und Substanz des Konzepts „Erleuchtung“.

Ihre Augen leuchten, als sie erzählt, dass sie gestern fast nicht in den Supermarkt ­gekommen sei. „Ich habe schon so einen Grad an Reinheit ­erreicht“, sagt sie, „dass die Sensoren für die ­Schiebetüren mich nicht mehr erkennen.“ Sie meditiert zwei bis drei Stunden am Tag und das schon seit fünf Jahren. Einer ihrer Bekannten steht jeden Morgen um 4:30 Uhr auf, um eine Stunde Atemübungen zu machen, denen jeweils eine Stunde Körperübungen und Meditation folgen, bevor er frühstückt und seiner Arbeit als Berufsberater nachgeht. Für vermeintlich höhere Zwecke verzichten Menschen auf Schlaf, auf Fleisch, auf Fisch, auf Tabak, Alkohol, Drogen, manche auch auf Zwiebeln und Knoblauch, auf Sex, auf Unterhaltung und in einigen Fällen auch auf ihr gesundes Urteilsvermögen.
Doch sie verzichten nicht nur, sie kaufen auch, Meditationskissen und -bänke, Räucherstäbchen, Bücher, CDs, DVDs, sie fahren zu Retreats in Südfrankreich oder auch zu Meistern oder vermeintlichen Meistern, die auf anderen Kontinenten ­leben.

Das alles im Namen der Erleuchtung. Esoterik ist keine Geheimlehre mehr, und es gibt zahlreiche Beispiele von Prominenten, die freudestrahlend über ihre spirituellen Praktiken berichten. Das Thema ist der Mehrheit zugänglich, und in vielen Kreisen wird man nicht schief angesehen, wenn man täglich medititiert, sondern eher leise ­bewundert. Aber was ist Erleuchtung? Was ist Samadhi, Nirvana, Verschmelzung mit dem Kosmischen, Selbstverwirklichung, Satori, Moksha, dieser Zustand, der den Menschen verschiedenster Kulturen quer durch die Geschichte bekannt ist, den meisten aber nur nach dem Hörensagen? Der Ashtanga-Yogi Rolf Naujokat beschreibt ihn so: „Die Stille basierte nicht mehr auf der Außenwelt, es war nur Sein. Es war nicht so, dass da ein Ich war, dass Stille erfährt. Es wurde einfach eins, und das war wirklich erstaunlich. Es ist schwer in Worten auszudrücken, viele Bücher schreiben schöner darüber.“

Das große Verlangen
Erleuchtung wird häufig als Zustand definiert, in dem sich die großen Fragen nicht mehr stellen: Wer sind wir? Was machen wir hier? Was ist der der Sinn des Lebens? Und das offenbar nicht, weil die Fragen beantwortet wären, sondern weil man erkennt, dass sie irrelevant sind. Es scheint etwas im Menschen zu geben, dass unabhängig von seinem Körper, seinen Gedanken, Emotionen, Sehnsüchten und Sorgen existiert, frei von seinem Weltbild und seinen Selbstdefinitionen. Einen göttlichen Kern möglicherweise. Wenn man zu diesem vordringen kann, braucht man keine Antworten mehr. Man sieht die Einheit allen Seins, in der die Dualität aufgehoben ist. Es gibt kein Gut und Böse mehr und damit auch nicht mehr die Frage, warum Gott das Böse zulässt. Das Universum hat seine Richtigkeit, so wie es ist. Das, was wir als unsere Identität betrachten, was uns in unserem Verständnis zu dem macht, was wir sind, wird als Illusion angesehen, als bloßes Konstrukt. Wir sehen die Welt immer durch die Brille unserer Identität und unseres Weltbildes. Wenn wir das ablegen könnten, würden wir eine Realität erfahren, die sich grundsätzlich von unserer Alltagsrealität unterscheidet. Ähnliche Ebenen kennen wir aus der Traumwelt: Wenn man sich während eines nächtlichen Traums bewusst wird, dass man träumt, verliert das Erlebte die Realität. Man identifiziert sich nicht mehr damit und ist erleichtert, weil man weiß, daß man aufwachen wird. Genauso scheint das, was wir als Realität betrachten, auch nur ein Traum zu sein, aus dem man auftauchen kann. Eine Übersetzung von Buddha ist „Erwachter“.

Für viele Menschen klingt die Existenz einer unumstößlichen Wahrheit, die Möglichkeit eines Lebens ohne Sorgen, ein endgültiges Ankommen verlockend. Doch die Wege der verschiedenen spirituellen Disziplinen sind meist beschwerlich. Laut vieler Aussagen ist auch für einen Erwachten nicht alles nur leicht. Und woher soll man wissen, dass die versprochene Belohnung tatsächlich ­existiert? Selbst wenn sie existiert – wieso sollte ausgerechnet man selbst sie bekommen? Und wieso hat Gott einem Hände und Füße gegeben, wenn er wollte, dass man zehn Stunden am Tag meditiert, um ihn zu ­schauen? Wie weit will man gehen? Es gibt die Geschichte, in der ein angesehener tibetanischer Lama in einem Intensivseminar zahlreichen Erleuchtungwilligen eine Meditation über Mitgefühl lehrt. Die Anwesenden sollen die Krankheiten aller Menschen einatmen und in sich aufnehmen. Ein Teilnehmer fragt erschrocken: Und wenn es funktioniert? Der Mönch antwortet: Dann freuen Sie sich, dass es funktioniert.

Der Preis der Erkenntnis
Welchen Preis möchte man für Erkenntnis zahlen? Ist es nicht egoistisch, diese Erkenntnis für sich selbst zu wollen? Und zugleich unmöglich, da die verschiedenen spirituellen Disziplinen sich ja einig sind, dass dieses Selbst, das wünscht, denkt, handelt, fühlt und strebt, etwas ist, mit dem wir uns nur fälschlicherweise identifizieren? Und was hat Mitgefühl eigentlich mit Erleuchtung zu tun? In seinem Buch „Verflixte Erleuchtung“ stellt der spirituelle Autor Jed McKenna Fragen dieser Art häufiger. Wenn du Mitgefühl entwickeln möchtest, grenzenlose Liebe erfahren, Wonne spüren, Glückseligkeit, das Ende der Sorgen, die totale Verschmelzung, dann bemühe dich darum, sagt er. Aber Erleuchtung sei etwas anderes. Wenn du erleuchtet werden möchtest, strebe danach – und nur danach. Wenn du diesen Zustand erreicht hast, kannst du immer noch entscheiden, ob du Mitgefühl entwickeln möchtest. Für die Heerscharen spirituell Suchender, die sich in einem Wunschdenken von Erleuchtung verstricken und sich weiß Gott was davon versprechen, hat McKenna nur ein geringschätziges Lächeln übrig. Die Menschen rennen einem Phantom hinterher, sagt er. In diesem Zusammenhang macht es möglicherweise Sinn, dass „Jed McKenna“ ein Pseudonym ist, das Buch Fiktion und seine Identität unbekannt ist: Es gibt keinen Autoren, dem man nacheifern könnte. Es könnte aber auch bedeuten, dass man hier einem Blender ­aufsitzt.

Das vermeintliche Versprechen, dass alle Sorgen ein Ende haben, dass das Paradies auf Erden zum Greifen nahe ist, dass man alle menschlichen Unzulänglichkeiten hinter sich lassen kann, ist einfach zu verheißungsvoll. Es gibt genug Menschen, die bereit sind, ihre Ernährung radikal zu ändern, sogenannte weltliche Aktivitäten zu minimieren, auf vielerlei elektrische Geräte und Quartzarmbanduhren zu verzichten, vier Stunden täglich zu meditieren, zu singen, zu beten, sich zu verrenken oder was ihnen ihre jeweilige Schule sonst noch vorschreibt. Ohne Unterlass streben sie, und nicht alle sind sich des Paradoxons bewusst, dass dieses Streben und Begehren nur ein Ausdruck ihrer Identität ist, ihres Egos, das sie eigentlich überwinden möchten. Sie erfreuen sich an ihren Fortschritten, was durchaus menschlich ist, doch spiritueller Stolz gilt als eines der großen Hindernisse auf diesem Weg. Meine Freundin, die sich freut, weil die Schiebetür engelhafte Wesen wie sie nicht erkennt, purzelt in ihrer Freude offenbar wieder zurück in Verhaftungen, von ­denen sie sich eigentlich lösen wollte. Doch viele Menschen, die mehr oder weniger feste religöse oder quasireligiöse Überzeugungen haben, verfallen dem Irrglauben, dass sie den Weg ins Glück kennen. Wenn das eigene Leben ein wenig besser aussieht als das der anderen, tendiert man schnell zu Hochmut und Dünkel. Schon so mancher Bioprodukteverzehrer neigt zum Glauben, er würde etwas besser oder richtiger machen als die anderen. Weil alle dieses Gefühl haben wollen, gibt es jetzt Bio in Discountmärkten. Eine Anekdote am Rande: Der Krimiautor Janwillem van de Wetering, der in den 1950ern in Japan in einem Zenkloster meditiert hat, erzählte seinem Meister begeistert von den Visionen, die er während der Sitzungen ­hatte. Und der Meister winkte ab. Visionen ­hätten hier alle, das sei ganz normal und würde nichts bedeuten.

Das Ende des Leidens
Die Reichtümer am Ende des Regenbogens müssen unermesslich sein, wenn Schiebetüren und Visionen nichts bedeuten. Die Menschen stellen sich vor, sie würden 24 Stunden täglich in Wonne baden, ewig lächeln und Gückseligkeit als Dauerzustand erfahren. Alle Probleme würden mit einem Mal aufhören, man würde keinen Irrtümern erliegen und keine Dummheiten begehen. Sie glauben, sie würden befreit von dem Leid, ein Mensch zu sein. Aber das scheint nicht der Fall zu sein, wenn man Jed McKenna, Richard Sylvester, Hermann R. Lehner, Satyam Nadeen, Karl Renz, Tony Parsons, Ramesh Balsekar und einigen anderen Vertretern des Advaita glauben möchte, deren Stimmen im Supermarkt der Erleuchtung ­gerne überhört werden. Der amerikanische Bewusstseinsforscher Ken Wilber, der die Erfahrung der Nondualität nach eigener Aussage kennt, nennt sie den „Einen Geschmack“. Er sagt, dass es keinen, wie er es nennt, „spirituellen Bypass“ gibt. Das Erlangen des „Einen Geschmacks“ bedeutet nicht, dass sich alle Probleme von selbst lösen. Die Schwierigkeiten mit Arbeit, Familie, Gemeinschaft, Geld, Ernährung, Sex und Alltag bleiben. Allerdings verlieren sie ihre Wichtigkeit, weil man sich nicht mehr mit seinem Körper und seinem Geist identifiziert. „So mancher, der den ‚Einen Geschmack‘ einmal erreicht hat, verliert jegliche Motivation, die Schäden in seinem psychologischen Unterbau zu reparieren. (…) Man kann das Bewusstsein des ‚Einen Geschmacks‘ haben und trotzdem Krebs bekommen, in seiner Ehe scheitern, arbeitslos werden, ein Ekel bleiben.“ Man ändert sich nicht, es ändert sich nur die Perspektive.

Die wenigsten von uns sind in der Lage, den Wahrheitsgehalt solcher Aussagen zu überprüfen, aber es ist kein Wunder, dass Statements dieser Art nicht so verbreitet sind. Das ist nicht das, wonach die meisten streben, sie wollen alle Unannehmlichkeiten mit einem Schlag loswerden. Als würde mit einem Mal Licht werden, wie bei der Erschaffung der Welt. Als würde man eine Droge nehmen, die einen für den Rest des Lebens high macht, inklusive Dauerlächeln und dem Gefühl eines nicht mehr endenden Orgasmus. Dabei übersieht man gerne, daß die Heiligen und Erleuchteten, denen man ja letztlich nacheifert, alle gelitten haben: Jesus, Buddha, Ramakrishna, Johannes vom Kreuz, Mevlana, Meister Eckehart und viele andere. Man ist durchaus bereit, für das Ziel zu ­zahlen: mit Disziplin, mit Meditation, mit Yoga-Praxis, mit Zeit, aber auch mit Geld, um verschiedene Erleuchtungsangebote anzunehmen. Doch man möchte nicht mit Leid und Aufgabe der angenommenen Identität zahlen. Würden die anderen Wege mehr oder weniger zuverlässig zum Erfolg führen, müssten die spirituellen Disziplinen Legionen von ­Erleuchteten entlassen. Sie tun es nicht. In der Regel wird das damit begründet, dass es mehrere Leben bis zur Erleuchtung braucht.

Doch gleichzeitig sind sich die meisten Schulen einig, dass man immer schon erleuchtet ist. Der göttliche Kern, das wahre Selbst, die Leere, der „Eine Geschmack“: Wie immer man es nennen möchte, existiert unabhängig davon, ob es im Moment erfahrbar ist oder nicht. So gesehen gibt es keine verschiedenen hierarchischen Stufen, und niemand ist weiter fortgeschritten auf dem Weg – weil es keinen Weg gibt. Wir sind wie Fische im Ozean, die nach Wasser suchen, heißt es. Erwachte betonen oft, wie einfach das Erlebnis des Einsseins ist. Zur Erleuchtung kommt man möglicherweise nicht über Schulen und Meister, Regeln und Dogmen, sondern über das eigene Innere, wo man Schicht für Schicht von seiner Identität ablegt, bis – und davor hat wohl jeder Mensch Angst – nichts mehr übrig bleibt. Oder wie der japanische Dichter Matsuo ­Basho sagt: „Versuch nicht, in die Fußstapfen des Weisen zu treten. Suche einfach nur, ­wonach er suchte.“ Erleuchtung passt, was das Marketing angeht, wundervoll in unsere Konsumwelt. Die Versprechungen, die die spirituelle Werbung macht, sind überlebensgroß und fast ausnahmslos jeder möchte das Produkt, jeder möchte seine Sorgen loswerden. Man kann die Katze im Sack verkaufen, aber weil kaum jemand weiß, wie diese Katze aussieht, können genausogut Mäuse oder Entendreck im Sack sein. Es ist wie so oft: Wenn Verpackung und Versprechung stimmen, dann wird gekauft. Wen scheren die Stimmen derer, die sagen, sie wüssten, daß keine Katze im Sack ist. Nicht mal ihr Grinsen. Der Sack ist leer.

Selim Özdogan, geboren 1971, ­studierte Völkerkunde, Anglistik und Philosophie. Seit 1995 hat er zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter „Im Juli“, der auf Fatih Akins gleichnamigem Film von 2000 basiert. 

Spiritueller Aktivismus: Vom ich zum wir

Spiritueller Aktivismus

Mit Yoga öffnen wir neue Räume. Im Körper und in unserem Leben. Wir fühlen uns gesund und entspannt. Aber was dann? Wie können wir mit unserer Praxis eine Stufe weiter gehen? Der Wunsch, Yoga jenseits der Matte gesellschaftsrelevant einzusetzen, ist für viele Konsequenz der intensiven Beschäftigung mit Yoga. Organisationen wie Off The Mat Into The World (OTM) haben bereits zahlreiche soziale Projekte angestoßen, engagierte Menschen zusammengebracht und dazu beigetragen, Ideen zu verwirklichen.

YOGA JOURNAL-Mitarbeiterin Gaby Haiber hat 2009 einen OTM-Workshop in den USA besucht. Ergebnis: Ein beeindruckender Erfahrungsbericht, eine inspirierte YJ-Autorin und  der Import des OTM-Konzepts in Deutschland.

Jetzt befinde ich mich nun schon seit gefühlten 20 Minuten in einer Variation von Utthita Parshvakonasana (gestreckter seitlicher Winkel). Der Schweiß tropft mir von der Stirn und ich fluche innerlich. Gedanklich gehe ich auf Reisen, um den Emotionen und Körpergefühlen zu entkommen. Doch dann übernimmt meine Kämpfernatur das Ruder. Ich verziehe keine Miene, stoisch und unbeweglich verharre ich in der Asana, bis man mir (hoffentlich bald) sagt, jetzt kannst du aus der Stellung kommen. Andere verleihen ihren Gefühlen Ausdruck, ich gehe damit nach innen. Dann endlich kommen wir zum Ende der Sequenz. Erleichterung macht sich breit.

„Sucht euch einen Partner und tauscht euch über das gerade Erfahrene aus“, höre ich Seane Corn sagen. Nein, bitte nicht auch noch das, denke ich. Meine spontane Reaktion: Widerstand. Aber schon setzt sich eine der Assistentinnen vor mich und hilft mir, diese Hürde zu nehmen. Dann ist der Vormittag vorbei. Und das ist erst Tag eins von einer Woche.

Nein, ich und 50 andere Teilnehmerinnen aus der ganzen Welt befinden uns nicht in einem Yoga-Bootcamp, sondern beim „Off The Mat Into The World (OTM) – Yoga, Purpose and Action Intensive“-Seminar. Seane Corn, Hala Khouri und Suzanne Sterling, die Gründerinnen von OTM, leiten uns in Esalen an der kalifornischen Westküste durch den Workshop über spirituellen, bewussten Aktivismus. Ihr Leitgedanke: Yoga nicht nur auf der Matte zu praktizieren, sondern das Gelernte, wie Stärke, Achtsamkeit, Mitgefühl, Fokus und Flexibilität, zu nutzen und damit zu einer positiven Veränderung in der Welt beizutragen.

Das OTM-Programm soll die Teilnehmer dabei unterstützen, ihr Ziel konkreter zu definieren und in einer effektiven, ambitionierten und freudvollen Art und Weise aktiv zu werden. Mit Seva, dem selbstlosen Dienen, soll real Veränderung geschaffen werden. Durch die Kombination von Yoga, Meditation, Visualisation, experimentellen Übungen (wie etwa Konfliktlösung) und Prozessarbeit werden die Teilnehmer auf eine Reise der Selbsterkennung geführt. Im zweiten Teil erhalten sie praktische Werkzeuge hinsichtlich Kommunikation, Organisation und ­Zusammenarbeit in Gruppen.

Turbo-Transformation

Inzwischen sind schon zwei Tage vergangen – oder war es eine ganze Woche? Wir sind alle so tief in diesen Vorgang der Selbsterkenntnis, der Transformation, der bedingungslosen Selbstreflektion eingetaucht , dass wir das Zeit-Raum-Gefühl verloren haben. Wieder einmal befinde ich mich in einer Variation von Utthita Parshvakonasana. Meiner, respektive unser aller, Lieblingsstellung. Als es wieder eine Ebene tiefer geht, erinnere ich mich plötzlich an einen Nebensatz von Hala am Vortag: „Ihr entscheidet, wann ihr aus der Asana kommt.“ Wie oft habe ich genau diese Worte in meinem Unterricht schon gebraucht, wie viel Gewicht lege ich selbst auf Eigenverantwortung. Und ja, ich glaube fest daran.

Aber es ist mir bis zu diesem Zeitpunkt nie in den Sinn gekommen, genau diese Anweisung in meine Praxis zu integrieren. Ich habe immer entschieden, ob ich in eine Stellung gehe oder nicht. Aber bin ich erst einmal in einer Haltung, gibt es für mich kein Zurück mehr, kein Abbrechen, kein Aufgeben. Jetzt plötzlich hallen diese Worte in meinen Ohren und ich spiele wahrhaftig mit dem Gedanken, das Gesagte auszuprobieren. Und tatsächlich gehe ich aus der Stellung, bevor die Übung offiziell beendet wird. Ich warte darauf, dass etwas passiert. Doch alles läuft weiter, als ob nichts geschehen wäre – äußerlich.

In meinem Inneren fallen plötzlich alle emotionalen Schutzmauern, und eine Flut von Gefühlen bricht über mich herein. Mit einer gewissen Faszination nehme ich wahr, was gerade passiert. Aus dem Off tönt immer wieder Seanes klare und bestimmte Stimme „Was fühlt ihr? Was nehmt ihr wahr? Weicht nicht aus, bleibt präsent! Wo seid ihr mit euren Gedanken? Lasst die Emotionen zu, schaut sie euch an.“ Mit den Erfahrungen, die wir auf der Yoga-Matte unter der Anleitung der drei erfahrenen Lehrerinnen machen, arbeiten wir nachmittags in Gesprächen, in Rollenspielen, in Klein- und Großgruppen. Wir konfrontieren uns mit unseren Ängsten, unseren Schatten, unseren Verletzungen, unseren Traumata. Wir schauen sie uns an und transformieren sie durch Übungen und Gespräche.

Die Mischung der Teilnehmer aus Aktivisten und Yogis bildet eine gute Basis, uns gegenseitig zu inspirieren. Die erste Gruppe, oftmals schon kurz vor dem Burnout, fand mit Yoga einen Ausgleich, der sie Kräfte sammeln ließ. Ohne das Wissen und den Zugang zu ihren Ressourcen erschöpfte ihr Einsatz sie jedoch regelmäßig. Die zweite Gruppe konnte durch ihre tiefe Yoga-Praxis Energien freisetzen und einen Zustand im Alltag erreichen, der sie den Blick von der eigenen Person lösen und nach außen richten ließ.

Alle, die Aktivisten und die Yogis, waren an einem Punkt angekommen, dem sie ratlos gegenüber standen. Diese Gedanken verbinden viele der Teilnehmer, die am „Off The Mat Into The World“-Workshop teilnehmen. Konkret wünschen sich die Aktivisten, dass sie mit Yoga einen Weg finden, ihre Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Gleichzeitig wollen sie ihre Arbeit nachhaltig ausführen und die Motivation hinter ihrem Aktivismus beleuchten. Die Yoga-Fraktion wünscht sich Inspiration und umsetzbare Ideen, wie sie Yoga von der Matte in die Welt tragen kann.

Bereits zu Beginn des Workshops gelingt es Suzanne, Seane und Hala, Intimität zwischen sich und den Teilnehmern herzustellen. Durch ihre bestechende Offenheit und Bereitschaft, über ihre eigenen Schatten zu reden, öffnet sich der Vorhang für viele Teilnehmer schnell. Die Frage „Wie kann ich Gutes tun, wenn ich in schwierigen Situationen meine eigenen unverarbeiteten Ängste und Emotionen auf die Situation oder mein Gegenüber projiziere?“ dominiert unsere Gedanken.

Das Seminar macht klar: Um effektive Arbeit leisten zu können, muss ich mir bewusst sein, was in mir vorgeht. Was könnte beispielsweise die Begegnung mit misshandelten Kindern in uns auslösen? Unsere vermeintlichen Schwächen oder Traumata können damit zu unseren Stärken werden. Deshalb ist es so wichtig zu erkennen, was in unserem Innersten der Heilung bedarf. Es ist notwendig zu wissen, was wir loslassen sollten, damit wir klar und bewusst sind, wenn wir in die Welt treten. Das ist einer der Schlüssel für nachhaltiges und effektives Helfen und das ist es, was den Weg zu einem spirituellen, bewussten Aktivismus für mich kennzeichnet.

Obwohl die Seminar-Leiterinnen sehr viel von sich preisgeben, schaffen sie es dennoch, als Autoritäten wahrgenommen zu werden – ein Kunstgriff. Ein neues Modell von „Leadership“: Sei dein Wort. Sei echt und wahrhaftig, bleibe integer, um genau so zu unterrichten und dadurch die Menschen zu erreichen. Keine Spur von der Annahme, dass Lehrer oder Gurus unfehlbar seien. Die eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten reflektieren, sich akzeptieren und lieben. Wer diesen Weg wählt, sowohl als Lehrer als auch als Schüler, für den wird die Bestätigung von außen unwichtig und Konzentration auf das Wesentliche möglich.

Vierter Tag. Die Stimmung ist leichter, ich fühle mich in gewisser Weise gereinigt. Wie nach dem Aufräumen der eigenen Wohnung gibt es nun Platz für Neues. Ich bin zum perfekten Resonanzkörper für meine Stimme geworden. „Stellt euch im Kreis auf, wir werden jetzt singen“, lässt Suzanne uns wissen. Ich sehe Entsetzen in vielen Augen. Für mich ist es nicht ganz so schrecklich. Es ist beeindruckend, wie Suzanne uns trotzdem alle in den Bann der Musik zieht. „Okay, ihr habt eure Stimme gefunden. Sie ist ein kraftvolles Werkzeug. Nutzt sie, um damit klar und deutlich eure Absichten, Visionen, Hoffnungen, Gefühle und auch Ängste zu äußern“, sagt sie und macht uns damit die Bedeutung unserer Stimmen klar.

Nach den ersten Tagen tiefen Eintauchens in einen Transformationsprozess, einer bedingungslosen Selbstreflektion, geht es in der zweiten Hälfte darum, diese neu erworbenen Erkenntnisse zu nutzen. Was wollen wir damit in der Welt anfangen? Wenn wir alle Mittel der Welt zur Verfügung hätten, was würden wir damit tun? Welche Ressourcen wären notwendig? Was sind unsere Stärken, Talente, Leidenschaften? Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir nur etwas bewegen können, wenn wir als gutes Beispiel vorangehen. Ganz im Sinne Gandhis: „Sei der Wandel, den du in der Welt sehen möchtest.“ Mit diesem Ansatz können wir auch andere auf ihrem Weg unterstützen und ihnen durch unsere eigenen Geschichten und Erfahrungen Mut machen. Die Aufgabe lautet, andere mit unserer eigenen Inspiration zu inspirieren.

Im letzten Teil des Seminars bekommen wir praktische Werkzeuge für Kommunikation und Organisation in Zusammenarbeit mit anderen vermittelt. Außerdem werden wir mit endlosen Vernetzungsmöglichkeiten bekannt gemacht, um in unserem Umfeld zuhause „Small Circles of Change“ (Projektgruppen) zu gründen. All das – welch ein Erlebnis! Noch nie war mir so bewusst, dass ich durch meine Asana-Praxis, durch Pranayama und Meditation meine tiefsten Gefühle und Konditionierungen erreichen kann, um sie dann zu transformieren. Die Woche in Kurzform: Erkenne, lasse zu, erfahre, transformiere, bleibe präsent, schaue genau, nutze Yoga als Weg, um dich zu erfahren und deine Schatten zu betrachten. Damit haben wir uns täglich aufs Neue auseinandergesetzt. Es ging tief, glich einem 90°-Waschmaschinen-Programm mit extra Schleudergang. Es war konfrontativ, wahrlich transformativ und schlicht und ergreifend intensiv. Hätte ich bloß im Vorfeld dem Wort „Intensive“ im Titel des Workshops mehr Beachtung geschenkt.

Seanes, Suzannes und Halas Intention, mit ihrer Organisation OTM real Veränderung zu schaffen und nicht nur ein nettes Zusammentreffen im Yoga-Outfit zu veranstalten, war in jedem Moment klar. Damit sind sie Teil einer sich immer deutlicher abzeichnenden Bewegung, eines Zeitgeistes, der uns vom Ich zum Wir bringt. Keine Spur mehr von der „Lonesome Yogi“-Attitüde, stattdessen rückt die Hinwendung zu unseren Mitmenschen mehr und mehr in den Vordergrund. Ein globaleres Bewusstsein und die Erkenntnis, dass wir alle verbunden sind, birgt Hoffnung und Zuversicht. Das Image des ernsten, sich selbst aufopfernden Märtyrers wird abgelöst durch Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, die mit Freude ausziehen, um die Welt zu verändern. Und die daran glauben, dass jede einzelne Person Veränderung bewirken kann. Ich bin zutiefst inspiriert und weiß um unsere Aufgabe: „Let’s make the world a better place!“

Gabriela Bozic: „Frauen haben eine bessere Intuition“

Gabriela Bozic

„Yoga ist vielleicht nicht mehr männlich genug.“ Die Jivamukti-Lehrerin Gabriela Bozic lebt und unterrichtet nach einer Lehrstelle in London wieder in München. YOGA JOURNAL-Autorin Diana Krebs traf sie 2010 zu einem Gespräch über die heilsamen Aspekte des Übens und darüber, ob Yoga (zu) weiblich geworden ist.

YOGA JOURNAL: Gibt es weibliche und männliche Aspekte im Yoga?
GABRIELA BOZIC: Das Schöne am Yoga ist, dass die vermeintlichen Gegensätze zusammenkommen. Denn in jeder Frau steckt auch ein Mann, und umgekehrt. Diese so genannten Yin- und Yang-Qualitäten zu vereinen und dadurch ein Spielfeld zu erhalten, auf dem man sich der Situation angemessen männlich oder weiblich verhalten kann – das streben wir im Yoga an. Einige wählen bewusst die männlichen Qualitäten wie Durchsetzungsvermögen oder Aktivität. Die anderen entdecken für sich Hingabe, Gefühl, Geduld oder Toleranz – als eher weibliche Qualitäten. Es geht darum, alles zu leben. Werde dir bewusst, dass du diese gesamte Palette an Möglichkeiten hast und in deine Persönlichkeit integrieren kannst.

Yoga wurde lange Zeit von männlichen Gurus dominiert. In den letzten Jahren hat sich dieses Bild extrem gewandelt. Wie ­verändern die zahlreichen weiblichen Gurus die ­Yogaszene?
Hatha Yoga war anfangs eine Lehre von Männern für Männer. Als Krishnamaracharya anfing, diese alte Regel zu durchbrechen und Frauen zu unterrichten, war das ein bahnbrechendes Ereignis.

Inwiefern?
Was ich jetzt sage, hört sich vielleicht nach einem Klischee an, aber Frauen haben eine bessere Intuition. Sie wissen einfach, was ihnen gut tut: innere Ruhe, Stärke – all diese Dinge, die Yoga tatsächlich vermitteln und bewegen kann in der Welt. Und so fühlen sich die Frauen eher zum Yoga hingezogen als Männer, die es über die Zeit möglicherweise als „weiblich-romantisch“ abgelegt haben. Männern ist Yoga vielleicht nicht mehr männlich genug.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Ich finde es gut, dass es so viele weibliche Yoga-Praktizierende gibt. Schließlich bringen sie die Kinder auf die Welt, die uns ins neue Zeitalter führen. Die Praxis hat beispielsweise direkten Einfluss auf ihr noch ungeborenes Baby und wirkt weiter nach der Geburt. Frauen haben einen unglaublichen Einfluss auf ihre Familie; sie geben die yogischen Qualitäten weiter. Durch dieses natürliche Einfließen wird Yoga vielleicht auch für die männlichen Familienmitglieder alltäglich und selbstverständlich.

Das heißt, Frauen bringen ihre persönlichen Erfahrungswerte in ihre Yogapraxis ein?
Genau. Dabei handelt es sich um Erfahrungen, die zuvor vielleicht gar nicht unterrichtet worden sind, wie etwa beim Prenatal- und Postnatal-Yoga. Yoga in der Schwangerschaft ist ein Geschenk an die Menschheit. Viele meiner Freundinnen haben während ihrer Schwangerschaft Yoga praktiziert. Gurmukh ist eine Pionierin auf diesem Gebiet. Von ihr habe ich gelernt, welche Auswirkungen Yoga in der Schwangerschaft auf das Ungeborene hat und auf den Hormonhaushalt der Frau nach der Geburt. Dabei ist die Schwangerschaft an sich bereits eine Yoga­erfahrung – eine Erfahrung der Einheit.

Du sprichst von Frauen als Mütter…
Auch ein Leben ohne Kinder kann ein sehr erfülltes sein. Ich finde, dieser Erfahrungswert – sich bewusst gegen das Kinderkriegen zu entscheiden – muss speziell im Yoga Platz haben. Wir Yogis sollten aufräumen mit diesen alten Klischees und Konditionierungen, eine Frau müsse ein Kind haben. Wer sagt das? Kann man nicht auch Erfüllung in etwas anderem finden, als sich selbst in seinem Kind zu sehen? Auch ohne Kinder sind Frauen ausgestattet mit den körperlichen Eigenschaften einer Mutter. Leider glauben sie oftmals, nur durch eine Schwangerschaft und die Geburt ihre Weiblichkeit spüren zu können.

Im Hatha Yoga habe ich oft den Eindruck, es gehe nur um die perfekte Körperlichkeit. Wie schützt man sich als Frau in einer Yogaklasse vor dem Diktat einer rigiden Körperlichkeit?
Diese Einstellung bringen einige Schüler in die Yogaklasse mit. Sie sehen Yoga als Wettbewerb und nicht als ein Teilnehmen am Wunder des Lebens durch Bewegung und den Atem. Die Frau ist ein ­Mondwesen inklusive Mondzyklus. Das zu verneinen würde bedeuten, eigenes Leben zu verneinen. Beispielsweise fassen viele Frauen den Ratschlag eines männlichen Yogalehrers, während der Periode kein Yoga zu praktizieren, häufig als sexistisch auf. Die Menstruation zu verleugnen ist jedoch das Gegenteil von dem, um was es im Yoga eigentlich geht: Selbsterkenntnis.

Einfacher gesagt als getan…
Jede Yogini sollte sich fragen: Folge ich nur einem Trend oder bin ich auf der Suche nach Selbsterkenntnis, Wahrheit und einem erweiterten Bewusstsein? Was erwarte ich vom Yogaweg? Ist es körperliche Ertüchtigung, möchte ich nur Gewicht verlieren? Oder soll es mich näher an das Wesen meiner Seele bringen? Oder mir helfen, mich besser kennen zu lernen, meine hellen und dunklen Seiten zu erkennen und diese zu umarmen? Ich ­empfehle Frauen, den Unterricht von Yogalehrerinnen zu besuchen – natürlich nicht ausschließlich. Denn mit einer Yogalehrerin über Themen wie ­Menstruation zu sprechen, hilft Frauen eher weiter, oder nicht?

Hast du denn die Erfahrung gemacht, dass sich Frauen mit spezifisch weiblichen Fragen eher an Männer wenden?
Sehr häufig, das ist oftmals kulturell ­bedingt. Die Männer waren als Lehrer immer in der Mehrzahl, an Schulen, Universitäten, im Kloster und im spirituellen Bereich. In der Yogawelt sind die Toplehrer häufig immer noch Männer. Das ändert sich allmählich, gerade wenn man in die USA blickt und an Lehrerinnen wie Shiva Rea, Seane Corn oder Gurmukh denkt. Aber durch diese Konditionierung – der Mann ist Wissender und Lehrer – gehen viele Frauen oft zu einem männlichen Ratgeber. An dieser Stelle bringt Yoga Licht in das unbewusste Verhalten. Erst wenn die alten Überzeugungen erkannt werden, kannst du dich bewusst entscheiden, sie fortzusetzen oder aufzugeben, weil sie nicht mehr nützlich sind.

Wie gestaltest du eine Open Class, wenn ­diese beispielsweise zu 80 Prozent aus Frauen ­besteht?
Ich unterrichte manchmal sogar reine Frauenstunden. In dem Fall kann ich mich in meinem Unterricht auf jene Qualitäten konzentrieren, die oft schon abhanden gekommen sind: das Feminine, die Hingabe und das Rezeptive. Dabei möchte ich vermitteln, dass es ohne Hingabe im Yoga zu einem Stillstand kommt, der auch die Männer betrifft. In einer typischen Open Class versuche ich stets, männliche und weibliche Qualitäten zusammenzubringen. Ich integriere sowohl Asanas, die sich mehr auf das Loslassen und Atmen konzentrieren, als auch ­Haltungen, die auf Kraft, Energie und Ausdauer basieren.

Du wünschst dir mehr Solidarität unter Frauen. Ist das ein Element, das du in der Y­ogawelt vermisst?
Ja! Ich habe häufig das Gefühl, dass sich Frauen innerhalb der Yogaszene in einem Konkurrenzkampf befinden, wobei Konkurrenzdenken total überflüssig ist – finde ich. Schließlich vergleicht sich eine Blume nicht mit einer anderen Blume. Jede von uns hat ein bestimmtes Talent, das uns ausmacht. Das ist gut so, denn diese Unterschiede machen die Welt so vielfältig. Und dennoch haben wir alle einen Herzschlag und einen Atem, den wir teilen. Wir alle sind Ausdruck dieser gemeinsamen Existenz.

Wie schaffen wir es, Konkurrenzdenken ­abzulegen?
Beginne zunächst einmal mit Respekt dir selbst gegenüber. Wenn du dich annehmen und akzeptieren kannst mit allen Schatten- und Lichtseiten, dann schaffst du es auch, deine vermeintliche Konkurrentin zu akzeptieren und sie als Schwes­ter zu sehen. Yoga kann dabei helfen, den Respekt dir selbst gegenüber aufzubauen und wahres Selbstvertrauen zu entwickeln. Es sind unsere Schattenseiten, die darauf warten, akzeptiert zu werden. ­Diese Frau ist in dein Leben getreten, damit du dich selbst in ihr erkennst und aufhörst, zu bewerten. Beginne stattdessen, Yoga zu leben!

Bilderquelle: Gabriela Bozic

Shiva-Mantra N°2

Om Namah Shivaya Gurave Sacchidananda Murtaye Nishprapanchaya Shantaya Niralambaya Tejase

Jede Anusara-Yogastunde wird mit diesem Mantra eröffnet. Die ersten beiden Zeilen können etwa folgendermaßen übersetzt werden:  „Ich verneige mich vor Shiva, dem göttlichen Lehrer in mir, der die Dreifaltigkeit von Wahrheit (Sat), reinem Bewusstsein (Chit) und Glückseligkeit (Ananda) verkörpert (Murtaye).“

Om, ich verneige mich vor Shiva. „Dein Wille geschehe!“ Für einen Moment geben wir uns dem Gefühl hin, vom Vater getragen zu werden; all unsere Anstrengungen, unser Bestreben, unsere Planungen und Projekte werden in die Hand Gottes gelegt. Shiva ist ein Name für den göttlichen Vater. Interessanterweise gibt es bei den Hopi-Indianern das Wort „Shima“, was „Liebe“ bedeutet. Das „Ma“ in Shima weist auf die mütterliche Liebe hin. Und da „Va“ für den Vater steht, ist Shiva die Liebe des (göttlichen) Vaters. „Om namah“ ist eine häufige Eröffnung von Anrufungen und bedeutet frei interpretiert so viel wie „Im Schwingungsfeld des Urklangs Om rufe ich deinen Namen … (Shiva)“. In „Namah“ oder „Namaha“ steckt das Wort „Name“. Auch ist „Namah“ eine andere Form von „Namas“, der „Ver- beugung, Verneigung, Verehrung“. Das Sich-Verneigen ist sowohl eine wichtige Methode, um sich von falschem Stolz zu befreien als auch eine essenzielle spirituelle Praxis. Shiva, der Zerstörer, kann uns von unseren „Dämonen“ erlösen. Im Christentum seien als Dämonen z.B. die sieben Todsünden genannt: Stolz, Habgier, Wollust, Zorn, Selbstsucht, Neid und Ignoranz. „Om Namah Shivaya“ ist die Anrufung und Ehrerbietung Shivas, der der König der Yogis ist; für manche der größte Gott, für andere ein Gott im Pantheon der hinduistischen Gottheiten, erzeugt er die Klarheit des Geistes. Das dritte, alles intuitiv sehende und klar unterscheidende Auge beginnt sich zu öffnen.

NA MA SHI VA YA kann auch in Bezug auf die fünf Elemente praktiziert werden: Erde (NA), Wasser (MA), Feuer (SHI), Luft (VA) und Raum (YA). So führt uns das Mantra zurück zum elementaren Urgrund der Schöpfung. „Möge das Feuer der väterlichen Liebe uns transformieren!“ – Om Namah Shivaya!

In der dritten und vierten Zeile werden Bewusstseinszustände beschrieben, die sich der Yogapraktizierende bzw. Mantra-Rezitierende herbeiruft. Prapancha bedeutet „Manifestation“, „Verschiedenheit“ und die „physische Realität der fünf Elemente“, die Silbe Nish vorneweg ist die Umkehrung bzw. Verneinung des Wortes. Es wird der friedvolle Zustand (Shantaya) ersehnt, der jenseits aller Manifestation herrscht. Niralambaya heißt zunächst „unabhängig, ohne Stütze, allein“. Oft ist, laut dem spirituellen Wörterbuch der Sathya Sai e. V. der Bewusstseinszustand gemeint, in dem Transzendenz ununterbrochen lebendig und deshalb Freiheit von relativen Aspekten erlangt worden ist. In diesem Licht und in diesem erleuchteten Zustand (Tejas) möchten wir alle gern sein. Na dann: Auf die Matte, fertig, los!


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 04 – 2009


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