Wie wichtig ist es, Karriere zu machen?

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Braucht man Geld, um glücklich zu sein?
Eric Brown, Besitzer des Yogastudios „Samtosha“ in München, unterrichtet seit fast 40 Jahren Yoga. Obwohl seine Stunden immer voll sind und er ein sehr begehrter Lehrer ist, war der inzwischen 61-jährige nie daran interessiert, mit Yoga das große Geld zu verdienen. Sein Studio besteht aus einem einzigen Raum. Eine professionelle Webpage gibt es genauso wenig wie Werbung in eigener Sache.

„Ich habe mir nie Gedanken über Geld gemacht. Mein ganzes Leben beruht auf einer Kraft, die in mir, aber nicht von mir ist. Mit 18 Jahren kam ich als Tänzer nach Paris und alle sagten: ‚Oh Gott, was ist, wenn du dir ein Bein brichst oder krank wirst? Außerdem kannst du ohnehin höchstens bis zu deinem 30. Lebensjahr tanzen. Und was dann?’ Mein letztes Tanzengagement hatte ich mit 57. Alles kam immer so, dass es gut war, ich musste der Kraft in mir einfach vertrauen. Genauso war es mit dem Yoga: Ich habe vor fast 50 Jahren angefangen – lange, bevor es diese Yoga-Welle gab. Es war eine Entwicklung: Erst lernte ich Yoga, dann machte ich Yoga, dann gab ich Yoga. Deswegen stellte sich bei mir im Zusammenhang mit Yoga auch nie die Frage: Steig ich ein, steig ich aus, ist das etwas Lukratives? Es war pures Yoga von Anfang an. Ich mache und unterrichte Yoga, weil ich es liebe und es mir inneren Frieden gibt. Ich habe das nie wegen Geld gemacht. Und das Erstaunliche ist: Das Geld war und ist immer da, es reicht immer. Ich brauche allerdings auch nicht viel: Ich rauche nicht, ich trinke nicht, habe kein Auto, brauche nicht ständig neue Klamotten, habe keine Kinder. Ich fröne keinen frivolen Lebensstil – aber aus Wahl, nicht als Opfer. Ich war immer überglücklich mit dem, was ich habe. Das Vertrauen in diese Macht – bei mir ist es Yoga, aber es kann auch ein anderes Glaubenssystem sein – hat mich versorgt. Jetzt kann ich aus eigener Erfahrung zu anderen Leuten sagen: Übergib dein Leben dieser höheren Macht. Es funktioniert! Diese Welt des Geldes und des Egos habe ich durchschaut: Sie bietet dir köderweise etwas Feines an, dann brauchst du immer mehr, nur um auf diesen Punkt zu kommen, glücklich zu sein. Früher habe ich auch Drogen genommen, getrunken und viel Sex gehabt – aber schon währenddessen hatte ich eine Wachheit oder eine führende Kraft, die fragte: Wo führt das hin? So ist es auch mit dem Geld. Geld kann etwas sehr Verführerisches sein. Aber wenn ich mich frage: Wärst du zufriedener, wenn du mehr Geld hättest? Dann muss ich sagen: Nein. Viele Leute in meinem Umfeld haben gesagt: ‚Du hast immer so viele Menschen in deinen Stunden – weißt du, wie viel Geld du machen könntest?!’ Doch das Geldverdienen hat immer einen Preis, vor allem Stress und Abhängigkeiten. Diesen Preis bin ich nicht bereit zu zahlen. Der Frieden und die Zufriedenheit müssen von mir kommen. Es gibt einen Reichtum zu entdecken – besonders als Yogalehrer – der nichts mit Geld zu tun hat. Es geht um die Leidenschaft. Und dann ist es egal, ob ich damit Millionen verdiene oder nicht.“
Aufgezeichnet von Simone Schreyer

Wie wichtig ist es, Karriere zu machen?
Seine Karriere als Unternehmensberater hat gerade begonnen – da bekam Christian K. (Name von der Redaktion geändert) die Diagnose Multiple Sklerose, kurz MS. Das ist eine Autoimmunkrankheit, eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die bis heute als unheilbar gilt…

Mit 31 Jahren erhielt ich die Diagnose, jetzt bin ich 43. Damals war ich gerade fertig mit dem Studium und meiner Promotion und im Job absolut auf Karriere gepolt: Fliegen, tolle Hotels, etc. Der Plan war, in einem der großen Unternehmen meiner Branche Partner zu werden und wirklich viel Geld zu verdienen. Das lief auch sehr gut. Selbst mit Diagnose hab ich das noch durchgezogen. Aber was mit einem Kribbeln im Zeh begann, führte dazu, dass eines Tages meine komplette linke Körperhälfte ohne Gefühl war. Ich konnte teilweise nicht mehr laufen oder bin gestürzt. Ich konnte nicht mehr richtig schreiben, weil die Hand betäubt war und mitten im Satz habe ich das Gefühl in der Zunge verloren und konnte nicht weitersprechen. Es ist unheimlich, wenn man seinen Körper auf einmal nicht mehr spürt. Bei MS greift dein Immunsystem den Körper an. Letztlich werden die Leitbahnen auf den Nerven zerfressen. Die Entzündungsherde sind auf einer Kernspinaufnahme in der Wirbelsäule oder im Gehirn zu erkennen. MS ist aber kein Muskelschwund oder Demenz. Aber viele denken genau das. Im Job möchte ich von der Krankheit nichts erzählen, weil jeder dann annehmen würde :„Aha, der Typ ist bald bescheuert.“ Während des letzten Schubes konnte ich praktisch nicht mehr gehen, ich hatte kein Gefühl mehr in den Beinen. Nach 20, 30 Metern war Schluss. Ich konnte nur ganz langsam Yoga üben. Einen Sonnengruß, danach fünf Minuten Pause in der Kleinkindstellung. Durch diese Yogapraxis konnte ich für zehn, fünfzehn Minuten meine Beine wieder fühlen. Ich hatte meine Beine zurück! Das war das perfekte Glück. In den Stunden erzählen manchmal 25-jährige gesunde Yogalehrer etwas über schlechtes Karma, chronische Krankheiten und Schicksalsschläge. Das ist teilweise sehr anmaßend und andererseits Theoriemüll. Hier werden Tipps in totaler Unkenntnis der Krankheit gegeben. Es ist schwer zu ertragen, wenn aus einer Esoterik heraus banalste Tipps erteilt werden, wie man sein Leben mit einer schweren Krankheit zu leben hat. Es geht ja nicht um einen Schnupfen, wo man sagen könnte, selber Schuld, wenn du ohne Jacke rausgehst. Trotzdem habe ich einige Gespräche mit Lehrern geführt, die mir geholfen haben. Dabei ging es aber mehr um den Umgang mit der Angst, nicht um den Umgang mit der Krankheit. Durch die Krankheit habe ich angefangen zu reflektieren. Ich denke über mich nach und vor allem über andere Menschen. Das kannte ich vorher gar nicht, da war ich eindimensional. Die Krankheit hat mich mehrdimensional gemacht. Für meinen Neurologen bin ich sehr krank. Ich glaube das so nicht. Ich bin glücklich. Die Perspektive war für mich immer, wie viel ich habe und nicht, wie viel mir die Krankheit nimmt. Deswegen war diese Krankheit für mich Lebenssinn bringend. Die Krankheit hat mich glücklicher gemacht, weil ich spüren kann, was es überhaupt heißt, komplett zu leben.
Aufgezeichnet von Michi Kern