Yoga People: Mina Caputo

Nicht nur Rocklegenden besagen, dass echte Kunst aus dem Leiden einer zerrissenen Persönlichkeit entsteht. Im Fall von Mina Caputo, früher als Keith Caputo und Frontmann der Band „Life of Agony“ bekannt, sind Musik und Leben tatsächlich eng miteinander verbunden – als Suche nach Essenz und Identität.

„Ich bin die merkwürdigste Person, die ich kenne.“

„A place where there’s no more pain“: Der aktuelle Albumtitel ihrer Band „Life of Agony“ ist pure Verheißung – vor allem, wenn man die Biografie der New Yorker Künstlerin Mina Caputo betrachtet. Nach dem Herointod ihrer Eltern wuchs sie als Junge bei den Großeltern auf, unter dem harten, oftmals gewalttätigen Regiment ihres Großvaters. Die viel zu frühe Verantwortung für die drogenabhängigen Eltern und erste Ahnungen, dass seine Seele nicht im richtigen Körper wohnen könnte, ließen Keith zu einem introvertierten Jugendlichen werden, der seine Zuflucht in der Musik fand: 1989 gründete er in Brooklyn „Life of Agony“ und erlebte mit der Debütplatte „River Runs Red“ in der Grunge-Ära erste Höhenflüge.

Zwischen damals und heute erlebte Keith/Mina das ganze Spektrum eines Rockstar-Lebens: massive Popularität, Absturz, Auflösung der Band, Solokarriere, Wiedervereinigung  – und schließlich das Outing als Transsexuelle. Derzeit erleben Transgender-Themen einen kleinen Boom in der Popkultur. Im Rockbusiness, einem Geschäft der harten Kerle, war Minas öffentliches Bekenntnis 2011 kein Spaziergang, aber eine lang ersehnte, von den Fans erstaunlich gelassen tolerierte Katharsis. Wie fast immer durchlebte auch sie eine Vorgeschichte der Verdrängung und des Versteckens, Leben und Kunst lassen sich dabei bis heute nicht so einfach trennen. Dies wird auch im aktuellen „Life of Agony“-Album deutlich, wie das Fachmagazin „Classic Rock“ zusammenfasst: „Die rohe Emotion, die Caputo in den Anfangsjahren von ‚Life of Agony‘ eine so ergebene Fanbase bescherte, wurzelte damals in schierer, bisweilen auch für den Hörer kaum ertrag-barer Verzweiflung. Im neuen Album fußt sie auf einer ganz neuen Stärke, der entfesselten Energie einer gepeinigten Seele, die einen jahrzehntelang überfälligen Befreiungsschlag bewältigt hat und nun nicht mehr gegen den Schmerz ansingt, sondern Kraft daraus zieht.“

Neue Stärke und schließlich ein „Place where there’s no more pain“: Ist Mina endlich dort angekommen? Und kann es einen solchen Ort wirklich geben? „Ich glaube nicht, dass es eine realistische Option ist“, so die Sängerin, die seit 20 Jahren Yoga übt, vor allem nach B.K.S. Iyengar und Dharma Mittra. „Das Leben ist als Auseinandersetzung bestimmt, aus Kontrast und der Reibung zwischen Positivem und Negativem. Schwierigkeiten lassen uns wachsen und zu wahrer Freude finden. Im Leben sollten wir kein Ziel haben. Es geht um die Entwicklung.“ Ob sie Yoga wirklich als „Heilung“ erfahren habe? Da ist sich Caputo nicht sicher. Auf jeden Fall aber „tausendprozentig“ als „konstantes Aufwachen“ und eine Reise zu ihrem wahren Kern. Ihre Praxis finde überall statt: Auf Langstreckenflügen, in Tourbussen, Hotelzimmern. „Die Welt ist meine Matte. Yoga hat mich gelehrt, mit allem spielerisch umzugehen. Es hat mein Leben heller gemacht.“

„Ich bin die merkwürdigste Person, die ich kenne“, sinniert Caputo im Gespräch nicht ohne Selbstironie. „Die süßeste, treu sorgendste, mutigste, mitfühlendste. Das ist meine Selbstdefinition – egal, was andere sagen. Wenn man sich einmal akzeptiert hat, hört die Entwicklung nie auf. In einem solchen Energiefeld gibt es keine Grenzen. Als fließende Praxis hat mich Yoga erkennen lassen, dass unser Bewusstsein ständig vibriert. Dazu passt großartig, dass ich mich weder vollständig als Mann noch als Frau fühle. Ich bin beides und keines. Ich will einfach sein und mag keinen Titel, der auf die Essenz meines Wesens aufgedrückt wird.“ 

Der rohe, rauhe Sound ihrer Musik und der weiche Fluss der Selbstdefinition: Merkwürdig ist Mina auf jeden Fall, entgegen aller Rock-Klischees jedoch keinesfalls düster. Aber dunkle Seiten habe sie auf jeden Fall, die in den Songs zum Tragen kommen – und ebenfalls in ihrem Yoga: „In den Dehnungen und in meinem Atem. Rein mit dem Guten, raus mit dem Bösen.“

YogaWorld Journal 5/26
YogaWorld Journal 5/26

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