Dies.Das.Asana – Ein wilder Hund

Wie immer stelle ich in meiner Kolumne eine Haltung vor, die man so nicht in den traditionellen Yogabüchern findet. Dieses Mal ist es ein Hund, der – anstatt brav nach unten zu schauen – einfach seitlich überkippt und seinen Bauch himmelwärts streckt.

Camatkarasana, Wild Thing oder Flip Dog ist eine dieser funky, modernen Yogahaltungen, die erst seit etwa 15 Jahren vermehrt auftauchen. Der umgedrehte herabschauende Hund ist eine kraftvolle Mischung aus Vasishthasana (seitliches Brett) und Urdhva Dhanurasana (Rad oder nach oben zeigender Bogen) und gehört dementsprechend zu den Rückbeugen. Die Wirkung des Flip Dog ist stark energetisierend, er beflügelt Körper und Geist und kann fast schon ekstatische Gefühle auslösen. In fließenden Vinyasa-Sequenzen gibt diese wilde Asana-Amazone der Praxis etwas Spielerisches und dabei herrlich Gefühlvolles.

Ich praktiziere den Flip Dog sehr gern. Mal mehr als Herz-öffner, mal um meine Hüftbeuger zu strecken – aber vor allem weil er einfach Spaß macht. Dazu erfordert der knifflige Übergang ein Händchen für Timing und Konzentration. Zum Dank werden Brust, Schultern und der Hals gedehnt. //

 Muss ich das können? 

Nicht unbedingt. Allerdings ermöglicht der Flip Dog einen Einstieg in die Thematik der stabilen Rückbeuge und lehrt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wichtig: Langsam in die Position einsteigen, ruhig weiteratmen und sie als aktive Öffnung und gleichzeitig als Kräftigung erleben.

 Was brauche ich? 

Kraft in den Armen und ein gutes Körpergefühl; außerdem eine Prise Mut, um den Fuß hinter sich fallen zu lassen.

 Ist das gefährlich? 

Die Gefahr beim Flip Dog besteht darin, zu hastig zu sein oder sich grob in die Rückbeuge zu zwingen. Es gilt: Eile mit Weile, lieber vorsichtig rantasten und langsam üben. Kontraindikationen: Karpaltunnelsyndrom, Verletzungen an Nacken, Schultern oder Rücken.

Schritt für Schritt:

  1. Sie starten im herabschauenden Hund. Mit der Einatmung strecken Sie das linke Bein nach hinten (dreibeiniger Hund). Dann beugen Sie das linke Knie, drehen das Bein auswärts und dehnen die linke Flanke von der Leiste bis an die Rippen.
  2. Verlagern Sie das Gewicht leicht auf die rechte Hand und lösen Sie die linke Hand von der Matte. Beugen Sie jetzt auch das rechte Knie und drehen Sie den rechten Fuß auf die Außenkante. Dann strecken Sie das rechte Bein wieder und lassen den linken Fuß zugleich sanft am Boden ankommen. 
  3. Das rechte Bein ist gestreckt, von hier wird die Hüfte langsam angehoben, das Becken gekippt und der linke Arm diagonal neben dem Kopf nach vorne gestreckt. Lassen Sie über den Atem Weite im gesamten Rumpf entstehen.
  4.  Zurück in den herabschauenden Hund geht es, indem Sie das Gewicht wieder auf den linken Arm verlagern und sich sanft vom linken Fuß abstoßen. Anschließend wechseln Sie die Seite.

 

Schwierigerer Übergang in den Flip:

Lassen Sie aus dem dreibeinigen Hund mit der Ausatmung und ohne das rechte Knie zu beugen den linken Fuß zur rechten Seite fallen.

Variante: Wer die Haltung noch vertiefen möchte, greift mit der linken Hand das linke Fußgelenk.


Anregungen oder Fragen? Jelena Lieberberg finden Sie auf www.facebook.com/kickassyoga

Titelbild: Bella Lieberberg

Erfrischung für die Seele

Madhavi lebt und unterrichtet Bhakti Yoga in der Tradition ihres Lehrers Radhanath Swami. Ein Gespräch über den Weg der Hingabe, über die Rolle des Guru, die Arbeit an persönlichen Schatten – und den langen Schatten der Hare-Krishna-Bewegung.

Interview: Stephanie Schauenburg und Christina Raftery

Beim Stichwort Bhakti Yoga denkt man erst mal an Kirtan, Mantra und vielleicht an verschiedene Zeremonien. Was macht für dich den Kern der Praxis aus?

Alles beruht letztlich auf den ersten drei Prozessen des Bhakti, die in dem alten Text Srimad Bhagavatam beschrieben sind: Der erste ist Hören, auf Sanskrit heißt das Shravanam. Kirtanam, der zweite Prozess, ist Singen oder auch Sprechen über diese Themen. Der dritte ist Vishno Smaranam, die Erinnerung. Man will sich rückverbinden an seinen Ursprung erinnern.

Wie funktioniert das?

Da gibt es einen Vers von Chaitanya Mahaprabhu, auf den sich unsere Bhakti-Linie bezieht (Anm. der Red.: ein spätmittelalterlicher indischer Mystiker, der für eine Inkarnation Krishnas gehalten wird): „Der heilige Name, also der Klang des Mantra, löscht das lodernde Feuer des materiellen Daseins und erfrischt die Seele.“ So kannst du besser sehen, wer du bist – und dadurch deine Verbindung zum Ursprung (oder Gott) verstehen. Das Mantra ist wie ein Segen. Gleichzeitig braucht es aber auch immer die eigene Bemühung. Nur weil ich Mantras chante, bin ich noch lange nicht von meinem ganzen emotionalen Mist befreit und erkenne mich als das strahlende Selbst, das ich gerne sein möchte. Also heißt die andere Seite der Medaille, dass man bereit sein muss, sich die eigenen Themen anzusehen.

Da im Bhakti viel von Liebe, Dankbarkeit und Mitgefühl gesprochen wird, muss man sich fragen: Was geschieht mit den Schatten? Muss man mit ihnen nicht auch umgehen?

Absolut! Das merkt auch jeder, der Asanas übt oder meditiert. Das ruft einiges hervor und kann frustrierend sein, denn man denkt sich: Warum ist das jetzt so schmerzhaft, ich bemühe mich doch schon so lange! Gleichzeitig kann man erkennen, dass man auch die Instrumente an die Hand bekommen hat, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Man kann verstehen, dass das nicht nur Stolpersteine sind, sondern Entwicklungsstufen. In der „Sendung mit der Maus“ heißt es sehr schön: Wenn ich auf die Nase falle, mache ich auch immer noch einen Schritt vorwärts.

Wohin führt dieser Weg vorwärts?

Was mir am Bhakti Yoga ganz wichtig ist, ist die Frage: Was ist meine wahre Natur? Die Seele sehnt sich, zu dieser Natur zurückzukommen, in diese Verbindung zurückzugehen. Diese Sehnsucht hat jeder, bewusst oder weniger bewusst. Wenn du zu diesem Ursprung zurückkommst und merkst: „Ja, das bin ich“, stellen sich positive Eigenschaften wie Dankbarkeit, Demut oder Mitgefühl ganz von alleine ein. Ich bin dankbar, weil ich merke, dass ich noch viel mehr bin als meine äußeren Bedeckungen. Ich werde demütig, weil mir klar wird, dass ich zwar die gleichen qualitativen Eigenschaften habe wie Gott, aber quantitativ bin ich ein kleiner Tropfen in einem riesigen Ozean. Und wenn ich die Liebe zu Gott wieder erwecke, dann liebe ich auch alle anderen Lebewesen und empfinde Mitgefühl für sie. Bhakti kann auch übersetzt werden als hingebungsvoller Dienst. Unsere Natur ist es, aus der Fülle des Herzens zu geben – zu lieben.

Aber was geschieht mit den Schatten?

Ich erfahre meine Anarthas, die unerwünschten Eigenschaften. Es ist kein Verbiegen oder Wegdrängen im Sinn von „Ich darf das nicht sein“, sondern es geht darum, ehrlich mit mir zu sein: So bin ich jetzt gerade, und das sind die Dinge, an denen ich noch arbeiten möchte. Das ist der Punkt, der die Sentimentalität rausnimmt. Indem ich in den Prozess einsteige und diesen vorgeschlagenen Sadhana (Anm. d. Red.: spiritueller Weg) annehme, wird automatisch der Fokus von den unerwünschten Eigenschaften genommen und ich identifiziere mich mehr mit den Qualitäten, die mich ausmachen.

Wo hat es dich denn gepackt? Wer warst du, als du mit Bhakti Yoga in Berührung kamst?

Ich hatte mein ganzes Leben schon einen Bezug zu Gott. Als Jugendliche bin ich in eine methodistische Gemeinde gegangen, dann habe ich eine Zeit lang alles Mögliche ausprobiert. Während meines Studiums traf ich dann auf einem Festival auf Bhakti-Yogis. Die Mantra-Meditation hat mich sofort gepackt. Das fehlende Puzzle-teil war nur noch die Philosophie. Plötzlich hab ich gemerkt: So vieles, was in meinem Leben bisher passiert ist, macht jetzt Sinn. Zwei Wochen später habe ich meinen Lehrer Radhanath Swami getroffen.

Radhanath Swami ist Teil der Hare-Krishna-Bewegung, die in den 1970ern im Westen sehr groß wurde, dann aber in etliche Skandale stürzte …

(Seufzt.) Ich glaube, dass jede Bewegung es zunächst einmal sehr schwer hat, die Prinzipien aus einem anderen Kulturkreis adaptieren und in die eigene Kultur integrieren will. Das war auch bei Hare Krishna oder der Iskcon (Anm. d. Red.: International Society for Krishna Consciousness) der Fall. Am Anfang war das alles nicht so natürlich, sondern vielleicht eher fanatisch und überhaupt nicht nachzuvollziehen. Was halte ich davon? Ich denke, dass es menschlich ist, dass Fehler passieren. Auch jemand, der diesem Pfad folgt, ist davon nicht sofort befreit.

Da war aber auch die Rede von Auftragsmord und Kindesmissbrauch …

Naja, nicht alles stimmt unbedingt, aber natürlich waren das Riesenskandale – nicht etwas, an dem man teilhaben möchte. Das war alles vor meiner Zeit und passierte noch in einem extrem geschlossenen System. Damals lebten viele Bhakti-Schüler als Mönche im Tempel, sie verteilten Bücher und sangen auf der Straße. Das gibt es noch, aber heutzutage leben 95 Prozent der Hare Krishnas ein ganz normales Leben. Sie arbeiten, haben Familie, gehen zu Festivals oder besuchen die Sonntagsfeste. Ich denke, das hat sich unter anderem so verlagert, weil die Philosophie angekommen ist.

Es ist interessant, dass du sagst, dass diese kulturelle Übersetzung eines Systems in eine andere Tradition ein Stolperstein ist. Wie viel Indien war für dich nötig, um eine wirksame Praxis zu finden?

Als ich nach meinem Studium vier Monate in Indien war, habe ich alles in mich aufgesogen, was zu dieser Kultur gehört: die Musik, die Instrumente, das Kochen, es war wunderbar. Aber ist es nötig? Ich glaube, es ergibt sich ganz natürlich, wenn man zu der Kultur einen Bezug hat. Man braucht es nicht. Ich finde es einfach schön, und für mich gehört es dazu.

Warum sollte sich ein moderner, aufgeklärter Europäer überhaupt einer so religiös geprägten Form von Yoga zuwenden, wie es diese spezielle Bhakti-Richtung ist?

Dazu habe ich ein Bild, das auch für das steht, was Bhakti Yoga mir persönlich bringt: Du gehst durch einen Urwald, es ist ganz abenteuerlich und es gibt unglaublich viel zu sehen. Dann kommst du auf den spirituellen Pfad und der führt zu einer Schlucht, über die eine hölzerne Hängebrücke geht. Unter dir siehst du den brausenden Fluss, die Brücke ist glitschig, aber da ist ein starkes Seil, an dem du dich festhalten kannst. Ich glaube, die Tendenz heutzutage ist: Warum soll ich da überhaupt rüber? Es ist alles super toll hier, wir können auch einfach nur baden gehen, ich muss mich nirgends festhalten, ich bin frei. Es wird nicht verstanden, dass das Seil keinen Zwang darstellt, sondern nur hier ist, um eine Hilfe zu geben, damit man an sein Ziel kommen kann. Ich habe mich für dieses Seil entschieden, also eine bestimmte Praxis angenommen, und daran halte ich fest, bis ich am Ziel angekommen bin. Trotzdem habe ich natürlich die freie Wahl. Die Praxis ist eine Hilfestellung, die einem eigentlich die Freiheit gibt. Du fällst hin, aber du kannst dich festhalten. Und ich bin so dankbar, dass ich dieses Seil habe …

Welche Rolle spielt dabei der Guru? Auch das wird ja im Westen sehr kritisch gesehen.

Wir wollen immer frei sein und denken, wir seien freier, wenn wir keine Regeln haben. Der Guru ist für mich wie jemand, der mich an der Hand nimmt und sagt: „Guck mal: Hier ist eine Straße und dort ist eine Ampel. Grün, das sind die Sachen, die dir helfen, an dein Ziel zu kommen. Und bei Rot bleibst du lieber stehen.“ Ich habe immer noch die freie Wahl, es zu machen oder nicht.

Kann man ab einem gewissen Grad der Hingabe an einen Guru überhaupt noch frei entscheiden? Kann man noch sagen, hier gehe ich nicht rüber, auch wenn er sagt: „Los, es ist grün!“

Natürlich hast du immer die Verantwortung für dich. Und bevor du deinem Guru über den Weg traust, lernst du ihn möglichst gut kennen. Du entscheidest dich nur für ihn, wenn du das Gefühl hast, er kann dich wo hin bringen – aber natürlich kann man sich da irren. In den Veden wird genau beschrieben, welche Qualitäten ein Guru haben sollte. Unter anderem würde er von sich selbst nicht sagen: Ich bin ein Guru, sondern einfach das weitergeben, was er von seinem eigenen Lehrer mitbekommen hat. Er sagt auch nicht: Du musst das und das tun. Es ist nicht Sinn der Sache, dass man seine eigenen Prozesse nicht selber durchmacht. Man soll aber einen Anhaltspunkt bekommen und das geht nicht, indem man nur Bücher liest. Ein Arzt kann auch nicht operieren, wenn er nur die Fachbücher gelesen hat. Er muss im Operationssaal gewesen sein und ein erfahrener Arzt muss es ihm vorgemacht haben. Das ist die Rolle des Guru: Er geht selber durch den Prozess.

Aber es gibt auch ganz andere Gurus …

Deswegen: Augen offen halten! Wenn du einen Guru haben willst, ist es ratsam, zu wissen, wie er sein soll, damit er dir hilft. Irgendwann merkst du, ob du jemandem vertrauen kannst. Ich habe das Gefühl, ich weiß, was ich tue. Ich vertraue nicht blind, denn es gibt genug Wissen, das ich als Back-up habe. Bhakti Yoga ist ein wissenschaftlicher Prozess. Du musst überhaupt nichts glauben, sondern kannst sofort experimentieren: Wie ist es, wenn ich Mantras mit der Mala chante, wie ist es, wenn ich mich in den Kirtan setze? Was macht das mit mir? Was bewirken die Schriften, wenn ich sie lese? Diese Erfahrungen waren für mich wirklich magic.


Titelbild: Stefanie Kissner

Marlene Ehrhardt ist in der Bhakti-Szene unter ihrem spirituellen Namen Madhavi bekannt. Sie arbeitet als Coach, unterrichtet Mantra und Harmonium, gibt Satsang und veranstaltet mit ihrem Mann Caitanya die Bhakti Conference. www.bhaktitree.de

 

Innere Freiheit ohne Abhängigkeit von Konsum

Innere Freiheit

Persönliche Sicherheit erwächst nicht aus Reichtum an Dingen, sondern durch innere Freiheit. Es ist also an der Zeit, nicht nur unser Konsumverhalten zu überdenken, sondern generell unser Verhältnis zu Dingen.

Vor einigen Jahren trat die britische Modedesignerin Vivienne Westwood plötzlich mit großen Buttons mit dem Kürzel „AR“ auf. Dies sollte „Active Resistance to Propaganda“ bedeuten. Es war ihr Aufruf zu Konsumverzicht. Dafür wurde sie ausgelacht. Denn die Anstecker waren selbst eine Ware und wurden schnell zum modischen Accessoire.

Selbst Konsumkritik wird Ware.

In Wirklichkeit hatte sie natürlich Recht. Es geht nicht mehr nur darum, mal kurz auf Konsum zu verzichten. Sondern man muss sich aktiv gegen die massive, allgegenwärtige Propaganda zu stemmen. Diese sagt uns: „Kauf weiter, mehr, mehr davon, etwas Neues, etwas Größeres …“ Interessant ist, wie Westwood sich das vorstellt. Sie empfiehlt nämlich keine laute Gegenpropaganda, sondern sie schickt ihre Studenten ins Museum. Dort sollen sie in aller Ruhe ein Bild aussuchen und beobachten.

Warum also nicht von der Punk-Diva lernen? Der aktive Widerstand, die Resistenz gegen besonders gegenüber der Konsumkultur besteht in einer inneren Unabhängigkeit. In einer stillen Autonomie im Denken und im Fühlen. Das Problem ist hier nicht nur, dass der Konsumismus eine ökologische Katastrophe nach der anderen produziert. Er sorgt auch für Entfremdung, Unselbstständigkeit, Verpflichtungen und ungewollte Bindungen, die wir uns mit Besitz einhandeln.

Konsumismus: bis ins Unendliche gesteigerte Konsumverhalten.

Die allermeisten Dinge, die mit denen wir uns umgeben, korrumpieren uns. Dinge sind nicht passiv. Denn sie machen, dass wir etwas machen. Sie fordern uns auf, uns zu ihnen zu verhalten. Und wir antworten den Dingen. Ein Smartphone dient nicht in erster Linie zum Telefonieren. Es beschäftigt uns, lenkt von wirklicher Kommunikation ab und macht abhängig vom ständigen Umgang mit ihm. Im Grunde macht es stumm.

Wir verbinden uns mit den Dingen. Und wir räumen ihnen Macht über uns ein. Diese Macht besteht darin, dass wir Zeit und Energie aufwenden, sie zu unterhalten. Dass wir wünschen, bestimmte Dinge zu besitzen. Oder fürchten, sie zu verlieren. Und bevor wir sie kaufen können, müssen wir oft viel Zeit in die Arbeit investieren, um das nötige Geld zu verdienen. All bringt uns alles andere als innere Freiheit.

Aus heutiger Sicht unvorstellbar ist die Erzählung T. K. V. Desikachars über seinen Vater Krishnamacharya. Dieser hatte in den 1930er-Jahren am indischen Hof in Mysore als Yogalehrer gearbeitet. „Einmal wollte ihm der Maharadscha ein Stück Land schenken. Doch mein Vater wies es zurück. Auch ein prächtiges Pferd traf eines Tages als Geschenk ein. Und wurde zurückgeschickt. Bei einer anderen Gelegenheit überreichte die Königin meinem Vater ein paar herrliche Juwelen. Er gab sie zurück. Er akzeptierte nur Geschenke in Form von Früchten, Gemüse und Blumen. Alle Dinge von größerem Wert hätten Abhängigkeit bedeutet. Er wollte keinen Verlust seiner Autonomie.“

Krishnamacharya wäre nicht nur vom Maharadscha abhängig geworden? So hätte er die Juwelen eventuell bewachen. Er hätte Angst vor Diebstahl haben müssen und vielleicht den Neid der Nachbarn geweckt. Zudem hätte das Pferd versorgt und geritten werden müssen. All das hätte ihn seiner Unabhängigkeit beraubt und von seinem Yogaweg abgelenkt.

Abhängigkeit von Dingen

Der englische Ethnologe Daniel Miller beleuchtet einen weiteren Aspekt. In fünfzehn Kurzporträts beschreibt er die Bewohner einer Londoner Straße, als ob er auf eine fremde Kultur blicken würde. Schnell wird deutlich, dass Dinge zu wichtigen persönlichen Bezugspunkten werden können. Sie trösten über Verluste hinweg, über innere Leere, Langeweile, Überdruss und Stress und Depression. Innere Freiheit ist dabei das Gegenteil.

Einen Ausweg aus der Misere hat Uruguays bewundernswerter Präsident José „Pepe“ Mujica für sich gefunden. Denn er betrachtet Smartphones als Elektromüll, fährt einen VW Käfer, spendet einen Großteil seines Gehalts. Zudem verbringt er sehr viel Zeit mit Büchern, Hühnern und einem dreibeinigen Hund auf einer kleinen Farm, die er seit 30 Jahren bewohnt (SZ, 25.3.14). Er gilt als der bescheidenste Staatschef der Welt. Sein Motto lautet: „Deshalb lebe so, wie du denkst. Sonst wirst du irgendwann so denken, wie du lebst.“


Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs sowie Restaurants und studiert Philosophie.

Titelbild via unsplash.com // Robson Hatsukami Morgan.

„Fordere dich selbst und praktiziere Yoga“ – Interview mit Phyllis Sues

Trapezfliegen mit 85? Fallschirmspringen mit 90? Yoga und Argentinischer Tango sind ihre täglichen Begleiter. Phyllis Sues aus Los Angeles lebt ihr Leben – und zwar voller Neugier, Begeisterung und Fülle.

 

Interview: Diana Müller / Titelfoto: Cat Doran

Phyllis, am 4. April wurdest du 91! Wie hast du gefeiert?

Nach dem Aufwachen habe ich Yoga geübt, bin drei Minuten Springseil gehüpft, habe gefrühstückt und bin zum Yoga-Unterricht gegangen.

Dann habe ich für meinen Argentinischen Tango trainiert. Und später bin ich mit meinem Pudel Nicko gewandert. So wie jeden Tag! Es ist bloß eine andere Zahl und ein weiterer Tag auf einer faszinierenden Reise.

 

Was hat dich dazu bewegt, mit 85 Jahren deine erste Yogaklasse zu besuchen?

Ich brauchte mehr Kraft, Balance und Flexibilität für den Tango. Yoga war die Antwort.

 

Wer ist dein Yogalehrer? Und wo praktizierst du?
Ich hatte zwei Yogalehrer. Meine erste Yogastunde nahm ich bei Tara Judelle am YMCA in Hollywood. Sie stellte mir Anthony Benenati von City Yoga vor. Das ist nun sechs Jahre her – bei Anthony bin ich geblieben. Er ist mein Mentor.

 

Was bedeutet Yoga für dich?
Yoga ist für mich ein neuer Lebensweg geworden. Ich praktiziere, weil ich ein Leben mit Qualität leben möchte – und es schenkt mir inneren Frieden.

 

Hat dir Yoga bei deiner Arthritis und Osteoporose geholfen?
Arthritis und Osteoporose beeinträchtigen meine täglichen Aktivitäten überhaupt nicht, sie sind lediglich auf den Röntgenbildern zu sehen. Alle Yoga-Asanas übe ich schmerzfrei. Und in der Tat haben Yoga und Tango diese rheumatischen Erkrankungen verbessert. Viele Ältere sind von einer Wirbelsäulenverkrümmung betroffen. Mit Yoga könnten sie das ändern.

 

Was ist deine Lieblingshaltung?

Ich liebe Rückbeugen und den Kopfstand, aber der Pfau (Mayurasana) ist mein absoluter Liebling!

 

Du hast erstaunliche Energie mit 91! Was ist dein Geheimnis?
Diese Energie hatte ich schon immer. Es ist dieselbe, die auch meine Eltern hatten. Ich denke, es liegt teilweise in meinen Genen, aber noch wichtiger ist die Tatsache, dass ich liebe, was ich tue.

 

Was ist deine nächste Herausforderung im Yoga?
Ein freier Handstand! Ohne Wand, ohne jegliche Hilfestellung. Das ist es, was ich erreichen möchte.

 

Was ist dein Tipp für Yoga-Praktizierende?
Gib nicht auf, meistere die Hürden und tue es einfach! Es gibt eine Belohnung: Große Gesundheit und Freude!

 

Mit 85 wolltest du unbedingt auf dem Trapez fliegen. Was war der Auslöser?

Ich habe einen Artikel über einen 50-Jährigen am Trapez gelesen. Er sagte, es habe sein Leben verändert. Und während des Fluges sei er im Hier und Jetzt gewesen.

Genau das – im Hier zu sein – hat mich schon immer fasziniert; und so musste ich das Trapez einfach ausprobieren! Ich mag neue Herausforderungen.

 

Fallschirmspringen mit 90 – ein weiteres Highlight?
Du hast nicht gelebt, bis du nicht Fallschirm gesprungen bist! Nachdem sich der Schirm geöffnet hat, kommt eine unglaubliche, köstliche Stille und du vergisst, wer du bist. Du wirst vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben Eins mit dem Universum.

 

Was wird dein nächster Coup?
Es gibt kein „Nächstes“ – alles ist „Jetzt“. Ich möchte meine Reise weiterhin einfach lieben.

 

Was ist der Schlüssel zum Leben?
Der Schlüssel für mein Leben: Ich liebe, was ich tue. Nicht mehr und nicht weniger.

 


Phyllis Sues lebt in Los Angeles, USA. Mit 91 Jahren zählen tägliche Yogastunden, Argentinischer Tango, Seilspringen, Tennis, Trapez und Wandern zu ihren Aktivitäten. Sie spielt leidenschaftlich gerne Piano und komponierte 2009 sechs eigene Tangos, die sie als CD „Tango Insomnia“ veröffentlichte. Inspiriert dazu wurde sie durch ihre Tanzstunden mit ihrem Tango-Partner Felix Chavez (80). Außerdem bloggt sie für The Huffington Post.

 

Nachgefragt: Der Handstand – wie erlernt man ihn am Besten?

In diesem Yoga Sutra von Patanjali finden sich zwei wesentliche Voraussetzungen, um Adho Mukha Vrikshasana, den Handstand, zu erlernen: Vertrauen und Üben. YOGA JOURNAL hat bei Yogalehrerin Nana Merz nachgefragt. 

Je stärker wir das Vertauen in uns spüren und je intensiver unsere Bemühungen sind, desto näher rückt das Ziel.

Ein Kleinkind, das nach dem Krabbeln irgendwann laufen lernt, steht vor einer Herausforderung. Das Laufen auf zwei Beinen erscheint erst einmal ungeheuer schwierig: Die Schwerkraft wirkt und lässt das Kind nur mühsam die Balance finden. Dennoch meistert es die Situation – mit Vertrauen und Mut. Es lässt sich nicht entmutigen! Was liegt näher, als sich beim Üben einer Umkehrhaltung an die Zeit zu erinnern, in der das Erlernen elementarer Dinge unser ganzes Bemühen, unsere Leidenschaft und unser Vertrauen in das Leben forderte?

Nach einigen vorbereitenden Übungen, die gleichermaßen Kraft und Flexibilität in Schultern und Armen sowie eine gute Körperspannung aufbauen, kann der Kick nach oben in den Handstand gewagt werden. Wenn meine Schüler diesen alleine an der Wand beherrschen (also die Prinzipien der Übung verstanden und umgesetzt haben), motiviere ich sie, den Abstand zur Wand schrittweise zu vergrößern. Dadurch tritt nach und nach die Sicherheit der Wand in den Hintergrund.

Da Yoga eine Erfahrungswissenschaft ist und es so viele Handstände gibt wie ausführende Menschen, muss jeder seinen eigenen Weg in die Stellung finden. Jeder Yogi kennt das Phänomen: Manche Hinweise des Lehrers, die sich auf ganz verschiedene Aspekte einer Asana beziehen, gehen einfach an einem vorbei, als hätte man sie gar nicht gehört. Zu diesem Zeitpunkt sind Verstand und Körper noch nicht bereit. Es kommt jedoch der Tag, an dem man die Instruktionen aufnehmen und umsetzen kann. Vielleicht ist man in der letzten Yogastunde im Handstand umgekippt und hat dabei festgestellt, dass nichts Schlimmes geschieht. Man hat Vertrauen gefunden. Dieses Mal kommt vielleicht ein tief vergrabenes Potential ans Licht und plötzlich hält man mit spielerischer Leichtigkeit die Balance. Manchmal geht es einfach darum, in den Raum der Möglichkeiten zu treten und sich von sich selbst überraschen zu lassen.

Zur korrekten Ausrichtung gibt es viele Anleitungen, beispielsweise die exakte Ausrichtung der Gelenke oder der richtige Abstand zwischen den Händen. Der absolute Aha-Effekt tritt allerdings meist nach längerer Übung ein, wenn man die Möglichkeit des Fingereinsatzes entdeckt. Die Finger können den Rest des Körpers ausbalancieren, wenn sie effektiv eingesetzt werden und eine stabile Verbindung zur Erde entsteht. Wenn man von einem „Geheimnis“ des Handstandes sprechen kann, ist es sicher auf der körperlichen Ebene der Kontakt der Hände zum Boden – und auf der psychischen Ebene das (Ur)vertrauen und die damit verbundene positive Einstellung der Umwelt gegenüber.

Beim Erlernen fortgeschrittener Asanas brauchen wir immer eine Mischung aus Beharrlichkeit (abyasa) und Gleichmut (vairagya). Gemäß dem Motto: „Niemand ist ein besserer Mensch, weil er einen freien Handstand beherrscht“, sollte beim Üben vor allem die Freude am Tun dominieren. Yoga dient immer einer größer werdenden Bewusstheit. Sich selbst beim Erlernen des Handstands zu beobachten ist aufschlussreich. Auf einer gewissen Ebene kann es Wachstum bedeuten, wenn die äußere Form der Asana weniger vordergründig ist und man versteht, worum es eigentlich geht. Wenn wir voller Vertrauen und Mut üben, nach jedem Umfallen lachend wieder aufstehen und weiter probieren – wie das Kleinkind beim Laufen lernen – schenkt uns Adho Mukha Vrikshasana Leichtigkeit, Lebensfreude und Energie. Das sind die Qualitäten unserer Kindheit. Dann ist es gleichgültig, ob wir einen oder 25 Atemzüge lang im Handstand stehen. Also: Entdecke das Kind in Dir und spiele!


Nana Merz ist seit vielen Jahren begeisterte (Handstand-)Übende, Yogalehrerin und Yoga Coach. Sie wirkt als Dozentin bei Ausbildungen mit und leitet das Institut für Yoga in Darmstadt (www.satyayoga.de).

Ernst Adams: Wahrnehmen mit allen Sinnen

Jiddu Krishnamurti (1895-1986) gilt als einer der bedeutendsten Weisheitslehrer unserer Zeit. Ernst Adams, seit fast 30 Jahren als Iyengar-Yogalehrer tätig, ist ein profunder Kenner seines Werks. Im Interview spricht Adams darüber, was diesen Philosophen gerade heute so attraktiv macht.

Interview

Bis ins hohe Alter hielt Krishnamurti Vorträge in der ganzen Welt darüber, wie der Mensch vom selbst erzeugten Leid frei werden könnte. Er lehrte ohne Bezug auf irgendeine Tradition, Philosophie oder Religion und lehnte jede Art von Autorität ab.

 

Ernst, wie sah dein erster Kontakt mit Krishnamurtis Lehre aus?

Das war vor etwa 30 Jahren. Ich war damals noch als Mathematiker an der University of Texas in Austin tätig, hatte aber schon erkannt, dass meine Leidenschaft für die Mathematik ein Irrweg war, eine Flucht vor dem Leben. Von einem befreundeten Mathematikprofessor hatte ich von Iyengar Yoga gehört. Davon war ich sofort begeistert und begann, mich für spirituelle Fragen zu interessieren. Dabei stieß ich oft auf den Namen Krishnamurti, aber das erste Buch, das ich von ihm las, legte ich bald wieder weg. Ich verstand überhaupt nichts. Erst durch Samuel Widmer, den ich 2001 kennenlernte, erwachte meine Neugier wieder. Er ist ein Schweizer Psychotherapeut und spiritueller Lehrer und bezieht sich im großen Maße auf Krishnamurti.

 

Was hast du durch diesen Lehrer erkannt, was dir vorher nicht zugänglich war?

Durch Samuel wurde mir die Bedeutung des richtigen Umgangs mit Gedanken und Gefühlen klar. Ich begann den Kern von Krishnamurtis Lehre zu verstehen: Im Denken liegt die Ursache aller Probleme, sowohl der globalen als auch der persönlichen. Genauer gesagt ist es die Tatsache, dass wir Menschen so konditioniert sind, dem Denken in uns die Vorrangstellung zu geben. Im technischen, praktischen Leben ist das Denken eine wunderbare und hilfreiche Fähigkeit. Wir müssen planen, organisieren. Damit ist Denken primär die Fähigkeit, zu analysieren, Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen. Doch wenn wir das Denken auf das Emotionale, Psychische, Geistige in uns anwenden, bewirkt es Unheil.

 

Kannst du diesen Unterschied näher erläutern?

Denken verhindert, dass wir eins sind mit unseren Gefühlen. Stattdessen etabliert sich im Denken ein scheinbar vom Gefühl getrennter Beobachter, von dem aus wir dann ein Gefühl betrachten. Wenn sie sagen, sie fühlen, dann denken die meisten Menschen eigentlich über das Gefühl nach. Sie reden darüber. Dadurch wird das Gefühl abgespalten, nicht wahrgenommen, nicht integriert. Und bleibt als störend wirksam, als Neurose oder Trauma. Zum anderen ist das Denken seinem Ursprung nach vorrangig an meinem eigenen Wohl interessiert, nicht am Wohl des Ganzen.

 

Nun kann ich ja nur etwas ändern, wenn ich es durchschaue.

Von wegen. Vielleicht ist das eine Einbildung, dass das Denken sich selber ändern kann. Das Denken ist ja vor allem entstanden, um uns einen Überlebensvorteil zu verschaffen. Das hat wunderbar funktioniert. Seine Aufgabe ist es, für unsere Sicherheit zu sorgen. Es überprüft, kategorisiert und bewertet jede unserer Wahrnehmungen. Es ist eine großartige Einrichtung.

 

Okay, es hat also einen Sinn.

Absolut. Aber dummerweise sind wir innerlich so auf unser Denken fokussiert, dass wir das, was das Denken uns über etwas Wahrgenommenes sagt, für das Wahrgenommene halten. Unser Erleben ist dadurch nicht mehr unmittelbar, sondern weitgehend reduziert auf Worte und Bilder aus unserer Erinnerung.

Wir glauben, wir benutzen das Denken. Stattdessen benutzt das Denken uns, sagt Krishnamurti. Die Instanz, die glaubt, das Denken zu benutzen, ist eine Erfindung des Denkens. Diese Instanz ist das, was wir als „Ich“ bezeichnen. Subjektiv, eine Konstruktion des eigenen Denkens. Sozusagen eine Selbst-Erschaffung. Und das ist das Gegenteil von Selbsterkenntnis, dem zentralen Thema in Krishnamurtis Lehren. Für ihn war Lernen über sich selbst erst möglich, wenn man alles angehäufte Wissen und Annahmen über sich selbst beiseite legt.

 

Viele spirituelle Richtungen sprechen ja von der Notwendigkeit, das Ich aufzulösen, um zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Ist dies im Sinne Krishnamurtis?

Krishnamurti hat vor jeder Methode, jeder Technik oder jedem Denksystem gewarnt, um im geistigen Bereich eine Veränderung hervorzurufen. Jeder Glaube, jede Religion waren für ihn Irrwege. „Die Wahrheit ist ein pfadloses Land“ lautet sein berühmter Satz, mit dem er 1929 den theosophischen „Order of the Star of the East“ auflöste, als dessen Weltlehrer er vorgesehen war. Auch das Analysieren unserer seelischen Welt mit ihren Problemen und die Anwendung von aus dem Denken kommenden Lösungen hielt er für sinnlos. Hat man verstanden, dass unsere Fokussierung auf das Denken verantwortlich ist für unsere Misere, sieht man, wie verrückt es ist, durch Denken die Misere auflösen zu wollen. Das ist unmöglich – aus der Natur der Sache heraus.

 

Was wäre in dieser Logik der nächste Schritt?

Die Fokussierung aufzulösen. Und das geht nur auf einem Weg, der nichts mit Denken zu tun hat. Durch direktes Wahrnehmen. Mit allen Sinnen.

 

Also: über die Sinneswahrnehmung unsere Misere beenden. Kannst du an einem Beispiel erklären, warum das unsere Probleme lösen würde?

Nehmen wir Gewalttätigkeit. Wir sind alle gewalttätig, im Tun, im Sprechen, im Denken. Vielleicht sind wir von Natur aus nicht zu Gewalt fähig, aber wenn ich als Kind bei anderen Gewalt als ein Mittel zur Durchsetzung von Wünschen erlebe oder es mir vermittelt wird, dann nimmt mein Denken Gewalt als mögliches Instrument in sein Repertoire auf.

Als einigermaßen kultivierter Mensch sehe ich später ein, dass das nicht in Ordnung ist und möchte das ändern. Mein Denken setzt also dem Einsatz von Gewalt das Ideal von Gewaltlosigkeit entgegen. Nun gerate ich in einen Konflikt: Ein Teil von mir ist gewalttätig, aber eine andere Abteilung in mir sagt, ich soll das lassen. Durch Unterdrückung und Selbstdisziplin kann ich vielleicht erreichen, dass ich nach außen hin gewaltfrei bin. Aber was ich auf diesem Weg der Befolgung ethischer und moralischer Einsichten nicht erreiche, ist, dass jede Art von Gewaltausübung undenkbar ist. Es gibt höchstens eine Zügelung der Gewaltneigung. Dass Gewalt unter keinen Umständen eine mögliche Option ist, wäre die wirkliche Veränderung.

 

Wie erreiche ich die?

Durch Beobachtung. Indem man jede Bewegung des Denkens beobachtet, ohne darauf zu reagieren, damit das Gehirn von seiner Konditionierung frei werden kann, von der Anhäufung seines Wissens. Erst wenn der Geist vollkommen still wird – und Stille bedeutet: Freiheit von allem, was der Geist angesammelt hat, gedanklich, psychisch – kann es zu einer radikalen Veränderung kommen, einer absoluten Wende im Bewusstsein. Und nur dadurch wird die Menschheit in der Lage sein zu überleben. Solange wir glauben, durch stückweise Verbesserungen und Maßnahmen uns oder die Welt grundsätzlich verändern zu können, wird sich nichts Wesentliches tun.

 

Das ist alles andere als eine leicht handhabbare Gebrauchsanweisung.

Es ist ganz harte Arbeit für jeden, der sich auf den Weg macht. Daran lässt Krishnamurti keinen Zweifel. Aber er gibt Hinweise, stellt uns ein paar Schilder auf, an denen wir uns orientieren können. Bleiben wir bei dem oben erwähnten Beispiel. Anstatt die Gewalttätigkeit der Beurteilung des Denkens zu unterwerfen, können wir versuchen, sie zu „sehen“. Wer mit allen Sinnen, seinem ganzen Sein wahrnimmt, fühlt, was er da tut und sagt, wird sich ändern. Wer wirklich fühlt, kann unmöglich einem anderen Leid zu fügen. Das geht einfach nicht. Ein Soldat, der den Feind fühlt, der ihm gegenüber steht, kann ihn nicht erschießen.

Solange das Denken jedoch den Vorrang hat, gibt es keine grundsätzliche Lösung. Das Denken kennt nur die graduelle Veränderung. Das Grundübel bleibt bestehen und kann jederzeit wieder zum Ausbruch kommen.

 

Wenn ich dich richtig verstehe, sollen wir also das Denken beenden und nur dann benutzen, wenn es notwendig und sinnvoll ist.

Wir suchen alle nach einem Weg, um glücklich zu werden. Unter Umständen sind wir sogar bereit, uns zu quälen, um in den Himmel zu kommen. Kasteien, stundenlanges Meditieren, jahrelang unterwürfig einem Guru folgen. Nun sagt Krishnamurti, das Denken müsse aufhören. Okay, sage ich, dann versuche ich mal, damit aufzuhören. Wie soll das gehen? Das Denken nimmt sich vor, mit dem Denken aufzuhören. Es gibt aber keinen Weg dahin. Von unserer jetzigen Seinsweise führt keine Methode in diese andere Seinsweise. So wie man über einen Abgrund nicht allmählich hinübergehen kann, sondern springen muss, so muss man auch hier springen. Aber das kann man dem Denken nicht beibringen. Es kann höchstens einsehen – und das ist seine beste Leistung –, dass es begrenzt ist und unfähig, seine von ihm selbst erzeugten Probleme zu lösen.

 

Was befindet sich denn auf der anderen Seite des Abgrunds?

Der ganz andere Seinszustand ist der des Lauschens, Schauens, des Fühlens. Dass dann ein Wunder geschieht, das kann man erleben, nicht verstehen.

 

Nun braucht man für einen Sprung über den Abgrund Mut. Wohin mit der Angst?

Angst ist die größte Behinderung im Leben der meisten Menschen. Krishnamurti sagt, es sei möglich, die Angst ein für alle mal zu beenden.

 

Das glaubt niemand.

Weil wir die Angst für eine natürliche Erscheinung halten, wie sie auftaucht, wenn eine Gefahr droht. Aber ist da wirklich Angst, wenn wir unmittelbar auf eine bedrohliche Situation reagieren oder nur dann, wenn wir nachdenken, wie wir entkommen können? Krishnamurti ging es nicht um die Angst bei Gefahr, sondern um die psychische Angst, die entsteht, wenn wir uns etwas Bedrohliches ausmalen: Ich könnte krank werden, arbeitsunfähig sein. Meine Frau könnte sterben usw. Dann fängt das Denken an, nach Maßnahmen zu suchen, um diese Situationen zu verhindern. Das Problem entsteht dadurch, dass wir der Angst gegensteuern wollen, die einzig und allein nur in unserer gedanklichen Welt existiert.

 

Die wir aber als reale Bedrohung erleben.

Anstatt dass wir sehen, dass wir beim Erleben und beim Umgehen mit der Angst sie selber erschaffen.

Wie wäre es, wenn ich den bedrohlichen Gedanken nur wahrnehme, so wie ich das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos wahrnehme, so wie ich einen Vogel vorbeifliegen sehe? Stattdessen beginnt das Denken, sich mit dieser Angst zu beschäftigen. Denn das Denken will Sicherheit. Was aber passiert, wenn ich gelernt habe, das Denken genauso als eine nicht essentiell mit mir zusammenhängende Erscheinung zu betrachten wie Naturerscheinungen? Wenn ich mich für die eventuell entstehenden Gedankenketten gar nicht interessiere? Wenn ich lerne, nicht zu reagieren, nicht im Sinne einer Unterdrückung, sondern den Gedanken einfach da sein lasse? Dazu müsste ich vertraut werden damit, wie ich mit meiner Aufmerksamkeit, meinem Gewahrsein, der Fähigkeit, etwas innerhalb meines Gehirns wahrzunehmen, umgehe.

Gedanken, denen ich keine Aufmerksamkeit schenke, hören auf. Wenn ich jedoch einen Gedanken nicht haben will, erfährt er genau dadurch Zuwendung und bleibt erhalten.

 

Welche Rolle spielt unser Ego dabei?

Der Eindruck, dass wir ein Ich, ein Ego, ein Zentrum haben, entsteht aus der unaufhörlichen Tätigkeit des Gehirns, über seine angesammelten Erinnerungen nachzudenken und die Welt aufgrund dieser Erinnerungen zu beurteilen. Wenn diese Tätigkeit ständig im Vordergrund des Gewahrseins ist, entsteht der Eindruck, dass da ein Ich ist, ein Zentrum. Unser innerstes Wesen ist jedoch keine Persönlichkeit mit Eigenschaften und Fähigkeiten. Hier kommen wir an einen Bereich, der mit Worten nicht beschreibbar ist. Alle Aussagen darüber führen zu Bildern, Vorstellungen, Konzepten. Deshalb hat Krishnamurti nie direkt davon gesprochen. Weil es nicht geht. Doch Krishnamurti hat von etwas anderem gesprochen, als zentralem Aspekt seiner Lehre: der Freiheit. Wahrnehmen, Schauen, Achtsamkeit sind die ersten Schritte, Konditionierungen und fest gefügte Gedankenmuster zu erkennen.

 

Hat er in diesem Sinne Empfehlungen gegeben?

Für ihn war alles, was mit einer Motivation getan wird, zum Scheitern verurteilt. Denn es kommt aus dem Denken. Manchmal allerdings hat er seine Zuhörer aufgefordert, ihre Sinne einzusetzen: „Schaut ganz genau hin, wenn ihr mit jemandem sprecht. Schaut euch die Falten seines Schals an. Wenn ihr einen Baum seht, seid mit dem Baum, nicht mit dem botanischen Namen oder der vom Denken kommenden Beschreibung.“

 

War Krishnamurti ein Philosoph, der sich jeder Lehre verweigert hat?

Vielleicht macht ihn gerade dieses Paradox in Zeiten, wo wir so sehr nach Vorbildern und ethisch oder politisch korrektem Verhalten in allen Lebenslagen streben, so attraktiv. Er hat sich zwar als Weltenlehrer betrachtet, doch zugleich davor gewarnt, ihm oder irgendjemandem zu glauben oder zu folgen. Er ließ nur eine einzige Vorgehensweise gelten: es selbst herausfinden, durch Negieren zum Positiven gelangen. Beispielsweise durch Verstehen, was Liebe nicht ist – nämlich Gewalt, Besitzdenken, Eifersucht usw. – herauszufinden, was Liebe ist. Auf die Weise hat er versucht, seine Zuhörer an den Punkt zu bringen, wo sie selber sehen, ohne Worte, und damit unmittelbare Einsicht in ihr wahres Wesen gewinnen.

Einem Lehrer zu folgen, eine Autorität anzuerkennen und sich ihr zu unterwerfen, hat er mit Nachdruck als Irrweg verurteilt. Und er hat betont, wieviel harte Arbeit es ist, eine Veränderung im Geist zu erreichen. Die eigene Fokussierung auf das Denken und unsere Abhängigkeit, die darin steckt, zu beenden, ist das Schwierigste, was ein Mensch sich vornehmen kann. Aber es ist auch die einzige Möglichkeit, innerlich frei zu werden.

 


Gabrielle Strijewski
Foto: Gabrielle Strijewski

Irene Nießen, Journalistin, stellte die Fragen und unterrichtet in der Tradition von B.K.S. Iyengar in Frankfurt am Main. www.yogaloft-frankfurt.de

 

Montags-Mantra: Segensmantra aus dem Kundalini

Häufig enden Kundalini-Yogaklassen mit dem gemeinsamen Singen eines Mantras, das ursprünglich ein traditioneller irischer Segen ist:

 

May the long time sun shine upon you,

all love surround you

and the pure light within you

guide your way on,

   guide your way on …

 

Happy Monday morning!


Titelbild via unsplash.com // Francesco Gallarotti

Ganz eigene Schönheit

Das Unverwechselbare in uns selbst und in unserer Praxis finden: Das ist immer wieder Herausforderung und Aufgabe im Yoga. Die Münchner Yogalehrerin Susanne Meier beschreibt im Interview ihre persönliche Entwicklung zwischen Druck von außen und Anerkennung von innen.

Was bedeutet Yoga für dich?

Ich kann mich noch gut an meine erste Yogastunde erinnern: Es war nicht die Praxis, die etwas bei mir ausgelöst hat, sondern das Shavasana. Die Tatsache, einfach nur ruhig liegen zu dürfen, nichts tun zu müssen und einmal nur zu sein, war für mich unglaublich neu und heilend.

Worin bestand dieses Neue?

In meiner Kindheit spielte Leistung die wichtigste Rolle. Ich wurde immer daran gemessen, wie gut ich in der Schule war, ob ich mich hübsch gemacht hatte und alle Erwartungen erfüllte – nicht daran, dass ich einfach ich selbst war. Dieses „ich selbst“ habe ich erst mit Anfang 30 durch Yoga kennengelernt.

Welche Stationen haben dich bis dahin geprägt?

Mit 19 Jahren beschloss ich, nichts mehr zu essen, weil man dann schön schlank wird und so aussieht, wie es von einem erwartet wird. Mit 24, nach dem Abschluss meines Kommunikationsdesign-Studiums, suchte ich meinen Platz in der Gesellschaft vor allem durch pausenloses Arbeiten. In meiner Freizeit rannte ich weiter: Ich lief jeden Tag mindestens eine Stunde, machte intensiv Sport und glaubte, dass ich dies als Ausgleich brauchte. Von dem vielen Stress war ich dünn, also arbeitete ich nebenher als Model, ab 27 in Vollzeit. Mit 29 besuchte ich meine erste Yogastunde. Zunächst verwendete ich auch die Yogapraxis, um meinen Körper zu bekämpfen und meinen Perfektionismus weiterzutreiben. Heute sehe ich in meinen Stunden, dass sehr viele Menschen Yoga auf diese Weise nutzen und Gefahr laufen, sich dadurch weh tun. Ich bin überzeugt, dass es dazu nicht da ist. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden, wie ihm Yoga gut tut, und diesen Weg dann gehen.

Welcher Wegweiser ist hier hilfreich?

Ganz klar der Atem. Die äußere Form, also die Asanas, spielen natürlich auch eine Rolle, aber wichtiger ist der Übergang zu diesen Formen und am wichtigsten die innere Einstellung während des Übens.

Was hat sich über die Jahre in deiner Praxis verändert?

Seit neun Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Yoga. Heute ist alles anders: Yoga lässt mich immer mehr ich selbst sein, lässt mich spüren, was mir gut tut, und verhindert, dass ich in meine selbstzerstörerischen Muster zurück verfalle. Aus eigener Erfahrung bin ich sehr sensibel für mangelnde Selbstachtung und Selbstliebe. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie viele Menschen nicht im Frieden mit sich und ihrem Körper sind, vor allem Frauen. Ich bin und war kein Einzelfall. Yoga hat mir die Zeit und den Raum gegeben, mich und meinen Körper zu achten und mich als Teil der Natur wahrzunehmen. Die Geburten meiner beiden Töchter haben mich dem Wunder des Lebens noch näher gebracht. Die Ausbeutung all dieser Ebenen, die in unserer Gesellschaft so verbreitet ist, verstehe ich heute nicht mehr.

Warum bist du Yogalehrerin geworden?

Yoga arbeitet gegen diese Haltung der Ausbeutung. Ich unterrichte, weil ich meine Erfahrungen weitergeben will, aber vor allem, weil das Lehren mich dazu zwingt, immer und unaufhörlich dranzubleiben und weiter zu lernen, Yoga zu verinnerlichen. Ich wünsche mir, dass ich die Teilnehmer in meinen Stunden ihren Körper und damit ihren eigenen Wert spüren lasse, ihre wahre Natur und deren ganz eigene Schönheit.

Wie beeinflusst diese Arbeit deine Tätigkeit als Model?

Als Model arbeite ich heute mit einer ganz anderen Einstellung. Heute sorge ich für mich, esse liebend gerne und gesund und koche jeden Tag mehrmals für mich und meine Kinder. Das Kochen ist eine sehr wichtige, heilende Tätigkeit für mich geworden. Schlank bin ich immer noch, das liegt wohl in meiner Natur. Ich bin froh und dankbar, dass ich heute als Model Gesundheit verkörpern darf.


Susanne Meier ist zertifizierte Jivamukti-Yogalehrerin und absolviert derzeit die Ausbildung im Anusara Yoga. Das YOGA JOURNAL-Sonderheft „Dein Yoga“ ist ab 30. September im Handel und versandkostenfrei unter www.yogajournal.de bestellbar.

Titelbild via unsplash.com // Timothy Meinberg