Yoga-Bücher: Emotion and healing in the Energy Body

ENERGIE (BESSER) VERSTEHEN. Wer mehr über Anatomie erfahren will, hat die Wahl zwischen Dutzenden von Büchern. Gute Titel über die feinstoffliche Anatomie des Menschen gibt es hingegen nur wenige. „Emotion and healing in the energy Body“ hat das Zeug zu einem Nachschlagewerk. Was das Buch wertvoll macht, ist die Verbindung von Theorie und Praxis: neben einer ausführlichen Darstellung der Chakras und verschiedener Formen von Energie gibt Henderson viele Beispiele aus seiner eigenen Erfahrung. Der Leser erfährt beispielsweise, wie sich die Energie von „Angst“ im Unterschied zu „Trauer“ oder „Einsamkeit“ anfühlt und wie es kommt, dass bestimmte Emotionen Energieblockaden verursachen können. Besonders interessant ist seine Liste der 30 Blockaden: physische Probleme oder körperliche Schmerzen, die in Wahrheit eine energetische Ursache haben.

 

Robert Henderson: Emotion and healing in the Energy Body – A handbook of subtle Energies in massage and Yoga 

Healing Arts Press
Preis // ca. 19 Euro (Kindle ca. 16 Euro)

 


TOBIAS FRANK FAZIT: Ein Muss für alle, die mehr über Energie wissen wollen. Bis jetzt leider nur auf Englisch erschienen.

Titelbild via unsplash.com // Greg Becker

Amiena‘s Werkstatt

Amiena´s Werkstatt, ein Ort der Herzlichkeit und Leichtigkeit. Mitten im Zentrum von München, in der Nähe vom Sendlinger Tor liegen die Räumlickeiten in einem ruhigen Innenhof. Das Studio hat sich auf die Themen Yoga, Pilates, Faszien, und Barre Workout spezialisiert. Wer auf der Suche nach bodenständigem Unterricht ist, ohne großem Schnick Schnack, umgeben von einem individuellen und farbenfrohen Innendesign, ist dort richtig aufgehoben. Das gesamte Team von Amiena’s Werksatt besteht aus qualifizierten und zertifizierten Lehrern, die über eine langjährige Unterrichtserfahrung verfügen.
Die Besitzerin und Faszien-Yoga Erfinderin Amiena Zylla selbst kennt man von ihren zahlreichen Büchern,  Youtube, TV und Zeitschriften.

Tauche mit ihr hier auf der Messe in die Welt des Faszien-Yoga ein und erlebe von der erfolgreichen Faszienautorin hautnah, wie man mit Spaß und Freude dieses einzigartige Bindegewebsnetzwerk stimuliert und zum „lachen“ bringt. Amiena wird dich mit ein wenig Theorie und vor allem viel Praxis auf eine Entdeckungsreise in die Welt des Faszien-Yogas mitnehmen.  Ausserdem freuen sich Amiena und ihr Team auf deinen Besuch an ihrem Stand.

www.amienaswerkstatt.de

www.amienazylla.com

Amiena‘s Werkstatt auf Facebook und Youtube.

Dies.Das.Asana – Ein gefallener Engel

Wer meine Kolumne über innovative Yogahaltungen kennt, denkt bei diesem Foto vielleicht im ersten Moment an Breakdance. Stimmt nicht: Der gefallene Engel ist Yoga pur. 

Fallen Angel oder in Sanskrit Devaduuta Panna Asana ist eine wunderschöne Haltung, die mir erst vor einigen Jahren begegnete. Sie erfordert nicht nur eine Menge Kraft und Körperkontrolle, sondern auch Anmut und Hingabe. Für mich hat sie auch eine tiefere Bedeutung: Dieser Engel kann uns vor Augen führen, dass das innere Licht selbst nach einem Fall niemals erlischt. Man schlüpft in die Rolle des Engels, der seine Aufgabe und sich selbst aus den Augen verloren hat. Trotzdem kann er aus seiner inneren Kraft heraus wieder anmutig die Flügel aufspannen – genau wie wir, wenn das Leben wieder mal verrückt spielt und keine Rettung in Sicht ist. Der gefallene Engel lehrt mich, dass selbst in den Tiefen des Alltags der Funke vorhanden ist, der unser Seelenfeuer immer wieder auf’s Neue zum Leuchten bringen kann. Und dass Anmut und körperliche Stärke Hand in Hand gehen.

 Muss ich das können? 

Nein. Diese Asana richtet sich an Fortgeschrittene, die sich in Armbalancen, insbesondere in Parshva Bakasana (seitlicher Kranich bzw. Krähe), und im Kopfstand schon sicher fühlen.

 Was brauche ich? 

Grundvoraussetzung ist genügend Armkraft, um eine gute Spannung im Rumpf halten zu können und in Umkehrhaltungen nicht die Orientierung zu verlieren.

 Ist das gefährlich? 

Ohne das nötige Gefühl für die Spannungsverhältnisse im eigenen Körper wird diese Asana zur Tortur, insbesondere was das auf dem Kopf lastende Gewicht betrifft.

Schritt für Schritt:

1  Sie beginnen quer und mittig auf ihrer Matte stehend in Tada-sana (Berghaltung). Dann beugen Sie die Beine und kommen in Utkatasana (Stehhocke). Legen Sie die Hände vor dem Herzen zusammen und drehen Sie den Oberkörper mit einer Ausatmung langsam nach rechts. Dabei schieben Sie Ihren linken Arm so weit wie möglich über das rechte Knie und schmiegen Arm und Bein dicht aneinander. 

2  Setzen Sie die Hände parallel zueinander rechts neben den Füßen auf den Boden. Mit einer Ausatmung verlagern Sie das Gewicht nach vorn, bis Sie auf den Händen im seitlichen Kranich (oder der seitlichen Krähe) balancieren.

3  Sehr langsam und kontrolliert verlagern Sie das Gewicht mit dem Blick geradeaus immer weiter nach vorn, bis Sie das rechte Ohr auf die Matte legen können. Wichtig: Je mehr Gewicht Sie Ihrem Kopf zumuten, desto mehr Stress üben Sie auf den Nacken aus. Deswegen sollten Sie bewusst das Gewicht mit den Händen stützen und den gesamten Rumpf aktivieren.

4  Spannen Sie jetzt Ihre Flügel auf, indem Sie Ihr linkes Knie aus der Kraft des Rumpfs vom linken Arm lösen und das Bein zum Himmel strecken. Das rechte Knie bleibt weiterhin auf dem Ellenbogen, der Fuß dreht sich nach oben. Bleiben Sie zu Beginn nur einen Atemzug lang in der Haltung und konzentrieren Sie sich darauf, beide Füße himmelwärts zu heben und den Kopf so leicht aufzusetzen, als ob Sie gleich losfliegen würden.

5  Mit einer Ausatmung beugen Sie das gestreckte Bein, legen beide Knie wieder aneinander und verlagern sich vom Kopf zurück auf die Hände. Aus dem seitlichen Kranich setzen Sie beide Füße wieder auf und kehren zurück in Tadasana. Anschließend üben Sie die andere Seite. 


Titelbild: Herr van Toll

Anregungen oder Fragen? Jelena Lieberberg finden Sie auf www.facebook.com/kickassyoga

Im Schatten des Guru

Zwei Frauen, zwei Kulturen, ein Lehrer: Indem sich Geeta Iyengar und Angela Farmer aus dem Einfluss ihres herausragenden Lehrers lösten oder ihn ehrend bewahrten, fanden sie ihr eigenes Licht und wurden Pionierinnen des Yoga für Frauen.

Mit seinem 1966 erschienenen Standardwerk „Licht auf Yoga“ erhielt Yoga im Westen Gebrauchswert: Der 2014 im Alter von 95 Jahren verstorbene Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar richtete den Fokus der Praxis auf den Körper. Asanas sah er als „bewegte Gebete“ und Ausdruck innerer Erfahrung. Bis zu seinem Lebens-ende verehrte er seinen Lehrer und Schwager T. Krishnamacharya. Sein Unterricht hatte den jungen Iyengar von seinen vielen körperlichen Leiden befreit,  gleichzeitig hatte er aber auch unter der unerbittlichen Strenge gelitten, die der Tradition entsprach und Vorbild für seine eigene Rolle als „Guru“ war. Der Verdienst des optisch teilweise drollig, dann wieder furchterregend wirkenden kleinen Mannes um das moderne Yoga ist unermesslich: Iyengar ordnete die Asanas systematisch und „erfand“ die Hilfsmittel, die auch weniger Gelenkigen das Üben ermöglichten. Zu seinen Schülern gehörten Monarchen, Intellektuelle und Künstler wie der Musiker Yehudi Menuhin, der Autor Aldous Huxley, der Philosoph Jiddu Krishnamurti und die damals 90-jährige Königin Elisabeth von Belgien. Bis heute gilt sein Stil als einer der exaktesten und therapeutischsten Arten, Yoga zu üben. In den präzisen Anweisungen des Iyengar Yoga rollt sich die Haut ein, heben sich die inneren Knöchel, schneiden Fußkanten in den Boden und nehmen kleine Zehen eine mystische Verbindung zur Schulter ein. Kehrseite der Medaille: Iyengars Stil brachte das Verständnis von perfekter Ausrichtung ins Hatha Yoga und setzte klare Standards von „falsch“ und „richtig“.

Diese starke Orientierung bildete die Grundlage für den Yogaweg zweier Frauen aus sehr unterschiedlichen Kulturen. Was Iyengars Tochter Geeta und die Engländerin Angela Farmer jedoch zunächst verband, war ihre gemeinsame Auffassung von Autorität als männlicher Eigenschaft und ihre Faszination für die klare Linie Iyengars. Beide gelten als Pionierinnen des speziellen Yoga für Frauen. Wie ihre Lebensgeschichten auf den folgenden Seiten zeigen, verlief ihre Entwicklung jedoch sehr unterschiedlich: Während Geeta fest in der indischen Tradition steht, ihre Arbeit bis heute dem ehrenden Andenken ihres Vaters widmet und ihre Praxis gezielt auf die weibliche Anatomie abstimmt, gilt Angela als sanfte „Rebellin“, die sich mit ihrem Partner Victor van Kooten in den 1980er-Jahren aus dem immer elitärer werden Iyengar-Zirkel löste und seither ihr „Underground Yoga“ unterrichtet. Damit inspiriert sie besonders Frauen, ihre Schattenseiten zu ergründen und ihre individuelle Natur und Wahrheit zu leben.

Mit diesem Weg steht sie nicht allein: Ihre Weggefährtin Judith Hanson Lasater, die mit Iyengar nicht nur übte, sondern auch zum Bowling ging, transformierte die Praxis zum Restorative Yoga. Auch die eng befreundeten Iyengar-Schülerinnen Vanda Scaravelli und Dona Holleman fanden über die Auseinandersetzung mit Musik und Tanz zu neuen Ausdrucksformen.

Dies.Das.Asana – Ein wilder Hund

Wie immer stelle ich in meiner Kolumne eine Haltung vor, die man so nicht in den traditionellen Yogabüchern findet. Dieses Mal ist es ein Hund, der – anstatt brav nach unten zu schauen – einfach seitlich überkippt und seinen Bauch himmelwärts streckt.

Camatkarasana, Wild Thing oder Flip Dog ist eine dieser funky, modernen Yogahaltungen, die erst seit etwa 15 Jahren vermehrt auftauchen. Der umgedrehte herabschauende Hund ist eine kraftvolle Mischung aus Vasishthasana (seitliches Brett) und Urdhva Dhanurasana (Rad oder nach oben zeigender Bogen) und gehört dementsprechend zu den Rückbeugen. Die Wirkung des Flip Dog ist stark energetisierend, er beflügelt Körper und Geist und kann fast schon ekstatische Gefühle auslösen. In fließenden Vinyasa-Sequenzen gibt diese wilde Asana-Amazone der Praxis etwas Spielerisches und dabei herrlich Gefühlvolles.

Ich praktiziere den Flip Dog sehr gern. Mal mehr als Herz-öffner, mal um meine Hüftbeuger zu strecken – aber vor allem weil er einfach Spaß macht. Dazu erfordert der knifflige Übergang ein Händchen für Timing und Konzentration. Zum Dank werden Brust, Schultern und der Hals gedehnt. //

 Muss ich das können? 

Nicht unbedingt. Allerdings ermöglicht der Flip Dog einen Einstieg in die Thematik der stabilen Rückbeuge und lehrt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wichtig: Langsam in die Position einsteigen, ruhig weiteratmen und sie als aktive Öffnung und gleichzeitig als Kräftigung erleben.

 Was brauche ich? 

Kraft in den Armen und ein gutes Körpergefühl; außerdem eine Prise Mut, um den Fuß hinter sich fallen zu lassen.

 Ist das gefährlich? 

Die Gefahr beim Flip Dog besteht darin, zu hastig zu sein oder sich grob in die Rückbeuge zu zwingen. Es gilt: Eile mit Weile, lieber vorsichtig rantasten und langsam üben. Kontraindikationen: Karpaltunnelsyndrom, Verletzungen an Nacken, Schultern oder Rücken.

Schritt für Schritt:

  1. Sie starten im herabschauenden Hund. Mit der Einatmung strecken Sie das linke Bein nach hinten (dreibeiniger Hund). Dann beugen Sie das linke Knie, drehen das Bein auswärts und dehnen die linke Flanke von der Leiste bis an die Rippen.
  2. Verlagern Sie das Gewicht leicht auf die rechte Hand und lösen Sie die linke Hand von der Matte. Beugen Sie jetzt auch das rechte Knie und drehen Sie den rechten Fuß auf die Außenkante. Dann strecken Sie das rechte Bein wieder und lassen den linken Fuß zugleich sanft am Boden ankommen. 
  3. Das rechte Bein ist gestreckt, von hier wird die Hüfte langsam angehoben, das Becken gekippt und der linke Arm diagonal neben dem Kopf nach vorne gestreckt. Lassen Sie über den Atem Weite im gesamten Rumpf entstehen.
  4.  Zurück in den herabschauenden Hund geht es, indem Sie das Gewicht wieder auf den linken Arm verlagern und sich sanft vom linken Fuß abstoßen. Anschließend wechseln Sie die Seite.

 

Schwierigerer Übergang in den Flip:

Lassen Sie aus dem dreibeinigen Hund mit der Ausatmung und ohne das rechte Knie zu beugen den linken Fuß zur rechten Seite fallen.

Variante: Wer die Haltung noch vertiefen möchte, greift mit der linken Hand das linke Fußgelenk.


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Titelbild: Bella Lieberberg

Erfrischung für die Seele

Madhavi lebt und unterrichtet Bhakti Yoga in der Tradition ihres Lehrers Radhanath Swami. Ein Gespräch über den Weg der Hingabe, über die Rolle des Guru, die Arbeit an persönlichen Schatten – und den langen Schatten der Hare-Krishna-Bewegung.

Interview: Stephanie Schauenburg und Christina Raftery

Beim Stichwort Bhakti Yoga denkt man erst mal an Kirtan, Mantra und vielleicht an verschiedene Zeremonien. Was macht für dich den Kern der Praxis aus?

Alles beruht letztlich auf den ersten drei Prozessen des Bhakti, die in dem alten Text Srimad Bhagavatam beschrieben sind: Der erste ist Hören, auf Sanskrit heißt das Shravanam. Kirtanam, der zweite Prozess, ist Singen oder auch Sprechen über diese Themen. Der dritte ist Vishno Smaranam, die Erinnerung. Man will sich rückverbinden an seinen Ursprung erinnern.

Wie funktioniert das?

Da gibt es einen Vers von Chaitanya Mahaprabhu, auf den sich unsere Bhakti-Linie bezieht (Anm. der Red.: ein spätmittelalterlicher indischer Mystiker, der für eine Inkarnation Krishnas gehalten wird): „Der heilige Name, also der Klang des Mantra, löscht das lodernde Feuer des materiellen Daseins und erfrischt die Seele.“ So kannst du besser sehen, wer du bist – und dadurch deine Verbindung zum Ursprung (oder Gott) verstehen. Das Mantra ist wie ein Segen. Gleichzeitig braucht es aber auch immer die eigene Bemühung. Nur weil ich Mantras chante, bin ich noch lange nicht von meinem ganzen emotionalen Mist befreit und erkenne mich als das strahlende Selbst, das ich gerne sein möchte. Also heißt die andere Seite der Medaille, dass man bereit sein muss, sich die eigenen Themen anzusehen.

Da im Bhakti viel von Liebe, Dankbarkeit und Mitgefühl gesprochen wird, muss man sich fragen: Was geschieht mit den Schatten? Muss man mit ihnen nicht auch umgehen?

Absolut! Das merkt auch jeder, der Asanas übt oder meditiert. Das ruft einiges hervor und kann frustrierend sein, denn man denkt sich: Warum ist das jetzt so schmerzhaft, ich bemühe mich doch schon so lange! Gleichzeitig kann man erkennen, dass man auch die Instrumente an die Hand bekommen hat, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Man kann verstehen, dass das nicht nur Stolpersteine sind, sondern Entwicklungsstufen. In der „Sendung mit der Maus“ heißt es sehr schön: Wenn ich auf die Nase falle, mache ich auch immer noch einen Schritt vorwärts.

Wohin führt dieser Weg vorwärts?

Was mir am Bhakti Yoga ganz wichtig ist, ist die Frage: Was ist meine wahre Natur? Die Seele sehnt sich, zu dieser Natur zurückzukommen, in diese Verbindung zurückzugehen. Diese Sehnsucht hat jeder, bewusst oder weniger bewusst. Wenn du zu diesem Ursprung zurückkommst und merkst: „Ja, das bin ich“, stellen sich positive Eigenschaften wie Dankbarkeit, Demut oder Mitgefühl ganz von alleine ein. Ich bin dankbar, weil ich merke, dass ich noch viel mehr bin als meine äußeren Bedeckungen. Ich werde demütig, weil mir klar wird, dass ich zwar die gleichen qualitativen Eigenschaften habe wie Gott, aber quantitativ bin ich ein kleiner Tropfen in einem riesigen Ozean. Und wenn ich die Liebe zu Gott wieder erwecke, dann liebe ich auch alle anderen Lebewesen und empfinde Mitgefühl für sie. Bhakti kann auch übersetzt werden als hingebungsvoller Dienst. Unsere Natur ist es, aus der Fülle des Herzens zu geben – zu lieben.

Aber was geschieht mit den Schatten?

Ich erfahre meine Anarthas, die unerwünschten Eigenschaften. Es ist kein Verbiegen oder Wegdrängen im Sinn von „Ich darf das nicht sein“, sondern es geht darum, ehrlich mit mir zu sein: So bin ich jetzt gerade, und das sind die Dinge, an denen ich noch arbeiten möchte. Das ist der Punkt, der die Sentimentalität rausnimmt. Indem ich in den Prozess einsteige und diesen vorgeschlagenen Sadhana (Anm. d. Red.: spiritueller Weg) annehme, wird automatisch der Fokus von den unerwünschten Eigenschaften genommen und ich identifiziere mich mehr mit den Qualitäten, die mich ausmachen.

Wo hat es dich denn gepackt? Wer warst du, als du mit Bhakti Yoga in Berührung kamst?

Ich hatte mein ganzes Leben schon einen Bezug zu Gott. Als Jugendliche bin ich in eine methodistische Gemeinde gegangen, dann habe ich eine Zeit lang alles Mögliche ausprobiert. Während meines Studiums traf ich dann auf einem Festival auf Bhakti-Yogis. Die Mantra-Meditation hat mich sofort gepackt. Das fehlende Puzzle-teil war nur noch die Philosophie. Plötzlich hab ich gemerkt: So vieles, was in meinem Leben bisher passiert ist, macht jetzt Sinn. Zwei Wochen später habe ich meinen Lehrer Radhanath Swami getroffen.

Radhanath Swami ist Teil der Hare-Krishna-Bewegung, die in den 1970ern im Westen sehr groß wurde, dann aber in etliche Skandale stürzte …

(Seufzt.) Ich glaube, dass jede Bewegung es zunächst einmal sehr schwer hat, die Prinzipien aus einem anderen Kulturkreis adaptieren und in die eigene Kultur integrieren will. Das war auch bei Hare Krishna oder der Iskcon (Anm. d. Red.: International Society for Krishna Consciousness) der Fall. Am Anfang war das alles nicht so natürlich, sondern vielleicht eher fanatisch und überhaupt nicht nachzuvollziehen. Was halte ich davon? Ich denke, dass es menschlich ist, dass Fehler passieren. Auch jemand, der diesem Pfad folgt, ist davon nicht sofort befreit.

Da war aber auch die Rede von Auftragsmord und Kindesmissbrauch …

Naja, nicht alles stimmt unbedingt, aber natürlich waren das Riesenskandale – nicht etwas, an dem man teilhaben möchte. Das war alles vor meiner Zeit und passierte noch in einem extrem geschlossenen System. Damals lebten viele Bhakti-Schüler als Mönche im Tempel, sie verteilten Bücher und sangen auf der Straße. Das gibt es noch, aber heutzutage leben 95 Prozent der Hare Krishnas ein ganz normales Leben. Sie arbeiten, haben Familie, gehen zu Festivals oder besuchen die Sonntagsfeste. Ich denke, das hat sich unter anderem so verlagert, weil die Philosophie angekommen ist.

Es ist interessant, dass du sagst, dass diese kulturelle Übersetzung eines Systems in eine andere Tradition ein Stolperstein ist. Wie viel Indien war für dich nötig, um eine wirksame Praxis zu finden?

Als ich nach meinem Studium vier Monate in Indien war, habe ich alles in mich aufgesogen, was zu dieser Kultur gehört: die Musik, die Instrumente, das Kochen, es war wunderbar. Aber ist es nötig? Ich glaube, es ergibt sich ganz natürlich, wenn man zu der Kultur einen Bezug hat. Man braucht es nicht. Ich finde es einfach schön, und für mich gehört es dazu.

Warum sollte sich ein moderner, aufgeklärter Europäer überhaupt einer so religiös geprägten Form von Yoga zuwenden, wie es diese spezielle Bhakti-Richtung ist?

Dazu habe ich ein Bild, das auch für das steht, was Bhakti Yoga mir persönlich bringt: Du gehst durch einen Urwald, es ist ganz abenteuerlich und es gibt unglaublich viel zu sehen. Dann kommst du auf den spirituellen Pfad und der führt zu einer Schlucht, über die eine hölzerne Hängebrücke geht. Unter dir siehst du den brausenden Fluss, die Brücke ist glitschig, aber da ist ein starkes Seil, an dem du dich festhalten kannst. Ich glaube, die Tendenz heutzutage ist: Warum soll ich da überhaupt rüber? Es ist alles super toll hier, wir können auch einfach nur baden gehen, ich muss mich nirgends festhalten, ich bin frei. Es wird nicht verstanden, dass das Seil keinen Zwang darstellt, sondern nur hier ist, um eine Hilfe zu geben, damit man an sein Ziel kommen kann. Ich habe mich für dieses Seil entschieden, also eine bestimmte Praxis angenommen, und daran halte ich fest, bis ich am Ziel angekommen bin. Trotzdem habe ich natürlich die freie Wahl. Die Praxis ist eine Hilfestellung, die einem eigentlich die Freiheit gibt. Du fällst hin, aber du kannst dich festhalten. Und ich bin so dankbar, dass ich dieses Seil habe …

Welche Rolle spielt dabei der Guru? Auch das wird ja im Westen sehr kritisch gesehen.

Wir wollen immer frei sein und denken, wir seien freier, wenn wir keine Regeln haben. Der Guru ist für mich wie jemand, der mich an der Hand nimmt und sagt: „Guck mal: Hier ist eine Straße und dort ist eine Ampel. Grün, das sind die Sachen, die dir helfen, an dein Ziel zu kommen. Und bei Rot bleibst du lieber stehen.“ Ich habe immer noch die freie Wahl, es zu machen oder nicht.

Kann man ab einem gewissen Grad der Hingabe an einen Guru überhaupt noch frei entscheiden? Kann man noch sagen, hier gehe ich nicht rüber, auch wenn er sagt: „Los, es ist grün!“

Natürlich hast du immer die Verantwortung für dich. Und bevor du deinem Guru über den Weg traust, lernst du ihn möglichst gut kennen. Du entscheidest dich nur für ihn, wenn du das Gefühl hast, er kann dich wo hin bringen – aber natürlich kann man sich da irren. In den Veden wird genau beschrieben, welche Qualitäten ein Guru haben sollte. Unter anderem würde er von sich selbst nicht sagen: Ich bin ein Guru, sondern einfach das weitergeben, was er von seinem eigenen Lehrer mitbekommen hat. Er sagt auch nicht: Du musst das und das tun. Es ist nicht Sinn der Sache, dass man seine eigenen Prozesse nicht selber durchmacht. Man soll aber einen Anhaltspunkt bekommen und das geht nicht, indem man nur Bücher liest. Ein Arzt kann auch nicht operieren, wenn er nur die Fachbücher gelesen hat. Er muss im Operationssaal gewesen sein und ein erfahrener Arzt muss es ihm vorgemacht haben. Das ist die Rolle des Guru: Er geht selber durch den Prozess.

Aber es gibt auch ganz andere Gurus …

Deswegen: Augen offen halten! Wenn du einen Guru haben willst, ist es ratsam, zu wissen, wie er sein soll, damit er dir hilft. Irgendwann merkst du, ob du jemandem vertrauen kannst. Ich habe das Gefühl, ich weiß, was ich tue. Ich vertraue nicht blind, denn es gibt genug Wissen, das ich als Back-up habe. Bhakti Yoga ist ein wissenschaftlicher Prozess. Du musst überhaupt nichts glauben, sondern kannst sofort experimentieren: Wie ist es, wenn ich Mantras mit der Mala chante, wie ist es, wenn ich mich in den Kirtan setze? Was macht das mit mir? Was bewirken die Schriften, wenn ich sie lese? Diese Erfahrungen waren für mich wirklich magic.


Titelbild: Stefanie Kissner

Marlene Ehrhardt ist in der Bhakti-Szene unter ihrem spirituellen Namen Madhavi bekannt. Sie arbeitet als Coach, unterrichtet Mantra und Harmonium, gibt Satsang und veranstaltet mit ihrem Mann Caitanya die Bhakti Conference. www.bhaktitree.de

 

Innere Freiheit ohne Abhängigkeit von Konsum

Innere Freiheit

Persönliche Sicherheit erwächst nicht aus Reichtum an Dingen, sondern durch innere Freiheit. Es ist also an der Zeit, nicht nur unser Konsumverhalten zu überdenken, sondern generell unser Verhältnis zu Dingen.

Vor einigen Jahren trat die britische Modedesignerin Vivienne Westwood plötzlich mit großen Buttons mit dem Kürzel „AR“ auf. Dies sollte „Active Resistance to Propaganda“ bedeuten. Es war ihr Aufruf zu Konsumverzicht. Dafür wurde sie ausgelacht. Denn die Anstecker waren selbst eine Ware und wurden schnell zum modischen Accessoire.

Selbst Konsumkritik wird Ware.

In Wirklichkeit hatte sie natürlich Recht. Es geht nicht mehr nur darum, mal kurz auf Konsum zu verzichten. Sondern man muss sich aktiv gegen die massive, allgegenwärtige Propaganda zu stemmen. Diese sagt uns: „Kauf weiter, mehr, mehr davon, etwas Neues, etwas Größeres …“ Interessant ist, wie Westwood sich das vorstellt. Sie empfiehlt nämlich keine laute Gegenpropaganda, sondern sie schickt ihre Studenten ins Museum. Dort sollen sie in aller Ruhe ein Bild aussuchen und beobachten.

Warum also nicht von der Punk-Diva lernen? Der aktive Widerstand, die Resistenz gegen besonders gegenüber der Konsumkultur besteht in einer inneren Unabhängigkeit. In einer stillen Autonomie im Denken und im Fühlen. Das Problem ist hier nicht nur, dass der Konsumismus eine ökologische Katastrophe nach der anderen produziert. Er sorgt auch für Entfremdung, Unselbstständigkeit, Verpflichtungen und ungewollte Bindungen, die wir uns mit Besitz einhandeln.

Konsumismus: bis ins Unendliche gesteigerte Konsumverhalten.

Die allermeisten Dinge, die mit denen wir uns umgeben, korrumpieren uns. Dinge sind nicht passiv. Denn sie machen, dass wir etwas machen. Sie fordern uns auf, uns zu ihnen zu verhalten. Und wir antworten den Dingen. Ein Smartphone dient nicht in erster Linie zum Telefonieren. Es beschäftigt uns, lenkt von wirklicher Kommunikation ab und macht abhängig vom ständigen Umgang mit ihm. Im Grunde macht es stumm.

Wir verbinden uns mit den Dingen. Und wir räumen ihnen Macht über uns ein. Diese Macht besteht darin, dass wir Zeit und Energie aufwenden, sie zu unterhalten. Dass wir wünschen, bestimmte Dinge zu besitzen. Oder fürchten, sie zu verlieren. Und bevor wir sie kaufen können, müssen wir oft viel Zeit in die Arbeit investieren, um das nötige Geld zu verdienen. All bringt uns alles andere als innere Freiheit.

Aus heutiger Sicht unvorstellbar ist die Erzählung T. K. V. Desikachars über seinen Vater Krishnamacharya. Dieser hatte in den 1930er-Jahren am indischen Hof in Mysore als Yogalehrer gearbeitet. „Einmal wollte ihm der Maharadscha ein Stück Land schenken. Doch mein Vater wies es zurück. Auch ein prächtiges Pferd traf eines Tages als Geschenk ein. Und wurde zurückgeschickt. Bei einer anderen Gelegenheit überreichte die Königin meinem Vater ein paar herrliche Juwelen. Er gab sie zurück. Er akzeptierte nur Geschenke in Form von Früchten, Gemüse und Blumen. Alle Dinge von größerem Wert hätten Abhängigkeit bedeutet. Er wollte keinen Verlust seiner Autonomie.“

Krishnamacharya wäre nicht nur vom Maharadscha abhängig geworden? So hätte er die Juwelen eventuell bewachen. Er hätte Angst vor Diebstahl haben müssen und vielleicht den Neid der Nachbarn geweckt. Zudem hätte das Pferd versorgt und geritten werden müssen. All das hätte ihn seiner Unabhängigkeit beraubt und von seinem Yogaweg abgelenkt.

Abhängigkeit von Dingen

Der englische Ethnologe Daniel Miller beleuchtet einen weiteren Aspekt. In fünfzehn Kurzporträts beschreibt er die Bewohner einer Londoner Straße, als ob er auf eine fremde Kultur blicken würde. Schnell wird deutlich, dass Dinge zu wichtigen persönlichen Bezugspunkten werden können. Sie trösten über Verluste hinweg, über innere Leere, Langeweile, Überdruss und Stress und Depression. Innere Freiheit ist dabei das Gegenteil.

Einen Ausweg aus der Misere hat Uruguays bewundernswerter Präsident José „Pepe“ Mujica für sich gefunden. Denn er betrachtet Smartphones als Elektromüll, fährt einen VW Käfer, spendet einen Großteil seines Gehalts. Zudem verbringt er sehr viel Zeit mit Büchern, Hühnern und einem dreibeinigen Hund auf einer kleinen Farm, die er seit 30 Jahren bewohnt (SZ, 25.3.14). Er gilt als der bescheidenste Staatschef der Welt. Sein Motto lautet: „Deshalb lebe so, wie du denkst. Sonst wirst du irgendwann so denken, wie du lebst.“


Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs sowie Restaurants und studiert Philosophie.

Titelbild via unsplash.com // Robson Hatsukami Morgan.

Fordere dich selbst und praktiziere Yoga

Trapezfliegen mit 85? Fallschirmspringen mit 90? Yoga und Argentinischer Tango sind ihre täglichen Begleiter. Phyllis Sues aus Los Angeles lebt ihr Leben – und zwar voller Neugier, Begeisterung und Fülle. Sie ist gerade 91 Jahre alt geworden.

 

Interview Diana Müller

Phyllis, am 4. April wurdest du 91! Wie hast du gefeiert?

Nach dem Aufwachen habe ich Yoga geübt, bin drei Minuten Springseil gehüpft, habe gefrühstückt und bin zum Yoga-Unterricht gegangen.

Dann habe ich für meinen Argentinischen Tango trainiert. Und später bin ich mit meinem Pudel Nicko gewandert. So wie jeden Tag! Es ist bloß eine andere Zahl und ein weiterer Tag auf einer faszinierenden Reise.

 

Was hat dich dazu bewegt, mit 85 Jahren deine erste Yogaklasse zu besuchen?

Ich brauchte mehr Kraft, Balance und Flexibilität für den Tango. Yoga war die Antwort.

 

Wer ist dein Yogalehrer? Und wo praktizierst du?
Ich hatte zwei Yogalehrer. Meine erste Yogastunde nahm ich bei Tara Judelle am YMCA in Hollywood. Sie stellte mir Anthony Benenati von City Yoga vor. Das ist nun sechs Jahre her – bei Anthony bin ich geblieben. Er ist mein Mentor.

 

Was bedeutet Yoga für dich?
Yoga ist für mich ein neuer Lebensweg geworden. Ich praktiziere, weil ich ein Leben mit Qualität leben möchte – und es schenkt mir inneren Frieden.

 

Hat dir Yoga bei deiner Arthritis und Osteoporose geholfen?
Arthritis und Osteoporose beeinträchtigen meine täglichen Aktivitäten überhaupt nicht, sie sind lediglich auf den Röntgenbildern zu sehen. Alle Yoga-Asanas übe ich schmerzfrei. Und in der Tat haben Yoga und Tango diese rheumatischen Erkrankungen verbessert. Viele Ältere sind von einer Wirbelsäulenverkrümmung betroffen. Mit Yoga könnten sie das ändern.

 

Was ist deine Lieblingshaltung?

Ich liebe Rückbeugen und den Kopfstand, aber der Pfau (Mayurasana) ist mein absoluter Liebling!

 

Du hast erstaunliche Energie mit 91! Was ist dein Geheimnis?
Diese Energie hatte ich schon immer. Es ist dieselbe, die auch meine Eltern hatten. Ich denke, es liegt teilweise in meinen Genen, aber noch wichtiger ist die Tatsache, dass ich liebe, was ich tue.

 

Was ist deine nächste Herausforderung im Yoga?
Ein freier Handstand! Ohne Wand, ohne jegliche Hilfestellung. Das ist es, was ich erreichen möchte.

 

Was ist dein Tipp für Yoga-Praktizierende?
Gib nicht auf, meistere die Hürden und tue es einfach! Es gibt eine Belohnung: Große Gesundheit und Freude!

 

Mit 85 wolltest du unbedingt auf dem Trapez fliegen. Was war der Auslöser?

Ich habe einen Artikel über einen 50-Jährigen am Trapez gelesen. Er sagte, es habe sein Leben verändert. Und während des Fluges sei er im Hier und Jetzt gewesen.

Genau das – im Hier zu sein – hat mich schon immer fasziniert; und so musste ich das Trapez einfach ausprobieren! Ich mag neue Herausforderungen.

 

Fallschirmspringen mit 90 – ein weiteres Highlight?
Du hast nicht gelebt, bis du nicht Fallschirm gesprungen bist! Nachdem sich der Schirm geöffnet hat, kommt eine unglaubliche, köstliche Stille und du vergisst, wer du bist. Du wirst vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben Eins mit dem Universum.

 

Was wird dein nächster Coup?
Es gibt kein „Nächstes“ – alles ist „Jetzt“. Ich möchte meine Reise weiterhin einfach lieben.

 

Was ist der Schlüssel zum Leben?
Der Schlüssel für mein Leben: Ich liebe, was ich tue. Nicht mehr und nicht weniger.

 


Phyllis Sues lebt in Los Angeles, USA. Mit 91 Jahren zählen tägliche Yogastunden, Argentinischer Tango, Seilspringen, Tennis, Trapez und Wandern zu ihren Aktivitäten. Sie spielt leidenschaftlich gerne Piano und komponierte 2009 sechs eigene Tangos, die sie als CD „Tango Insomnia“ veröffentlichte. Inspiriert dazu wurde sie durch ihre Tanzstunden mit ihrem Tango-Partner Felix Chavez (80). Außerdem bloggt sie für The Huffington Post.

www.phyllissues.com

Titelfoto: Cat Doran