„Zorbas bekommen wir schwer auf die Matte“ – Interview mit Ekaterini Labropulu

Vieles ist in Griechenland immer noch Männersache – Yoga nicht. Aus weiblicher Perspektive sehen manche Dinge anders aus: Yogalehrerin Ekaterini Labropulu blickt von Deutschland aus auf die Entwicklungen in ihrem Heimatland.

Interview mit Christina Raftery

Ekaterini, du unterrichtest Yoga in München. Wie sieht es mit Yoga in deiner griechischen Heimatstadt aus?

Obwohl meine Heimatstadt Larissa 180.000 Einwohner hat, ist Yoga noch nicht sehr bekannt, ich kenne kein reines Yogacenter. Die Stadt Larissa bietet Yogakurse an, allerdings nur für Frauen – was ohnehin meist der Fall ist. Der Grieche Zorbas ist leider noch nicht so weit, ihn bekommen wir nicht auf die Matte, und die Männer, die tatsächlich Yoga üben, sind junge Leute, die ein wenig erweiterten Horizont haben. Insgesamt gilt Yoga als exotisch, dazu kommt die Krise: Zuerst müssen Miete und Lebenshaltungskosten sicher gestellt werden, dann erst kommen Körper und Geist. Doch Yoga wird mittlerweile wahr genommen, und mein Sohn hat in Larissa sogar eine griechische Übersetzung der Bhagavad Gita entdeckt.

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Was sagt die griechisch-orthodoxe Kirche zu dieser Entwicklung?

Das ist ein heikles Thema. Neulich habe ich mit der Tochter einer langjährigen Freundin, die seit zwanzig Jahren als Nonne in einem Kloster in der Nähe von Athen lebt, telefoniert. Als sie hörte, dass ich Yogalehrerin geworden bin, sagte sie, ich zitiere: „Yoga ist eine Para-Religion. Sie wollen dich von Gott entfernen und sie sind Feinde der orthodoxen Kirche. Nach einem langem Disput über den Unterschied zwischen Religion und Philosophie kamen wir zum Glück zu der Einigung, dass nur ein Gott existiert.

Die orthodoxe Kirche polemisierte bis vor etwa drei Jahren in den Medien kräftig gegen Yoga. Dieses Neue und Unbekannte, das aus Fernost kommt, ist dem Patriarch äußerst suspekt. Es gab eine Zeit, in der der Pfarrer am Sonntag in der Kirche jedes Mal gepredigt hat, dass wir zusammen halten müssen und uns nicht vom Satan „Yoga“ verführen lassen dürfen. Durch die Krise ist das Thema „Yoga“ etwas in den Hintergrund getreten.

 

Du unterstützt unter anderem mit Sammlungen und Yoga-Events einen Kindergarten in Larissa, der von der Wirtschaftskrise stark betroffen ist. Welche Auswirkungen der Krise beobachtest du weiterhin generell und in deinem Bekanntenkreis? (Wie) kann Yoga hier helfen?

Weil die Eltern kein Geld mehr hatten, um ihre Kinder in eine private Einrichtung zu schicken, wurde dieser Kindergarten gegründet, der ausschließlich durch Spenden gefördert wird. Staatliche Kindergärten gibt es nicht! Eine befreundete Lehrerin sagte zu mir, sie könne in der Pause ihre Brote nicht mehr vor den Kindern essen, da diese nichts dabei hätten. Da habe ich eine Spendenaktion gestartet und den Erlös nach Griechenland geschickt.

Mein Land wird ärmer und ärmer. Trotzdem könnte Yoga helfen, unsere doch sehr materialistische Einstellung zu ändern. Yoga könnte helfen, den Weg nach innen zu finden.

 

Welche traditionellen griechischen Werte haben in deiner Biografie eine Rolle gespielt? Wie siehst du sie heute, auch aus yogischer Perspektive?

Ich komme aus einer patriarchalischen und tief religiösen Familie. Meine Eltern sind in der Türkei geboren und 1922 vertrieben worden. Meine Mutter hat mich mit 40 Jahren geboren, als neuntes und letztes Kind. Mein Vater hat mir schon früh zu verstehen gegeben, dass die Rolle einer Frau ist, Kinder auf die Welt zu bringen, dem Mann zu gehorchen und ihm den Haushalt zu führen. Deshalb musste ich mit vierzehn Jahren das Gymnasium abbrechen und heiraten. Mit fünfzehn habe ich meinen ersten Sohn bekommen. Mit sechzehn kam die Scheidung. Sechs Jahre später habe ich wieder geheiratet und mit 23 Jahren meinen zweiten Sohn auf die Welt gebracht. Mein Vater hat immer über mein Leben bestimmt, bis ich 1987 nach Deutschland ausgewandert bin.

Er hat mir Anstand, Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein, Disziplin, Mut, Gehorsam und griechisches Traditionsdenken eingeimpft. Meine Mutter, eine Analphabetin, hat mir sehr stark das Vertrauen in Gott, Respekt, Moral, Schamgefühl, Bescheidenheit, Demut, Mitgefühl, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft vermittelt. „Tue Gutes und lass es gut sein“: Pures Bhakti Yoga.

 

Wie verlief deine erste Begegnung mit Yoga?

Als ich 1999 in Berührung mit Yoga kam, war mein Schamgefühl sehr stark ausgeprägt. Ich fand, dass das Yoga-Outfit viel zu viel Haut zeigte. Das Umziehen in Umkleideräumen war gegen meine Moral. Meine größten Probleme hatte ich mit körperlicher Berührung bei Korrekturen durch den Lehrer – so etwas durfte nur mein Mann. Und dann die Anweisung „Öffne dein Herz“: Sie widersprach Mutters Theorie, dass der Mann dich vom Bauchnabel bis zur Fußzehe kennen darf und vom Bauchnabel bis zum Kopf nichts wissen muss. Die Inhalte von Herz und Seele dürfe ich für mich behalten… Damals habe ich sie ausgelacht, aber heute denke ich, dass dies nicht ganz verkehrt ist.

Wenn ich meine Werte heute aus der yogischen Sicht betrachte, ähneln sie den Yamas und Niyamas. An sich selbst zu arbeiten, ist der Schlüssel für eine gesunde Lebenseinstellung und gute zwischenmenschliche Beziehungen.

Ein langjähriger Prozess, der mich unaufhörlich das eine lehrt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“


Ekaterini Labropulu unterrichtet in München Jivamukti Yoga. 

Titelbild via unsplash.com // Margaret Barley

Kerzengerade: Der Schulterstand

Es gibt zwei Gruppen von Yogis: Die, die den Schulterstand lieben, und die, die ihn am liebsten aus dem Unterricht verbannen würden. Ob man die Haltung liebt oder verabscheut, hängt meistens davon ab, ob man mit dem Körper eine senkrechte Linie bilden kann. Ein stabiler Schulterstand ist einfach und fühlt sich gut an. Ein wackeliger, schiefer Schulterstand macht dagegen keinen Spaß, ist schwierig und vielleicht sogar schmerzhaft.

Mit den richtigen Hilfsmitteln fühlt sich ein korrekt ausgerichteter Schulterstand stabil und leicht an.

Verschiedene Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit man in dieser Haltung gerade und aufrecht stehen kann. Eine der wichtigsten ist, dass man die Arme hinter dem Rücken fest gegen den Boden drückt und dabei den Brustkorb geöffnet hält. Dafür müssen zwei Muskeln flexibel sein: der M. pectoralis major (Großer Brustmuskel) und der M. anterior deltoid (vorderer Deltamuskel). Das Dehnen dieser Muskeln – oder das Kompensieren der fehlenden Länge – kann die Qualen eines schlecht ausgerichteten in das gute Gefühl eines aufrechten Schulterstandes verwandeln.

Hochgestapelt

Damit sich der Körper im Schulterstand vertikal nach oben strecken kann, muss er durch das Skelett unterstützt werden. Das heißt, die Knochen müssen sauber übereinander stehen, um den Großteil des Gewichts zu tragen. Dann müssen die Muskeln kaum Arbeit leisten, außer kurzzeitig, um die Position der Knochen wieder zu korrigieren, falls sie sich in der Haltung leicht verschieben. Bauch und Brustkorb haben durch die entspannten Muskeln mehr Platz und eine freiere Atembewegung wird möglich. Zusammengefasst: Wenn es Ihnen möglich ist, das Skelett korrekt auszurichten, benötigt die Haltung minimale muskuläre Anstrengung und der Atmen fließt frei. Sie ermüden nicht so schnell und können für einen längeren Zeitraum in der Haltung bleiben. Die physiologische Wirkung der Asana entfaltet sich erst durch das längere Halten. Die Nacken- und obere Schultermuskulatur wird durch die starke Streckung entspannt, da die Nervenaktivität unterbrochen wird, die diesen Bereich sonst unter Anspannung hält. Die Umkehrhaltung stimuliert die Blutdrucksensoren im Nacken und oberen Brustkorb sowie die Reflexe, die das Gehirn beruhigen, das Herz langsamer schlagen lassen und die Blutgefäße entlasten.

Dagegen befinden sich in einem schlecht ausgerichteten Schulterstand die Schulterblätter, die Wirbelsäule, das Becken und die Beine nicht in einer senkrechten Linie. In diesem Fall bewirkt ihr Körpergewicht, das sich der ganze Körper in den Gelenken beugt: Aufgrund der Beugung in den Hüftgelenken hängen die Beine über dem Kopf. Durch die Neigung des Beckens krümmt sich die Wirbelsäule und die Brust sinkt ein. Um den Körper dennoch gegen die Schwerkraft nach oben zu ziehen, bedarf es einer starken Muskelanstrengung, vor allem in den M. erector spinae (Rückenstrecker) und den M. deltoideus posterior (hintere Deltamuskel) der Schultern. Wenn die Ausrichtung nicht stimmt, arbeiten diese Muskeln nicht nur zwischendurch, um die Stellung der Knochen zu korrigieren, sondern sind konstant angespannt, um gegen die Schwerkraft zu arbeiten. Und: Sie können sich noch so sehr anstrengen, der Brustkorb wird auf der Vorderseite teilweise zusammengedrückt und die Atmung ist erschwert. Hinzu kommt, dass sich Ihre Arme ohne die nötige Flexibilität im Brustkorb und in den Schultern wahrscheinlich vom Boden abheben. Der Körper fängt an zu wackeln und Sie müssen erst recht strukturelle Korrekturen vornehmen, indem sie die sowieso schon angespannten Rückenmuskeln noch stärker einsetzen müssen. Die Kombination aus angespannten Muskeln, Schwierigkeiten beim Atmen und permanenter Wachsamkeit verursacht schnell Ermüdung und oftmals auch stechende Schmerzen im Rücken oder in anderen Körperteilen.

 

Beugen und Strecken

Bisher haben wir den Fokus hauptsächlich auf die Arme, den Brustkorb und die Schultern gelegt. Ob man den Körper im Schulterstand vertikal ausrichten kann, hängt allerdings auch teilweise davon ab, wie flexibel die Nackenmuskulatur ist. Sind die Nackenmuskeln verkürzt, können Sie dies ausgleichen, indem Sie die Schultern auf einer gefalteten Decke ablegen und den Kopf auf der Erde platzieren. Dadurch muss sich der Nacken nicht so stark dehnen, um den Körper in eine senkrechte Position zu bringen. Ihre Fähigkeit, aufrecht im Schulterstand zu stehen, hängt nun stärker davon ab, wie weit Sie Ihre Schultern strecken können.

Um eine intensive Schulterdehnung zu erfahren, verschränken Sie im Stand Ihre Finger hinter dem Rücken und heben Sie Ihre Arme und den Brustkorb nach oben an, während Sie die Schultergelenke gleichzeitig nach hinten und unten rollen. Diese Bewegung der Arme nach hinten und oben führt zu einer Extension der Schulter. Je höher Sie Ihre Arme nach oben heben können, ohne dass dabei der Brustkorb oder die Schultern einsinken, desto größer ist die Chance, dass Sie eine angenehme vertikale Ausrichtung im Schulterstand erreichen. Wenn Sie genügend Bewegungsspielraum im Schulterbereich haben und diese Aktion auch im Schulterstand ausführen können – indem Sie die Rückseiten der Oberarme hinter sich fest in die Matte drücken – lastet Ihr Körpergewicht gleichmäßig auf beiden Schultern. Der Brustkorb wird nach vorne in eine geöffnete senkrechte Position gebracht.

Um in einen senkrechten Schulterstand zu kommen, müssen Brustkorb und Schultern beweglich genug sein, damit die Brust in eine aufrechte Position kommen kann. Gleichzeitig müssen die Ellenbogen und die Rückseite der Oberarme fest in den Boden direkt hinter den Schulterblättern drücken.

Ist diese Flexibilität erreicht, können Sie die Ellbogen beugen und die Handflächen an die hinteren Rippenbögen legen. Sie können das Gewicht Ihres Oberkörpers in den Händen ruhen lassen und von dort über die Unterarme und Ellbogen an die Erde abgeben. Wenn Sie Ihre Hände nahe genug zu den Schultern bringen, können Sie Ihre Unterarmknochen zwischen Ihren Rippen und dem Boden stabilisieren, wodurch eine Art Stützpfeiler für den oberen Rücken und die Brust entsteht. Der Großteil des Gewichts wird von den Rücken- und Schultermuskeln genommen. Gleichzeitig wird die vertikale Linie Ihres Knochengerüstes stabiler, indem es fest im Boden verankert wird. Diese Aktivität ist der Schlüssel für einen entspannten Schulterstand.

Für die Position der Arme müssen der M. pectoralis major (Großer Brustmuskel) und der vordere (anterior) Teil des M. deltoideus (Deltamuskel) flexibel sein. Der M. pectoralis major verbindet die Vorderseite des Oberarmes mit dem Schlüsselbein (Clavicula) und dem vorderen Teil des Brustkorbs (dem Brustbein, den Rippenknorpeln und dem Bindegewebe des oberen Bauches). Wenn sich der linke und rechte M. pectoralis major gleichzeitig zusammenziehen, bewegen Sie die Arme nach vorne (Flexion), vor dem Körper zueinander (Adduktion) und nach innen (Innenrotation). Sind diese Muskeln allerdings verkürzt, werden Sie im Schulterstand Ihre Arme hinter dem Rücken nicht vollständig strecken können. Entweder heben sich die Ellbogen von der Matte, wenn sich Ihr Brustkorb nach vorne bewegt, oder der Brustkorb sinkt ein, wenn sich die Ellbogen zum Boden bewegen. Durch die Adduktion und Innenrotation der großen Brustmuskeln rutschen die Ellbogen auseinander, so dass sie den Oberkörper nicht mehr von hinten stützen können.

Der vordere Teil des M. deltoideus verbindet den oberen äußeren Teil des Armes mit dem äußeren Bereich des Schlüsselbeins, ziemlich nahe der Verbindung zwischen Schlüsselbein und dem oberen Teil des Schulterblattes. Wenn sich der vordere Teil des Deltamuskels zusammenzieht, hebt er den Arm nach vorne (Flexion der Schulter). Ist er verkürzt, schränkt das die Fähigkeit ein, den Arm nach hinten zu strecken (Extension der Schulter). Im Schulterstand verhindern verkürzte M. deltoideus anterior, dass die Ellenbogen den Boden erreichen. Oder: Wenn Sie die Ellenbogen ganz bis auf Boden bringen, sinken die Spitzen der Schultern zur Brust.

 

Hilfsmittel

Die offensichtliche Lösung ist, die verkürzten Muskeln regelmäßig und allmählich stärker zu dehnen, bis die Oberarme in dieser Haltung den Boden direkt hinter dem Rücken erreichen. Zwischenzeitlich können Sie Hilfsmittel benutzen, um den Dehnungsprozess zu unterstützen und den Schulterstand nicht nur als erträglich, sondern sogar als angenehm zu erleben.

Um die Oberarme enger zusammen zu halten, können Sie einen Gurt verwenden, den Sie in einer Schlaufe direkt oberhalb der Ellbogen um die Arme legen (schlafen die Arme dabei ein, sollten Sie den Gurt etwas lockern oder ganz entfernen). Um die Oberarme zu erden, können Sie eine keilförmige Unterlage oder eine gefaltete Yogamatte unter ihre Ellenbogen legen.

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Praktisch umgesetzt

Bei verkürzten M. pectoralis und M. deltoideus anterior falten Sie vier Yogadecken wie folgt: Als erstes legen Sie jede Decke halb zusammen, indem sie die beiden kurzen Enden aufeinander legen. Dann falten Sie das entstandene Rechteck wieder in der Hälfte, so dass die beiden kurzen Enden aufeinander liegen. Zum Schluss falten Sie die Decken nochmal in der Hälfte – mit den beiden kurzen Enden zueinander. Jede Decke sollte nun eine lange, gefaltete Kante besitzen. Stapeln Sie nun die vier Decken mit den gefalteten Kanten sauber übereinander. Platzieren Sie den Stapel ungefähr 20 bis 30 Zentimeter vor einer Wand, so dass die gefalteten Kanten von der Wand weg zeigen.

Falls Sie eine keilförmige Unterlage haben, die lang genug ist, um beide Ellenbogen zu unterstützen, legen Sie diese auf die Seite der Decken, die zur Wand hin zeigt. Die höhere Seite liegt zur Wand hin. Besitzen Sie kein keilförmiges Hilfsmittel, falten Sie einfach eine Yogamatte mit den Enden zueinander und dann noch zweimal in der gleichen Weise, bis Sie ein langes schmales Rechteck haben. Platzieren Sie die gefaltete Matte auf der Seite der Decken, die näher an der Wand ist. Nehmen Sie nun einen Gurt und bilden Sie damit eine Schlaufe, die so weit wie der Abstand Ihrer Schultern ist (oder noch weiter, falls Ihre Schultern nicht flexibel sind).

Halten Sie den Gurt in einer Hand, legen Sie sich auf die Decken und strecken Sie die Beine an der Wand nach oben. Platzieren Sie Ihre Schultern etwa fünf Zentimeter von der gefalteten Kante der Decken weg auf dem Boden. Beugen Sie die Knie, drücken Sie die Füße in die Wand und heben Sie die Hüften.

Legen Sie nun die Schlinge des Gurtes um die Oberarme, direkt über den Ellbogen. Drehen Sie die Handflächen zur Decke und verhaken Sie die kleinen Finger (Sie können auch alle Finger ineinander verhaken). Strecken Sie Ihre Ellbogen, drehen Sie die Oberarme nach außen und drücken Sie die Rückseite Ihrer Oberarme in die Unterlage. Bewegen Sie die Hüften und den Brustkorb weiter von der Wand weg. Verlagern Sie Ihr Gewicht leicht und vorsichtig von einer Seite zur anderen und rollen Sie die Spitzen der Schultern nach hinten zur Wand, bis Sie direkt auf dem oberen Teil der Schultern stehen. Achten Sie darauf, dass Sie Ihren Nacken dabei nicht verletzen, indem Sie die Schultern zu schnell und zu weit in die Position bringen. Kommen die Schultern nicht gleich beim ersten Mal direkt unter den Körper, versuchen Sie es, so weit es geht. Nur die Basis des Nackens sollte auf den Decken liegen, der Rest verlängert sich über die Kante hinaus.

Lösen Sie Ihre verhakten Finger, beugen Sie die Ellenbogen und bringen Sie die Handflächen an Ihren Rücken (es ist wichtig, dass Ihre Hände am Rücken nicht rutschen, platzieren Sie sie deshalb unter Ihrem Shirt auf der Haut). Laufen Sie nun mit den Händen nach oben zu den Schulterblättern. Dann, ohne dass die Hände die Position verlassen, legen Sie sie flach an den Rücken und drücken Sie diesen nach vorne.

Wenn Sie bereit sind, nehmen Sie Ihre Beine langsam von der Wand. Aktivieren Sie die Beinmuskulatur, indem Sie die Muskeln zu den Knochen ziehen, um somit eine größere vertikale Stabilität zu schaffen. Seien Sie vorsichtig, dass Sie nicht das Gleichgewicht verlieren und fallen. Versuchen Sie, eine gerade Linie von den Schultern durch die Hüftgelenke bis zu den Fußgelenken zu schaffen. Bringen Sie den gesamten Körper so weit in die Senkrechte, bis Sie ein Gefühl der Leichtigkeit spüren und die Muskulatur des unteren Rückens und Bauches sich entspannt. Blicken Sie sanft zu Ihrem Brustkorb. Bleiben Sie so lange in der Haltung, wie es für Sie angenehm ist. Um wieder nach unten zu kommen, entfernen Sie als erstes den Gurt und bringen Sie anschließend Ihre Hüften zum Boden.

 

ACHTUNG:

Vermeiden Sie den Schulterstand während der Periode, bei Nackenverletzungen, Glaukom (Grüner Star) oder Bluthochdruck. Bei Schmerzen sollten Sie sofort aus der Haltung kommen und sich Rat bei einem erfahrenen Yoga-Lehrer holen.


Dr. Roger Cole (rogercoleyoga.com) ist zertifizierter Iyengar-Yogalehrer in Del Mar, Kalifornien, USA.

 

Crocodile Yogi

Lance Schulers Erscheinung ist das, was im Englischen als „weathered“ bezeichnet wird: Von den Wettern der Natur und des Lebens gezeichnet. Als Basis seines Unterrichts bezeichnet der Gründer von Inspya (Integrated South Pacific Yoga Academy) Yoga die Rückkehr zur (menschlichen) Natur. Im YOGA JOURNAL-Interview spricht der gebürtige Neuseeländer über Autorität, yogische Freiheit und Angsttherapie mit Schlangen.
 

Interview: Christina Raftery

YOGA JOURNAL: Lance, du bist auf einer Farm in Neuseeland aufgewachsen und lebst nahe des australischen Yoga-Mekkas Byron Bay. Deine Workshops und Teacher Trainings unterrichtest du aber weltweit. Ist modernes Yoga vor allem eine interkulturelle Praxis?

Lance Schuler: Für mich hat die Yoga-Praxis viel mit konstanter Veränderung zu tun. Ja,   ich unterrichte gerne innerhalb anderer Kulturkreise. In den letzten Jahren habe ich viel in China gearbeitet. Dort setzte ich den Fokus auf physische Stärke: Chinesische Schüler haben einen einfachen Zugang zu den Haltungen, finden aber oft wenig Stabilität. In Deutschland hingegen wird viel auf Kraft gesetzt, aber die Struktur der Positionen fällt schwer. In gewisser Weise müssen in China die Frauen ihre männliche Seite entdecken, in Deutschland die Männer ihre weibliche.

Welche Herausforderungen birgt das für dich als Lehrer? 

Überall unterschiedliche. Man muss die individuellen Stärken und Schwächen der jeweiligen Kultur erspüren, was hochinteressant ist. Aus dieser Individualität entsteht Unterstützung für eine viel größere Gemeinschaft.

Laut populärer Auffassung haben die Menschen in Asien einen ausgeprägten Zugang zur Spiritualität…

… was ich nicht unterschreiben kann. Besonders die Generation zwischen 20 und 35 hat das westliche Prinzip als Vorbild: Ununterbrochen kommunizieren, essen – all diese Projektionen nach außen. Vor allem in China merke ich, dass Yoga gebraucht wird, dass die Menschen eine spirituelle Praxis belebend finden. Oft halte ich meine Asana-Klassen dort in totaler Stille ab. Für viele ist Yoga die erste Gelegenheit iüberhaupt, in ihr Gefühlsleben einzutauchen – eine Gelegenheit, sich selbst zu entdecken. Meistens gefällt es ihnen sehr: Sie sind es nicht gewohnt, ihre Gedanken zu befreien. Das ist im Rahmen des chinesischen Staatssystems radikal.

Brauchen sie auf diesem Weg dennoch Autorität?

Ja, es ist Teil ihrer Kultur.

Im November unterrichtest du wieder in Deutschland. Wie sieht es hier aus?

Deutschland scheint immer noch stark von seiner Vergangenheit geprägt zu sein. Wir müssen allerdings in der Gegenwart leben und für die Zukunft Sorge tragen. Ob historisch oder individuell bedingt: Viele Menschen scheinen Schuld mit sich zu tragen, die sich in ihrem Körper und in den Asanas manifestiert. Ich versuche sie anzuleiten, sich gegen diese Haltung zu entscheiden. Wir müssen diese Dinge loswerden. Das sehe ich als zentralen Aspekt meines Unterrichts: Ich weiß alles über Physiologie, die integrale Struktur und Natur der Asanas. Aber letztlich nutze ich das Wissen als Werkzeug, um in die tieferen Schichten des Lebens einzusteigen. Ich wünsche mir eine Kultur der Liebe. Bhakti. Das ist meine Aufgabe und meine eigene Praxis.

Wie vermittelst du das in deinen Teacher Trainings?

Als Lehrer sollte man vor allem aufmerksam und präsent sein. Und seinen Plan aus dem Fenster werfen, sobald die Einheit einer Gruppe auseinanderfällt. Yoga-Unterricht ist eine kontinuierliche gegenseitige Übersetzung.

Welche Qualitäten braucht ein überzeugender Yoga-Lehrer?

Ein gewisses Maß an Charisma, das normalerweise aus der eigenen Erfahrung mit Yoga kommt. Formal braucht man eine fundierte Ausbildung, aber das Wichtigste ist Zeit auf der Matte und dem Meditationskissen. Man sollte geradezu rituell praktizieren und Yoga vor allem leben. Dann sieht man nicht nur den größeren, sondern vor allem den echten Zusammenhang, die wahre Natur der Dinge.

Auch seine eigene Natur? 

Ein weiteres Geschenk auf dem Weg, der sich nicht nur in Sprüngen auf der Yogamatte äußert. Bei der Entdeckung der eigenen Natur hilft die äußere Natur! Deshalb lebe ich auf 15 Hektar Land im australischen Busch, gemeinsam mit Schlangen und Alligatoren. Kürzlich habe ich eine kleine Kobra mit in meine Philosophie-Klasse genommen. Auf dem Weg hat sie sich aus meinem Griff gelöst und mir eine Art Peitschenschlag versetzt.

Oh.

Es war nur eine kleine, ungiftige Kobra. Ich habe sie trotzdem in den Unterricht mitgenommen, auf meinem inzwischen blutigen Arm. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit in ihrem Leben, ein solches Tier zu berühren.

Zu berühren?

Eine großartige Möglichkeit, Ängste zu lösen. Das ist meine Methode: Situationen kontrollierter Angst zu schaffen und die Menschen auf den Kopf zu stellen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Umkehrhaltungen arbeiten mit der gleichen Sorte Angst.

Eine interessante Pädagogik.

Sie kann dazu führen, dass Schüler im Laufe eines Teacher Trainings erkennen, dass sie gar nicht unterrichten wollen. Und regt mich immer wieder dazu an, meine eigene Auffassung des Lehrens zu hinterfragen. Was heißt Unterrichten eigentlich? Für mich eigentlich eher Anleiten, durch ein System führen. Den wahren Lehrer haben wir nämlich in uns. Es ist unser natürlicher Zustand, und ich möchte Schülern helfen, ihn wiederzufinden.

Trotzdem nimmst du als Lehrer oder Ausbilder eine Sonderrolle ein. Wie gehst du mit diesem Privileg um?

Ein wichtiger Teil der menschlichen Natur ist das Ego. Meine Herkunft hilft mir, meines nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Das Leben hat mir einige Rauheiten verpasst: Ich bin mit fünf Brüdern auf einer Farm aufgewachsen, manchmal frage ich mich, wie wir überlebt haben (lacht). Ich habe professionell Judo und Rugby betrieben, führte ein Riverrafting-Unternehmen, surfe und fliege mit dem Drachen. Ich habe gelernt, den Körper als wertvolles Instrument auf dem Weg zum Inneren zu benutzen. Meine erste Yogastunde fand in einer Kirche statt, gemeinsam mit sechs schweren Seniorinnen mit blauen und lila Haarsträhnen. Ihre Praxis war sehr inspirierend.

Deine Inspya-Methode kombiniert die Präzision des Iyengar mit dem Fluss des Vinyasa. 

So hat es sich im Laufe der Zeit entwickelt. Ich möchte das ganze Feld des Yoga abdecken und einen Weg zu physischer, intellektueller, emotionaler und spiritueller Stabilität unterrichten. Der Flow wiederum weckt die Lethargie des Körpers und verfeinert das zentrale Nervensystem und lässt es autonom arbeiten.

Wie stehst du zu Yoga als weltweitem Trend?  

Ich habe nichts gegen das „weltweit“. Bringen wir es in die Welt, um Heilung zu erreichen! Heilung, keine Erlösung – dazu taugt Yoga nicht. Es ist ebenso Freude wie harte Arbeit, manchmal durchaus Leiden. Wieso auch nicht? Wir sollten die Traditionen nicht vergessen, sonst haben wir irgendwann zahllose Stile beliebigen Disco-Yogas. Letztlich zählt, die Praxis in den Alltag zu bringen. Das Leben ist einfach eine größere Matte.

Crocodile


CrocodileYogi„Alchemie und Ekstase“: Unter diesem viel versprechenden Titel unterrichtet Lance Schuler vom 8. bis 12. November 2010 ein Intensivtraining im Yogaraum Hamburg (www.yogaraum-hamburg.de), wo er im Juni und Juli 2011 ebenfalls eine Yogalehrer-Ausbildung leiten wird. Am 15.11.2010 ist er für eine Masterclass zu Gast bei Cool Yoga Dortmund (www.coolyoga.de).

www.inspyayoga.com

Fotos: Jörg Küster

Montags-Mantra: Amma und die Liebe zur göttlichen Mutter

 

Amma Amma Taye
Akhilandeshwari Niye
Annapurneshwari Taye
Om Adi Parashakti Niye

 

„Oh Mutter, geliebte göttliche Mutter,

Göttin des Universums,

die du alle Wesen ernährst,

du bist die höchste Kraft.“

 

„Amma“ ist wie „Mama“ einer der ersten Wortlaute, den Kinder auf der ganzen Welt von sich geben. Wir öffnen und schließen den Mund, während wir einen A-Laut von uns geben – und meinen damit unsere Mutter. Ebenso öffnen und schließen wir den Mund, um Nahrung aufzunehmen. Dieses einfache Mantra, das als Bhajan (religiöses Volkslied im Hinduismus) bekannt geworden ist, nachdem es die indische Meisterin Amma gesungen hatte, drückt unsere Liebe zur göttlichen Mutter aus, die ohne Unterbrechung durch das Universum hindurch wirkt und die uns tagtäglich mit Nahrung versorgt. „Eshwari“ bedeutet „höchste Göttin“, die über das Universum („Akhilam“) herrscht. „Anna“ ist Sanskrit für „Nahrung“ und „Annapurna“ ist „die Nahrung spendende Göttin“.

Denkt daran, wenn ihr esst: Nahrung ist heilig. Durch das Essen nehmen wir die göttliche Energie auf, die uns am Leben hält. Drei gesungene „Oms“ vor dem Essen reichen aus, um uns auf die Schwingungsebene zu bringen, auf der wir bewusst essen.


Von Philipp Stegmüller; Titelbild via unsplash.com // Annie Spratt

Der Münchner Musiker leitet Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. (www.mantra-singing-circle.de)

Im Einklang mit Vernunft und Gefühl

Vernunft und Gefühl

Quer durch alle spirituellen Welterklärungsversuche finden sich ausgeklügelte Belohnungs- und Bestrafungssysteme. Rachsüchtige Götter, gutes und schlechtes Karma, verpatzte oder geglückte Wiedergeburten, ein jüngstes Gericht mit anschließendem Fegefeuer, der Hölle selbst oder ultimativ ewiges Leben im Paradies, Himmel oder Nirwana. Wie können wir da die Balance finden aus Vernunft und Gefühl?

All diese Systeme erheben den Anspruch, die Leute irgendwie zu gut zu machen. Oder zumindest zum Wohlverhalten zu bewegen, indem handfeste Vorteile versprochen werden. Im Grunde durch Bestechung. Wer nicht an Anreize dieser Art glaubt, hat das Problem, dass er die Forderung nach ethischem Verhalten anders begründen muss. Und was noch viel schwieriger ist. Man muss sich selbst und die anderen motivieren. Dazu, sich ethisch gut zu verhalten oder sich zu engagieren. Im Reich der egoistischen Nutzenmaximierer (homo oeconomicus) ist das kein banales Problem. Was bringt es mir für einen Vorteil, wenn ich mich für andere einsetze? Wenn ich teile oder auf etwas verzichte? Warum sollte ich das tun? Fragwürdig fürs Überleben.

Eigennutzen hinter dem Mitgefühl

Die Philosophie versucht, mit Vernunft für mehr Ethik zu werben. Konfuzius setzte bereits 550 v. Chr. auf die goldene Regel. Diese verwenden wir heute noch im Sprichwort. „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu“. Läuft diese Formel wieder auf eine egoistische Nutzenidee hinaus? Oder kann sie einen haltbaren Deal auf Gegenseitigkeit, also soziales Handeln, begründen und durchsetzen? Was ist, wenn ich den anderen gar nicht brauche?

Schauen wir in verschiedene Philosophien. Der Buddhismus fordert universelles Mitgefühl. Bekannt unter dem Namen Metta. Ein uneingeschränktes und bedingungsloses Mitgefühl muss aber erst einmal entwickelt und dann auch durchgehalten werden. Die Menschheit müsste kollektiv meditieren.

Immanuel Kant entwickelte daraus den berühmten kategorischen Imperativ. „Handle so, dass die Maxime deines eigenen Willens stets zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Kant war der Meinung, unmoralisches Verhalten mache schlicht unmündig und unfrei. Moral ist ein Gebot der Selbstachtung, von dem letztlich unsere Freiheit abhängt.

Dazu äußert sich auch Richard Rorty, ein zeitgenössischer amerikanischer Philosoph. Er lässt alle Hoffnung auf die Vernunft fahren. Er behauptet, einzig und allein rührselige Geschichten brächten uns Menschen dazu, Mitleid zu haben. Dazu braucht es nicht abstraktes Mitgefühl. Nur akutes Mitleid würde uns dazu bewegen, unser egoistisches Verhalten zu ändern und solidarisch zu handeln. Der Soziologe Jürgen Habermas gibt Rorty im Grunde Recht. Er ergänzt aber, dass die schwache Kraft der Vernunft stets der starken Kraft des gesetzten Rechts bedarf.

Wir sehen hier also mindestens vier Ansätze, die zu ethischem Verhalten führen könnten. Glaube, Vernunft, Gefühl oder Gesetz. Leider scheitern alle auf ihre Weise. Die Frage lautet also nach wie vor, wie eine freiwillige Motivation zu sozialer Verantwortung. Oder gar ein Engagement für Gerechtigkeit, erreicht und erhalten werden kann. Gibt es Konzepte, die über den engsten Freundeskreis hinaus wirksam sind? Die vielleicht sogar kommenden Generationen ein gutes Leben ermöglichen?

Mehr über Yogaphilosophie.

Feel each other!

Nun gibt es ja durchaus einige gelungene Aktivitäten, die zu einer besseren Welt beitragen. Die Sklavenbefreiung, diverse Bürgerrechtsbewegungen, Tierrechtsaktionen, der Kampf gegen die Apartheid oder die Durchsetzung von Frauenrechten. Um nur einige zu nennen. Aus yogischer Sicht weisen all diese Beispiele einige wesentliche Gemeinsamkeiten auf. Am Anfang stand immer die Ausweitung der eigenen Wahrnehmung auf die Situation und das Leid des Anderen, das „Sich-In-Andere-Hineinversetzen“. Es entstand eine Offenheit für Neues und Unerwartetes, die Bereitschaft zu lernen und zuzuhören. Das Interesse, sich zu entwickeln und sich selbst zu verändern. Die Kultivierung von Mitgefühl und persönlichem Mut, der Blick auf die Konsequenzen des eigenen, täglichen Verhaltens.

Stück für Stück verändert sich unsere Mentalität und unsere Art zu denken und zu fühlen. Daraus kann eine starke Handlungsmotivation erwachsen. Das ist sozusagen das kleine Einmaleins des Yoga. Doch es ist nur die halbe Miete. Nämlich die Antwort auf die Frage, weshalb wir handeln sollen.

Yoga zeigt den Weg.

Das „Wie?“ ist damit leider noch nicht geklärt. Wie Vernunft und Gefühl vereinen? Um gesellschaftlich wirksam zu sein, fehlt etwas, das nicht unbedingt in unseren Yogabüchern steht. Man muss gleichberechtigt diskutieren, sich vernetzen und informieren, Probleme intensiv studieren. Des Weiteren leidenschaftlich und fair für eine Sache streiten, sich dabei exponieren, Menschen rational überzeugen und Kompromisse aushandeln, Pluralismus und Demokratie verstehen. Außerdem offen sein für Kritik am eigenen Standpunkt, intelligent nachdenken, solidarisch sein und Verantwortung übernehmen.

Denkt man den Yogaweg konsequent zu Ende, könnte er eine gute Ausgangsposition schaffen. Durch die Sensibilisierung für Gewalt und Egoismus werden wir offen für Neues. Wir lernen auch die Möglichkeit, andere und anderes überhaupt zu „sehen“. Das wäre sozusagen das „Agenda Setting“, der Sprung über unsere Wahrnehmungsschwelle, das Abschütteln der eigenen Gleichgültigkeit, Faulheit und Feigheit. Danach muss (gemeinsam mit anderen) das rationale Nachdenken einsetzen, wie die Welt konkret besser werden kann. Das wäre in der Tat eine gelungene Verbindung von Vernunft und Gefühl. Oder wie B.K.S. Iyengar sagt: „Der Geist muss schwitzen wie der Körper“. Aus diesem Bündnis könnte gesellschaftlich engagiertes Handeln entstehen.


Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs sowie Restaurants und studiert Philosophie.

Foto von Yan Krukov von Pexels // Pablo Garcia Saldana

Lernen von den Göttern: Gefährlich leben

Arizona gefährlich Frau Grand Canyon
Foto von Jarod Lovekamp von Pexels

Bedingungslose Hingabe ist der Schlüssel zur Verwirklichung des Selbst. So lehren nicht nur die Schriften des Yoga, sondern alle Mystiker. Leichter gesagt, als getan? Das einzige Problem ist das Kino im Kopf.

Von Ralf Sturm

Es zieht sich durch alle spirituellen Traditionen. Hat man einen Weg gewählt, soll man ihm folgen. Ohne immer wieder hin- und her zu überlegen. Die Idee ist, das „Ego“ aufzulösen, indem man alle Bedenken beiseite schiebt. Denn Zuneigung und Abneigung, Raga und Dvesha sind wechselhaft und Ich-Bezogen, sie trennen uns vom Gefühl der Einheit. Egal für was man sich entschieden hat, einen Lehrer, eine bestimmte spirituelle Praxis, ein Mantra: Man bleibt dabei und geht durch Zeiten des Zweifels hindurch. Durch dieses Loslassen entsteht Ruhe im Geist. Und selbst wenn wir (noch) nicht nach einem so hohen Ideal wie der Selbstverwirklichung streben – „Ruhe im Geist“ hört sich zunächst ganz gut an. Aber was tun, wenn der eingeschlagene Weg auf einmal nicht mehr passend erscheint?

Ich hatte mich entschieden, auf das Göttliche zu vertrauen, in der Form von Shiva. Shivas Name bedeutet übersetzt: „Der Gutmütige“. Es liegt in seiner Natur, seinen Verehrern jeden Wunsch zu erfüllen. Manchmal setzen wir auch uns selbst große Ziele. Für Shiva wurde das schwierig, als eines Tages ein gerissener Dämon vor ihm stand und ihn um folgende Gunst bat: Alles, was er berühre, möge sich in Stein verwandeln. Shiva gewährte das selbstverständlich ohne Zögern. Doch plötzlich sah er sich einer existentiellen Bedrohung gegenüber. Denn der Dämon wollte die Herrschaft über das Universum an sich reissen und holte aus, Shiva selbst in Stein zu verwandeln. Shiva blieb nichts übrig, als erstmal die Beine in die Hand zu nehmen.

Wenn man sich große Dinge vornimmt, kommt man irgendwann fast unweigerlich an einen Punkt, wo sich die Frage nach dem Sinn des Durchhaltens stellt. Je mehr wir nach Perfektion streben, auf umso gefährlicheres Terrain begeben wir uns. Dieses Frühjahr habe ich darin eine besondere Lektion erfahren dürfen. Ein Freund empfahl mir einen Masseur, der „so richtig tief reingeht, um Spannungen zu lösen“. Wir Spirituellen sind ja gerne bereit etwas zu leiden, wenn es denn Besserung verspricht. Also ertrug ich die Qualen durch diesen Muskelmenschen unter großen Schmerzen. „Nicht mit dem Körper identifizieren“, sagte ich mir. Nur um eine Woche später vom Arzt diagnostiziert zu bekommen, dass der Kerl mir zwei Rippen gebrochen hatte. War ich in meiner bedingungslosen Hingabe zu weit gegangen?

Es ist ein Spannungsfeld, das jeder Mensch für sich selbst auflösen muss. Deshalb hat diese Geschichte auch keine „Moral“. Der Vollständigkeit halber: Shiva kam ein Freund zu Hilfe. Vishnu nahm die Gestalt einer schönen Tänzerin an. Der Dämon vergass sein eigentliches Ziel, wurde durch seine eigene Begierde ausgetrickst und verwandelte sich am Ende selber in Stein. Die Götter haben eben Humor. Shiva blieb Shiva. Er setzte sich nicht schmollend hin, und sagte: „Ab heute mach ich alles anders“. Shiva setzt seinen Weg unbeirrbar fort. Im Absoluten gibt es keinen Grund für Zweifel.

Unser Leiden beginnt hingegen oft, wenn wir auf der relativen Ebene zweifeln. Unsere Praxis scheint nirgendwohin zu führen, also wechseln wir das Yogastudio. Die Meditation bleibt immer noch unruhig – ein neues Mantra muss her. Ich selbst hatte mein Gottvertrauen nach der Diagnose für ein paar Tage verloren und lief mit schlechter Laune durchs Haus. Wenn sich der Verstand einmischt und sagt: „Es muss auf meine Weise geschehen“, sind wir aber im Clinch mit der Realität. Irgendwann merkte ich das und begann die Schmerzen als Einladung zur Auszeit zu akzeptieren. In der Zwangspause konte ich reflektieren, dass ich selbst oft ganz schön hart mit mir umgegangen war. Jetzt fühle ich mich ruhiger als vorher. Das soll nicht heissen, dass ich jedem empfehle, sich die Knochen brechen zu lassen. Aber es kann überraschend sein, was sich entwickelt, wenn man geduldig bleibt. Auch wenn die äußeren Umstände mal wieder nach Veränderung zu schreien scheinen. Manchmal merken wir dass es hilft Vertrauen zu haben, weil uns bereits eine größere Kraft führt, als wir oft selbst erkennen können. Hingabe ist ein großes Wagnis. Aber Sie entspannt viel mehr, als immer alles kontrollieren zu wollen.


Ralf Sturm

 

 

Nachhaltigkeit – Was heißt das eigentlich?

Um wirklich umweltfreundlich zu sein, muss man viel mehr tun als nur Müll zu recyclen oder im Bioladen Fair-Trade-Produkte zu kaufen. Tatsächlich bedeutet dies, sich mit der lebendigen Qualität aller Dinge um uns herum zu verbinden. Schließlich leben wir in der Umwelt und sie um uns. Man  muss sich fragen: Wo endet unser Körper eigentlich und wo beginnt die Natur? Wo endet unser Atem und wo beginnt die Luft? Wo ist die Grenze zwischen dem Wasser im eigenen Körper und jenem in Meeren und Flüssen?

Die Menschen vieler spirituellen Kulturen haben einen Sinn dafür, dass alle Dinge eine lebendige Essenz besitzen, dass sie mehr als nur Objekte sind. Wir im Westen genießen bei einem Spaziergang zwar die schönen Bäume, betrachten sie jedoch mehr von außen, als mit ihnen in Verbindung zu treten. Man kann seinen Blick für die Natur jedoch weiten: In meiner Kindheit lernte ich einen Sanskrit-Vers, den ich gleich nach dem Aufwachen sagte: „Oh Ozean-umhüllte, Berg-gekrönte göttliche Mutter, oh weibliche Gemahlin des himmlischen Gottes. Bitte vergib mir, dass ich mit meinen Füßen auf dir laufe.“

Beispiele für einen ehrfürchtigen Umgang mit der Natur findet man noch heute in Indien. Wer hier ein Haus bauen will, zeigt zunächst seine Ehrerbietung an die Erde, indem er ein spezielles Ritual vollführt. Erst nach der Bhumi Puja, bei der er um die Vergebung und Erlaubnis bittet, das Haus auf dem Rücken der Erde bauen zu dürfen, darf er den ersten Spatenstich tun. Bei einem anderen Brauch in den ländlichen Gegenden Indiens beten die Menschen zu den Baumgeistern und wünschen sich etwas von ihnen. Als Zeichen binden sie einen Faden um den Stamm. Ist der Wunsch erfüllt, kehrt der Bittsteller zurück, nimmt das Band ab und bringt eine Opfergabe dar. Auch in anderen Kulturkreisen ist die Verbindung zur Natur noch immer selbstverständlich.

Früher war die Idee, dass alle Dinge einen lebendigen Geist haben, auch in Europa eine anerkannte und praktizierte Weisheit. Ob Griechen, Römer, Kelten oder Druiden – alle fühlten es. Dann passierte etwas, dass den Sinn der Menschen dafür beinahe abschaltete. Dank dem modernen Luxus der Industrialisierung verhält sich die westliche Gesellschaft inzwischen sehr ablehnend gegenüber animistischen Glaubensvorstellungen, in denen man die Natur verehrt. Als in diesen Kulturen nur der Fluss statt das Göttliche in ihm verehrt würde! Dabei sehen sie das Göttliche in allem – im Fluss, in den Bäumen, in den Bergen. Sie sind eins mit der Natur.

Wir hören viel über nachhaltige Entwicklung, um die Natur zu erhalten. Ich glaube nicht daran. Woran ich aber glaube, ist Ehrerbietung. Ich glaube daran, die Natur nicht nur zu erhalten, weil man sie sich jetzt oder in einem Jahrhundert zunutze machen will. Nicht aufgrund geplanter Ausbeutung, sondern um ihres eigenen Wertes willen. Weil sie heilig ist. Wer durch den Wald spaziert und sich gegen einen Baum lehnt, nimmt an der allumfassenden Energie des Lebens teil. Diesen Baum zu fällen, hieße also, einen Teil von uns selbst abzuschneiden. Wenn man die Einheit aller Lebewesen spüren kann, wird deutlich spübar: Wir alle sind göttlich. Man kann es erfahren, wenn man am inneren Fluss sitzt, den stillen Wassern des eigenen Atems. Durch Meditation wird der Geist beginnen, sich zuerst selbst zu sehen – und schließlich den universellen Geist.


Der Autor und Meditationslehrer Swami Veda Bharati war Schüler von Swami Rama im Himalaya und leitet heute zwei Ashrams im nordindischen Rishikesh.

Angela Jung

Was verstehen wir genau unter Ayurveda?

Bioenergien-Körperenergien–Doshas: Vata-Pitta-Kapha in Einklang zu bringen, Körperfunktionen, Organsysteme, Wechselspiele im Körper und Geist und zwischen Körper und Geist zu veranschaulichen und in den Zusammenhang zu bringen.

Es geht darum, was im Körper passiert. Ein ganzheitliches Medizinsystem, das immer Multimodal arbeitet. Es kommen immer verschiedene Therapieelemente zusammen zum Einsatz und alle diese Ebenen der menschlichen Existenz werden immer gleichzeitig auch therapiert und angesprochen. Das ist letztendlich die Essenz des Ayurvedas.

Wo und wie kann Ayurveda hier im Westen unser Behandlungsspektrum erweitern? Dies stellt Angela Jung mit ihrer 19-jährigen Berufserfahrung in ihrem Ayurveda-Ausbildungs-Programm als Dozentin für ein modernes zeitgemäßes Ausbildungskonzept vor. Dabei zeigt sie sich natürlich, aufmerksam und interessiert am Gefühl und Puls der Zeit.