Mit Schuldgefühlen umgehen lernen

767

Schuldgefühle können auf vielfache Weise in Erscheinung treten. Allerdings sollten wir uns von keiner einzigen Version vereinnahmen lassen. Die Yoga-Philosophie hält einige Vorschläge für die Befreiung von Schuldgefühlen bereit.

Seit Jahren hatte Heather keinen Kontakt mehr zu einer ihrer Freundinnen aus Kindheitstagen – das Ergebnis eines Streits, aus dem beide wütend auseinander gegangen waren und nicht wieder zueinander gefunden hatten. Als sie jedoch hörte, dass ihre Freundin an Krebs erkrankt war, wusste sie, dass sie sich versöhnen musste, bevor ihre Freundin starb. Dennoch spürte sie immer noch einen Rest Unversöhnlichkeit in sich, der es ihr schwer machte, zum ­Hörer zu greifen und die Freundin anzurufen. Monate vergingen, in denen Heather den Anruf immer wieder hinaus schob. Als sie es endlich tat, lag ihre Freundin im Koma und konnte nicht mehr sprechen. Schuldgefühle überwältigten ­Heather. „Wie konnte ich meine Freundin nur sterben lassen, ohne mich zu verabschieden?“, fragte sie sich. „Das werde ich mir nie vergeben können.“

Ich glaube, dass viele von uns wie Heather schon zahllose Stunden damit verbracht haben, uns wieder und wieder einen Vorfall vor Augen zu rufen, der Schuldgefühle erzeugt. Schuld – sich schlecht fühlen, weil wir etwas getan haben, was nicht unseren Werten entspricht – ist ein urmenschliches Gefühl. Jeder fühlt sich hin und wieder schuldig. Doch bei einigen von uns sind Schuldgefühle stärker ausgeprägt als bei anderen – allerdings nicht unbedingt, weil ihre Taten gravierend schlimmer waren als bei anderen. Daher ist es wichtig, herauszufinden, was die Ursache unserer Schuldgefühle ist und welche Art von Schuld wir empfinden. Wenn wir den Grund unserer Schuldgefühle nachvollziehen können, ist es einfacher, nach Wegen zu suchen, um sie wieder loszuwerden. Das kann bedeuteten, dass wir etwas gutzumachen haben, uns durch die Schuld hindurch arbeiten sollten oder sie schlicht und ergreifend loslassen müssen.
Ich unterscheide drei Arten von Schuldgefühlen: 1. natürliche Schuldgefühle oder das Bedauern, etwas unterlassen zu haben; 2. frei schwebende oder „toxische“ Schuldgefühle – Betroffene haben das Gefühl, keine guten Menschen zu sein; und 3. existenzielle Schuldgefühle – das negative Gefühl, dass sich einstellt, wenn wir die Ungerechtigkeit in der Welt und unsere eigenen unerfüllten Verpflichtungen gegenüber dem Leben selbst ­erkennen.

Natürliche Schuldgefühle
Nehmen wir einmal an, dass Sie sich unmittelbar und spezifisch schuldig fühlen. Beispielsweise, weil Sie eine Schramme in den geliehenen Wagen eines Freundes gefahren haben, oder ihrem Lebensgefährten nicht die Wahrheit darüber erzählten, wo sie die letzte Nacht verbracht haben. So etwas nenne ich „natürliche“ Schuldgefühle. Dass Sie an natürlichen Schuldgefühlen leiden, erkennen Sie daran, dass es unmittelbar passiert: Diese Gefühle stehen in Verbindung mit unserem aktuellen Handeln. Natürliche Schuldgefühle können schrecklich schmerzhaft sein, besonders dann, wenn dabei ernsthafter Schaden entstanden ist. Aber auch wenn das, was wir getan haben, wirklich schlimm gewesen ist, sind die unmittelbaren Schuldgefühle reparabel. Es gibt die Möglichkeit der Wiedergutmachung. Sie können um Vergebung bitten, ihre Schuld begleichen und beschließen, ihr Verhalten zu ändern. Wer die Dinge wieder in Ordnung bringt, hat die Chance, das Schuldgefühl aufzulösen. Sollte das nicht der Fall sein, wird der Abschnitt über die so genannte „toxische“ Schuld wichtig.

Die natürliche Schuld hat eine zweckmäßige Funktion und scheint fest verdrahtet mit unserem Nervensystem zu sein. Sie ist wie eine innere Alarmglocke, die uns hilft, unethisches Verhalten zu erkennen und den Kurs zu ändern. Es sind die natürlichen Schuldgefühle, die uns vernachlässigte Freunde anrufen lassen oder unsere Telefonnummer an die Windschutzscheibe des Wagen zu klemmen, dessen Kotflügel wir gerammt haben. Einige Sozialwissenschaftler sind der Meinung, dass die natürlichen Schuldgefühle unsere Fähigkeit widerspiegeln, Empathie für leidende Wesen zu empfinden. Diese Gefühle sind ein Grund dafür, warum wir soziale Sicherheitsnetze haben und sich Menschen für soziale Gerechtigkeit einsetzen.

Wenn wir eine gesunde Beziehung zu unserer persönlichen Schuld haben, müssen wir uns nicht den Kopf über Schuldgefühle zerbrechen. Stattdessen nutzen wir sie als Signale, um ­unser Verhalten zu ändern. Ihr schlechtes Gewissen darüber, Ihre Freundin nicht angerufen zu haben, bewältigen Sie dadurch, dass Sie sie anrufen. Sie haben Schuldgefühle, weil Sie zu viel Geld ausgeben? Dann halten Sie sich einfach mit Ausgaben zurück. Rührt Ihr Schuldgefühl daher, dass Sie ihre Rolle im kollektiven Fehlverhalten erkennen – beispielsweise Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder anderen Formen von Unterdrückung – so suchen Sie nach Möglichkeiten für Veränderungen. Und basieren Ihre Schuldgefühle auf einem Umstand, an dem Sie nichts weiter ändern können – beispielsweise als berufstätige Mutter, die ihr Kind nicht jeden Tag von der Schule abholen kann – üben Sie sich in Nachsicht gegenüber sich selbst.

Trotzdem hat die natürliche Schuld ihre Schattenseiten. Oft wird sie nämlich als Kontrollinstanz oder Manipulationsmittel missbraucht, sei es von Eltern, in der Partnerschaft oder der Gesellschaft, in Religionen, spirituellen Gemeinschaften und jeder anderen Community inklusive Yoga-Kreisen. Haben Sie sich jemals peinlich berührt gefühlt, als Sie von ihrem veganen Freund beim Lachsessen „erwischt“ wurden?

Tatsächlich kann sich ein fehlgeleitetes natürliches Schuldgefühl – etwa wenn die Reaktion darauf zu streng ausgefallen ist oder es als Kontrollwaffe benutzt wurde – schnell zu einem toxischen Schuldgefühl entwickeln. Tritt dieser Fall ein, so findet man sich in einem andauernden Zustand minderwertigen Leidens wieder. Genau das würde ich als „giftig“ bezeichnen: das durchdringende Gefühl, „nicht richtig“ oder voller Fehler und Makel zu sein.

Toxische Schuldgefühle
„Toxische“ Schuldgefühle setzen ein, wenn sich die natürlichen Empfindungen nicht lösen, sondern festsetzen. Sie manifestieren sich als nagendes Gefühl einer durchdringenden, aber nicht weiter greifbaren Schlechtigkeit, als wäre unser ganzes Leben irgendwie falsch. Diese unbestimmten Schuldgefühle sind am schwersten greifbar, da sie auf verborgenen Verhaltensmustern oder Samskaras [Anm. d. Red.: Überreste von Verhaltensweisen und Neigungen aus früheren Leben] beruhen, die sich in unserem Unterbewusstsein eingenistet haben. Wie können wir uns selbst vergeben, wenn wir gar nicht wissen, was wir eigentlich verbrochen haben – oder wenn wir glauben, dass das, was wir getan haben, nicht wieder gutzumachen ist?

In gewisser Weise ist diese Art von Schuld ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der jüdisch-christlichen Kultur, ein Überbleibsel der Lehre von der Erbsünde. Yogische Schriften wie die Bhagavad Gita oder die Yoga-Sutren kennen keine nichtspezifische Schuld, doch sie erzählen uns einiges über Sünde, Karma und wie man Übertretungen vermeidet oder mit diesen umgeht. Auch wenn die meisten traditionellen Schriften toxische Schuld nicht zu den Hindernissen auf dem Yogaweg zählen, bietet die yogische Lehre dennoch Orientierung in dieser Frage.

Nicht nur wegen des Schmerzes, den die toxischen Schuld­gefühle verursachen, müssen wir diese angehen. Auch, weil sich angestaute Schuldgefühle auftürmen und sich an die Fersen jedes noch so unbedeutenden Fehlers heften. Nehmen wir diesen Prozess nicht in Angriff, ist die Konsequenz eine negative Selbstbetrachtung, die nicht im Verhältnis zu dem steht, was wir getan haben.

Die meisten erleben toxische Schuldgefühle auf zweierlei Weise. Einmal können diese einfach da sein, wie ein Beigeschmack unserer Persönlichkeit, ein unangenehmes Gefühl, dass sich in bestimmten Augenblicken bemerkbar macht und bewirkt, dass wir uns schlecht oder wertlos fühlen. Weiterhin können diese Schuldgefühle von außerhalb ausgelöst werden, beispielsweise durch einen Fehler, den wir gemacht haben, oder Misstrauen, dass uns entgegengebracht wurde. Bei denjenigen, die toxische Schuldgefühle mit sich schleppen, reicht der kleinste Anlass, um sie zu aktivieren: ein Fehltritt im Büro, ein Streit mit dem Partner oder ein Anruf der Mutter. Im Extremfall fühlen sich diese Menschen, als würden sie auf Eierschalen gehen, ständig in der Sorge, etwas zu tun, was ihre innere Schlechtigkeit ans Tageslicht bringt. Daher ist es wichtig, dass wir lernen, toxische Schuldgefühle zu erkennen, damit wir uns nicht mehr von ihnen steuern lassen.

Die Wurzeln der Schuldgefühle
Toxische Schuldgefühle haben ihre Wurzeln oft in der frühen Kindheit: ein Fehlverhalten beispielsweise, das von Eltern oder Lehrern unnötig negativ überhöht wurde. Auch unsere religiöse Sozialisation (besonders, wenn die Erbsünde darin ein wichtiger Bestandteil war) kann uns mit Schuldgefühlen belegen, die keine wirkliche Basis haben. Wer an Wiedergeburt glaubt – also die Vorstellung, dass unsere augenblickliche Situation das Ergebnis unserer früheren Leben ist – betrachtet toxische Schuldgefühle als einen karmischen Überrest seines Handelns in seinen Vorleben. Ein alter Text aus dem tibetischen Yoga, das „Rad der scharfen Waffen“, geht beispielsweise auf vergangene Verfehlungen ein, aus denen die heutigen Probleme entstanden sind, und zeigt Wege auf, diese Probleme anzugehen. Viele der reinigenden Yogapraktiken, besonders tägliches Chanten und das Rezitieren von Mantren, selbstloses Dienen (Karma Yoga) und die Spende, werden als Heilmittel für diese Schuldgefühle betrachtet.

Es steht außer Frage, dass toxische Schuldgefühle auch aus einer wachsenden Ansammlung eines spezifischen, ungelösten Schmerzes entstehen können, den wir in diesem Leben verursacht haben. Wenn sich schmerzliche Augenblicke des Selbstbetrugs häufen, wir einen oder zwei unserer Partner betrogen haben, sogar wenn wir regelmäßige Anrufe bei unseren Eltern vernachlässigen oder nicht auf ausreichend Bewegung achten, können sich schon diffuse Schuldgefühle bilden.

Hierfür entwickeln alle, die sich ernsthaft mit Yoga beschäftigen, ein besonders sensibles Bewusstsein. Wenn wir einmal damit begonnen haben, uns den ethischen Standards des spirituellen Wegs verpflichtet zu fühlen, wird es schwieriger, unsensibel oder verletzend zu reagieren. Gleichzeitig gibt es vielleicht noch alte Verhaltensmuster, die uns rücksichtslos und unbewusst handeln lassen. Trotz der guten Absichten tun wir daher manchmal Dinge, von denen wir genau wissen, dass sie uns oder anderen Menschen nicht gut tun – und fühlen uns schuldig.
Wenn wir aber gewillt sind, genau hinzusehen, werden wir vermutlich feststellen, dass unsere toxischen Schuldgefühle kaum auf konkrete Handlungen zurückzuführen sind. Paradoxerweise macht genau dies die Gefühle toxisch. Wer an diesen Empfindungen leidet, für den wird jede aktuelle Verfehlung durch das Gewicht der angestauten Schuldgefühle so beängstigend erdrückend, dass sich angesichts dieser Masse an negativen ­Emotionen eine regelrechte Lähmung einstellt.

Existenzielle Schuldgefühle
Unsere Schuldgefühle können auch sozialer oder politischer ­Natur sein. Das ist das Schuldgefühl, das wir spüren, wenn wir Bilder von eingesperrten Tieren sehen, über Hungerkatastrophen lesen oder erkennen, wie privilegiert unser Leben im Vergleich zu anderen ist. Ich nenne dies „existenzielle“ Schuld. Diese fühlt sich sehr real an und macht sogar Sinn. Warum? Weil es tatsächlich nicht möglich ist, auf diesem Planeten zu leben, ohne dass wir dabei nicht einen negativen Einfluss auf das Leben anderer nehmen. Oft bedeutet es, dass uns zwar Ressourcen für unseren Lebensstil selbstverständlich zur Verfügung stehen, andere aber keinen Zugang zu den gleichen Ressourcen haben.

Vor Jahren gestand eine attraktive, wohlhabende Frau einem meiner Lehrer, dass sie unter extremen Schuldgefühlen und Depressionen litt. Mein Lehrer ging darauf ein, indem er fragte: „Was haben Sie für dieses Leben getan? Haben Sie jemals einen Bagel an einen Baum gehängt und sind davongegangen?“ Diese zunächst kryptische, dann sehr einleuchtende Bemerkung meines Lehrers ist mir jahrelang im Gedächtnis geblieben. Der Schuldkomplex dieser Frau war teilweise existenziell – und existentielle Schuldgefühle können nur durch bedingungslose Angebote an das Leben geheilt werden. Wie diese Frau leben die meisten Menschen, die dieses Magazin lesen, in privilegierten Verhältnissen und nutzen Ressourcen, die 95 Prozent der Menschen auf diesem Planeten nicht zur Verfügung stehen. Es ist daher einfach nachzuvollziehen, warum jemand eventuell die Last der existenziellen Schuld spürt.

Die vedischen Gelehrten, deren Weisheit die Wurzel aller yogischen Traditionen bildet, formulierten, dass wir bestimmte Grundschulden haben – unseren Vorfahren gegenüber, der Erde, unseren Lehrern, Gott und jedem, der uns geholfen hat. Wenn wir diese „Schulden“ nicht zurückzahlen, dann leiden wir an existenziellen Schuldgefühlen. Die moderne liberale ­Gesellschaft mit ihrem intensiven Individualismus, ­zerbrochenen Familienstrukturen und einer konsumorientierten Haltung bezüglich Spiritualität lädt solche existenziellen Schuldgefühle geradezu ein. Der einfache Grund dafür ist, dass viele von uns keine respektvolle Grundhaltung gegenüber dem Leben und den Bedürfnissen aller Lebewesen mit auf den Weg bekommen haben. Darunter fallen nicht nur Umweltschutz und positiver Aktivismus, sondern auch „Herzenspraktiken“ wie das Teilen unserer Zeit und unserer Ressourcen. Jede Geste des Respekts für jene, die uns geholfen haben und die unsere Hilfe ­benötigen, lindert unsere existenzielle Schuld. Das war es, was meine ­Lehrerin gemeint hat, als sie der Frau antwortete. Sie fragte: „Hast du jemals etwas gegeben, ohne dabei eine Gegenleistung zu erwarten?“

Achtung: Es wird noch komplizierter. Wenn unsere toxischen Schuldgefühle sich mit unseren existenziellen mischen, leiden wir oft an einem Gefühl, für jedermanns Leid verantwortlich zu sein. Meine Freundin Ellen ist solch ein Beispiel. Ihre Mutter war eine jähzornige Frau, die ihren Ärger immer an Ellens Schwester ausließ. Ellen hatte tiefes Mitgefühl für ihre Schwester, doch fühlte sie sich machtlos, ihre Mutter davon abzuhalten, die Schwester zum Sündenbock zu machen. Ihre Hilflosigkeit und ihr Frust wandelten sich in ein überwältigendes Gefühl, für jeglichen Schmerz in der Welt verantwortlich zu sein – vergleichbar mit den Schuldgefühlen eines Überlebenden. Ellen hatte ein Ohr für Freunde in Problemsituationen und überforderte sich an ihrer selbst gestellten Aufgabe, jeden, der ihr über den Weg lief, zu retten. Um den Unterschied zwischen ehrlichem Mitgefühl und unnützer Selbstaufopferung zu lernen, musste Ellen anfangen, sich ihre Schuldgefühle genau anzusehen. Sie musste sich fragen, ob es eine aktuell motivierte Empfindung war, ihr Schmerz aus der Vergangenheit resultierte oder auf Umständen basierte, die sie nicht weiter beeinflussen konnte. Im Zuge dieses Prozesses wurde ihr Einsatz, anderen zu helfen, ein ganzes Stück effektiver. Wie Ellen sind wir oft verwirrt darüber, welche Art von Schuldgefühlen wir gerade empfinden. Sind wir in der Lage, ein schmerzhaftes Gefühl als Schuldgefühl zu identifizieren und den Typ zu klassifizieren, so wird es einfacher, damit zu arbeiten. Einige Schuldgefühle benötigen keine wiedergutmachenden Maßnahmen, sie weisen uns einfach auf das Versäumnis hin, nicht das Beste aus unserem Leben machen. Andere Schuldgefühle hingegen lässt man einfach ziehen.

Die radikale Lösung
Und genau hier greift die Yoga-Philosophie und bietet uns eines ihrer wertvollsten Geschenke. Sie hält viele Wege für die ­Heilung von Schuldgefühlen bereit, darunter als wunderbarstes Mittel die kompromisslose Akzeptanz, dass wir in unserer ­Essenz gut sind.
Besonders die tantrischen Traditionen sind dafür bekannt, die Welt aus einer Perspektive zu sehen, die alles Leben als ­fundamental göttlich betrachtet. Unsere Einstellung zur Schuld wird sich entscheidend ändern, wenn wir in diesem Sinne den Blick von unseren Fehlern abwenden und uns unserer tiefer ­liegenden Perfektion nähern – statt davon auszugehen, dass das menschliche Wesen mangelhaft ist.

Mein Lehrer Swami Muktananda pflegte eine Geschichte zu erzählen, die meiner Meinung nach klar den Unterschied zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen aufzeigt. Einst gab es zwei Klöster, jedes nah an einer großen Stadt gelegen. In dem einen Kloster erzählte man den Schülern, dass die Menschen Sünder seien und dass nur äußerste Wachsamkeit und Buße die Schüler von sündigen Taten abhalten könnten. In dem anderen Kloster wurden die Schüler dazu ermutigt, daran zu glauben, dass sie von Natur aus gut waren, und ihrem Herz zu vertrauen. Eines Tages entschied sich in beiden Klöstern jeweils ein junger Mann dafür, dass Klosterleben für eine Weile aufzugeben. Heimlich entwischten die beiden Jungen aus dem Fenster des Schlafsaals, fuhren per Anhalter in die nächste Stadt, fanden eine Party und verbrachten die Nacht mit einer Prostituierten. Am nächsten Morgen überkamen den Jungen aus dem Kloster, in dem die Sünde gepredigt wurde, schreckliche Schuldgefühle. Er dachte: „Ich bin unwiederbringlich vom Weg abgekommen. Es macht keinen Sinn, zurückzugehen.“ So ging er nicht zurück in sein Kloster und schloss sich bald darauf einer Straßengang an. Der zweite wachte ebenfalls mit einem Kater auf. Doch seine Reaktion auf die Vorfälle der letzten Nacht war anders. „Das war nicht so befriedigend, wie ich es mir ausgemalt hatte“, dachte er. „Ich glaube nicht, dass ich das irgendwann einmal wieder tun werde.“ Dann machte er sich auf den Weg zurück in sein Kloster, stieg wieder durch das Fenster ein und wurde dafür ermahnt, sich in besagter Nacht herausgeschlichen zu haben.

Wenn wir glauben, Sünder zu sein, so kann uns nur ein einziger unbedeutender Fehltritt in eine Spirale selbstzerstörerischen Verhaltens katapultieren, so die Meinung meiner Lehrerin. Wenn wir aber – wie es die Yoga-Gelehrten unterrichten – ­wissen, dass wir von unserem Wesen her göttlich sind, allesamt Buddhas, wird es wesentlich leichter, uns unsere schlechten und ungeschickten Taten zu vergeben und sie loslassen zu können. Der wichtigste Effekt jedoch ist, dass es uns leichter fällt, unser Verhalten zu ändern.

Foto: Luis Carlos Torres, istock.com