Im Yoga sind doch alle gleich?! Oder?

Woran denkst du beim Thema Yoga? Wohl kaum noch an einen indischen Mann im Meditationssitz. Vielleicht eher an eine weiße schlanke Frau im Handstand? Sind wir im Yoga alle gleich? Nein, sagt unsere Autorin und überlegt, was wir dagegen tun können.

Seit George Floyd von Polizisten ermordet wurde, wird auf der ganzen Welt gegen Rassismus protestiert. Gegen rassistische Familienmitglieder, Kollegen oder Freunde halten? Versteht sich von selbst. Aber was ist mit anderen Bereichen des Lebens, wie etwa der eigenen Yogapraxis. Moment mal: Aber in Sachen Yoga ist doch alles ok, oder?! Immerhin verbessert Yoga die psychische und physische Gesundheit. Und außerdem gibt es Ahimsa, das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Im Yoga sind wir doch alle gleich, oder?

Die Flucht aus der Realität

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Practise what you preach! Ahimsa nicht nur als Wort verwenden, sondern leben. Das bedeutet: Yogis müssen sich auch mit “weltlichen” Problemen beschäftigen, die “negative Vibes” aussenden könnten. Zur menschlichen Erfahrung gehören auch Politik und (spiritueller) Aktivismus. Es geht im Leben um die Balance zwischen menschlichen/körperlichen und geistigen/spirituellen Erfahrungen. Es gibt einen Grund, warum wir mit Körper und Seele geboren werden. Denn es genügt nicht, wenn du in anderen Menschen nur schöne Seelen siehst. Du musst der Realität ins Auge sehen: Da wir in einem System mit strukturellem Rassismus leben, werden BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) Aufstiegschancen erschwert oder ganz verweigert. Das Praktizieren von Yoga im Studio erfordert aber ein bestimmtes ökonomisches Kapital. Das Gleiche gilt für Yogalehrer_Innen-Ausbildungen. Auch im Yoga gibt es Diskriminierung.

Ist Yoga wirklich für alle da?

“Yoga ist so vielfältig heutzutage, da ist schon für jede/n etwas dabei, egal ob sportlich oder spirituell.” Aber was ist die gelebte Realität? Ja, es gibt Angebote für Kurvige, Senioren und Kinder. Diese sind aber leider immer noch die Ausnahme. Das durchschnittliche Yoga-Publikum ist zwischen 20 und 40 und körperlich fit. Ich habe erfolgreiche Inklusion beobachtet, als eine sehbehinderte Person an einer Yin-Stunde teilnahm. Jessamyn Stanley beispielsweise versucht das Bild eine Yogis ganz zu verändern. Allerdings habe ich auch negative Beispiele erlebt: Eine kurvige Frau erzählte mir nach einer Yogastunde, dass sie über ein halbes Jahr teure Einzelstunden in Anspruch nehmen musste, bis sie sich in eine Anfängerstunde traute. Das Geschlechterverhältnis im Yoga ist noch ein ganz anderes Kapitel. Die zentrale Frage ist: Wer ist nicht in der Yogastunde? Und wie können wir das ändern.

Was du für mehr Gleichheit tun kannst

Kommen wir zu der Frage, die ich mir schon die ganze Zeit stelle: Kann man überhaupt kulturell sensibel oder anti-rassistisch Yoga praktizieren? Hier kommen erste Ansätze.

Informiere dich und respektiere! Du muss dich selbst über deine Privilegien informieren, deine eigenen Vorurteile hinterfragen und mit deiner Yoga Community darüber sprechen. Auch wenn es weh tut, kannst du die Ungleichheit nicht mehr ausblenden. Informiere dich nicht nur über Asanas, sondern über den ganzen achtgliedrigen Yogaweg. Dazu zählen auch Yamas und Niyamas. Sei respektvoll, dankbar und demütig für die Wurzeln von Yoga. Kenne die Linie von Lehrer_Innen, die vor dir kamen. Und respektiere jede individuelle Yogapraxis.

Angebote öffnen! Nimm Machtverhältnisse im Yoga wahr. Wie kannst du Yoga wirklich für alle öffnen? Kein Mensch erwartet, dass du alles kostenlos anbietest. Aber vielleicht kannst du einen Teil deiner zum ermäßigten Preis anbieten? Besonders als Yogastudiobesitzer_in hast du es in der Hand. Du kannst pro Woche z.B. eine Spendenstunde anbieten! Wie divers ist die Lehrer_Innenschaft? Kannst du als Ausbilder_In vielleicht einen Platz pro Ausbildung als Stipendium ausschreiben oder zumindest vergünstigt anbieten? Wenn es dir selbst nicht möglich ist, dann unterstütze wenigstens Vereine, sich engagieren: Yoga für alle.

Spreche mit den Menschen und bilde eine Community, in der sich alle wohl fühlen. Frage BIPoC oder Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Wie fühlen sich in deiner Stunde oder Studio? Verwende aber einzelne Personen nicht als eine Quote, die du erfüllen musst.

Der Umgang mit dem kulturellen Erbe

Sei du selbst, und nicht “möglichst indisch”. Wenn du reines Asana-Yoga unterrichtest, dann steh dazu. Mach klar, welche Aspekte dir persönlich wichtig sind. Wenn meine Schüler_Innen nach philosophischen Konzepte fragen, erkläre ich ihnen, dass ich das nur in Ansätzen studiert habe. Ich verwende lieber den deutschen Namen von Yoga-Übungen, anstatt ihn falsch aus zu sprechen. Und ich stehe dazu, dass ich keine Expertin bin. Deshalb verweise ich auf Menschen, die das sind. Auch bei einem Yogatraining kannst du Expert_Innen einladen.

Die Urheber_Innen unterstützen! Du willst beispielsweise Götterstatuen erwerben? Dann bezahle die Menschen, um deren Kultur es sich handelt.

Kulturelle Aneignung: Infomationen

  • Die beiden Must-Reads zum Thema Rassismus in Deutschland. Exit Racism von Tupoka Ogette und Was weiße Menschen nicht über Rassismus in Deutschland hören wollen, aber wissen sollten von Alice Hasters.
  • Informationen zum Thema Yoga und kulturelle Aneigung: Yoga is Dead Podcast, Yoga Microagressions auf Youtube, Decolonizing Yoga Blog, Susanna Barkatakis Blog.

Text: Kerstin Thost

1 KOMMENTAR

  1. Danke für diesen wichtigen Beitrag, der hoffentlich eine breite Leserschaft erreicht und so zum Beginn einer überfälligen Diskussion über Rassismus, kulturelle Appropriation, spiritual bypassing und generelle Fragen um Zugänglichkeit und Privilegien im Kontext von Yoga in Deutschland beiträgt!!! Light, love and yoga for change✨❤️🙏🏽✊🏾

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